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Theresia Delling

Wer immer du sein mögest, der das hier ließt, du kannst dir sicher sein, dass ich nie gedacht hätte, dass es wirklich so weit kommen würde, aber ich fürchte, ich habe mich geirrt. Es ist, wie sie es bereits sagte: Das Glück verwandelt sich in Unglück, auf jeden Höhepunkt folgt ein Tiefpunkt. Wie einfach und wie natürlich das alles doch klingt und was für ernsthafte Folgen es doch hat. Doch bereits unsere Begegnung stand unter einem schlechten Stern, unter ihrem Stern!

Es war ein merkwürdiger Tag, an dem wir uns begegneten. Alles war gut verlaufen, ich hatte alles geschafft, was ich mir Vorgenommen hatte und es war endlich Mittagspause. Seit dem Morgen hing bereits ein heftiges Gewitter in der Luft, man konnte es förmlich riechen, aber mir ging es so gut, dass es mich nichts ausmachte, nicht einmal nass zu werden hätte mich gestört!

Doch die Wolkendecke hing nur bedrohlich über uns, nicht mehr. Ich wollte zum Mittagessen in ein kleines Cafe gehen, keine fünf Minuten von meinem Büro entfernt, da kam sie aus einer Seitenstraße. Nach einem flüchtigen Blick beachtete ich sie aber nicht weiter, sie hatte keinerlei Bedeutung für mich, und ging weiter. Doch sie holte mich ein und fasste mir so an die Schulter, dass ich überrascht herumfuhr. „Ich habe dich bereits zwei Mal gerufen!“, sagte sie in einem vorwurfsvollem Ton, doch ich zuckte nur mit den Schultern und fragte, wer sie sei, wobei ich die Vornehme Anrede, das `sie´, betonte um ihr zu zeigen, dass ich von ihr nicht so respektlos geduzt werden wollte, doch sie ignorierte es. Stattdessen reichte sie mir ein Foto. Ich überflog es flüchtig und reichte es ihr lachend wieder zurück. „Warum sollte ich denn neben der Badewanne einschlafen, und dann noch in einer so unbequemen Haltung“, fragte ich und als ich sie ansah blickte ich in ein irritiertes Gesicht. Ich würde nicht schlafen, sagte sie mit der gleichen Respektlosigkeit wir zuvor, ich sei tot. Dann wies sie mich auf meine Arme hin und zeigte mir das Blut, „Du hast dir die Pulsadern aufgeschnitten.“, meinte sie. Ich zeige ihr meine Arme und meinte mit einem breiten, zufriedenen Grinsen, dass da nichts sei, doch sie schüttelte nur den Kopf. „Das Foto ist doch nicht von jetzt“, meinte sie. „All das geschieht erst dann …“, sie deutete auf die kleinen Kritzeleien unter dem Bild. Tatsächlich … es war ein Datum … Ich lachte wieder. „Du dummes Mädchen! Ich bin auf einem Höhepunkt! Im Job und Privat könnte es gar nicht besser laufen! Ich wurde gerade erst befördert und mein Freund …“ mit einer Handbewegung und einem das-interessiert-mich-doch-alles-gar-nicht-Blick schnitt sie mir das Wort ab und fragte mich, ob ich denn nicht wisse, dass auf jeden „Höhepunkt ein Tiefpunkt“ folge … und auf jeden Tiefpunkt ein Höhepunkt, wobei sie letzteres mit einem merkwürdig eindringlichem Blick betonte. Dann drehte sie sich um und ging. Erst als durch einen Blitz angekündigt die Wolken aufbrachen und ihren nassen Inhalt über mich ausgossen, erwachte ich langsam aus meiner Trance und schaute noch mal auf das Foto. Das Mädchen hatte jedenfalls nicht gelogen: Auf diesem Bild war ich tatsächlich tot!

Nass bis auf die Knochen kam ich wieder in meinem Büro an. Ich hörte, wie einige Kollegen hinter meinem Rücken lachten … haben die das immer schon gemacht? Wie in Trance setzte ich mich an meinen Schreibtisch und wand mich halbherzig meinem Papierkram zu, in Gedanken jedoch war ich noch bei diesem Mädchen … Wie kam sie zu dem Foto? Wie konnte sie es überhaupt wagen so etwas zu behaupten und vor allem … was wäre, wenn es wahr wäre? Was, wenn ich in zwei Wochen wirklich sterben würde? Mir lief ein Schauer über den Rücken. War es möglich? War es möglich?!

Aber ich war mir damals noch sicher, dass ich es schaffen könnte, ich war ja schließlich stark! Und erfolgreich! Ich habe mein Leben immer schon selbst in die hand genommen! Ich bin nicht von irgendeinem Mädchen abhängig! Und erstrecht von keinem Foto! Sie konnte mir nichts tun.

Diese Gedanken bauten mich ein wenig auf, doch konzentrieren konnte ich mich trotzdem nicht richtig.

Ich schloss die Haustüre auf. Ein süßlicher Duft schlug mir entgegen und kurz darauf kam Bonny, meine geliebte Hündin, angerannt und sprang an mir hinauf. Sofort als ich mich zu ihr hinunterbeugte um sie zu kraulen begann sie damit mir mein Gesicht abzuschlabbern. Dann hörte ich dieses bekannte lachen und einen seiner üblichen Kommentare, er müsse eifersüchtig sein, wenn er sich das so ansehe. Dominik stand in der Türe und lächelte auf mich hinab. Ich stand auf und gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Er lächelte ein „ich habe dich auch vermisst“ Und drehte sich zur Küche um. Er zeigte auf den gedeckten Tisch auf dem unsere Teller mit reichlichem chinesischem essen gefüllt waren, ich war beeindruckt. Er frage mich, ob ich Hunger habe und ich gab zurück ob er das alles selber gekocht habe. Er kratzte sich verlegen am Kopf und weiß auf den Mülleimer in dem ich zwei völlig verkohlte Stakes entdecken konnte. Er grinste und meinte, das er dass gekocht habe. Also entschied ich mich lachend dafür, das bestellte Essen dem selbst gekochten vorzuziehen, eine gute Entscheidung, wie ich hinzufügen muss, denn es schmeckte vorzüglich.

Meistens frühstückten Dominik und ich schweigend. Ich bin erst nach der dritten Tasse Kaffee ansprechbar und er las immer die Zeitung. Aber diesen Morgen hatte ich eine echt miese Nacht hinter mir und schien fünf Tassen zu brauchen … und eine Antwort. „Sag mal, glaubst du, ich würde mich umbringen?“, fragte ich ihn. Er legte die Zeitung hin und sah mich ungläubig an. „Was?“ Ich wiederholte meine Frage und er schüttelte energisch den Kopf und meinte, dass das nicht an den Frühstückstisch gehöre. Ich stellte meine Frage ein weiteres Mal, energischer dieses Mal, doch er schüttelte weiter den Kopf. Und meinte, ich solle mit dem Unfug aufhören. Außerdem müsse ich das am besten wissen. Ich seufzte und machte mich fürs Büro fertig.

Es beschäftigte mich, wie er reagiert hatte. Ich schien ihm wirklich egal zu sein! Die Antwort auf meine Frage war mir wichtig, aber das war ihm anscheinend egal. So sagte ich es auch meiner Freundin Inez, aber auch sie regte sich darüber auf. Was sei im Moment nur los mit mir, ich wäre ja kaum wieder zu erkennen, wo wäre die Selbstsichere Frau hin, die ich sonst immer war, warum beschäftigte mich jetzt plötzlich der Tod, all das sagte sie, und noch einiges mehr, aber das habe ich wieder vergessen. Sie hatte ja irgendwie Recht, ich hatte mich verändert aber ich konnte ihr nicht sagen, dass ich einem Mädchen begegnet war, dass mir meinen Selbstmord angekündigt hatte! Es war ein wenig komplizierter. Auch sie antwortete mir nicht auf meine Frage, aber meine ewige Konkurrentin Denise, die gerade in den Aufenthaltsraum kam und mich hörte gab ein entschlossenes nein von sich. Sie war nur leider nicht gefragt. Auch Maika, meine andere Freundin gab mir keine Antwort. Es war zermürbend.

Als ich an jenem Tag wieder nach Hause kam sag ich, wie Dominik sich am Gartenzaun mit der jungen, hübschen Nachbarin unterhielt. Es wurde mir ganz flau im Magen, denn bei dem Anblick ahnte ich bereits, dass er mich betrug. Ich ging hin und drängte mich zwischen die beiden, gab ihm einen Kuss auf den Mund und zog ihn dann mit den Worten „Komm, Schatz“ nach Drinnen. Er sah mich irritiert an. „Was sollte denn das gerade?“, fragte er dann, aber ich zuckte nur mit den Schultern und meinte dass ich eben nicht wolle, dass er mit der Nachbarin pussiert. Er rastete fast aus als er mir eine Paranoier vorwarf. Darauf hin gab ich auch ziemlich gemein Dinge von mir, an die ich mich aber nicht mehr so genau erinnere. Ich war zutiefst verletzt und gedemütigt als ich mich an dem Abend in mein Bett schlich. Wenigstens schlief er diese Nacht auf dem Sofa …

Am nächsten Tag kam meine Schwester zu Besuch wir setzten uns und ich versank tief in meinen Sessel und starrte auf den Boden. Lange schwiegen wir. Dann fragte ich auch sie, ob sie mir einen Selbstmord zutrauen würde. Sie schaute von Bonny auf, die sie gerade streichelte und sah mir eine Weile gedankenverloren ins Gesicht. „Ja“, sagte sie schließlich. Nur dieses eine Wort: Ja!

Ich starrte sie entgeistert an. Ich konnte es einfach nicht glauben, dass sie die Frage tatsächlich bejaht hatte, ich frage nach, doch sie entschuldigte sich nur. Wieder stiegen mir die Tränen in die Augen und ich war kurz vor einem Wutanfall. Nur durch meine Zähne presste ich die Aufforderung zum Gehen heraus. Und sie gang. Sie stand auf und warf mir vor, dass ich die Wahrheit ja noch nie verkraftet hätte, ich sei wie Vater. Ich riss die Türe auf und schrie sie an, sie solle endlich verschwinden und sie verließ mein Haus. Bonny allerdings ließ ihr hinterher, durch den Vorgarten hindurch und auf die Straße. Das nächste, was ich hörte war ein lautes Hupen und ihr Winseln. Ich erinnere mich nicht an irgendwelche Bilder, das Auto, Bonny, die ganze Szene ist völlig verschwommen und unklar, aber die Geräusche ... die Geräusche haben sich in mein Gedächtnis gebrannt wie ein ewiges Feuer! Ihr Jaulen und Winseln und der verzweifelte Schrei meiner Schwester als sie die Situation begriff. Das grelle Hupen, die quietschenden Bremsen und der schreiende Autofahrer, alles ist noch so klar …

Kaum hatte ich Bonny im Garten vergraben wartete auch schon die nächste Hiobsbotschaft auf mich. Der Fahrer des Autos hatte mich auf Schadenersatz verklagt, weil er sein Auto an einen Baum gesetzt hatte als er vergebens versucht hatte Bonny auszuweichen und da es meine Hündin war sollte ich auch dafür „blechen“, wie er sagte. Aber damit war es noch nicht genug. Am vorangegangenen Tag hatte ich meine Mutter besuchen sollen, aber ich war nicht hin gegangen weil ich wichtigeres zu tun hatte. Nun rief mein Vater an: Meine Mutter war verstorben. Sie hatte einen Herzinfarkt bekommen und nun warf er mir vor, dass ich sie vernachlässigt hatte. Wir schreien uns am Telefon nur an und es endete, wie es eigentlich immer endete: Er legte auf. Mein Vater mochte mich noch nie, er sah mich immer als eine Schande an und dafür hasste ich dann wieder herum ihn. Nie hatte er mich so behandelt, wie ich es verdient hätte.

In dem recht lauten Telefonat hatte er mich noch wissen lassen, dass ich um jeden Preis bei ihrer Beerdigung zu erscheinen habe, sonst würde ich enterbt werden. Und verstoßen. Nur wann diese Beerdigung war wollte er mir nicht sagen.

In diesen Tagen begann der Tod immer verlockender zu werden. Oft erwischte ich mich dabei, wie ich beim Kochen das Hackmesser an meinen Arm hielt, als wolle ich wissen, wie sich das anfühlte, als wolle ich es wirklich vollziehen. Als ich es das erste Mal bemerkte bekam ich einen so großen Schrecken, dass ich das Messer quer durch die ganze Küche schleuderte, und, während ich mir das Handgelenk hielt, weinend auf den Boden sank. Ich war noch nicht so weit! Damals noch nicht …

Als nächstes wartete eine riesige Sitzung von der Firma auf mich. Ich wollte sie nutzen um meiner Karriere wieder ein bisschen auf die Sprünge zu helfen. Doch auch das ging schief: Kaum hatte ich meinen Vortrag beendet meldete sich Inez zu Wort, einen Hochroten Kopf vor Empörung. Vor allen Kollegen und Kolleginnen, so wie vor meinem Chef, erklärte sie, dass dies ihre Idee gewesen wäre und ich sie ihr gestohlen hätte. Alle Augen drehten sich zu mir aber ich wand mich Hilfe suchend an Maika. Die Beschuldigungen waren völlig Haltlos, sie waren erlogen! Warum tat Inez das? Aber das unglaublichste folgte, als auch Maika aufstand und, ohne mich auch nur anzusehen, erklärte, dass es wahr sei, was Inez gesagt hatte. Ich habe die Idee wirklich Inez weggenommen. Ich war fassungslos und starrte abwechselnd auf Inez, Maika und meinen Chef. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und ich zitterte am ganzen Körper und als mein Chef mich dann fragte, ob an den Anschuldigungen etwas dran sei, entlud sich die ganze Anspannung. Ich schrie herum und beschimpfte die drei. Ich fluchte und brüllte, in einer Art, von der ich mir nie bewusst war, dass ich es so konnte. Mein Chef sah mich nur entsetzt an und bat mich dann in einem ruhigen, aber bestimmten Ton zu gehen und in einer halben Stunde in seinem Büro zu erscheinen. Lange starrte ich ihn nur wütend an und tat gar nichts, aber schließlich folgte ich dieser Bitte und verließ den Raum mit einem lauten Türknall.

Ich saß wie ein Häufchen Elend im Büro meines Chefs, aber er war sie immer souverän und kalt. Was da vorhin los gewesen sei, was das sollte und was an den Anschuldigungen dran sei fragte er mich. Ich saß schweigend da, meinen Blick auf den dreckig-grauen Teppichboden geheftet. Ich wollte ihm nicht antworten! Ich wollte nur dasitzen und schweigen, denn jedes Wort von mir würde es nur noch schlimmer machen und sollte ich es doch wagen etwas zu sagen müsste ich sofort in Tränen ausbrechen.

Wir saßen da, er wiederholte seine Fragen immer und immer wieder und ich schwieg. Schließlich seufzte er und richtete sich mit einem Schulterzucken auf. Er stand da, blickte auf mich hinunter und sagte dass ich mich, sollte ich nicht kooperieren wollen, wohl oder übel nach einer neuen Beschäftigungsstelle umsehen müsse denn derart inkompetente Mitarbeiter würden in der Firma nicht geduldet.

Ich schaute auf. „Soll das heißen, sie feuern mich?!“, fragte ich mit Tränen in den Augen, doch er meinte nur, ich ließe ihm ja keine andere Wahl. Keine Wahl? Keine Wahl?, schrie ich dann. „Man hat immer eine Wahl!!“ Daraufhin sah er mir kalt in meine Augen und fragte mich, warum ich diese Wahl denn nicht nutzen würde, wenn ich sie doch hätte?

Einen Augenblick schienen seine Augen in einem merkwürdigen Grün zu leuchten, obwohl er immer braune Augen gehabt hatte. Aber das kümmerte mich nicht. Ich stand auf, warf ihm noch ein Paar Beleidigungen entgegen und verließ meinen Arbeitsplatz für den ich seit der High School gearbeitet hatte.

Es war der nächste Tag, ich hatte Dominik noch nichts von meiner Entlassung erzählt, an dem ich meine Sachen wie jeden Morgen packte und das Haus verließ. Ich wollte mich vor ihm nicht bloßstellen und tat deshalb so, als habe ich nichts geändert. Aber es hatte sich eine Menge verändert. Ich ging in den Park, dort hoffte ich ungestört zu sein, aber dann kam sie. Sie fasste mich an die Schulter, so dass ich erschreckt herumfuhr. Ihre tiefblauen Augen sahen mir in die Seele, wie bereits damals, als wir noch Kinder waren. Falls es mich beruhige, sie glaube nicht, dass ich Inez die Idee gestohlen hätte.

Ich bereue es nun, aber ich sagte Denise, sie solle sich „zum Teufel scheren“, ich würde ihr Mitleid nicht brauchen. Kurz nur sah sie mich emotionslos an, dann nickte sie, drehte sich um und ging. Schon als diese Worte meinen Mund verlassen hatten, bereute ich es und ich hoffte so sehr, sie würde irgendetwas sagen, damit ich mich entschuldigen konnte, aber sie sagte nichts und ging einfach, so wie damals …

Ich ging wieder nach Hause und Dominik die Wahrheit sagen: Ich hatte meinen Job verloren. Er würde es schon verstehen!

Das wäre wohl wirklich so gewesen, doch ich war es, die etwas nicht verstand! Ein fremdes Fahrrad lehnte an unserer Auffahrt und als ich die Türe aufschloss hörte ich bereits, dass etwas nicht stimmte. Ich folgte den Geräuschen, die mich vor unser gemeinsames Schlafzimmer führten, und lauschte. Eigentlich wusste ich bereits, was ich hören würde: das Quietschen der Bettfedern und wildes Gestöhne. Trotzdem legte ich mein Ohr an die kalte Türe … und hörte genau das! Tränen füllten meine Augen, aber ich wollte es mit eigenen Augen sehen! Ich wollte nicht eine von denen sein, die irgendetwas missversteht, ich musste es sicher wissen. Ich riss die Türe auf und sah das, was ich gehofft hatte nicht sehen zu müssen: die junge, schöne Nachbarin und meinen Freund in einer eindeutigen Position …

Fast mitten in der Bewegung stoppten sie und sahen mich an. Schatz! Was? Müsstest du nicht bei der Arbeit sein?, das waren seine ersten Worte. Meine hingegen waren reichlich sicherer: Raus! und Verschwindet!!

Sie verschwanden. Wahrscheinlich gingen sie erstmal zu ihr rüber um das Angefangene zu beenden! Ich hasste sie in diesem Moment so sehr ... so sehr … wie in Trance ging ich in die Küche, ich wollte dem Messer nun nachgeben! Ich wollte es wirklich! Da fiel mein Blick auf einen Brief von meinem Arzt. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich hatte mich von meinem Arzt durchchecken lassen und wartete schon seit Monaten auf meine Ergebnisse, die nun zweifelsohne vorlagen. Ich zögerte einen Augenblick, nahm dann den Brief und ging mit ihm in mein Arbeitszimmer wo ich ihn öffnete. Schlimmer konnte es ja nicht mehr werden! Und doch! Da stand es, Schwarz auf Weiß, die Diagnose: Leukämie ... Ich hatte Krebs! Ich lachte. Ich lachte und lachte, bis mir mein Bauch wehtat. Das war doch abartig! Zuerst meine Bonny, die Sache mit meinen Eltern, der Verrat meiner Freundinnen, die Kündigung, dann die Affäre meines Freundes und jetzt auch noch das! Das konnte doch nicht wahr sein! Ich träumte! Das … daran war nur dieses Mädchen Schuld! Ich würde sie ….. ich begann zu weinen. Was wollte ich? Ich konnte doch nichts mehr tun! Nicht einmal rächen konnte ich mich an ihr! Ich hatte ja keine Ahnung, wer sie war oder wo ich sie finden sollte! Und nun war ich kurz davor ihre Vorhersage auch wirklich zu erfüllen!! Das konnte nicht, das durfte nicht sein!

Ich stehe auf und gehe ins Badezimmer. Aber ich lasse die Wanne unberührt sondern gehe zum Medizinschränkchen, den Gefallen so zu sterben wie sie es wollte werde ich ihr nicht tun!! Ich kram ein wenig herum und gehe wieder in mein Arbeitszimmer. Ich drehe die kleine Dose in meinen Händen: Schlaftabletten. Meine Garantie für einen ruhigen Schlaf! Von meinen Tränen merke ich nun nichts mehr! Nur der Hass auf diese Person ist noch wichtig, etwas anderes fühle ich nicht! Ich werde ihr den Sieg nicht gönnen! Ich werde gewinnen!! Ich nehme die Hälfte der Tabletten und schlucke sie und sofort antwortet mir mein Körper mit gigantischen Kopfschmerzen, mein Kopf dröhnt und meine Schläfen pochen, gleichzeitig aber beginnen die Tabletten ihren Dienst und lassen eine bleierne Müdigkeit über mich kommen, ein merkwürdiges Gefühl. Ich greife noch mal nach dem Döschen und kippe mir den Rest auch noch hinein, wer weiß schon, ob die Hälfte genug wäre? Lieber auf Nummer sicher gehen! Ein Schwindelgefühl setzt ein und der Hass auf das Mädchen hinterlässt ein brennendes Loch in meiner Brust. Ich hasse sie! Ich hasse sie! Ich hasse sie!! Ich greife noch in eine Schublade und hohle das Foto heraus. Meine Finger zittern schon unter der Wirkungen der Tabletten und das Greifen fällt mir schwer, und doch schaffe ich es das Foto vor mich hin zu legen … Moment, nein, das ist nicht das richtige Foto! Zeit stimmt und auch die Art des Fotos, aber das Bild nicht! Das Bild …. das Bild …. Was habe ich getan? Das Foto zeigt nicht mehr mich, wie ich mir die Pulsadern aufschneide, es zeigt mich nun wie ich an einer Überdosis Schlaftabletten sterbe! Ich .. ich … ich hätte nicht … kann ich noch …? … so träge … müde … nein … nicht einschlafen! Nicht einschlafen! Bloß nicht einsch ….

11.7.07 12:44


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Elina Green


Ich stand an dem frisch ausgehobenen Grab meiner großen Schwester. In einigen Stunden würde sie dort beerdigt werden. Mir rollten Tränen über die Wange. Meine Schwester hatte mir viel bedeutet. Nach dem Tod unserer Eltern war sie alles, was ich hatte. Sie war fünf Jahre älter als ich und hatte sich immer um mich gekümmert.

Ich hatte mich gefreut, als sie mich Anfang des Monats besuchen kam. Sie kam nicht mehr so oft, weil sie sehr viel arbeitet. Sie genießt es aber auch … na ja, sie genoss es. Ich glaube es dauert noch, bis ich mich daran gewöhne, dass sie … tot ist. Es ist so unwirklich. Und ich glaube auch nicht, dass es ein Zufall war. Sie erzählte mir bei ihrem Besuch von einem jungen Mädchen, nicht älter als vielleicht 16 Jahre alt, das ihr ein Foto gegeben hatte. Auf Foto, erzählte meine Schwester Nana (eigentlich heißt sie Natalia, aber ich nenne sie schon seit Kindesalter an Nana), war sie abgebildet wie sie von einem roten Sportwagen überfahren wurde. Sie spielte es runter und meinte, dass es nur eine Fotomontage, ein Scherz einer ihrer Kollegen sei, aber ich traute der Sache nicht. Ich glaube nämlich, dass ich ein solches Mädchen kenne, nicht dasselbe, aber ein ähnliches. Ich war nämlich mit meiner Mutter spazieren gegangen, als ihr auch so ein Foto überreicht wurde. Damals war ich vielleicht zwölf Jahre alt und hatte es nicht richtig verstanden. Nana habe ich niemals davon erzählt. Mutter starb noch in der gleichen Woche. Mein Vater kurze Zeit nach ihr und dann wurden Nana und ich zwischen irgendwelchen Onkeln und Tanten hin und her geschoben. Deshalb nahm ich das Foto ernst. An dem Tag, an dem sie mich besuchte, erinnerte ich mich zwar nicht mehr richtig daran, aber ich hatte über zwei Wochen Zeit, um darüber nachzudenken. Und jetzt ist sie tot. Ich hätte sie so gerne noch mal gesehen und ihr gesagt, wie sehr ich sie vermissen würde. Ich weiß ja noch gar nicht richtig, was passiert ist. Es heißt ihre Kollegin habe sie gebeten ihr etwas vom Bäcker mitzubringen und dass sie auf dem Weg zu ihm überfahren wurde - von einem roten Sportwagen. Der Fahrer hat die Schuld bekommen, weil Augenzeugen gesehen hatten, wie er am Radio hantierte anstatt auf die Straße zu achten. Und die gleichen Augenzeugen meinen, dass meine Schwester vollkommen regungslos da stand. Es heißt, sie sei tot gewesen, noch bevor sie am Boden aufkam. Der Fahrer hat sich dazu bereiterklärt, die Kosten für ihre Beisetzung zu übernehmen. Vielleicht ganze nett, aber meine Schwester bringt es mir nicht zurück. Und außerdem macht er das nur, um sein Gewissen zu beruhigen. Es muss schon ein Schock für ihn gewesen sein.

Dann wurde meine Schwester beerdigt. Es war eine schöne Feier, sie war ihr würdig. Ihre Kollegen waren da, ihre Freunde, die restlichen unserer Verwandten und der Fahrer. Lukas hieß er. Lukas Miller. Er nahm mich vor dem Gottesdienst noch mal zur Seite und entschuldigte sich in aller Form. Er meinte, dass er gerne am Gottesdienst teilnehmen würde, um meiner Schwester die letzte Ehre zu erweisen, aber er würde es verstehen, wenn ich ihn niemals wieder sehen wolle, schließlich war er Schuld am ihrem Tod. Vielleicht hätte es mir helfen können, wenn ich ihm die gesamte Schuld gegeben hätte, aber das konnte ich nicht. Es tat ihm aufrichtig Leid und es wäre mir keine Hilfe gewesen, wenn ich ihn gehasst hätte. Es war ein Unfall. Ein Unfall, der ohne Probleme hätte verhindert werden können, bis wenige Minuten bis vor ihrem Tod, aber eben doch nur ein Unfall.

Als die Feier beendet war und alle Gäste gegangen waren, stand ich noch am Grab. Sie war neben meinen Eltern beerdigt worden. `Meiner geliebten Schwester und Freundin, ich werde dich niemals vergessen´, stand auf dem Stein. Wieder rollten mir Tränen über das Gesicht. „Warum“, fragte ich mich. Ich fühlte mich in diesem Moment so alleine auf dieser Erde, nie niemals zuvor.

In der ersten Woche wollte ich täglich zum Grab meiner Schwester gehen. Ich war am ersten Tag dort und am zweiten. Am dritten Tag aber sah ich ein Mädchen auf dem Friedhof. Sie stand andächtig an einem Grab. Sie kam mir seltsam bekannt vorkam, aber ich kam nicht darauf, woher.

Als ich dann näher kam merkte ich, dass sie an dem Grab meiner Schwester stand. Ich ging auf sie zu. Dann stand ich neben ihr, beobachtete sie und sah auf das Grab. Es war tatsächlich das Grab meiner Schwester, aber wer war sie?

Sie seufzte. „Wenn man nun aber seine Zukunft gezeigt bekommt, warum ist man dann außerstande sie zu verändern?“ Ich wusste nicht, ob sie mit sich selbst, mit meiner Schwester oder mit mir sprach, aber ich antwortete, bevor ich merkte, was ich tat. „Weil man nicht daran glaubt.“ Sie schaute mich überrascht an. Ihre Augen leuchteten in einem katzenähnlichen Grün. Dann nickte sie. „Eine gute Antwort. Ja, das ist es wohl, was ich beobachte.“ „Beobachtet?“, ich verstand nicht, was sie meinte. Sie nickte nur. „Die Leute nehmen mich nicht ernst.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, Sie haben mir einiges zu erklären. Ich weiß nicht, was sie meinen, aber ich weiß, dass es wichtig ist.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wichtig ist relativ.“ Dieses Mädchen war faszinierend. Irgendwie hatte ich einen Drang, sie näher kennen zu lernen. Sie wusste etwas, das war mir klar. Die Frage war nur, was, und das wollte ich herausbekommen! „Lust auf einen Kakao? Ich lad Sie ein.“ Sie schaute mich vollkommen verwirrt an. „Kakao? Einladen? Du mich? Ich verstehe nicht …“Ich lächelte. „Ich denke doch. Los, kommen sie, gehen wir was trinken.“

Da saß ich dann also, mit einem wildfremden Mädchen von dem ich glaubte, sie wüste etwas über den Tod meiner Schwester, und trank einen Kakao. Mir viel auf, wie absurd das war. Trotzdem streckte ich ihr die Hand hin. „Ich heiße übrigens Elina, und Sie?“ „Heißen? Ach, mein Name …. Ich … “, sie zögerte. „Ich bin mir nicht mehr so sicher, es ist schon zu lange her … Es hat mich schon lange keiner mehr mit einem richtigen Namen angeredet.“ „Was haben Sie eigentlich am Grab meiner Schwester gemacht?“ Sie lächelte verlegen und schaute zur Seite. „Das ist meine Tradition. Es macht mich verrückt, nicht zu wissen, was aus den Leuten geworden ist, denen ich begegnet bin, deshalb besuche ich sie immer etwa drei Tage nach Ablauf der Frist.“ „Frist? Was für eine …. Was zur …?“ Der alte Fotoapparat um ihren Hals hatte plötzlich ein Foto gemacht, vollkommen ohne ihr Zutun. Sie blickte nur besorgt und murmelte etwas wie „Oh nein“. Dann nahm sie das Bild, das der Fotoapparat, eine Sofortbildkamera, gemacht hatte und sah es sich an. Dann nickte sie und sah sich um. „Entschuldigst du mich kurz?“, fragte sie und stand auf. Sie wirkte irgendwie traurig auf mich. Ich beobachtete sie. Sie ging zu einem Jungen Mädchen, eine Kellnerin in dem Lokal in dem wir waren, und gab ihr, unter wenigen Worten, das Foto. Es dauerte ein bisschen, bis ich verstand, was da gerade passierte. Als ich es dann merkte, sprang ich auf, knallte etwas Geld auf den Tisch um die Getränke zu bezahlen (auch ihres, ich habe es immerhin versprochen) und stürmte aus dem Lokal.

Ich wusste wieder, woher mir dieses Mädchen bekannt vorgekommen war. Aber das Konnte nicht sein! Es war über zehn Jahre her! Warum war sie keinen Tag gealtert? War das eigentlich möglich, dass sie das Mädchen war? War das nicht vielleicht vollkommen unmöglich? Glaubte ich nicht vielleicht nur, sie zu erkennen, weil sie so ähnlich aussah, wie es meine Schwester beschrieben hatte? Diese grünen Augen! Meine Schwester hatte sie immer erwähnt! Und auch meine Mutter war auf diese Augen fixiert gewesen, bis zu dem Tag als sie starb! Aber das konnte doch nicht dasselbe Mädchens ein! Damals sah sie auch aus wie etwa 16 …. Ich wollte nur noch weg! Ich wollte diesem Mädchen nie wieder begegnen! Sie hatte ein dunkles Geheimnis, das was klar. Aber mir waren die Ausmaße nicht klar, als ich sie zum Kakao einlud. Das war ne Nummer zu groß für mich!

Die nächsten Tage ging ich kaum noch aus dem Haus. Es tat mir Leid für meine Schwester und ich würde es noch mal nachholen, aber auf dem Friedhof würde sie mich als erstes suchen. Und dann könnte ich mich gleich neben meine Schwester legen! Ja, ich würde mich nicht ewig vor ihr verstecken können, aber ich sollte es tun, so lange ich es kann!

Irgendwann realisierte ich dann, dass ich überreagiert hatte. Meine Panik beruhte auf Theorien, nicht auf Indizien und außerdem war mir dieses Mädchen, auch wenn ich nicht wusste, wer oder was sie war, irgendwie sympathisch. Ich hatte ihr Unrecht getan und sie damit vermutlich verletzt. Ich hätte mich gerne bei ihr entschuldigt, aber auf der anderen Seite wollte ich sie trotzdem niemals wieder sehen.

Ich sah sie wieder! Es war ein knappes Jahr nach unserer ersten Begegnung. Sie rief mich, als ich einen Spaziergang machte. Als ich sie hörte hielt ich zwar an, aber sie rannte trotzdem, um mich einzuholen. Als sie neben mir stand rang sie nach Luft. Ich sah das Foto sofort und spürte einen Schauer. „Hör mal“, sagte ich. „Ich muss mich für mein Benehmen entschuldigen, ich wollte dich nicht einfach sitzen lassen!“ Sie sah mich fragend an und überlegte kurz. „Ach das, nein, das ist vollkommen in Ordnung, vergiss es! Und danke für den Kakao!“ Sie lächelte. Dann wurde sie sofort wieder ernst. Sie richtete sie auf und atmete tief durch. Dann lachte sie spöttisch. „Is nicht oft so schwer für mich.“ Mir fiel auf, dass sie den Augenkontakt mit mir vermied. Das kam mir irgendwie merkwürdig vor, es passte nicht zu ihr. Sie atmete noch mal tief durch und dann hatte sie sich wieder im Griff. Sie reichte mir, mir Augenkontakt das Foto. Ich nahm es an. „Wer bist du?“, fragte ich. „Der Todesengel?“ Sie sah mich überrascht an. Dann lachte sie. „Nein, ganz sicher nicht! Obwohl er ein ganz netter Kerl ist“, sie grinste. Im selben Augenblick wurde sie aber wieder ernst. „Es gibt für mich nichts Entsprechendes in eurer Sprache, glaube ich.“ „Was bist du denn?“ „Ich … hm, wie sagt man das am Besten? Ich versuche die Menschen zu warnen. Ich gebe euch die Fotos, damit ihr eure Zukunft ändern könnt.“ „Bist du gut, oder bist du böse?“ Sie schaute mich an, als würde sie die Frage nicht verstehen. Dann lachte sie. „Es gibt weder das eine noch das andere. Oder kennst du etwas Böses?“ „Der Tod?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wenn es Alter und Schmerzen gibt, aber keinen Tod, dann kann das Leben schrecklich werden. Das Besondere am Leben ist seine Vergänglichkeit. Sie treibt uns erst vorwärts. Manchmal ist der Tod auch erlösend. Also sage nicht, er sei böse. Er ist es nicht immer.“ Das leuchtete ein. Trotzdem war da wieder eine neue Frage: „Kannst du auch sterben?“ Sie grinste. „Bisher nicht.“ „Wie lange ist bisher?“ Sie schaukelte von einem Fuß auf den anderen und schaute verlegen in die Gegend. „Ich rede nicht gerne über mich, weißt du? Ich habe so vieles vergessen.“ Ich nickte. „Aber kannst du mir eine andere Frage beantworten?“ „Welche denn?“ Ich zögerte. „Kennst du Marian Green? Sie war meine Mutter und ich glaube, dass du ihr auch ein Foto gegeben hast.“ Sie überlegte kurz, dann nickte sie. „Du warst auch dabei, nicht wahr? Es ist eigentlich ungewöhnlich, dass ich so viele aus einer Familie besuche. Aber bei dir und deiner Schwester war, oder, was dich angeht, ist es nicht fest, ihr könnt es noch ändern.“ „Konnte Mutter das nicht?“ Sie schüttelte den Kopf. Dann lächelte sie aufmunternd. „Ich komm dann in etwa einer Woche wieder vorbei. Ich erwarte dich lebendig vorzufinden, hörst du?“ Damit drehte sie sich um und ging. Eine Woche? Was meinte sie damit? Ach, natürlich. Ich schaute aufs Foto. Ja, innerhalb einer Woche sollte ich sterben.

Wie ich schon sagte: ich sollte. Das Bild zeigte mich, wie ich bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam. So lebte ich auf den Tag hin, an dem ich sterben sollte. Oh, ich hatte nicht vor zu sterben, ganz sicher nicht! Dann brach der betreffende Tag an. Ich hatte mir die Uhrzeit genau eingeprägt und ich kenne sie immer noch: 18 Uhr und 35 Minuten. Das Foto lag auf meinem Schreibtisch, damit ich es nicht vergas. Ich stand an dem Morgen auf und beging den Tag wie jeden anderen. Nur blieben alle Kerzen aus und ich kümmerte mich pingelig genau darum, dass alle elektrischen Geräte wieder ausgestellt wurden. Des Weiteren ging ich in der besagten Zeit spazieren, aber mit dem Foto.

Als ich gerade draußen war fing es an zu regnen und ich überlegte einen Moment, ob ich doch zu Hause bleibe sollte. Ich weiß nicht, wer dieses Mädchen nun eigentlich ist oder warum sie die Aufgabe hat, Menschen ihre Tode vorherzusagen, aber ich kann mir niemanden vorstellen, der besser dafür geeignet wäre. Ihre eindringlichen grünen Augen, ihre meist ernste Mine und ihr unschuldiges Gesicht. Man kann ihr ansehen, dass sie die Tragweite ihrer Nachricht kennt, aber nicht lügt. Man weiß, dass sie die Wahrheit sagt. Und egal, ob man es verhindern kann oder nicht, man hat schon ein kleines bisschen Bammel.

Auch ich wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Zum Glück hatte sie angedeutet, dass ich es noch verändern könnte, obwohl ich wusste nicht, wie. Vielleicht lag der Brand ja gar nicht in meiner Hand. Dann würden meine Vorsorgen es nicht ändern. Deshalb wollte nicht nichts wie raus! Mit Foto und Handy, die Feuerwehr im Kurzwahlspeicher.

Der Brand lang nicht in meiner Hand. Meine Nachbarin, Miss Picknil, war mit ihrer brennenden Zigarette auf der Couch eingeschlafen. Als ich von meinem Ausflug zurück kam stand meine Wohnung bereits in Flammen. Einige Minuten stand ich vollkommen regungslos da. Dann begann ich in meiner Tasche nach dem Handy zu kramen. Ich wollte die Feuerwehr anrufen, aber die war bereits unterwegs, man konnte sie hören. Ich konnte mich kaum bewegen. Eine Wohnung brannte ab, und ich konnte nichts tun. Ich wollte nicht auf diese Art bewiesen haben, dass sie Recht hatte. Ich wusste es doch bereits zuvor. Letzten Endes hat sie mir das Leben gerettet. Ich wäre im Haus gewesen, wenn ich das Foto nicht gesehen hätte.

Das Foto … Wieder kramte ich in meiner Tasche und holte nun das Foto heraus. Es war leer. Als habe das Bild niemals existiert oder sei beim Entwickeln zu viel Licht ausgesetzt worden. Niemand hätte sagen können, was jemals dort abgebildet war. Vollkommen ausgelöscht, alles, was an sie erinnerte.

Wir wurde ein kleines Apartment zugewiesen, bis meine Wohnung wieder hergerichtet war. Als ich mir die Trümmer meiner Wohnung ansah um noch nach verwendbaren Dingen zu schauen, kamen mir die Tränen hoch. Ich weiß, ich hatte noch Glück gehabt, Frau Picknil war umgekommen, aber ich hätte das Feuer verhindern müssen. Ich war schließlich die einigste, die davon wusste, dass dieses Feuer ausbrechen würde. Und nun hatte es alles vernichtet. Sogar meinen liebsten Farn, der auf meiner Fensterbank stand. Von ihm war nichts mehr übrig geblieben. Nicht einmal der Topf. Er war mit das Wichtigste in meiner Wohnung gewesen. Aber nun war alles weg.

Ich hatte, da wo das Feuer gewesen war, nicht viel gefunden, was noch brauchbar war. Zum Glück hatte es nur meine Küche und mein Wohnzimmer erreicht, mein Schlafzimmer war fast vollkommen intakt. Trotzdem wurde es abgerissen, nachdem ich die Sachen in mein neues Apartment geholt hatte. Es würde wohl dauern, bis die Wohnung wieder hergerichtet war. Also richtete ich mich im Apartment heimisch ein. Bereits am zweiten Abend klopfte es an der Türe. Ich öffnete und mir wurde ein Topffarn entgegengehalten. Ich schaute verwirrt. Dann tauchte grüne Augen hinter Farn auf. „Er, ähm, ist aus deiner Wohnung. Entschuldige bitte, dass ich ihn gestohlen habe.“ Ich starrte sie an. Ich war vollkommen sprachlos. Wie hatte sie das geschafft? Sie lächelte traurig. „Entschuldige bitte, dass ich das Feuer nicht verhindert habe, aber das war mir nicht erlaubt. Trotzdem wollte ich, dass deinem Farn nichts passiert.“ „Wa … warum?“, ich konnte es immer noch nicht fassen! „Du warst sehr nett zu mir. In den Jahrhunderten gibt es nur wenige Leute wie dich. Dafür wollte ich dir danken.“ Dann grinste sie: „Außerdem war seine Zeit noch nicht gekommen." Sie zwinkerte mir zu und dann drehte sie sich um. Ich würde sie nicht mehr so schnell wieder sehen, wenn sie jetzt ginge. „Hey, warte!“ Auf meinen Ruf hin drehte sie sich wieder um. „Möchtest du vielleicht ... auf einen Kakao hinein kommen?“

22.7.07 10:44





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