Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   Mein Blog
   Das Spruch-Archiv

Webnews



http://myblog.de/todesbotin

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Interactive Story of the Queen of Death

Die Todesbotin - auf englisch "Queen of Death" - gibt es in zwei Versionen. Einmal die Version, die auf dieser Seite hier zu finden ist, wo jedes Kapitel von mir geschrieben wurde, und einmal die Version, in der jeder, der möchte, aufgerufen ist, es mir gleich zu tun.

 

Diese parallele Geschichte erzählt von den selben Menschen wie meine Version. Sie hat die selbe Reinfolge und die selben Menschen. Und doch ist sie vollkommen anders. Denn in der anderen Version - eurer Version - wird tatsächlich jede Person von einem anderen Autor geschrieben. Dieser Autor meldet sich freiwillig und bekommt per Mail eine Liste von mir zugesendet. Er sucht sich genau die Person aus, die ihn anspricht und bekommt dann eine weiter Mail, wo alles Wichtige über diese eine Person drin steht.

 

Was ihr bekommt, ist das Gerüst. Name, Alter, Foto, Endzustand und manchmal ein paar Worte zu ihrer Geschichte. Alles weiter, der Putz, die Fassade, die Zier, all das gehört euch. Ihr erschafft euch die Person selbst und verleiht ihr all ihren Facettenreichtum.

 

Am Ende, wenn ich die Parallelversion als fertig definiere, bekommt jeder Mitautor das gesamte Manusktipt digital zugesendet, so dass die Autoren sich an ihrem gemeinsamen Werk erfreuen können.

 

Also, jeder, der mitmachen möchte kann, darf, soll sich eingeladen fühlen. Interesse daran, Autor und Pate einer Person zu werden? Dann nimm mit mir Kontakt auf, ich freue mich sehr auf dich!

 

So, und nun lade ich euch herzlich ein, in meine Version der Todesbotin einzutauchen.

 

Liebe Grüße,

Marie

17.1.11 21:54


Werbung


5.4.07 23:03


Epilog

Es waren nun höchstens drei Tage seit dem Todestermin vergangen, als ich die Person ein weiteres Mal aufsuchte um zu sehen, was aus ihr geworden war. In all der Zeit, in der ich nun schon Menschen von ihrem Ableben berichte, sie davor warne, habe ich schon vieles gesehen. Einige haben ein vollkommen neues Leben angefangen, andere vegetieren nur noch vor sich hin. Die meisten jedoch finde ich leider unter der Erde. Doch egal, was ihnen geschehen war, ich flüstere meinen Wunsch in den Wind: „Μάιος Θόριουχε η ψυχή σας γενναιόδωρη και μπορεί εσείς να βρεί την ειρήνη σας“ und verschwinde hoffentlich für immer aus ihrem Leben. Einige der Menschen, die mir begegnet waren hätte ich gerne noch besucht, beobachtet und beschützt, aber ich habe über die Jahre gelernt, dass ich ihnen nur Unglück und Tod bringe. Dabei will ich das nicht, ich möchte ihnen nur helfen. Doch irgendwie gelingt es mir nur sehr selten, sie zu beschützen. Das ist etwas, was ich sehr bedaure und ich kann nur immer wieder neu hoffen, dass mir das verziehen wird.

5.4.09 15:25


Andrew Johnson

Tja, da war ich mal wieder vom Regen in die Traufe. Ich entkam zwar einem Autounfall, aber dafür sprang ich der kleinen Todesbotin direkt in die Arme. Und sie war absolut wütend. „Du nervst langsam“, fauchte sie. Ich grinste. „Tolle Begrüßung! Freust du dich gar nicht, mich zu sehen?“ Sie verdrehte die Augen und ließ mich los. Ich fiel hart auf den Boden. Noch bevor ich wieder aufstehen konnte, saß sie neben mir im Gras, seufzte und blickte in den Himmel. „Doch, irgendwie schon. Aber es ist eine merkwürdige Art von Freude.“ Ich nickte. Ich wunderte mich selbst wahrscheinlich am Meisten darüber, aber ich verstand, was sie meinte. Wir, sie und ich, hatten uns, ich weiß nicht, was es war ... vielleicht waren wir aufeinander eingespielt? Ich kann es nicht in Worte fassen. „Warum machst du das mit den Fotos?“, fragte sie plötzlich. „Warum schmeißst du sie weg?“ Ich lachte. „Immer das berufliche im Kopf, was?“ Sie nickte halb und schüttelte halb den Kopf. „Du bindest mich an diesen Ort.“, sagte sie. „Ich habe lange gebraucht, um meine Regeln zu finden. Und jetzt machst du sie mir zu Fesseln.“ Ich lächelte. „Geht das vielleicht auch eine Spur genauer?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Das führt zu weit.“ „Kurzfassung?“ Sie verdrehte die Augen. „Ich bleibe hier, bis die Fotos dich in Ruhe lassen.“ Ich schaute verwirrt. „Das war jetzt ein wenig zu kurz, glaube ich.“ „Also, warum schmeißt du sie weg?“ Ich lachte. „Interessanter Themenwechsel! Vielleicht, weil ich dich in dieser Stadt halten will?“ Sie schaute mich vorwurfsvoll an. Ich verdrehte die Augen. „Na schön! Ich überlebe, wenn ich die Fotos wegschmeiße.“ Sie lachte spöttisch, wurde aber fast im gleichen Augenblick wieder ernst. „Das ist Unsinn! Du überlebst, weil du unverschämtes Glück hast!“ „Willst du lieber, dass ich krepiere?!“ Sie schaute betreten auf den Boden. „Nein. Ganz sicher nicht. Ich weiß, ich habe das neulich gesagt, und es tut mir leid. Es war nicht so gemeint. Ich war nur genervt.“ Sie seufzte. „Ich will nicht, dass Irgendjemand stirbt. Aber darum geht es nicht.“ Sie legte sich ins Gras. „Ich will nur langsam weiter. Ich kann hier nicht ewig bleiben!“

Es folgte ein langes Schweigen. Ich hätte gerne gewusst, was durch ihren Kopf ging. „Ich nehme an, du hast wieder ein Foto für mich?“, fragte ich schließlich. Sie sah mich an und setzte sich wieder auf. Dann nickte sie und reichte es mir. „Was hast du eigentlich mit den anderen Fotos gemacht?“, fragte ich noch. Sie zuckte mit den Schultern und zeigte auf das Bild in meiner Hand. „Wie? War das etwa immer das Gleiche?!“ Sie nickte. „Wie soll das denn gehen?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist eine lange Geschichte. Ich denke, es würde zu weit in meine Welt führen. Das einzige, was du wissen musst, ist, dass es geht. Deshalb bringt es nichts, es wegzuschmeißen.“ „Aber bisher habe ich doch immer überlebt!“ „Zufall!“, bei dem Thema war sie sehr barsch. „Vater will dich haben, und er wird dich bekommen.“ Ich starrte sie an. „Vater? Meinst du … nein! Vergiss es, ich will es gar nicht wissen!“ Diese Vorstellung war einfach zu absurd. Aber andererseits … „Kannst du nicht was machen? Ich möchte nicht sterben!“ Sie lachte. „Jeder Mensch stirbt! Das ist das Kostbare am Leben. Andernfalls ist es nur ein langweiliges vor sich hin vegetieren.“ Ich nickte. Das war einleuchtend. „Aber ich will jetzt noch nicht sterben. Du kannst mir nicht erzählen, dass du in deinem ganzen Leben noch nie eingegriffen hast um ein Leben zu retten!“ Sie schwieg. Sie sah traurig aus. „Ich habe auch schon Leben beendet.“, sagte sie. „Aber auch gerettet!“, beharrte ich. Sie nickte. Dann seufzte sie. Sie zeigte auf die schnörkelige Schrift auf dem Bild. „Das gibt an, wann du stirbst.“ Ich nickte. Das wusste ich bereits. „Und das hier gibt an, bis wann du noch Zeit hast, es zu verändern. Steht diese Anzeige nicht drauf, dann kannst du es nicht ändern.“ Ich musste lachen. „Erstaunlich simpel! Warum lieferst du nicht auch die Erklärung mit? Von sich aus kommt doch kein Schwein auf die Lösung!“ Sie schüttelte den Kopf. „Darf ich eigentlich nicht. Ihr müsst selbst drauf kommen. Wenn du einen Tipp haben möchtest: Genieße jede einzelne Sekunde deines Lebens. Dann ist es vollkommen egal, wie lange es noch währt. Mach dir nicht zu viele Gedanken und genieße einfach!“ Dann stand sie auf und verabschiedete sich. Ich sprang auf. „Warte! Eins noch!“ Sie drehte sich wieder zu mir um. „Meinet wegen. Aber wirklich nur noch eins. Ich muss weiter.“ „Der Bungee … nein, Harvey! Harvey Dimm. Du hast ihm vor etwa einem Jahr ein Foto gegeben. Er will dich … ich weiß nicht, was er genau mit dir will, aber er hat sich so in etwas hineingesteigert, dass er wirklich gefährlich für dich geworden sein kann. Nimm dich vor ihm in Acht, ja?“ Sie schaute jetzt abgrundtief traurig und nickte. „Danke.“, sagte sie noch und dann ging sie endgültig und verschwand aus meinem Leben.

 

Ein Leben ohne sie. Es war im ernsten Moment so absurd. Der Mensch, der ich war, bevor sie mir das erste Foto gegeben hatte, ich kann diesen Menschen nicht mehr leiden. Sie hat mich sehr verändert. Ich hatte ihr eigentlich unter die hübsche Nase reiben wollen, dass sie mit dem Bungeejumper falsch lag. Ich wollte wissen, wer sie ist und was sie ist und wen sie mit Vater nun wirklich gemeint hatte. Aber ich habe sie nur vor etwas gewarnt, was sie vermutlich schon wusste. Als ich ihn nachsah, hatte ich irgendwie ein bisschen Angst. Ich glaubte, ich würde nun wieder der Mensch werden, der ich war, bevor sie zu mir kam. Ich schaute das Foto an. Es zeigte mich, wie ich an einem Hühnchenknochen erstickte. Ich lachte. „Also kein Hühnchen für mich.“, murmelte ich und schmiss das Foto über meine Schulter und wollte gehen. Ich war keine drei Schritte gegangen, da bleib ich stehen und drehte ich mich um. Nein. Dieses Mal würde ich das Foto nicht weg werfen. Ich hob es wieder auf. Bereits am Abend wäre ich laut dem Foto erstickt. Aber ich aß zu Hause. Milchreis mit Früchten, aber das ist eher nebensächlich. Jedenfalls war ich dieses Mal dabei. Ich sah das Foto, wie es verschwamm und sich veränderte. Zuerst nur das Bild. Es verschwamm und bildete sich vollkommen neu. Es wurde ein Bild davon, wie ich ertrank. Na ja, eigentlich bin ich ein recht guter Schwimmer, aber ich glaubte es. Dann veränderten sich die Zahlen unten. Es war unglaublich.

 

Ich ertrank nicht. Schließlich mied ich an dem Tag alles Wasser. Am Anfang war ich geradezu abhängig von diesem Bild. Wann immer ich irgendetwas machte hatte ich auf das Bild geschaut. Ich richtete mein ganzes Leben danach. Dann konnte ich das Bild einmal nicht finden. Ich flippte vollkommen aus. Ich setzte mich auf mein Bett und wollte mich den ganzen Tag nicht bewegen. Ich war ein Wrack. Ich schloss meine Augen. Ich sah sie. Eigentlich hatte die kleine Todesbotin mir das eingebrockt, dass ich nicht mehr aus meinem Zimmer gehen konnte. Aber in meiner Erinnerung riet sie mir, ich sollte mir nicht zu viele Gedanken machen und einfach leben. Ich öffnete die Augen wieder. So wie ich jetzt war, so wollte ich niemals sein. Ich wollte leben. Aber sie hatte Recht. Es kam nicht so sehr auf die Länge an, als vielmehr auf die Qualität, mit der ich lebte. Ich musste mein Leben genießen. Wenn ich mich jetzt hier einschloss und das Leben aussperrte, dann wäre es so, als wäre ich bereits tot. Ich stand auf und zog mich an. Dann verließ ich das Haus und machte einen Spaziergang. Vollkommen scheu, aber selbstständig. Ich entschied selbst, was zu gefährlich war und worauf ich gerade Lust hatte. Ich lief Schlittschuh, obwohl das Eis hätte einbrechen und ich ertrinken können. Ich aß heiße Makronen, obwohl ich an ihnen hätte ersticken können. Ich überquerte, natürlich aufmerksam, Straßen, obwohl ich hätte überfahren werden können. Ich setzte mich an einen warmen Ofen, obwohl ich hätte verbrennen können. Dann ging ich wieder zurück nach Hause. Ich kam an einer Baustelle vorbei. Ich schaute sie mir kurz an. Wenn ich über sie gehen würde, dann wäre ich schneller zu Hause. Ich machte einen Schritt auf die Baustelle zu. Dann schüttelte ich den Kopf und entschied mich dazu, den längeren Weg zu gehen. Nachdem ich ein wenig weitergegangen war, hörte ich ein lautes Krachen und sah mich um. Wenn ich mich nicht irrte, dann kam es von der Baustelle. Ich ging weiter, denn so genau wollte ich es gar nicht wissen. Als ich wieder zu Hause war, lag das Foto auf einem kleinen Tisch in der Garderobe. Ich nahm es hoch. Es zeigte mich, wie ich von einem Stahlträger einer Baustelle erschlagen wurde, kein sehr appetitlicher Anblick. Wieder wurde ich Zeuge, wie das Bild sich veränderte. Es verschwamm und wurde blind und grau. Ich wartete, aber es bildete sich kein neues Bild, sogar die Schrift verschwand. Stattdessen schien dort, wo die Abbildung hätte sein müssen, eine Art Gruß. Als würde jemand diese Worte mit Licht schreiben erschien plötzlich `Sehr gut! Vertrau auf dich und genieße dein Leben! XXX´. Ich lachte. „Hallo, kleine Todesbotin“, dachte ich. „Ich habe dich vermisst.“

An diesem Tag suchte ich mir meine Zukunft aus. Ich entschloss mich, mein Leben in den Griff zu bekommen und zu genießen. Es wurde mir dieses Mal deutlich, dass nicht das Foto, die Vorhersage oder das Glück meinen Tod verhindert hatte, sondern einzig und alleine meine Entscheidung. Ja, wenn man weiß, was passieren kann, so ist diese Entscheidung leichter zu fällen, aber man kann es auch unwissend.

 

Ich habe noch weitere achtundfünfzig Jahre mehr oder weniger friedlich gelebt. Ich habe viel Zeit damit verbracht, über sie nach zu denken, wer sie war und wie sie mich verändert hat. Das Foto, das sie mir gab, hat mir immer mal wieder angezeigt, wie ich sterben wollte und oft hat es mich wirklich davor bewahrt ins Gras zu beißen. Es zeigte mir immer an, wann ich in Lebensgefahr kommen könnte und so habe ich es immer abwenden können. Seit einem Jahr zeigt es mich nun aber, wie ich in meinem Bett liege und schlafe und irgendwie beruhigt mich das. Ich habe alles geschafft, was es zu schaffen gab und befinde mich im stolzen Alter von 83 Jahren.

Ihren Eintrag auf meiner Internetliste für `durchgeknallte Leute´ habe ich natürlich schon längst gelöscht. Hier schreibe ich nun alles auf, was ich jemals über sie erfahren habe. Obwohl es wenig ist, ist es wohl mehr, als die meisten Menschen je über sie erfahren werden. Und obwohl es so wenig ist, bin ich mir einiger Sachen ganz sicher: Sie ist ein außergewöhnlicher und ein guter Mensch. Sie ist kein Monster, wie Harvey glaubte, sondern ein wundervoller Mensch.

Sei nett zu ihr, wenn du ihr begegnen solltest. Sie hat es verdient. Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig helfen. Und nun leb wohl. Morgen um diese Zeit bin ich bereits tot.

22.3.09 18:12


Désirée Freeman

Mein Name ist Désirée und ich bin zwölf Jahre alt. Meine Mutter und auch viele unserer Bekannten sagen oft, dass ich schon sehr weit für mein Alter bin und sehr reif. Laut ihnen reagiere ich häufig, wie ein Erwachsener. Ich bin mir nie wirklich sicher, ob das nun ein Kompliment ist, oder nicht. Das ist aber auch nicht weiter wichtig. Für mich geht es einfach nur darum, dass ich in eine Situation gekommen bin, bei der ich nicht weiß, wie ein Erwachsener reagieren würde. Oder wie man reagieren sollte. Zuerst aber noch ein wenig über mich. Tja, viel gibt es über mich wohl auch nicht zu sagen. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Ich lese viel und ich schreibe selbst auch viele Geschichten. Zwar wüsste ich keine, mit der ich fertig und zufrieden bin, aber das ist ebenfalls eher nebensächlich. Meine Mutter ist von Beruf her Ergopädagogin. Damit verdient sie zwar nicht besonders gut, aber es reicht um mich und meinen kleinen Bruder recht bequem leben zu lassen und meinem großen Bruder das Studium zu finanzieren. Wobei auch nicht ungesagt bei soll, dass daran mein Vater auch nicht ganz unbeteiligt ist. Obwohl meine Eltern geschieden sind und er eine neue Familie hat (darunter zwei Halbgeschwister von uns, Zwillinge), steht mein Vater doch zu seiner Verantwortung und zu seinen Kindern. Er kümmert sich liebevoll um uns und unterstützt uns, wo er nur kann. Solche Väter sind vermutlich nicht selbstverständlich, daher bin ich gleich doppelt froh, dass ich so einen habe. Dennoch schlage ich vermutlich eher nach meiner Mutter. Man könnte sagen, ich sehe meinem Vater ähnlich und bin vom Charakter her genau wie meine Mom. Durch ihren Beruf hat sie auch schon so einiges an Fachliteratur, was aber meistens zwischen Kauf und dem Lesen meiner Mutter, durch meine Hände wandert. Persönlichkeitseinteilung, Psychosomatik, Heilkunde, Körpersprache, Konfliktbewältigung und so weiter und so fort. Ich hab mich durch ihre gesamte Literatur gelesen. Kein Wunder also, dass ich so das eine oder andere mehr oder anders weiß, als andere in meinem Alter. Aber ob ich nun wirklich schon wie ein erwachsener handle? Ich weiß es nicht, das kann ich nicht richtig abschätzen. Ich meine, was hätte ein Erwachsener in meiner Situation getan? Also, es geht um Folgendes. Ich war vor etwa einem Monat einkaufen. Meine Mutter brauchte noch das eine oder andere Essbare für die nächste Zeit und ich sollte diesen kleinen Botengang erledigen. Jedenfalls hatte ich alles so weit besorgt und war gerade mir dem Fahrrad auf dem Weg zurück nach Hause. Da traf ich dieses Mädchen. Sie war genau wie ich noch keine Erwachsene, aber strahlte etwas aus, was nicht jeder Mensch hat. Eine Art … Wissen. Nicht Ein-Mal-Eins-ist-Eins- Wissen. Wirkliches Wissen. Es ist schwer zu beschreiben. Jedenfalls fiel mir dieses Mädchen gleich auf. Und zwar tat sie etwas ganz banales: Sie fütterte Enten! Es heißt ja immer, das sei Kinderkram, aber bei ihr sah es so aus, als würde selbst ein König Spaß daran haben. Etwas vollkommen Zeit- und Alterloses. Und das `Zeitlos´ kann man ruhig wörtlich nehmen. Sie war so im Augenblick, so ausgeglichen und ruhig. Es war auch dann noch beruhigend, wenn man nur zusah. Ich fuhr etwas langsamer, als ich sie entdeckt hatte. Und als ich mit ihr auf einer Höhe war, schob ich bereits mein Rad. Ich wurde immer langsamer und langsamer und irgendwann lehnte ich über meinem Lenker und beobachtete sie. Sie summte, ganz leise. Ich hatte noch nie gesehen, dass Enten sich so nah an einen Menschen getraut hätten. Aber sie fraßen ihr förmlich aus der Hand. Ich weiß nicht, wie lange ich da stand. Dann warf sie die letzten Krumen. „Meinst du nicht, die Erbsen tauen auf, wenn du so lange in der Sonne stehst?“ Als sie diese Worte sprach, war der Zauber vorbei. Aber irgendwie hatte gleichzeitig ein Neuer angefangen. Sie lächelte mich freundlich an. Ich grinste zurück. „Doch, vermutlich“, sagte ich. Etwas Besseres fiel mir beim besten Willen nicht ein. Sie lächelte ein wenig breiter. „Kann ich was für dich tun?“, fragte sie dann. Ich schüttelte heftig den Kopf. Mir wurde plötzlich klar, dass sie vermutlich wissen wollen würde, warum ich sie so angestarrt hatte. Aber darauf hatte ich einfach keine sinnvolle Antwort! Und kaum ein Mensch, den ich kenne, würde sich mit einer Antwort wie `ich war verzaubert´ oder `ich hielt es einfach für gut´ zufrieden geben. Sie ging an mir vorbei und klopfte sich die Hände an ihrer Hose ab. Dann setzte sie sich auf eine der Parkbänke. „Ich genieße solche Momente, in denen ich mich ungestört beschäftigen kann“, sagte sie und beobachtete die Enten. Hatte ich sie etwa gestört?! „Es liegt so viel Zauber in der Natur.“, fuhr sie fort. Dann klopfte sie mit ihrer Hand auf den Platz neben ihr und deutete mir, mich zu ihr zu setzten. „Leiste mir doch noch ein Wenig Gesellschaft.“, bot sie an und fügte noch mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: „Vorausgesetzt, deine Erbsen erlauben das.“ Ich setze mich zu ihr. Eine Zeit lang unterhielten wir uns. Nun, genau genommen, unterhielt ich mich mit ihr. Denn obwohl ich das Gefühl hatte, mich ihr aufzudrängen, munterte sie mich immer wieder auf, noch mehr über mich zu erzählen. Sie selbst erzählte nur ganz wenig von sich, wie mir gerade auffällt. Sie hörte nur ganz geduldig zu und warf hier und da etwas ein. Dennoch, für mich war es ein unerhofft schöner Nachmittag, bis dann mein Handy klingelte. Meine Mutter war dran und fragte mich, ob sie sich sie Sorgen machen müsste, da ich eigentlich hätte schon lange zu Hause sein sollen. Ich grinste das Mädchen breit an und entschuldigte mich. Sie lächelte nur. „Du bist wirklich ein sehr interessantes Mädchen, Désirée“. Ich lächelte geschmeichelt. Wenn sie das sagte, fand ich das schön. Ich mochte es auch, wie sie meinen Namen aussprach. Da fiel mir etwas auf. „Ich weiß ja noch gar nicht, wie du heißt!“ Sie lächelte wieder. „Stimmt.“ Ich wartete. Aber es kam nichts. „Willst du ihn mir nicht sagen?“, hakte ich nach. Sie schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Die Sache ist nämlich die: Ich kenne ihn selbst nicht mehr.“ Ich erschrak. Das hatte ich gar nicht mitbekommen. „Amnesie?“, fragte ich, aber sie schüttelte bloß den Kopf. „Einfach nur die Zeit. Mein Name ist mit den Jahren einfach unwichtig geworden, weißt du?“ Ich nickte. Ich verstand zwar kein Wort, aber ich nickte. Sie lachte. Es war ein warmes, freundliches und aufrichtiges Lachen. „Entschuldige! Ich hätte ihn dir gerne gesagt. Aber du kannst mir ja einen Namen geben. Wie möchtest du mich denn nennen?“ Ich überlegte. Dabei weiß ich selbst jetzt nicht, ob sie das ernst meinte. Trotzdem, ich dachte angestrengt nach. „Das ist schwierig! Einen Namen zu finden, der zu dir passt.“, meinte ich. Dann flog es mir zu. „Maya! Ich finde Maya schön.“ Sie lächelte wieder auf ihre eigene Art. Dann verbeugte sie sich tief. „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Maya.“ Ich grinste zufrieden. Dann wurde ich etwas traurig. „Wie ist es denn, sich nicht an seinen Namen erinnern zu können?“ Maya seufzte. „Es fehlt etwas, was einfach zu dir gehören sollte. Ein Name sagt viel aus, und erzählt seine eigene Geschichte. Wenn das nicht da ist, vermisst man schon irgendwie etwas.“ Ich nickte. „So“, fing Maya dann wieder an. „jetzt sollten wir aber wirklich wieder jeder seinem Auftrag nachgehen, was meinst du?“ Das bedeutete, ich musste nach Hause fahren. Leider war das einleuchtend. Ich hätte gerne noch viel mehr Zeit mit diesem besonderen Mädchen verbracht. Ich nickte und stieg wieder auf mein Fahrrad. „Désirée!“ Ich drehte mich noch mal um. „Du bist ein cleveres Mädchen, nicht wahr?“ Ich nickte. Sie lächelte zufrieden. „Pass auf dich auf, ja?“ Mit den Worten gab sie mir die Hand. Gleichzeitig drückte sie mir einen Zettel in die Hand. Ich sah ihn neugierig an. Ob das wohl ihre Telefonnummer war? Oder ihre Mailadresse? Ich war sehr verwundert, als ich auf ein Foto von mir schaute. Eines, auf dem ich scheinbar an einem Stift erstickte! Damit hatte ich im Leben nicht gerechnet.

 

Ich ging die Sache pragmatisch an. Zuerst übersprang ich diese Das-dürfte-es-nicht-geben- Phase. Was würde es bringen, darüber nachzudenken, ob es etwas geben dürfte oder könnte, was man bereits in den Händen hält? Was man hat, das gibt es. Die Frage ist nur, was bedeutet es? Maya hatte gesagt, ich sei ein cleveres Mädchen. Also schien sie zu glauben, ich könnte dieses Rätsel lösen. Fakt war, dass das, was auf dem Foto abgebildet war, definitiv nicht gut war. Ich sah mir das Bild ganz genau an. Da fiel mir etwas auf. Der Stift, der in meinem Rachen steckte, war einer meiner Lieblingsstifte. Mein Glücksstift, um genau zu sein. Ich war ein wenig sauer, dass ich gerade an diesem Stift ersticken sollte. Ich legte das Foto auf meinen Schreibtisch zurück und kramte in meiner Schultasche nach dem Stift. Dann nahm ich ihn und schloss ihn in meine kleine Truhe ein. Das Schlüsselchen versteckte ich unter meiner Blumenvase. So weit käme es noch, dass ich an meinem Glücksstift ersticke! Dann setze ich mich zurück an den Schreibtisch und studierte weiter das Foto. Mir vielen so einige Dinge auf. Es war in der Schule. Und an der Uhr auf dem Foto konnte man sehen, dass es etwas nach halb zehn war. Aber mit den Zahlen unter dem Foto konnte ich nur begrenzt etwas anfangen: 30.03.2009 10.38. Das stand da. Die ersten Zahlen konnte ich mir noch erklären. Angefangen mit 2009, was deckungsgleich mit dem aktuellen Jahr war. 03 bedeutet vermutlich März, was ebenfalls gerade aktuell ist. Und der 30 dürfte der folgende Tag sein. Ich schaute auf meinen Wecker. Na ja, vermutlich doch eher der laufende Tag. Ich hatte bis nach Mitternacht mit diesem Foto befasst. Ich seufzte, stand auf und machte mich Bettfertig. Ich kuschelte mich ins warme Bett und blieb genau drei Minuten liegen. Dann stand ich wieder auf, knipste mein Schreibtischlicht an und grübelte weiter über das Foto. An Schlaf war wohl doch nicht zu denken.

 

Ich irrte. Ich schief. Und zwar wie ein Baby. So lange, bis meine Mutter ins Zimmer kam und fragte, ob ich zur zweiten Stunde habe. Nein, bedauerlicherweise hatte ich nicht zur zweiten. Montage an sich sind schon immer eine Qual. Aber dann auch noch mit einer durchzechten Nacht? Natürlich kam ich zu spät zur Schule und hatte das Rätsel um die letzten Zahlen immer noch nicht gelöst. An sich wäre das ja einfach gewesen! Ich hätte es als die Uhrzeit definiert. Aber was half es? Ich vegetierte so ziemlich unansprechbar durch die ersten paar Schulstunden. Ich hätte gerne meinen Freundinnen von meiner Begegnung mit Maya erzählt und von dem Foto, aber irgendwie hatte ich dazu keine richtige Motivation. Ich wollte nur nicht einschlafen. Außerdem hatte ich das Foto in der Eile auf meinem Schreibtisch vergessen. Genau übrigens wie mein Etui, wie ich leider in der ersten Schulstunde feststellen musste. Daher musste ich von meinen Freundinnen pumpen. Ich hatte mich dann auch irgendwann informiert, welche Schulstunde um halb zehn ist. Es ist gar keine. Um 9 Uhr 38 ist noch Pause. Diese verbringe ich meistens im Klassenraum, von daher wunderte es mich nicht weiter. Jenen Tag jedoch ging ich raus auf den hof. Dort war ich fern von allen Stiften und Uhren und meinem Klassenraum. Mir konnte also nichts passieren. Daher wurde ich wohl auch immer munterer. Was vermutlich aber auch daran lag, dass ich in der vierten Stunde Religion hatte. Ein Fach, das ich sehr gerne mache. Diese Ethischen Grundsätze und Diskussionen finde ich immer total klasse. Allerdings ist unsere Klasse in der Stunde getrennt und die Hälfte wandert für den evangelischen Unterricht in einen anderen Klassenraum. Wir Katholiken bleiben und bekommen noch Zuwachs von den Katholiken der anderen geteilten Klasse. Meine Beste Freundin ist mit in dieser Klasse und setzt sich wie immer breit grinsend neben mich. „Lotti?“, grins ich sie mit einem gekünstelten Augenaufschlag an. „Hassu ’n Stift für mich?“ „Klar“, grinst sie zurück und wühlt in ihrem Etui. Sie scheint nach einem bestimmten Stift zu suchen. „Tadaaahhh!“, ruft sie und hält mir einen Stift unter die Nase. Stimmt ja. Wir hatten uns den gleichen Stift gekauft. Als Zeichen unserer Freundschaft. Gott sei dank ist der Zeitraum bereits vorbei und ich hab alles überstanden. Sonst könnte ich schon Angst bekommen! Triumphierend drehe ich mich zu der Uhr, die hinter mir an der Wand hängt. Ich werde kreidebleich. Ich halte nicht viel von Uhren und schaue nur sehr selten drauf. Was die Uhr zeigt, habe ich meist schon vergessen, wenn ich mich wieder abwende und nehme es als gegeben hin, ohne es richtig durchdringen zu lassen. Dieses Mal aber dringt es mir durch Mark und Bein. „Lotti?“, meine Stimme ist ganz trocken. „Warum genau steht diese Uhr in der vierten Schulstunde auf 9 Uhr 38?“ Chalotte, so heißt Lotti eigentlich, dreht sich gleichgültig um und schaut ebenfalls auf die Uhr. Dann zuckt sie mit den Schultern. „Hat eben keiner umgestellt.“ Ich starr sie entgeistert an. „Wie `umgestellt´?!“ „Frühling-Sommer-Zeit-Verschiebungs-Unstellung-Dingens-da … du weißt schon!“, erklärt sie. Ich merke, wie ich noch bleicher werde. Sommerzeit? Umstellung? Stunde vor? Schuluhr? Oh nein! Verdammt!!! Wie konnte ich das übersehen?! Natürlich gaben die Zahlen unten die Zeit an! Nicht die Uhr! Die Uhr auf dem Bild ging, wie die hier an der Wand hinter mir, eine Stunde nach! Wie konnte ich nur so dumm sein?! Ich glotze auf den Stift in meinen Händen. Es ist genau der Stift, der auf dem Foto abgebildet ist! Schließlich sieht er ja exakt so aus wie meiner! Als wäre er kochend heiß schmeiße ich ihn plötzlich durch das gesamte Klassenzimmer. Alle schauen mich irritiert an. Ich grinse verlegen „Spinne?“, sagte ich nur und alle drehen sich kopfschüttelnd wieder dem Unterricht zu. Ja, gut, Spinne war irgendwie nicht so die perfekte Ausrede, aber angeblich haben ja alle Mädchen Angst vor solchen Krabbelviechern und etwas Besseres ist mir wieder nicht eingefallen. Im Ernst! Hätte ich sagen sollen: Entschuldigung, aber dieser Stift wollte mich töten? Wobei … wenn ich mir das so überlege, wäre das bestimmt lustiger gekommen.

 

Ich habe Chalotte später noch von Maya erzählt. Wie bereits erwartet hat sie mir kein Wort geglaubt und schiebt es vermutlich auf einen Traum. Aber gut, mir soll es nur Recht sein. Ich meine, so lange ich weiß, dass sie kein Traum ist, ist das doch genug. Meinen Glücksstift habe ich wieder aus meiner Truhe geholt. Und ich achte auf einen guten, artgerechten und vor allem mundfernen Umgang mit ihm. Und was das Foto angeht … es ist grau. Es existiert einfach nicht mehr. Ich weiß nicht, warum, und ich finde es irgendwie schade, aber so wie ich das sehe, bedeutet das, dass die Gefahr zumindest erstmal gebannt ist. Oh, und außerdem habe ich einen kleinen Zettel neben dem Foto gefunden. Auf dem steht: „Ich wusste doch, dass du ein cleveres Mädchen bist! Ich freu mich für dich. Alles Gute weiterhin, Maya“ Über den Zettel habe ich mich wirklich sehr gefreut. Aber meine Mutter schwört, dass sie keine Ahnung hat, wie er dort hingekommen ist. So lässt sie noch so einiges offen. Denn ich bin mit eigentlich ziemlich sicher, dass ich meinen Namen nicht erwähnt habe. Oder dass ich Erbsen eingekauft hatte …

11.3.09 16:17


Sylvia Lenning

Ich weiß nicht, wann diese Geschichte wirklich begann. Vermutlich lange bevor ich auch nur irgendetwas davon erfuhr, aber ganz plötzlich war ich mitten drin. Mitten in einem Alptraum von Grausamkeit und Irrealität. Und Tod.

Vor einem dreiviertel Jahr  in etwa war ich bei meinem Bruder zu Besuch, nachdem ich mich wieder einmal schrecklich mit meinem Vater gestritten hatte. Es gab nichts herrlicheres, als sich nach einem erfolglosen Besuch bei den Eltern mit dem Bruder vollaufen zu lassen und über die Kinderzeit zu fluchen. Als ich wieder zu Hause ankam, hatte sich unglaublich viel verändert. Mein Freund Christopher sprach nie darüber, aber ich sah und spürte, dass irgendetwas geschehen war. Irgendetwas Schlimmes. Ich fragte seine Freunde und Kollegen, aber mir begegnete nur eisernes Schweigen. Niemand sprach über das, was in meiner Abwesenheit geschehen war. Schließlich fand ich aber doch noch heraus, dass Arec in dem Zeitraum gestorben war. Er war Auszubildender in Christophers Arbeitsbereich im Betrieb. Ein sehr netter Junge. Freundlich, weltoffen, aufgeweckt, clever und witzig. Es war wirklich tragisch, dass er tot sein sollte. Aber lange verstand ich nicht, was das mit meinem Freund zu tun haben sollte. Schließlich waren sie niemals so etwas wie Freunde gewesen.  Warum sollte der Tod von Arec ihn also so verändert haben? Ich erklärte mir das so, dass Christopher sich fälschlicher Weise die Schuld an Arecs Tod gab. Und dann sollte ich eines Tages alles erfahren. Sie war der Auslöser dafür. Ein Mädchen, von dem ich niemals gedacht hätte, dass sie echt war und nicht nur von Christopher ausgedacht …

 

Die Ausgangssituation war eigentlich sehr schön. Ich hatte Christoper endlich dazu gebracht, mal wieder an die frische Luft zu gehen und mit mir etwas zu unternehmen. Hätte ich das nur nicht getan! Aber er war so betrübt und still seit ich wieder da war und ich wollte ihm ins Leben zurück helfen. Also harkte ich mich bei ihm unter, schmiegte mich sanft an ihn und wies ihn auf all die Schönheit dieser Welt hin. Er aber war genau wie all die Zeit zuvor irgendwie abwesend. Dann sah er sie. Sofort blieb er stehen und rührte sich keinen Millimeter mehr. Ich versuchte seinem Blick zu folgen, doch ich konnte nicht erkennen, wohin er starrte. Da war so viel! Geschäfte, Tiere, Natur und viele Menschen. Woher sollte ich wissen, welchen der Menschen er anstarrte? Was sah er mit solcher Angst an?

Nach und nach löste sich eine Gestalt von dem Menschenknäuel und kam in unsere Richtung. Ein Mädchen. Nicht älter als vielleicht siebzehn Jahre. Sicher ging sie an uns vorbei, denn was sollte sie schon von uns wollen. Doch sie ging nicht an uns vorbei. Sie steuerte genau auf uns zu und lächelte. Und mein Freund starrte sie nur panisch an. Ich zupfte an seinem Ärmel, doch er reagierte nicht. Er starrte sie einfach nur an. Wie konnte dieses junge Ding einem gestandenen Mann wie Christopher solche Angst in die Augen treiben? Das konnte ich einfach nicht verstehen! Zumindest noch nicht. Das Mädchen kam immer näher. Dann blieb sie vor uns stehen und lächelte. Ein offenes und warmes Lächeln. Sie hatte mich sofort für sich eingenommen. „Guten Morgen, ihr beiden.“, sagte sie mit einer angenehmen und freundlichen Stimme, doch Christopher stolperte nur wortlos einen Schritt. Es war, als wäre ihm dieses Mädchen zu nah. Als wäre sie es, selbst, wenn sie Kilometerweit entfernt war. Ich wand mich dem Mädchen zu, erwiderte ihre Begrüßung und reichte ihr meine Hand. Immer noch in Trance sprang Christophers Arm vor mich, wie eine Barriere zwischen dem Mädchen und mir. Und er ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Was sollte das? So hatte er sich noch nie benommen! Ich verstand es einfach nicht. Das Mädchen jedoch nickte nur und legte ihre Hand an ihre Seite zurück. Sie beobachtete Christopher einen Moment lang. Dann beschloss sie sich, ihn einfach links liegen zu lassen und wand sich lächelnd an mich. „Du bist also Sylvia. Ich habe etwas für dich.“ Ich war neugierig, was das sein könnte, aber sie reichte mir nur ein Foto. Was da wohl drauf war? Als ich es annehmen wollte, schob sich Christoper noch weiter vor mich und drückte das Foto wieder zurück zum Mädchen. „Nein!“, sagte er. ER brüllte es schon fast! Was war hier los? Er war doch sonst nicht so. Sie wollte mir doch nur ein harmloses Foto geben! Warum reagierte Christopher … oh … Moment! War da nicht etwas gewesen? Konnte es das sein? Ganz langsam kreisten sich meine Gedanken umeinander. Vor über einem halben Jahr hatte er doch etwas erzählt von einem … wie nannte er es  noch gleich? Frau? Maid? Mädchen? Ja … irgendwas mir Mädchen … Fo … to … mädchen? Fotomädchen? Was hatte er erzählt? Irgendwas mit einem Chemieunfall auf einem Foto, aber der war nicht passiert … grraahhh! Ich kam nicht drauf! Ich hab es als einen Scherz abgetan, er machte oft solche Scherze. Woher hätte ich wissen sollen, dass das sein Ernst sein sollte. Aber mal im Ernst, das konnte nicht sein Ernst sein! Christopher schon mich noch ein wenig weiter hinter sich. Das brauchte mich aus den Gedanken zurück. Der Blick des Mädchens war nun umgeschlagen. „Kannst du mir mal sagen, warum du dich jetzt genau einmischst?“ „Lass sie in Ruhe! Lass mich in Ruhe! Geh weg!“ Sie zuckte mit den Schultern. „mich doch einfach tun, warum ich hier bin und schon“ sie machte mit den Fingern ihrer Hand etwas zwischen Flattern und Gleiten. „bin ich weg!“ Er lehnte sich ein wenig zu dem Mädchen herunter. „Ich weiß nur leider, was dein Auftauchen bedeutet!“ Nun streckte sich das Mädchen auf seine Augenhöhe. Nur noch Millimeter trennten sie. Ich fand, so langsam könnte mir mal jemand erklären, was hier vor sich ging. „Du hast absolut keine Ahnung, was ich bedeute!“, gab das Mädchen zurück. „Sonst würdest du mich einfach machen lassen! Und außerdem wüsstest du, dass ich bisher noch jeden Auftrag erledigt habe.“ Für einen kurzen Augenblick sah sie mich an. In dem Moment wusste ich, dass sie dafür sorgen würde, dass ich das Foto bekomme. Egal, was Christopher versuchte. Vollkommen egal. Sie schaute wieder auf Christopher: „Also lass mich durch.“ Er aber schuppste sie so heftig weg, dass ich dachte, sie würde hart fallen. Doch sie fing sich scheinbar vollkommen ohne Probleme und funkelte ihn herausfordernd an. Christopher baute sich noch größer vor ihr auf. „Deinetwegen ist Arec tot!“ Wie?! Ihretwegen?! „Wie? Meinetwegen? Sag mal, spinnst du?! Wessen Versuch war das bitte? Du wusstest doch, wie gefährlich Florsäure ist! Selbst du als erfahrender Chemiker wärst drauf gegangen … und den Versuch einen Azubi machen lassen?!“ Wie? Was? Hä? Aber ich merkte, dass das Gespräch nicht in die Richtung ging, in die Christopher es haben wollte. Das hätte ich niemals hören sollen. Trotzdem war für mich wichtiger: Woher wusste das Mädchen, dass Christopher seinerseits gestorben wäre? War das das Geheimnis hinter den Fotos?

 

Christopher hielt sie auf Abstand. „Ich hatte Pause und ich habe ihn schlecht behandelt. Das stimmt. Aber wir haben Regeln. Niemand rührt die Versuche des Kollegen ohne klare Instruktionen an! Er hätte das nicht machen dürfen!“, rechtfertigte er sich. „Aber das hat er! So viel Angst hatte er vor dir und dem Chef! Und ich sage dir noch etwas: Er hat dabei geweint.“ In Christopher knackte irgendetwas. Er zitterte. Dann straffte sich sein Körper wieder. „Du bekommst meine Freundin nicht auch noch!“ Ich verkniff mir ein Lächeln. Das war irgendwie süß! „Mann, Christopher, kapiers doch endlich! Ich will deine Freundin gar nicht! Ich will ihr nur etwas geben und dafür sorgen, dass du sie `behalten´ kannst, was du mit dieser Sichtweise allerdings selbst riskierst. Und nun lass mich durch!“ Er aber wich nicht einen Mikrometer von seinem Platz. Da seufzte das Mädchen, hob die Hand und schob ihn einfach zur Seite. Einfach so. Ohne Anstrengungen! Ein sechzehnjähriges Kind einen achtunddreißigjährigen, ausgewachsenen Mann! Ich schlug die Hände über dem Mund zusammen. Was ich sah, was ich hörte … die ganze Situation war einfach so unglaublich und irreal! Und außerdem hatte ich Angst, was nun käme. Ich hatte mich wieder an einen Großteil von dem erinnert, was Christopher mir erzählt hatte. Er hatte mir erzählt, dass er sie bereits einmal getroffen hatte und dass sie ihm ein Foto gegeben habe, das ihn zeigt, wie er bei einem Chemieversuch tödlich verletzt wird. Er hatte es mir nie gezeigt und wir haben niemals wieder darüber gesprochen. Daher hatte ich angenommen, dass er sich die Geschichte nur ausgedacht hatte, um mich am Nachfragen zu hindern. Aber so wie er auf das Mädchen reagiert hatte und in Anbetracht dessen, dass sie mir ein Foto geben wollte, konnte ich vorstellen, dass dieses Fotomädchen nun vor mir stand. Und dass er die Wahrheit gesagt hatte!

 

Sie nahm beinahe zärtlich meine Hand und sah mir tief in die Augen. Sie drehte meine Hand zu einer Schale und legte freundlich lächelnd dort das Foto herein. Dann ließ sie mich los und drehte sich zu gehen. Endlich kam Christopher zu mir zurück und schaute sich das Foto an. Mehr noch. Er nahm es mir aus der Hand und steckte es in seine Tasche. In dem Augenblick blieb das Mädchen stehen, sah sich verwundert um und kam zurück zu uns. Sie schaute Chris lange forschend an. „Es kommt darauf an, wer, nicht wahr?“, fragte sie ihn. Christopher nickte. „Würde sie es wollen?“ Nun schüttelte Christopher den Kopf. Da lächelte das Mädchen. „Ich glaube es aber erst, wenn es so weit ist.“, sagte sie. Dann nickte sie, streckte sich zu Christopher hinauf und küsste ihn auf die Wange. „Find einen Kompromiss.“ Was ging nur in diesem Mädchen vor? Warum küsste sie meinen Freund? Dieses Mal schob ich mich dazwischen. Mein Freund! Griffel weg! Und vor allem Mund weg! Das Mädchen lächelte mich wieder auf diese warme Art an, mit der sie das erste Mal gelächelt hatte. „Alles in allem hast du dir wirklich einen guten Mann ausgesucht.“, sagte sie und ich konnte nichts anderes als ganz langsam nicken. „Ich wünsch euch beiden viel Glück!“ Dann war sie fort.

 

„Willst du mir vielleicht endlich sagen, was heute Mittag los war?“, fragte ich Christopher. Er lächelte verlegen. Seit langer Zeit mal wieder. Wir waren wieder zu Hause und hatten kaum ein Wort verloren. Wir hatten anscheinend beide, jeder für sich, versucht, die Sache irgendwie zu verdauen. Und ich hatte mir vorgenommen, ihn nach einer Erklärung zu fragen. Und genau das tat ich gerade. Er seufzte resignierend. „Erinnerst du dich an seinen Besuch bei deinen Eltern? Als du wieder zurück warst war ich doch vor dem Computer und du hast mich auf dieser Internetseite erwischt. Bereits damals habe ich dir von ihr erzählt, aber ich habe dir einiges verheimlicht. Und es schloss sich auch viel an, als du bei deinem Bruder warst und nie erfahren hast …“ und dann erzählte er mir die ganze Geschichte.

 

Christopher erzählte mir erneut, wie er das Mädchen im Park traf, während er ausspannte. Sie war plötzlich dort gewesen. Er erzählte mir, wie er sie gefragt hatte, ob er sein Leben für jemand anderen geben würde. „Dein Leben oder das eines anderen? Was gibst du her?“, zitierte er sie. Dann schwieg er. „Ich habe damals `seins´ gesagt.“ Sie sei sehr verwundert wegen der Ehrlichkeit gewesen, aber sobald Christopher wieder klar denen konnte, relativierte er die ganze Geschichte wieder und sie glaubte ihm kein Wort mehr. Das sei nicht so schlimm gewesen, denn er selbst glaubte noch daran. Dann habe sie ihm das Foto zugesteckt. Ich wusste ja bereits, dass es ihn gezeigt hatte, wie er bei einer Explosion dabei ist. Er lachte. „Sie hatte mir die Frage gestellt, weil ihr `danach war´! Aber ich bin deshalb durch die Hölle gegangen!“ Auch erzählte er mir, dass er, während ich bei meinem Bruder gewesen war, beim Waschen entdeckt hatte, dass er das Foto nicht im Park verloren hatte, sondern in seiner Hosentasche. Ich konnte es mir nicht verkneifen, laut los zu lachen. „Ich nehme mal schwer an, erst nachdem du es gewaschen hattest! Na, dann wird es ja reichlich unerkennbar gewesen sein! Wie die Karten.“ Ich kicherte.  Christopher schwieg wieder. Und dann sagte er etwas, was ich nicht vergessen werde: „Genau das ist das Problem. Das hätte es sein müssen. Aber das war es nicht.“ Mir lief ein Schauer über den Rücken. Das konnte nicht sein! Mit einem verunglückten Lächeln erklärte er, dass er das Foto anschließend mit zur Arbeit genommen hatte und mit seinen Kollegen herausfinden wollte, woraus das Foto bestand. Aber soweit kam es nie. Christopher seufzte. Das sei der Moment gewesen, an dem Arec dazu kam. Er wollte meinen Freund wohl unter Druck setzen, noch einen bestimmten Versuch zu machen. Mir stockte der Atem. War es das, was das Mädchen angedeutet hatte? War es das, was Christopher so zerfraß? Er brach in Tränen aus. „Wir haben es nicht begriffen! Erst, als es zu spät war und Arec bereits tot war. Ich hätte etwas tun müssen! Nur meinetwegen ist er tot!“ Ich nahm Christopher in die Arme und ließ ihn sich ausweinen. Was hätte ich sonst tun sollen? Was hätte ich sagen können? Dass er nicht Schuld ist? Das es nicht so schlimm ist? Das wenigstens er noch lebt? Ich kam mir so nutzlos vor.

 

Wir waren in jener Nacht noch lange auf. Nachdem wir lang und breit alles besprochen hatten, was geschehen war und was er hätte tun können, besprachen wir noch das Foto, das ich bekommen hatte. Und um ehrlich zu sein konnte ich damit absolut nichts anfangen! Denn es zeigte nichts weiter, als dass ich von einem Blumentopf erschlagen wurde! Es war nichts Hilfreiches darauf zu sehen. Keine auffällige Fassade, keine Hausnummer, kein Straßenname. Nur mich, von einem blöden Blumentopf erschlagen! Wenn es danach ginge, dürfte ich niemals wieder das Haus verlassen und in die Nähe von Häuserwänden mit Fenstern und möglichen Blumentöpfen laufen. Und so sehr wollte ich mein Leben nicht aufgeben. Höchstens einschränken, aber wenn man nichts hat, wofür man lebt, dann kann man ebenso gleich tot sein. Und schließlich ist einer der Hauptgründe, warum mein Vater und ich immer aneinander geraten, dass ich ein sehr lebenslustiger und freier Mensch bin, der sich niemals einsperren lassen würde. Christopher sah das alles ein klein wenig anders. Er machte mit klar, dass ich vorsichtig sein sollte. Und er ließ mich nicht mehr aus den Augen. Und er trug immer das Foto bei sich. Mein Foto. Er machte meine Sache zu seiner. Mein Foto wurde für ihn die Wichtigste Sache auf der Welt. Als ich ihn danach fragte, sagte er, dass es seine Art von Sühne sei. Er wusste durch sein Foto, dass sie sich verändern konnten. Dass es möglich sei, das Foto zu entkräften, umzulenken. Und Gott weiß, er würde nicht noch jemanden an dieses Mädchen verlieren. Doch wenn er das sagte, wich er meinem Blick aus. Er verheimlichte mir etwas, das spürte ich. Und acht Tage später sollte ich auch herausfinden, was es war.

 

Die acht Tage vom Erhalten des Fotos und bis zu dem dort angedruckten Datum genoss ich in vollen Zügen. Wie bereits gesagt, ich bin ein sehr lebensfroher Mensch und wenn ich schon sterben müsste, dann wollte und würde ich zumindest mit einem Knall gehen! Und ob ich dann wirklich ginge, entschiede ich dann spontan. Christopher zog kräftig mit. Wir unternahmen alles Mögliche und teilten so vieles miteinander, wie in unserer gesamten Beziehung nicht. Immer waren wir auf Achse und lebten für den Augenblick. Und bald war alles unwichtig geworden. Die Sorgen, die Angst, die Warnung und das Foto selbst. Zumindest für mich. Christopher vergaß nicht eine Sekunde und blieb immer wachsam. Aber für mich war das ideal! So konnte ich machen, was ich wollte und lassen, was ich wollte, während jemand anders aufpasste und mir sagen würde, wann es so weit sei, wieder ernsthafter zu werden. Und das sagte Christopher auf eine sehr charmante Art. Er weckte mich an dem Tag, der unter dem Foto stand, mit einem üppigen Frühstück am Bett. Ich schmauste überglücklich. Aber er schwieg. „Was hast du denn?“, fragte ich. Und sein Blick erklärte mir schon alles. Dann holte er das Foto hervor. „Heute ist dieser Tag.“ Ich zuckte mit den Schultern. Ich war durch die letzte Woche so aufgedreht und high vor Lust am Leben, dass es mir nicht die geringste Angst einflösste. Er legte seelenruhig das Foto vor mich. All die Zeit hatte er es bei sich getragen. Scheinbar wollte er nicht den gleichen Fehler wie beim letzten Mal machen. Ich sah es mir lange schweigend an. Und ich erinnerte mich wieder daran, was es bedeutete. Dann nickte ich. „Und was machen wir jetzt?“ Er sah mir tief in die Augen. „Würdest du dich für heute einsperren lassen?“ Ich verzog den Mund. Ungern! Da lachte Christopher, küsste mich zärtlich und meinte, dass er sich das bereits gedacht hätte. Und dann führte er mich aus. Er meinte, er wolle noch eine weitere, traumhafte Erinnerung schaffen. Mir sollte es recht sein. Die letzte Woche hatte ich das pure Leben geschmeckt. Ich hatte nicht vor zu sterben, sicher nicht, aber ich hatte nichts zu verlieren. Ich glaubte, ich könnte mein Leben so leben, wie ich es wollte und alles riskieren und sei in der Lage, im letzten Moment dem Unglück von der Schippe zu springen. Das hatte ich bisher immer geschafft. Und selbst, wenn es mir dieses Mal nicht gelingen würde, was schadete es? Ich hatte ein wundervolles Leben und alles erreicht, was ich wollte. Wie hätte ich auch ahnen sollen, was passieren würde!

 

Also gingen Christopher und ich spazieren. Ich wusste nicht, wohin er mich entführen wollte, aber ich freute mich, mit ihm zu gehen und einen weiteren erfolgreichen Tag entgegen zu gehen. Mir war nie bewusst gewesen, wie viel er mir bedeutete. Ich sah ihn immer nur als irgendeinen Menschen, der zufällig an meiner Seite war. Auch an jenem Morgen war es nicht viel anders. Zwar freute ich mich, dass er bei mir war, aber es hätte ebenso gut jeder andere Mensch sein können. Erst jetzt weiß ich, dass doch er es sein musste. Denn wenn ich ihn nicht bei mir habe, dann fehlt mir etwas. Etwas sehr Wichtiges.

Doch ich will nicht schon alles im Vorhinein erzählen. Eins nach dem Anderen. Wir waren also unterwegs und redeten und scherzten. Nun, eigentlich eher ich, denn Christopher war irgendwie abgelenkt, aber das störe mich nicht. Meine Stimmung war klasse. Und nichts konnte dem einen Abriss tun. Und die Sache, dass an jenem Tag mein Todestag sein sollte, das hatte ich bereits wieder vergessen. Plötzlich stieß sich mir eine Hand ins Kreuz. Ich versuchte, mich an der Wand zu halten, doch es gelang mir nicht und ich schrabbte mir an der unebenen Wand den Arm auf. Verletzt und blutend stieß ich hart auf dem Boden auf. Meine Knie schmerzten. Mein Arm war blutig. Und mein Rücken tat mir ebenso weh wie mein Kopf, den ich mir scheinbar auch irgendwo angestoßen hatte. Meine gute Laune war verschwunden. Ich war stinksauer! Und ich drehte mich um, um die schuldige Person so richtig zusammen zu stauchen! Doch die schuldige Person lag bewusstlos neben mir. Es war Christopher. Blut trat aus seinem Kopf. Überall lagen Tonscherben und die Stacheln der heruntergefallenen Kaktee hatten sich tief in sein Gesicht gebohrt. Ich brauchte einen Moment, um auch nur annährend zu begreifen, was geschehen war. Um ehrlich zu sein, weiß ich es bis heute nicht genau, aber ich glaube, dass er mich beschützen wollte und mich, als der Blumentopf herunter fiel, zur Seite schubste und den Topf selbst abbekam. Und scheinbar hatte der Topf ihn sehr unglücklich getroffen, denn er war wirklich weggetreten. Wie in Trance robbte ich langsam näher zu ihm. Vorsichtig wendete ich ihn zu mir. Er war … schwer. Und irgendwie weder richtig warm noch kalt. Und er wirkte bleich auf mich. „Christopher?“, flüsterte ich mit zitternder Stimme. „Geht es dir gut? Ist dir was passiert?“ Ich weiß, wie dumm und fehl am Platz diese Fragen waren. Aber irgendwie fiel mir nichts Besseres ein. Mir fiel eigentlich gar nichts ein! Ich saß nur da, mit Christophers Kopf auf meinem Schoß, und streichelte ihn sanft über das Gesicht. Ich pflückte ihn all diese schrecklichen Stacheln aus dem Gesicht und wartete dann, bis er endlich aufwachte. Aber er blieb bewusstlos. Er reagierte nicht, er sagte nichts. Er blutete mir nur mein gutes Kleid voll. Dass ein Mensch so viel Blut verlieren konnte … Ich weiß nicht, wie lange ich da einfach nur saß. Irgendwann hatte sich eine Menschentraube um uns gebildet, aber ich bekam davon nichts mir. Langsam schlich sich bei mir der Gedanke ein, dass Christopher vielleicht … nicht bewusstlos war. Aber ich traute mich nicht, den Puls zu fühlen. Und auch niemand anderes sollte ihn anfassen! Diese Situation war so … unwirklich. So irreal, dass ich irgendwie das Gefühl hatte, das wäre nur ein Traum. Gefühle und Gedanken, wie in Watte verpackt oder hinter einer Glasscheibe. Und nicht wirklich erreichbar.

 

Ich weiß nicht, wie lange sie vor mir stand, aber irgendwann hockte sie sich mit einem leisen Seufzer vor mich hin, so dass wir auf Augenhöhe waren. Nichts hätte ich in diesem Moment weniger gebraucht oder erwartet, als dieses Mädchen. „Störe ich?“, fragte sie. Ihre grünen Augen lagen auf Christophers Gesicht. Ich schaute sie stumm an. Sie fuhr ganz zart über Christophers Gesicht und schloss seine Augen. „So etwas ist immer sehr traurig.“, sagte sie dann. Endlich fand ich meine Stimme wieder. Aber obwohl ich wütend auf sie sein wollte, um auf irgendjemanden wütend zu sein, war ich nur traurig und ganz leise. „Was ist passiert?“, fragte ich sie. Sie überlegte einen Moment lang. Dann meinte sie, dass Christopher sein Leben für mich gegeben hätte. Ich lächelte schief. „Dafür ist er nicht der Typ!“, meinte ich dann. Schließlich kenne ich ihn. Und so etwas Dummes hätte er niemals gemacht. Zumindest früher nicht … Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Ja, das hätte ich auch vermutet. Aber anscheinend lag ich damit falsch.“ „Warum?“, fragte ich. Mir waren Tränen in die Augen gestiegen, die ich zurück kämpfte. Ich wollte nicht wissen, warum sie falsch lag, sie interessierte mich nicht. Ich wollte wissen, warum er das getan hatte. Aber mehr als ein Wort bekam ich nicht heraus. Sie fuhr ihm über die Wange. „Ich bin mir nicht sicher“, sagte sie dann. „Vielleicht aus Reue? Ich glaube, Arecs Tod hat ihn verändert. Aber ich fürchte, ich war auch nicht ganz unschuldig daran. Bei unserem ersten Treffen fragte ich ihn, was er für einen anderen Menschen tun würde. Und ich sagte, das es auf die Taten ankäme, nicht auf die Worte.“ Ich schüttelte den Kopf. Die Tränen liefen mir nun über die Wange. „Warum sollte er das tun?“ Ich konnte es einfach nicht verstehen! „Weißt du, sein Leben für einen anderen Menschen zu geben, ist der größte Liebesbeweis. Es ist etwas, was man wirklich nicht für jeden machen würde. Ich finde es immer sehr schade, denn zusammen zu leben stelle ich mir um so vieles kostbarer vor, aber ich glaube, er sah darin die einzige Möglichkeit dich zu beschützen.“ „Mich beschützen? Wovor denn?“ Sie hob eine Tonscherbe hoch und lies sie wieder fallen. Sie fiel auf Christophers Arm und von dort auf den Boden zurück. „Das hättest du sein sollen!“

 

Wie kalt sie bei diesen Worten zu sein schien. Ich fing wieder an zu weinen. Warum nur war ich heute aufgestanden? Warum war ich so leichtsinnig gewesen, Christophers Leben in Gefahr zu bringen? „Wenn du dir jetzt Vorwürfe machst, wird er davon auch nicht wieder lebendig. Bedenke, Sylvia, er hat sich dafür entschieden. Ich wusste bis zum Schluss nicht, ob er es schaffen würde, dieses Vorhaben durchzuziehen, aber er hat es geschafft. Und er war es, der es gewählt hat. Nicht du.“ Ich streichelte Christopher noch mal. Die Hand des Mädchens glitt unter seine Jacke. Sie holte das Foto hervor. Es war weiß. Dann stand sie wieder auf. „So, ich habe hier nichts mehr zu tun.“, sagte sie. Dann schaute sie noch mal zu mir hinunter. „Sowohl der Tod, als auch das Leben verändert einen Menschen. Dabei handelt es sich aber nur selten um den eigenen Tod. Es bedeutet eine Chance auf einen Neuanfang.“ Dann ging sie. Ich habe sie niemals wieder gesehen. Ich weiß nicht mehr, was sie mir alles erzählt hat und warum sie das getan hat. Aber eines ist mir doch im Gedächtnis geblieben: Ich kann einen Neuanfang starten! So änderte sich an diesem 15. März 1986 mein Leben. Ich wurde wohl durch Christophers Tod reifer, auch, wenn das gemein klingt. Ich lernte, dass jeder Mensch seine eigenen Prioritäten setzen muss und dass es gut ist, jemanden zu haben, dem man sein Leben anvertrauen kann. An jenem Tag bekam der Spruch `jemandem sein Leben anvertrauen´ eine vollkommen neue Bedeutung. Und in mehr als einer Hinsicht war Christopher dieser Jemand für mich. Er war mir näher gekommen, als jemals ein anderer zuvor. Und auch, wenn es nun zu spät dafür ist, so weiß ich doch, dass ich ihn dafür geliebt habe. Dafür, dass er da war. Dafür, dass er einfach nur war. Ich weiß nun, dass es nicht hätte irgendjemand sein können. Und nun merke ich wirklich, dass mir da jemand fehlt. Ja, mein Leben ging weiter, ohne ihn. Und es hatte sich sehr verändert, vermutlich sogar sehr verbessert. Aber dennoch habe ich niemals aufgehört, an ihn zu denken. Denn auch, wenn es immer ein Klischee scheint, so weiß ich doch, dass er in meinem Herzen weiter lebte und mein Leben mit mir teilte. Und er war mir näher, als jemals zuvor.

22.2.09 12:05


Riana Azure

Es war gut drei Wochen her. Obwohl ich behauptet hatte, dass „nichts passiert“ war, konnte ich doch nichts ungeschehen machen. Ich wäre an diesem Tag beinahe gestorben und allein die Tatsache, dass meine „Freunde“ mir das Leben gerettet hatten, änderte nichts daran, dass ich die ganze Situation hätte verhindern können. Verhindern müssen. Sie haben mir die ganze Zeit gesagt, dass ich nichts dafür könne, dass es nicht meine Schuld sei, dass doch alles gut gegangen sei und dass ich es doch nicht hätte wissen können. Aber genau hier kommen wir zum Punkt. Zu dem Geheimnis, das ich tief in meinem Herzen verstecke: Ich hatte es gewusst! Sie hatte es mir gesagt. Fragt mich nicht, wer genau `sie´ ist … Irgendein Mädchen mit sich in sich bewegenden Augen und Fotos. Fotos, die etwas Zukünftiges zeigten. Viele solcher Mädchen wird es auf dieser Welt wohl nicht geben. Es war so irreal. Es kam mir vor wie ein Traum, einfach unmöglich. Trotzdem suchte ich den einzigen Menschen auf, der mich und meine Situation verstehen konnte: Cathy. Cathrine Marshall!

 

Sie war dabei, als ich diesem Mädchen begegnet bin und sie wusste von ihr. Sie kannte sie bereits. Seit dem Tag hatte ich sie geschnitten, ich wollte sie nicht wieder sehen. Aber jetzt brauchte ich nichts mehr, als jemandem, der mir beweisen konnte, dass ich nicht verrückt war! Also stand ich vor ihrer Türe und wartete. Ich wusste nicht einmal genau, was ich ihr sagen wollen würde. Ich stand nur da und drückte den Klingelknopf. Cathys Mutter machte auf und rieb sich die Augen. „Was machst du hier?“, gähne sie mir entgegen. „Cathy schläft schon. Komm morgen wieder. Bitte zu einer zivileren Zeitpunkt, ja? Oder besser: ruf vorher an, schreib ne Mail oder einen Brief.“ Ich schaute sie weiter an. Ich musste mit Cathy sprechen! Jetzt gleich! Frau Marschall verdrehte die Augen. „Hör mal, Riana, um ehrlich zu sein haben wir alle keine Lust mehr auf dich. Auch Cathy nicht. Du hast sie echt mies behandelt. Also lass sie in Ruhe, OK? Sie muss sich so was nicht bieten lassen.“ Das zu hören überraschte mich. Ich hatte es zwar vermutlich verdient, aber es war absolut nicht die Art von Cathys Mutter, so zu reden. Nach einem weiteren Gähnen von ihr schien ihr das wohl selbst aufzufallen und sie hielt mitten im Gähnen inne. Sie legte mir ihre Hand auf die Schulter. „Entschuldige, Riana, das war nicht so gemeint. Aber unter diesen Umständen, in denen ihr beide euch befindet und um halb zwölf Nachts, habe ich nun wirklich keinen Grund, nett zu dir zu sein.“ Ich schluckte mir einen bissigen Kommentar herunter und meinte, dass mir das klar sei und dass ich mich auch für alles entschuldigen würde, aber ich müsste mit Cathy reden! Ich brauchte unbedingt ihre Hilfe!

Da erschien Cathy an der Türe. „Und warum genau meinst du, dass gerade ich dir helfen werde?“ Sie war stinksauer, auch, wenn man das nicht sofort sehen konnte. So sprach sie nur, wenn sie total angepisst war! „Cathy …“, begann ich, doch sie unterbrach mich sofort. „Nein! Nicht `Cathy …´! Wir sind vielleicht nie die dicksten Freunde gewesen, aber das ist kein Grund, mich wie Dreck zu behandeln!“ Ich dachte an meine Freunde. Seit der Situation im Wald hatte ich mich immer mehr von ihnen entfernt. Ich redete kaum noch mit ihnen und mied sie. Ich behandelte alle wie Dreck! Auch mich selbst. Aber Cathy war meine Chance, dass ich nicht verrückt war und all das ändern konnte. Cathy war meine Chance, wieder ich selbst werden zu können. Cathy konnte mir bestätigen, dass es sie gab. Dass es möglich war, von einem braunhaarigen Teenager mit Augen, die sich in sich veränderten, ein Foto zu bekommen, das einen Moment in der Zukunft zeigt, der aber trotzdem verhindert werden kann! Sie musste es mir bestätigen! Wenn ich wüsste, dass ich nicht verrückt bin, dann könnte ich wieder ich werden! Dann könnte ich meinen Freunden wieder in die Augen sehen, ohne, dass dieses irre Geheimnis mich von Innen heraus auffraß. „Cathy, ich brauche deine Hilfe!“ „Was du brauchst, Riana, ist professionelle Hilfe. Du bist doch nicht normal hier einfach auf zu kreuzen!“ Ich versuchte ein misslungenes Lächeln. „Genau das ist der Punkt. Ich werde irre! Und ich brauche deine Hilfe, damit das aufhört.“ „Wie sollte ich dir helfen können?“, gab Cathy zurück. Ich sah ihr eindringlich in die Augen. „Sag mir, dass das Mädchen und alles, was mit ihr zu tun hat, real war.“ Cathy Haltung änderte sich. Sie wusste, von welchem Mädchen ich sprach. Sie schaute scheu zu ihrer Mutter. Dann schnappte sie sich Jacke und Schlüssel und sie kam zu mir raus.

„Halt meine Familie da raus!“, zischte Cathy, als sie mich mit sich hinaus zog. Zu ihrer Mutter rief sie, dass sie bald zurück sei. Das war mittlerweile eigentlich alles egal und sie ging wieder Schlafen. Cathy baute sich vor mir auf: „Meine Familie dankt, ich hätte die Sache mit dem Foto nur geträumt. Eine Version in Traumform war für sie aus irgendeinem Grund wesentlich beruhigender. Und eine richtige Version war es ja auch nicht … schließlich lebe ich ja noch.“ Ich starrte sie an. Sie hatte an ihrem Tag in der Küche rum geschrieen, dass sie hätte sterben sollen! Das sollten ihre Eltern einfach so hingenommen haben? Cathy fuhr fort: „Sieh mal, ich denke, ich habe ein ähnliches Problem. Wir sind für die Allgemeinheit  irre. Verrückt. Neben der Spur! Durchgeknallt! Ballaballa!“ Das hatte ich schon beim ersten Mal verstanden. Aber sie kam mit der Situation doch so gut klar und stand dazu! Wie konnte sie es jetzt verleugnen? Cathy seufzte. „Weißt du noch, wie du mich angeschaut hast, als ich dir von meinem Foto erzählt hatte? Du sahst so aus, als würde nicht viel fehlen und du würdest mich in eine Klapse schicken.“ Ich nickte. So hatte ich sie auch wirklich gesehen. „Und als du selbst das Foto bekamst“, fuhr sie fort. „Sahst du so aus, als würde nicht viel fehlen, bis du dich selbst einweisen würdest.“ Ich nickte wieder. „Was also, Riana, willst du von mir? Soll ich das einweisen für dich übernehmen? Was willst du?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich will, dass du mir hilfst, zu verstehen, dass ich nicht irre bin!“ Nun schüttelte Cathy den Kopf. „Das kann ich nicht.“ „Aber … du hast sie doch auch gesehen! Du bist doch in der gleichen Situation wie ich! Wenn wir zusammen halten, wissen wir, dass wir nicht verrückt sind!“ Cathy schüttelte wieder den Kopf. „Ich denke, du verstehst es einfach nicht. Es ist dumm, zu glauben, dass man so etwas wie das Treffen mit diesem Mädchen gegen die Allgemeinheit durch zu setzten. Selbst als geheimes Wissen schadet sie mehr als sie nutzt. Riana, für mich hat dieses Mädchen nie existiert!“ Ich starrte Cathy an. Dass sie so etwas sagen würde, hätte ich niemals erwartet. Darauf war ich wirklich nicht gefasst. Sie war doch real! Sie war echt! Wie konnte Cathy einfach sagen, dass es sie nicht gab? Wie konnte sie sie verleugnen? Wie ihre Mutter legte mir auch Cathy ihre Hand auf die Schulter und sah mir nachdrücklich ins Gesicht. „Wenn du wirklich meinen Rat hören willst, dann streich sie aus deinem Gedächtnis. Freu dich, dass du noch lebst und hak die Sache ab!“

 

Ich war geschockt, von dem was Cathy mir gesagt hatte. Aber als ich versuchte, einzuschlafen, schlich sich der Gedanke ein, dass sie vielleicht doch Recht haben könnte. Vielleicht wäre es wirklich besser, ich würde das Mädchen aus meinem Gedächtnis streichen. Man könnte es wenigstens mal probieren …

 

Am nächsten Morgen stand ich auf, duschte, zog mich an, frühstückte. Ich benahm mich vollkommen normal. Meine Mutter war ein wenig irritiert, aber dann freute sie sich für mich. Nach der Schule rief ich meine Freunde an. Zuana. Alina. Lili. Und Markes. Ich lächelte, als wir uns trafen und ich war ganz normal … „Sag mal, Ri, stimmt was nicht? Du bist so rastlos … oder so was in der Art.“ Ich sah Alina an und lachte. Ich war ganz normal. Zuana lehnte sich an mich. „Ri-Mausi, das mit letztens tut mir leid.“ Ich lachte sie an und fragte, was sie meinte. Sie schaute verlegen. „Das im Wald neulich … “ „Wald?“ Ich wusste einen Augenblick lang wirklich nicht, wovon sie redete. Es war wie ein schwarzes Loch. Dann kam es wieder. Markes, der mich aus dem Wasser zieht. Moosiger Baumstamm. Unterwäsche. Laufen, Wette, Wald, Foto, Mädchen. Augen. Irrealität in ihrer realsten Form. Wirklichkeit. Das Mädchen. Zuana stupste mich an. Ich starrte zurück. „Niemals“, sagte ich. „Niemals wieder will ich etwas darüber hören. Habt ihr das verstanden?“ „Rie! Ich weiß, es war hart für dich“, begann Markes. „aber verdrängen ist da keine Lösung!“ Ich sah ihn nachdrücklich an. „Niemals wieder“, fuhr ich ihn an. Es war nicht so, dass ich wirklich diese Situation vergessen wollte. Zuanas Sorge, die Bemühungen von ihnen, ihr kühler Kopf. Markes Arm um meine Hüfte … eine Nahtoderfahrung mit gutem Ausgang. Nichts wirklich Schlimmes. Aber die Ignoranz, die Selbstverblendung und das Mädchen waren mit der Situation vollkommen verschmolzen. Und daran wollte ich mich nicht erinnern. Und würde ich ihnen davon erzählen, dann würden sie mir Recht geben. Aber dann wüssten sie es und würden mich auf diese bestimmte Art ansehen. Das wollte ich nicht. Nicht sie!

Ich bemerkte, dass die Erinnerungen nicht weg waren. Ich hatte sie nur ganz, ganz tief in mir eingeschlossen. Aber immer, wenn ich ruhig wurde, mir selbst zuhören konnte und nicht mehr abgelenkt wurde, konnte ich es fühlen. Es pulsierte tief in mir. Regelmäßig und kräftig. Ich saß auf einer Zeitbombe. Ich atmete tief durch und schloss es noch tiefer in mich ein. Ich lächelte meine Freunde an. Es war nichts geschehen!

 

Menschen sind wahnsinnig komplex. Aber auch wahnsinnig dumm. Wenn man ihnen oft genug etwas glaubhaft versichert, nehmen sie irgendwann an, dass es stimmt. So schlich sich Routine in mein Leben ein. Ich begann mich so zu lügen, dass ich es glaubte: Es hatte das Mädchen niemals gegeben. Cathy hatte Recht. Es fiel wirklich leichter. Und es wäre auch super weiter gegangen, wenn nicht …

 

Ich war mit meinen Freunden verabredet. Wir wollten zum Kino gehen. Spazieren, reden, lachen. Typische Dinge eben. Ich war unterwegs zu ihnen. Doch ich kam nie an. Denn ich sah sie schon vom Weiten. Und ich konnte keinen einzigen Schritt mehr gehen. Ich war wie gelähmt. Die ganze Zeit konnte ich meinen Blick nicht von ihr wenden. Ich stand nur da und starrte sie an. Und ich betete, dass sie nicht zurücksehen würde. Aber das tat sie. Sie sah mir direkt in die Augen, lächelte und kam auf mich zu. Es schien Stunden zu dauern, bis sie bei mir angekommen war und ich konnte mich nicht einen Schritt bewegen. Dann stand sie vor mir. Sie war genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ihre Augen drehten sich innerhalb ihrer Regenbogenhäute. Grün, grau, gelb und wieder grün. Ein Zauber ging von diesen Augen aus, sie fesselten und lähmten. Und sie beobachteten jede meiner Bewegungen. Wie eine Raubkatze. „Warum hast du mich gerufen?“, fragte sie. Ich verstand nicht. Wie hätte ich sie rufen können? Ich kannte nicht einmal ihren Namen! Und warum sollte ich gerade sie rufen sollen? Gerade sie? „Ich weiß, ich komme später als du wolltest, aber ich bin hier, also was möchtest du von mir?“, fuhr sie fort. Etwas in mir knackte. Absolute Stille. Nichts. Wie in Trance hob ich meine Hand und hämmerte sie dem Mädchen ins Gesicht. Es hinterließ einen leuchtend roten Abdruck. Aber es schien ihr nicht wehgetan zu haben. In mir brach ein Sturm los, ein Feuer. Ich holte noch einmal aus und schlug sie noch fester. Noch mal. Noch mal! Mit all meiner Kraft. Ich hasste sie! Sie existierte nicht! Warum stand sie vor mir? Warum quälte sie mich so? Warum musste sie diesen Deckel lüften? Warum musste sie mir zeigen, dass all das nicht nur ein Traum gewesen war? Ich wollte nicht, dass es real war! Ich wollte es vergessen. Ich schlug noch einmal zu. Sie sah mich an. Mit diesem Blick wischte sie alles weg. Wut, Hass, Trauer, Schmerz. Nur dieser eine, duldende und verständnisvolle Blick. Alles weg. Was war übrig? Was war von mir übrig? Was war ich? Nichts war mehr da. Nur sie. Und sie fragte nur wieder, warum ich sie gerufen habe. Ich war vollkommen ausgelaugt. Ich schüttelte nur noch träge den Kopf. „Ich habe dich nicht gerufen.“ „Und warum hasst du mich?“ Ich schüttelte wieder den Kopf. „Ich hasse dich nicht.“ „Nein?“, fragte sie und wies auf ihre Wange. Es sah so aus, als würde es jeden Moment aufplatzen und bluten. So etwas kann niemand tun, der nicht hasst. Ich versuchte sie anzusehen, aber ich konnte es nicht. Ich schaute nur ins Leere. Das Mädchen seufzte. „Ich bin hier. Der Beweis, dass du nicht verrückt bist. Das ist es doch, was du wolltest, nicht wahr? Es gibt mich. Ich existiere. Ich bin wirklich.“ Sie hatte Recht. Aber ich schüttelte den Kopf. „Ich will dich vergessen. Ich will alles vergessen, was mit dir zu tun hat. Und ich will dich vergessen. Ich will nicht, dass du real bist. Ich will, dass du unecht bist.“ „Durch Verleumdung und Selbstbetrug?“ Ich funkelte sie an. „ Was willst du eigentlich? Du hast mich doch dazu gezwungen, meine Freunde zu belügen. Alle zu belügen. Mich zu belügen!“ „Ich zwinge niemandem zu gar nichts. Jede Entscheidung, die du triffst, liegt nur in dir begründet. Und wenn du meinst, dein Leben wegschmeißen zu müssen, nur, weil etwas passiert ist, was du nicht verstehst, dann kann ich dir dabei gerne  behilflich sein.“ Sie schmiss mir etwas entgegen. Es prallte an mir ab und fiel auf den Boden. Ich starrte weiter ins Leere. „Ein Foto?“, fragte ich und sie bejahte. „Was zeigt es?“ „Sieh es dir doch an.“ „Ich habe dich gefragt. Was zeigt es?“ Ich wollte es nicht sehen. Ich wollte keine blöden Fotos mehr sehen, die nicht existieren dürften. Ich will nichts mehr sehen, was ich nicht verstehen kann. Sie seufzte. „Erde.“ Ich schnaubte leicht. Wasser. Erde. Was wohl als nächstes käme? „Komm erstmal zum Nächsten, Riana“, sagte das Mädchen. Ich schaute sie mühsam an. Hatte ich es laut gesagt?

 

„Weißt du, warum du andere Menschen belügst?“, fragte das Mädchen nach einer langen Schweigepause. „Du belügst sie, weil du noch ein Kind bist.“ Ich funkelte sie an. Ihre Worte machten irgendetwas in mir. „Du kannst es nicht ertragen, die Verantwortung für das zu übernehmen, was du tust und die Wirklichkeit anzuerkennen. Du hast Angst, etwas zu riskieren.“ Ich merkte, wie ich innerlich wieder auflebte. „Du hast Mist gebaut und hasst die anderen dafür, dass sie dich davon nicht abgehalten haben. Doch sie sind nicht für dich verantwortlich.“ Ich begann wieder zu brodeln. „Und du hasst dich dafür, dass du nicht erkennen kannst, dass Fehler zum Leben dazu gehören.“ Ich bebte. „Sie haben Recht: es ist nichts geschehen. Also sei glücklich darüber, dass du nicht sterben musstest und genieße dein neues Leben. Anstatt im Selbstmitleid und im Selbsthass zu ertrinken.“ Neu aufglühender Hass füllte jede Faser und brachte mich fast zum brennen. „Was erwartest du denn von den anderen? Dass sie dir geben, was immer du willst, obwohl du sie behandelst wie Dreck?“ Sie schmiss mir erneut das Papier entgegen. „Komm klar mit deinem Leben! Lerne endlich Verantwortung für deine Entscheidungen zu übernehmen!“ Ich fing das Papier noch im Flug und zerriss es in tausend Schnipsel. Adrenalin pumpte durch meine Venen. Purer Hass auf dieses Mädchen. „Wer glaubst du zu sein, mir so etwas zu sagen? Du hast kein Recht dazu.“ Das Mädchen schaute mich direkt an: „Das habe ich. Genau, wie du das Recht hast, dir nichts daraus zu machen. Los! Mach nur weiter. Renn weg!“ Damit drehte sie sich um und ging. Ich starrte ihr nach. Und dann rannte ich nach Hause. Ohne auch nur einmal zurück zu sehen.

 

Die Türklingel schellte. Ich drehte die Musik lauter auf und hing weiter meinen Gedanken nach. Ich wusste, meine Mutter würde auf machen. Und wenn nicht, dann war’s deren Pech, wer auch immer geklingelt hatte. Ich wollte einfach nur niemanden sehen. Leider ahnte ich bereits, wer es sein würde. Es klopfte es an der Türe. „Riana? Schatz?“ Ich drehte die Musik noch ein Stück lauter. Sollten sie mir doch den Buckel runter rutschen. Es war mir egal. Ich hörte, wie meine Mutter seufzte. Sie entschuldigte sich bei denen vor der Türe und meinte, ich sei gerade nicht in der Stimmung, jemanden zu sehen. Stimmt. Das war ich … überhaupt nicht? Wirklich nicht? Irgendwie wollte ich schon, dass jemand sich um mich kümmerte. Auf der anderen Seite würde ich es der Person sicher nicht leicht machen und sie mit Verachtung strafen. Aber warum, Mutter, ließt du mir alles durch gehen? Ich wurde sauer. Dann gab es ein lautes Rumsen. „Kommt gar nicht in Frage! Hier gibt es etwas sehr Wichtiges zu klären!“ Mit den Worten stürmte Markes in mein Zimmer und brach dabei fast die Türe entzwei. Mein Mund verzog sich zu einem missglückten Lächeln. Sie waren schon lieb. Und sie erinnerten sich daran, dass ich versprochen hatte, sie dürften immer zu mir kommen. Aber sie gingen mir gerade tierisch auf die Nerven!

 

Ich drehte mich mit einem ernsten Gesicht um. Zuana. Markes. Alina. Lili. Mein Herz machte einen Sprung und gleichzeitig rügte ich mich dafür. Ich war sauer und ich wollte es auch bleiben. „Wisst ihr, was es bedeutet, wenn die Türe verschlossen bleibt?“, knurrte ich. Markes zuckte mit den Schultern und wand sich an die Mädchen: „Sieht jemand von euch hier eine verschlossene Türe?“ Alle schüttelten den Kopf. Ich unterdrückte ein Schmunzeln. Ich wollte mich nicht aufheitern lassen! Aber die Antwort war zugegebenermaßen witzig … Dennoch! Ich stand auf. „Ich will euch hier nicht haben. Verschwindet wieder. Das ist mein Zimmer und ihr habt hier nichts verloren.“ Markes baute sich vor mir auf. Er sprang auf mich an. Das würde ein Spaß werden! Mal sehen, was er mit an Reibfläche bieten kann! Aber dann schob sich Alina dazwischen. Mist! Die Mittlerin. Wie langweilig. Andererseits konnte man sie so richtig schön lang machen! „Hör mal, Riana“, begann sie. „Unter normalen Umständen mag das ja stimmen, aber wir machen uns Sorgen um dich! Irgendetwas stimmt nicht mit dir. Du bist so anders geworden und wir …“ „Gar nichts bin ich! Jeder hat mal einen schlechten Tag, also lasst mich in Ruhe! Ihr kotzt mich an!“ „Tun wir das?“, schaltete sich Markes ein. „Wenn du uns das so klar sagst, dann werden wir das wohl auch akzeptieren. Kommt, Leute, bei Jemanden, bei dem wir so unerwünscht sind, haben wir wirklich nichts verloren! Lasst uns gehen.“ Was? Nein! Nicht gehen! Sagt mir, dass das gar nicht geht! Sagt mir die Meinung! Geht nicht einfach! Ich will nicht mehr alleine sein! Aber ich will auch nicht so tun, als sei nichts … Zuana schob sich nach Vorne und sah mich forschend an. Wusste sie, was ich dachte? „Wartet. So einfach ist das nicht.“, sagte sie zu den anderen. Ich glotzte zornig zurück. Doch Zuana, die Zuana, die auf alles ansprang, was ich ihr gab, blieb die Ruhe selbst. „Was ist passiert?“, fragte sie und ich schnaubte. „Als ob euch das interessieren würde!“ „Aber natürlich interessiert uns das, wir sind doch deine Freunde“, brach es aus Lili hervor, doch Zuana wies sie an, sich zurückzuhalten. Sie betrachtete mich wie ein Tier im Zoo. Neugierig, forschend, interessiert. Und sie war nahe dran!

 

„Du hast uns zwei Stunden in der Stadt auf dich warten lassen.“, begann Zuana. Sie hatten echt zwei Stunden gewartet?! Wie cool! „Du bist hysterisch geworden und verleugnest den Tag im Wald, als wärst du irre. Du tust, als sei nicht gewesen und veränderst dich dadurch so sehr. Du hast noch nie etwas verleugnet, lügst niemals und stehst immer offen zu dem, was du machst und dir passiert. Du verachtest Menschen, die das nicht tun, weil du sagst, sie wären unehrlich und feige. Also, dann sag mir, was muss passieren, dass du, Riana Azure, zu dem Menschenschlag wirst, den du mehr verachtest als alles andere? Was muss passieren, damit du dich selbst verrätst und belügst?“ Ich war beeindruckt. Sie war wohl wirklich nicht ohne Grund meine Beste und längste Freundin. Sie schien mich wirklich hervorragend zu kennen. Aber ich grunzte sie an. „Schon mal ne Nahtod Erfahrung gehabt?“ Lili wollte etwas sagen. Vermutlich wäre es in die Richtung gegangen, dass doch alles gut gegangen sei, aber Zuana wies sie wieder wortlos zurecht. Es schien sogar fast so, als würde sie sich freuen, dass ich es ansprach. „Nein“, sagte sie. „Und ich kann  mir vermutlich nicht einmal vorstellen, wie das sein muss.“ Sie betrachtete mich noch eindringlicher. „Aber da muss noch mehr sein! Irgendetwas … anderes … etwas … Dunkles“ Flashback. Das Mädchen. Beide Treffen waren unglaublich intensiv und irreal, dass ich noch in der gleichen Minute das Gefühl hatte, es sei schon mindestens einen Tag her. Sie brachte den Tod und sagte Dinge, die ich nicht verstehen konnte. War sie böse? Nein, das glaube ich nicht mal wirklich. Aber sie war etwas, was ich nicht begreifen konnte. Doch zwei Mal bilde ich mir das doch nicht ein! Und das warf mich vollkommen aus der Bahn: Sie war real. Ihre braunen Haare, der Duft nach Vanille. Ihre zierlichen Hände und die Augen, die ein ganzes Universum in sich bargen. Augen, die immer in Bewegung waren. Mal Gold, mal Grün. Mal vollkommen gemischt. Und diese Fotos. Fotos, die nicht existieren dürften. Fotos von einem zukünftigen Ereignis. Eines Ereignisses, das fast eingetroffen wäre. Ich hasste mich dafür, dass ich die Kontrolle verloren hatte und mich so sehr überschätzt hatte, dass ich fast drauf gegangen wäre. Ich konnte eine Situation nicht abwenden, war hilflos, obwohl ich von ihr gewusst hatte. Und es gab niemanden, an den ich mich wenden konnte! Niemand verstand es.

 

Das war der Moment, an dem mir klar wurde, dass ich ganz alleine war. Mir stiegen Tränen in die Augen. Es tat so weh! Mein Herz schmerzte so sehr. Ich wollte niemals einsam sein. Davor hatte ich immer schon Angst gehabt! Aber warum konnte ich dann nichts anderes tun, als die, die ich doch eigentlich liebte, wegzustoßen? Weil sie eh gehen würden, wenn sie mein Geheimnis erfahren hatten … und weil ich es nicht ewig geheim halten könnte? Ich brüllte, ich fluchte und schmiss meinen Freunden Dinge an den Kopf, die ich mehr als bereue. Und dann ließ ich sie stehen und rannte davon. Ich wollte nur noch weg! Rennen! Rennen! Nur fort von hier! Keine Ahnung, wohin, nur weg! Weg! Weg!! Folgten sie mir? Ein Teil von mir sehnte sich danach. Ein anderer aber fürchtete sich und der größte Teil würde sie hassen, egal, ob sie mit nachkämen, oder nicht, denn was immer sie täten, es wäre immer das Falsche. Seit wann konnte ich so sehr hassen? Ich dachte immer, ich könnte das gar nicht. Seit wann wollte ich nur noch fort aus meinem Leben?

 

Ich war in eine Situation gekommen, die ich nicht verstehen konnte. Sie stand gegen beinahe alles, an das ich glaubte. Ich hatte versucht, alleine damit klar zu kommen. Ich hatte versucht, mich an eine Mitleidende zu wenden. Ich hatte versucht, es zu ignorieren. Nichts hatte geholfen! Alle sahen mich mit diesen Augen an. Diesen unerträglichen Blicken, die man an Leute schickt, die Mitleid brauchen. Aber ich brauchte kein Mitleid! Ich meine, was sollte schon groß passiert sein? Ich lebe doch noch, oder? Aber vielleicht war genau das der Fehler. Vielleicht hätte ich an diesem Tag besser sterben sollen. Vielleicht, nur vielleicht, ist es mir nicht bestimmt, zu leben und ich wäre im Tot weitaus besser aufgehoben? Ich mochte es nicht, was mir das Leben zu bieten hatte. Denn das war gar nichts. Ich vertraute meinen Freunden nicht meine Gedanken an. Ich mied sie sogar. Ich sprach nicht mehr mit meiner Mutter und in der Schule war ich abgesackt. Und ich war unglaublich wütend auf mich selbst. Ich hatte mich verraten. Ich sah nichts mehr an mir, das ich mögen könnte. Es war als sei ein zentraler Teil von mir, das Mädchen, was ich einmal war, wäre doch gestorben. Obwohl mich Markes aus dem Wasser gefischt hatte, war es, als sei ich an jenem Tag gestorben. Ich verabscheute, was aus mir geworden war. Auch, wenn das nichts weiter als ein weiteres Geheimnis war, das keiner wusste. Doch nun war die Zeitbombe explodiert. Es gab kein Zurück mehr.

 

Ich rannte. Ich konnte rennen! Ich war schnell. Und nun rannte ich, um alles hinter mir zu lassen und alles zu vergessen. Alles, alles, was gewesen war. Nichts wie weg! Nur weg von hier. Egal, wohin, nur weg! Ich rannte in den Park. Es hatte geregnet. Die Erde war rutschig, das weiß ich jetzt. Denn die Erde rutschte von dem Hang über mir auf den Weg. Und begrub mich unter sich. Es war irrsinnig schwer und ich konnte mich nicht bewegen. Ich versuchte, mich mit meinen Fingern frei zu graben, mich ein wenig zu bewegen, aber die nasse Erde ließ keinen Millimeter Raum zwischen meine Finger kommen. Sofort rutschte weitere Erde nach. Es war stockdunkel und es gab kaum Luft. Ich fluchte innerlich. Aber ich hatte nun wenigstens genug Zeit, über das eine oder andere nachzudenken. Wäre ich zum Beispiel in dieser Klemme, wenn ich dem Mädchen nicht begegnet wäre? Ich wäre dann doch jetzt im Kino, oder nicht? Nein, der Film war um. Das bedeutet, wir säßen bereits seit etwa einer halben Stunde in einem Cafe. Oder seit einer ganzen? Wir können lange reden. Meine Freunde sind in der letzten Zeit sehr penetrant und bohrend geworden. Seit meinem Ausraster im Cafe wo ich ihnen klar gemacht habe, dass ich darüber nicht sprechen werde, haben sie sich entschlossen, dass sie mich davon überzeugen müssten, dass das nicht zu meinen Gunsten sei, alles zu verdrängen. Also hätten sie auf mich eingeredet. In welchen Film wollten wir eigentlich gehen? Sie meinten, es sei eine Überraschung … nehmen wir an, es sei einer, der eine ähnliche Situation hat, wie die in der ich gerade bin, also Verdrängung eines einschneidenden Ereignisses. Das sähe meinen Freunden durchaus ähnlich. Dann noch ein Gespräch, das fließend zu meinem Thema übergeleitet würde und ein wenig Besserwisserei … ob ich wirklich aufgestanden wäre und hier her gerannt wäre? Ob ich genau in diesem beschissenen Erdhaufen stecken würde? Ich definiere einfach mal: Nein! Schuld ist nur dieses Mädchen! Und nun korrigieren wir eben den Fehler, dass ich das letzte Mal überlebt habe. Fluchend bereite ich mich darauf vor, zu sterben. Dann ist da ein Licht. Luft strömt mir entgegen und das kleine Loch wird immer größer und größer. Mir ist ganz schwindelig. Ob ich mir das nur einbilde? Es wird mir schwarz vor Augen.

 

Luft wird in meine Lungen gepresst. Sie hat einen ganz eigenartigen Geschmack. Ein wenig nach Honig, glaube ich. Dann wird mein Brustkorb zusammengedrückt. Das ist irgendwie unangenehm. Fast schmerzhaft. Dann wieder die Luft. Langsam komme ich zu mir und schlage die Augen auf. Nur einen Spalt breit. Markes soll nicht bemerken, dass ich ihn beobachte. Er beugt sich wieder über mein Gesicht, das er leicht nach hinten gedrückt hat. Ich öffne die Augen ganz und verschließe meinen Mund zu einem festen Grinsen. „Versuchst du mich etwa gerade zu küssen?“ Markes schaut mich etwas dämlich an. „Nein“, antwortet er nach einer Weile. Ist er nicht süß? Er hat mir schon wieder das Leben gerettet. Mein Retter … irgendwie ist er lästig! Kann man nicht mal in Ruhe sterben? Keine Sorge! Nur ein Scherz! Ich freue mich über ihn. Ich setze mich auf.  „Nein, im Ernst, du versuchst mich zu küssen!“, stichele ich weiter. Er schaut mich ungläubig an. „Is das wirklich dein Ernst? Mensch! Dann wurdest du wohl noch nie in deinem Leben richtig geküsst!“ Ich verziehe den Mund zu einem Schmollen. „Was kann ich denn dafür, dass du so schlecht darin bist?!“ Das war genug. Er kam ganz nah an mich heran. Mein ganzer Körper kribbelte. Er tat sauer. „Ich bin nicht schlecht im Küssen!“ Ich lachte. „Ich glaub dir kein Wort!“ Da nahm er mein Gesicht in beide Hände und zog mich noch näher an sich heran. Es war nicht nur mein Mund, mein ganzer Körper war mit einem Kribbeln und Pulsieren an dem Kuss beteiligt. Viel zu früh löste sich Markes wieder von mir. „Und?“, fragte er. „Glaubst du mir jetzt?“ Ich leckte mir über die Lippen. „Hmmm … ja, gar nicht so schlecht … krieg ich noch einen?“

 

Wie gerne würde ich nun sagen, dass alles Gut wurde. Wie gerne würde ich dieses kitschige `… und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende´ schreiben. Aber das wäre gelogen. Zwar war es eine ganze Zeit lang gut und wurde sogar immer besser. Ich fand wieder ins Leben, Markes war an meiner Seite. Meine Freunde glaubten und vertrauten mir. Und ich wurde bald wieder die Alte. Aber ich traf das Mädchen mit den sich bewegenden Augen noch ein weiteres, ein letztes, Mal!

11.2.09 23:30


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung