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Curry Gronnow

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr jemanden vertraut, der dieses Vertrauen ausnutzt und euch, eh ihr wisst, wie es anfangen konnte, in einem Teufelskreis aus Leid und Schmerz schickt?

Was wäre, wenn jemand in euer tiefes Leid käme und euch plötzlich einen Ausweg zeigen würde? Würdet ihr ihn annehmen? Auch, wenn er euren Tod bedeutet? So war das bei mir.

 

Bei mir war dieser Vertraute mein Onkel Joseph. Joseph, ein Name aus der Bibel. Er war der Traumdeuter und König von Ägypten, wir haben das neulich in der Schule gelernt. Joseph ... ein Name voll Glaube, Treue und Hoffnung. Für mich ein Name voll Schmerz, Abscheu und Leid. Ich hasse diesen Namen. Er hat so viele Erinnerungen, die schrecklich und widerlich sind. Ich war gerade mal acht Jahre, als es anfing. Meine Eltern waren Ausgegangen und ich war bei Onkel Joseph untergebracht worden. Erlebte in unserer Nachbarschaft, was meine Eltern sehr praktisch fanden. Sie gaben mich regelmäßig bei ihm ab, damit er mich babysittete und meine Eltern ausgehen konnten. Jeden Monat war ich drei Tage bei ihm. Aber der erste war der Schlimmste von allen. Ich kam zu ihm als kleines, achtjähriges, ahnungsloses Mädchen, das eine nette Geschichte vorgelesen haben und dann ins Bett gebracht werden wollte. Meine Mutter brachte mich bei ihm vorbei und sie lächelte. Onkel Joseph lächelte. Und ich lächelte auch. Wir lächelten alle und Mutter war sich sicher, sie würde mich in gute Hände gegeben haben. Kaum war die Tür aber zu und ich im Haus, fror sein Lächeln zu Eis und er legte seine Hand schwer auf meine Schulter. Sie brannte. Nein, ich weiß, sie brannte nicht, aber es fühlte sich so an, als würde diese Hand sich in meine Haut brennen. „Sei brav zu deinem Onkel Joseph!“, „Widersprich deinem Onkel Joseph nicht.“, hallten Mutters Warnungen in meinem Kopf nach. Ich zitterte. Ich hatte Onkel Joseph immer in guter Erinnerung gehabt, auf Festen und wenn er zu Besuch war, war er immer sehr lieb und brachte mir auch immer Geschenke mit. Ich hatte ihn eigentlich sehr gerne. Es war unvorstellbar für mich, dass dieser liebe Mann von damals und der, der mir solche Angst einflösste, ein und die Selbe Person sein sollten. Dieser Mann wirkte so bedrohlich und böse. Ich kann mit bis Heute keinen Reim drauf machen.

 

Meine Schulter tat noch ein wenig von seinem Griff weh, als er mich ins Schlafzimmer brachte. Er befahl mir, meine Tasche, in der die Sachen, die ich zum Übernachten brachte, drin waren, auf den Boden zu stellen. Ich tat, was er gesagt hatte und sah ihn mit großen, erwartungsvollen Augen an. „So, meine Kleine, jetzt solltest du dich aber bettfertig machen. Zuerst ziehst du am Besten deinen Pyjama an.“, oh, wie gut mir dieser Satz im Gedächtnis geblieben ist. Wieder machte ich mich daran, zu tun, was er mir aufgetragen hatte. Ich ging an meine Tasche und legte mir meinen Schlafanzug heraus. Dann zog ich mein Jäckchen, mein Hemdchen aus und dann auch das Röckchen aus. Als ich aber nach meinem Schlafanzug griff um ihn anzuziehen, spürte ich wieder seine brennende Hand, die meinen Arm fest umklammert hielt. Ich schaute ihn an. Ich verstand nicht, was er von mir wollte. Sein Griff wurde immer fester, seine Augen immer feuriger und verrückter. Dann begann er zu grinsen. Nicht sein nettes Lächeln, ein grausames und verrücktes Grinsen. Er nahm seine freie Hand und begann, mir über den nackten Körper zu streichen. Ich schüttelte mich. Ich wollte das nicht! Das merkte auch er, nahm mich hoch und ließ mich aufs Bett fallen. Ein Fehler! Die meiste Kraft hat ein Mensch in seinen Beinen und die hatte ich nun frei. Ich fing an wie wild zu strampeln. Ich wollte das nicht! Das war ihm egal. Nicht egal war ihm aber, dass ich ihn mit dem einen oder anderen meiner Tritte erwischte, wenn auch nicht ernsthaft. Er schnappte nach meinen Beiden. Irgendwie bekam er sie zu fassen und setzte sich drauf. Einen Augenblick schauten wir beide uns an. Niemand sagte etwas, nur ein Blick. Dann griff er mit seinen Händen an seine Hose und öffnete den Reisverschluss. Ich begann wieder wie wild mit meinen Armen zu schlagen und meine Beine zu winden. Nichts half. Er war stärker als ich, drückte meine Arme nieder und hielt sie mit einer seiner Hände fest. Eine Hand reichte. Nur eine Hand. Mit der anderen friemelte er meine Unterhose zur Seite und drückte dann meine Beine auseinander. Als nächstes drang er in mich ein. Es war, als würde ich verbrennen! Das Gefühl, das seine Hand bei mir hinterlassen hatte, dieses hinein brennen in meine Haut, wurde noch schlimmer. Seine Stöße waren grob und taten unsagbar weh. Ich fühlte ihn in und auf mir und hörte, wie er in Extase stöhnte. Immer heftiger und heftiger, bis er schließlich seufzend auf mich niederfiel. Ich hatte das Gefühl er würde mich mit seinem schweren Körper zerdrücken. Dann überkam mich eine neue Angst. Er war ganz ruhig geworden. Was wäre, wenn er tot wäre? Ich kannte den Begriff des Todes. Ich wusste, was er bedeutete. Mein Hase war vor einem Monat gestorben, ich war dabei gewesen. Ich wusste, was der Tod bedeutete.

 

Ich zitterte am ganzen Körper. Mein Onkel Joseph lag mit all seinem Gewicht auf mir. Ich konnte mich kaum bewegen und auch das Atmen fiel mir schwer. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es schien eine Ewigkeit, bis er sich wieder aufrichtete. Er sah mich an, wie ein stück Dreck, das entsorgt werden musste. Dann stand er auf und befahl mir, meinen Schlafanzug anzuziehen. Ich lag nur da und sah ihn an. Ich hatte Angst, er würde das noch mal machen, wenn ich wieder nach meinem Schalfanzug greifen würde. Er wiederholte seine Anweisung. Ich regte mich wieder nicht. Dann schrie er mich an, ich solle gefälligst machen, was er mit sagte, oder er würde es meiner Mutter erzählen, dass ich nicht brav sei. Das wirkte. Ich stand auf und zog mir meine Schlafanzughose an: Onkel Joseph beobachtete mich dabei. Als ich sie gerade hochgezogen hatte, ergriff seine Hand wieder meinen Arm und er schleuderte mich gegen die Wand. Dann beugte er sich zu mir hinunter, dass wir uns Auge in Auge gegenüber standen und sagte mir, er würde meine Eltern töten, wenn ich nur ein einziges Wort sagen würde. Ich nickte. Ich wollte nur, dass dieser Abend so schnell wie möglich vorüber ging und ich wollte so etwas niemals wieder erleben! Niemals!

 

Als meine Mutter mich am nächsten Morgen abholte und fragte, wie es bei Onkel Joseph gewesen sei, bemühte ich mich zu Lächeln. „Schön“, sagte ich. Ich wollte nicht, dass sie starb. So vergingen die Tage. Am nächsten Monat gab mir meine Mutter wieder meine kleine Tasche und brachte mich zu Onkel Joseph. „Ich will nicht“, maulte ich, aber meine Mutter hörte mir nicht zu. „Das ist das Beste für alle, mein Schatz. Also sei schön brav.“ Onkel Joseph entging uns wieder an der Türe. Ich zitterte wieder und stammte mich gegen Mutter. Ich wollte dort nicht wieder hin! Niemals wieder!

Es half nichts, ich wurde wieder bei ihm abgeliefert. Zitternd kroch ich in eine Ecke des Zimmers. Onkel Joseph baute sich vor mir auf. Er hockte sich vor mich hin und schaute mich ganz lieb an. „Was hast du denn, meine Kleine?“, seine Stimme war wieder ganz weich und lieb. Ich sah ihn an. Ich verstand es nicht. „Ich will nicht!“, sagte ich schließlich. Das Nächste, woran ich mich erinnere war, dass seine Faust sich in die Wand bohrte und sein Blick wieder wütend wurde. „Du wirst! Oder deinen Eltern wird etwas Schreckliches passieren!“ Ich zitterte. Er griff wieder nach mir, seine Hand rutschte unter mein Shirt und stricht mir wieder über meine nackte Haut. Es war, wie beim ersten Mal. Nachdem er sich an mir befriedigt hatte ruhte er sich aus und drohte ein weiteres Mal meinen Eltern.

 

Die Zeit verging. Ich erzählte meinen Eltern nichts und wurde immer und immer wieder zu ihm gebracht. Irgendwann lernte ich in der Schule, was er da eigentlich mit mir machte. Ich wurde älter und bekam meine Regel. Das interessierte ihn aber nicht, er drang trotzdem regelmäßig in mich ein. Der einzige Unterschied war, dass er da anfing, ein Kondom zu benutzen. Ich musste viele eklige dinge mit ihm machen. Mit ihm, für ihn. Es war schrecklich. Es war nicht zu ändern. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und auch, als meine Eltern mir in der Pubertät unwichtig wurden, fand er immer wieder neue Wege, mir zu drohen und mich zur Willigkeit zu zwingen. Er schreckte nicht davor zurück, mir mit dem Tod meiner Freundinnen zu drohen. So folgte Jahr auf Jahr und keines dieser Jahre brachte mir Erleichterung oder eine Lösung. Erst nach zehn Jahren kam die Lösung in Form eines jungen Mädchens in greifbare Nähe. Es war Zufall, dass ich das Mädchen traf. Ich gehe nicht oft aus, aber an dem Tag hatten mich meine Eltern Einkaufen geschickt. Sie stand da, draußen, direkt vor dem Supermarkt. „Warte“, das war das Erste, was sie zu mir sagte. Ihre Stimme hatte etwas Beruhigendes und Sanftes. „Warte. Ich möchte dir etwas geben.“ Gleich wurde ich misstrauischer. Ich beobachtete sie. Sie hielt Abstand. Gerade soviel, dass mir nicht unangenehm wurde. Sie fasste mich nicht an und schien mir allen Platz zu lassen, den ich wollte.

 

„Zuerst einmal möchte ich dir sagen, dass dir alle Wege offen stehen. Du kannst alles schaffen, was du möchtest, verstehst du, Curry? Alles!“ Irgendwie wunderte es mich gar nicht, dass sie meinen Namen kannte. Ich schaute auf den Boden, sie reichte mir ihre Hand. Ich nahm sie nicht an. „Die letzte Möglichkeit ist nicht immer die Richtige. Sie ist die Letzte und nimmt einem Menschen alle Perspektiven.“ Jetzt ah ich sie an. „Perspektiven?“, fragte ich. „Was habe ich schon für Perspektiven?“ „Reden.“, sagte sie. Ich musste lachen. „Mit wem denn? Mit meinen Eltern?“ „Ja. Oder mit Fachkräften.“ Ich hatte tränen in den Augen, denn ich wusste, was das für Auswirkungen hätte, wenn ich jemanden davon erzählen würde, was für eine schreckliche Pein ich Monat für Monat seit zehn Jahren ertragen musste. Sie wären tot, sie wären alle tot. Ich fasste mich wieder. „Ich muss jetzt gehen.“, sagte ich und wendete mich um. Sie rief mich noch mal zurück. „Du hast ja noch gar nicht, was ich dir geben wollte.“ Ich drehte mich wieder zurück. Das Mädchen hielt mir ein Foto hin. Ich nahm es an und betrachtete es. Ich, wie ich über dem Badewannenrand hing und mit den aufgeschnittenen Pulsadern das Wasser rot färbte. Es war mir klar, was das bedeutete. Ich sah das Mädchen an. Tief in die Augen sahen wir uns und ich hatte das Gefühl, sie sähe durch meine Augen in mein Gehirn und läse meine Gedanken. Ich bemerkte, wie ich wieder anfing zu Zittern. Dann lag ich plötzlich weinend und schluchzend in ihren Armen. „Du willst doch gar nicht sterben“, flüsterte sie. Sie hatte Recht. Ich wollte nicht!

 

Ich bin mit nicht mehr sicher, wie ich nach Hause kam. Ich stand plötzlich mit den Einkaufstüten und dem Foto vor unserer Haustüre. Mein Vater öffnete die Türe. „Ah, hallo, mein Schatz. Schön, dass du wieder da bist. Du kannst schon mal deine Tasche packen. Morgen bist du wieder bei deinem Onkel Joseph.“ Meine Augen flackerten, meine Gedanken rasten und mich überkam wieder dieses Zittern. Ich schaute Vater an. „Aber … warum denn? Ich war diesen Monat doch schon bei ihm!“ Vater lachte herzlich. „Schatz! Es ist nicht so, dass es deine Pflicht wäre, jeden Monat einmal zu ihm zu gehen. Es wird schon nicht so schlimm sein, wenn du ihn diesen Monat zwei Mal besuchst. Außerdem müssen Mami und ich geschäftlich fort. Es … könnte auch sein, dass wir dieses Mal etwas länger hier bleiben. Du bist ja schon ein großes Mädchen, dir wird also nichts passieren!“ Ich lachte spitz auf. „Dad, ich bin achtzehn! Ich bin volljährig! Ich kann auf mich selbst aufpassen! Ich brauche Onkel Joseph nicht mehr!“ Vater wuschelte mir durch das Haar und küsste mich auf die Stirn. „Du bist und bleibst mein kleines Mädchen und ich will nicht, dass dir etwas passiert! Außerdem ist bereits alles abgesprochen.“

 

Welch eine Ironie! Damit mir nichts passiert schicken mich meine Eltern zu dem Mann, bei dem mir das Meiste Leid widerfährt. Wenn ich ein zweites Mal in einem Monat zu Onkel Joseph gegangen wäre, hätte ihm die bisherige Abmachung nicht mehr gereicht. Er hätte verlangt, dass ich immer öfter komme, bis er mich täglich peinigen könnte. Das wollte ich um jeden Preis verhindern! Um jeden Preis? Ich dachte an das Mädchen zurück und an das Foto. Der Preis, den ich zahlen müsste, wäre mein Leben. Ich musste mir ganz genau überlegen, ob ich diesen Preis zahlen wollen würde.

Ich lag lange wach in jener Nacht und überlegte, was ich tun sollte. Gegen Mitternacht stand ich auf, ging ins Badezimmer und ließ Wasser in die Badewanne. Meine Eltern schliefen, Sie würden nichts mitbekommen. Während das Wasser lief lehnte ich mich auf das Waschbecken und betrachtete mein Spiegelbild. Es war nicht so, dass ich nicht schon über den Tod nachgedacht hätte. Besonders wenn er mich vergewaltigte, aber so zum Greifen nah war er noch nie. Ich zitterte nicht. Es war, als hätte ich alle Emotionen ausgeschaltet. Ich stand einfach nur da und starrte auf mein Spiegelbild.

Rasierklingen, hatte ich mal irgendwo gehört, wären besonders geeignet. Und warmes Wasser würde die Blutung beschleunigen. Es war mir einerlei. Es war eh bald zu Ende. Wie es wohl war zu sterben? Ob es weh tat? Sicher war es nicht schmerzhafter als diese monatliche Folter … und wen doch? Ich zuckte zusammen und sah auf den Boden. Wasser. Mein erster Impuls war es, zur Badewanne zu sprinten und das Wasser auszumachen. Aber die Wanne war doch eh schon übergelaufen. Auf dem Boden breitete sich immer mehr Wasser aus. Keine Eile. Keine Hektik. Es war eh schon zu spät.

Ich schaute noch mal in den Spiegel und klappte ihn dann auf. Dort drin befanden sich Mutters Schminksachen und Vaters Rasierzeug. Ich griff nach dem alten Rasierer und nahm die Klinge heraus. Dann klappte ich den Schrank wieder zu und ging langsam wir Wanne. Ich kniete mich davor und griff nach dem Regler. Noch bevor ich ihn erreicht hatte zögerte ich und zog die Hand zurück. Alles zu spät. Was soll’s? Ich sah auf meine Hand und drehte die Rasierklinge. Kleines Ding, große Wirkung. Unwillkürlich musste ich an Onkel Joseph denken. Ich schüttelte den Kopf. Ich mochte den Gedanken nicht, er sollte nicht mein letzter sein! Ich setzte die Klinge an. Wieder zögerte ich. Das Wasser auf dem Boden stieg derweil immer höher. Tränen standen mir in den Augen. „Ich will nicht!“, sagte ich. Dann schnitt ich mir tief in den Arm. Ich wollte nicht! Aber ich konnte nicht anders. Ich wollte nicht.

11.9.07 15:37


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Katherine Miskson


Liebe Fremde,

Ich weiß nicht, ob Sie mich noch kennen, ich kenne Sie leider nicht. Zumindest nicht direkt, aber meine Mama spricht oft von Ihnen. Sie sagt dann immer, dass ich nur lebe, weil sie da waren. Meist redet sie von Ihnen, wenn sie mir zuvor gesagt hat, wie lieb sie mich hat und wie viel Freude ich ihr bereite. Dann wird sie immer ganz still und ihre Augen werden traurig und sie flüstert „Kiki“ und streicht mir über das Haar. Den Namen habe ich schon, seit ich denken kann, obwohl ich eigentlich Katherine heiße. Katherine Miskson. Vielleicht sag der Name Ihnen etwas. Meine Mama heißt Vivian Miskson.

Wissen Sie, ich wusste nie, wie ich zu dem Spitznamen Kiki gekommen war, aber neulich hat Mama mit erzählt, was passiert ist, deshalb schreibe ich diesen Brief, ich möchte nämlich wissen, wer Sie sind. Aber ich kenne Ihre Adresse nicht. Ich weiß nicht, wie Sie dieser Brief erreichen soll, deshalb werde ich ihn dort hinlegen, wo Sie Mama getroffen haben und hoffen, dass Sie ihn dort finden. Sie wissen doch noch, wo das was, oder? Es war vor etwa Zehn Jahren vor dem Café, das sich in der Nähe des Parks befindet.

 

Meine Mutter hat mir erzählst, dass sie damals schon schwanger mit mir was, aber sie wollte mich nicht haben. Sie hat erzählt, dass ihr Freund, mein Vater, behauptet hätte ich sei nicht sein Kind. Deshalb wollte er mich nicht und sagte Mama, dass sie mich abtreiben sollte, oder er würde sie verlassen. Sie hat ihn geliebt, weißt du? Sie hätte alles für ihn getan, und ich war ihrer Meinung ja noch nicht einmal richtig da. Sie hatten auch Niemandem von mir erzählt, also wussten nur drei Leute von Mamas Schwangerschaft: Meine Mutter, mein Vater und ich. Und … und du. Mama konnte sich nie erklären, woher du es wusstest. Sie weiß aber noch genau die Worte, sagt sie. Und was passiert ist. „Es ging alles so furchtbar schnell!“, sagte sie, als sie es mir erzählte. „Aber trotzdem weiß ich noch genau, was passiert ist.“ Und dann hat sie es mir erzählt: Du kamst auf sie zu als sie gerade zum Arzt wollte um einen Abtreibungstermin zu vereinbaren, und du hast sie geschlagen. Du hast ihr eine Ohrfeige gegeben, bevor sie überhaupt wusste, dass du da warst. Die muss wohl ziemlich heftig gewesen sein, denn Mama hält sich immer noch die Wange, wenn sie daran denkt. Du hast ganz wütend ausgesehen und dann hast du sie an die Hand genommen und sie vom Marktplatz gezogen. Bis zum Park hast du sie `mitgeschleift´, wie es Mama sagt. Erst da hast du sie losgelassen und dich zu ihr umgedreht. Mama sagte, sie hätte ziemliche Angst gehabt, denn du sahst wütend aus und ihr wart fast vollkommen ungestört. Du hast dich dann vor ihr aufgebaut und sie angestarrt. Dann sagtest du: „Das kannst du nicht machen!“ Mama wusste nicht, was du meintest, aber sie mochte deine Stimme. Sie hat erzählt, dass sie sofort alle Ängste in ihr ausgelöscht hätte und, im Gegensatz zu deinem auftreten, nett und sanft gewesen sei. Ich würde diese Stimme auch mal ganz gerne hören! Du musst wirklich nett sein. Mama hat nichts gesagt. Dann hast du ihre Hand genommen und auf ihren Bauch gelegt. „Sie lebt bereits!“, hast du gesagt „Sie existiert.“ Mama meint, mit dem „Sie“ hättest du mich gemeint. Ich habe mich gefreut, als sie das erzählt hat. Meintest du wirklich mich?

Mama war total fassungslos. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass du wirklich von ihrem Kind reden würdest. Du hättest nicht davon wissen dürfen, sagt sie, aber du wusstest es. Dann fragte Mama, woher du davon wüsstest und du ließt ihre Hand los und rechtest ihr ein Foto. Das Foto zeigte sie, wie sie mich abtrieb. Sie konnte mir das Foto nicht beschreiben, sie wusste es einfach, dass es das darstellte.

„Du kannst sie nicht töten wollen, sie ist ein Teil von dir!“, hast du dann gesagt. „Aber Marc …“, Marc ist mein Vater. „Der kann das nicht verstehen!“, sagtest du. Dann hast du sie an den Schultern genommen und sie ganz dicht gezogen, so dass eure Nasen sich fest berührten, erinnerst du dich noch? Mama sagte, es war, als ob deine Augen ihr direkt in die Seele sehen wurden. Sie weiß sogar noch deine Augenfarbe, sagt sie. Ein leuchtendes Grün mit Gold durchzogen. Stimmt das?

Sie sagt auch, dass du vollkommen unkonventionell und durchgeknallt gewesen seiest, aber etwas wäre an dir gewesen, dass sie vollkommen für dich einnahm. Sie musste dich ernst nehmen und dir glauben, sie konnte einfach nicht anders.

Jedenfalls sagtest du, dass Mama nicht auf Papa angewiesen sei. Sie sei eine starke Frau, die in der Lage sei, ein so wundervolles Kind allein aufzuziehen und alles schaffen könnte. „Ein Mensch, der einen anderen vor ein Ultimatum stellt, der hat es verdient, dass man sich gegen ihn entscheidet. Du brauchst ihn nicht, du kannst es auch allein. Und wirklich allein bist du nie!“ Du warst mein Fürsprecher. Danke. Du hast Mama klar gemacht, dass sie sich zwischen Papa und mich entscheiden könnte und das hat sie getan.

Als du Mama so hieltest, sagt sie, hast du ihr gesagt, hättest du ihr das gesagt, wonach sie sich insgeheim gesehnt hatte. Es war, als sei ihre Liebe zu Papa zerrissen. Dann brach sie weinend zusammen und du warst ebi ihr, bis sie alle Tränen ausgeweint hatte, wie sie es sagte.

 

Mama bat dich, dass du meine Patin werden solltest, aber du hast nichts gesagt. Du bist aufgestanden und wirktest vollkommen verändert. Mama sagte, du wärst kalt geworden. Und dann sagtest du, dass sie nicht auf dich zählen soll. „Ich eigene mich nicht als Freundin.“, hast du gesagt. „Ich bin schon bald wieder fort, denn ich habe hier alles erledigt und werde wo anders gebraucht. Es tut mir Leid, aber ich kann nicht mehr tun. Du musst dir wirkliche Freunde suchen, ich gehöre nicht dazu. Leb wohl.“ Mama dachte, du hättest sie noch mal geschlagen, sagt sie. Du hast ihr sehr wehgetan, aber du hast gelogen. Du warst da, als sie dich brauchte und hast ihr geholfen, eine wichtige Entscheidung zu treffen. Sie hat sich bei dir wohl gefühlt. Mehr hat sie nie von ihren Freunden erwartet, sagt sie. Sie sieht dich als ihre Freundin.

 

Mama war an dem Tag trotzdem bei ihrem Arzt. Sie wollte wissen, ob es mir gut gehe. Seit dem ging sie regelmäßig dorthin. Die ersten paar Tage traute sich Mama nicht, mit Papa zu sprechen, aber irgendwann sagte sie ihm, dass sie mich bekommen wollte. Sie hat erzählt, dass Papa total ausgeflippt ist und ihr gedroht hat, sie zu verlassen. Aber sie blieb ganz ruhig und sagte, dass er dann gehen müsse, denn sie habe sich für ihre Tochter entscheiden. Kurze Zeit später ist er gegangen. Ich habe ihn nie getroffen.

 

Mama meinte, in den folgenden neun Monaten hätte sie angefangen sich ein neues Leben auszubauen. Dann wurde sie ins Krankenhaus gebracht, wegen meiner Geburt. Zwölf Tage lag sie da und war sehr traurig, dass du mich nicht kennen lernen würdest. Aber dann, an dem Tag, an dem ich geboren wurde, warst du da. Du standest an Mamas Bett, als sie aufwachte, sagte sie. Und du wartetest vor dem Kreissaal. Du warst mein erster Besucher, sagte sie. Du standest da, als Mama mich in den Armen hielt, und streicheltest mir über den Kopf. „Kiki“, sollst du damals geflüstert haben. Nur dieses eine Wort: „Kiki“ Dann hast du mir ein Küsschen gegeben, Mama alles Beste gewünscht und sie daran erinnert, dass sie alles schaffen kann. Dann bist du gegangen. Mama sagt, sie hätte dich niemals wieder gesehen, aber dein „Kiki“ ist geblieben. Ich weiß jetzt endlich, warum Mama mich immer Kiki nennt. Aber du hast mir mehr geschenkt, als nur einen Spitznamen. Du hast mir einen Chance auf ein Leben geschenkt. Dafür möchte ich dir danken. Danke! Danke, dass du Mama geholfen hast. Danke, dass du du meine Fürsprecherin warst. Danke, dass du bei meiner Geburt dabei warst. Danke, dass du diesen Brief ließt. Danke! Danke! Danke! Danke für alles!

In Liebe,

Katherine Miskson (Kiki)

22.9.07 17:24





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