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Zoe Kothler

Es ist schon eine lange Zeit her, und mein Zustand hat sich erheblich verbessert, aber trotzdem hängt mir dieses Erlebnis nach. Ich bin nun vierundzwanzig  Jahre alt, aber damals, als ich dem Tod von der Schippe sprang, war ich erst vierzehn. Meine Mutter war seit einem halben Jahr tot und mein Vater war davon vollkommen aus der bahn geworfen worden. Er begann zu trinken, verlor seinen Job und mich bemerkte er meistens nicht einmal mehr. Es war eine sehr schwierige zeit für uns. Morgens ging er weg und kam abends wieder, als würde er, wie gewohnt,  zur Arbeit gehen, aber was er in der Zeit machte, wusste ich nicht. War er wieder da, aß er meistens irgendetwas, das er mitgebracht hatte. Ich ging nicht in die Schule und aß nur die Reste des Essens, das er mitbrachte denn er schloss die Türe immer ab, wenn er ging und so unselbstständig wie ich war, wusste ich nicht, wie ich anders hätte das Haus verlassen sollen. Ich ging auch nicht mehr in die Schule, sondern verbrachte meine Tage immer nur zu Hause.

Jetzt, zehn Jahre später, schäme ich mich ein wenig dafür, wie unselbstständig ich war. Ich hätte durch das Fenster aussteigen können, oder durch das Telefon Leute anrufen können, aber ich hatte Angst, dass Vater vielleicht Ärger bekommen könnte.

 

Schlimmer, als der ständige Hunger war aber, wie er auf mich reagierte. Manchmal sah er glasig durch mich hindurch und manchmal bekam er Schreikrämpfe und an manchen Tagen war er ganz freundlich zu mir, weil er mich nicht erkannte. Meist folgte an solchen Tagen, an denen er mich nicht erkannte, auf meine Antwort, dass ich seine Tochter sei wieder ein hysterischer Anfall. So hielt ich mich immer mehr zurück und begann irgendwann sogar, mich vor ihm zu verstecken. Ich passte mich der Situation an. Ich hungernte und wartete und hoffte auf seine Rückkehr, bei der er etwas Essbares mitbrachte. Und er kam immer wieder und aß und ging ins Bett um sich von seinen Träumen verfolgen zu lassen-

Wenn er schlief schlich ich mich in die Küche und aß, was er übrig gelassen hatte. Manchmal war dies ein ganzes Mahl, von dem ich satt werden konnte und manchmal nur ein paar Krümel, nach denen ich mich hungrig hinlegte und nur davon träumen konnte zu essen.

Ja, so war das damals. In all dieser Abhängigkeit und diesem Trauer und diesem Schmerz entwickelte sich tatsächlich so etwas wie eine Regelmäßigkeit, die strickt und stetig eingehalten wurde.

Und dann kam er eines Tages nicht mehr nach Hause …

 

Es war ein tag im Juli, ich hockte in der Nähe der Türe und lauschte auf seine Schritte und darauf, wie er den Schlüssel im Schloss umdrehte und eintragt, aber er kam nicht. Ich wartete eine Viertelstunde - nichts. Und eine halbe Stunde - nichts. Und eine Stunde - nichts. Zwei Stunden - nichts.

Den ganzen ersten Tag saß ich nur da auf meinem Platz hinter der Türe, vollkommen regungslos, für den Fall, dass er noch kommen würde. Ich stand an jenem Tag Höllenängste aus! Er sollte doch kommen! Er kam aber nicht. Würde er niemals wieder kommen?

Den zweiten tag hatten sich Angst und Hunger fast ins Unermessliche gesteigert und ich fiel immer wieder für kurze Augenblicke in Ohnmacht. Wenn ich aber wieder aufwachte, war alles nur Schlimmer. Auch schlief ich in diesen tagen nicht viel, aus Angst ich könnte etwas verpassen, ich könnte ihn verpassen. Aber er kam nicht. So saß ich da, hungrig und müde und verängstigt. Und er kam nicht.

 

Dann brach der dritte Tag an und ich war nicht mehr fähig mich zu bewegen. Ich konnte vor Hunger nicht aufstehen und meine Knochen scherzten vor Müdigkeit. Auch meine Ohnmachten vermehrten und verlängerten sich. Und dann schien es mir, als würde ich seine Schritte hören und wie er den Schlüssel im Schloss umdrehe und endlich nach Hause zurückkam. Dann fiel ich wieder in eine Ohnmacht. Meinte aber noch zu fühlen, wie man ich hochhob. Und dann war da nichts mehr.

 

Als ich das nächste Mal erwachte, war es vollkommen grell und weiß und überall ragten Schläuche aus meinem Körper. Ich musste meine Augen wieder schließen um sie zu schützen. Beim nächsten Mal nahm ich auch eine undeutliche Figur wahr, die neben meinem weichen Bett - ich schwöre, ich habe noch nie in einem so weichen Bett gelegen - saß und den Kopf tief in den Händen vergraben hatte. Ich schloss meine Augen wein weiteres Mals, ich weiß nicht, für wie lange, und wurde davon geweckt, wie ein weißer Mann mit der Figur sprach. Sie redeten über ein Mädchen, das fast verhungert wäre und erst im wirklich letzten Moment ins Krankenhaus gebracht worden war. Erst viel später verstand ich, dass sie von mir redeten. Es war alles so unwirklich. Als der Mann im weißen Kittel, der Arzt, etwas von Glück und Schutzengel gehabt meinte, fing die Figur, mein Vater, wie ich irgendwann begriff, an, zu weinen und zu nicken und immer wieder „Ja, Schutzengel!“ zu sagen. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet, aber ich weiß, dass er später oft über einen Schutzengel sprach.

Irgendwann erzählte mir der Arzt, was passiert war. Mein Vater kam am dritten Tag wirklich nach Hause. Er hatte mich Ohnmächtig und fast verhungert vorgefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht. Was in diesen drei tagen passiert ist, damit er zu mir zurückkam, weiß ich aber nicht. Aber ich glaube, dass ich es bald herausfinden werde.

 

Zehn Jahre vergingen, in denen mein Vater und ich das Leben wieder in den Griff bekamen. Dann ging ich wieder ins Krankenhaus, doch als Gast und nicht als Patient. Der Patient war mein Vater. Das halbe Jahr in dem wir so heruntergekommen lebten, hatte ihm nicht gut getan und, obwohl er nach den Geschehnissen sein Leben wieder in den Griff bekommen hatte, die Folgen waren absehbar. Seine Gesundheit war so angegriffen, dass er sich nun im Todeskampf befand, wie ich vor zehn Jahren. Und ich saß an seinem Bett, wie er an meinem saß. Und wie ich war er die meiste Zeit weggetreten, aber hin und wieder wachte er auf und hält mir seine Hände hin und hat Tränen in den Augen. „Zoe, mein Kind! Zoe!“, sagte er dann immer und ich nahm seine Hände und versicherte ihm, dass ich da sei.

 

Gestern war ich wieder bei ihm und er bat mich um Verzeihung. Ich sagte ihm, dass ich nicht verstehe, was ich ihm verzeihen sollte und er meinte, dass er mich im Stich gelassen hatte. „Aber nein! Du hast mir das Leben gerettet! Erinnerst du dich nicht mehr?“, sagte ich aber er schüttelte nur den Kopf. „Das war nicht ich, das war dein Schutzengel“, sagte er dann, aber ich verstand nicht, was er damit meinte. Ja, er hatte oft von einem Schutzengel geredet und nach all der Zeit und nach allem, was passiert und was ich erlitten habe fällt es mir auch nicht schwer, zu glauben, dass ich einen Schutzengel habe, aber dass er ihn getroffen haben soll klingt in meinen Ohren unglaubwürdig. Dann erzählte er mir noch von einem Brief, den er in der alten Truhe meiner Mutter versteckt hatte. Er sagte, dieser Brief erzähle, was damals passiert sei und warum er wieder kam und er erzähle von meinem Schutzengel. Dieser Brief erzählt, was Vater mir niemals sagen konnte. Das sagte er zumindest: „Dieser Brief erzählt, was ich dir niemals sagen konnte. Er erzählt von deinem Schutzengel, mein Kind. Und von meinem. Sie hat unser Leben gerettet, mein Kind. Zoe! Versprich mir, dass du ihn ließt.“

Das war das letzte, was er jemals in seinem Leben sagte, und nachdem ich ihm mein Versprechen gegeben hatte schloss er die Augen und starb.

 

Später schloss ich Mutters alte Truhe auf und wühlte etwas darin rum. In dieser Truhe hat mein Vater all das getan, was an Mutter erinnerte. Ihre Lieblingskleider, eines ihrer Lieblingsbücher, Kuscheltiere, kleine Statuen und Bilder … es war so vieles darin. Und dann fand ich auch den Brief. Er ist in einem braunen Umschlag und ich habe ihn einige Minuten nur angeschaut und überlegt, ob ich wirklich wissen will, was mir dieser Brief mitzuteilen hat. Und nun sitze ich hier, vor der Truhe und halte den Brief in der Hand und weiß nicht, was ich tun soll. Schließlich öffne ich ihn doch und das erste, was mir entgegen fällt ist ein kleines, altes Foto, Polaroid. Ich hebe es auf und will es mir ansehen, aber er ist milchig und blind, als wäre das Bild ausgelöscht worden. Auch, wenn ich keine Ahnung habe, wie. Ich zucke mit den Schultern und lege es neben mich und hole das Papier aus dem Umschlag. Vaters Handschrift. Eine Seite Text. Ich seufze und beginne den Brief zu lesen. Er ist sechs Monate nach meinem Zusammenbruch geschrieben worden:

Meine geliebte Zoe, meine geliebte Tochter,

Ich möchte dich von ganzem Herzen um Verzeihung bitten, denn ich hatte dich vergessen. Es ist nun ein halbes Jahr vergangen und ich glaube und genug Abstand gewonnen zu haben, um dir zu erzählen, was geschehen ist. Nun, was ist eigentlich geschehen? Ich bin mir nicht vollkommen sicher, denn es geschah so unwirklich wie in einem Traum aber würdest du mich fragen, so würde ich dir schwören können, dass es die Wirklichkeit war, wie unwirklich es auch klingen mag.

Du erinnerst dich doch sicher noch an den tragischen Tod deiner Mutter, der mein, der unser Leben vollkommen aus den Fugen riss. Ich wusste nicht mehr, was ich tat und lebte von einer Stunde zur nächsten. Mir war egal, was in der Stunde passieren sollte, die danach kam. Alles war für mich unwichtig geworden und ich verbrachte meine Tage im Park, wo mitleidige Menschen mir jeden Tag Essenreste gaben. Ich hatte Glück, dass die Leute mir Reste gaben, denn sonst wäre ich an Hunger gestorben. Wie es dir, meinem Kind, fast geschehen wäre.

Ich weiß gar nicht mehr, wo du warst, wenn ich zurück nach Hause kam. Es ist alles so verschwommen. Ich weiß noch Momente, an denen ich in dir deine Mutter gesehen habe, da du ihr so ähnlich sahst. Ich hatte solche Angst vor dir. Und dann, manchmal kamst du mir vor wie ein Geist, da ich dich nicht sehen konnte, nur ein wenig hören, und mein Essen am nächsten morgen weg war.

Es war zwei Tage bevor ein Monat um war, seit deine Mutter tot war. Es tat so weh! Ich habe sie so vermisst und hatte in dir immer ihr Gesicht vor Augen. Vergib mir mein Kind, aber durch Erinnerungen und Schmerz war ich nicht mehr in der Lage, zurück nach Hause zu gehen, zurück zu dir. Ich ließ dich  im Stich.

Der erste Tag war anfangs noch vollkommen regulär und ich saß im Park, aber am Abend konnte ich nicht mehr nach Hause gehen. Ich hatte einfach zu viel Angst in das Haus zurückzukehren, in dem ich mit deiner Mutter gelebt hatte. So übernachtete ich in einem leer stehenden Haus in der Nähe des Parks .Ich blieb dort auch den nächsten Tag, vollkommen in Lethargie  versunken. Ich machte nichts, sagte nichts und dachte nichts. Ich saß einfach nur da und verbrachte den Tag mit Nichts. Mit absolut gar nichts. Ich bereitete mich wohl nur darauf vor, zu sterben. Denn als der Morgen des dritten Tages anbrach, der Tag, an dem deine Mutter, einen Monat zuvor, verstorben war, stand ich, wie in Trance auf. Ich ging zur Brücke und wollte mich ertränken. Nicht einmal die Verantwortung als Vater konnte mich von dem Wunsch abbringen, wieder bei deiner Mutter zu sein, ich bitte dich, vergib mir.

Als ich nun aber auf dem Geländer stand und in das Wasser schaute, hielt mich jemand an dem Arm fest. Es war ein sehr fester Griff, so dass ich mich sehr wunderte, dass er nur einem schmächtigen Mädchen gehörte. Dieses Mädchen, meine geliebte Zoe, war dein Schutzengel, dessen bin ich mir ganz sicher. Sie hielt mich fest, dass ich nicht springen konnte und bat mich mit einer ruhigen, wissenden Stimme, zurück auf die Brücke zu kommen, da sie mit mir reden müsse. Also kletterte ich zurück. Erst, als ich wieder den festen Boden der Brücke unter meinen Füßen hatte, ließ sie meinen Arm los. Dann ging sie einen Schritt zurück, als wolle sie Abstand zwischen uns bringen und hielt mir ein Foto hin. Sie war recht zierlich, hübsch, und hatte rotbraune, wellige Haare und leuchtend grüne Augen. Ihre Gesichtszüge waren weich, aber auch ernst und wissend und ich habe sie nicht lächeln sehen. Sie gab mir das Polaroidbild, das mit bei diesem Brief liegt. Damals zeigte es noch deinen leblosen Körper, mager vor Hunger und krank von Einsamkeit. Ich erkannte dich erst nicht, aber sie sagte, dass dieses Mädchen das einigste sei, was mir noch von meiner Frau geblieben wäre und ich sie beschützen solle, so lange wie ich lebe und auch über den Tod hinaus. Als ich es immer noch nicht verstand verdrehte sie die Augen und meinte, dass das Mädchen auf diesem Bild meine Tochter sei. Aber ich sagte, meine Tochter sei schon seit einigen Wochen tot, da ich dich so lange nicht gesehen hatte. Da schüttelte sie den Kopf und sagte mir, dass du noch lebtest, aber ich nur noch eine Stunde Zeit hätte dich zu retten, bevor ihr Tod beschlossene Sache sei. Was dieses Mädchen an dem Tag alles sagte, ich habe nur die Hälfte verstanden und auch da stand ich verloren vor ihr und verstand nicht, was sie sagte, wie sie das wissen könnte. Aber sie scheuchte mich auf, so dass ich zu dir lief und mich mehr als jemals zuvor beeilte.

Ich fand dich, zusammengesunken hinter der Türe. Dass du lebtest wusste ich, ohne es zu kontrollieren, denn sie hatte es mir gesagt. Ich nahm dich hoch und rannte mit dir auf dem Arm zum nächsten Krankenhaus. Ich schrie, dass hier ein Notfall sei und noch bevor die Frist einer Stunde vergangen war, hatten sie dich behandelt. Ich saß an deinem Bett und wartete darauf, dass du endlich aufwachtest. Aber du bist nicht aufgewacht. Mein ganzer Körper zitierte und ich traute mich nicht, dich anzusehen, denn ich wusste, ich würde deine Mutter in dir sehen, wie sie in ihren letzten Stunden in einem Krankenhaus lag, an Schläuche und Geräte angeschlossen. Das einzige, was mir half war, immer wieder auf die Uhr zu schauen und mich zu vergewissern, dass die Frist noch nicht um war. Ich glaubte an das, was das Mädchen mir gesagt hatte.

Der Arzt bestätigte mir später, dass es sehr knapp für dich war und du wahrscheinlich noch vor Ablauf einer Stunde gestorben wärest. Er sagte, du hättest einen Schutzengel gehabt und ich musste lachen. Niemals hätte ich mir einen Schutzengel mit braunen Haaren und grünen Augen und ohne Flügel  vorgestellt. In einer Jeans, einer rosa Bluse und einer Cordweste. Niemals hätte ich mir einen Schutzengel mit einem ernsten Gesicht vorgestellt, einen, der nicht lächelt und einen Menschen anschreit, dass er endlich in die Gänge kommen soll um seiner Tochter das Leben zu retten. Niemals hätte ich mir einen Schutzengel so unkonventionell vorgestellt, aber sie war tatsächlich dein Schutzengel. Sie hat dein Leben gerettet. Sie wusste viel mehr, als irgendeiner hätte wissen können. Als der Arzt mir gesagt hatte, dass du durchkommen würdest, schaute ich mir wieder  das Foto an, das sie mir geben hatte. Es war nichts mehr darauf zu sehen. Es sah so aus, wie du es nun vor dir siehst: weiß, blind und trüb. Das Bild ist niemals wieder gekommen, aber hebe das Foto trotzdem auf. Es ist der Beweis, dass ich nicht gelogen habe.

Nachdem ich dich wieder hatte musste ich noch ein Versprechen einlösen und habe versucht, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Nun, ein halbes Jahr später, glaube ich, dass ich es ganz gut hinbekommen habe. Und nun musst du entscheiden, ob ich mein Versprechen, dich bis zu meinem Lebensende zu beschützen, erfüllt habe.

Ich liebe dich über alles auf dieser Welt, mein Kind,

Dein Vater Patrik

Ich falte den Brief mit einem schweren Seufzer wieder zusammen. Sein Versprechen hat er tatsächlich erfüllt. Ein Versprechen, dass er einem Mädchen gegeben hat, dass er für meinen Schutzengel hielt. Mein Schutzengel … ob sie wirklich mein Schutzengel war? Werde ich sie wohl jemals sehen? Mir läuft ein Schauer über den Rücken, denn ich habe das Gefühl, dass das meinen Tod bedeuten würde. Ich glaube, ich würde sie eher einen Todesengel nennen. Aber übernatürlich muss sie gewesen sein, da hatte mein Vater Recht. Wie sonst hätte sie an das Foto kommen sollen und meinen Zustand so genau abschätzen können? Was war sie nur? Menschlich? Übermenschlich? Ich blicke noch mal auf das Foto und frag leise:  „Wer bist du?“

 

11.8.07 12:59


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Andrew Johnson

Nach der Aktion mit dem Hammer hatte ich nicht viel Zeit, um diese Situation zu verarbeiten. Aber da war ne Menge zu verarbeiten! Nur wenige Zentimeter hatten gefehlt. Wenn ich mich nicht gebückt hätte, dann hätte der Hammer meinen Schädel zertrümmert, wie eine überreife Kokosnuss. Ich musste den ganzen Tag darüber nachdenken. In meiner Erinnerung spielte ich das Zenario immer und immer wieder nach. Was wäre gewesen, wenn ich mich nicht gebückt hätte? Wie hätte es sich angefühlt? War das Zufall? Ja? Nein? Was war eigentlich genau passiert? Ich erwischte mich dabei, wie das Foto meine Gedanken streifte. Hätte es so ausgesehen? Könnte das? Nein! Zufall! Das Foto zeigte meinen eindeutigen Tod. Aber was wäre denn, wenn … ich wagte es nicht, diesen Gedanken zu Ende zu führen. So etwas gab es nicht in dieser Welt. Aber gab es das nicht eindeutig? Was war das eigentlich? Ich hielt kurz inne. Diese Fragen wurden mir zu abstrakt. Ich blieb lieber bei denen, die man wirklich beantworten könnte. Trotzdem schlich sich eine Frage immer und immer wieder ein: Was hatte das Mädchen damit zu tun?

Den Kurs hatte ich abgesagt, sicherheitshalber. Und ich freute mich schon auf weitere, vollkommen leere Donnerstage. Vielleicht wäre der Tod zu dieser Langeweile eine doch ganz annehmbare Alternative gewesen. Aber bevor ich mir über die Donnerstage und die Langeweile Gedanken machen musste, gab es noch den Samstag. Mein Chef hatte mich dazu verdonnert, vormittags noch zu arbeiten. Fehlstunden und so.

Als ich wieder nach Hause zurück wollte, sah ich sie. Es war, wie schon beim ersten Mal, elektrisierend. Wie irre sie auch sein mochte, sie war absolut süß. Ich sah sie schon vom Weiten, wie sie auf mich zu kam und ein Foto in der Hand hielt. Ich drehte mich um und ging weg. Sie war zwar süß und elektrisierend, aber sie bedeutete Scherereien. Ich wollte ihr niemals wieder begegnen. Ich hörte, sie sie mich rief. „Andrew! Warte!“ Und beschleunigte meine Schritte. Sie aber auch. Sie rief mich noch Mal und ich rannte. Ich rannte so schnell ich nur konnte. Irgendwann blieb ich stehen und musste mich erholen. Ich sah mich um, sie war nicht zu sehen. Meine Lunge brannte wie Feuer, an meinen Seiten machten sich Messer zu schaffen und ich war in Schweiß gebadet. Kurzum, ich war total erschöpft. Ich stützte mich auf meine Knie und versuchte meinen Atem zu regulieren. Ich war so fertig.

Da spürte ich plötzlich eine kleine Hand auf meiner Schulter. Sie war ganz kühl. Ich glaube, sie hat bereits eine Weile dort gelegen, bevor sich sie überhaupt bemerkt hatte. Dann beugte sie sich zu mir hinunter. Ihre rotbraunen Haare flossen wie Quecksilber über ihre Schulter und ihre grünen Augen blickten stechend und vorwurfsvoll. „Warum bist du weggerannt?“, fragte sie. Ha! Warum wohl! Als ob ihr die Antwort nicht klar wäre. Ich schaute sie an. Ihr Gesicht war absolut verständnislos und verwirrt. Das Mädchen hatte wirklich keine Ahnung. „Damit du mich nicht einholst“, keuchte ich. Sie nahm ihre Hand von meinem Rücken und hockte sich vor mich hin, so dass ich ihr ganzes Gesicht sehen konnte. Sie schien kein bisschen erschöpft. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig und auf ihrer Haut lag keine einzige Schweißperle. „Warum denn?“, sie fragte wie ein Kind. Nun, das war sie wohl auch, kaum älter als sechzehn Jahre. „Warum wohl? Natürlich weil …“ ich stockte. Ja, warum eigentlich? Ich hatte vollkommen überreagiert! Ich ersuchte mich aufzurichten. Es gelang, wenn auch mit Mühe und Not. Im gleichen Moment stand auch sie wieder. „Du bist schnell“, sagte ich, aber sie schaute nur verständnislos. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Warum bist du nun weggelaufen?“ „Weil ich dachte, dass du mir wieder eins von den Fotos andrehen willst.“, sagte ich und noch bevor ich ausgesprochen hatte, war das Foto bereits in meiner Hand und sie drehte sich zum gehen. „Hier geblieben, Kleine! So leicht wird es dieses Mal nicht. Darf man dich nach deinem Namen fragen?“ Sie sah mich über die Schulter hinweg an. Dann wendete sie sich wieder um. „Klar darf man.“ Es folgte eine lange Pause. Eine sehr lange Pause. Ich wartete, bis sie mir den Namen sagte und sie wahrscheinlich auf meine Frage. Ich wurde ungeduldig: „Ja, wie heißt du denn nun?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“ „Verarschst du mich?!“ Sie schaute wieder verständnislos. „Ver… arschen? Nein, warum sollte ich das tun? Ich erinnere mich nicht mehr an meinen Namen.“ Sie drehte sich wieder um und ließ mich ein weiteres Mal vollkommen irritiert zurück. „Du bist nicht oft unter Menschen, oder?“, rief ich ihr nach. Aber sie winkte nur über die Schulter hinweg. Ich schüttelte den Kopf und sah mir das Foto an. Man erkannte nicht viel. Irgendwie saß ich in mich zusammengesunken an einem Tisch mit einer Flasche in der Hand. Ich finde, eine Erklärung zu den blöden Fotos ist mehr als Nötig! Das Foto war unbrauchbar. Ich schmiss es weg.

Wisst ihr, die Begegnungen mit diesem Mädchen scheinen mich unerklärlicherweise immer ein bisschen aus der Bahn zu werfen. Und wenn ich aus der Bahn geworfen werde, dann zieht es mich in Bars. Wen wunderte also, dass ich auch an dem Tag in einer Bar saß und mir die Birne voll dröhnte? Ich kippte mir einen Schnaps nach dem anderen herein. Gleichzeitig quatschte ich den Barkeeper wegen einem Mädchen zu. Er glaubte vermutlich, ich würde von meiner Ex reden oder so. Keinen Sinn für den Ernst der Lage. Und `sie bringt mich noch ins Grab´ war nicht metaphorisch gemeint! Sondern wortwörtlich! Na ja, nicht ganz wortwörtlich, schließlich macht das immer noch der Bestatter, aber … AH! Ich schwafle! Ich hasse es, zu schwafeln, aber wenn ich betrunken bin, dann schwafel ich. Das Mädchen ist eine Qual. Damit Ende.

An viel erinnere ich mich nicht mehr. Je später es wurde, desto undeutlicher und verschwommener werden meine Erinnerungen und irgendwann folgte ein Filmriss. Das einzige, was ich weiß, ist, dass ich seit dem Abend in der Bar Hausverbot habe. Und, dass das Bild eine Alkoholvergiftung darstellte. Sie hätte tödlich enden sollen. Im ersten Moment dachte ich, dass hätte sie auch getan. Als ich aufwachte war alles grell und weiß. Ich wusste meine Augen sofort wieder schließen, weil es so sehr blendete. Mir war schlecht, ich war müde und mein Verstrand war mindestens einen Tag hinterher. Ich erinnere mich nicht genau, aber ich glaube, das erste, was ich sagte war etwas wie „Bin ich im Himmel?“

Die Antwort jedenfalls kam zu meinem Leidwesen prompt: „Nein, im Krankenhaus!“ Jeder Mensch auf dieser verdammten Welt hätte mir diesen Satz sagen können! Jeder meiner Bekannten, von denen ich wahrscheinlich nicht einmal drei an der Stimmer erkannt hätte, aber sie! Diese eine Stimme hatte sich so in mein Gedächtnis gebrannt. Ich erkannte sie. Und mir war zum Heulen!

22.8.07 23:58





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