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Cain Mud

Als ich über das Geländer geklettert war blickte ich hinunter auf das Wasser. Es schien fast vollends Schwarz zu sein und nur der Schaum der Wellen und das schale Licht der Lampen zerrissen diesen Schein. Ich zitterte in Anbetracht dessen, was ich als Nächstes tun würde. Das Foto … ich holte es aus meiner Jackentasche und sah es mir ein weiteres Mal an. Es zeigte mich wie ich mich von der Brücke ins Wasser stürzte. Traurig lächelte ich und nickte. Es hatte sich nicht verändert.

Dann tasteten sich meine Füße langsam Millimeter für Millimeter vorwärts. Ich atmete tief ein und blickte zum Himmel. Die Nacht war kühl und Wolkenbehangen. Nicht ein Stern schimmerte durch diese Wolken. Und der Mond würde auch nicht erscheinen um mein erbärmliches Ende zu bezeugen, so wie er es mit dem Anbeginn dieses Albtraumes getan hatte. Ich kniff die Augen zusammen und machte einen großen Schritt nach Vorn.

 

Mein Name tut nichts zur Sache. Ich bin 35 und erfolgreich. Das zählt. Zumindest bei euch oberflächlichen Weibern. Aber das ist mir egal. Ich bin mit drei großen Schwestern aufgewachsen und einer weiblichen Nanny. Brüder hatte ich keine und mein Vater, der sich nur für meinen Erfolg interessierte, war kaum zu Hause. Wen wunderte es also, dass mir mein Tod von acht Frauen vorbereitet wurde? Die erste war meine Mutter selbst. In dem sie mich gebar definierte sie bereits, dass ich auch sterben musste. Sicher, so ist es bei jedem Menschen, aber nichts desto trotz kann nur sterben, wer geboren wurde. Die zweite Frau war meine älteste Schwester. Sie brachte mir bei, was Tod überhaupt bedeutete. Die dritte war meine Nanny, denn sie sah selbst aus wie eine Leiche und benahm sich wie eine Scheintote. Die vierte war meine jüngste Schwester, denn sie wünschte mir immer den Tod an den Hals. Genau so verhielt es sich mit meiner Frau, doch zuerst kam noch meine erste Liebe, wegen der ich fast verging und wegen der ich lernte, dass es Dinge gibt, die sich schlimmer anfühlen, als der Tod es jemals sein könnte.

An sechster Stelle stand meine erste Freundin, denn als sie sich von mir trennte war ich so verzweifelt, dass ich mich fast getötet hätte. Und an siebter Stelle stand sie. Dieses merkwürdige Mädchen, das ich an einem schönen Maientag traf. Das Mädchen mit dem Foto. An achter und letzter Stelle kam meine, bereits erwähnte, Frau. Sie wünschte mir den Tod und war auch bereit, aktiv daran beteiligt zu sein. Und obwohl sie so viel zu wagen bereit war und auch die letzte der acht Frauen war, die mir den Tod vorbereiteten, war sie doch nicht ausschlaggebender als die vorherigen sieben Frauen, wenn auch auf ihre eigene, individuelle Art und Weise.

 

Ich wurde im September eines sehr viel versprechenden Jahres geboren. Die Computertechnikfirma meines Vaters war auf dem Höhepunkt, die Finanzen so hoch wie nie zuvor und die Aktien lagen in Vaters damals fähigen Händen. Ich war sein Wunschkind. Nach drei Töchtern endlich ein Sohn, ein Nachfolger, ein Erbe. Er war so stolz auf mich, dass er einen Termin um einige Minuten verschob um mich in meinen Tüchern zu sehen. „Das“, verkündete er feierlich. „wird mein Nachfolger. Ich werde ihn alles lehren und er wird das Unternehmen nach meinem Tod zu einer zweiten Blüte verhelfen.“ Dann sah er auf sein Handy. „Und jetzt muss ich echt los, der Termin findet gleich statt. Ich darf nicht zu spät kommen. Schließlich bin ich der Vorsitzende und muss mit gutem Beispiel vorangehen.“ Noch bevor meine Mutter seufzten konnte war er bereits aus der Türe hinaus. Meine Mutter streichelte mir den Kopf und zeigte mich meinen Schwestern. Sie waren sieben, fünf und zwei Jahre. Die älteste meiner Schwestern, Annemone, blickte mich nur desinteressiert an. Sie hatte das nun schon zwei Mal gesehen und verstand nicht, was man mir anders oder besonders sein sollte. Anastasia, die Jüngste, quengelte an meiner Mutter herum, wollte auf den Schoß, wollte mich halten, wollte dies und wollte das. Mutter aber konzentrierte sich auf mich, so dass Anastasia bald beleidigt war. Nur Malica, meine mittlere Schwester, sah mich neugierig und mit liebevollen Augen an. Ich weiß nicht, was sie in mir sah, aber es prägte ihr Verhalten gegenüber ihrem kleinen Bruder.

 

Da Mutter und Vater viel beschäftigt waren und außerdem eine enorme Menge an Geld besaßen, wurde bald ein Kindermädchen eingestellt, das sich gut um den Nachfolger des Vaters kümmern sollte. Mehr war ich nie, solange ich denken kann, aber auch nicht weniger. Ich war der Nachfolger meines Vaters. Es war egal, was ich wollte, ich hatte diesen Wunsch Folge zu leisten. So wuchs ich auch auf. Ich musste hart arbeiten und wurde für jeden Erfolg meiner Leistungen gelobt, wie ich für jedes Versagen mit Missachtung und Spott gestraft wurde. „Mein Sohn“, sagte mein Vater immer, wenn er von einem Versagen hörte. „darf nicht bei etwas derartig Wichtigen versagen. Es ist die Familienehre des Mud-Clans in allem besser zu sein.“ In solchen Momenten legte Malica mir ihre Hand auf die Schulter und gab mir mit einem zärtlichen Blick zu verstehen, dass Vater übertrieb. Malica war die einzige Person, die für mich da war und meine engste Vertraute. Die Nanny, die für mich eingestellt worden war spielte nämlich lieber mit meiner jüngsten Schwester und mein Hauslehrer beschäftigte sich mit meiner ältesten Schwester. Nur Malicas lebensfrohe Art und ihre rosigen Wangen hielten mich in der Wirklichkeit und erinnerten mich, dass ich nicht aufgeben durfte. Die anderen Menschen in meiner Umgebung gaben mir nur zu verstehen, wie kalt und desinteressiert diese Welt war. Mein Schicksal interessierte niemanden, nicht einmal meine Eltern, wie sehr sie dies auch behaupteten. Dieser Gedanke ging mir das erste Mal im Alter von sieben Jahren durch den Kopf. Ich hatte ein Tennismatch verloren und Vater hatte mir von einem Angestellten ausrichten lassen, wie enttäuscht er von mir war und dass er erwartete, dass ich mich in Zukunft mehr anstrengen würde. Ich wusste, dass Vater unserem Bediensteten gesagt hatte, was er im Falle eines Sieges und was er im Falle einer Niederlage zu tun und zu sagen hätte. Vater selbst wusste nicht einmal, wie das Spiel ausgegangen war und auch als er wieder daheim war, verlor er kein Wort über die Sache. Ich fühlte mich an dem Abend so furchtbar verloren und einsam. Wohin ich auch sah, niemand achtete auf mich und kein Augenpaar streifte meines. Und doch, als ich mich umdrehte stand Malica neben mir. Mit vornehmer Zurückhaltung und einem sanften Lächeln auf den Lippen. So erging es mir immer wieder in meiner Kindheit. Ich fühlte mich alleine und wenn ich mich umsah, stand Malica neben mir, sagte nichts, tat nichts, stand einfach nur an meiner Seite und war mir nah.

Doch das nur voraus genommen. Als ich fünf Jahre alt war meinte meine Schwester Annemone, dass sie mich mit Fürsorge und einer Art von Mutterliebe überschütten müsste. So verbrachte sie jede Minute mit mir und hielt mich von dem Rest der Welt fern, auch von Malica. Ich nehme an, dass sie mit ihren zwölf Jahren in den Anfängen der Pubertät war und einfach etwas Neues ausprobieren wollte. Und mit ihrem Bruder Zeit zu verbringen, das war schließlich etwas nie da gewesenes. Bei Spaziergängen und Ausflügen, aber auch zu Hause war sie immer bei mir uns zeigte mir Dinge, die mich eigentlich gar nicht interessierten. Anfangs wollte ich mich noch bei Malica verstecken und so der Liebe der großen Schwester entziehen, doch Annemone ließ das nicht zu und irgendwann ergab ich mich meinem Schicksal. Das, dachte ich mir, könnte ja nicht ewig so dauern. Ich hatte Recht, denn nur wenige Monate später konzentrierte sie sich auf ihren ersten Freund, den sie geheim halten musste, da meine Eltern diese ungleiche Beziehung - er war der Sohn des Gärtners - niemals erlaubt hätten. Doch bis dahin hatte Annemone sehr viel mit mir angestellt. Es begann, als mein kleiner Hund starb. Annemone hockte neben mir und drückte mich - gegen meinen Willen - fest an sich. Dann begann sie mir, einem fünfjährigen Jungen, zu erzählen, dass der „verdammte Köter“ tot sei und niemals wieder kehren würde. Sie erzählte nichts von einer Reise, von der er niemals zurückkehren würde oder von einem besseren Ort, an dem er jetzt sei. Sie sagte einfach und frei heraus, dass mein geliebter Hund nun tot wäre und nur noch von Maden und Käfern zerfressen werden würde. Ja, ich glaube, das war der Höhepunkt dieser Situation, als sie sagte: „Ach, Kröte“, Kröte war ihr Name für mich. „sieh’s positiv. Er ist zwar hinüber, aber er wird noch vielen Käfern, Maden und sonstigem Getier als Fressen dienen.“ Mir wurde damals schlecht. Und das passiert nun immer, wenn ich etwas Totes sehe, denn Annemone war es niemals genug und immer, wenn sie etwas Totes sah, sei es ein Tier, ein Mensch oder eine Blume, weiß sie mich auf ihre Definition des Todes hin: Das Vieh ist hinüber und wird nur noch verspachtelt. Ich nehme an, daher kommt meine tief sitzende Angst vor dem Tod.

Im Folgenden Jahr wurde es mir zu viel. Mit schien, sie würden alles von mir verlangen und ich könnte ihnen Erwartungen niemals gerecht werden. Ich wusste damals nicht, was ich wollte, aber ich ahnte, dass es nicht das war, was meine Eltern für mich vorgesehen hatten. Kurzum, der Druck lastete so schwer auf mir, dass ich von Zuhause weglief. Es war die Nanny, die mich wieder fand und mir eine scheuerte, um das so direkt zu sagen. Dann nahm sie mich am Kragen und sagte: „Wenn du kleiner Pimpf es noch ein einziges Mal wagst, wegzulaufen, dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass du auch nie wieder zu deiner Familie zurückkehren kannst, sondern auf direktem Weg deinem Schöpfer begegnest. Hast du kleine Ratte das jetzt verstanden? Und solltest du irgendjemanden von unserem kleinen Gespräch erzählen, dann schlag ich dich grün und blau!“ Ich verstand nicht genau, was sie sagte, aber ich bemerkte, dass es eine Drohung war und ich kante sie gut genug um zu wissen, dass sie es wirklich täte, was immer sie auch gemeint hatte.  Später erfuhr ich, dass sie eine Verwarnung bekommen hatte, da ihr der Sohn der Familie „abhanden“ gekommen war. Seit dem Tag aber war sie besonders unfreundlich zu mir. Aber den Höhepunkt erreichte ihre Böswilligkeit, als ich sie einmal fragte, warum sie noch da war. Diese Frage war ein wenig unbedacht, und als sie nachfragte, was sie meinte, sagte ich frei heraus, dass meine Schwester mir beigebracht hätte, dass Tote nur noch als Futter für Käfer dienten. Nun, es war sehr unverschämt, das gebe ich zu, ich fing mir auch gleich wieder eine ein, aber ich wusste es eben nicht besser und diese Frau sah wirklich aus, wie eine narkotisiert Scheintote.

Nun kommen wir aber zu der vierten Frau, die mir den Tod bereitete. Wie schon erwähnt war dies meine Anastasia, die jüngste meiner älteren Schwestern. Sie war mir gegenüber immer leichtfeindlich gesinnt, aber als ich etwa acht Jahre alt war - und sie zehn - entwickelte sie ein eher einschüchterndes und auf mich gerichtetes Gewaltpotential. Anfangs begnügte sie sich damit, mich nur zu zwicken und unter dem Tisch zu treten und immer, wenn ich es jemandem erzählte, meinte diese Person, dass ich ein Junge sei, und keine Memme, und ich das allein schaffen müsste. Sobald ich aber etwas unternahm und es ihr gleich tat, waren die erwachsenen sofort zur Stelle und sahen mich streng an. Ich solle meine Schwester nicht ärgern!

Der Höhepunkt dieser Streitigkeiten waren auch wieder sehr interessant: Sie besorgte sich eine Voodoopuppe und Haare von mir. Nicht, dass es wirkte, aber es war schon rech einschüchternd, wenn ich in unser Spielzimmer kam und sie dasitzen saß und mir einen wirklich psychopatischen Blick dutzende von Nadeln in den kleinen Körper der Puppe jagte. Ich machte leider auch mal den Fehler, sie zu fragen, was sie machte. „Du“, sagte sie damals. „hast alles kaputt gemacht. Dafür wirst du büßen. Und wenn ich selbst dich ins Grab schicken muss. Wenn du weg bist, dann wird alles wieder so, wie es war. Ich hasse dich!“

Es schien in unserer Familie wohl üblich zu sein, Traumata zu verteilen. Ihres war vermutlich meine Geburt, denn sie war bis dahin die Prinzessin und das Nesthäkchen. Durch mich jedoch wurde sie - ihrer Meinung nach - dieser Position enthoben. Sie war vermutlich schlicht und ergreifend eifersüchtig und trug einen gravierenden Psychischen Schaden davon. Im Alter von 21 wurde sie daher auch stationär in eine Psychiatrische Klinik gegeben.

Aber nun versuche ich etwas schneller zu erzählen, denn ich möchte euch nicht langweilen und endlich zum Punkt kommen. Es fehlen noch die letzten vier Personen. Dazu gehört meine erste große Liebe, Kathleen. Kurz gesagt, sie hasste mich und stellte mich immer auf das Schlimmste bloß. Sie machte meine Schulzeit zur schlimmsten Zeit meines Lebens und ich konnte nichts dagegen tun, da ich sie liebte. Als ich jedoch so naiv war, ihr das zu sagen, lachte sie nur und verdreifachtete ihre Attacken auf mich. Meine erste Freundin, Susi war da vollkommen anders. Sie war lieb und sanft. Ich hätte niemals gedacht, dass sie zu etwas bösem fähig wäre. Doch es dauerte nicht lange, bis Kathleen darin eine neue Chance sah, mich zu demütigen und Susi auf ihre Seite zog. „Ich dachte ja eigentlich, dass du ein netter Kerl seihst, aber das, was ich von dir gehört habe … ich will niemals wieder etwas mit dir zu tun haben.“, sagte sie, als sie sich von mir trennte. Ich war damals kurz vorm Selbstmord. Was sage ich? Ich legte mich damals in eine Badewanne mit warmem Wasser, nahm ein Messer und durchtrennte meine Pulsader der linken Hand quer. Ich war mir damals so sicher zu sterben, denn niemand war im Haus.

Es war Malica, die mich fand, aus der Wanne hievte und meinen Arm mit einem Teil ihrer Lieblingsbluse, die sie an hatte, abband. Als ich im Krankenhaus wieder zu mir kam, war ihr Gesicht das einzige, was ich sah. Sie hielt mich sanft im Arm und sah mich tröstend an. Als ich mich später wieder erholt hatte, erzählte sie, dass sie das Date, auf das sie eigentlich gehen wollte, früher verlassen hatte, weil sie gefühlt hatte, dass etwas nicht stimmte. Als sie bei mir ankam war ich bereits bewusstlos. „Ich hatte Glück, dass du quer geschnitten hattest, denn so blieb mir mehr Zeit. Hättest du deinen Arm längs aufgeschnitten, wärst du vielleicht schon tot gewesen.“ Sie lächelte, dann wurde sie traurig und streichelte mir über die Haare. „Du hattest viel Blut verloren, kleiner Prinz.“ Später erfuhr ich, dass sie mir mit einer Bluttransfusion ihres Blutes das Leben gerettet hatte. Sie und ich waren die einzigen unserer Familie, die die gleiche Blutgruppe hatten. Ein weiterer Glücksfall.

Als ich dann 23 Jahre alt war, starb mein Vater. Ich übernahm, wie es mir meinen Lebtag vorgesehen war, die Firma meines Vaters und heiratete im selben Jahr die junge Studentin Laura. Unter meiner Führung begann die Firma zu blühen, wie niemals zu vor. Es ging mir hervorragend, Privat so wie Beruflich. Obwohl ich erst so jung war, hatte ich alles im Griff. Ich war genial! Auch Malica sah das so. Ich erinnere mich noch daran, wie sie mir die Stirn küsste und mir sagte, dass sie stolz auf mich sei. „Mach so weiter, mein kleiner Prinz.“, sagte sie. Dann folgte sie ihrem Mann nach Übersee. Er war Komponist und ein netter Mensch. Ich war froh, dass meine Schwester ihn gefunden hatte, aber es bedeutete, dass ich, wenn ich mich nun umdrehte, nicht mehr ihre Nähe sah. Aber dafür war nun meine Frau bei mir.

Drei Jahre später aber traf ich die siebte Person, die meinen Tod vorbereitete. Ich traf sie das erste, wie auch das letzte Mal, als ich an einem schönen Maientag durch die Straßen schlenderte. Es war Zwielicht und Sonne und Mond standen gleichermaßen am Himmel. Ich wollte von der Firma zurück in unsere Villa am Stadtrand gehen. Ich dachte an die Früchte, die die Firma bald tragen würde und ein zufriedenes Lächeln huschte über mein Gesicht. Doch es erstarb sofort, als ich sie entdeckte. Im ersten Moment dachte ich, es sei Malica und ich freute mich, dass sie mich wieder einmal besuchte, aber als sie näher kam, erkannte ich meinen Irrtum. Sie war zwar sehr schön, aber sie war nicht Malica. Trotzdem schien sie genau auf mich zu zu kommen. Je näher sie kam, desto unruhiger wurde ich. Ihre Augen waren grün wie zwei Smaragde und ihre Haare waren von einer berauschenden Braunroten Farbe. Ihr gang war schwebend und ihre Formen weich. Als sie an mir vorbei ging, hielt meine Welt für einen Augenblick an. Ich roch ihren betäubenden Duft. Sie duftete zart nach Vanille und Zedernholz und ich sog diesen Duft einen Moment lang in meine Seele ein. Von dort verschwand er auch niemals wieder. Ich erinnere mich immer noch an diesen Duft, als stände sie noch direkt vor mir. Sie erinnerte mich an die Wärme und die Liebe, die ich sonst nur von meiner mittleren Schwester kannte, von Malica, die die als einzige Frau dem Leben nah brachte und den Tod in weite Ferne rücken ließ. Doch dieses Mädchen war nicht wie dieser leuchtende Stern. Sie war die siebte, die mir den Tod vorbereitete. Sobald sie an mir vorbei gegangen war, hörte ich ein klicken, wie von einem altmodischen Fotoapparat, und ein surren. Als ich mich umdrehte, sah ich sie, wie sie mit ihren glühenden Augen über die Kamera hinweg direkt in meine Augen sah. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Mit einer geübten Bewegung zog sie das Polaroid aus der Kamera und reichte es mir. Dann lächelte sie leise, drehte sich um, und ging. Das war alles. Das war die gesamte Begegnung, mehr gab es nicht. Trotzdem hat diese Frau mein leben berührt. Ich wartete, bis das Bild sich entwickelte und ließ es vor Schreck fallen. Ich hätte schwören können, dass sie meinen rücken fotografiert hatte, aber es zeigte einen Menschen, der ertrank. Als ich das Foto aufhob und mir genauer anschaute, bemerkte ich, dass ich es war, der dort auf diesem Foto ertrank. Ich zitterte, ich wusste nicht, was dieses Foto bedeutete und ich wusste nicht, ob ich es nicht einfach vergessen sollte. Ich steckte es in meine Anzugstasche. Wenn ich es vergessen würde, würde es eben bei der nächsten Reinigung mit gewaschen werden.

Ich vergas es jedoch nicht. Jeden Abend sah ich es mir an und dachte darüber nach, was es bedeuten könnte. Auch die Zahlen gaben mir keine Ruhe, bis ich glaubte zu verstehen, was sie bedeuteten. Schnell fand ich heraus, dass es eine Datum- und eine Zeitangabe war, aber ich verstand nicht, obwohl die Lösung vermutlich offensichtlich war. Die angaben lagen in der Zukunft, und sie sagten, wann es geschehen würde. Sie sagten wann, wann ich ertrinken würde. Daher sah ich auch keinen Grund an, mein Leben einzuschränken. Schließlich hatte ich noch genug Zeit.

 

Genau genommen hatte ich noch sieben Jahre. Ich dachte, das wäre viel und ich dachte, es würde reichen, wenn ich mir erst kurze Zeit davor Gedanken über das Foto machen würde. Ich hatte mich geirrt. In den folgenden Jahren änderte sich die Situation grundlegend. Meine Firma kam immer mehr auf den absteigenden Ast. Ich bekam im letzten Moment vor dem Bankrott immer noch einen Höhenflug, doch der dauerte nie lange, bis wir wieder abstiegen. In der Zeit war meine Frau Laura vermutlich unzufrieden damit, wie wenig ich mich um sie kümmerte. Irgendwann fing sie an, mich zu meiden und zu ignorieren. Mir fehlten bald die warme Nähe ihres Körpers und ihr breites Grinsen, wenn ich etwas erzählte. Auch, weil Malica immer seltener zu Besuch kam und ihre Briefe auch immer kürzer und seltener wurden. Wie schon in vergessen unglücklichen Zeiten begann ich wieder, mich einsam zu fühlen und ich wusste nicht, wo ich Gesellschaft und Zuneigung her bekommen sollte. In der Zeit kamen zwei Menschen der Vergangenheit wieder zurück in mein Leben. Die eine war Kathleen. Ich wollte sie, weiß Gott, niemals wieder sehen. Aber was half es? Sie kam als Retterin in mein Leben zurück, denn sie war einer der wenigen Menschen, die die Firma retten konnten. Sie war bei einer anderen großen Computerfirma angestellt und war die Person, die mir den Vorschlag unterbreitete, dass sie meine Firma übernehmen könnten. „Arbeitsplätze und Name der Firma bleiben selbstverständlich erhalten.“, sagte sie. Ich sah sie forschend an und fragte sie, warum ich ihr glauben sollte, so, wie sie mit mir umgesprungen war. Sie lächelte nur und meine, dass wir das ja mal bei einem schönen Abendessen besprechen könnten. Irgendwie hatte ihr Lächeln den Alten Zauber noch nicht vollkommen verloren und ich spürte, wie mein Herz entflammte, als sie dieses Lächeln aufsetzte. Ich ging also mit ihr Essen. „Ein Geschäftsessen, Schatz, sonst nichts.“, sagte ich meiner Frau. Natürlich blieb es nicht bei einem Geschäftsessen. Kathleen wusste ganz genau, was sie sagen musste, damit ich ihr wieder vollkommen verfallen war. Sie behauptete, dass sie erwachsen geworden sei und dass sie mich in der Schulzeit nur geneckt hätte, weil sie mich geliebt hatte. Sie lehnte sich über den Tisch und lächelte. „Ich habe dich die ganze Zeit über geliebt. Auch jetzt noch. Cain, ich bin dir mit Haut und Haaren verfallen.“ Ich war ihr ins Netz gegangen, hielt mich aber noch an einer Chance fest und hielt wortlos meine linke Hand in die Höhe. Sie schaute einen Moment verwirrt, lächelte dann und sagte: „Schöner Ring?“ Ich nickte und sagte, ich sei verheiratet. Dann lächelte sie wieder, nahm meine Hand, küsste sie und zog sanft den Ring hinunter. Dann küsste sie meinen Ringfinger und sah mir tief in die Augen. Ich war Wachs in ihren Händen und so betrog ich meine Ehefrau in jener Nacht mit einer Frau, die es niemals gut mit mir gemeint hatte. Außerdem unterschrieb ich den Vertrag für die Übernahme der Firma. Natürlich hielt Kathleen ihr Versprechen nicht und schloss die Firma. Außerdem ließ sie mich fallen und lachte nur über mich.

Als Höhepunkt ihres neusten Streiches hatte sie meinen Ehering behalten, was Laura natürlich augenblicklich auffiel. Sie machte mir eine Szene und schwor mir Rache. Sie sagte, sie wollte mich fertig machen, egal wie. Die Zeit danach fand ich Nägel im Essen, hatte einen Autounfall und hätte fast Rattengift statt Aspirin genommen. Die logische Schlussfolgerung war die Scheidung, die sie aus irgendeinem Grund gewann. Natürlich war auch Kathleen daran beteiligt, indem sie sagte, dass ich sie verführt hätte und behauptet hatte, dass sie nicht gewusst hätte, dass ich verheiratet war. Sie schafften es auch irgendwie, mir noch andere Affären zuzudichten, die ich niemals gehabt hatte. So gewann meine Frau also den Prozess. Als ich auszog fragte ich sie, warum es hatte so weit kommen müssen und sie lächelte. „Ich vermute, es war einfach zu früh für uns beide. Ich habe bald gemerkt, dass es nicht lange funktionieren kann. Allein schon, dass du so schlecht im Bett warst.“ Ich sah sie eindringlich an und öffnete den Mund, um sie zu fragen, ob sie mich betrogen hatte, doch sie lachte bloß und schaute kalt und grausam. So kannte ich es nicht von ihr. Dann sagte sie folgende Worte: „Seit der ersten Nacht!“

Ich war am Ende. Aber wenn man ganz unten ist, so kann man sicher sein, dass es jemanden gibt, der einem noch in die Magengrube tritt. Bei mir kam dieser Jemand, als ich in einem Kaffee saß und darüber nach dachte, was passiert war. Sie setzte sich stillschweigend an den Tisch, an dem ich saß. Ich sah kurz auf. Ich kannte diese Frau nicht. Nun, ich erkannte sie nicht. Ich hatte auch keine Lust, mir ihr zu reden. Also beschloss ich sie zu ignorieren. Sie aber saß nur da und beobachtete mich. Nach ein paar Minuten schob sie mir ein kleines Papiertaschentuch hin, in das etwas eingewickelt war. Ich ignorierte sie weiter. Sie schob es näher. Ich grummelte und sagte, sie solle mich in Ruhe lassen, aber sie sah mich nur auffordernd an und nickte auf das Tuch. Ich dachte, dass das vermutlich der einzige Weg sei, diese Irre loszuwerden, also nahm ich das Tuch und faltete es auf. Als ich sah, was drin lag, sprang ich auf und gab dem Kellner zu verstehen, dass ich bezahlen wollte. Dann verließ ich das Kaffee. Die Frau aber grinste nur, nahm ihre Sachen und folgte mir. „Cain“, brüllte sie mir hinterher. „Ich weiß endlich, wie es funktioniert!“ Ich blieb stehen und wartete, bis sie mich eingeholt hatte. Dann drehte ich mich zu ihr um und fragte meine Schwester, wann sie sie aus der Klinik entlassen hätten. Anastasia grinste. „Als sie dachten, dass ich geheilt wäre. Aber ich habe dich nicht vergessen. Und meine Rache auch nicht. Ich habe nur ein wenig gebraucht, bis ich meinen Voodoo im Griff hatte.“ Ich zeigte auf die Puppe, die in dem Taschentuch eingewickelt gewesen war und fragte, ob es noch die gleiche sei, die sie früher benutzt hatte. Sie hielt die Puppe hoch, schaute sie an und meinte dann, dass die alte Puppe zu zerfetzt wäre, als dass sie sie noch benutzen könnte. Es war auch Anastasia, von der ich erfuhr, dass Laura und Kathleen gute Freundinnen gewesen wären und dass Laura mich all die Zeit betrogen hatte, unter anderem hatte sie sich durch meinen gesamten Freundeskreis geschlafen. Ich fühlte mich, als würde mir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. Mir wurde kalt und ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Ich weiß nicht, warum, aber ich fragte, ob das Mädchen mit dem Fotoapparat auch zu ihnen gehören würde. Anastasia schaute mich verwirrt an. „Fotoapparat? Wovon redest du?“ Ich grub meine Hände tief in meine Anzugtasche,  zog das Foto hinaus und zeigte es meiner Schwester. Sie grinste irre, aber meinte, dass das nicht von ihnen stammte. Ichs ah mir das Foto noch mal an. Dann drehte ich mich um, verabschiedete mich von Anastasia und ging. Ich drehte mich noch mal um und rief ihr zu, sie solle Malica von mir grüßen und sagen, dass ich sie lieb hätte. Sie nickte und ich wusste, dass sie es wirklich tun würde. Was sie wohl sagen wird, meine liebste Malica. Würde sie sich freuen? Würde sie etwas bereuen oder traurig sein? Ich wankte wie in Trance durch die Nacht und mein ganzes Leben passierte wieder mein Auge. Ich war niemals wirklich glücklich gewesen. Hatte ich nun ein Recht darauf? Hatte ich das Recht, so zu handeln, wie ich selbst es entschied? Mir kam mein gesamtes Leben vor, wie eine riesige Verschwörung und meine Gedanken hingen an dem, was Anastasia gesagt hatte: „Nee, das war keinen von unseren Aktionen. Warum? Wer soll das überhaupt sein? Das Mädchen, das nach Vanille und Zedernholz riecht? Schwachsinn.“ Sie hatte andere Gründe als die Frauen in meinem Leben. Sie hatte auch auf meinen Tod hin gearbeitet, aber nicht mit den gleichen Absichten, das spürte ich. Dann war ich dort, wo ich hin wollte: die Brücke, die über dem Fluss lag, die unsere Stadt in zwei Hälften teilte.

 

Als ich über das Geländer geklettert war blickte ich hinunter auf das Wasser. Es schien fast vollends Schwarz zu sein und nur der Schaum der Wellen und das schale Licht der Lampen zerrissen diesen Schein. Ich zitterte in Anbetracht dessen, was ich als Nächstes tun würde. Das Foto … ich holte es aus meiner Jackentasche und sah es mir ein weiteres Mal an. Es zeigte mich wie ich mich von der Brücke ins Wasser stürzte. Traurig lächelte ich und nickte. Es hatte sich nicht verändert.

Dann tasteten sich meine Füße langsam Millimeter für Millimeter vorwärts. Ich atmete tief ein und blickte zum Himmel. Die Nacht war kühl und Wolkenbehangen. Nicht ein Stern schimmerte durch diese Wolken. Und der Mond würde auch nicht erscheinen um mein erbärmliches Ende zu bezeugen, so wie er es mit dem Anbeginn dieses Albtraumes getan hatte. Ich kniff die Augen zusammen und machte einen großen Schritt nach Vorn. Ich trat ins Leere, verlor das Gleichgewicht und fiel nach Vorne über. Ich fiel. Es schien mir ewig zu dauern, bis sich die kalten Wellen über mir schlossen. Wie Nadelstiche traktierte das kalte Wasser meine ohnehin schon nachtkalte Haut. Meine Kleider sogen sich mit Wasser voll und zogen mich immer tiefer auf den Grund des Flusses. Ich blickte noch mal zu der Wassernarbe hinauf und fern streife mich der Gedanke, dorthin zu schwimmen und doch um das Überleben zu kämpfen. Um das Überleben eines gebrochenen Mannes. Doch der Gedanke war so fern und unklar, dass ich ihn nicht greifen konnte. Er schien so unwirklich. Nach und nach wurden meine Gedanken vager und ferner, so bis ich schließlich mein Bewusstsein verlor und mit einem Seufzer auch meine letzte Luft frei ließ.

11.10.07 16:09


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Holly Jingle

„Happy Birthday to you“ Er sang. Zwar schief, aber er sang. Er war extra früh aufgestanden und hatte mir Kerzen auf einen Kuchen gesteckt. Fünfundsiebzig Kerzen. Ich würde sie nicht allein auspusten können, aber er würde mit helfen. Das hat er schon immer getan. Seit wir uns in dem Kindergarten kennen gelernt hatten. Damals mochte ich ihn nicht. Er ärgerte mich immer und machte sich über mich lustig. Dann zog er mir immer an meinen rötlichen Zöpfen. Er hingegen hatte blonde Haare. Dafür hasste ich ihn. Das merkwürdige jedoch war, dass er immer, wenn andere Jungen mich ärgerten, sich zwischen mich und die Angreifer stellte und ihnen drohte. „Ich“, sagte er immer „bin der einzige, der das darf!“

Später kamen wir dann in die Schule und unsere Streitigkeiten entwickelten sich zu einem sehr ausgeprägten Konkurrenzverhalten, das uns zu Höchstleistungen anstachelte. Entweder war er Klassenbester oder ich war es. Auch den Posten der Klassensprecher teilten wir uns. Dafür, dass wir uns nicht leiden konnten mussten wir viel miteinander machen.

 

Ich lächelte. Er hatte sich kaum verändert. Ja, er war ein bisschen dicker geworden und sein blondes Haar war auch schon längst weiß und hatte einer Glatze den größten Platz gelassen. Aber innerlich war er immer noch der Selbe. Er nahm meine Haare, die mir über dem linken Ohr lagen und ließ sie sanft durch seine Hand gleiten. Dann wüsste er mich auf die Stirn. „Herzlichen Glückwunsch, meine Liebste.“ Ich strich ihm über das Gesicht. Auf seiner Wange lag eine lange Narbe, die er vom Krieg hatte. Ja, er war im Krieg gewesen.

 

Als ich hörte, dass er einberufen worden war wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte. Klar freute ich mich endlich Ruhe von ihm zu haben, aber irgendwie ahnte ich, dass er mir ein wenig fehlen würde. An dem tag an dem er abreiste um in den Krieg zu ziehen war ich am Bahnhof. Er bemerkte mich sofort. Er nannte die Eigenschaft mich immer sofort zu bemerkten sein Holly-Radar. „Wie soll ich dich denn ärgern, wenn ich dich nicht bemerkte?“ „Holly!“ Er kam auf mich zu. „Wie geht es dir?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Wie soll es mir schon gehen? Gut.“ Da grinste ich. „Schließlich werde ich dich endlich los!“ Er schien traurig zu werden und schaute auf den Boden. Als er wieder hoch schaute umspielte das Grübchen seinen Mundwinkel. Grübchen! Fiel mir plötzlich auf. Er hatte ja Grübchen! Sein Gesicht war mir so vertraut. Schließlich hatte er mich jahrelang geärgert, aber mir waren nie seine Grübchen aufgefallen. Oder hatte er sie vorher noch gar nicht gehabt? „Hey! Hörst du mir überhaupt zu?“ Ich schreckte auf. „Was? Nein. Worum geht es?“ „Ich fragte, ob du mir zugehört hast.“ Ich schüttelte den Kopf und er verdrehte die Augen. „Ich hatte einen fantastischen Konter auf dich und du hörst mir einfach nicht zu!“ Mir mit dem Tod zu drohen ist nicht fantastisch.“ Er lachte. „Du hast ja doch zugehört!“ Ich starrte ihn an. „Das hast tu echt getan?!“ Er nickte: „Wenn ich unten bleibe wird es dir noch Leid tun, habe ich gesagt.“ Wir schwiegen. Ich hatte keine schlagfertige Antwort darauf. Ich wollte dazu nichts sagen. Ich glaube, ich wollte mich nicht der Angst stellen, dass das wirklich passieren könnte. „Was machst du eigentlich hier?“ Wieder riss mich seine Frage aus den Gedanken. Er merkte das und schlug mir sanft mit der Hand auf die Stirn. „Was ist los mit dir? Seit wann denkst du so viel?“ Ich schaute mich um. „Ich weiß es nicht. Auf alle Fragen. Ich weiß nicht, warum ich hier bin oder was mit mir los ist. Ich glaube, es ist nur so merkwürdig dem Krieg zu begegnen … bisher war er so weit weg und jetzt plötzlich … et wird dadurch, dass ihr dorthin fahrt so real.“ Er nickte. „Ich weiß nicht, wie es sein wird dort zu sein.“ Ich sah ihn forschend an. „Du hast Angst?“ „Ja“ Das irritierte mich. Das war das erste Mal, dass er ehrlich sagte, dass er vor etwas Angst hätte. Doch dann grinste er wieder und meinte, ich solle ihm nicht untreu werden, während er weg war. Er sei der einzige Mensch auf diesem Planeten, der mich ärgern dürfe. Da lachte ich. „Dann wird’s aber ohne dich sehr langweilig.“ „Das ist der Sinn! Komm her!“ Mit den letzten Worten zog er mich ganz nah an sich und umarmte mich. „Pass gut auf dich auf, hörst du?“ dann wand er sich und ging in den Zug. „Ich kann dich trotzdem nicht leiden!“, reif ich ihm hinterher, aber er hob nur die hand und winkte, ohne sich umzudrehen. In dem Moment überkam mich eine unsagbare Angst, dass ich ihn vielleicht niemals wieder sehen würde, niemals wieder von ihm hören würde.

Die folgenden tage waren schrecklich. Wohin ich auch ging, überall hing ein bedrückendes Schweigen in der Luft. Keiner wollte über den Krieg reden und darüber, dass wir unsere Jungen wohl niemals wieder sehen würden. Damals versuchte ich verzweifelt mir einzureden, dass ich ihn von ganzem Herzen hasste und froh wäre, wenn er endlich aus meinem Leben verschwände. Seit dem Kindergarten hatte er mir nur Ärger gemacht. Warum war es für mich dann so schlimm, dass er fort war? Fort. Als wäre er schon tot …

Nachdem diese Tage vergangen waren ging für mich die Sonne wieder auf. Er hatte mir einen Brief geschickt. „Hey du Kröte! Wie geht es dir? Läuft zu Hause alles wie gewohnt?“, so begann er und mit „Fühl dich geärgert. Eric“ endete er. Sofort schrieb ich zurück: „Hallo, Nervensäge, wie geht es dir? Du lobst also noch?“, fing ich an und endete mit „Lass dich nicht erschießen, Holly“ Der Text, der dazwischen lag war immer unterschiedlich, aber eines hatten alle Briefe gemeinsam: Man las in ihnen die Freunde über den Kontakt.

 

Irgendwann traf ich seien Mutter in der Stadt und sie fragte, ob ich wisse, wie es ihrem Sohn hinge. Er hätte ihr die ganze zeit nichts geschrieben. Ich sagte ihr, dass es ihm bestimmt gut gehe, aber von den Briefen erzählte ich ihr nichts. Dafür sprach ich Eric in meinem nächsten Brief darauf an. „Nein“, schrieb er zurück. „Das tue ich wirklich nicht. Du bist die einzige Person, der ich schreibe. Übrigens kannst du schon einmal den nächsten Monat verfluchen, da komme ich nämlich zurück und ich erwarte dich vor zu treffen. Ich habe nämlich eine Überraschung für dich!“ ich lachte. „Wie? Bist du etwa schwanger?“, wäre meine Antwort gewesen, wenn er jetzt vor mir gestanden hätte. Vor mir. Tränen stiegen mir in die Augen und ich verfasste meinen Antwortbrief.

Ich wollte damals immer noch nicht begreifen, dass er sich in all den Jahren wirklich in mein Herz gestohlen haben sollte. Ich mochte ihn doch gar nicht!

Auf meinen Brief bekam ich jedoch keine Antwort.

 

Ich wartete die ganze Zeit, wann er endlich schreiben würde, aber der Brief kam nicht. Als die Soldaten dann im nächsten Monat zurückkamen, stand ich am Bahnhof und wartete auf ihn. Er kam aber nicht. Ich fragte einen seiner Kameraden, wo erbliebe, aber der schwieg. Ein anderer, der mich gehört hatte, fragte dann: „Lady, meinen sie Eric Jingle? Der ist doch tot!2 „Nein!“, fiel ihm der andere Soldat, den ich gefragt hatte, ins Wort. „Er ist nicht tot! Er ist nur … in Gefangenschaft!“ mein Herz blieb stehen. Gefangenschaft? „Dann ist er eben so gut wie tot!“, meinte der zweite wieder. Tot? TOT? Er sollte so gut wie tot sein? Mein Eric? Mein … ich brach den Gedanken ab. „Mein“? Seit wann war er „mein“ Eric? War er denn mein Eric? Ja, er war mein Eric. Und mein Eric würde sich nicht so schnell geschlagen geben. Mein Eric!

Ich erwachte aus meinen Gedanken, als der unsensible Soldat mir den Arm um die Schultern legte und mir „Ich kann mich gerne um dich kümmern, meine Hübsche“ in die Ohren hauchte. Ich sah ihn an. Seine Augen waren in einem dunklen braun und auch seine Haare hatten fast den gleichen Farbton. Er war ohne Zweifel sehr attraktiv. Ich striff seinen Arm von mir. „Tut mir Leid. Aber ich habe keinen Bedarf von Ihnen getröstet zu werden.“ „Keinen Bedarf?“, fragte er verwundert. „Kommst her, wartest auf einen toten Soldaten und bist kurz vorm Heulen und willst mir erzählen, dass du keinen Bedarf hast getröstet zu werden?“ „Das ist Holly“, sagte der erste Soldat plötzlich. Ich sah ihn erstaunt an, dann nickte ich. „Die bin ich wirklich.“ „Holly? Die Holly? Erics Holly?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Irgendwie schon.“ Erics Holly …. Der zweite Soldat grunzte und ging. Der andere Soldat, der mich erkannt hatte, steckte mir seine Hand entgegen. „Es freut mich dich zu treffen. Ich bin Josh, Erics Freund.“ Ich schüttelte seine Hand und lächelte. Mich vorzustellen war ja anscheinend unnötig. Aber ich freute mich, dass ich von allen Soldaten zufällig genau den ausgesucht hatte, der mit Eric befreundet war. „Er hat viel von dir geredet“, sagte Josh. „Und immer, wenn ein Brief von dir kam hat er über das ganze Gesicht geleuchtet und hat ausgesehen, als könnte er ganz allein die gegnerische Armee besiegen. Deine Briefe haben ihm die Kraft gegeben, weiter zu machen. Egal, was geschah.“ Ich hatte tränen in den Augen. „Aber ich mag ihn doch gar nicht“, sagte ich. Ich wollte das alles gar nicht hören! Ich wollte nicht hören, wie viel Mut ich ihm gegeben hatte. Denn ich hatte ihn ja doch verloren. Josh aber lächelte nur und meinte, dass Eric das gewusst hätte. Aber es sei ihm immer egal gewesen. „Er sagte immer, dass wir unsere verdammten Finger von dir lassen sollten, egal, was mit ihm passiert. Jeder, der dich anfasst würde von Eric qualvoll umgebracht werden.“ Ich lachte gequält.

 

Ich hatte mich noch eine Weile mit Josh unterhalten. Hin und wieder trafen wir uns auf einen Kaffee und redeten. Alle glaubten damals, dass wir ein Paar wären und dass ich mich mit ihm über Erics Tod trösten würde. Für sie lag das nah, denn wer wäre besser geeignet einen Geliebten zu ersetzen als dessen bester Freund. Aber wir waren immer nur Freunde. Josh versuchte niemals mich zu verführen oder auch nur etwas Ähnliches zu tun, obwohl wir beide wussten, dass wir uns sehr mochten. Er sagte immer ich sei eine wunderschöne und starke Frau. Einmal lachte ich und fragte ihn, warum wir dann noch nur Freunde seien. Da wurde er ernst und sah mich vorwurfsvoll an. „Holly, ich bin Erics bester Freund. Ich weiß, dass er noch lebt, so wie auch du es weißt. Ich werde diese Freundschaft niemals beenden indem ich seine Liebe beschmutze.“

 

Eine ganze Weile konnten mich die Gespräche mit Josh und der Gedanke an Erics Durchhaltevermögen vor dem Gedanken bewahren, er könnte wirklich tot sein. Daran schloss sich der Gedanke an, dass ich ihn nicht verlieren könnte, wo ich doch endlich gefunden hätte. Ich wusste endlich, wie viel er mir bedeutete. Dann konnte er doch nicht einfach tot sein.

Doch nach und nach kamen alle Soldaten aus dem Krieg zurück und er war nicht dabei, egal wie oft ich am Bahnhof wartete und nach ihm suchte. Er war nie dabei. Und ich verlor den Mut, die Hoffnung und jegliches Zeitgefühl. Ich gab einfach auf und lebte vor mich. Ich weiß nicht, wie lange. Oft nahm ich abends seine Briefe heraus, las sie und weinte mich in den Schlaf.

 

So auch an jenem Tag im Dezember. Ich war mittlerweile neunundzwanzig Jahre alt, alleine und mutlos. Ich las seine Briefe während die Kerze ein flackerndes Licht auf mich warf. Ich legte meinen Kopf auf meine Hände. Ich vermisste ihn so sehr!

Das nächste woran ich mich erinnere ist, dass es an der Türe klopfte. Ich war eingeschlafen. Es klopfte wieder. So langsam kehrte mein Kopf in die Wirklichkeit zurück. „Werda?“, nuschelte ich. Dann versuchte ich es noch mal. „Wer ist da?“, hallte meine Stimme nun klar durch den Raum. Doch statt einer Antwort klopfte es nur wieder, energischer dieses Mal. Ich stand wankend auf und öffnete die Tür. Es stand ein Mann vor mir. Braun gebrannt, ausgemergelt und mit einer tiefen Narbe auf der rechten Wange. Als erstes jedoch fielen mir die glühenden Augen auf. Es waren die Augen von … er griff nach mir und zog mich ganz nah an sich, nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Als unsere Lippen sich wieder lösten sah er mich entschuldigend an. „Ich wollte dich anders begrüßen, glaub mir. Ich wollte es wirklich. Aber“ er strich mir die Haare aus dem Gesicht. „Ich konnte es einfach nicht. Du ahnst ja nicht, wie sehr ich dich vermisst habe.“ Ich schniefte. „Doch, Eric“, sagte ich. „das weiß ich. Ich habe dich auch vermisst! Eric! Eric, ich lieb dich!“ Da hatten wir beide Tränen in den Augen und küssten uns. Dann umarmte er mich wieder und hielt mich ganz fest. „Lass mich niemals wieder allein“, flüsterte ich.

 

Die Überraschung, die er mir in seinem letzten Brief versprochen hatte war übrigens ein Heiratsantrag. Ich nahm ihn an, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Auf diesen Antrag folgten sechsundvierzig glückliche Jahre. Wir waren so lange getrennt und hatten uns so gestritten, wir wollten nur noch zusammen sein, für den Rest unseres Lebens.

 

All das ging mir durch den Kopf, als er nun vor mir stand und mir zu meinem fünfundsiebzigsten Geburtstag gratulierte. Ich hatte lange gebraucht um zu erkennen, wie viel er mir bedeutete, aber ab dem Augenblick an dem ich es bemerkt hatte, wuchs diese Liebe mit jedem Tag. Er strich mir über die Wange. „Schatz? Wo bist du?“, ich schreckte auf. „Was?“ Er lächelte. „Du warst mit deinen Gedanken wieder wo vollkommen anders.“ „Ich liebe dich.“ Er lächelte und küsste mich. „Ich liebe dich auch mehr als alles andere auf dieser Welt. Ich will, dass du immer bei mir bleibst.“ Wir schwiegen. „Ich möchte an die frische Luft“, sagte ich und er nickte. Das trifft sich gut. Ich muss nämlich noch eine Kleinigkeit für deinen Geburtstag kaufen.“ „Schatz, der ist heute. Meinst du nicht, es ist ein wenig spät dafür noch etwas zu kaufen?“ Er lächelte und ich beugte mich zu ihm und küsste ihn auf sein Grübchen.

 

Ich sage nicht gerne, dass ich alt bin, ich nutze lieber den Ausdruck erfahren. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich alt bin. Und in dem langen Leben das ich hatte gab es viele Momente, die ich niemals vergessen werde. Leider weiß man vorher nie, was das für Momente sind. Erics Einberufung, seine Gefangenschaft und sein Antrag gehörten zu diesen Momenten. Unsere Hochzeit und die Geburt unserer Kinder. All das waren solche Momente. An jenem Tag gab es wieder einen derartigen Moment. Als Eric und ich spazieren gingen spürte ich, wie uns jemand folgte, aber ich versuchte es zu ignorieren. Es gelang mir auch recht gut, bis Eric mich fragte, ob ich es auch bemerkten würde. Mir lief ein Schauer über den Rücken als ich nickte. Eric blieb stehen und mit ihm schien die ganze Welt stehen zu bleiben. Hinter uns hörten wir viele Schritte, natürlich, schließlich waren wir in der Innenstadt, aber ein leichtes Klackern von hohen Schuhen kam immer näher und blieb genau hinter uns stehen. Ich zitterte am ganzen Körper. Als wir uns umdrehten sahen wir jedoch nur ein junges Mädchen mit einem schönen Blumenstrauß. In der Mitte dieses Straußes war eine künstliche Blume mit einem wunderschönen Ring. Das Mädchen lächelte. „Ich habe dir die Blumen einfach mitgebracht, die du noch holen wolltest“, sagte sie zu Eric. Es gefiel mir nicht, wie vertraut sie mit meinem Mann sprach. Der aber schaute einfach nur verwirrt, nahm den Strauß und nickte als Dank. Dann lächelte das Mädchen. Irgendwie kamen wir uns merkwürdig vor. Ich hatte das Gefühl, als wollte sie noch etwas anderes. Ich schaute Eric an und er zuckte mit den Schultern. „Tut einfach so, als wäre ich nicht da. Ich will euch den Augenblick nicht verderben.“, sagte das Mädchen und trat einen Schritt zurück. „Herzlichen Glückwunsch übrigens“, fügte sie noch in meine Richtung hinzu.

Wie sie es vorgeschlagen hatte ignorierten wir sie, aber so ganz funktionierte es doch nicht.


Eric nahm meine Hände und küsste mich. Dann ging er einen Schritt zurück und begann zu reden. Er sagte, dass er mich für immer lieben würde. „Ich habe schon recht früh erkannt, dass außer dir keine Frau für mich von Interesse ist. Du warst die Liebe meines Lebens und du wirst es für den Rest meines Daseins bleiben. Du warst nun über siebzig Jahre an meiner Seite und sechsundvierzig Jahre lang warst du meine Frau. Du hast mir Kinder geschenkt und Liebe. Doch das größte Geschenk war, als du mich mit einem einzigen Wort zum glücklichsten Mann der Welt zu machen wusstest. An dem Tag an dem du meinen Antrag annahmst.“ Tränen stiegen mir in die Augen. „Holly, ich liebe dich mehr als mein Leben.“ Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, als er vor mir auf die Knie sank und mir die Blumen hinhielt. „Ich weiß, es war nicht immer einfach mit mir, aber trotzdem möchte ich dir etwas geben. In diesen Rosen befindet sich ein kleiner Ring. Mit ihm will ich dich einladen dein Eheversprechen an unserem siebenundvierzigsten Hochzeitstag zu erneuern. Nimmt du die Rosen an und mich ein weiteres Mal zu deinem Ehemann?“ Ich sank weinend zu ihm hinunter auf die Knie und umarmte ihn. Ich liebte ihn! Mehr als alles andere auf dieser Welt und ich wollte mein gesamtes Leben mit ihm verbringen, ob es nun noch eine Minute oder hundert Jahre dauern sollte. Was hätte ich also anderes antworten sollen als ja?

 

Doch damit ist es noch nicht zu Ende. Das Mädchen stand noch neben uns und lächelte freundlich. Als wir wieder aufgestanden waren drückte sie jedem von uns herzlich die Hand und gratulierte uns. „Ich wünsche euch wirklich alles, alles Gute!“ Eric sah das Mädchen einen Augenblick an. „Danke“, antwortete er, aber fügte noch „und was wollen sie von uns?“ hinzu. Das Mädchen seufzte und zog dann ein Papier aus der Tasche. „Wie sehr ich mich auch für euch freue“, sagte sie. „muss ich letzten Endes doch meinen Job tun.“ Dann reichte sie mir das Foto. „Es tut mir Leid.“, sagte sie. „Aber wenn du nicht aufpasst wird dein heutiger Geburtstag auch zu deinem Todestag.“ Ich sah das Foto an. Es zeigte mich wie ich fast blau anlief und die Hände um den Hals gepresst hatte. „Man kann sich nicht selbst erwürgen, Lady“, sagte Eric zu ihr. „Und selbst wenn, warum sollte sie das tun? Sie hat doch gerade erst einen Antrag angenommen.“ „Stimmt schon“, sagte sie. Dann schwieg sie und sah abwechselnd von mir zu Eric und wieder zurück. Dann fluchte sie leise. „Sie wird ersticken. Wenn ihr es nicht verhindert wird sie heute ersticken.“ Wir schauten noch mal das Foto an. Von der Seite betrachtet ergab es Sinn. Sogar fast alles. Nur … „Woher haben sie das Foto? Wie können sie so etwas wissen?“, fragte ich und sah auf. Das Mädchen aber war verschwunden.

 

Eric und ich waren wieder zu Hause. Er kam mir ein wenig schweigsamer vor als sonst, aber immer, wenn ich ihn ansah lächelte er. Ich kannte ihn jedoch schon zu lange um zu wissen, dass ihn irgendetwas bedrückte. Ich wusste jedoch auch, dass ich ihn nicht fragen durfte, sonst würde er ungehalten werden. Wenn er mir etwas sagen wollte so würde er es mir sagen, wenn er dazu bereit wäre. Und keine Sekunde früher. Dieser Moment kam jedoch sehr ungelegen.

Wir saßen am Tisch und ließen uns ein wundervolles Geburtstagsessen schmecken. Danach zogen wir uns in unser Wohnzimmer zurück wo Eric zwei Kristallgläser mit einem edlen Gin gefüllt hatte. In Mitte dieser Gläser ragten zwei Oliven an kleinen Spießchen heraus. Ich lächelte. Das war unser traditionelles Getränk. Wir tranken immer wenn wir etwas zu feiern hatten Gin mit Oliven. Lächelnd stießen wir an, aber sein Lächeln wirkte so unendlich abwesend und fremd. Ich trank einen Schluck. Dann nahm ich den Spieß und zog die Olive ab.

„Ich kannte dieses Mädchen. Ich traf sie bevor ich in Gefangenschaft kam.“ Mein Glas fiel zu Boden und zersprang in tausend Scherben. Als ich verstand, was er gesagt hatte, war mir vor Schreck die Olive in die Luftröhre gerutscht. Ich würgte, hustete und keuchte. Ich bekam einfach keine Luft mehr. Verzweifelt sah ich zu Eric doch er stand nur vor mir und starrte mich an. Soviel Angst wie in jenem Moment hatte ich noch nie in seinen Augen gesehen. Ich senkte den Kopf und schlug mir auf die Brust, doch es half nichts. Mir wurde schwindelig. Ich presste meine Hände auf meinen Hals. Dann sank ich auf den Boden und kniete in den Scherben, die sich tief in meine Hände schnitten, doch ich hatte schwerwiegendere Probleme. Immer mehr wandelte ich am Rand der Ohnmacht. Und dann …

 

Eric hatte sich im wirklich letzten Moment zusammengerissen und mir geholfen. Ich hatte nur noch im Dämmerzustand mitbekommen, wie er plötzlich aufschreckte und zu mir gerannt kam. Von Hinten griff er mir unter den Armen durch über die Brust und drückte in regelmäßigen Abständen zusammen. Ich würgte und würgte und plötzlich flog die Olive wieder aus meinem Mund heraus und ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder aufwachte hockte  Eric über mir und machte Mund-zu-Mund-Beatmung. Erneut war ich dem Himmel mehr als dankbar für diesen Mann. Er hatte mir das Leben gerettet.

Er brachte mich nach dem Vorfall noch ins Krankenhaus, wo sie mich untersuchten. Der Doktor meinte, ich sei bei bester Gesundheit. So fuhren wir wieder nach Hause und feierten meinen Geburtstag weiter. In den nächsten Tagen und Wochen normalisierte sich unser Leben wieder und ich verarbeitete die Nahtoderfahrung so wie auch Erics Satz und drei Monate später feierten Eric und ich unseren siebenundvierzigsten Hochzeitstag mit einer Erneuerung unseres Ehegelöbnisses. Wir verbrachten noch eine wunderbare Zeit miteinander. Ich habe ihn jedoch niemals nach seiner ersten Begegnung mit dem jungen Mädchen gefragt. Es schien mir, als wäre es nicht angebracht. Trotzdem wusste ich, dass er die Wahrheit gesagt hatte, obwohl es rein rechnerisch nicht möglich war, denn sie war zu jung um den Krieg miterlebt zu haben. Aber es ist auch nicht möglich ein Foto einer zukünftigen Situation zu sehen.

22.10.07 23:23





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