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Harvey Dimm

Es war schon irgendwie merkwürdig. Ich lese regelmäßig, jeden einzelnen Morgen, die Zeitung. Politisches und Lokales interessiert mich am meisten. Klatsch und Kolumnen lasse ich immer weg. Immer. Noch nie habe ich diesen Schwachsinn gelesen. Ich bin Polizist. Ich bin realistisch. Ich mag es nicht, wenn jemand wegen etwas jammernd um Hilfe fleht. Das ist Würdelos. Jeder kann seine Probleme nur selbst lösen. Das kann niemand für einen übernehmen. Das geht einfach nicht. Also warum sollte man der Öffentlichkeit davon erzählen? Ich wollte noch nie etwas davon wissen, ich habe es noch nie gelesen. Und doch war mir an diesem Tag so, als müsse ich es lesen. Ich weiß nicht, wie ich darauf kam oder warum ich es tat, aber irgendwie musste ich es lesen. Es war ein Leserbrief an eine ratgebende Kolumnistin. Der Brief war von einer Frau, die von einem Mädchen erzählte, das ihr ein Foto gegeben hatte, auf dem abgebildet war, wie sie sich röchelnd an die Brust und an den Hals fasste. Die Frau erzählte, dass sie an Asthma litt und interpretierte das Foto so, dass ihr Tod vorausgesagt wurde. Hatten die Menschen wirklich vor gar nichts mehr Respekt? Ich faltete die Zeitung zusammen. Mir war schlecht. Die Frau hatte in ihrem Brief genau beschrieben, wie dieses Mädchen mit dem Foto aussah. Ich konnte sie mir gut vorstellen und doch konnte ich nicht glauben, dass es sie geben sollte. Ein junges Mädchen, das eine Mörderin war. Und ich muss das wissen, schließlich habe ich tagtäglich mit bösen Menschen zu tun.

 

Im Laufe des Tages ging ich dann auf Streife. Allmählich beruhigte ich mich. Ich beruhige mich immer, wenn ich in meinem Bezirk auf Streife gehe. Es ist auf jeden Fall besser, als in einem stickigen Büro auf einen Job zu warten. Wenn ich aber einen Fall habe, dann hält er mich fest, bis ich ihn gelöst habe. Ich dachte wieder an den Leserbrief und schüttelte den Kopf. Das war nicht mein Fall. Mein Fall war es erst, wenn diese Frau ermordet aufgefunden worden war, so wie es das Foto beschrieb. Dann würde ich das Mädchen suchen und zur Rechenschaft ziehen. Aber nicht früher.

 

Ich wusste ja nicht, was ich da dachte! Damals versuchte ich jedenfalls meine Gedanken an diese Frau und das Mädchen abzuschütteln. Das gelang es mir. Dann aber fiel mir ein Mann auf. Er war etwa Anfang 20 und starrte beim Laufen immer in die Luft. „Hey Sie!“, rief ich. „Passen sie auf.“ Er drehte sich um. „Was ist, Chef?“, fragte er, ich zeigte von ihn auf den Boden. Dort befand sich ein offener Gully. Fast wäre er dort hineingefallen. Er nickte. „Danke, Chef.“ Wenn, dann Chief, dachte ich. Aber ich nickte bloß. Ist ja mein Job meinen Mitbürgern zu helfen. Bei dem aber …

Ich drehte mich um und wollte zurückgehen, aber plötzlich hörte ich ein merkwürdiges Krachen. Sofort drehte ich mich wieder zu dem Mann um. Das Bild, das sich mir bot war unglaublich. Der Mann, den ich gerade eben erst auf den Gully hingewiesen hatte, war fast von einem Klavier erschlagen worden. Er war ihm scheinbar im letzten Moment ausgewichen und saß nun auf der Straße. Wie ein Irrer kicherte er und rief etwas was sich im ersten Moment nicht verstand. Das nächste, was ich mitbekam, war wie der Mann von einem LKW erfasst wurde. Ich war fassungslos und mir war schlecht. Ich ging einen Schritt auf dieses blutige Etwas zu, als mir etwas vor die Füße flatterte. Ich hob es auf und merkte, wie alle Farbe aus meinem Gesicht wich. Es war ein Foto, das eindeutig den Mann von eben darstellte, wie er von genau dem LKW überfahren wurde, von dem er überfahren worden war. Wie war das möglich? Ich merkte, wie meine Gedanken wieder zu dem Leserbrief in der Zeitung wanderten. Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich schüttelte den Kopf. Das war unmöglich!

Da tippte mir jemand auf die Schulter. Ich sprang vor Schreck fast einen Meter hoch! Als ich mich umdrehte sah ich in ein junges, rundliches Gesicht, das von rotbraunen und leichtwelligen Haaren umrandet war. Als erstes jedoch hatte ich diese großen, runden und fast schon glühenden Augen bemerkt. Sie waren in einem leuchtenden Grün und hatten einige gelbe Striche. Ich weiß nicht mehr, was mir in diesem Moment alles durch den Kopf ging, aber ich weiß, dass ich kurz davor war, die Besinnung zu verlieren. In mir schrie es immer und immer wieder: Das kann nicht sein! Erst ihre Stimme brachte mich in die Wirklichkeit zurück. „Entschuldigung“, sagte sie. Mir lief wieder ein Schauer über den Rücken, doch es brachte mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Ihre Stimme war so merkwürdig. Nett, irgendwie, aber doch kühl und gleichzeitig warm, ich weiß nicht, was es war. Ihre ganze Art, alles an ihr, brauchte mich aus dem Konzept. Ich erwischte mich, wie ich wieder an den Leserbrief dachte. So hatte de Frau das Mädchen beschrieben, das ihr das Foto gegeben hatte. Konnte ich die Frau für verrückt erklären, jetzt, wo mir dieser Mann begegnet was? Ich musste sie suchen und ihr helfen! Aber was sollte ich mit diesem Mädchen hier machen? Da fiel mir auf, was ich tat. Dieses Mädchen hatte nichts weiter gemacht, als mich anzusprechen. Sie hatte vermutlich gar nichts mit diesem Fall und den Fotos zu tun! Es war nur ein Zufall, dass sie hier vorbei kam und wollte wissen, was hier geschehen war. Durch diesen verfluchten Leserbrief sah ich schon Gespenster! „Aber das Foto … kann ich es bitte haben?“ Von wegen Zufall! „Was wollen Sie denn mit dem Foto?“, fragte ich zurück. Sie lächelte. Ein kaltes Lächeln. „Es gehört nun wieder mir. Ich möchte es gerne wiederhaben.“ Ich drückte das Foto an meinen Körper. Sie durfte es nicht bekommen. „Was meinen Sie damit, dass es wieder Ihnen gehört?“ Sie verdrehte ihre Augen. „`Wenn der Vorbesitzer meine Nachricht wegschmeißt, verliert oder wegen ihres Eintretens nichts mehr damit anfangen kann, so geht sie automatisch wieder in meinen Besitz über und ich bin berechtigt es wieder an mich zu nehmen.´“ Ich schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, dieses Bild ist ein Beweismittel.“ „Beweismittel?! Wofür denn bitte?“ „Mord?“ „Mord?! Also wirklich! Das war ein Unfall!“ „Aber es gab doch bereits vorher ein Foto, das … und … also … ach, was red ich da eigentlich? Es bleibt bei mir und fertig!“ Sie starrte mich ungläubig an. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“ dann verdrehte sie die Augen. „es ist dein Ernst. Aber warum? Es geht dich doch nichts an!“ „Beweismittel!“, schoss ich zurück. Ihre Augen verengten sich zu einem dünnen Schlitz. „Soll ich jetzt mit Diebstahl kommen? Das Foto gehört mir. Das du es hast, ist Unrecht.“ „Ich bin Polizist. Ich darf das!“ Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ihr Menschen seid schon merkwürdig …“ dann zuckte sie mit den Schultern. „Was soll’s. Dann behalt es eben.“ Sie wand sich zum Gehen und winkte mir zum Abschied über ihre Schulter. „Du kannst ja nicht ewig leben.“, rief sie mir noch zu und dann ging sie. Ich erschauderte. War das eine Drohung? Oder einfach ein rechnerisch korrekter Kommentar? Schließlich war ich mit meinen 27 Jahren weit älter als sie. Es war wahrscheinlich, dass ich zuerst starb. Ich sah ihr hinterher. Ich hätte sie festnehmen können, sollen, müssen! Aber mit welcher Begründung? Ihr war juristisch nichts vorzuwerfen. Da sah ich es!

 

Sie starrte mich ungläubig an. „Wenn ich das richtig verstanden habe“, begann sie. „Sitze ich hier, weil ich über die Straße gegangen bin?“ Ich war ihr nachgelaufen und hatte sie aufs Revier mitgebracht. Nun verhörte ich sie. „Die Ampel war rot.“ „Die Straße war frei.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Gesetz ist Gesetz!“ Sie verdrehte die Augen und stand auf. „Meinetwegen. Ich werde dafür sorgen, dass die Ampel das nächste Mal auf grün steht, einverstanden?“ Das Mädchen machte sich lustig über mich. Nein, halt! Sie meinte es … ernst? Sie war schon an der Tür, als ich aufsprang und ihr hinterher schrie, dass das nicht so einfach sei. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich schaff das schon.“ „Nein, ich meine, du kannst hier nicht so einfach wieder raus spazieren. Nicht bevor du ein Strafgeld bezahlt hast.“ Mir war zum Heulen. Ich wollte, ich konnte sie nicht gehen lassen. Aber ich konnte sie nicht festhalten. Ich hatte nichts. Kein Motiv, keinen Beweis, kein Geständnis. Die Sache mit dem Bußgeld würde in wenigen Sekunden erledigt sein. Sie würde mir das Geld einfach auf den Tisch knallen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Dabei bräuchte ich nur ein wenig Zeit!

Sie aber schaute mich nur verwirrt an. „Strafgeld?“, fragte sie. „Also `Geld´ im Sinne von … kaufen?“ Ich nickte. Das war doch offensichtlich. Sie aber schüttelte den Kopf. „Ich habe kein Geld.“ Ich wurde hellhörig. Könnte dieser Strohalm tatsächlich …? Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. „Du musst die Strafe aber bezahlen. Acht Dollar.“ „Ich habe kein Geld“, wiederholte sie. „Dann musst du die Nacht in einer Zelle verbringen“ „Was?!“ „Das ist leider unumgänglich.“ Ihre Kinnlade klappte hinunter. Sie wollte etwas sagen, schaute mich einen Augenblick lang an, schloss ihren Mund dann wieder und schaute mich noch mal an. „Eine Nacht?“, fragte sie. Ich nickte. Ich war optimistisch, bis zum nächsten Morgen etwas zu finden, was ich ihr anhängen könnte. Sie schnaufte und dann nickte sie. „Meinetwegen. Eine Nacht wird gehen.“ Ich steckte meine Hand aus. „Die persönlichen Gegenstände bitte.“ Ihre Hand glitt auf ihre kleine, braune Umhängetasche. „Das war nicht angemacht!“ „Aber das ist Vorschrift. Du bekommst sie morgen früh zurück.“ Sie sah einen Augenblick lang so aus, als würde sie mich umbringen wollen, nein, nicht nur umbringen, sie wollte mich vernichten. Doch dann reichte sie mir die Tasche, ihren Fotoapparat und einen kleinen Block mit einer Schreibfeder. „Wenn meinen Sachen irgendetwas passiert, dann gnade dir Gott.“, sagte sie noch, dann lies sie sich bereitwillig in ihre Zelle bringen. Ich jedoch sah mir ihre Gegenstände an. Die Feder schrieb nicht. Der Block war mit fremden Buchstaben beschrieben, die selbst unser Spezialist nicht entziffern konnte. Der Fotoapparat funktionierte auch nicht. Dann die Tasche. Sie maß etwa 25x25 Zentimeter. Die Handtasche einer Frau sagt bekanntlich viel über sie aus. Neugierig öffnete ich sie und schüttete sie mit einem breiten Grinsen auf den Tisch. Das Grinsen fror mir auf dem Gesicht ein. Was ich sah, war schrecklicher und grausamer als alles andere, was ich bisher gesehen hatte. Tausende Fotos, Lederhäute und noch mehr Pergamentrollen, die laut unserem Spezialisten echt antik waren und teilweise aus der Anfangszeit der Pergamente stammten, breiteten sich auf dem Tisch aus. All diese Bildnisse zeigten Leute, die auf irgendwelche Arten starben. Eine Frau wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt, ein Mann mit der eisernen Jungfrau hingerichtet. Ertrinkende, Vergiftete, Überfahrende, Strangulierte, Erstochene. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

 

„Kann ich jetzt meine Sachen haben?“, fragte das Mädchen. Ich schüttelte nur den Kopf. Es war der nächste Morgen und ich hatte die ganze Nacht kein Auge zu gemacht. Sie legte den Kopf schief und sah mich mit großen Augen an. Ihre Wut vom Vortag schien vollkommen weggeblasen zu sein. „Du siehst blass aus“, sagte sie. “Geht es dir nicht gut?“ Ich überging ihre Anwandlung und winkte einem Polizisten, der hinter uns stand. Er holte die persönlichen Gegenstände es Mädchens. „Kein Ausweis“, begann ich. „Kein Bargeld. Keine Papiere.“ Sie sah mich geduldig an. „Das dauert noch, oder?“ Ich überging sie und nahm die Feder in die Hand. „Eine Feder, die nicht schreibt.“ Sie nahm mir die Feder aus der Hand und schrieb `Ich will endlich hier raus´ auf ein Papier und schon es zu mir. Dann zuckte sie mit den Schultern und legte die Feder weg. Ich starrte einen Augenblick auf das Geschriebene, auf das Mädchen, auf die Feder und wieder zurück. Verblüfft holte ich den Block hervor. „Ein Block mit einer unbekannten Schrift.“ Ich beobachtete sie, aber sie sah mich einfach weiter an. Ich seufzte. Zu dem Block wollte sie anscheinend noch nichts sagen. Als nächstes legte ich ihren Fotoapparat zwischen uns. „Ein defekter Fotoapparat.“ Sie wurde bleich. „Du … hast ihn ausprobiert?“ Ich nickte. Daraufhin riss sie meine Hände zu sich,  musterte sie von allen Seiten, lehnte sich zu mir und schaute mir genau in die Augen. Als sie damit fertig war lies sie sich auf den Stuhl zurückfallen und atmete tief durch. Dann schaute sie mich an. „Mach das nie wieder! Du hast ja keine Ahnung, was alles passieren kann.“ Ich wurde hellhörig. „Was denn?“, fragte ich. „Keine Ahnung. Du bist der erste, der meine Kamera anfasst.“ Fassungslos starrte ich sie an. Sie zuckte nur mit den Schultern und fragte, ob sie nun gehen könne. Darauf holte ich die Bilder und schüttele sie auf den Tisch. Sekundenlang schaute sie wütender als je zuvor auf das, was ich tat. Dann fasste sie sich wieder und legte einen betont gleichgültigen Blick auf. „Was ist das?“, fragte ich. „Mein Eigentum“, sagte sie mit einer unglaublich kalten Stimme. Mir lief wieder ein Schauer über den Rücken. „Was ist das?“, fragte ich noch ein Mal. „Mein Eigentum“, sagte sie. Dieses Mädchen war dickköpfig und lies sich nicht beirren. Wäre es nicht in einer Situation gewesen, die mir zu Schaden war, wäre ich fast beeindruckt gewesen. „Fragen wir anders“, sagte ich. „Warum hast du solche Fotos bei dir?“ „Weil ihre Eigentümer sie nicht mehr brauchen. `Wenn der Vorbesitzer meine Nachricht wegschmeißt, verliert oder wegen ihres Eintretens nichts mehr damit anfangen kann, …´“ „… geht sie in deinen Besitz über, ich weiß, ich weiß.“ „Warum fragst du dann, wenn du die Antwort schon kennst?“ Ich knurrte. Irgendwie musste ich wieder Herr dieser Situation werden. Nur wie? Ich seufzte und murmelte: „Welche Frage muss ich dir stellen, um die Antwort zu bekommen, die ich von dir hören will?“ „Du willst hören, dass ich eine psychopatische Mörderin bin die man für immer einbuchten oder zum Tode verurteilen muss, nicht wahr? Diese Antwort jedoch kann ich dir nicht geben. Ich tue nur meinen Job.“ „Und deshalb bist du nicht für deine Taten verantwortlich?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt. Jeder ist für seine Taten verantwortlich. Aber die Zukunft ist veränderlich.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich selbst zeige den Menschen nur, wozu es kommen kann. Der Rest liegt in ihrer eigenen Hand.“ „Das will ich doch gar nicht wissen!“, brüllte ich. „Ich will wissen, wie ich dich ins Kittchen bekomme!“ Im gleichen Moment merkte ich, was ich gesagt hatte. Es war meine Absicht, ja, aber so würde ich es niemals sagen! Was war nur los mit mir? Das Mädchen kniff die Augen zusammen. Einen Augenblick schien sie ganz weit fort. Dann nickte sie, griff in den Berg Fotos vor ihr, zog eins heraus und reichte es mir. „Immer wieder begegne ich Menschen wie dir. Ich versuch mal etwas anderes. Hier. Das wird dir helfen, mich ins Gefängnis zu bringen. Aber halten wird es mich dort nicht.“ Ich nahm das Foto und betrachtete es. Es zeigte das Mädchen vor mir, wie es über der Leiche eines Jungen stand. „Genickbruch.“, sagte sie. „Eigentlich sollte er anders sterben, aber durch einen Unfall brachte ich ihn selbst um.“ Meine Augen leuchteten. Das war es! So konnte ich sie wegsperren. Endlich!

 

Ich starrte fassungslos auf die leere Zelle. Ich war mir sicher, dass ich sie dort hineingesteckt hatte. Sie müsste noch dort sein! Die Zelle war zugeschlossen, als ich hineingekommen war. Ich sah unter die Pritsche, aus dem Fenster, sogar ins Klo! Sie war nicht da. Irgendjemand hatte geschlurt und derjenige würde dafür bezahlen! Ich wollte gerade aus der Zelle stürzen, als mein Blick auf das Kopfkissen fiel. Das Bett war unbenutzt, aber auf dem Kissen lag etwas. Als ich näher kam lief mir ein Schauer über den Rücken. Es war ein Foto. Ich nahm es und ließ es sofort wieder fallen. Das Foto war neu! Es war bei den anderen nicht dabei gewesen. Und es zeigte mich! Ich zitterte man ganzen Körper. Ich konnte es nicht genau ansehen, aber ich drehte es und sah etwas auf der Rückseite: `Ich sagte doch, dass das Foto mich zwar ins Gefängnis bringt, aber mich nicht halten kann. Dein Zug. Viel Glück. XXX´

 

Ich weiß nicht, wie lange ich in dieser Zelle verbrachte. Irgendwann tippte mir ein Kollege auf die Schulter und meinte, dass mein Partner und ich einen Fall hätten. Ich schaute ihn glasig an. Ein Fall? Aber ich hatte den Fall des Mädchens noch nicht abgeschlossen. Irgendwie raffte ich mich doch auf und ging zu Bill. Er erwartete mich bereits vor seinem Büro. „Mensch, Harvey! Wo warst du? Ich hab dich überall suchen lassen.“ Er zeigte hinter sich. „Dort drin sitzt ein Mädchen, Jill Dunken, das noch mal über den gestrigen `Mord´ ihres Freundes reden will. Also komm.“ Ich nickte und folgte ihm. Doch das ganze Gespräch lang war ich abwesend. Es interessierte mich nicht. Es war zu viel passiert, als das ich mich jetzt mit dem Kinderkram beschäftigen konnte, den das Mädchen von sich gab. „Hey, Harvey. Was meinst du? Könnte es sich bei diesem Unfall um einen Beziehungsstreit gehandelt haben?“ Ich schaute Bill glasig an. Sollte mich das in irgendeiner Art und Weise interessieren? Da ging das rastete das Mädchen aus. Sie brüllte hysterisch herum. Bill lenkte ein, dass sie selbst gesagt hätte, dass die beiden vertraut gewesen wären. Nach einem weiteren hysterischen Anfall von Seiten des Mädchens ging Bill so weit auf sie ein, dass er fragte, ob sie das Mädchen beschreiben könne. Sie nickte. "Kleiner als ich. Vielleicht 1,60, braune Haare und grüne Augen. Sie trug Jeans und ein rosabraunes Oberteil. Sie war an sich nichts Besonderes." Ich wurde hellhörig. "Wie grün waren die Augen?", fragte ich. Bill und das Mädchen schaute mich irritiert an. Nach meiner Vorstellung war das das erste, was ich gesagt hatte. Mein Partner schien ein wenig dankbar, dass ich mich endlich beteiligte, aber auch verwirrt, wie ich es tat. Aber das war unwichtig. Wichtig war nur die Antwort des Mädchens: „Sehr grün.“

 

Das restliche Gespräch mit dem Mädchen hatte ich geführt. Ich musste mir sicher sein, dass es sich um das richtige Mädchen handelte. Ich beauftragte sogar einen Phantomzeichner, um mir wirklich sicher zu sein. Anschließend war ich es: Bei dem Mädchen, das den Freund von dieser Jill umgebracht hatte, handelte es sich um das Fotomädchen. Und bei dem Mord handelte es sich um das Foto, das das Mädchen in die Zelle gebracht hatte. Die Frage war jetzt nur, wie diese Jill mir helfen konnte, das Mädchen ein für alle Mal hinter Gitter zu bekommen. Und ob das Mädchen das einfach mit sich machen ließe.

 

Bis tief in den Abend ging ich noch mal alles durch, was ich wusste. Viel war das nicht, aber ich wälzte es so oft in Gedanken herum um vielleicht doch noch etwas zu finden, dass ich schließlich erschöpft über meinen Papieren einschlief. Am nächsten Tag hatte ich zum Glück erst nachmittags Dienst. Am Morgen weckte mich das Telefon. Verschlafen ging ich dran und verstand kaum ein Wort, von dem, was mein Kollege an der anderen Seite der Leitung sagte. Erst, als der Name Jill fiel war ich hellwach. Jill war da. Sie hatte Neuigkeiten! Ich sprang auf, schnappte mir Schlüssel und Brieftasche und sprintete das Treppenhaus hinunter zum Auto. In meiner Eile würgte ich es drei Mal ab, bis es endlich startete. So schnell es ging raste ich zum Präsidium. Und es war unglaublich langsam. Jede Ampel, der ich begegnete war rot. Nach einer Ewigkeit kam ich dann endlich beim Präsidium an. Jill wartete bereits in der Vorhalle und ich griff sie mir sofort und ging mit ihr ins Verhörzimmer. Ich musste alles wissen! Sie erzählte es mir auch bereitwillig. Das Mädchen hatte ihr aufgelauert und sie bedroht. „Sie sagte, sie würden sie bereits kennen, stimmt das?“, fragte sie. Ich bestätigte das wütend. Dieses Mädchen war grausam. Ich musste ihr das Handwerk legen. Egal wie. Dafür musste ich aber zuerst Jill auf meine Seite bekommen. „Weißt du, wie viele Menschen sie schon auf dem Gewissen hat?“, fragte ich sie und sie schüttelte den Kopf. „Ich auch nicht.“, sagte ich. „Aber ich kann bereits ihre Präsenz in etwa einem halben Dutzend Fällen beweisen.“ Sie fragte nach und ich sagte, dass ich mittlerweile sieben Fälle hätte, wo ich es beigelegen könnte. Natürlich, durch die Fotos hatte ich weit mehr Tote. Die Fälle, von denen ich redete waren nur die, die in unserem Präsidium behandelt worden waren. Und natürlich der Leserbrief, der Kerl mit dem Flügel und der ermordete Junge von Jill. „Acht“, berichtigte mich Jill. Ich schüttelte den Kopf. „Oh, den Jungen von Gestern habe ich bereits mitgezählt. Und du lebst eindeutig noch.“ Sie sah mich wütend an und knirschte mit den Zähnen. Verwöhntes Gör. „Lass das lieber. Das ist nicht gut für deine Zähne.“ Dann schaute sie noch wütender. Ich hatte echt Mühe, einen Lachkrampf zu unterdrücken. Dann machte sie irgendeinen bescheuerten Laut und machte Anstalten zu gehen. Das durfte sie nicht! Ich brauchte sie um das Mädchen zu fassen! Ich hielt sie am Arm zurück. „Mensch, Mädchen, komm wieder runter! Kein Grund zu schmollen. Du bist auf mich angewiesen. Dieses Mädchen ist clever. Wenn du dich nicht unter Polizeischutz stellen lässt, dann bist du ernsthaft in Gefahr.“ Sie murmelte etwas und sagte mir dann, dass es sich eben doch nur um ein Mädchen handelte, das vermutlich schwächer als sie selbst sei. „Mit der werde ich locker fertig, wenn sie mich ertränken will.“ Ich wurde hellhörig. „Ertränken?“, fragte ich. Statt einer Antwort knallte sie mir das Foto vor die Nase. Ich schwieg. „Ich dachte du hättest es dort gelassen?“ Sie schaute wütend zur Seite. „Es lag auf meinem Kopfkissen, als ich heute Morgen aufgewacht bin.“ Hausfriedensbruch? Super. Da hatte ich ja wieder etwas, was ich ihr anhängen konnte. Ich schaute mir das Foto an. Das Mädchen würde ertrinken. Ich schüttelte den Kopf und erklärte ihr, dass sie falsch lag. „Du unterschätzt sie. Sie beherrscht perfekt das Mentale Spiel. Sie stellt sich naiv und hat es faustdick hinter den Ohren. Sie lässt es immer wie einen Unfall aussehen und ist meist nicht einmal in der Nähe. Sie unterzieht ihre Opfer eines unsagbaren Psychoterrors. Sie vollzieht das wirklich perfekt. Ich habe noch nie mitbekommen, dass sie so dumm war und selbst Hand an ihre Opfer anlegte. Bis auf den Fall mit deinem Freund natürlich.“ Jill überging das und fragte mich, auf welche Anzahl ich die Opfer des Mädchens schätzen würde. Ich dachte zurück an die vergangenen Abende. Die ganzen Fotos. Teilweise einige Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt.  Sie konnten unmöglich alle von ihr stammen. Das Mädchen fragte erneut. Ich sah sie an. Was sollt ich antworten? Ich hatte keine Ahnung. Wenn nur ein Bruchteil der Abbildungen von ihr waren … „Es müssen tausende sein.“, antwortete ich schließlich. Und dann erzählte ich ihr meinen Gedankengang. Ich erzählte ihr von der Theorie, dass dieses kranke Benehmen bestimmt schon über mehrere Generationen ging.

Bevor ich Jill wieder gehen lies, bat ich sie, mir ihr Foto da zu lassen. Außerdem musste sie mir versprechen, Stillschweigen über die Sache zu behalten. Eine Stunde später tauchte Jill wieder in meinem Büro auf. Sich starrte sie an. „Willst du hier einziehen?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Ich will, dass Sie mich beschützen. Ich habe Schwimmtraining und muss mich auf ein wichtiges Turnier vorbereiten. Ich will, dass sie verhindern, dass ich dabei drauf gehe.“ Ich starrte sie an. „Was?“ „Wir wissen doch, was geschehen wird, also können wir es verhindern.“, sagte sie überzeugt. Ich schüttelte den Kopf. „Meinst du nicht, du machst es dir ein wenig zu leicht?“ „Zu leicht? Bestimmt nicht. Aber ich habe nicht vor, mich von meinem Leben abzuhalten, nur weil mir irgendein Mädchen Fotos gibt.“ Ich wollte ihr gerade sagen, wie bescheuert sie sich benimmt und wie dumm das ist, da fiel mir auf, dass das meine Chance sein könnte. Das Mädchen wird sich nicht nehmen lassen, Jill zu ertränken. Und wenn es so weit war, würde ich sie schnappen. Koste es was es wolle. Ich schaute Jill an. Ihre blonden Haare, ihre braunen Augen hinter ihrer Brille. Ihre dürre Figur. Koste es, was es wolle!

Eine Woche lang begleitete ich dieses nervende Gör zu ihrem Schwimmtraining. Dabei hatte ich  doch Besseres zu tun, als für ein kleines, übermütiges Kind Babysitter zu spielen. Ich war immer darauf vorbereitet, dass das Mädchen mit den Fotos auftauchen würde. Doch sie kam nicht. Am Freitag dann war dieses Turnier, von dem Jill erzählt hatte. Ich kam auch. Aber natürlich nicht um sie anzufeuern als eher das Mädchen zu finden, das es auf sie angesehen hatte. Tatsächlich! Sie war dort. Als sei nichts dabei stand sie mitten unter den Zuschauern und beobachtete Jill. Dann trafen sich die Blicke der beiden Mädchen. „Hey!“, rief ich und lenkte das Fotomädchen von Jill ab. Nun sah sie mich an. Einen Augenblick nur drängte sich jemand zwischen uns und ich konnte sie nicht mehr sehen. Ich drängte mich zu der Stelle, an der sie gestanden hatte. Sie war nicht mehr dort. Dann ertönte der Startschuss. Mit einem lauten Platscher kam Jill hart auf dem Wasser auf. Ich beobachtete es grimmig. Es war nicht wichtig. Sie würde schon klar kommen. Ich musste das Mädchen finden und festnehmen. Deshalb war ich hier. Dort war sie wieder! Ich drängelte mich weiter nach unten zu ihr hin. Wie war sie so schnell nach dort unten gekommen? Sie zeigte mit ihrer Hand auf das Becken. Als ich bei ihr angekommen war, war sie erneut verschwunden. Leise fluchte ich. Dann hörte ich einen lauten Platscher. Als ich auf sah bemerkte ich, dass das Rennen vorbei war. Alle Schwimmerinnen waren draußen. Ich sagte doch, Jill würde klar kommen. Jill?! Ich musterte die Schwimmer. Jill war nicht dabei. Erst jetzt bemerkte ich, dass Jills Trainer in das Becken gesprungen war. Jill war während des Rennens ertrunken.

 

Ich brauchte lange um mich mit dem Gedanken anzufinden, dass Jill tot war. Ich war für sie verantwortlich gewesen. Und ich hatte es nicht einmal geschafft, das Mädchen mit den Fotos zu fangen. Doch auch so war ihr Tod nicht umsonst. Denn nun wusste ich über etwas unsagbar Wichtiges bescheid: Auf dem Foto befanden sich Zeitangaben, die den genauen Todeseintritt definierten. Was die andere Angabe jedoch sollte, das hatte ich noch nicht verstanden. Ich schaute mir noch mal mein Foto an. Nach dieser neuen Erkenntnis hatte ich noch etwa ein Jahr Zeit. In einem Jahr also sollte ich erschossen werden. So zeigte es das Foto.

 

Diese Zeit nutze ich, um mich mehr und mehr über dieses Mädchen zu informieren. Ich brauchte alles, was ich kriegen konnte. Doch das war nicht wenig. Immer und immer wieder begegnete ich Menschen, die Fotos bekommen hatten. Doch ich traf sie immer erst, als es bereits für sie zu spät war. Ich wollte einem Mädchen Einhalt gebieten und kam immer zu spät. Ich konnte sie einfach nicht einholen. Niemandem hatte ich das Leben gerettet. Mehr noch, unter meinen Kollegen war ich nun als ein besessener Freak bekannt. Sie nahmen die Gefahr, die von diesem Mädchen kam, nicht ernst und machten sich über mich lustig. Jedes Mal, wenn jemand von einer Leiche hörte, die ein Foto bei sich hatte, wurde ich angerufen. Teils zum Spott, teils um mir zu Helfen. Doch es half nichts. Schließlich aber, nach einem dreiviertel Jahr sah ich endlich meine Chance gekommen. Durch eine Frau, die in einem Einkaufzentrum überrannt worden war. Als mein bearbeitender Kollege in ihrer Manteltasche ein Foto fand, rief er mich sofort dazu. Ich schaute mir dieses zerknüllte Papierstück an. Mein Herz blieb beinahe stehen, als ich darauf eine Reihe von Zahlen sah. Dann entdeckte ich noch einen Schriftzug daneben. Andrew stand dort. Nur das eine Wort. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern nahm ich mein Handy und gab die ominöse Nummer ein. Es tutete. Und tutete. Dann knackte es in der Leitung und ein genervtes „Hallo?“ ertönte. Ich machte fast einen Luftsprung vor Glück. Endliche eine Spur! Doch ich lies mir nichts anmerken. „Guten Tag, der Herr. Ist ihr Name Andrew?“ „Hmhm … Andrew Johnson. Warum? Was gibt’s? Mit wem spreche ich überhaupt?“ „Hier spricht Hauptkommissar Harvey Dimm. Ich würde Sie gerne wegen der Ermittlungen des Todes von Ivy Arrow sprechen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, heute im Laufe des Tages zum Polizeipräsidium zu kommen?“ „Was genau wollen sie? Wer ist diese Ivy? Und warum ist sie tot? Was hat das mit mir zu tun?“ „Keine Sorge, Mr Johnsen, nicht wahr? Keiner macht Sie für das Ableben dieser Frau verantwortlich, es war nicht mehr als ein Unfall, und doch bräuchten wir Ihre Hilfe, um jemanden zu identifizieren.“ Ich redete noch eine Weile auf diesen Andrew ein, bis er endlich zusagte, mit mir zu sprechen. Am darauf folgenden Mittwoch tauchte er dann bei mir im Präsidium auf. Drei Tage nachdem ich ihn darum gebeten hatte. Er war mir sofort unsympathisch. Dementsprechend verlief auch das Gespräch. Er lies sich wirklich alles aus der Nase ziehen. Es stellte sich heraus, dass er Ivy Arrow nur einmal gesehen hatte, und zwar als sie das Foto bekommen hatte. Tatsächlich kannte er auch das Mädchen mit den Fotos. Ich sagte ihm sehr bald in aller Deutlichkeit, dass ich dieses Mädchen zur Rechenschaft ziehen wollte. Zugegebenermaßen wurde ich zeitweise ein wenig laut, aber das lag eher an dem Jungen, der den Ernst der Lage nicht zu begreifen schien. Im Gegenteil weigerte er sich sogar. Dann legte ich ihm vor, was ich von dem Mädchen bekommen hatte. Die Fotos und die anderen Bildnisse brachten ihn erst einmal zum Schweigen. Ich hatte gewonnen. Er gehörte mir.

Zumindest bis er mich fragte, woher ich die Fotos hatte. „Ich habe die Fotos konfisziert, bevor sie sie wieder an sich nehmen konnte.“, antwortete ich. „Diebstahl?“, fragte der Junge zurück. Ich fühlte mich wie in der Zeit zurückversetzt. Hatte sie nicht auch so etwas gesagt? `Soll ich jetzt mit Diebstahl kommen? Das Foto gehört mir. Das du es hast, ist Unrecht.´, hallte ihre Stimme in meinen Gedanken nach. Warum reagierten sie beide so? Steckten sie ... unter einer Decke? Bisher war das Mädchen nicht mehr für mich gewesen, als ein Wesen, jemand der existierte. Aber nun … fragte ich mich zum ersten Mal, wer sie war. Hatte sie Familie? Freunde? Anhänger? War der junge Mann vor mir etwa einer ihrer Anhänger? „Konfiskation!“, setzte ich noch mal bestimmt nach.

 

Da brachte der Junge einen merkwürdigen Gedanken hinein … er fragte mich, ob es auch Überlebende gäbe. Überlebende? Menschen, die dieses Mädchen nicht getötet hatte? Bestimmt nicht. Doch Andrew ließ sich nicht beirren: „Wenn ich ihnen aber einen Überlebenden liefern würde, würden sie dann glauben, dass sie nicht gefährlich ist? Ich meine, sie bringt nur die Nachricht, nicht den Tod! Sie bringt niemanden um!“ Was bezweckte dieser Junge damit? „Und wenn ich Ihnen einen Menschen liefern würde, den sie aktiv umgebracht hat, mit Zeugenaussagen einer Nichtbeteiligten, würden Sie dann mir glauben?“, fragte ich zurück. Der Junge schüttelte den Kopf. „Dafür kenne ich sie zu gut.“, sagte er.

Es stellte sich heraus, dass er ihr bereits fünf Mal begegnet war und jede einzelne Begegnung mit ihr überlebt hatte. Dann verfiel er wieder in seine naive Behauptung, dass das Mädchen niemanden töten könne. Und ich erzählte ihm von Jill Dunken und ihrem toten Freund. Beide Opfer von diesem Mädchen. Da gab sich Andrew geschlagen und verließ den Raum. Ich hielt ihn noch einmal zurück und gab ihm meine Karte. Falls er jemals einsichtig würde und mir mehr über sie erzählen wollte. Ich war mir sicher, dass diese Runde an mich ginge.

 

Doch es vergingen Tage, Wochen und Monate, ohne dass Andrew sich bei mir meldete. Als ich im Spätsommer durch den Stadtpark ging, machte ich mir noch einmal Gedanken über den Jungen. Entweder war auch er mittlerweile tot oder er hatte sich bewusst dazu entschlossen, der Gerechtigkeit im Wege zu stehen. Er hatte sich auf die Seite dieser Verbrecherin geschlagen.

Obwohl ich in Gedanken war, hörte ich hinter mir plötzlich Schritte. An sich in einem Park nichts Außergewöhnliches, aber diese Schritte hatten eine Art, die sie mich sofort bemerken ließ. Sie schienen aus dem Nichts zu kommen und die Ansätze der Schuhe hatten einen besonderen Klang. Wo hatte ich diesen Klang nur schon einmal gehört? Ich versuchte sie zu ignorieren und gleichzeitig mich daran zu erinnern, warum sie mir so bekannt vorkamen. Doch nichts von beiden gelang mir. Immer mehr nahmen diese Schritte mich ein. Sie hatten mich bald ihren Rhythmus angepasst. Sogar mein Herzschlag war mit ihnen im Gleichklang. Plötzlich waren sie weg. Einen Augenblick lang setzte mein Herz aus. Ich merkte, dass ich selbst ebenfalls stehen geblieben war. „Harvey“ Ich drehte mich langsam um. „Wenn du weiter gehst, wirst du sterben.“

 

Eine plötzliche Wut kam in mir auf. „Willst du mir etwa drohen, Fotomädchen?“, knurrte ich. „Du solltest langsam wissen, dass ich nicht drohe. Ich sag, wie es ist. Wenn du weiter gehst, wirst du einen verdächtigen Jungen sehen und ihn ansprechen. Er wird die Nerven verlieren und eine Waffe ziehen, die du, mit deiner Ausbildung, abwenden wirst. In dem Handgemenge wird sich ein Schuss lösen.“, erzählte sie. Ich unterbrach sie: „Du lügst. Laut dem Foto, das du mir gegeben hast, werde ich heute noch nicht sterben.“ Sie aber fuhr unbeirrt weiter: „Der Junge wird sterben. Seine Leute jedoch werden dich beobachtete haben und werden dir auflauern. Bin in einer Woche bist du tot. Aus Rache erschossen.“ Mein ganzer Körper zitterte. Ich wusste, dass sie ernsthaft glaubte, was sie da sagte. „Woher willst du das wissen?“ „Ich weiß es.“, sagte sie ungerührt. „Woher?!“ „Ich weiß es.“, wiederholte sie nur. Ich verlor die Kontrolle über mich und griff nach meiner Dienstwaffe. Ich richtete sie direkt auf das Mädchen. Sie jedoch blieb vollkommen ungerührt. „Warum sagst du mir das?“, brüllte ich. „Weil du mich hasst.“ „Natürlich hasse ich dich! Du bist eine Verbrecherin!“, schrie ich weiter. Sie überging das. „Ich möchte nicht, dass du mich hasst. Ich möchte, dass du mich verstehst.“ „Ich will dich nicht verstehen! Ich will nicht verstehen, warum man Verbrechen begeht!“ Ihre Augen wurden kalt. Reiner Spott sprach aus ihnen. Dann begann sie: „Nein? Und was ist mit Hins Kinner? Du wusstest, dass er unschuldig war.“ Ich wurde bleich. „Woher weißt du das?“ „Oder mit Mail Doll. Er wurde von dir bei einem Schusswechsel erschossen. Du zeigtest keine Reue und sagtest, er sei eh ein Verbrecher geworden. Er war gerade einmal zwölf Jahre alt.“ „Hör auf!“ „Michael Dimm. Ein korrupter Betrüger und Mörder. Du ließt ihn vorsätzlich entkommen.“ „Hör auf!“ „Jill Dunken. Sie hatte dich um Hilfe gebeten und du hast sie ertrinken lassen.“ „Hör endlich auf!!“ Ich schoss! Es war ihre eigene Schuld! Sie hatte mich so weit gebracht! „Ich. Erschossen, weil ich dir das eben retten wollte.“ Ihre Stimme war nach wie vor vollkommen ungerührt. Ich öffnete die Augen. Sie stand unverändert vor mir. „Wa … ich habe doch … “ sie nickte und zeigte auf ihren Bauch. „Ja, hast du. Sehr treffsicher, für einen Menschen mit geschlossenen Augen.“ Sie spottete! Ich drückte ein weiteres Mal ab. Dieses Mal zielte ich auf ihr Herz. Ich schoss und ich traf. Die Kugel jedoch schien sich einfach aufzulösen. „Du … kannst nicht sterben?“ „Ich könnte.“, antwortete sie. Ich wurde bleich. „Wer bist du?“ Sie überlegte einen Augenblick. „Andrew nennt mich `Todesbotin´. Es ist nicht mein Name, aber seit vielen Jahren wieder eine Bezeichnung für mich. Und ich denke, das ist es auch, was ich für euch bin.“ Todesbotin … Andrew? Der Andrew? „Was hast du mit Andrew zu schaffen?!“ Sie lächelte schüchtern. „Er ist so was wie ein Freund von mir, denke ich.“ Ich knurrte. Ich hatte es gewusst. Daher war er noch am Leben. Ich hob meine Waffe ein drittes Mal und zielte direkt auf ihren Kopf. „Kann man dich verletzen?“, fragte ich. Bereits das letzte Mal hatte sie mir auf eine direkte Frage eine hilfreiche Antwort gegeben. Sie nickte. „Theoretisch schon, aber sie lassen es nicht zu.“ Ich zögerte. „Sie? Wer sind sie?“ Ich machte die Waffe bereit für den Schuss. Ihre Augen flimmerten. „Bitte, Harvey, schieß nicht noch mal. Sie würden dich nicht lassen!“ Lügnerin! Ich drückte ab! Die Kugel flog. Plötzlich blieb sie mitten in der Luft stehen und fiel mit einem leisen Klirren zu Boden. Im gleichen Moment hatte ich das Gefühl, als hätte sich eine kalte, knochige Hand um meine Kehle gelegt. Mehr und mehr rang ich nach Luft. Es war, ich müsse ersticken. Ich schaute zu dem Mädchen. Sie stand nur da, Tränen in den Augen. Ich verlor den Boden unter den Füßen und begann einige Zentimeter darüber zu schweben. Ich versuchte die Hand von meinem Hals zu ziehen, doch es gelang mir nicht. Da begann ich Schemen zu sehen. Ich dachte, ich würde verrückt werden. Einer der Schemen war hinter dem Mädchen und der andere war direkt vor mir. Ich jappste. Meine Lungen brannten. Mein Kopf wollte zerplatzen. Ich … die Schemen wurden deutlicher. Ich sah nur noch den direkt vor mir. Er hielt mich mir einer gewaltigen Kraft in die Höhe und seine wütenden Augen glühten mir entgegen. Er hob mich höher. Ich spürte den Hass in ihm. Er würde mich töten. Er würde nicht eher von mir lassen, bis ich tot war. Trotzdem klammerte ich mich an das Leben. Aber wie viel nützt einem das, wenn man dem Tod persönlich gegenübersteht, der einen auf jeden Fall haben will?

22.1.09 23:28


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Marianne Blue

Es ist nunmehr etwa acht Monate her. Ich kann mich nicht mal mehr genau daran erinnern, was eigentlich passiert ist. Es ist irgendwie so irreal. Ich meine, der Fahrstuhl war wirklich abgestürzt. Es gab Tote. Und angeblich wäre auch ich einer davon gewesen, wenn ich nicht … mein Gott, was war da nur passiert? Ich habe doch keine Ahnung, wovon ich hierbei rede? Es ist so irreal. Allein der Tag und dessen Geschehnisse. Und von dem Mädchen will ich gar nicht mal reden. Ich möchte nicht mal mehr an sie denken! Sie war … was war sie? War sie ein Traum, war sie echt? Sie kommt mir so schrecklich unwirklich vor, aber viel zu real, um ein Traum zu sein. Was war nur passiert? Aber Gott weiß, ich habe an diesem Tag weit mehr Sorgen, als eventuelle übernatürliche Fotografinnen. Meine Tochter war seit fast drei Tagen verschwunden. Sie neigt zwar dazu, hin und wieder mal Spurlos zu verschwinden, aber ich sterbe immer fast vor Sorge und wenn sie bis Abends weg bleibt. Und normalerweise wusste ich immer, wo sie war. Aber dieses Mal hatte sie es mir nicht gesagt. Ich rief bei all ihren Freundinnen an, aber niemand wusste, wo sie stecken könnte. Also ging ich zur Polizei, aber sie meinten, dass sie nichts machen könnten, bevor das Kind nicht 24 Stunden verschwunden wäre. Ich versuchte sie zu überzeugen, aber es gelang mir nicht. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, ich zählte jede Minute bis zum Ablauf der 24 Stunden und als sie abgelaufen waren, war ich wieder bei der Polizei. Doch die sagte mir, dass das nächtliche Gewitter die Suche erschweren würde. Ich befahl ihnen, endlich anzufangen und meine Tochter zu finden. Das war nun vor etwa 20 Minuten gewesen. Nun war ich auf dem Weg nach Hause um mir alles noch Mal durch den Kopf gehen zu lassen. Alles ist nass und matschig, aber die Luft ist klar und frisch, wie es nach einem Gewitter sein muss. Aber für all das habe ich keinen Sinn. Ich will nur noch meine Tochter finden. Vor einem halben Jahr hatte ich am Rande des Todes gestanden. Eine Freundschaft hatte es mich gekostet, aber ich hatte mich dafür entschieden, für meine Tochter weiter zu leben. Und nun sollte meiner Tochter was passiert sein können? Nein, ich weigere mich, das zu glauben. Und da entdecke ich sie! Sie sitzt auf einer Bank und beobachtet die Menschen, die an ihr vorbei gehen. Als sie mich erblickt, nagelt sie ihren Blick auf mich fest, mit einer Beständigkeit, die ich bereits kenne. Ich wende meinen Schritt und gehe auf sie zu. Als sie das bemerkt, lächelt sie. Wie hatte ich dieses Lächeln jemals als warm empfinden können, als gut? Es ist grausam! Grausam und gehässig. Dieses Lächeln ist das pure Böse und ich wollte es sicher niemals wieder sehen. Sie klopft mit ihrer flachen Hand auf den freien Platz neben ihr. Ich rühre mich nicht. Sie lächelt mich wieder an. „Komm“, sagt sie. „Setz dich ein wenig zu mir. Es ist interessant, den Leben anderer Menschen zu zusehen.“ „Hast du kein eigenes?“, gebe ich zurück. Aber dennoch folge ich ihrer Einladung und setze ich mich. „Jeder hat sein eignes Leben“, beantwortet sie meine Frage. „Aber die meisten Menschen finden ihr eigenes immer furchtbar langweilig, daher lassen sie für sich leben. Sie betrachten fremde Leben oder mischen sich in sie ein.“ Biest! Sie seufzt. „Du hasst mich, nicht wahr?“ Ich starre weiter auf die Passanten. „Erklärst du mir, warum?“ Nein, ich werde es ihr nicht erklären … ich weiß es nämlich nicht sicher. Warum hasse ich sie? Ich lebe doch noch! „Weil es dich gibt“, antworte ich schließlich. Sie ist sichtlich verletzt. „Du bist doch nicht normal“, fahre ich fort. „Du widersprichst allen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt. Es dürfte dich nicht geben.“ Sie nickt und sagt, dass sie das auch häufig denkt, aber ändern könne sie es auch nicht. „Außerdem bedeutet es immer etwas Schlechtes, wenn man dir begegnet.“ Sie schüttelt überzeugt den Kopf. Dann schweigen wir uns an und ich habe Zeit, zu überlegen, was ich hier eigentlich mache. Ich hasse dieses Mädchen. Warum also sitze ich neben ihr?

 

„Wie geht es deiner Tochter?“ Als das Mädchen diese Frage stellt, bleibt die Welt für einen Augenblick stehen. Was wagt sie mich, nach ihr zu fragen? Das Mädchen aber lächelt nur verträumt. „Du hattest im übrigen Recht.“, sagt sie dann. „Sie ist wirklich ein tolles Mädchen. Ich gratuliere dir zu ihr.“ Dann lächelt sie mich an. „Am schönsten ist ihr Haar. Es ist so wundervoll glatt. Alles scheint perfekt zu liegen. Bei mir hingegen …“ Sie streicht sich durch die welligen Haare. „ist nie etwas, wo es hin soll.“ Ich bin kreidebleich geworden. Es ist mir zu wieder, sie über meine Tochter reden zu hören. Aber es bedeutet etwas noch viel Schlimmeres: „Soll das etwa heißen, du kennst sie?!“ Sie nickt. „Ein reizendes Mädchen! Wir haben uns vor einer Weile getroffen.“ Ich glaube, mein Gesicht hat keinerlei Farbe mehr. Ich kann einfach nichts mehr sagen, nicht mal mehr etwas denken. Sie aber nimmt meine Hand in ihre Hände und drückt sie. „Ich wünsche euch beiden von ganzen Herzen alles Gute.“, sagt sie und ich springe auf und renne nach Hause. Dort gehe ich in ihr Zimmer. Meine Hände zittern, als ich die Türe öffne. Ich hoffe so, dass sie auf ihrem Bett liegt und mich hinaus schickt, weil ich sie bei irgendetwas störe. Ich sehe mich ein wenig in ihrem Zimmer um. Sie liegt nicht auf ihrem Bett. Voller Angst fange ich an, mir darüber klar zu werden, was ich suche. Wo kann meine Tochter das Foto hingetan haben? Wo wird sie sterben? Mein Blick streift auch ihr Tagebuch. Aber als gute Mutter übergehe ich es natürlich. Mein Blick schweift zurück zum Tagebuch. Wenn ich Recht habe, dann hat sie das Foto sicher dort hinein getan! Vielleicht kann es mir sagen, wo sie ist? Wie es ihr geht? Wie viel Zeit sie noch hat? Mit zitternden Händen schiebe ich das Tagebuch auf. Ich weiß, dass ich gerade einen Tabubruch begehe. Einen, den sie mir lange nicht verzeihen können würde. Aber wenn es mir helfen würde, sie zu finden … ich würde es riskieren. Ich würde alles riskieren. Nur um sie zu finden.

„5. April: Ich hätte nicht mehr damit gerechnet, aber der erwartete Aprilscherz ist doch noch gekommen.“ Ich zögere. Nicht, weil ich Zweifel habe, dass ich das Falsche tue, das weiß ich längst. Es ist, dass ich letztes Jahr mit meinem Neffen geredet hatte. Ich hatte ihm verboten Keith jemals wieder Streiche zu spielen. Und er hatte es anscheinend verstanden. „Ich bin zugegebenermaßen etwas überrascht, dass Collin sich dieses Jahr so viel Mühe gegeben hat. Er hat nämlich eine ganze Fotomontage gemacht und sie mir durch ein braunhaariges Mädchen geben lassen. Aber dieses Mal ist er auch zu weit gegangen. Die Fotomontage ist echt heftig, richtig überzeugend. Und sie zeigt, wie ich überfahren werde. Es ist schon sehr unheimlich. Aber ich denke, ich brauche mir darüber keine weiteren Gedanken zu machen. Sobald ich nämlich anfange es ernst zu nehmen springt er hinter dem nächst besten Busch her und brüllt mir ein `April, April´ entgegen. Wie ich das hasse!“ Ich zittert. Ein Foto? Von einem braunhaarigen Mädchen? Ich hasse den Gedanken, der sich mir aufdringt: Ich hatte richtig gelegen! Meine Tochter war diesem Monster begegnet … Ich überfliege die nächsten Tage. Es sind nur Einträge über Jungs, die sie mochte und Schulprobleme. Danach suche ich nicht mehr. „12. April: Ich gebe es nur ungern zu, aber das Foto wird mir doch immer unheimlicher. Es ist schon eine Woche her, aber Collin hat sich immer noch nicht dazu gemeldet. Mehr noch, er war zu der Zeit bei seinen Großeltern. Kann er trotzdem hinter dem Foto stecken? Ist er überhaupt in der Lage, eine derart gute Fotomontage zu machen? Ich meine, er ist zwar ein Computercrack, aber so gut … ich bin mir nicht sicher. Mehr noch, ich bin mir sogar unsicher! Und das Schlimmste ist, dass ich mir so albern vorkomme. So naiv und dumm. Und ich habe Angst, es meiner Mutter zu erzählen. Sie würde mich für vollkommen verrückt halten. Oder, schlimmer, sie würde das Foto ernst nehmen und mir alles verbieten, was auch nur annährend mit Autos in Konflikt kommen könnte. “ Wann hatten wir angefangen, uns so sehr zu entfernen? Ich dachte immer, wir seinen die engsten Freundinnen! Seit wann irrte ich mich so sehr? „17. April: So langsam habe ich das Gefühl, wirklich durch zudrehen! Ich kann nichts anderes mehr, als an dieses Foto zu denken. Es ist schon fast zwanghaft. Ist es echt? Ist es falsch? Was passiert, wenn es echt ist? Gibt es so etwas überhaupt? Ist es möglich? Ich komme mir vor, als wäre ich verrückt. Ich denke, ich muss mir wirklich langsam Hilfe holen. Ich fürchte, ich muss es riskieren und Mama davon erzählen.“ Ich weine. Warum hat sie es nicht getan? Wer hätte sie besser verstehen können, als ich? Aber wenn es so ist … warum habe ich die Veränderungen nicht bemerkt? Bin ich eine so schlechte Mutter, dass ich von alledem einfach nichts mitbekommen habe? „18. April: Ich denke, es ist nicht mehr nötig, irgendjemanden davon zu erzählen. Ich komme mir zwar irre vor, bei dem Gedanken, aber das Foto war echt. Mehr noch: Es ist sogar eingetroffen! Jetzt ist natürlich die Frage: Wie kann ich das dann jetzt noch schrieben? Die Antwort: Es ist nicht ganz eingetroffen. Ich war in der Stadt und wollte mir ein Oberteil kaufen, auf das ich es schon lange abgesehen habe, das Mama aber zu schlampig ist. Es ist ein Traumoberteil! Als ich vorher was für die Schule holen wollte traf ich auf diese neue Klassenkammeradin von mir. Sie ist an sich ein nettes Mädchen, aber wir haben nicht viel gemein. Trotzdem hab ich sie mitgenommen und wollte ihr ein wenig die Stadt zeigen, als ich … ich weiß nicht, wie das geschehen konnte, aber plötzlich kam mir dieses Auto entgegen! Ich konnte nicht reagieren, geschweige denn, ausweichen, als meine Mitschülerin, Janine heißt sie, glaube ich, mich zurückzog und mir damit das Leben rettete. Ich kann es immer noch nicht fassen. Das lag vermutlich daran, dass sie wirklich nicht so danach aussah, als hätte sie mich zurückgezogen, aber man kann sich irren. Und ich habe es Gott sei Dank getan! Das verrückte jedoch ist, dass das Foto weg ist! Es ist grau geworden. Dabei muss es genau das Foto sein! Ist das nicht unglaublich?“ Neben diesem Eintrag liegt ein Foto. Eines, wie ich auch eines bekommen hatte. Aber es ist nicht grau. Es zeige mein kleines Mädchen, wie es zusammengesunken und schwer verletzt unter einem Felsvorsprung liegt. Durchnässt und in Blut getränkt. Ich weine. Ich weine so bitterlich. Wie konnte so etwas überhaupt möglich sein? „Keith!“, rufe ich in die Stille. „Wo bist du?!“ Wie als Antwort nehme ich aus meinen verweinten Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Auf ihrem Tagebuch erscheinen plötzlich Buchstaben. Es ist sicher ihre Schrift. Ich wische mir über die Augen. Keith? Kann das sein? „Ich liebe dich, Mama“, erscheint auf der Seite. Ich fange wieder an zu weinen. „Lebe wohl. Deine Keith“ „Keith!!!!“, brülle ich. Keine Antwort. Die Schrift antwortet nicht mehr. Ich bin vollkommen alleine im Zimmer. Nur die Schrift lässt die Ahnung zu, dass es bis eben nicht so war. Ich schaue auf das Foto. 25.04.2026 8.25 Uhr. Ich schaue auf die Uhr. 8 Uhr 30. Ich werde ganz bleich und drohe das Bewusstsein zu verlieren. Das kann nicht sein! Keith! Keith! Ich haste zum Telefon und lasse mich mit der Polizei verbinden. Warum dauert das so ewig! Keith! Ich sage ihnen, wo sie nach ihr suchen müssen. Am Steinbruch, sage ich ihnen. Dann lege ich auf und versuche ein wenig durchzuatmen. Ich schaue auf meine Hände. Meine Linke hat sich um irgendetwas gekrampft. Es ist das Foto. Ich schaue es mir noch mal an und merke, wie ich wieder fast die Besinnung verliere. Das ist nicht Keiths Foto! Es ist meins. Ich bin darauf abgebildet, wie ich von einem Menschen scheinbar zerdrückt wurde. Seit wann habe ich das? Wann hatte sie es mir gegeben? Beim Händedruck? Kann das sein? Warum habe ich davon nichts bemerkt? Ich kann nichts weiter, als nur drauf starren.

 

Zwei Stunden später bekomme ich einen Anruf von der Polizei. Sie haben sie gefunden. Sie haben meine Keith gefunden. Der Polizist duckst ein wenig herum. Dann sagt er mir, dass er mir leider mitteilen muss, dass meine Tochter … das weiß ich doch! Ich weiß es! Dieses Miststück hat es mir bereits erzählt. Ich weiß es! Eine weitere Stunde später haben sie es endlich geschafft, sie zu bergen. Ich sitze neben ihr und weine bitterlich. Ich weine um meine Tochter. Mein Kind. Und ich schwöre bei Gott, wenn dieses Mädchen mir noch ein einziges Mal unter die Augen tritt, bringe ich sie um! Und doch … meine Hand gleitet in meine Manteltasche. Ich ziehe das neue Foto heraus und betrachte es sorgfältig. 26.04.2026 … grinsend stecke ich das Foto wieder weg. Ich habe eine Verabredung mit dem Tod! Dieses Mal werde ich sie sicher einhalten!

 

Es ist merkwürdig. Ich dachte immer, Keith käme ohne mich nicht klar, schließlich war sie noch elf Jahre jung, aber anscheinend war ich ohne sie eben so aufgeschmissen. Ich wollte mein Kind zurück! Oder aber sterben. Ich hatte nichts mehr.

Es vergeht ein Tag. Ich liege bis Mittags im Bett. Ich habe einfach keinen Grund mehr, um aufzustehen. Dann klingelt mein Wecker. Ich grinse, stehe auf und mache mich fertig. Wie will ich sterben? In Rock? Kostüm? Hose? Diese Gedenken haben etwas Amüsantes. Ich ziehe mir schließlich die Kleidung an, die meiner Tochter immer am Besten gefallen hat. Mit dem Gedanken „Keith … ich komme!“ wanke ich in die Innenstadt. Ich kenne das Hochhaus auf dem Bild. Ich weiß, wo es steht. Ich komme recht schnell dort an und bleibe dann einfach nur stehen. Ich betrachte die Uhr, zähle die Sekunden. Gleich! Ich stelle mich exakt dort hin, wo das junge Ding aufkommen soll. Die Frage, ob sie mich so wirklich töten kann, stelle ich mir nicht. Ich weiß, dass es geht! Sonst wäre es nicht auf diesem verflixten Foto! Ich hasse dieses Mädchen! Was sie mir angetan hat … oh! Da ist das Kind vom Foto. Sie beugt sich über das Geländer, dreht sich wieder um und scheint sich mit jemandem zu unterhalten. Ich beobachte jede ihrer Bewegungen. Schließlich verschafft sie mir Erlösung! Da! Sie lehnt sich an, das Geländer bricht, sie verliert das Gleichgewicht! Im gleichen Moment macht mein Herz einen Aussetzer und einen Luftsprung. Wie kann man so Gegensätzliches fühlen! Aber … warum fällt sie nicht! Wird sie dort festgehalten? Kann das sein? Mein Gott, ja, irgendjemand hält sie fest! Wer wagt es, mich um meinen Tod zu betrügen? Ich strenge meine Augen an und mein Herz bleibt stehen. Sie? Nein! Wie kann das sein? Wie kann sie es wagen? Tränen schießen mir in die Augen. Bitte, Mädchen, lass sie fallen. Hast du mir nicht schon genug angetan? Warum lässt du mich nicht endlich Frieden finden? Mit lauten Scheppern kommt das Teil des Geländers neben mir auf. Es hat mir ein wenig in die Haut geschnitten. Ich glaube, ich blute. Ich starre nur weiter nach oben. Scheinbar mit absoluter Leichtigkeit wird das Kind wieder hinauf gezogen … fort von mir. Soll das bedeuten, dass ich leben muss? Lange Zeit starre ich nur fassungslos hinauf. Dann kommt das Kind wieder an den Rand und blickt nach unten. Warum hat sie das getan? Warum hat sie es nicht getan? Kann es das Mädchen gewesen sein, die das Kind wieder hinaufgezogen hat? Die Schiebetüren weichen auseinander und heraus tritt der baunhaarige Teufel. „Warum hast du das getan?“, frage ich sie. Meine Zähne sind zusammengebissen. Sie sieht mich verwirrt an. „Warum hast du meine Keith sterben lassen und mir das Leben gerettet? Warum hast du die da oben gerettet?“ „Gar nichts habe ich! Und ist es so ein Leid, zu leben?“ „Meine Tochter ist tot!“ „Du aber lebst! Ich weiß, es ist nicht alles, aber für den Anfang muss es doch reichen  können.“ „Meine Tochter ist tot!“ „Aber …“ „Meine Tochter ist tot!“, brülle ich. Nun schweigt sie und macht nichts anderes, als mich anzusehen. „Wie kann dir das egal sein?“, brülle ich sie weiter an. „Wie kannst du deshalb sterben wollen? Meinst du wirklich, dass sie das wollen könnte?“ Ich nehme sie an ihren Schultern und schüttle sie. „Was weißt du schon über sie? Was weißt du schon über sie? Sprich nicht von ihr! Du weißt nichts! Gar nichts!“ Ich fange an sie zu schlagen. Wie kann es sein, dass sie sich heraus nimmt, von meinem Kind zu sprechen? Es steht ihr nicht zu! Es steht ihr nicht zu! Es steht ihr nicht zu!! Sie lässt es beschwerdelos über sich ergehen. Ich hasse sie! Ich hasse sie so sehr!

 

„Mein Bruder hat es mir erzählt.“, sagt sie nach langem Schweigen. Ich klammere mich an ihre Kleider um den Halt nicht zu verlieren. Warum glaube ich noch, dass ihre Worte mir Linderung verschaffen könnten? „Sie wollte nicht mit ihm gehen.“, fährt sie mit sanfter Stimme fort. „Sie wollte zu dir, dir sagen, wie sehr sie dich liebt und vermisst. Sie wollte dir sagen, wie leid es ihr tut. Marianne, sie wäre für dich eine Ruhelose geworden.“ „Eine Ruhelose?“ „Sie hat dich aufrichtig und über alles geliebt.“ Ich zittere vor Schmerz, Wut und Trauer. Bevor ich weiß, was ich tue, lehne ich an ihr und weine an ihrer Schulter allen Schmerz hinaus. Sie lässt alles über sich ergehen. Sie streicht mir sanft über das Haar. Und mir fehlt einfach die Kraft, mich zu wehren. Ich weine mich aus. Bei einem Mädchen, das ich über alles hasse. Weil sie mich am Leben gelassen hat. „Du liebst sie doch auch, nicht wahr?“, fragt das Mädchen. „Willst du ihren Tod dann so wenig zählen lassen?“ Ich schaue mit Tränen in den Augen zu ihr auf. „Ich habe lernen müssen, wie wenig ein Menschenleben für die Gemeinschaft zählt. Es gibt immer nur wenige Menschen, denen ein bestimmtes Leben wirklich etwas wert ist.“ Ich zittere wieder vor Wut. Wie kann sie es wagen?! „Keiths Leben interessiert die Welt nicht. Ihr Tod interessiert sie nicht. Aber dich interessiert es. Und es liegt an dir, wie lange sie noch lebt.“ „Sie ist tot …“, presse ich hervor. Das Mädchen lächelt und beugt sich etwas zu mir. „Ich weiß, es scheint ein Klischee, aber sie ist nicht tot, so lange sich jemand an sie erinnert. Und stirbst du, wer erinnert sich dann noch an euch?“ Ich sah sie lange an. Ich lies diesen Satz tatsächlich auf mich wirken. Er drang tief in mich ein. „Meinst du, dass Keith so lange lebt, wie ich mich an sie erinnere?“ Sie nickte. „Aber … wäre sie nicht lieber bei mir?“ Sie legt mir ihre Hand auf die Schulter. „Marianne. Sie wäre für dich ewig auf der Erde geblieben. Weit länger, als du leben kannst. Für sie ist es nun nur ein Augenblick, bis du ihr folgst. Egal, wie lange du lebst. Und egal, wie sehr sie dich liebt, sie würde niemals von dir verlangen, ihr in den Tod zu folgen.“ Ich nicke. Das würde sie nie verlangen. Das hätte nichts mit Liebe zu tun. Egoismus wäre das. Und ist es nicht auch das, was mich treibt, um zu ihr zu kommen? Sie ist dort, wo sie mich nicht mehr bracht. Ich brauche sie. Ich will bei ihr sein. Ich tu es nicht für sie, sondern für mich. „Ich vermisse sie so …“, flüstere ich. Das Mädchen nickt wieder. „Das wird sich nicht ändern. Aber du kannst versuchen, dein Leben trotzdem weiterzuleben. Wenn schon nicht mit ihr, dann wenigstens für sie. Und für dich.“ Ich sehe dem Mädchen in die Augen. Ich weiß nicht, ob sie die Wahrheit sagt, oder ob sie wieder lügt, aber ich möchte ihr glauben. Ich stehe auf und schaue sie an. „Ich mag dich immer noch nicht.“, sage ich. Das Mädchen lacht. „Das brauchst du auch nicht. Wirklich nicht. Es reicht, wenn du über das nachdenkst, was ich dir gesagt habe. Und wenn du dich für das Leben entscheidest, ist das mehr, als ich mir wünschen kann.“ „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“, gestehe ich. „Magst du es versuchen?“ Ich nicke. Sie lächelt: „Das reicht vollkommen.“ Dann grinse ich. „Aber ich versuche es nur so lange, wie du aus meinem Leben verschwindest!“ Sie lacht, nickt und schüttelt meine Hand. „Kein Problem!“ Ich schaue sofort auf meine Hand. Diesmal ist kein Foto drin. Sie lacht wieder, dreht sich um und geht. Sie winkt mir noch einmal und dann verschwindet dann endgültig aus meinem Leben.

11.1.09 23:56


Kassandra Pet

Nimmst du dir vielleicht ein wenig Zeit für mich? Ich möchte dir gerne etwas erzählen. Meine Geschichte ist nicht lang. Aber sie ist voll mit Situationsironie und verpassten Chancen. Vielleicht liegt es an meinem Namen? Kassandra. Im alten Griechenland war diese meine Namensgeberin eine Unglücksbotin. Es heißt, sie sagte Überflutungen und Erdbeben voraus. Was immer Menschen dahin raffte, sie hatte davon bereits gesprochen. Nein, dieser Name bringt kein Glück. Nicht einmal der Trägerin. Niemandem.

 

Was meine Eltern sich wohl dabei gedacht hatten? Kassandra Maria Pet … eine ungeschicktere Namenskombination gibt es wohl nicht. Maria, der Name der heiligen Mutter und Kassandra als Name der frevelhaften Gottlosen. Trotzdem hoffte ich lange Zeit, dass sich die Bedeutungen und Schicksale dieser Namen vielleicht aufheben mögen, damit ich ein wenigstens einigermaßen normales Leben führen könnte … doch danach sah es nicht aus.

Immer wieder wurde ich verletzt und enttäuscht. Und selbst die schönsten Augenblicke konnte ich nicht genießen, ohne Angst vor etwas zu haben, was danach kommen würde. Zum Beispiel mein 18. Geburtstag - endlich volljährig und kurz vorm Ausziehen. Bevor ich wusste, was geschehen war, war mein Vater bei einem Autounfall gestorben. Und meine Mutter hatte ich nie kennen gelernt. Ich wurde zu einer Tante verfrachtet, die mich ziemlich deutlich spüren ließ, dass ich unerwünscht war. Ich zog aus und lies sie weit hinter mir zurück. Ich brach die Schule ab, suchte mir einen Job, dann einen Ausbildungsplatz und eine kleine Wohnung. Ich brach alle Kontakte ab und zog mich in meine Welt zurück um nicht wieder verletzt zu werden. Ich war allein. Und trotzdem hoffte ich, es irgendwie hinzubekommen.

 

Ich hatte mir früher oft überlegt, was einmal aus mir werden sollte und ich war sicher: Ich wollte unbedingt Architektur studieren! … auch, als ich hinter der Bäckereitheke stand, tat ich überzeugt, dass ich diesen Wunsch eines Tages wahr machen würde: Ich würde Architektin werden!

Doch die Jahre vergingen und ich fand den Weg nicht. Ich sollte es nicht schaffen. Und irgendwo, tief in mir, wusste ich das auch. Es war kein gutes Leben, das ich führte. Sicher nicht. Und es gab so wenig, was mir Freude machte. Und doch schien mein gesamtes Leben auf diesen einen Moment hinzuführen, wo dieser eine Mensch in die Bäckerei kam, in der ich arbeitete.

 

Als erstes fielen mir die zärtlich-scheuen blauen Augen auf, die unter den braunen Haaren hervorguckten. Es schloss sich ein Traumkörper in einer vornehmen Verpackung an. Wir verstanden uns auf Anhieb. Und doch bestellte er nichts weiter als ein mit Käse belegtes Brötchen, einen heißen Milchkaffee zum mitnehmen und fünf Quarkinis. Sonst sprach er kaum ein Wort. Trotzdem fühle ich mich von ihm angezogen und freute mich unglaublich, als er am nächsten Morgen wieder vor der Theke stand. Seit dem kam er regelmäßig und ich konnte es kaum erwarten. Und doch sprach er so wenig wie am ersten Tag. Irgendwann sogar weniger, denn ich brauchte nur wenige Tage um mir sicher zu sein, dass er immer das Gleiche bestellen würde. Und irgendwann hatte ich schon fast die Tüte gepackt, als er zur Türe hinein kam.

Aber er lud mich nie ein. Er sprach auch nicht viel mit mir, sondern bestellte einfach nur sein Essen und zog wieder ab. Ich hingegen musste immerzu an ihn denken. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm nicht so ginge wie mir. Es war dieses deutliche Gefühl, dass wir zusammen gehören. Das musste er doch auch fühlen.

 

Und doch schien er weiterhin nichts unternehmen zu wollen, um unsere geschäftliche Beziehung auf eine neue Ebene zu heben. Mir hingegen reichte es! Ich wollte das ändern! Als steckte ich ihm eines Tages heimlich einen Zettel in die Tüte. Eigentlich wollte ich ihn dem ja mitsamt den Kassenbon geben, aber als ich mir das vorgenommen hatte, meinte er anscheinend, den Bong nicht mehr zu brauchen. Also lies ich meinen kleinen Zettel einfach mit in die Tüte fallen.

 

Als er das erste Mal kam, war ich unglaublich gespannt. Doch er verlor kein Wort darüber. Er bestellte nur wie immer und bezahlte. Ich fing schon an, zu glauben, dass er den Zettel gar nicht bekommen hatte. Doch da fiel mir der Zettel auf, der zwischen dem Geld lag. Ich grinste leise in mich hinein, sortierte das Geld in die Kasse, steckte den Zettel ein und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Er lächelte, nickte, und ging. Kaum aber hatte er mir den Rücken zugedreht, riss ich den Zettel weder hervor und las ihn. Die anderen Kunden konnten warten! Ich hielt es vor Spannung nicht mehr aus! Auf dem Zettel stand: „Ich würde mich sehr freuen, mit Ihnen aus zu gehen. Ich hoffe, Donnerstag ist Ihnen recht. Ich werde ab 19 Uhr im Cafe Calladium auf Sie warten. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich Sie dort antreffen werde!“ Ich machte einen Luftsprung vor Glück und Freude. Fast einen Meter in die Luft. Egal, was an diesem Donnerstag geplant war, es wurde definitiv verschoben! Jetzt musste ich nur noch herausfinden, wo genau das Calladium lag …

 

Das Calladum war ein Cafe, eher ein Restaurant, in der vornehmsten Gegend. Ich kam mir sehr fehlplaziert vor, denn ich gehöre einfach nicht zu den Menschen, die sich in derartigen Cafes etwas leisten kann. Doch dann entdeckte ich ihn, George, und meine Angst, meine Bedenken und meine Zweifel waren wie weggeblasen. Er gehörte hier her. Und ich gehörte zu ihm.

Die Zeit mit ihm war einfach traumhaft. Wir verstanden uns tatsächlich wunderbar, sogar noch besser als zunächst erwartet. Und noch bevor der Abend um war, hatten wir uns zu einem weiteren Treffen verabredet. Dann zu einem dritten. Zu einem vierten. Es hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann waren wir fast täglich zusammen. Er brachte Licht in mein einsames Leben.

Mit ihm fühlte sich alles richtig und gut an. Und ich brauchte Abwechslung in seine Tage.

Bald wurden wir zu einem festen Paar und irgendwann zogen wir auch zusammen. Die benimmlose Weise und der erfolgreiche Unternehmer. Viele meinten, dass wir nicht zueinander passten. Ich war manchmal auch darunter. Ich hatte das Gefühl, ich würde ihn und mich blamieren und er müsse sich doch für mich schämen. Oder er könnte denken, dass ich nur wegen seinem Geld mit ihm zusammen war. Aber wann immer ich anfing, mich von ihm abzugrenzen und vor Angst fliehen wollte. Wann immer mir solche Gedanken in den Kopf schlichen, war er da. Er nahm mich in den Arm und hielt mich ganz fest. Dann wusste ich immer, dass alles richtig und gut war. Nichts konnte mich in solchen Momenten daran zweifeln lassen.

 

 

Ich genoss die Zeit mit ihm. Er bot mir eine Seite des Lebens, die ich niemals gekannt hatte. Er beschenkte mich, nahm mich mit in den Urlaub. Und schließlich kam der Tag, an dem er mir Frühstück ans Bett brachte. Das hatte er zwar schon einige Male gemacht, aber dieses Mal war es wirklich besonders. Zu unserem dritten Jahrestag, wie er sagte. Das Brötchen hatte er schon aufgesägt, Marmelade und Käse standen auch dort. Und warmer Kaffe und Butter. Ich grinste ihn an und meinte, dass er die Brötchen hoffentlich bei uns im Laden gekauft hatte. Er lachte. Dann nahm ich die obere Hälfte vom Brötchen und starrte auf einen Zettel. Ich faltete ihn auf und es fiel ein Wahnsinns Ring heraus. Auf dem Zettel aber standen nur diese vier Worte: „Willst du mich heiraten?“

 

Einen halben Monat später, begannen wir mit den Hochzeitsvorbereitungen. Und mit der Planung unseres Halbjahresurlaubes. Denn er fuhr immer zwei Mal im Jahr mit mir in den Urlaub. Diese Mal sollte es in die Alpen gehen. Ein Traum für mich. Ich ging an dem Tag ein wenig shoppen. Ich brauchte noch einen Schneeanzug, Skier, Dessous … alles, was man für einen kalten Winterurlaub mit seinem Verlobten eben braucht. Nach getaner Arbeit setzte ich mich in ein nettes, kleines Cafe und genoss einen heißen Tee. Das war der Moment, an dem ich sie traf. Sie setzte sich mit einem kleinen Gruß zu mir an den Tisch. Ich dachte, ich seh nicht recht. Aber sie quatschte mich einfach voll, schon mir einen Zettel zu und wollte wieder gehen. Als letztes sagte sie nur: „Fahr nicht in die Alpen. Denn so, wie jetzt, kommst du nicht mehr zurück.“ Ich lachte und fragte, wer sie sei und ob sie eine neumodische Kassandra sei. Daraufhin sah sie mich einen Augenblick lang irritiert an und sagte etwas, was ich wohl niemals vergessen werde.

 

Als sie weg war, wollte ich den Zettel lesen. Aber es war keine Nachricht, es war ein Bild. Es zeitige mich, umgeben von … nichts! Reinem, weißen, Nichts. Ich drehte das Bild wieder um, gezahlte und ging. Doch auch, wenn ich mit dem Bild nichts anfangen konnte, so gingen mir ihre Worte nicht aus dem Kopf … ich würde nicht so wie ich in die Alpen gegangen war zurückkommen. Was das wohl bedeuten sollte? Es war etwas Unheilvolles, Bedrohliches in ihrer Voraussage. Doch was sollte es heißen?

 

In der Nacht lag ich lange wach und als ich endlich eingeschlafen war, jagte mich ein Alptraum, bis ich schreiend hochfuhr. George schaute mich verschlafen und verständnislos an. Ich konnte nichts sagen, ihm nicht dabei helfen, zu verstehen. Ich konnte ihn nur darum bitten, nicht in die Alpen zu fahren. Ab dem Moment war George hellwach und fragte mich, warum. Ich erklärte ihm, dass etwas Schreckliches dort geschehen würde und erzählte ihm von dem Mädchen und von dem, was sie gesagt hatte. Er aber schaute nur verständnislos und legte dann seinen Arm um mich. Er küsste mich und sagte: „Das kann so vieles bedeuten, nicht nur Schlechtes!“ Bei den Worten küsste er mich meinen Körper hinab, bis er an meinem Bauch angekommen war. Dort sah er vielsagend zu mir hinauf. Allein mit diesem Blick zerstreuten sich alle Sorgen und Zweifel. Wenn dies die Verheißung war, so würde mich garantiert nichts davon abhalten können, in die Alpen zu fahren!

 

Erst am Flughafen kamen die Zweifel zurück. Und zwar mit einer gigantischen Wucht. Was, wenn diese Voraussage doch so düster war, wie ich es vermutet hatte? Was, wenn mir etwas im Urlaub zustoße? Doch als ich George fragte, nahm er mich nur in den Arm und küsste mich. Dieses Mal jedoch reichte es mir nicht. Es war sogar unangenehm. Es war, als wäre er der Überzeugung, dass sich alle meine Probleme mit einer simplen Umarmung lösen ließen! Doch das war nicht so. Ich hatte wirklich Angst! Und ich hatte das Gefühl, er würde das nicht ernst nehmen. Er lächelte auf mich hinab und versprach mir, persönlich auf mich acht zu geben. Und dann versprach er mir, dass er mich, wenn er mich aus den Augen verlöre, alle Viertelstunde anrufen würde. Schließlich habe er mir dafür ja auch das Handy geschenkt. Das beruhigte mich wieder ein wenig. Denn bisher hatte er all seine Versprechen gehalten. Also flog ich mit ihm in die Alpen.

 

Anfangs lief alles gut. Wir wichen einander nicht eine Minute von der Seite, und falls ich doch einmal eine andere Bahn nahm, als er und wir so getrennt wurden, rief er mich auf die Sekunde genau nach fünfzehn Minuten an. Ich ging ran und wir wechselten ein paar liebevolle Worte. Es schien alles gut zu sein. Und doch war es die bescheuertste Idee, die ich jemals gehabt hatte!

 

Meine Geschichte ist fast zu Ende. Denn ich befinde mich in einem Eisklopps. Ich weiß nicht einmal mehr genau, wie das gekommen ist. Ich war mir George auf der Piste. Er fuhr, ich sagte, ich traue mich die Strecke nicht. Er meinte, er würde unten bei den Lifts auf mich warten oder mich dann in einer Viertelstunde anrufen und fuhr los. Ich sah ihm nach, fuhr zu einer anderen Piste, verlor irgendwie die Kontrolle über meine Skier, fuhr durch den Wald, wobei es reines Glück war, dass ich gegen keinen der Bäume fuhr, bis ich an einen unglaublich steilen Hang kam. Egal, wie sehr ich es versuche, es gelang mir einfach nicht, stehen zu bleiben.

Dann, endlich, im Schnee des steilen Hanges, wurde ich langsamer, bis ich schließlich stehen blieb. Unter mir bröckelte etwas Schnee und machte sich auf seinen tiefen Weg nach unten. Doch durch mein gewicht bildete sich eine Kuhle im Schnee, die immer wieder nachrutschte. Und plötzlich rutschte der halbe Berg nach. Bevor ich mich versah, war ich umgeben von kaltem Schnee. Ich versuchte noch irgendwie über dem Schnee zu bleiben, doch er drückte mich gewaltsam herunter. Ich ertrank in einem weißen Meer von Nichts.

 

Nun, genau genommen, bin ich nicht ertrunken, sondern nur darin versunken. Aber das macht die Sache kein Stück besser. Ich bin nun schon eine halbe Ewigkeit hier eingeschlossen. Ich friere, als wäre ich am Nordpol. Und zwar nur im Bikini. Es ist schrecklich. Da! Mein Handy klingelt. George! Ich müsste ran gehen, ihm sagen, wo ich bin, dass er mich hier raus holen soll. Aber ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht heran gehen. Oh, Gott, bitte, lass ihn nach mir suchen! Wenn ich nicht dran gehe, muss er sich doch Sorgen um mich machen. Bitte, Gott, lass ihn nach mir suchen!

 

Zehn Minuten später klingelt mein Handy wieder. Fünf Minuten. Er ruft immer und immer wieder an. Spinnt er? Wenn ich einmal nicht drang gegangen bin, weil ich in einer Lawine stecke, werde ich das zweite Mal wohl auch nicht dran gehen. Und das dritte Mal auch nicht. Er sollte mich lieber suchen! Denn ich kann nicht ans Handy gehen. Aber wenigstens sorgt er sich wirklich um mich. Ich wäre wirklich seine Cinderella gewesen, nicht wahr? So, wie sie mich begrüßt hat, nicht wahr? „Hallo Cinderella“, hatte das fremde Mädchen doch gesagt. Ja, Cinderella. Die Weise, die ihren Prinzen findet und mit ihm für den Rest ihres Lebens glücklich ist. Ich bin plötzlich wieder zurück an jenem Tag, an dem ich ihr begegnet bin. Es ist, als würde ich uns beobachten. Ich hätte ihr zuhören sollen! Sie hat so viele Dinge gesagt, die mir hätten helfen können. „Träume sind schön, doch man darf nicht den Fehler machen, und über diese die Augen zu verschließen.“ Ich hätte auf mein Gefühl trauen sollen. „Er liebt dich und er würde dich um jeden Preis suchen. Doch er ist ein Mann! Er käme zu spät. Eine halbe Stunde zu spät!“ Ich zittere. Hat sich mein Schicksal in dem Moment entschieden, in dem ich in dieses Flugzeug stieg? Plötzlich schaut sie mich genau an. Mich, die die ich jetzt bin, die, die beobachtet, die nicht in dieser Erinnerung lebt! Wie kann das sein? Doch sie schaut mit genau in die Augen. Sie sieht mich. „Doch er hatte auch Recht. Du bist …“ Sie legt ihre Hand auf meinen Bauch. Eine andere Erinnerung blitzt kurz auf. Wie er meinen Bauch küsst und mich anblickt. Ich bin … schwanger? Dann bin ich wieder in der alten Erinnerung. Wie ich sie zurückrufe und sie frage, ob sie eine neumodische Kassandra ist. Sie schaut mich überrascht an. „Warum neumodisch? Ich bin die älteste Kassandra. Mit mir hat der Fluch dieses Namens den Anfang genommen!“

 

In dieser Erinnerung verbringe ich meine letzten Sekunden. Ich fliehe vor dem Schmerz und der Kälte, die mich in der Realität überwältigen. Ich merke nicht, wie der Schnee sich bewegt, wie Menschen sich langsam auf mich zu arbeiten. Sie arbeiten schnell. Aber nicht schnell genug. Sie werden mich nur noch tot bergen können. Denn ich gebe das Leben auf. Eine halbe Stunde zu früh! Ich gebe auf.

22.12.08 13:12


Melissa Turner

Das eigentliche neue Kapitel wurde - aufgrund geschichtsinterner chronologischer Prombleme - mit dem Kapitel des 22.06.08 vertauscht.

Meine lieben Hinterbliebenen,

ich weiß, mein Tod hat euch sehr getroffen, denn ich sah, wie ihr bei meiner Beerdigung Meere aus wahren Tränen weintet, aber ich möchte euch beruhigen. Es gibt keinen Grund, um mich zu trauern. Ich hatte ein schönes Leben. Ein kurzes zwar, doch sehr erfüllt. Und mein Tod, auch, wenn es euch wie ein Unfall vorgekommen mag, war meine eigene Schuld, denn ich wusste bereits zuvor, dass ich an jenem Tag auf jene Weise sterben würde. Davon möchte ich euch in diesem Brief erzählen.

 

Es begann damit, dass ich dieses Mädchen traf, Miraluna, wie ich später erfuhr. Sie schien so brav und lieb, ich hätte nie gedacht, dass sie derartige Nachrichten verbreitet, doch so war es. Ich traf sie im Park, als ich ein wenig frische Luft schnappen wollte. Alexa wird sich noch daran erinnern, denn sie sagte, dass ich an jenem Tag bleicher gewesen sei, als ich wieder gekommen war (für alle, die es nicht wissen: Alexa ist meine Mitbewohnerin und -studentin. Die mit den wahnsinnig langen Haaren.) Ich habe ihr nie erzählt, was genau geschehen ist, weil es mir zu unwirklich und unnatürlich war, aber das möchte ich nun nachholen. Das Mädchen kam mir im Park entgegen und als sie an mir vorbei ging, war irgendetwas, was mich dazu brachte, mich zu ihr umzudrehen. Sie stand schon mir zugewandt und beobachtete mich. Einige Zeit, es kam mir ewig vor, standen wir nur da und schauten uns an. Dann begann sie zu sprechen. „Melissa“, sagte sie. „Ich muss dir etwas geben.“ Ich drehte mich vollends zu ihr um und starrte sie ungläubig an. Ich hatte ihr Gesicht noch nie gesehen, das wusste ich. Dann kam sie auf mich zu und gab mir ein Foto. Erstaunt sah ich es an. Es zeigte mich, blutüberströmt in einem dunklen Keller. Als ich aufsah, um sie zu fragen, wer sie sei und was das wäre, war sie bereits verschwunden. Lange machte ich mir Gedanken über sie. Wer sie war, was sie tat, was das Foto bedeutete. Doch bis kurz vor meinem Tod blieben diese Fragen unbeantwortet. Ebenso machte ich mir lange, auf Kosten meiner Leistungen beim Studium, über das Mädchen Gedanken. Aber ich kam nicht zum Schluss und drehte mich immer nur im Kreis. Sei sie eine Außerirische, der Todesengel, jemand aus der Zukunft, eine Hexe? Was bedeuteten die Fotos, warum sagte sie es nicht einfach? Hätte ich es geglaubt, wenn sie es mir gesagt hätte? Glaubte ich ihr nach dem Foto? Das Foto. Nach einer Woche fand Jenna (Mitbewohnerin mit den kurzen Haaren) das Foto. Was sie an meiner Unterwäscheschublade wollte lassen wir mal beiseite, aber dadurch wurde sie meine Vertraute in der Sache. Sie schwor, niemandem davon zu erzählen, was wir besprachen, aber nun, Jenna, erlaube ich dir diesen Schwur zu brechen. Ich bin tot, es ist zu spät um etwas zu ändern, daher dürfen sie auch alles erfahren. Wie wir uns nächtelang darüber den Kopf zerbrochen haben, was das Foto bedeuten würde, wann es so weit wäre und wo es wäre. Ich denke, das interessiert einige, aber in diesem Brief möchte ich das nicht ausführen.

 

Etwa ein Monat war vergangen, bis ich dann starb, und das möchte ich euch gerne erklären. Es war ja recht warm und ich war wieder auf einen Spaziergang. Dieses Mal in dem Stadtnahen Wald. Dort sah ich einen kleinen Fuchs. Füchse sind in unseren Wäldern eigentlich ziemlich selten, zumal bei Tag. Und oh, Füchse sind unsagbar niedlich. Ich folgte ihm inner tiefer in den Wald, bis in die Nähe eines Flusses. Dort knarrte es unter meinen Füßen und bevor ich wusste, was geschah war ich durch eine Decke in einen Schacht oder so etwas gefallen. Eine alte Miene, nehme ich an, oder ein sehr kleines, altes Gebäude, das verschüttet war. Verschüttet, hoch und ohne einen anderen Ausgang, als durch den ich hineingefallen war. Doch um dort wieder heraus zu kommen, dafür war ich zu klein. Was mich natürlich in keinster Weise davon abhielt, es zu versuchen. Doch zuerst lag ich einige Minuten bewusstlos auf dem Boden. Ich war hart aufgeschlagen. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich verständlicher Weise Kopfschmerzen, und nach und nach bemerkte ich auch die anderen Wunden, die ich hatte. Als ich durch die decke gefallen war, hatte ich mir viele Holzsplitter zugezogen. Die größten von ihnen zog ich mir hinaus. Eine ziemliche Leistung für jemanden wie mich, der bekanntermaßen nicht einmal eine Impfung bekommen will.

 

Ich entschloss mich, die Splitter und die Schmerzen zu vergessen und zu versuchen aus der misslichen Lage heraus zu kommen. Ich schaute mich um, doch fand nichts als Geröll um mich herum, dass ich unmöglich wegschaffen konnte. So blieb der einzige Weg nach draußen der, der sich etwa vier Meter über mir befand. Vielleicht auch drei, ich bin nicht gut im Schätzen, auf jeden Fall war es für mich sehr hoch. Ich versuchte es mit strecken, springen, klettern und mit einer Konstruktion, die vielleicht an eine Leiter erinnerte. Es war nichts von Erfolg. Als ich nach oben kletterte, es war mein letzter Versuch, rutschte ich auf halben Weg ab und fiel hart auf den Boden. Erneut verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, saß jemand neben mir auf einen Stein und beobachtete mich. Habe ich mich gefreut! Aber es war nur von kurzer Dauer.

 

Ich raffte mich auf und reichte ihm fröhlich die Hand, begrüßte ihn. Er aber beobachtete mich nur und sagte kein Wort. Mir wurde ein wenig schwindelig, aber ich fing mich wieder und legte meinen Kopf schief. Er schüttelte seinen und sagte, ich solle das nicht machen. Ich überging das und sagte ihm, wie ich mich freuen würde, dass er da sei, denn so könnten wir es hier heraus schaffen. Er schüttelte erneut den Kopf. „Sicher nicht. Ich bin dir keine Hilfe. Siehst du?“ Damit schlug er mich auf die Schulter. Ich zuckte zusammen, aber der erwartete Aufprall blieb aus. Stattdessen ging seine Hand durch mich hindurch. Ein Geist, war mein verständlicher Gedanke. Ich verzog mich also in die hinterletzte Ecke der Höhle. Er schaute mich verständnislos an. „Seid ihr Menschen immer so?“ Ich legte wieder meinen Kopf schief. „Um Gottes Willen, Lass das endlich!“, schrie er. Ich zuckte zusammen und stellte meine Frage, wie lange er schon ein Geist sei, hinten an und fragte stattdessen, warum. Die Antwort überraschte mich. Er sagte mir, er sei gar kein Geist, zumindest in dem Sinne, sondern der Todesengel. Nichts, was meine Laune oder meine Angst auch nur in kleinster Weise verbesserte. Ich saß mit dem Todesengel gefangen in einer kleinen Höhle aus Erde und Holz und wartete anscheinend darauf, dass er mich mitnahm.

 

Aber diese Zeit nutze ich, da ich ja nicht entkommen konnte,  recht sinnvoll: Ich fragte ihn aus. Und das werde ich nun auch etwas genauer erzählen, damit auch ihr, meine Hinterbliebenen, dieses Wissen habt. Ich erfuhr zum Beispiel, dass er bei einem normalen Menschen unsichtbar wäre. Bei Menschen wie mir, die in Kürze sterben, war er sichtbar, aber nicht stofflich, und je näher mein Tod rückte, desto stofflicher wurde er. Sinngemäß. Wörtlich sagte er etwas wie „desto mehr gleichen sich die Zustände der Menschenseelen und meines Selbst einander an, bis wir uns auch berühren können und ich damit die Seele und den Körper trennen kann und ersteres mit mir mit führe.“ Wir schwiegen eine Weile. „Du wartest jetzt also mit mir darauf, dass ich sterbe, stimmt das so? Machst du das öfter?“ Er nickte. „Normalerweise nehmen mich die Menschen aber später wahr als du. Wärst vermutlich ein gutes Medium.“ Ich überging das. Erstmal. Nach einer Pause kam ich doch darauf zurück. „Könnte sein. Ich habe nämlich neulich einen Geist gesehen, der mir gesagt hat, dass ich sterben würde.“ Er lachte. Es war ein herzhaftes Lachen, wie es es in dieser Welt wohl kaum noch gibt. „Wie kommst du darauf, dass sie ein Geist ist? Sie ist ein Mensch. So wie du.“ Nach einer Pause fügte er noch „Na ja, zumindest so ähnlich.“ hinzu. Ich fragte ihn, ob er das Mädchen kenne und beschrieb es mit einigen Worten. Er nickte. „Natürlich kenne ich sie. Sie ist meine Schwester.“ Ich schwieg. Das Märchen war die Schwester des Todesengels. Das musste erstmal realisiert werden. „Und was ist sie, wenn sie kein Geist ist?“ „Das ist schwierig zu sagen, besonders so, dass ihr Menschen es versteht. Für mich ist sie einfach meine Miraluna.“ „Miraluna … ist das ihr Name? Ich habe so einen noch nie gehört. Und wie heißt du?“ „Ihr Name ist ja auch sehr alt. Und meiner lautet Azrael.“ „Azrael … wie der Engel.“ Er lachte wieder herzhaft. „Ich hatte meinen Namen zuerst.“, grinste er. Wir schwiegen wieder eine Weile. Dann legte ich den Kopf wieder schief und fragte, wie er zum Todesengel und seine Schwester zu … was immer sie auch war geworden wären. Er jedoch pfiff mich wieder an, meinen Kopf still zu halten. „Bei deinem Sturz vorhin hast du einen Splitter in deinen Hals bekommen.“, erklärte er. „Bei deinem zweiten Sturz hat sie dieser Splitter tiefer in deinen Hals gebohrt und jedes Mal, wenn du deinen Kopf bewegst, bewegt sich auch der Splitter und lässt Blut frei.“ Ich wurde bleich und tastete nach meinem Hals. Tatsächlich war dort ein Splitter. „Nicht rausziehen“, meinte Azrael. „Sonst verblutest du definitiv.“ Ich verkniff mir ein Nicken und wiederholte meine Frage. „Warum seid ihr beiden, was ihr seid?“ Azrael grinste. „Das ist eine lange und recht komplizierte Geschichte. Die Kurzfassung ist, dass wir rekrutiert wurden. Erst ich, dann meine Schwester.“ „Warum macht deine Schwester so was? Warum erzählt sie Menschen, wie sie sterben?“ „Das hat sie selbst gewählt.“ Irgendwie wirkte er traurig, als er davon erzählte. „Diese Gabe hatte sie schon immer. Sie war seit ihrer Geburt etwas Besonderes. Ich konnte nur nicht sterben“, fügte er mit einem Grinsen hinzu. „Miraluna jedoch konnte immer schon den Tod von anderen Menschen vorher sehen. Und sie hat es von Anfang an dazu genutzt, um andere Menschen zu warnen. Aber nie hat jemand auf sie gehört. Und als jemand auf sie hörte, wurde sie ein Wesen zwischen Leben und Tod, genau wie ich es bin.“ Er lachte verkniffen. „Ich habe nicht viel mit euch zu tun. Mir seid ihr egal. Ich hole euch nur, wenn ihr bereits gestorben seid. Sie aber wird von euch mies behandelt. So viele von euch verfluchen sie mit den letzten Atemzügen. Ich war schon so oft dabei.“ Ich wollte ihn fragen, ob sie ihm alles bedeutet. Ich legte den Kopf schief. Azrael stürzte nach Vorne und rückte meinen Kopf in die Ausgangsposition. „Lass das, sagte ich!“ Dann schauten wir uns einen Augenblick an. Seine Hände lagen kühl auf meinen Wangen. Sie hatten keinerlei körperliche Wärme. Ich konnte sie spüren! Er bemerkte es auch. Langsam lies er meinen Kopf wieder los. „Es ist zu spät, nicht wahr?“, fragte ich. Er schaute zur Seite und nickte. „Es dauert nur noch wenige Minuten, dann bist du tot.“ Ich lächelte. Irgendwie machte mir das nichts aus. Es macht mir auch jetzt nichts aus. Ich lächelte. „Dann nimm mich mit. Ich denke, ich bin bereit. Und ich werde deine Schwester sicher nicht verfluchen.“ Nun lächelte er, kam auf mich zu, legte mir seine Hand auf die Brust und küsste mich auf die Stirn. In dem Moment fühlte ich mich unsagbar frei und glücklich. Es war, als würde ich von meinem erkaltenden Körper in ein wohlig warmes und schützendes Licht gehen. Keine Sorgen, kein Kummer. Nur reine Freiheit.

 

So starb ich. Ohne Groll oder Kummer in meinem Herzen. Es war wirklich der Frieden, den man sich im Tode erhofft.

Ihr seht also, mir geht es gut. Ihr braucht nicht um mich trauern. Denn der Tod ist nichts Grausames. Nun geht zurück in euer Leben und genießt es. Aber vergesst mich nicht, das ist mein letzter Wunsch.

In Liebe,

eure Melissa Turner

11.12.08 16:33


Martin High

Es war drei Monate her. Ich traf sie vor drei Monaten. Es war ein vollkommen normaler Tag, zumindest bis dahin. Ich ging zur Arbeit, wie gewohnt. War fast pünktlich, wie gewohnt. Und ich freute mich am meisten auf die Mittagspause, wie gewöhnlich. Mein Job war gut bezahlt. Aber Bankier war definitiv niemals mein Traumberuf gewesen. Ich wollte etwas anderes machen. Ich wusste nie genau, was, aber ich wusste, dass ich irgendwann dort hin kommen würde. Noch ein paar Jahre als Bankier und dann war ich frei! Ich hatte so viel geplant. Und dann kam sie. Ich saß hinter meinem Schalter. „Wunderschönen Guten Morgen, junge Dame.“, begrüßte ich sie lächelnd. Sie lächelte flüchtig zurück. „Ich hoffe es, Martin.“ Ich blickte einen Augenblick lang verwirrt. Dann fiel mir mein Schild ein und ich lächelte wieder. Das war das, was ich an meinem beruf am meisten hasste: Dauerlächeln. Am Abend bekam ich fast nie meine Lippen vernünftig auseinander. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Mir ist nicht mehr zu helfen.“, meinte sie. Dann sah sie mich einen Augenblick lang ausdruckslos an und fing herzhaft an zu lachen. „Entschuldigung. Irgendwie wollte ich das nur immer schon sagen!“ Ich starrte sie - lächelnd - an. War sie in ihrem Leben noch nie gefragt worden, ob man ihr helfen kann? Wo kam die denn her? Sie seufzte. „Wie auch immer.“, sagte sie. „Ich habe hier etwas für dich.“ Sie holte etwas aus ihrer Tasche. Ich schaute sie verwirrt an. „Der Schalter für Ein- oder Auszahlungen ist dort hinten, ich bin nur …“ Sie sah mich durchdringend an. „Ich habe etwas für dich. Nicht für die Bank.“, sagte sie. Dann fügte sie murmelnd noch hinzu, dass sie hier ja nicht mal ein Konto habe. Dann legte sie einen Foto oder so etwas vor mich. Ich sah sie an. „Also kein Konto?“ Sie schüttelte lächelnd den Kopf und drehte sich zum Gehen. Ich schaute ihr ein wenig nach, bevor ich das Foto annahm. Mir wich alle Farbe aus dem Gesicht. Das Mädchen schien doch freundlich, normal und gut erzogen. Warum hatte sie mir so ein Foto gegeben?! Ich starrte fassungslos darauf. Es zeigte ein Zugunglück. Und mitten drin saß ich. Und ein Teil der Decke raste auf mich zu. Ich hatte keine Chance. Überall Blut und Menschenteile. Mir war schlecht.

„Was sehen Sie sich da an? Soll ich etwa ewig warten? Wer glauben Sie, wer Sie sind?“ Ich schaute auf. Eine ältere Dame starrte hochmütig auf mich hernieder. Ich lächelte sie an. „Vergeben Sie vielmals. Was kann ich für Sie tun?“ Unauffällig ließ ich das Foto in meine Tasche gleiten und machte mich weiter an meine Arbeit.

In der Mittagspause verließ ich meinen Posten und drehte mich noch mal kurz zu meinem Platz um. Mein Blick fiel auf mein Namenschild … merkwürdig … da stand nur M. High …

 

Am Abend schlurfte ich nach Hause, schmiss meine Tasche in die Ecke und lies mich auf mein Bett fallen. Nur ein paar Minuten liegen … nur ein paar Minuten …

Ich konnte am Abend keinen klaren Gedanken fassen. Und als ich am Morgen - im Anzug - wieder aufstand, konnte ich mich an rein gar nichts erinnern. Ich stand auf, schmiss meinen Anzug in die Wäsche, duschte, zog mich an, schaufelte mir Frühstücksflocken rein und schnappte mir meine Tasche. Mit dem Bus fuhr ich die kurze Strecke bis zum Bahnhof und stieg dort in meinen Zug. Es war langsam an der Zeit, mir ein Auto anzuschaffen. Na ja, und vorher eben Führerschein machen. Leider hatte ich mit meinem Geld besseres zu tun und bisher klappte das auch recht gut mit dem Zug … hm … Zug … war da nicht noch was? Ich ließ mich schwer auf meinen Sitzplatz fallen. Ich könnte schwören, da sei was gewesen. Na ja. Erstmal die Dokumente von Gestern einsehen. Ich hatte eine halbe Stunde Zeit. Also: Sachen raus. So müde wie ich war, fielen einige der Dokumente heraus. Darunter auch ein Foto … in dem Augenblick erinnerte ich mich an alles, was gestern geschehen war. Das Mädchen … vorsichtig, als könnte es zerbrechen, nahm ich das Foto hoch. Es schien noch grausamer zu sein, als ich es in Erinnerung hatte. Aber machte es das wahr? Mir schoss ein Schauer über den Rücken. Was, wenn … ich sah mich um. Irgendein Anzeichen, dass es heute so weit war? Ich drehte das Foto um. Dann wieder normal. Da standen Zahlen. Mit viel Fantasie konnte es ein Datum sein. Mit sehr viel Fantasie. Aber was war das andere? Der Lautsprecher knarzte. „Es ist 5 Uhr und 45 Minuten. Nächste Halteselle: Cottbus Hauptbahnhof.“ Ich starrte auf das Foto. 5.30 … Uhrzeit? Konnte das eine Uhrzeit sein? Ich sah aus dem Fenster. Wir waren gerade wieder in bebautes Gebiet gekommen. Gerade waren wir noch über Heide gefahren. Das hieße … heute nicht? Aber Moment. Bleiben wir auf dem Teppich. Warum bitte gehe ich davon aus, dieses Foto könne real sein? Ich meine, das Foto ist vordatiert. Und es zeigt mich. Trotzdem. Ein Schritt nach dem anderen. Halte ich dieses Foto für echt? Nein. Halte ich es für einen Fake? … nein? Ich weiß es nicht. Es müsste doch einer sein. Was, wenn sie aus der Zukunft käme und mich waren wollen würde? Aber Zukunftsmenschen dürfen sich ja nicht einmischen. Das weiß doch jeder. Sonst würden sie die Vergangenheit verändern. Also, ihre Vergangenheit. … na ja, ich glaube, jetzt gehen meine Gedanken mit mir vollkommen durch. Also. Noch mal von Vorne: Foto echt? Nein. Glaube ich dran? Besser nicht. Warum habe ich dann Angst davor, dass es eintreffen könnte? Ich sehe, ich laufe gerade wieder in eine Sackgasse. Also, noch mal! Der Lautsprecher knarzt wieder und meine Haltestelle wird aufgerufen. Endlich wird dieser Gedankenkreis durchbrochen. Ich wollte mich niemals mit so was auseinandersetzen.

 

Und doch sah ich mich vollkommen außerstande mich an diesem Tag von diesen Gedanken zu lösen. Aber sie führten nirgends mehr hin. Immer wieder schaute ich in meinem Kalender nach. 27. Juni. Drei Monate. Ein Arbeitstag. 5 Uhr 30. In der Zeit sitze ich wirklich in dem Zug. Ist es eine zuverlässige Vorhersage? Oder kann man es ändern? Real? Fake? Ich konnte mich nicht von diesen Gedanken befreien. Und sie führten immer ins Leere. Ich konnte und wollte dem Foto nicht glauben. Aber ich konnte es auch nicht einfach ignorieren. Alle Vernunft sprach gegen das Foto. Aber es war da! Es lag vor mir. Und ich konnte nicht sagen, wie wahr es war. Es war doch theoretisch vollkommen unmöglich. Und doch war es da. Und wieder schloss sich der Kreis meiner Gedanken an wieder ein und derselben Stelle. Ich kam nicht voran.

 

Es ging so weiter, dass ich nicht mehr in der Lage war, die Kunden richtig und aufrichtig anzulächeln. Ich war nur noch da und vegetierte vor mich hin. Meine Vorgesetzte bemerkte das und schickte mich für eine Woche in den Urlaub. Und um Arzt. Es war wohl nicht zu übersehen, wie sehr ich neben der Spur war. Nach einer Woche verlängerte ich. Nach zwei Wochen kam ich zurück. Und ich fuhr immer noch mit dem Zug. Ich hatte versucht, meinen Führerschein zu machen, aber es dauerte zu lang. Und so lange ich ihn noch nicht hatte, musste ich nun einmal mit dem Zug fahren. Ich prägte mir das Datum ein: 28. Juni. Dort würde ich nicht zur Arbeit erscheinen. Egal, ob es wahr war, oder nicht. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Und so vergingen die Tage. Und die Wochen. Und die Monate. Und schließlich war ich in der entscheidenden Woche. Wie all die Zeit nach dem Treffen mit dem Mädchen war es mir unmöglich, die Zugfahrt zu genießen. Es ruckte und der Zug fuhr los. Ich saß, wie auf heißen Kohlen und ich konnte mich irgendwie nicht beruhigen. Unruhig sah ich mich im Zug um. Mein Blick flitze überall umher. Ich atmete tief durch und sagte mir, mich zu beruhigen. Es konnte nichts passieren. Ich wippte unruhig mit den Beinen. Dann musste ich fast lachen. Das Mädchen dort vorne sah fast so aus wie das Mädchen mit den Fotos. Wie lustig. Sie sprach einen Fahrgast an. Ich beobachtete die beiden. Er schien sehr genervt auf sie zu reagieren. Dann gab sie ihm etwas. Zwar nahm er es nicht an, aber sie gab es ihm zumindest. Sie ging - sichtlich verärgert - weiter. Dann drehte sie sich wieder zu dem Mann um. Daraufhin sprang er auf und rief ihr etwas sehr unhöfliches hinterher. Was sie wohl besprochen hatten? Das Mädchen ging weiter den Gang entlang. Mit jedem Schritt, den sie mir näher kam, wurde ich bleicher. Sie sah nicht aus, wie das Mädchen, sie war das Mädchen. Sie kam an mir vorbei und lächelte mich an. „Hallo Martin. Wie geht’s dir?“ Ich starrte sie an. Die konnte vielleicht Fragen stellen! „Du … bist doch … dieses Mädchen“ sie lächelte verlegen „Schuldig, ja. Ich bin das Mädchen, das neulich kein Konto eröffnen wollte.“ Ich musste unwillkürlich grinsen. „Das meinte ich eigentlich nicht.“, sagte ich. „Ich weiß“, antwortete sie. „Das Mädchen mit dem Foto.“ Sie nickte - sichtlich unglücklicher über diese Betitelung. Ich schüttelte den Kopf. „Du hast mich mit dem Foto echt durcheinander gebracht.“ Sie sah sich um. „Trotzdem bist du hier.“ Ich lachte. „Ja, klar. Aber morgen sicher nicht.“ Sie schaute mich sichtlich irritiert an. „Morgen?!“ „Ja“, antwortete ich zögerlicher. „Das Unglück passiert doch erst … morgen, oder nicht?“ Sie sah mich nun vollkommen entgeistert an. „Was bist du den für ein Bankier?!“ „H … heute?“, zitterte ich. „Natürlich heute! Frag ihn!“ Sie zeigte hinter sich. Ich folgte ihrem Fingerzeig und blickte auf den alten Mann, den sie angesprochen hatte. Er starrte zurück. Es war klar. Wir müssen definitiv reden!

 

Er aber setzte sich - sichtlich genervt - wieder zurück auf den Sitz. Ich stand auf und ging zu ihm. Das Mädchen war weg. An seinem Sitz beugte ich mich und hob das Foto auf. Es war eindeutig so ein Foto, wie ich bekommen hatte. Der Mann sollte sich aufhängen. „Ich muss mit Ihnen reden.“, begann ich. Der Mann legte - sichtlich genervt - seine Zeitung nieder und starrte mich an. „Was wollen Sie? Machen Sie’s kurz.“, raunzte er mich an. „Das Mädchen, das gerade mit Ihnen geredet hat - es ist gefährlich.“ Es stimmte so nicht ganz, aber es war alles, was mit in dem Moment einfiel. Er lachte. Ich war froh, dass er das nicht so ernst nahm. Aber was er dann sagte, ging eher so dem entgegen, was ich meinte: „Nervtötend, aber nicht gefährlich.“, sagte er. Ich biss mir auf die Zähne. „Sie sagte mir, ich würde heute sterben.“, erzählte ich. „Na, mein Beileid, aber das ist Ihr Problem.“, meinte der Mann. Ich war kurz davor, ihm eine rein zu hauen. Aber vielleicht hatte er eine Information, die ich brauchte. Eine Information, die mir fehlte. „Sie hat mir ein Foto gegeben, das ein Zugunglück zeigte.“, erzählte ich weiter - dass ich zu blöd war, mir das richtige Datum zu merkten, musste er ja nicht unbedingt wissen. Dieser Penetrante Kerl meinte wiederum, dass es mein Problem war. Ein sehr ungenießbarer Zeitgenosse. Mir platze der Kragen. Mit einer gespannten Ruhe erklärte ich ihm, dass er sich in Kürze Erhängen würde. Nun war er genau so wütend wie ich. Ich zeigte ihm triumphierend sein Foto. Dann kam ich zum zentralen Punkt: „Hat sie Ihnen noch irgendetwas dazu gesagt?“ Der Mann verdrehte die Augen. Dann schaute er mich an. Er merkte, wie erst mir die Frage war. Er wurde bleich. Ich hakte nach und er flüsterte nur dieses eine Wort: „Handbremse“

 

Wie auf ein Kommando sprangen wir beide in unterschiedliche Richtungen davon. Ich traute mich nicht einmal, auf die Uhr zu sehen. Meine Zeit lief ab. Soviel war sicher. Ich rannte. Da war sie! Die Handbremse! Ich rannte schneller. Ich griff sie und riss sie beinahe ab. Es half nichts. Die Räder blockierten nicht, es war zu spät. Es fuhr noch einen Augenblick lang weiter, dann Ruckte es so heftig, dass ich von den Beinen gezogen wurde. Hart kam ich mit meinem Kopf auf. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden und schaute herauf. Menschen schrieen, brüllten, versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Aber es gab nirgendwo einen sicheren Ort. Nicht in diesem Zug. Ich rappelte mich hoch und warf einen flüchtigen Blick auf meinen Platz. Ein Stück war aus der Decke gebrochen und war auf meinen Platz gefallen, auf  dem ich nur wenige Minuten zuvor gesessen hatte. Ich wurde bleich. Sollte das heißen, dass ich überleben würde? Es ruckte wieder und ich wurde erneut von meinen Beinen gerissen. Ich kam hart auf, aber ich grinste. Eigentlich konnte ja nichts mehr passieren, oder? Ich meine, das, was auf dem Foto abgebildet war, war nicht eingetroffen. Ich kroch ein wenig weiter. Ich wollte nicht wieder von den Beinen gerissen werden. Also robbte ich mich weiter vor. Warum? Ich weiß es nicht. Ich hätte doch auch einfach hinter den Sitzen bleiben können. Als ich aufsah, kam mir einer der Zugsitze entgegen. Ich starrte ihn an. Er traf mich hart am Kinn, mein Kopf schlug in meinen Nacken. Ein lautes Knacken folgte. Und dann nichts mehr.

22.11.08 12:02


Sue Dioshing

Die Kirchenglocken der frisch beendeten Morgenmesse begleiten uns noch eine Weile auf dem Weg aus der Kirche. Ihr Klang ist tief und klar und erinnert an das Paradies. Vollkommenheit in jedem Ton. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Überall blüht und gedeiht es, alles ist neu und frisch. Ich sehe mich liebend um. All diese Menschen, meine Gemeindemitglieder, meine Freunde. Hat unser Gott nicht wahre Wunder daran gewirkt, diese Welt zu schaffen? Ich gehe ein paar Schritte. Und dann entdecke ich sie. Irgendetwas an ihr zieht meine Blicke wie gefesselt an. Ich betrachte sie. Sie lehnt an einem Baum und lässt sich die Sonne auf das Gesicht scheinen. Ihre Haare leuchten in einem lebendigen braun. Ich versuche unauffällig möglichst nahe an ihr vorbei zu gehen, als ich an ihrem Hals eine Kette entdecke, an der ein silbernes Kreuz hängt. Ich lächle. Kein Wunder, dass ich sie hier antreffe, sie ist ebenfalls eine Christin, wie ich. Aber warum steht sie vor der Kirche? War sie nicht in der Messe? Sie bewegt sich! Sie schlägt die Augen auf und sieht mir direkt in die Augen. Mir läuft ein merkwürdiger Schauer über den Rücken. Nicht unangenehm, aber merkwürdig. Ihre Augen schimmern noch auf die Entfernung in einem frischen Grün. Nun kommt sie auf mich zu. Ich kann nicht anders und bleibe stehen, warte, bis sie bei mir ist. Der Kirchenplatz hat sich nun weitestgehend geleert. Sie steht nun vor mir und betrachtet mit. Ich lächle sie an. „Ist es nicht ein wunderschöner Tag?“ Nun schlägt das betrachten in ein taxieren um, das mich irgendwie aufrührt. Ich setze hinter meine Worte ein noch herzlicheres Lächeln, aber sie schlägt nur die Augen nieder. „Das kommt ganz auf den Standpunkt an, denke ich.“, sagt sie schließlich. „Vom Wetter und der Schönheit des Tages aus betrachtet, durchaus, aber auch schöne Tage bringen manchmal schlimme Nachrichten mit sich.“ Ich schaue sie fragend an, als sie meine Hände nimmt und ein Stück Papier in sie schiebt. Ich schaue auf meine Hände. Es scheint ein Foto zu sein. Als das Mädchen aufstehen will, halte ich sie ganz instinktiv zurück, dann drehe ich das Foto um.

 

Ich kämpfe gegen ein Schwindelgefühl an. Wie kann es so etwas geben? Es ist, als habe sich eine große Wolke vor die Sonne geschoben. Es ist mit einem Mal so trüb und dunkel. Ich schaue das Mädchen an, die zurückschaut, als hätte sie das Normalste gemacht, was man sich vorstellen könnte. „Was ist das?“, frage ich mit trockenem Mund. „Ein Foto“, antwortet sie neunmalklug. Mir schaudert. „Wie kann ein solches Foto existieren?“, frage ich weiter, aber sie sagt darauf nur, dass das eine sehr komplizierte und lange Geschichte ist. „Wichtig ist nur“, sagt sie, „dass dieses Foto rechtmäßig existiert. Es zeigt, was wird. Du wirst sterben.“ Ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich werde sterben? Nein! Gott uns Jesus würden das niemals zulassen. Sie legt den Kopf schief und fragt: „Warum sollten sie das nicht zulassen? Können sie es verhindern?“ Da merke ich, dass ich laut gesprochen habe. „Jesus ist doch unser Heiland! Er würde niemals zulassen, dass uns etwas Böses widerfährt! Dafür ist er gestorben!“ Sie schaut mich verständnislos an. „Ein Toter soll dir das Leben retten? Wie soll er das schaffen?“ „Er ist unser Heiland!“ „Also, meiner nicht. Ich habe keinen … Heiland. Ich weiß ja nicht einmal, wer dieser Jesus ist.“ Ich werde bleich. „Aber … du trägst sein Symbol!“ Sie nestelt an ihrem Kreuzanhänger, auf den ich zeige. „Den habe ich vor Ewigkeiten von einer Freundin geschenkt bekommen. Es hat nichts mit deinem Heiland zu tun.“ „Aber … du musst doch wissen, wer Jesus ist! Unser Heiland! Gottes Sohn! Der für unsere Sünden gestorben ist!“ Sie überlegt, schüttelt dann aber den Kopf. „Der Name sagt mir nichts.“ „Er gründete vor über 2000 Jahren unsere Kirche. Weihnachten feiern wir seine Geburt und Ostern seine Auferstehung! Er ist das einzige Kind von der heiligen Jungfrau Maria und Gottes eingeborener Sohn! Ganze Welten wurden auf ihm gegründet.“ Sie überlegt eine Weile und meint dann, es würde ihr langsam bekannt vorkommen. „Ich denke, ich weiß jetzt, wovon du redest. Vermutlich meinst du den Kult um Jehoshua ben Joseph“ Sie zeigt auf die Kirche hinter mir. „aber er war kein Einzelkind und er wurde im Frühling geboren, so weit ich weiß.“ Ich starre sie an. „Jehoshua ben Joseph? Bestimmt nicht! Er heißt Jesus.“ „Ja, so wurde er oft genannt … und er ist der einzige, den ich kenne, auf den deine Beschreibung zustimmen könnte. Und zeitlich stimmt es auch so in etwa. Es ist etwa 2000 Jahre her, dass ich ihm das Pergament übergeben habe.“ Fassungslos starre ich sie an, während sie sich diesen Unsinn aus den Fingern saugt. „Er war fantastisch! Total gefasst und sachlich. Als ich ihn jedoch zwanzig Jahre später wieder traf hat er bitterlich geweint. Ich musste ihn sogar trösten, obwohl ich so was eigentlich nicht mache. Ich bin nicht gut in so was. Aber verständlich war es ja schon irgendwie. Zwar hatte er viel Zeit gehabt, aber da wurde es real.“ Sie lachte. „Aber er war ein zäher Verhandlungspartner. Az hatte mit ihm so seine liebe Mühe! Er wollte einfach nicht gehen. Wir brauchten drei Tage, bis er endlich loslassen konnte.“ „Lügnerin“, presse ich hervor. Ich kann mich kaum noch beherrschen. Meine klammen Hände zittern vor Wut. Sie sieht mich fragend an und dann kneift sie die Augen zusammen. „Ich lüge nicht. Er ist der einzige, der mir einfällt. Wenn er es nicht ist, kann ich es nicht ändern, aber ich lüge nicht. Das einzige Mal, an das ich mich erinnern kann, wo ich jemals gelogen habe, ist über 4000 Jahre her!“ Ich merke, wie ich erbleiche. Aber gleichzeitig beginne ich zu lachen. Hiermit hat sie sich selbst als Lügnerin enttarnt! Sie kann nicht so alt sein! Das geht einfach nicht! Ich mustere sie herablassend. „Ein Grünschnabel wie du hat von so was keine Ahnung!“, sage ich mit einer tiefen Sicherheit. Sie aber grinst nur. „Grünschnabel? Ich habe schon mehr Reiche stürzen sehen, als du zählen kannst. Und sei dir sicher: Dein Christentum wird ebenfalls stürzen. Wie all die anderen zuvor. Aber selbst, wenn ich mich irren sollte: Dein Herrgott wird dir nicht zur Hilfe eilen um dich zu retten. Und Jehoshua hätte, würde er noch leben, sicher auch besseres zu tun.“ Damit dreht sie sich um und lässt mich stehen. Ihre Haare schimmern in einem teuflischen rot. Das mir das nicht früher aufgefallen ist: Sie ist nicht von Gott, sie ist vom Teufel! Ich schaute in den Himmel. Die Sonne ist von Wolken verdeckt.

 

Ich betrachte noch mal das Foto, das mir die Teufelsdienerin gegeben hat. Da liege ich … vor unserem Herd. Ich bin eindeutig tot. Warum sollte ich tot sein? Darunter steht 25.04.2012 14.35 … was bedeutet alles das? Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Wie kann es sein, dass so etwas abartiges mich beunruhigt? Kann eine kleine Teufelsdienerin tatsächlich meinen Glauben an meinen Herren erschüttern? Nein, das würde ich nicht zulassen. Entschlossen zerknüllte ich das Foto und warf es in den nächsten Mülleimer. Gott würde mich nicht sterben lassen.

 

Ich bin bleich, als ich zu Hause ankomme. Wie sehr wünsche ich mir, dass Peter mich zärtlich in den Arm nimmt und es bemerkt, aber als ich nach Hause komme steht er schon in der Türe. „Hallo Schatz“, begrüßt er mich, drückt mir einen Kuss auf die Wange und stolpert schon mit einem Koffer aus der Türe. „Du bist spät heute. Ich muss auch schon weg, entschuldige, der Zug wartet nicht.“ Ich schaue nur ins Leere. Wohin will er? Ich habe nicht die Kraft, ihn zu fragen oder ihn zurück zu halten. Ich schaue in seine Tasche, aus der ein Zettel lugt. Der Briefkopf seiner Firma? Natürlich. Er muss diese Woche zu einem dreitägigen Seminar. Drei Tage. Meine Hand greift unbewusst nach seinem Ärmel. Er bleibt stehen und sah mich an. Dann nimmt er mich zärtlich in den Arm. „Fehlt dir was, Schatz?“ Ich schaue ihm tief in die Augen und er erschrickt. Sofort legt er mir eine Hand auf die Stirn, stellt seine Tasche weg und trägt mich ins Schlafzimmer. Zärtlich legt er mich in unser Bett und deckt mich zu. Dann geht er Medikamente holen. Ich sehe ihm nach. Als er wieder aus dem Badezimmer kommt balanciert er mit drei Tablettendöschen, einem feuchten Tuch und einem Fieberthermometer. Das Thermometer steckt er mir in den Mund und das Tuch legt er auf meine Stirn. Dann liest er die Aufschriften der Döschen vor und schaut, wie ich reagiere. Er hat ein Döschen gegen Kopfschmerzen mit. Eines gegen Regelbeschwerden, Schmerztabletten, Verdauungspillen und schließlich auch ein Fiebersenkendes Mittel. Ich nicke und er holt eine der Pillen heraus. Dann nimmt er das Fieberthermometer heraus und betrachtet es kopfschüttelnd. „Dass du auch immer so schnell Fieber bekommst. Ich verstehe es nicht.“ Und ich verstehe nicht, dass er immer noch nicht weiß, welche Tabletten ich dagegen brauche. Ich räuspere mich und frage dann, was aus seiner Fahrt wird, er müsse sich doch beeilen. Er schüttelt den Kopf. „Ich schau, ob ich den nächsten bekomme. Und wenn es dir dann immer noch nicht besser geht, kann ich doch nicht fahren!“ Ja, ich weiß schon, warum ich gerade diesen Mann hier geheiratet habe! Trotzdem schüttle ich den Kopf. „Du kannst nicht schon wieder zu spät kommen. Los, fahr schon. Und mach dir um mich keinen Kopf. Es ist nicht das erste Mal, das ich Fieber habe. Ich komme schon zu Recht.“ Ist es nicht das, was Gott uns predigt? Nächstenliebe und die Fähigkeit zu Verzichten? Aber warum fühle ich mich dann so schlecht und so einsam, als Peter tatsächlich aufsteht, mir einen Kuss und ein Danke auf die Stirn haucht und geht? Ich hätte gerne gehabt, dass er hier beleibt, hier, bei mir. Sich um mich kümmert und mir nah ist. Er hetzt nur noch von einem Berufstermin zum nächsten. Wir sehen uns nur noch so selten. Ich vermisse ihn so sehr. Ich merke, wie wir Tränen in die Augen steigen, aber ich schlucke sie hinunter, drehe mich auf die Seite und versuche zu schlafen. Lange Zeit gelingt es mir nicht. Doch schließlich falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

Als ich wieder aufwache habe ich einen fauligen und bitteren Geschmack im Mund. Ich hasse es, aufzuwachen! Ich schlage trotzdem die Decke zurück. Mein erster Weg führt mich ins Badezimmer, wo ich die Unordnung schlichtweg ignoriere, die mein geliebter Mann auf der Suche nach Fiebertabletten hinterlassen hat. Solche Situationen lassen mich dann doch wieder überlegen, ob ich die richtige Wahl getroffen habe. Er meint es immer so gut und ist so zärtlich und liebevoll dabei, aber er ist auch schrecklich zerstreut und chaotisch. Aber morgens, beziehungsweise nach dem Aufstehen, finde ich rein gar nichts angenehm. Ein Wunder, dass ich durch sein Chaos noch nicht gestorben bin! Bei diesem Gedanken setzt mein Herz einen Augenblick lang aus. Ich schaue mein Gesicht im Spiegel an. Ich bin bleich. Der Zahnpastaschaum läuft mir fast die Wange runter. Vor meinem inneren Auge spielt sich die Szene mit der Teufelsdienerin noch mal ab. Sie war doch eine Teufelsdienerin? Wie lange ist das jetzt her? Einen Tag? Eine Woche? Es kommt mir so ewig vor. Was es wohl zu bedeuten hatte, dass ich auf dem Bild in der Küche lag? Was meinte sie mit „Du wirst sterben“? Könnte es wirklich sein, dass sie in die Zukunft sehen kann? Nur mal ganz theoretisch. Könnte es sein, dass ein Mensch in die Zukunft sehen kann? Nicht, dass ich das glauben würde, aber … ich spucke den Schaum aus meinem Mund. Er brennt immer unerträglich, wenn er eine Weile bewegungslos im Mund bleibt. Ich schaue auf die Uhr. Unfassbar! Es ist keine drei Stunden her, dass ich das Mädchen, die Teufelsdienerin, getroffen habe. Kann das sein? Es ist alles schon wieder so verschwommen, als wäre es vor etwa einer Woche passiert. Mindestens. Ich spritze mir Wasser ins Gesicht. Ich muss aufwachen! Vielleicht war sie ja auch nur ein Traum! Kann  das sein? Dass ich all das nur geträumt habe? Die Messe, das Mädchen, das Fieber und Peters Sorge, Pflege und sein Abschied? Ich stoße mit dem Fuß gegen eine der Tablettendosen. Nein. Zumindest der Teil war Wirklichkeit. Oder es gibt eine andere Erklärung dafür. Ja, ich werde Peter fragen, sobald der wieder da ist. Aber zuerst ist er ja für drei Tage weg. Und diese drei Tage werde ich auch irgendwie vorbei bekommen. Dafür gehe ich ins Wohnzimmer und nehme mir das Telefon. Nach kurzem Überlegen gebe ich Alenas Nummer ein. Alena ist eine Bekannte von mir, ein echtes Partymäuschen. Eigentlich sind wir keine besonders engen Freundinnen, aber ich brauche jemanden, der mich von all dem ablenkt, was geschehen ist. Bevor ich die Nummer fertig wählen kann klingelt das Telefon. Als ich antworte ist Kirstin dran, meine engste Freundin, und meint, sie habe das Gefühl gehabt, mich anrufen zu müssen. Ich knirsche etwas mit den Zähnen. Ich mag sie wirklich mehr als gern, aber wenn man etwas vergessen und sich ablenken will, ist sie genau die falsche Person. Sie ist sehr direkt, konfrontierend und neigt dazu, genau ins Schwarze zu treffen. Aber eine derart abstrakte und undenkbare Situation wie die, in der ich gerade bin, könnte sie doch niemals erraten, oder? Und ich brauche Gesellschaft. Also stimme ich zu, als sie fragt, ob sie vorbei kommen soll. Eine halbe Stunde später ist sie da, mit Kakaopulver und Sahnetortenstücken. Sie bringt immer Kakao mit, wenn sie glaubt, dass es ernst werden kann oder Trost von Nöten ist. Und ihr Kakao ist fantastisch. Sie mischt da immer irgendetwas rein, was ihm einen ganz besonderen und köstlichen Geschmack gibt. Als ich ihr die Türe öffne, nimmt sie mich in den Arm und schiebt sich gleich zur Küche durch. Ich verdrehe die Augen. Sie hat ernsthaft vor, es mir aus der Nase zu ziehen, was geschehen ist! Ich hätte der Sache niemals zustimmen sollen! Ich folge ihr in die Küche und bin ein wenig erstaunt. War ich wirklich schon so häufig Trostbedürftig, dass sie sich so gut in meiner Küche auskannte? Es stehen bereits Kuchengabel, Teller mit dem Kuchen, Löffel und Becher draußen und das Wasser kocht auch schon. Sie lächelt mich flüchtig an und deutet mich zu setzen. Ich muss lächeln. Wessen Haus ist das noch gleich? Trotzdem folge ich ihr und nehme Platz und beobachte sie dabei, wie sie den Kakao zurecht macht. Sie hat eine ganz eigene Art dafür. Sie schüttet immer ein bisschen Wasser auf das Pulver und verrührt es. Dann schüttet sie das restliche Wasser hinein, füllt es mit Milch auf und gibt Sahne darüber über die sie Schokoladenpulver streut. Ein Gedicht. Heute hält sie mir sogar grinsend Marshmellows unter die Nase und versengt sie in der Schokolade. Ich grinse. „Was denkst du heute zu erfahren? Was glaubst du, dass passiert ist, dass du neben Schokolade und Sahnetorte sogar zu Marshmellwos greifst?“ Kristin hat immer eine gewisse Steigerung in ihren Trostpflastern. Sie schüttelt den Kopf. „Marshmellows sind für interessante Gespräche.“ Ich lache. „Du erwartest wieder sehr viel, kann das sein?“ Sie zuckt mit den Schultern. „Ich erwarte immer viel. Und nun hier, guten Appetit.“ Sie schiebt mir eine Tasse zu und setzt sich mir gegenüber. Sofort nimmt sie ihren ersten Schluck und leckt sich die Lippen. „Du bringst den Kakao gar nicht für deine Freunde mit, oder? Das ist reinster Eigennutz!“ Sie zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Du hast doch auch was davon, oder nicht?“ Ich nehme meinen ersten Schluck. Oh, dieser Kakao ist fantastisch. Die Wärme breitet sich sofort in meinem gesamten Körper aus und der Geschmack benebelt mich. Was tut sie da nur immer rein? „Und? Was ist passiert?“, fragt sie, während sie mich über ihren Becherrand aus beobachtet. Das bringt mich in die Wirklichkeit zurück. „Was soll passiert sein? Nichts ist passiert. Wie kommst du darauf?“ „Allein schon wegen dieser Satzfolge“, gibt sie lachend zurück. „Und weil du so bleich bist, als wärst du dem Tod persönlich begegnet.“ Ich starre sie entgeistert an. Wie kann es einen solchen Menschen geben? Sie lächelt mich schief an. „Das war nur ein Scherz.“, meint sie dann. Beruhigend, dass sie nicht immer weiß, wann sie ins Schwarze getroffen hat. Sie mustert mich über ihren Becher hin an. „Geht das?“, fragt sie schließlich. „Kann man dem Tod persönlich begegnen?“ Ich merke, wie mir kalt wird und nehme schnell einen Schluck Kakao. Aber das Resultat entfaltet sich nicht ganz. Entschlossen stellt sie ihren Becher ab. „Sue! Was ist passiert. Raus damit!“ Ich kaue auf einem Marshmellow herum. „Sue!“ Was soll ich ihr denn schon antworten? Ich will nicht darüber reden. Ich weiß nicht, was geschehen war und ich will mir keine Gedanken darüber machen! Denn sobald ich mir Gedanken darüber mache, läuft es Gefahr, real zu werden. Und das kann ich nicht zulassen. Das will ich nicht zulassen. Ich stelle meinen Becher hin. „Du musst gehen!“ Kristin schaut mich vollkommen entgeistert an. „Was?“ „Ich sagte, du musst gehen!“ „Aber … Sue!“ „Ich will nicht mit dir reden! Ich brauche deine Hilfe nicht! Gott wird mir helfen!“ „Das wird er nicht! Du weißt eben so gut wie ich, dass er niemals zu dir sprechen wird! Er schickt Mittler! Er wird dir nicht helfen!!“ „Mittler wie dich, was?“, schreie ich. „Das habe ich nicht gesagt!“, antwortet sie gefasst. „Raus!“ „Sue …“ „Ich sagte: Raus!!“ Sie atmet tief durch und sieht mich vollkommen gefasst an, steht auf und bleibt direkt vor mir stehen. „Du weißt, das jeder für sich selbst verantwortlich ist.“, sagt sie ganz leise. „Daher werde ich nun gehen. Ich will dich nicht mehr verärgern. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich dir nicht böse bin.“ Später mag ich dafür dankbar sein, dass sie mir das so gesagt hat, aber jetzt ist es mir zu viel. Dieses Mädchen ist mir jetzt lästig. Ich will, dass sie geht. Wie dankbar bin ich, als sie wirklich endlich geht. Aber als sie weg ist, überkommt mich eine unbeschreibliche Einsamkeit. Es tut mir so leid, was ich zu Kirstin gesagt habe. Warum muss sie über diesen unglaublichen Instinkt verfügen? Wie konnte sie wissen, dass ich wirklich dem Tod begegnet war? Nein! Sue! Vergiss das wieder! Streich es aus deinem Gedächtnis und lass es niemals wieder zu dir durchdringen. Vergiss es einfach. Vergiss es! Es ist nichts geschehen!

 

Wie ich die drei Tage herumbekommen habe, weiß ich gar nicht mehr so genau, aber irgendwann steht Peter wieder vor mir. Er stellt seine Tasche neben mir ab und hockt sich vor mich. Da wache ich langsam auf. „Hast du die drei Tage die ganze Zeit hier verbracht?“, fragt er lächelt. Ich schaue mich um. Ich sitze im Wohnzimmer auf meinem Sessel, umringt von Büchern. „Ich glaube schon“, murmle ich und schmecke wieder den ekligen Geschmack im Mund. Er scheint noch schlimmer zu sein als sonst. Wann habe ich mir das letzte Mal die Zähne geputzt? Peter versucht mich zu küssen, aber ich wehre ab. „Zähne. Vorher nicht.“ Er schaut mich irritiert an. „Du oder ich?“ Ich strecke den Finger in die Höhe. Wenn ich etwas noch mehr hasse, als mit diesem Geschmack aufzuwachen, ist es nach dem Aufstehen zu küssen. Ich wanke aus dem Sessel und strecke mich. Ich habe das Gefühl, jeder Knochen würde mir wehtun. Peter grinst über meine unbeholfene Art und begleitet mich ins Badezimmer. „Aus Solidarität zu meiner geliebten und total erschöpften Frau werde ich mir auch meine Zähne putzen.“, spöttelt er und setzt dann noch hinzu, dass er nicht so recht versteht, warum ich eigentlich erschöpft sei, wenn ich die vergangenen drei Tage nur gelesen und geschlafen habe. Ich verpasse ihm einen kleinen Schlag in die Seite. „Und gegessen.“, fügt er lachend hinzu. Ich versuche ihn zu kitzeln, aber er weicht geschickt aus. Dann greift er sich mein Gesicht und hält es ganz nah an seines. „Ist küssen jetzt erlaubt?“

 

Ich kuschle mich noch näher an ihn. Es war wundervoll. Es ist so herrlich, dass wir uns noch so sehr lieben können, obwohl wir schon eine Weile verheiratet sind. Vor allem, weil wir so früh geheiratet haben. Er wacht auf und streicht mir durch die Haare. Dann küsst er mir auf die Stirn. Als er die Augen wieder öffnet fällt sein Blick auf den Wecker und er steht fast senkrecht im Bett - nackt. Ich muss breit grinsen, aber dann schaue auch ich auf die Uhr. Er war gestern sehr spät wieder gekommen und wir waren zu abgelenkt um daran zu denken, den Wecker zu stellen. Er war schon wieder zu spät. „Kannst du dich nicht krank melden?“, fragte ich, aber er schüttelte den Kopf. „Sie haben mir letztens schon den Kopf gewaschen, dass ich so spät war. Ich liebe dich, aber ich möchte meinen Beruf nicht riskieren.“ Er lies sich wieder ins Bett fallen und lehnte sich über mich. „Es sei denn, du möchtest es so!“ Ich lache und scheuche ihn aus dem Bett. Dafür, dass er gefeuert wird, will ich dann doch nicht die Verantwortung übernehmen. Ich bleibe noch ein paar Minuten im Bett und sehe Peter dabei zu, wie er seine Sachen zusammen sucht. Als er weg ist treibt mich der eklige Geschmack des Aufwachens doch wieder ins Badezimmer. Während ich mein müdes und fertiges Gesicht betrachte muss ich an Kirstin denken. Ich war wirklich unfair zu ihr, letztens. Aber ich kann ihr nicht erklären, was gewesen ist. Auf der anderen Seite will ich sie aber auch nicht wegen einer solchen Kleinigkeit verlieren. Sie ist immerhin meine Freundin. Ich entschließe mich, sie anzurufen. Als ich das tue erzähle ich ihr, dass es mir leid tut, wie ich mich benommen habe und mich gerne mit ihr treffen möchte, um alles aus der Welt zu schaffen. Aber erzählen, was genau war, möchte ich ihr nicht. Das sage ich ihr auch. Sie ist verständnisvoll und meint, dass sie sich übermorgen mit mir treffen könnte, im Bistro Pieto. Es ist unser Stammlokal. Und da könnten wir über alles reden.

 

Als ich am Samstag im Pieto ankomme, sitzt Kirstin bereits an unserem Tisch und wartet auf mich. Sie studiert die Speisekarte und sieht mich erst an, als ich mich an ihren Tisch gesetzt habe. Das bedeutet, sie ist wirklich wütend. Kirstin ist einer der Menschen, die dich bereits bemerkten, wenn ich noch ein bis zwei Meter vom Treffpunkt weg bin. Ich weiß, dass sie bereits wusste, dass ich da bin, spätestens, als ich das Bistro betreten hatte. Und die Speisekarte kennt sie ohnehin schon auswendig. Sie brauchte vermutlich nur etwas, womit sie sich beschäftigen konnte. Das macht mich ein wenig traurig, aber ich denke, es ist nicht unverdient. Sie legt die Karte auf den Tisch. „Wusstest du, dass sie hier auch Muscheln servieren?“, frage sie. „Du isst nichts, was aus dem Meer kommt.“, erinnere ich ist. „Eben daher ist es für mich überraschend.“ Wir schweigen. Es ist wohl doch schwieriger, als es scheint, jemanden zu verzeihen, der einen so mies behandelt hat, wie ich es mit ihr getan habe. „Du möchtest mir also nicht sagen, was letztens mit dir los war, stimmt das so?“ „Es war nur, dass ich ein wenig einsam war, da Peter wieder einmal weg war. Darüber möchte ich wirklich nicht reden, nein. Und er ist ja auch wieder da.“, lächele ich. Sie taxiert mich. Ich erschrecke. Ich hatte niemals bemerkt, dass ihre Augen grün sind. Mir wird schlecht. „Und willst du dann vielleicht darüber reden, was der wahre Grund ist, dass du mich so angepflaumt hast?“, fragt sie. Moment … mir wird wirklich schlecht! „Sue? Stimmt was nicht? Du siehst, ehrlich gesagt echt zum Kotzen aus!“ Schlechte Wortwahl! Sehr schlechte Wortwahl!

 

Ja, das ist wahre Freundschaft. Kirstin freut sich auf ein nettes Essen und alles, was sie bekommt ist, mir beizustehen, wie ich mich in die Kloschüssel übergebe. Tapfer tätschelt sie meinen Rücken. Ich weiß, dass das eines der Dinge ist, die sie nicht ausstehen kann. Sie sagt, ihr wird dann selbst auch immer übel. Trotzdem steht sie neben mir und tröstet mich. Als ich fertig bin reicht sie mir ein Papiertuch. Wann hat sie den denn geholt? „Hast du das öfter?“, fragt sie besorgt. Ich schüttle den Kopf und spüle mir den Mund aus. Sie zaubert ein Kaugummi aus ihrer Tasche. Ich starre sie überrascht an. Sie zuckt mit den Schultern. „Ich kaue doch oft Kaugummis. Wunder dich also nicht, dass ich eins dabei habe.“ Ich nehme es also als gegeben hin und kaue mir den Geschmack weg. „Also, warum musstest du dich übergeben? Bist du krank?“, fragt sie. Ich schüttele den Kopf. „Schwanger?“, fragt sie weiter. Ich lache. Dann stocke ich und mustere sie. „Meinst du?“ Sie zuckt mit den Schultern. „Das wäre doch toll! Aber es gibt dutzende Möglichkeiten, warum du dich übergeben musst. Und ich bin keine Ärztin.“ Sie grinst breit. „Und ich meinte ja auch, dass du dem Tod persönlich begegnet bist! Von daher …“ Sie hat Recht! Das ist ein Argument. Sobald ich zu Hause bin werde ich einen Termin mit meinem Gynäkologen ausmachen.

 

Eine Woche später bin ich beim Gynäkologen. Kurze Zeit später bekomme ich das Resultat. Ich lese es und ich kann es nicht fassen. Über fünfzehn Jahre haben Peter und ich versucht, Kinder zu bekommen, aber nie hatten wir Erfolg. Wir hatten uns schon sonst was ausgemalt. Und nun plötzlich ist es so weit! Ich bin schwanger. Ich bin tatsächlich schwanger. Und vor allem bin ich überglücklich. Ich freue mich schon auf den Moment, in dem ich es Peter sage. Aber ich hasse den Gedanken, Kirstin mitteilen zu müssen. Sie wird garantiert auf die Sache mit dem Tod zurückkommen. Und sie wird es mir unter die Nase reiben, dass sie Recht hatte. Aber wie lange habe ich noch Zeit, bis sie es von selbst bemerkt? Schließlich ist sie meine engste Freundin. Ich kann sie nicht einfach aus meinem Leben fernhalten. Aber darüber werde ich mir später Gedanken machen. Nun werde ich es erstmal meinem Mann erzählen. Oh, ich bin so glücklich.

Als wir am Abend zusammen im Bett liegen, nehme ich seine Hand und führe sie auf meinen Bauch. Ich lächle ihn an. „Fühlst du das?“ Ich bin nicht dumm, ich weiß selbst, dass er nichts fühlen kann. Dafür ist es einfach noch zu früh, aber ich weiß, er wird verstehen, was ich meine. Aber er schaut mich nur verwirrt an und lässt mich seine Hand über meinen Bauch führen. „Was soll ich da fühlen? Was soll da sein?“ Ich sehe ihm tief in die Augen und so langsam geht ihm ein Licht aus. Ich sehe geradezu, wie es immer heller wird, wie er immer heller wird. Seine Augen werden immer größer und leuchtender. Er sieht so glücklich aus! Ich lächle ihn an. „Sind wir etwa … schwanger?!“, leuchtet er mich an. Ich nicke. Ich … wir sind schwanger! Wir bekommen ein Kind. Endlich. Er umarmt mich überschwänglich, küsst mich und liebkost meinen Bauch, bis es kitzelt. Wir sind so glücklich!

 

Ich habe es so lange hinausgezögert, wie ich es konnte, aber etwa einen Monat später treffe ich mich mit Kirstin im Pieto. „Ihr seid also schwanger.“, grinst sie. „Ich nehme mal an, dass das bedeutet, dass ihr beide dicker werdet?“ Ich lachte. „Nein, nur ich, zum Glück. Und ihm macht das gar nichts aus.“ „Na hör mal! So weit bist du ja noch nicht.“, gibt sie zurück. „Wie weit bist du eigentlich?“, fragt sie nach. Die Frage, die ich fürchte. „So in etwa im ersten Monat.“, antworte ich. Sie nickt. Ihr Ausdruck scheint sich ein kleines bisschen verdunkelt zu haben. „Und? Wie hast du es bemerkt? Ist dir die Regel ausgeblieben?“ Sie weiß, dass ich es bereits vor meiner Regel gewusst hatte. Sie weiß vermutlich auch, woher ich es weiß. Oder sie hat zumindest eine Vermutung. Aber sie bietet mir einen angenehmen Ausweg an. Ich fühle mich so schlecht, dass ich ihn annehme. Ich seufze. „Ja, genau.“ Sie lächelt und langt zu meinem Bauch. Sanft streichelt sie ein wenig drüber. „Dann wünsche ich euch dreien viel Glück und alles Gute. Endlich ein Kind. Ich freue mich für euch.“ Dann verabschiedet sie sich von mir. „Du bist die zweite.“, sage ich, als sie an mir vorbei geht. Sie dreht sich fragend um. „Die zweite, der ich es erzählt habe, meine ich. Direkt nach meinem Mann. Ich wollte, dass du es weißt.“ Sie lächelt, deutet eine Verbeugung an und geht. Lustlos rühre ich in meinem Tee herum. Irgendwie kommen wir in letzter Zeit nicht mehr dazu, zusammen zu Essen.

 

Nachdem sie mich im Pieto sitzen lies, hatte ich wirklich Angst, sie nicht mehr wieder zu sehen. Lange Zeit war das auch so. Nun beginnt mir ein Bauch zu wachsen, ich werde immer und immer dicker und immer und immer glücklicher. Ich bin schwanger! Als ich dann eines Abends von einem Termin bei meinen Gynäkologen wieder komme und die Türe aufschließe, sehe ich sie wieder. Breit grinsend steht sie in unserer Diele und hat über sich ein Plakat mit der Aufschrift `Herzlichen Glückwunsch´ hängen. Noch bevor ich etwas sagen kann, springen aus allen Ecken und hinter allen Sesseln Leute hervor. Freunde, Bekannte, Familie. Alle Menschen, an denen mir etwas liegt. Mir steigen die Tränen in die Augen. Nun bin ich wirklich glücklich. Als ich später einen kurzen Moment mit Kirstin allein habe, meint sie, dass sie von der Nachricht so überwältigt war, dass sie nicht wirklich reagieren konnte und eine Babyparty in die Wege geleitet hatte. „Peter war mein Komplize“, lacht sie. „Er sollte dich im Auge behalten und mir bescheid sagen, wann du so viel Bauch hast, dass die Leute uns auch glauben, dass du Schwanger bist. Und er hat mir die ganzen Nummern besorgt.“

Nach der Feier nehme ich meinen Geliebten zur Seite und küsse ihn leidenschaftlich. Er ist fantastisch.

 

Es vergeht weitere Zeit und ich nehme weiterhin an Umfang zu. Mein Bauch ist mittlerweile so dick, dass es mir manchmal schwer fällt, lange zu stehen. Ich sitze auf unserem Bett. Peter eilt auf seiner Seite hin und her und packt seine Tasche. „Musst du wirklich fahren?“, frage ich ihn. „Sue, ein Wort von dir und ich bleibe hier. Ich wäre lieber bei dir, als auf einer langweiligen Tagung.“ Ich schaue säuerlich. „Das ist kein großes Kompliment. Wenn ich besser bin, als eine langweilige Tagung, was ist dann besser als ich?“ Peter lächelt. „Alles, mein Schatz, alles!“ Ich ziehe einen Schmollmund. „Bin ich überhaupt noch schön für dich? So dick?“ „Machst du Witze? Du bist schöner als jemals zuvor! Du hast das kostbarste der Welt in dir, wie könntest du da nicht schön sein.“ Irgendwie wählt er die Worte heute nicht besonders gut. Mal sehen, was er aus einer vollen Ladung Hormonschwankungen macht. „Dann bin ich sonst nicht schön?“ So langsam dämmert es ihm, dass er etwas gar nicht so Kluges gesagt hatte. „Selbstverständlich bist du das! Aber du überraschst mich mit der Schönheit, die die Seeligkeit einer werdenden Mutter mit sich bringt. Es ist eine andere, besondere Art der Schönheit. Eine, die deine Natürliche Schönheit übertrifft, was ich niemals gedacht hätte!“ „Bin ich etwa zu schön für dich?“, necke ich ihn weiter. Er mustert mich irritiert. „Spielst du gerade mit mir?“ Ich lache und nicke. Dann küssen wir uns. „Trotzdem ist mir nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich dich hier allein lassen soll. Du bist hoch schwanger. Kommst du überhaupt alleine klar?“ Ich lächle. „Es ist erst der siebte Monat. Es noch nicht so ernst. Und bis es so weit ist, bist du ja schon längst wieder da.“ „Das will ich doch schwer hoffen!“, gibt er zurück. Dann küsst er mich und geht. Dieses Mal sind es mehrere Wochen. Ich vermisse ihn bereits jetzt.

 

Ich dachte, das Glück, das ich als werdende Mutter spüre, ist das größte Glück, das Gott gewähren kann. Aber es ist auch der schrecklichste Fluch. Ich bin nun bereits drei Wochen alleine. Peter ist auf seiner Tagung und ich vermisse ihn sehr. Aber einschlafen darf das Leben hier nicht ohne ihn. Ich werde nun erwartungsvoll alles für ihn vorbereiten. Und für unser Baby. Unsere Tochter, wie mein Gynäkologe in der letzten Sitzung feststellte. Es geht ihr gut. Sie entwickelt sich prächtig. Und ist schon fast riesig. Ich bin gerade einkaufen. Ich denke mir nichts dabei, einfach einkaufen gehen, wie immer. Aber dieses Mal war nicht wie immer. Mir geht es schon den ganzen Tag über nicht wirklich gut, aber das habe ich auf die Schwangerschaft geschoben. Hier und da wird einem da immer ein wenig schlecht. Nur ist es irgendwie keine richtige Übelkeit, eher ein andauerndes Schwindelgefühl. Mir ist schon die ganze Zeit über so, als würde ich jeden Moment zusammenklappen. Aber Ich lehne mich immer einen kurzen Moment lang an und atme tief durch und wenn es dann wieder geht mache ich weiter. Ich bin schließlich nicht die erste schwangere Frau dieser Welt. Gott hat uns Frauen so konzipiert, dass wir eine Schwangerschaft aushalten. Der Mann an der Wursttheke erkundigt sich nach meinem Befinden. Ich winke ab und bitte ihn sein Angebot zu wiederholen. Ich habe es irgendwie nicht mitbekommen. „Nun, ich kann Ihnen besonders …“ Weiter bekomme ich wieder nichts mit. Mir wird ganz schwarz vor Augen, meine Füße geben nach. Ich verliere das Gleichgewicht und kann nichts dagegen tun. Frauen schreien, Leute gaffen und ich falle. Ich falle einfach nur. Hat dieses Kaufhaus denn keinen Boden? Wann komm ich auf? Wo bin ich überhaupt? Ich … es ist alles so verschwommen. Ich … Sirenen? Lärm. Hektik. Was ist los? Wohin tragt ihr mich? Von dem Geruckel wird mit ganz schlecht. Lasst mich in Ruhe! Dieser schwarze Nebel senkt sich wieder über mich.

 

Gleißendes Weiß brennt sich in meine Augen. Ich schließe sie wieder. Da ist wieder dieser morgendliche Geschmack. Eklig. Ich möchte mich zur Seite drehen, zu Peter, aber irgendetwas hält mich zurück. Ich öffne die Augen wieder einen Spalt breit. Dann etwas mehr, als sie sich an das Licht gewöhnt haben. Das Licht alleine wäre ja nicht so schlimm, aber alles in diesem Zimmer ist weiß. Überall um mich herum sind Schläuche und Maschinen. Gefangen ist mein erster Gedanke. Dann fasse ich mich wieder. Diese Schläuche erinnern mich an etwas. Ich hebe meinen Arm ein bisschen. Der Schlauch geht in meinen Arm hinein. Am meinen Bettende steht eine Junge Frau. Sie schaut nach irgendwelchen Notizen und schüttelt den Kopf. Wer ist sie? Warum tut sie das? Ich atme tief durch um meine Gedanken wieder klar zu bekommen. Woran erinnere ich mich noch? Die Frau bemerkt, dass ich wach bin und kommt zu mir. Beruhigend legt sie mir ihre Hand auf meinen Arm. Ich versuche ihn wegzuziehen. Es gelingt mir nicht. „Keine Angst, Frau Dioshing.“, sagt sie. Ihre Stimme klingt so fremd. Hört sich Reden wirklich so an? „Sie sind hier gut aufgehoben. Der Arzt wird bald hier sein und nach Ihnen schauen, aber wie es aussieht haben sie keine bleibenden Verletzungen.“ Ich versuche sie zu fragen, was mit mir nicht stimmt, warum ich im Krankenhaus mache. Und was passiert ist. Aber aus meinem Mund kommt nur unverständliches Gemurmel heraus. Die Frau aber nickt freundlich und erzählt mir, dass ich im Kaufhaus einen Zusammenbruch hatte und ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich nicke. „Was ist mit mir?“, gelingt es mir zu fragen. Die Frau lächelt wieder schüchtern. „Das wird Ihnen der Arzt besser erklären können.“ Ich habe keine große Lust mehr, mit diesem Kind zu sprechen und schließe meine Augen. Dann warte ich eben auf den Arzt. Als ich das nächste Mal die Augen aufschlage, ist er im Zimmer. Er schaut charmant lächelnd auf mich hinunter. Er ist mir vom ersten Augenblick an unsympathisch. „Was habe ich?“, frage ich ihn und er schaut ernst. „Ich fürchte, Sie haben Diabetis. Es ist nicht weiter ernst, Sie hatten nur einen kleinen Schwächeanfall. Sie werden sich schon bald wieder erholt haben.“ „Und mein Kind?“ Schweigen erfüllt den Raum und es scheint dunkler geworden zu sein. „Es ist so, Frau Dioshing, …“, beginnt der Arzt. „Und mein Kind?“, unterbreche ich ihn. Er schweigt. „Was ist mit meinem Kind?“ „Ich fürchte, wir können nichts mehr für Ihr Kind tun.“ „Sie fürchten? Dann tun Sie gefälligst mehr!“ „Frau Dioshing …“ „Es ist mein Kind! Sie sind Arzt! Tun sie etwas!“, falle ich ihm ins Wort. „Sie missverstehen …“ „Ich missverstehe gar nichts! Sie missverstehen! Retten sie mein Kind.“ Der Arzt atmet tief durch. „Sehen Sie, Frau Dioshing, die Diabetis hat ihren Körper geschwächt und um sich selbst zu retten hat er die Versorgung des Kindes eingeschränkt, bis es unterversorgt war und leider …“ „Sprechen Sie das bloß nicht aus! Wehe Sie sprechen es aus! Das kann gar nicht sein! Dr Timber hat extra gesagt, dass es meinem Kind hervorragend geht! Er hätte es doch mitbekommen, wenn es … wenn es …“ „Das ist nicht immer der Fall, Frau Dioshing. Wie lange ist denn ihr letzter Termin her?“ Ich schweige. „So etwas kann manchmal im Laufe weniger Wochen, vielleicht sogar Tage geschehen.“, fährt er fort. „Sehen Sie, wenn Ihr Körper das Kind nicht unterversorgt hätte, dann wären Sie beide gestorben. Und so können Sie ein normales Leben weiterführen.“ „Mein Kind …“ „Ich würde vorschlagen, dass Sie Ihren Mann informieren und noch einige Tage hier bleiben, bis ihr Körper das Kind abgestoßen hat.“ Ich könnte ihn umbringen! Wie kann man so unsensibel sein?  „Helfen Sie meinem Kind“, wiederhole ich noch mal nachdrücklich. „Frau Dioshing. Ich kann Ihrem Kind nicht mehr helfen, es ist bereits tot. Und wenn es nicht bald Ihnen Körper verlässt, wird es Sie ebenfalls vergiften. Es gibt nichts mehr, was ich für Ihr Kind tun kann. Niemand kann das.“, erklärt er. „Irgendjemand wird es können. Ich will einen anderen Artz.“ „Frau Dioshing …“ „Ich will einen anderen Arzt!!!“

                                                                                                                                                   

Ich bekam einen anderen Arzt. Aber der sagt mir genau das gleiche. Mein Kind … ist tot. Meine Tochter. Meine Olivia. Tot. Ich zittere am ganzen Körper. Ich will das nicht verstehen. Irgendjemand hat meinem Mann angerufen und ihm gesagt, was passiert ist. Vielleicht war auch ich es, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls ist er sofort zu mir gekommen und hat all seine Termine und Tagungen abgesagt. Jetzt sitzt er neben mir am Bett und weicht kaum einen Moment  von meiner Seite. Und ich liege nur da und starre an die Decke. Wir reden kaum, sind nur zusammen und beten, endlich aus diesem Alptraum aufzuwachsen. Wir wollen unser Kind zurück! Dann kommen die Wehen. Sie werden künstlich eingeleitet. Es interessiert mich nicht. Ich presse einfach nur diesen toten Körper aus meinem Bauch hinaus. Das ist nicht mein Kind. Mein Kind ist noch in mir. Und es lebt noch. Diese Geburt ist nur ein grausamer Traum. Ein Albtraum, aus dem ich erwachen werde. Bald!

 

Aber ich erwache nicht. Ich laufe weiter wie in Trance durch mein Leben, als würde ich nur darauf warten, endlich aus diesem Traum aufzuwachen, aber der ist endlos. Und Gott wird sich nicht erbarmen ihn mir zu beenden. Denn Gott wird nichts tun. Gott kann nichts tun. Denn er existiert nicht. Wie kann ein Gott wie der, an dem sie alle glauben, so etwas zulassen? Dass mir mein Kind stirbt? Nein, es kann keinen Gott geben. Nicht für mich. Und es gibt auch kein Erwachen. Ich sehe in das Gesicht neben mir. Er ist alles, was mir noch geblieben ist. Mein Peter. Meine Liebe. Und der Vater meines Kindes, das niemals geboren werden wird. Tränen laufen mir aus den Augen. Das Kissen ist schon ganz nass. Ich streiche Peter die Haare aus dem Gesicht. Für ihn sollte ich es hinter mir lassen. Einfach vergessen. Vergessen, was passiert ist. All den Schmerz und das Leid hinter mir lassen und ein neues Leben anfangen. Vielleicht war dies der Weg zum Aufwachen. Einem Aufwachen, das ich mir mehr wünschte als alles andere. Und sei der Geschmack im Mund noch so eklig. Ich schlage die Decke zurück und stehe auf. Ich mache jetzt Frühstück für den Mann, den ich liebe. Wir werden noch mal vollkommen neu anfangen. Ohne Olivia, ohne Erinnerungen, ohne Schmerz. Einfach nur er und ich. Ein Kind hat es niemals gegeben.

 

„Seit wann machst du Frühstück?“, fragt Peter, der verschlafen in die Küche gewankt kommt. „Ab heute“, erwidere ich mit einem glücklichen Lächeln. „Ich möchte neu anfangen.“ Er schaut mich verwirrt an. „Sollten wir dafür nicht erstmal verarbeiten, was passiert ist?“ „Was ist denn passiert?“ „Na ja, wir haben unser Kind …“ Ich schneide ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Möchtest du Schinken zu deinen Eiern?“ „Sue …“ „Peter, ich möchte einfach nur da weiter machen, wo wir aufgehört haben. Können wir nicht einfach die Zeit zurückdrehen? Wenigstens für eine Weile? So als wäre nichts passiert? Bitte, ich kann mich jetzt nicht damit auseinandersetzen.“ Er mustert mich. „Du weißt, was du da verlangst?“ Ich nicke. „Und du willst es wirklich haben? Mit all den Konsequenzen?“ Ich nicke wieder. Er schaut mich traurig an und nimmt mich dann in die Arme. „Ich liebe dich Sue. Und ich will es probieren.“ Ich lächele ihn dankbar an. Ich schließe diese Erinnerung tief in mein Herz ein. Niemand soll jemals sehen, was sich dort drin verbirgt. Niemals.

 

Es vergeht immer mehr Zeit und sie vergeht immer schneller und schneller. Wir beginnen wieder alles zu einzupendeln, wie es war. Mit allen Vor- und Nachteilen. „Musst du wirklich schon wieder zu einer Tagung?“ „Du wolltest es so, erinnerst du dich, Schatz?“ „Das ist nicht wahr! So was würde ich niemals wollen!“ „Du wolltest die Vergangenheit mit allen Vor- und Nachteilen.“ Er liebt es, mir das unter die Nase zu reiben. „Aber das bedeutet doch nicht, dass wir nicht dran abreiten können.“ Er kommt zu mir und küsst mich auf die Stirn. „Du weißt, Sue, nur ein Wort von dir und ich komme zurück. Aber dass sie mir bisher so häufiges Fehlen haben durchgehen lassen, ist reines Glück. Das kann nicht immer so sein. Also lass uns Gott danken und einen Schritt nach dem anderen tun.“ Ich rümpfe die Nase. Wir kommen seit Monaten nicht vom Fleck. Seit zwei Monaten um genau zu sein. Und die Sache mit Gott … ich konnte nicht alles wieder zurückdrehen. Ich schaue verlegen auf den Boden. „Bitte bleib. Diesen Monat …“ Ich schlucke. Ich kann es nicht aussprechen. Ich sehe ihn an. Er schaue auffordernd zurück. „... wirst du mir besonders fehlen. Es ist die erste lange Tagung seit so langer Zeit.“, sage ich schließlich. Er küsse mich wieder. Wieder nur auf die Stirn. Wann hat er mich das letzte Mal richtig geküsst? „Du kannst mich jederzeit erreichen, mein Schatz. Aber nun muss ich wirklich los.“ Ich nicke und er geht. Ich friere. Warum kann ich den Neuanfang nicht leben? Warum gelingt es mir nicht, die Zeit zurückzudrehen und alles zu vergessen? Warum weiß ich es noch so genau? Obwohl es niemals passiert sein soll? Diesen Monat wäre Olivia geboren worden.

 

Ich fühle mich so einsam. Warum habe ich ihn nicht einfach zurückgehalten? Warum habe ich ihm nicht einfach gesagt, was los ist? Warum habe ich ihm nicht gesagt, dass ich an keinem Tag, sogar in keiner Stunde der vergangenen zwei Monate aufgehört habe, an sie zu denken und mir auszumalen, wie es wäre, wenn ich weiterhin immer dicker geworden wäre? Hätte er mich dann nicht in den Arm genommen und gesagt, dass es ihm nicht anders ergangen wäre? Hätten wir dann wieder zueinander gefunden? Oder hätte er sich betrogen gefühlt, weil ich von ihm etwas verlangt hatte, was ich niemals halten konnte. Ich fasse mir an die Brust. Mein Herz tut so weh. Es Sticht. Als würde es jeden Moment zerbrechen. Und ich mit ihm. Warum konnte ich das, was mir etwas bedeutete nicht halten? Peter, Olivia, Kirstin, Gott. Alles war mir entglitten und ich konnte es nicht halten. Wie gerne hätte ich jetzt eine von Kirstins heißen Kakaos getrunken und ihr erzählt, wie schrecklich es mir geht. Sie hätte mich verständnisvoll angesehen und mich getröstet. Aber ich kann sie nicht anrufen. Stattdessen krieche ich in mein Bett, ziehe die Decke über meinen Kopf und lieferte mich dem aus, wovor ich nun noch mehr Angst habe, als jemals zuvor: dem Aufwachen. Denn nun ist da mehr als nur ein schlechter Geschmack im Mund. Es ist der Schmerz, der mir sagt, dass ich all das nicht nur geträumt habe.

 

Die Tage vergehen, wenige nur, und es geht mir von Tag zu Tag schlechter. Je näher der Tag kommt, an dem mein kleines Kind hätte geboren werden sollen, desto mehr fällt mir auf, dass ich zu dünn bin, um ein Kind in mir zu tragen. Langsam, ganz langsam, kriecht mir in meinen Kopf, dass etwas so ist, wie es überhaupt nicht sein sollte. Ich sollte nicht allein sein. Ich sollte nicht nicht schwanger sein. Ich sollte nicht an gar nichts glauben. Und ich sollte nicht den Gasherd aufdrehen. Aber ich bin es. Und ich tue es. Ich schließe alle Fenster und Türen ab und drehte den Herd auf. Dann letzte ich mich davor und starrte hinein. Und dann wartete ich. Ich kann einfach nicht so tun, als sei nichts gewesen. Ich kann nicht meine Tochter verleugnen und ich kann nicht ohne sie weiter leben. Und ich werde nicht mehr lange atmen können. Ich merke, wie das Gas in meinen Körper fließt und mir das Atmen immer schwerer macht. Es benebelt meine Sinne und erschwert meinen Körper. Und dann sinke ich in eine gütige Ohnmacht. Als ich die Augen aufschlage sehe ich in Kirstins Augen. Der Wind weht die Gardinen vom Küchenfenster weg. Die Türe hat ein Loch. Ich versuche mich aufzusetzen, doch Kirstin drückt mit sanft auf den Boden zurück. „Du solltest noch ein wenig liegen bleiben. Ich weiß nicht, wie schwer dich das Gas geschädigt hat. Aber wenn du mich fragst, warst du vorher auch schon recht geschädigt. Warum hast du das gemacht? Ich weiß, das letzte, was du jetzt brauchst, sind Vorwürfe, aber dich umbringen ist doch keine Lösung. Außerdem hat Gott doch Probleme mit Selbstmördern.“ Ich sehe weg. „Ich glaube nicht mehr an Gott.“ Kirstin plumst neben mich auf den Boden. Es ist ein Satz, den sie niemals von mir hören wollte. „Damit zerstörst du ein Weltbild.“, meint sie benommen. Ich schau sie an. „Was machst du eigentlich hier?“, frage ich. Das Gas hat mir doch etwas zugesetzt. Es fällt mir schwer, zu atmen, geschweige denn, zu reden. Sie grinst verlegen. „Im Gegensatz zu dir hat Peter mit mir geredet. Ich wollte mich dir nicht aufdrängen, daher stand ich nicht einfach vor deiner Türe. Ich meine, ich kann mir nicht annährend vorstellen, wie das für dich sein könnte. Aber letztens meinte er, dass ich ein Auge auf dich haben soll, während er weg ist. Er sagte, euer Kind hätte im Laufe dieser Woche geboren werden sollen.“ Ich habe Tränen in den Augen. „Heute“, nicke ich. Von Fern höre ich Sirenen. Kirstin schüttelt den Kopf. „Die Notfallwagen lassen sich aber auch Zeit.“

 

Sie heben mich auf eine Bahre und wollen mich in den Krankenwagen schieben. Da sehe ich ihr Gesicht. Sie versteckt sich hinter einem Baum und beobachtet die Szene. Ich bitte die Leute, stehen zu bleiben und sehe sie an. Wie lang ist es nun her? Knapp ein Jahr? Neun Monate, vielleicht Zehn? Aber ich erkenne sie sofort. Sie lächelt. Ihre Haare wehen im Wind. Sie sieht so friedlich und zufrieden aus. Weil ich in diesem Zustand bin? Ich strecke meine Hand zu ihr aus. Sie zögert einen Moment, aber kommt dann doch langsam auf mich zu. „Zufrieden?“, frage ich sie, obwohl es mir immer noch schwer fällt, zu reden. Sie überlegt kurz und nickt dann. „Es ist gut so.“, sagt sie. „Besser als die Alternative. Und den Rest bekommst du auch hin, wenn du dich drauf einlässt.“ Ihr Optimismus tut mir gut. Er bedeutet, dass sie glaubt. Ich weiß nicht, woran sie glaubt, aber sie scheint aus ihrem Glauben Kraft zu beziehen, so wie ich einmal. Nun glaube ich an gar nichts mehr. Sie dreht sich zum gehen. Ich halte sie zurück. Ich brauche wieder etwas, woran ich glauben kann. Ihr Handgelenk ist so schmächtig, dünn und kühl. Ich sehe sie Hilfe suchend an und sie legt lächelnd ihre andere Hand tröstend auf meine. Trotz der Kühle ihrer Hand hat diese Berührung etwas Beruhigendes. Und ihr Lächeln. Ich werde niemals ihr Lächeln vergessen. Es ist mehr, als nur wohlwollend. Und ihre Augen sind mehr als nur die eines Menschen. Dies ist der Moment, in dem ich mich entschließe, ihr zu glauben und ihr zu vertrauen. Ich möchte ihren Augen vertrauen. Ich ziehe mit einer Hand einen meiner liebsten Ringe vom Finger und lege ihn in ihre Hand. Ich nehme alle Kraft zusammen. Dies ist ein wahrer Neuanfang. „Bitte, erzähl mir von Jehoshua ben Joseph. Ich verspreche, ich werde dir zuhören.“


11.11.08 14:49


Riana Azure

Meine Güte! Also, dieser Tag heute ist wirklich mehr als ungewöhnlich. Und das Problem ist, dass ich niemanden für Verrückt erklären kann … oder jeden, so genau weiß ich das noch nicht. Dabei fing doch heute alles so normal an! Ich stand auf, duschte kalt, frühstückte, packte meine Sachen und machte mich auf den Weg zu Cathy. Ich gehe immer morgens zu Cathy. Nun ja, zu mindest während der Schulzeit. Sie ist keine besonders enge Freundin von mir oder so etwas in der Art, aber seit ich denken kann gehen wir beide zusammen zur Schule. Sie wohnt nämlich direkt auf meinem Weg dort hin und es ist immer furchtbar langweilig, wenn man alleine gehen muss. Oft hat mich auch ihr Vater im Auto mit genommen, zum Beispiel ein Mal, als es ganz heftig gewittert hat. Das ganze Auto wurde durch einen der Donner durch gerüttelt. Aber das tut nichts zur Sache. Jedenfalls ging ich ganz normal zu Cathy. Ich dachte, sie sei noch beim Frühstück, wie meistens, wenn ich bei ihr ankomme. Dann setze ich mich immer noch ein wenig dazu und beobachte ihre Familie. Eine intakte Familie. Etwas Wundervolles. All diese Belanglosigkeiten, die sie austauschen. „Schatz, vergiss die Jacke nicht.“ „Mach in der Schule nicht wieder Dummheiten, Benni“ und all diese Sachen. Ich habe so etwas nicht. Eine intakte Familie. Ich habe keinen Vater und keinen kleinen Bruder. Ich habe auch keinen süßen, anhänglichen Hund. Ich bin nur ganz allein mit meiner Mutter und meiner kleinen Katze, die das Einzelgängerdasein sehr ernst nimmt. Für mich ist es immer, wie ein bittersüßes Theaterstück, wenn ich den Marshalls zusehe. Ich halt mich raus und lasse mir vorspielen, wie es sein müsste. Außerdem ist es auch ein Teil einer Erinnerung, warum ich immer wieder zu ihnen gehe. Denn es war mein Vater, der es vorgeschlagen hat, zu ihnen zu gehen, bevor er … na ja … jedenfalls war es heute anders. Cathy stand schon fast in der Türe, als ich ankam und zerrte mich beinahe ins Haus. Noch während ich rein kam fragte sie schon „Hast du das heute in der Zeitung gelesen?“ Ich war völlig verwirrt. Ich meine, ich lese ja noch nicht einmal regelmäßig Zeitung und was sollte das überhaupt in dieser Frühe? Warum fragte sie so was? Aber sie redete unbeirrt weiter auf mich ein. „Jugendliche bei Motorradunfall ums Leben gekommen“, wiederholte sie die Schlagzeile. Es sei wohl besonders schlimm, da auch die Tochter des städtischen Bürgermeisters betroffen war. Oder wars die des Vizebürgermeisters? Keine Ahnung.  Jedenfalls hatte ich immer noch keine Ahnung, warum sie mich damit voll quatschte. Es sei gar nicht weit von uns passiert, sagte sie. Und dann sagte sie, dass sie dort immer mit dem Fahrrad vorbei führe, auch um diese Uhrzeit. Ich schaute mich desinteressiert nach Jojo, ihrem Hund um, der sofort aus Herrgott weiß aus was für einer Ecke gerannt kam und sich von mir strechen lies. „Vermutlich wunderst du dich, woher ich das so genau weiß, oder? Wo doch keine Zeitangabe im Artikel steht, stimmts?“ Das interessierte mich so ziemlich überhaupt nicht. Ich war mit Jojo beschäftigt. Und er genoss das! „Wenn du magst, kannst du ja mit kommen, ich wollt eh gerade zum Unfallort gehen.“ Hier schaltete ich mich ein. Ich sah von Jojo hinauf auf sein Frauchen und sagte: „Cathy, meine Liebe, wir müssen eh bald los zur Schule. Und das machen wir normal zusammen. Also ist die Frage, ob ich mit komme recht überflüssig. Und davon abhalten mir alles zu erzählen, kann ich dich vermutlich eh nicht.“ Dann wendete ich mich wieder Jojo zu. Bis sie sagte: „Ich hätte auch dort sterben sollen.“

 

Dieser Satz von Cathy hing eine ganze Weile in der Luft. Die ganze Küche schien in ihrer Bewegung eingefroren zu sein. Auch ich. Ich stellte mich wieder hin und legte Cathy meine Hand auf die Schulter. „Cathrine Marshall“, begann ich mit ernstem Gesicht. „Man kann nicht wissen, wann man sterben soll, also woher willst du das sagen können? Nur, weil du zufällig um in etwa die gleiche Zeit in der Gegend hättest sein können, eventuell?“ Aber Cathy schien sich nicht beirren zu lassen. Sie wiederholte felsenfest, dass sie dort hätte sterben sollen. Und dann meinte sie mit verschwörerischer Miene, dass sie mir Genaueres erzählen würde, wenn ich mitkommen würde. Also zuckte ich mit den Schultern und wir gingen los.

 

„Es begann alles vor einigen Wochen“, begann Cathy ihre Erzählung, zog ihre Jacke über und nahm sich ihre Schulsachen. Erneut fragte ich mich, warum sie mich damit voll quatschte. Aber ungeirrt erzählte sie mir auf dem Weg, wie sie einem braunhaarigem Mädchen begegnet sei, das ihr ein Foto gegeben hatte, worauf Cathys Tod zu sehen war: Eben dieser Unfall. Und war sie da erzählte hatte weder Hand noch Fuß noch Sinn oder Verbindung. Sie redete vollkommen wirr. Sie erzählte davon, wie sie das Mädchen mit dem Fahrrad überholt hatte und sie doch plötzlich vor ihr stand. Dann wollte sie mir das Foto zeigen, das sie bekommen hatte und hielt mir aber nur ein weißes Stück Papier hin. Und obwohl sie gerade lang und breit berichtet hatte, dass dieses Mädchen der Grund dafür gewesen war, dass sie nicht zum Sport gegangen war, auf dem Weg dort hin wäre nämlich der Unfall passiert, sagte sie im nächsten Satz, dass der Grund gewesen sei, dass sie verschlafen hätte und das Mädchen hatte sie nie ernst genommen. Hrmpf! Wie soll man so jemanden ernst nehmen?! Mir jedenfalls fiel das mehr als schwer und im Grunde genommen lief ich nur neben ihr her, hörte mit einem halben Ohr zu und verdrehte meine Augen über diese Ammenmärchen. Warum überhaupt war sie sich so sicher, dass es sich um den gleichen Unfall handelte, wie sollte das gehen? Da hätte ihr das Mädchen ja ein Foto aus der Zukunft geben müssen! So etwas ist unmöglich.

 

Und dann blieb sie plötzlich stehen und starrte nur in die Gegend. Wie ich es auch versuche, ich kann einfach nicht sehen, was ihr so auffüllt, und dann flüstert sie erst etwas, so leise, dass ich es nicht verstehe, und dann brüllt sie rum. „Das ist sie!“, brüllte sie. Dann schüttelte sie mich  am Arm und wiederholte, was sie gesagt hatte. „Das ist das Märchen, von dem ich dir erzählt hatte!“ Und dann rennt sie wie eine Irre auf das Mädchen zu. Armes Ding. Und wen ich meine, darf sich jeder selbst zusammenreimen …

 

Und damit kommen wir zum Höhepunkt des heutigen Tages: Sie schaut nämlich tatsächlich in unsere Richtung, lächelt und kommt auf uns zu. Mit jedem Schritt, den sie näher kommt, überfällt mich immer mehr ein beklemmendes Gefühl. Sie lächelt Cathy an. „Schön zu sehen, dass es dir gut geht.“, sagt sie und Cathy überschwemmt sie mit Fragen. Woher hatte, woher wusste, was sollte, wer ist … was auch immer. Es ist mir auch egal. Ich kann meinen Blick einfach nicht von diesen Augen wenden. Verändern sie sich? Ich meine, bewegen sie sich? Nein, nicht so, wir normale Augen, die nach rechts oder links schauen, mehr so … in sich. Wie ein eigenes, kleines Universum, das sich in sich dreht. Die Regenbogenhäute, meine ich, sie scheinen andauernd in Bewegung zu sein. Wie …? Jetzt lächeln die Augen! Ich habe noch niemals gesehen, dass jemand mit seinen Augen lächelt! Es ist, als würden diese merkwürdigen Augen eine eigene Geschichte erzählen … nein! Nein, das habe ich mir nur eingebildet! So etwas gibt es nicht! Und doch … „So viele Fragen. Sei unbesorgt, Cathy, ich will versuchen, sie dir zu beantworten. Aber zuerst lass dich anschauen. Es freut mich, dass dir nichts geschehen ist!“ diese Stimme! Sie geht schon irgendwie durch den gesamten Körper. Sie lacht. Warum kann ich nichts anderes machen, als sie anzustarren? Ich kann ihr nicht einmal richtig zuhören! Cathy gibt ihr das Foto zurück, sie reden noch ein wenig. Dann steckt sie es in eine kleine, braune Tasche, die ihr über der Schulter hängt. Mein Blick wandert ihren Händen nach und … mein Gott! Sind das viele Fotos! Warum sind da so viele Fotos drin? Ich kann meinen Blick nicht davon wenden. Ich spüre ihren Blick auf mir und ihre Hand, eine sehr zierliche Hand, nebenbei bemerkt, jedenfalls gleitet sie wieder zurück in die Tasche und holt das Foto wieder heraus. Halt, nein, es ist ein anderes Foto, denn es ist noch etwas darauf abgebildet. Ich versuche einen Blick zu erhaschen. Dann hält sie es mir hin. Ich schau sie an, versinke fast in ihren Augen, sie hält das Foto noch ein Stückchen näher zu mir. Auffordernd, schon fast. Ich bemerke auch Cathys Blick auf mir und schaue sie an. Sie lechzt beinahe danach, das Foto zu sehen und schaut mich auffordernd an. Ich nehme es tatsächlich zögerlich an und beinahe im nächsten Moment ist das fremde Mädchen verschwunden. Einfach weg. Und ich habe nur noch dieses merkwürdige Foto. Ich schau es mir genau an … es zeigt Wasser. Viel Wasser. Warum fotografiert sie Wasser?

 

„Ich glaub, du wirst ertrinken“, raunt mir Cathy zu. Cathy spricht, Mädchen weg. So langsam komme ich in die Wirklichkeit zurück. Und ja, das war definitiv das Merkwürdigste, was mir jemals passiert ist. „Ist das alles, was man sieht? Wasser? Mehr erkennt man nicht? Das ist ja billig.“ Ich lasse das Bild fallen und verpasse ihm einen dreckigen Schuhabdruck mit meinen Stiefeln. Billig! Cathy bückt sich und schaut kurz drauf, soweit ich es mitbekomme, wagt sie es aber nicht, es zu berühren, das Foto, meine ich. Dann steht sie auf und rennt mir hinterher. Als sie mich eingeholt hat, meint sie, dass sie glaubt, mich auf dem Foto hätte erkennen können. Ich schnaufe und gehe unbeeindruckt weiter. Ich habe nichts dergleichen gesehen und selbst wenn da etwas war, ist das nur ein Grund mehr, das Foto da liegen zu lassen, wo es ist: Weit weg von mir!

 

Irgendwie kamen wir doch in die Schule und genossen die Langeweile des Schüleralltags. Ja, es ist Ironie. Jedenfalls war die Schule dann irgendwann rum und das normale Leben hatte wieder Einzug gefunden. Bis auf eine Kleinigkeit: Am nächsten Morgen tauchte ich nicht bei Cathy auf. Als sie mich in der Schule danach fragte, schwieg ich. Ebenso die darauffolgenden Tage. Ich wollte sie weder sehen noch mit ihr sprechen. Denn ich konnte sie nicht mehr für verrückt erklären und hatte Angst vor dem, was sie über Foto und Mädchen sagen würde. Ich wollte es nicht zu mir durchdringen lassen.

 

Leider änderte es nichts daran, dass es auf eine abartige Art und Weise wohl doch real war. Denn vor Ablauf des Monats bewahrheitete sich die Sache, die das Foto gezeigt hatte. Ich habe viele Freunde. Nicht auf meiner Schule, zugegeben, aber dennoch eine ganze Clique. Ich bin gerne und viel mit ihnen zusammen. So auch an dem fraglichen Tag. Wir hatten uns wie so oft in dem Stadtnahen Wald getroffen. Das war unser Treffpunkt. Unter der großen Eiche bei dem Fluss. Also waren wir auch an dem Tag dort. Und natürlich hatte ich keine Angst. Zuana, meine älteste Freundin, war da. Und Alina, Markes und Lili. Na ja, und ich natürlich. Wir saßen unter der Eiche und faulenzten.

 

„Nein, im Ernst. Du hättest Markes sehen sollen!“, erzählt Lili. „Der ist schneller gerannt als ein Gepard. Er war echt irre schnell!“ Ich schnaube durch die Nase. Ich bin die Schnellste der Clique. Alina bemerkt meine Reaktion und kichert. „Du hast ewig nicht mehr trainiert, du faule Socke!“, sagt sie und stuppst mich an. „Meinst du ernsthaft, dass du dann immer noch schneller bist als Markes?“ Ich schaue sie wütend an. „Aber hundertprozentig!“ Alle lachen. Warum bitte lachen sie? Es ist mein Ernst. Ich bin die Schnellste von uns. Und dieser Hohlkopf Markes kann mir definitiv nicht das Wasser reichen. Lili  grinst: „Beweis es.“ Ich schüttel den Kopf. Was ich weiß, muss ich nicht beweisen. Sowas von schwachsinnig. Das habe ich nicht nötig. „Ich wette, Markes ist schneller!“, schaltet sich Zuana ein. Ich strafe sie mit einem bösen Blick. „Meinst du nicht, gerade du solltest auf meiner Seite sein?“, gifte ich, aber Zuana schüttelt überzeugt den Kopf. „Eine reine Tatsache. Du hast  wirklich ewig nicht mehr trainiert und er hat längere Beine als du und er ist ein Kerl. Kerle sind leider Gottes nun einmal kräftiger.“ „Aber nicht schneller!“, keife ich. Zuana nickt. „Nicht zwingend, stimmt.“, sagt sie dann. „Aber in diesem Fall bleibe ich dabei: Ich wette, er ist schneller als du!“ Die anderen kichern. Ich glühe vor Wut. „Meinet wegen. Dann nehme ich die bescheuerte Wette eben an! Aber du weißt, dass ich nur wette, wenn ich weiß, dass ich Recht habe!“ Lili kichert: „Dann solltest du hier wirklich aussetzen! Ich habe gesehen, wie schnell er ist!“ Ich schnaufe sie an und stehe auf. Dann weise ich Markes an, es mir gleich zu tun. Er verdreht die Augen. „Ri … wirklich. Muss das jetzt sein?“ „Angst?“, knurre ich ihn an und er rappelt sich demotiviert hoch. Na, bei der Einstellung habe ich ja gleich gewonnen! … wobei natürlich vollkommen außer Frage steht, dass ich das eh tun werde! Zuana schaut zu mir hoch. „Was möchtest du tun, wenn du verloren hast? Irgendwelche Wünsche?“ „Ich werde nicht verlieren!“, antworte ich. Zuana nickt. „Is klar. Aber WENN du doch verlieren solltest …“ „Ich werde nicht verlieren!“, wiederhole ich. Zuana verdreht die Augen. „Ok, also, dann geb ich vor. Du balancierst über den Baumstamm da, den überm Wasser, bis auf das andere Ufer …“ Ich zucke mit den Schultern. Keine große Sache. Ich bin gut im Balancieren. Leider ist Zuana noch nicht fertig: „… in Unterwäsche!“ In dem Augenblick schauen wir alle sehr fassungslos auf Zuana. Aber sie hatte es eindeutig ausgesprochen. Ich sollte in Unterwäsche über einen Baumstamm balancieren! „Bist du durchgeknallt?!“, fahre ich sie an, aber sie bleibt unbeeindruckt. Ich würde ja nicht verlieren. Ich knirsche mit den Zähnen. Dann nicke ich. „Aber Du hast die gleiche Auflage! Wenn ich das Rennen gewinne und du damit die Wette verlierst, dann balancierst du. Aber so was von in Unterwäsche!“ Zuana erbleicht ein kleines bissen. Dann grinst sie, nickt und wir versiegeln die Abmachung mit Händedruck. Dann stellen Markes und ich uns zum Rennen auf. Er grinst hämisch: „Egal, was passiert, ich gewinne.“ Ich mustere ihn geringschätzig. „Dann musst du ja nur entscheiden, wen du lieber in Unterwäsche sehen möchtest: Mich oder Zuana.“ Er grinst: „Dich natürlich!“ Dann brüllt Alina auch schon das Startsignal und ich komme mir vor, wie von seinen Worten gelähmt. Dann werde ich aber sauer und gebe extra Gas. Ich hole ein, ich hole auf, ich überhole. Ich bin schneller! Über die Hälfte der Strecke sind wir schon gelaufen. Er holt wieder auf, ich mobilisiere all meine Reserven. Er überholt mich und schlägt grinsend mit Lili ab, die die Ziellinie markiert hatte. Ich hatte verloren …

 

Knurrend ziehe ich Pulli, Hose und Schuhe aus. Ihr Glück, dass ich zu meinem Wort stehe. Egal, was passiert. Zuana grinst und hält ihre Hand hin. „Shirt auch. Und Strümpfe.“ Stinksauer folge ich ihren Anweisungen. „Du brauchst bloß nicht glauben, dass du einfach so davon kommst!“, drohe ich ihr. „Und du hör gefälligst auf zu Glotzen!“, keife ich Markes an. Er lacht. „Sei keine so schlechte Verliererin. Du siehst doch gut aus.“ Ich würde ihm am liebsten eine rein schlagen. Stattdessen begebe ich mich aber als eine gute Verliererin auf den Baumstamm. Er ist dick. Zwar hier und da ein wenig moosig, aber alles in allem echt keine große Sache. Nur das mit der Unterwäsche ist eben ein klein bisschen peinlich. Ich hole tief Luft. „Als würdest du einen Bikini tragen.“, murmle ich mir zu. Na ja … ein Spitzenbikini. Verdammt!

Trotzdem steige ich auf den Baumstamm und fange an, drüber zu gehen. Er ist länger, als er aussah. Aber trotzdem echt keine Herausforderung. Ich springe auf der anderen Seite wieder ab und drehe mich um. „Zufrieden?“, brülle ich hinüber und das nächste, was ich sehe ist, wie Zuana sich meine Klamotten schnappt und laut lachend davon läuft. „Was soll das?“, brülle ich, springe wieder auf den Baumstamm und renne mit Vollgas drüber. Auch, wenn Markes mit viel Glück ein kleines Bisschen schneller ist als ich, Zuana stecke ich noch im Schlaf in die Tasche! Und doch … ich bin mir meiner Sache zu sicher und setze einen Fuß falsch auf. Ich trete voll aufs Moos. Es ist feucht und glitschig. Bevor ich noch weiß, was geschieht, rutsche ich ab und treffe hart mit den Schultern auf den Baumstamm. Das Wasserbett ist an der Stelle nicht sonderlich tief, aber unglaublich mitreißend. Ich schlage heftig mit meinem Arsch auf das Kiesbett und werde gleich mitgezogen. Ein paar Meter weiter gewinnt der Fluss gehörig an Tiefe, aber er ist immer noch fast genau so mitreißend. Ich verliere den Boden unter meinen Füßen. Ich tauche mit dem Kopf unter Wasser und versuche mich wieder rauf zu paddeln. Ich habe keine Kontrolle mehr. Wo ist oben? Wo ist unten? Ich schlucke Wasser. Irgendwie muss ich an den Rand kommen. So schnell wie möglich. Denn da hinten … Rauschen dringt an mein Ohr. Verdammt! Ich versuche mich verzweifelt an den Rand zu bringen und schlage hart auf. Sofort greife ich zu und ziehe mich wieder über Wasser. Ein Stein? Er ist in etwa der Mitte des Flusses und ragt heraus. Soll das heißen, ich bin zur falschen Seite geschwommen? Mist! Ich nutze den Moment der Erholung um mich umzuschauen. Ich sehe, wie meine Clique am Ufer versucht aufzuholen. Markes mit Abstand vorne. Eine Tatsache, über die ich jetzt wirklich froh bin. In dieser Pause bemerke ich leider auch, wie kalt das Wasser ist. Es zerrt unerbittlich an mir. Lange kann ich mich nicht mehr halten.

 

„Ri! Ri! Bist du OK?“ Mein Gott, ich würde Markes für diese Frage am liebsten lynchen! Aber ich bekomme nicht einmal eine sarkastische Antwort heraus. Ich atme tief durch. Versuche die Kälte und die Schmerzen zu vergessen. Das Gute dabei ist, dass einige der Schmerzen nach gar nicht zu mir durchdringen konnten. Immer Optimismus bewahren. „Frag nicht so blöd, hol mich lieber hier raus!!!“, brülle ich Markes entgegen. Er ist endlich auf gleicher Höhe mit mir. Er schaut sich um. Kein Seil. Und auch rein springen wäre dämlich. Ich kann mir vorstellen, wie er gerade flucht. Dann rennt er weiter Flussabwärts und steigt ins Wasser. Ich traue meinen Augen nicht! Als die Mädchen aufholen, rennen sie bis zu ihm und er erklärt ihnen mit wenigen Worten, was zu tun ist. Zwei halten ihn so fest sie können und Lili, die zierlichste und schwächste von uns, die allerdings die lauteste Stimme hat, rennt zurück und brüllt mir ein paar Anweisungen zu: „Lass los!“ „Was? Bist du bescheuert?!“, kreische ich zurück. Sie schüttelt den Kopf und brüllt weiter: „Versuch so weit an den Rand zu kommen, dass die anderen dich einfangen können. Sobald Markes dich hat, ist alles gut!“ „Und wenn er mich nicht bekommt?“, schreie ich zurück. „Er WIRD dich bekommen!“, lautet die Antwort. Klasse. Hört sich ganz nach meinem `ich WERDE gewinnen´ von vorhin an … und wir wissen ja alle, was daraus geworden ist. „Solln wir lieber jemanden holen?“, brüllt Lili weiter. Ich atme tief durch. Mit jeder Sekunde in diesem verflixten Wasser verliere ich mehr Kräfte. Jetzt losrennen und Hilfe holen, würde zu lange dauern. Keine Zeit für Zweifel. Ich stoße mich ab. Ich werde durch meinen Schwung schon ein ganzes Stück in die Nähe des Ufers getrieben, aber auch sofort wieder unter Wasser gedrückt. Panisch versuche ich aufs Ufer zuzuschwimmen. BITTE lass es nicht wieder das falsche Ufer sein! Ich tauche einen Augenblick auf, Markes kommt immer näher. Näher. Näher. Ich versuche ihn zu greifen, nichts. Meine Hand greift ins Leere. Ich werde an ihm vorbei geschwemmt. Da greift er mich. Er zieht mich näher zu sich heran und als ich mich an ihm festklammere, fasst noch mal nach. Ich schau ihn sauer an. „Zu tief, du Perversling.“ Er grinst entschuldigend und rutscht mit seiner Hand um meine Hüfte. Dann ziehen sie mich alle gemeinsam aus dem Wasser. Ich liege da, vollkommen erschöpft und kann nichts anderes als nur zu atmen. Ich zittere am ganzen Körper. Teils wegen der Situation und Teils einfach wegen der Kälte. Zuana legt meine Kleider neben mich. Dann zieht sie ihren Pullover aus. Lili und Alina ziehen ebenfalls Jacke und Pullover aus und legen sie neben Markes und mich. „Zieht euch etwas Warmes an.“, sagt Zuana. Irgendwie scheint sie recht betroffen zu sein. Langsam bekomme ich wieder Luft und stütze mich auf. In dem Moment fällt Zuana über mich her. Durch ihren Schwung werde ich wieder auf den nassen Boden gedrückt. Ich stöhne vor Schmerz. Ich war heute schon einige Male sehr hart aufgekommen. Das meldete sich jetzt. Zuana jedoch knuddelt und kuschelt mich und entschuldigt sich tausend Mal bei mir. „Das wollte ich nicht! Es tut mir so Leid!!“, heult sie. Ich tätschle ihr den Kopf. „Is doch alles gut gegangen.“, murmle ich. „Aber was alles hätte passieren können! Was wenn … was, wenn … wenn ….“ Markes legt ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. „Es ist ja nichts passiert.“ Ich lasse einen herzhaften Nieser los. „Das nennst du nichts?“, schniefe ich. Wir alle fangen an zu lachen. Wir lachen all die Anspannung weg. Endlich ist diese Situation vorbei. Es war echt haarscharf. Aber Zuana hat Recht. Was, wenn … es hätte wirklich viel passieren können. Cathys Stimmt meldet sich in meinem Kopf: „Ich glaub, du wirst ertrinken“

22.10.08 14:45


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