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Dominique Snow

Glaubst du an Schicksal? Dass alles unveränderbar vorherbestimmt ist? Dass es einen jeden vorherbestimmt ist, wann er sterben wird? Und wie? Wenn du an all dies glaubst, dann sag mir bitte eines: Warum lebe ich noch? Eine sehr komplizierte Frage, eine, auf die ich selbst keine richtige Antwort habe. Ich meine, wenn es Schicksal gibt, dann dürfte ich nicht leben. Aber wenn es den freien Willen gibt, wie meine Eltern glauben, und der die Grundlage allen Lebens ist, dann dürfte es sie nicht geben! Ich meine, wofür wäre sie dann Nutze? Kennst du sie auch? Dieses merkwürdige Mädchen mit den Fotos? Sie kam zu uns, als ich mit Henning und Ian einkaufen war. Ich war schon reichlich genervt, weil die beiden mir ums wiederholte Mal klar gemacht hatten, dass Männer nicht gerne einkaufen. „Leute, es ist auch euer Kumpel! Also hört gefälligst auf zu Jammern und macht euch ein wenig nützlich!“ Henning schaute ungläubig hinter einem Stapel Tüten hervor. „Domi, Süße, ich habe wirklich nichts gegen Einkaufen, aber du übertreibst!“ Ian versuchte sich ein Grinsen zu verkneifen und ich strafte beide mit einem wütenden Blick. Immer, wenn Henning mir eins auswischen wollte, setzte er ein `Süße´ hinter meinen Spitznamen. Ich habe keine Ahnung, warum, aber es klappte sehr gut. Er brachte mich damit jedes Mal auf die Palme. „Ich übertreibe gar nicht!“, schmollte ich. „Das tust du wohl!“, schoss Henning zurück. „Gar nicht!“ „Wohl!“ „Gar nicht!“ „Wohl!“ „Gaaaaaaaaaaar nicht!!!!“ „Woooooooooooooohol!“ „Gaaaaa“ „Hört endlich auf!“, fiel Ian mir ins Wort. „Ihr hört euch an, wie Kleinkinder!“ Dann zeigte er mit drohendem Finger auf mich und warnte mich, wieder mit diesem `Gar nicht´ anzufangen. Ich klappte meinen Mund wieder zu und schmollte. Wir gingen weiter. Ich schmunzelte innerlich. Es war wirklich erstaunlich, wie gut Ian mich kannte. Nun, er kannte mich ja schon sehr lange. Seit dem Kindergarten, oder seit dem Sandkasten, wie man so schön sagt. Wir waren immer unzertrennlich, obwohl er zwei Jahre älter war als ich. In der Grundschule kam dann Henning dazu. Er war neu zugezogen und wohnte auch in unserer Straße. Ich schaute mich unauffällig um. Ich weiß noch so genau, was ich dachte, als ich mir die beiden an dem Tag anschaute. Ich dachte, was für eine merkwürdige Kombination wir doch wären. Ian war der, bei dem sein gesamter Jahrgang abschrieb. Er war immer höflich und verantwortungsbewusst. Ich habe das immer schon auf seine Familie zurückgeführt, denn er ist der Älteste von fünf Geschwistern und hatte immer schon die Verantwortung auf sich nehmen müssen. Er war drei Jahre älter als das nächste Kind - eine seiner beiden Schwestern. Er fühlte sich immer verantwortlich, auch für uns, also Henning und mich, und wir wussten wieder herum, dass wir Ian manchmal einfach reden lassen mussten. Das brauchte er.

Henning hingegen war eher schlecht in der Schule. Sehr früh musste er eine Klasse wiederholen. Er sagte immer, dass er das absichtlich gemacht habe, damit er bei mir in einer Klasse sein könnte. Ironischerweise kam er aber in eine Parallelklasse. Ich grinste. Immer, wenn Henning das sagte, bekam er von Ian eine gewischt. Er war ein absoluter Vollblut-Emo und Ian sagte immer mit einem Zwinkern, dass ihm ein bisschen Prügel recht gut bekäme. Henning hatte seine Haare schwarz gefärbt und bis auf die Schultern wachsen lassen. Die Kleider, die er trug waren irgendetwas zwischen tussig und gothic. Es ist so unglaublich schwer zu beschreiben. Kurzum: Jeder, der Ian und Henning sieht, glaubt, dass sie nicht miteinander klarkommen könnten. Aber, auch, wenn sie es niemals zugeben hätten, waren sie doch die dicksten Kumpel. Und das, obwohl sie so gegensätzlich waren. Auch das schob ich auf die Familienverhältnisse: Henning hatte noch eine ältere Schwester und mochte es genau so gerne, wenn sie jemand ihm den Arsch nachtrug, wie Ian jemanden brauchte, um den er sich kümmern konnte. Eigentlich ganz schön krank. Und inmitten dieser Chaotenfreundschaft stand ich, als die einzige Vernünftige und Normale!

„Verdammt! In dem Geschäft waren wir doch schon!!“, polterte Henning in seiner gewohnt unwirschen Art und Weise. „Gar nicht wahr!“, zickte ich zurück. Ian schüttelte resignieren den Kopf. „Und überhaupt!“, fuhr Henning fort. „So langsam reicht es doch! Ich meine, in einer dieser 25 Tüten wird doch ein passendes Geschenk für Penny sein!“ „22 Tüten“, berichtigte ich ihn. Ian meldete sich, um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Wir sahen ihn an. Er war ein Häufchen Elend. „Ich spendiere einen Kakao!“ Henning und ich grinsten uns an, nickten, und er hängte sich bei mir unter (ich habe immer noch keine Ahnung, wie er das mit den 25 Tüten auf dem Arm geschafft hat!) und fragte mich, wo es denn den besten Kakao gäbe. „Preis spielt keine Rolle“, fügte er strahlend hinzu. „Tut er wohl!“, brüllte Ian uns hinterher.

In dem Kaffee mit dem besten - und wohlgemerkt zweitteuersten - Kakao (Ein Hoch auf Ian und seine Nachhilfe!!) ließ ich die Jungs dann wieder zu Kräften kommen. Henning zählte die Tüten und beschwerte sich, dass es 26 Tüten seien. Ian schüttelte wieder den Kopf. „Ich frage mich, warum ich überhaupt noch mit euch rumhänge!“ Er erhielt ein breites Grinsen von uns und Henning antwortete, dass er ohne uns nicht könnte. Ich sah die beiden grinsend an und sagte: „Nein. Wir könnten alle nicht ohneeinander. Wir sind ein Team. Wir gehören zusammen.“ Wenn ich nur damals schon gewusst hätte, was ich da sagte. Wenn ich nur damals schon gewusst hätte, wie alles kommt. Was hätte ich nicht alles tun können, tun müssen. Jedenfalls machten wir uns nach dem Getränk auch langsam auf den Heimweg. „Mir ist kalt!“, beschwerte ich mich und Henning hielt mir die Tüten hin. „Willste n paar? Wärmt schön, so viele zu schleppen.“ „Dann ist dir ja warm genug, dass du mir deine Jacke abtreten kannst!“ Henning lachte. „Kannste knicken! Die bleibt bei mir.“ „Gib sie mir!“ „Vergiss es!“ „Mir ist aber kalt!“, wiederholte ich. „Einzelkind!“, gab er zurück. Ich streckte ihm die Zunge heraus und stieß im Weiteren fast mit einem Mädchen zusammen. Sie war so plötzlich vor mir, ich konnte nur noch in der letzten Sekunde stehen bleiben. Die Jungs gingen noch zwei, drei Schritte weiter, dann reagierten auch sie und sahen sich nach mir um. Einige Zeit sagte niemand auch nur ein Wort. Ich und das Mädchen schauten uns genau in die Augen und die Blicke der Jungs wanderten immer zwischen uns hin und her. Schließlich schlug ich die Augen nieder und ging einen Schritt zur Seite. Später sagte Henning mir, es hätte wie ein Duell zwischen zwei Einzelkindern ausgesehen (daraufhin wurde er auf eine besonders empfindliche Stelle seines Arms geboxt, was ihn jämmerlich aufschreien ließ.) Beide, das Mädchen und ich, schienen wir es gewohnt zu sein, dass andere Leute uns Platz machen und durch einen unermüdlichen Augenkontakt fochten wir aus, wer das Vorrecht hatte. Ich verlor, weil ich die Augen senken musste. Ich fand Hennings Schilderung sehr interessant, aber ich machte mir darüber keine weiteren Gedanken. Warum auch? Sie wollte ja etwas vollkommen anderes und nicht einfach nur vorbei. Denn auch, als ich ihr Platz gemacht hatte, bewegte sie sich keinen Millimeter, nur ihre Augen folgten jeder meiner Bewegungen. Sie war mir so was von unheimlich! Dann ging ich einen Schritt zurück und suchte Augenkontakt mir den Jungs, sofort kamen sie zurück an meine Seite und bauten sich vor dem Mädchen auf, was sie aber in kleinster Weise einzuschüchtern schien. Eher im Gegenteil, sie schien den Selbstbewusstsein der Jungs einen kleinen Knacks zu verpassen. Ihre Augen wanderten von Henning über mich zu Ian. Dann schlug sie die Augen nieder, kramte in ihrer Tasche und reichte uns etwas. Henning lachte (sehr unpassend!) und meinte, dass das aber sehr viel Aufwand für eine Werbung sei. Ian verrenkte seinen Hals um das Bildchen ansehen zu können, das sie uns entgegen hielt und ich streckte meine Hand aus. Sobald das Papier meine Finger berührte und ich es hielt, war sie weg. Ich weiß nicht wie, aber sie drehte sich mit einer faszinierenden Ruhe um und ging. Sie bewegte sich in einem zäh-langsamen Tempo, wie es in einer Zeitlupe vorkommt, aber irgendwie schienen auch wir uns in dieser Zeitlupe zu bewegen, denn sie war bereits weg, bevor wir überhaupt reagieren konnten. Ich weiß, es macht absolut keinen Sinn, deshalb ist es auch so merkwürdig für mich, das zu beschreiben, aber es lässt sich nicht anders sagen. Man könnte sagen, sie bewegte sich wie eine Raubkatze in Zeitlupe: geschmeidig, elegant, und trotz aller Widersprüche schnell, so dass ihre Bewegungen für uns nicht greifbar waren (Hört sich das so schwachsinnig an, wie ich denke, dass es sich anhört?)

Wir schauten ihr einige minutengleiche Sekunden nach, bis sie in der nächtlichen Dunkelheit verschwunden war (So was wollte ich immer schon mal schreiben!). Dann erst schien sich unsere Starre zu lösen. Ich bemerkte es, als plötzlich ein stechender Schmerz mein Handgelenk durchzog. Ich zog meinen Arm zurück und strafte Henning mit einem wütenden Blick. „Ich glaube, du hast zu weit gedreht“, meinte Ian und drehte meine Hand dann zu sich. Wieder schmerzte es. „Du auch“, kommentierte Henning. „Griffel weg! Verdammt noch mal, ihr tut mir weh!“ Sie ließen augenblicklich meine Hand los und ich rieb mir das schmerzende Handgelenk. „Dann zeig doch mal, was sie dir gegeben hat.“, meinten die beiden. „Uns“, berichtigte ich sie. Ich wusste, dass es für uns alle drei war, auch wenn ich keine Ahnung hatte, woher ich das wusste. Dann sahen wir es uns an. Es war ein Foto. Im ersten Augenblick, als ich es sah, kreischte ich und ließ es angewidert los. Sofort griffen die Jungs danach und Henning fing es noch im Flug (was ein merkwürdiges Klirren in einer der 26 Taschen zur Folge hatte … ) Er setzte die Taschen ab und schaute sich das Foto ganz genau und schon fast bewundernd an. Ian schaute ihm dabei über die Schulter. Aus irgendeinem Grund wollte er diesem merkwürdigen Bildchen nicht zu nahe kommen. Ich stand daneben und hielt mir die Hände vor die Augen. Leider beschrieb Henning mir ganz genau, was auf dem Bild zu sehen war, so dass ich es mir in einer Version ausmalte, die noch schlimmer war als das, was das Bild zeigte. Es war ein altes Foto einer Sofortbildkamera. Es waren drei Menschen darauf abgebildet, die Ian eindeutig als „Ian Janson (21) auf dem Fahrersitz, Henning Low (20½.) auf den Beifahrersitz und Dominique Snow (19) auf dem mittleren Rücksitz.“ identifizierte. „alle drei blutüberströmt und reichlich hinüber“, fügte Henning hinzu. „Schnauze!!“, brüllte ich. Ich wollte das wirklich nicht hören, nicht sehen und erst Recht nicht erleben! Niemals! Henning hielt mir das Bild hin und ich schlug es ihm aus der Hand. Dieses Mal segelte es bis auf den Boden. Henning hatte sein Interesse daran verloren. Ich sah ihm hinterher. Mir schauderte. „Lasst uns gehen, Jungs“, sagte ich. Sie nickten und wir machten uns auf dem Weg. Nach ein paar Schritten blieb ich stehen und sah mich noch mal um. Ich ging zurück, hob das Foto auf und steckte es in meine Manteltasche. Dann ging ich zu den Jungs zurück und vermied jeglichen Blickkontakt. Sie hatten bemerkt, wie ich zurückgeblieben war, waren stehen geblieben und hatten mich beobachtet. Es stand vollkommen außer Frage, ob sie ahnten, was ich getan hatte. Aber sie sprachen mich nicht darauf an. Den gesamten Weg zurück in unsere Straße rasten die Gedanken in meinem Kopf. Was bedeutete das Foto, bedeutete es überhaupt etwas? Wer war dieses Mädchen? Was für Konter könnte ich Henning geben, wenn er mich damit aufziehen würde, dass ich das Foto geholt hatte? Ich spielte in Gedenken dutzende Möglichkeiten durch. Dann waren wir bei Henning angelangt. Ian weiß ihn an, ihm die Tüten zu geben und dann ins Haus zu gehen. Ian trug die Tüten bis zu mir nach Hause. Wir schwiegen eine Weile. „Sind die tüten sehr schwer?“, fragte ich. Ian lächelte. „Es geht, aber du könntest mir gerne welche abnehmen.“ Ich nahm ihm eine Hand voll kleineren Tüten ab. „Was meinst du, wer sie war?“, fragte ich weiter. „Ich habe keine Ahnung. Aber ich glaube, wir sollten uns darüber keine allzu großen Gedanken machen.“ Ich nickte. „Und wenn das genau der falsche Weg wäre?“ Ian blieb stehen und sah mir direkt in die Augen. „Du weißt, ich glaube nicht an Gott.“, sagte er (Als ob mich das in dieser Situation beruhigen würde!) „Ich glaube an nichts, außer an die eigene Entscheidungskraft. Fotos, die den Tod vorhersagen, sind reiner Humbug, solange du nicht daran glaubst. Solltest du jedoch daran glauben, lässt du dich von diesen Vorstellungen leiten und erfüllst, was sie vorhersagen.“ „Selfforfilling Prophecy“, murmelte ich. Er sah mich einen Augenblick lang verwirrt an. Dann nickte er. Ich erklärte ihm, dass meine Eltern das häufig in Bezug auf meine Schulnoten nutzen. Da musste er lächeln. Den restlichen Weg bis zu meinem zu Hause schwiegen wir. Dort angekommen stellte er die Taschen ab und tat etwas vollkommen Ungewöhnliches: er nahm mich in den Arm und hielt mich ganz fest. Wie enge Freunde wir drei auch sein mochten, solche Körperlichkeiten wie Umarmungen oder dergleichen kamen bei uns beinahe niemals vor. Ich genoss es aber aus tiefster Seele und sog seinen Duft ein. Er war so warm und mein ganzer Körper schauderte, als er mir ein `Pass gut auf dich auf, hörst du, Domi?´ zuflüsterte. Ich nickte. „Du aber auch, hörst du, Janjan?“ er grinste. „So hast du mich seit ewigen Zeiten nicht mehr genannt.“ Dann lösten wir uns voneinander und ich ging ins Haus. Ich ließ meine Hand kurz in meine Manteltasche zu dem Foto gleiten, zog sie aber sofort wieder zurück und hing den Mantel ganz weit weg. Ich wollte nicht einmal darüber nachdenken, ob es sich gerade wirklich um eine Art Körperwärme gehandelt hätte, die von dem Foto ausging! Ich machte mich sofort Bettfertig und ging noch ohne Abendessen schlafen. Ich wollte mit niemandem darüber reden und nicht mehr daran denken!

„Du bist ziemlich blass um dein hübsches Näschen, Domi, nicht gut geschlafen?“ Hennings schadenfrohes Grinsen war wirklich das allerletzte, was ich vertragen konnte und wollte. Er war, wie seit langem verabredet, am folgenden Vormittag zu mir gekommen. Wir warteten noch auf Ian um zu der Party einer gemeinsamen Freundin, Penny, zu fahren. „Tu mir den Gefallen und halt den Rand, ja? Ich habe heute Nacht kein bisschen geschlafen.“ „Wegen eines gewissen Fotos, das du heimlich eingesteckt hast?“ Ich ignorierte ihn. Dann sah ich ihn an und schlug die Augen nieder. „Ha!“, brüllte er triumphierend. „Das war grad fast so gut wie ein Geständnis!“ Dann erzählte er mir von dem Eindruck, den er hatte, als das fremde Mädchen und ich aufeinander getroffen waren (Dieser Einzelkind-Krieg, den ich ja schon voraus genommen habe.). Ich schwieg, bis er sich ausgeredet hatte und darüber hinaus. Als ich dann seinen erwartungsvollen Blick auf mir spürte und ihn sanft und aufrichtig fragen hörte, was mich so fertig machen würde, antwortete ich mit einer Rückfrage: „Was glaubst du, hat es mit dem Foto auf sich?“ Er überlegte kurz. Dann sah er mich so entschlossen an, wie es bereits Ian am Abend zuvor getan hatte und sagte: „Jeder muss irgendwann sterben, Domi, das weißt du. Es ist jedem Menschen vorherbestimmt, wann und wie es passiert. Du kannst nichts dagegen tun, find dich damit ab. Auch ein beklopptes Foto ändert nichts daran. Es zeigt dir höchstens: Oh, schau mal! So viel Zeit hast du noch, bis du so sterben wirst. Du kannst daran nichts ändern. Genieß einfach die Zeit, die dir noch bleibt, denn mehr hast du nicht.“ Ich schwieg betroffen. Dann bemerkte ich wieder dieses typische, durchgeknallte Grinsen auf Hennings Gesicht. „Wenn du dir aussuchen könntest - ganz hypothetisch - wer von uns dreien überleben könnte, für wen würdest du dich entscheiden?“ „Für Domi!“, tönte es aus dem Türrahmen. „Dich Scheusal würde ich mit ins Grab nehmen, damit wir beide zusammen in der Hölle schmoren. Aber sie hat etwas Besseres verdient.“ Henning und ich sahen uns zu Ian um, der gerade rechtzeitig gekommen schien, um diese Frage zu beantworten. Henning quittierte das nur mit `Egoist´, worauf ich `Hä´ fragte, worauf ein Henning-typisches `Einzelkind!´ in meine Richtung folgte. (Also absolut nichts Ergiebiges.) „Los jetzt, Mädels!“, fiel dann Ian ein, um das Gespräch zu beenden. „Wir müssen los. Penny erwartet uns schon. Hast du das Geschenk, Domi?“ Ich nickte und Henning schmollte. Er schob sich an Ian vorbei und raunzte ihm ein `Ich würde auch lieber dich in die Hölle nehmen, anstatt Domi.´ und was dann geschah werde ich wohl niemals vergessen. Alle Beleidigungen und alle Schlagabtausche zwischen Ian und Henning waren offensichtlich spielerisch und nicht ernst gemeint. Sie sollten nur aufziehen. Aber als Ian auf Hennings Kommentar erwiderte, wer die Luft für einen Augenblick geladen. So hatte ich ihn noch nie erlebt und auch Henning stolperte verwirrt zurück und knallte ungebremst gegen den Türrahmen. Ian ging anschließend zum Auto und ich ging zu Henning, der ihm (immer noch am Türrahmen.) hinterher starrte. „Was hat er gesagt?“, fragte ich und er sah mich mit einem grausamen Blick an. „Meinst du nicht, er hätte es laut genug gesagt, wenn du es hättest hören sollen?“, giftete er und machte sich dann ebenfalls auf den Weg zum Auto. Ich blieb einen Augenblick lang zitternd zurück. Was war nur los? Weder Henning noch Ian hatten sich jemals auch nur vergleichbar benommen.

Ich nahm benommen meinen Mantel vom Harken und Pennys Geschenk von der Kommode. Dann ging ich zum Auto und griff nach dem Griff der Hintertüre und sah in die Scheibe, in dem sich mein Gesicht spiegelte. Braune Augen und Kinnlange blonde Haare mit Ponny. Warum aber sah mir für den Bruchteil einer Sekunde eine grünäugige Brünette entgegen? Ich erschrak und ging einen Schritt zurück. Henning kurbelte das Fenster des Beifahrersitzes runter und sah mich auffordernd an. „Was ist los? Kommst du nicht mit?“ Ich schüttelte den Kopf. „Hast du Angst?“ Ich ertappte mich dabei, wie ich nickte. „Das brauchst du nicht. Du weißt doch noch, was ich dir vorhin erzählt habe, wenn es vorbei ist, ist es vorbei.“ Ian rammte ihn mit voller Wucht den Ellebogen in die Seite, so dass Henning laut aufschrie. Dann lehnte sich Ian zu mir. „Wenn du nicht mit möchtest, dann ist das kein Problem. Wenn du willst kann ich dich ja auch später noch nachholen.“ Ich reichte das Geschenk ins Auto. „Sagt ihr, dass es mir Leid tut, aber ich kann wirklich nicht mitkommen.“ Die Jungs lächelten verständnisvoll und nickten. Dann fuhren sie los und ich ließ meine kühlen Finger in die Manteltaschen gleiten. Da fühlte ich das Foto und holte es heraus. Ich hatte es die ganze Zeit über in der Tasche gehabt, aber mich nicht getraut, es richtig anzusehen. Ich wusste nur, dass es drei Leute waren. Ich betrachtete es einen Moment lang. Dann brüllte ich auf und lief den Jungs hinterher, sie müssten anhalten! Ich hätte ihnen etwas zu sagen, aber sie bemerkten mich nicht und fuhren einfach weiter. Als sie am Ende der Straße abbogen rollten mir die Tränen über die Wangen. Auf dem Foto waren keine drei Personen. Es waren nur zwei. Das Mädchen auf dem Rücksitz war nicht mehr dort.

11.12.07 13:56


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Clive Hunk

Mami meinte, unser Hund ist so alt, wie ich. Und als ich fünf war, war er nicht mehr da. Seit da meinte Mami nicht mehr, dass er so alt wie ich ist. Sie redete gar nicht mehr über ihn. Aber Papi holte mir einen neuen Hund und sagte, dass er auch so alt ist wie ich. Den neuen Hund mochte ich aber nicht und er mochte mich auch nicht so richtig. Mami war ganz besorgt, aber Papi sagte, er muss sich nur eingewöhnen. Nach ein paar Wochen war er aber immer bei mir, aber lieb hatte er mich trotzdem nicht. Und ich hatte ihn auch nicht lieb. Ich mochte es nicht, wenn er bei mir war. Ich hatte ein wenig Angst vor ihm. Er war auch größer als ich.

Einmal, als Mami und ich mit dem Hund draußen waren, kam ein Mädchen. Wir waren auf dem Spielplatz und ich spielte. Mami saß mit dem Hund auf der Bank und las ein Buch. Ich kletterte, höher als sonst. Ich fand das toll. Aber dann fiel ich runter. Da hatte ich Angst, aber das Mädchen fing mich auf und lächelte mich lieb an. "Pass auf, Kleiner. Dir soll doch nichts geschehen." Ich lächelte zurück und mochte sie. Dann stand Mami neben uns und der Hund kam auch gerannt. Sie nahm mich dem Mädchen ab und sagte Danke. Da lächelte das Mädchen wieder und sagte, dass sie das gerne gemacht habe. Dann schaute sie auf den Hund und wurde anders. Sie war gar nicht mehr nett, als sie den Hund ansah und der Hund bellte. Die beiden mochten sich auch nicht. Ich musste lächeln. Dann sah das Mädchen meine Mutter an und zeigte auf den Hund. Sie sagte: "Tu mir den Gefallen und schaff den Köter ab. Er ist gefährlich für Clive." Ich freute mich, dass sie meinen Namen kannte, aber Mami wurde böse und sagte, dass das sie das gar nicht anginge. Da schenkte das Mädchen Mami ein Bild. Ich fand das lieb, aber Mami wurde ganz weiß und panisch und wir gingen wieder zurück nach Hause. Als wir da waren, sagte Mami, ich solle in mein Zimmer gehen, aber ich blieb im Flur und beobachtete sie. Mami saß in der Küche und hatte das Bild vor sich lieben. Mal weinte sie und mal saß sie einfach nur da. Dann kam Papi und sie ging schnell zu ihm hiund umarmte ihn. Sie sagte, sie habe Angst und er sah sie an und fragte, warum. Mami erzählte von dem netten Mädchen und von ihem Genschenk und davon, was sie gesagt hatte. Dann weinte sie und sagte, dass der Hund weg müsse. Papi fragte, ob er das Bild sehen könne und sah es sich an. Er meinte, das sei nur ein Scherz und Mami soll sich keine Sorgen machen. Sie sagte nochmal, dass der Hund weg solle. Und als Papi sagte, dass das nicht sein muss, meinte Mami, dass er nicht ihren Blick gesehen hat. Mami sagte, das Mädchen wäre gruseling gewesen und habe gedroht. Da wurde ich traurig. Ich mochte das Mädchen und sie war nett. Ich setzte mich an die Wand uns schmollte. Dann sagte, Papi, dass er nach mir sehen wolle und ging in mein Zimmer, aber da war ich nicht. Also rannte er zurück zu Mami und sagte, dass ich weg war. Dann suchten sie nach mir und fanden mich an der Wand. Mami weinte und Papi schimpfte mit mir. Aber ich sagte nur, dass das Mädchen nett gewesen sei. Da streichelte mich Papi und sagte "Ich glaub dir ja, aber nun geh ins Bett, ja?" Da nickte ich zufrieden und ging schlafen. Ich träumte von ihr und dann von dem Hund. Ich träumte, dass die beiden sich stritten und kämpten. Ich wollte, dass sie gewinnt, aber als der Hund sie so schlug, dass sie nicht mehr aufstand, wurde ich traurig und wachte weinend auf. Als ich aufwachte war es ganz dunkel, und ich mag die Dunkelheit nicht. Nur ein bisschen Licht kam von der Türe. Ich stand auf und ging zu Mami und Papi ins Bett. Dort schlief ich dann weiter. Als ich wieder aufwachte, war es hell.

In der nächsten Nacht hatte ich wieder den Traum und ging auch zu Mami und Papi ins Bett. Als ich dort aufwachte, war das Bett leer. Ich ging die Treppe hinunter und ging zur Küche, wo Mami und Papi waren. Sie sagte, dass das Mädchen mir Angst gemacht hatte und dass ich desshalb nicht schlafen kann, aber das war nicht wahr. Ich mochte das Mädchen. Den Hund nochte ich nicht. Ich hörte ein Knurren und sah mich um. Der Hund stand hinter mir und Mami hörte ihn und kam zu mir. Sie gab mir Müsli zu Essen und fragte mich dann, warum ich immer zu ihr ins Bett komme. Ich sagte ihr, dass es in meinem Zimmer dunkel ist und dass mir das Angst macht, wenn ich aufwache. Da schüttelte Mami den Kopf und sagte, dass das so nicht weiter gehen kann. Sie sagte, dass sie mir ein Nachtlist kaufen wird. Aber es war Sonntag und Mami konnte nicht mehr kaufen. Also sagte sie: "Heute Nacht schläfst du einfach mit offener Türe." Ich sah den Hund an und sagte, dass er nicht in mein Zimmer kommen solle. Ich wollte ihn da nicht. Da nickte Mami und sagte, sie würden ihn in ihr Schlafzimmer nehmen. Das fand ich gut.

Am Abend brachte Mami mich ins Bett und gab mir einen Kuss. Dann machte sie das Licht im Flur an und ließ die Tür offen. Dann nahm sie den Hund und brachte ihn in ihr Zimmer. Sie schloss die Tüde und ich schlief ein. Ich hatte wieder den Traum. Aber er war anders. Wieder kämpften das Mädchen und der Hund miteinander. Das Mädchen lag schneller auf dem Boden als sonst und rührte sich nicht. Dann sah der Hund mich an. Er sah mir genau in die Augen und kam auf mich zu. Ich wollte weglaufen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich versuchte Luft zu holen, aber ich atmete nur Haare ein. Ich wollte mir über das Gesicht wischen, damit die Haare weg gingen, aber ich konnte nicht. Nach und nach wachte ich auf und mein Kopf war schwer. Etwas lag auf mir. Auf meinem Gesicht. Ich versuchte Luft zu holen, aber wie im Traum ging es nicht und ich atmete nur Haare ein. Hundehaare. Ich schlug nach dem Hund und versuchte ihn von mir zu schieben, aber er knurrte nur. Ich hatte solche Angst. Ich machte die Augen zu. Alles wurde schwer. Ich konnte nicht klar denken. Da sah ich das Mädchen vor mir. Sie lächelte und streckte ihre Hand aus. Sie hatte schöne Flügel. Ich lächelte auch und gab ihr die Hand.

22.12.07 17:47





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