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Nazreen Denniosho

Hallo, mein Name ist Nazreen. Ein ungewöhnlicher Name, ja, aber er passt auch zu einem so ungewöhnlichem Menschen wie mir. Viele nennen mich einen Freak, aber ich bin eine Künstlerin. Davon ganz abgesehen, dass die ein wenig verrückt sein müssen, bin ich trotz meiner hohen Qualität noch in dem Graubereich des Seltsamen. Ich bin nicht normal, das gebe ich zu, aber dann wäre ich auch langweilig und das ist etwas, was ich von meiner Geburt bis zu meinem Tod niemals sein will und niemals sein werde. Ich will, dass die Leute, die mich kannten als einen interessanten, kreativen und besonderen Menschen im Gedächtnis behalten. Als einen frei denkenden Menschen mit festen Prinzipien, egal, wie unvereinbar das klingt, ich will, dass die Leute mich so sehen.

Und die Leute, die mich wirklich kennen, sollen wissen, wie es in meiner Seele aussieht. Sie sollen mein Leid und mein Glück mit mir teilen. Sie sollen mein Leben mit mir teilen. Wer dazu bereit ist, der kann in jeder Lage seines Lebens auf mich zählen. Und selbst, wenn wir uns niemals wieder sehen oder uns zerstritten haben, werde ich diesen Menschen meinen Lebtag lieben und achten.

Hättest du Lust, einer meiner Vertrauten zu werden? Dann nehme ich dich auf eine Reise mit. Ich zeige dir mein Leben. Aber nicht das ganze, du begleitest mich nur einen Tag lang, dass soll dir reichen. Was davor geschah, sollst du auch in kleinen Kommentaren erfahren, so das Wichtigste. Und wenn du möchtest, halte ich dich auf dem Laufenden, was meine Zukunft angeht. Willst du mich also begleiten? Wenn ja, dann würde ich sagen wir machen das gleich morgen. Ja, ich denke der 15. ist ganz passend. Also, ich wünsche dir viel Spaß mit mir!

` Wer hat gesagt, dass die Wünsche nicht schweifen? Wer hat gesagt, dass der Teppich nicht fliegt? Nichts geschenkt, du musst danach greifen´ Seufzend atme ich die stickige Luft meines Zimmers ein. Die Nacht war sehr kühl, darum hatte ich es geschlossen und so hatte ich die Luft verbraucht. Mit einer Art gurren drehe ich mich zu meinem Wecker. ` Sie sagen, man kann nicht alles haben. Diese Welt meint noch andere als mich. Wo soll das geschrieben steh’n? Was ich wirklich will wird auch geschehen …´ mit schwerer Hand mache ich den Wecker aus. Ich mag das Lied. Alles haben aus Poe, ein schönes Musical. Aber nicht gut zum wach werden, zumindest nicht dieses Lied. Es ist sehr langsam und irgendwie traurig. Ich drehe mich wieder um und kuschle’ mich tiefer in meine Decke. In zehn Minuten wird mein kleiner Bruder hinein kommen und mich daran erinnern, dass ich zur Schule muss. Ah, da ist er schon. Er kratz immer ein wenig an der Tür, damit er mich nicht beim umziehen erwischt. Für seine zwölf Jahre gar nicht so dumm. Überhaupt ist er im perfekten Alter. Er ist noch lieb und hast Respekt vor seiner sechs Jahren älteren Schwester, aber er macht keine dummen Fehler mehr. Gutes alter. Ich grummle ein wenig und er kommt herein. „Nana“, sagt er vorwurfsvoll. „Du musst aufstehen. Du hast heute Schule.“ Ich grummle wieder, was, wie wir über die Jahre abgesprochen haben, so viel bedeutet wie: `Ja, danke, ich krümmer mich darum, eine Minute noch.´ Daraufhin geht er zu meinem Fenster und macht es auf. Sofort sitze ich senkrecht im Bett und starr ihn an. Das ist neu! Aber Hauptsächlich ist es kalt! Saumäßig kalt! „Benjamin! Warum tust du so etwas Grausames?! Das ist kalt!“ „Eben. Sonst stehst du ja gar nicht mehr auf.“ „Na, wenn ich aus meiner warmen Haia in einen kalten Raum komme sicher nicht!“ Er verdreht die Augen und geht an mir vorbei zur Türe. Er stupst mich noch mal an. „Komm, Nana, steh auf.“ Aus Protest schmeiße ich mich wieder ins Bett und ziehe mir meine decke über den Kopf. Seit wann ist er so gemein? Meine Füße werden kalt. Mit einem Seufzer werfe ich die Decke zurück. Ob durch den Schock oder die Kälte, funktioniert hat es, ich bin wach. Mir ist kalt, aber ich bin wach. Ich stehe also auf, watschle ins Badezimmer und dusche mich. Dann putze ich die Zähle und ziehe mich an. Flüchtig huscht mein Blick über den Spiegel. Schminken? Nee, heute nicht, ich hab schon zu lang mit dem Duschen gebracht, da ich mich wieder vom Kälteschock erholen musste. Ich gehe also weiter in die Küche. Meine Mutter wünscht mir einen guten Morgen, was ich nur mit einem Grunzen erwidere, und nickt zum Toaster. Ich bin morgens wirklich nicht sehr gesprächig. Es sei denn, man schafft es, mich zu überraschen und aus der Reserve zu locken. So wie es Benjamin geschafft hatte. Als erstes gehe ich an ihr vorbei und gieße mit eine Tasse Kaffee ein, den meine Mutter gerade für Dad, sie und mich gebrüht hatte, und trinke sie auf Ex. Es schüttelt mich. Er war wieder recht bitter. Wieder seufze ich, gebe meiner Mutter einen Schmatzer auf die Wange. Sie lächelt. „Es ist wirklich eine beeindruckende Wandlung zwischen vor und nach dem ersten Kaffee.“ Ich knuddel sie und gehe dann meine Scheibe Toast holen. In dem Moment kommt Dad in die Küche und grummelt `Kaffee!´ Er kommt generell und jeden Morgen erst nach mir in die Küche, denn wenn wir uns begegnen, bevor einer von uns eine Tasse Kaffee intus hat, gibt es, ungelogen, Krieg! Wenn wir aber was getrunken haben, verstehen wir uns sehr gut. Ich finde das immer sehr faszinierend, ihn zu beobachten, denn er benimmt sich wirklich genau, wie ich.

Als ich halb mit meinem Toast fertig bin klingelt es an der Türe. Benjamin macht auf und bringt Bianka in die Küche zu mir. Darf ich dir Bianka vorstellen? Sie ist eine meiner engsten Vertrauten. Außerdem wohnt sie in meiner Straße und kommt mich immer abholen, wenn wir zur Schule wollen. Das sind immer einige der wenigen Minuten des Tages, die wir wirklich miteinander verbringen können, denn wir sind kaum in gleichen Kursen. Nur Deutsch, Chemie und Kunst haben wir gemeinsam. Daher suchen wir jeden Augenblick, der sich bietet, miteinander zu reden. „Naaaaaaaaaaaarie!!!!“ „Biibiiiiiiiiiiiiiiiiii!!!! Set dich. Möchtest du auch was?“ Ich halt ihr mein Brot hin und sie schüttelt den Kopf. „Darf ich dir etwas zu trinken anbieten, Bianka?“, jeden Morgen die gleiche Frage von meiner Mutter und jeden Morgen die gleiche Antwort von Bibi: „Nein, danke, Mrs D, ich möchte nichts.“ Und jedes Mal mit einem Augenzwinkern hinzugefügt: „Und wenn, dann wäre ich mittlerweile dreist genug, mich selbst zu bedienen.“ Heute schaut mich Bibi dann aber doch an, zeigt auf mein Brot und sagt: „Ich hab’s mir überlegt, gib mir doch ’nen Biss.“ Grinsend halte ich mein Mettwurstbrot hin und sie nimmt einen herzhaften Biss. Mein halbes Brot ist weg. „Wirklich nicht noch was?“

Als wir dann auf dem Schulweg sind schweigen wir uns an. Bibi ist es, die das Schweigen bricht. „Hast du schon was fürs Kunstprojekt geplant, du Künstlerin?“ „Ich gehe in der Kunststunde in die Stadt um damit anzufangen, ja.“ Bibi lacht. „Dein Kunstprojekt ist Schoppen?“ „Habe ich niemals behauptet. Ich habe eine Kamera mit. Ich werde verschiedene Leute damit fotografieren und damit eine Collage machen.“ „Und was hat das mit dem Thema zu tun?“ „Gesellschaft? Keine Ahnung. Vielleicht ja dass eine Gesellschaft aus Menschen verschiedener Altersstufen, Hautfarben, Religionen und so weiter besteht? Das hat der Lehrer zu entscheiden.“ „Na, ein wenig Gedanken solltest du dir trotzdem machen. Null Punkte kannst du dir in Kunst nicht erlauben, wenn du von dir behauptest, eine Künstlerin zu sein.“ Theatralisch werfe ich meine Haare zurück und lege die Hand auf die Stirn. „Alle großen Künstler wurden in ihren Anfängen verkannt!“ „Ja, aber sie haben sich bemüht!“ „Tu ich auch! Ich bemühe mich möglichst aus dem Rahmen zu fallen. Ein buntes Leben ist besser als gar keins.“

In der Schule angekommen verbringe ich eine langweilige Doppelstunde Englisch, eine öde Stunde Sozialwissenschaften und eine einschläfernde Stunde Politik mit Zeichnen und Schreiben. In der Religionsstunde blühe ich dann regelrecht auf. Nein, es ist nicht so, dass ich sehr gläubig bin, ganz im Gegenteil. Aber ich habe endlich mal einen Lehrer, der uns diskutieren lässt und es gibt nur eine Sache, die besser ist als zu diskutieren: Zeichnen. Und Kunst hatten wir in den letzten beiden Stunden. Der Donnerstag ist immer sehr schön. Mit sieben Stunden einer meiner kürzesten Schultage. Die anderen gehen bis in den späten Mittag hinein. Einmal habe ich auch zehn Stunden. Aber wenigstens habe ich meistens zwischendrin auch Freistunden. Die Kurzfassung des generellen Schulstundenverlaufs: Meistens zeichne ich irgendwelche Bilder. Manchmal schreibe ich aber auch Gedichte oder Geschichtsteile. Und wenn es sich hin und wieder anbietet, dann lege ich mich auch mit dem Lehrer an. In der sechsten Stunde erkläre ich Miss Grünspan über das Konzept meines Kunstprojektes. Sie ist begeistert. Sie ist von allem begeistert, was ich tue. Das ist nützlich. Sie lässt mich also ohne zögern in die Stadt gehen und Bibi schaut mir nur neidisch nach. So. Da sind wir nun also in der Stadt. Dort hinten ist Schwager. Da der ultimative Buchladen und da drüben der Bastelladen. Das sind meines Erachtens so die drei wichtigsten Geschäfte. Ich schaue auf den Fotoapparat in meiner Hand und dann schaue ich mich um. Es sind schon einige Leute hier. Nicht so viele wie nachmittags, aber es dürfte für den ersten Tag genug Auswahl zur Verfügung stehen.

Dort! Der Mann da ist groß und schwarz. Es hört sich vielleicht fies an, wenn ich das so sage, aber de Facto ist er schwarz. Und der perfekte Anfang. Ich trau mich aber nicht, ihn anzusprechen. Wenn ich sicher wäre, dass ich niemandem hier wieder begegne, wäre das vermutlich nicht so das Problem. Ich atme tief durch und gehe auf den Mann zu. Freundlich lächelnd halte ich ihm meine Hand hin und stelle mich vor. „Einen wunderschönen Tag, Sir. Mein Name ist Narzeen Dennisho und ich mache ein Projekt für die Schule. Ich erstelle ein Bild zu dem Thema Gesellschaft und möchte gerne einige passende Leute dafür fotografieren. Würde es ihnen etwas ausmachen, wenn ich sie in dieses Projekt mit einbinden würde?“ Er sieht mich einen Augenblick an, und als ich ihn ganz freundlich anlächle nickt er und ich fotografiere ihn. Ich verabschiede mich nett und schaue mich dann nach einer anderen Person um. Dort! Eine blonde und schick gekleidete Frau. Sehr Extravagant und mit einer etwas kühlen Ausstrahlung. Ich gehe zu ihr hin und stelle mich wieder vor. Wieder stelle ich ihr die Frage, ob ich sie fotografieren darf und sie schaut mich herablassend an. „Ein Kunstprojekt? Und was ist das für ein Projekt? Welche Klasse bist du überhaupt und wie heißt dein Lehrer? Kann er mir das bestätigen?“ Ich seufze und stehe ihr aber dann doch Rede und Antwort. Ja, ein Kunstprojekt zu dem Thema Gesellschaft. Es soll verschiedene Arten von Menschen aus den unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft in einer Collage zeigen und sie, sagte ich, habe so ein wenig das Aussehen einer erfolgreichen Geschäftsfrau. Meine Lehrerin Miss Grünspahn könnte bestätigen, dass ich in ihrem Kurs (Jahrgang 12) sei, das Projekt habe sie vermutlich aber noch nicht so richtig erfasst, da ich es erst heute angefangen habe und ihr nur das nötigste erklärt habe. Dann sehe ich sie an, mit dem hinreißensten und lieblichsten Gesicht, das ich in meinem Repatuar habe. Sie schaut mich skeptisch an und fragt, auf welcher Zensur ich stehe. Zwölf Punkte, das ist eine Eins minus. Dann nickt sie, macht sich zurecht und posiert sich vor mir. Noch als ich den Knopf drücke, denke ich, dass diese Frau perfekt die eingebildete und zickige, karierefixierte Buisnisfrau darstellt.

Dort! Ein Mann mit zwei kleinen Kindern, das eine vielleicht fünf, das andere drei. Wieder spreche ich ihn an und er hört mich auch aufmerksam zu, obwohl er mit seinen Kindern einwenig überfordert schien. Er nickt nur, stellt sich mit Kindern in Pose und sie lächeln in die Kamera.

Dort! Ein freakiger Mann mittleren Alters. Er scheint ein Künstler zu sein. Er wird das wohl verstehen, wenn ich ihm mein Projekt schildere. Ich gehe zu ihm und spreche ihn an. Er schaut mich einen Augenblick lang an, mustert mich einmal von Oben nach Unten, schüttelt den Kopf und sagt, ich soll zurück in den Kindergarten gehen. „Was Kunst wirklich ist, davon wirst du niemals eine Ahnung haben, Kind.“ Dann geht er hochnäsig an mir vorbei und lässt mich vollkommen perplex stehen. Was war denn das für einer?

Dort! Ein nett aussehendes älteres Ehepaar. Sie können sich beide kaum noch auf den Beinen halten, aber stützen sich gegenseitig. Ich lächle flüchtig und gehe zu ihnen, um ihnen die bewährte Frage zu stellen. „Oh, eine junge Künstlerin. Wie schön! Unsere Enkelin ist auch eine Künstlerin, weißt du? Sie ist so nett und so begabt!“ „Agatha. Halt an dich. Das interessiert das Mädchen nicht.“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln und sage, dass mich, im Gegenteil, sehr freut von einer Künstlerkollegin zu hören. Und dann spreche ich sie noch mal auf das Foto an, sie lächeln und lassen sich fotografieren.

Dort! Ein junges Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren. Braune Haare, grüne Augen, eine irgendwie freundlich-kalte Ausstrahlung. Sie soll die Durchschnittsschülerin symbolisieren. Ich grinse, als ich ebenfalls einen Fotoapparat bei ihr entdeckte. Aber einen alten. Sofortbildkamera, wenn ich mich recht entsinne. Nach der Abfuhr, die mir der letzte Künstler verpasst hat, zögere ich zwar einen Augenblick, gehe dann aber zu ihr hin. „Hey, du! Kann ich dich mal etwas fragen?“, begrüße ich sie. Sie schaut auf, wie ein aufgescheuchtes Reh, nickt dann aber und ich erläutere ihr mein anliegen. Sie schaut mich einen Augenblick lang an. Dann lächelt sie und nickt. Ich lächle zurück und will sie fotografieren, als ich noch mal innehalte und sie frage, ob sie nicht vielleicht ebenfalls die Kamera ans Auge setzen könnte, als würde sie mich fotografieren. Sie zögert, sie zögert recht lange. Schaut auf ihre Kamera und dann auf den Boden. Dann seufzt sie und sieht mich an. Ihr ist es sichtlich unangenehm, aber als sie mich ein wenig flehendlich lächeln sieht, nimmt sie ebenfalls die Kammara zum Auge. Gleichzeitig gehen beide Fotoapparate los und ich erschrecke mich so sehr, dass ich fast meine Kamera fallen lasse. Auch sie zieht sofort die Kamera nach unten, so als wäre das Ding von selbst losgegangen, und schaut mich erschreckt an. Ihr Foto singt derweil langsam auf den Boden Als ich mich von dem Schrecken erholt habe, frage ich sie, ob es ihr etwas ausmachen würde, wenn ich das Foto behalten würde, aber sie schüttelt nur verkrampft den Kopf. Ich lächle und meine, dass das mit dem Doppelfoto nicht schlimm wäre und bücke mich um das Foto aufzuheben. Als ich es in der Hand halte und es mir ansehe, schaue ich verwirrt zu ihr hinauf. „Was soll das?“ Sie schaut zur Seite. „Was soll das?“, wiederhole ich, aber sie bleibt stumm. „Das hast du noch nicht fotografiert!! Was ist das?!“ Sie aber dreht sich um und lässt mich vollkommen allein stehen. Ich sehe noch mal auf das Foto und Tränen steigen mir ins Auge. Ich hasse es, mich so hilflos zu fühlen. Den Rest des Tages ist nichts mehr mit mir los. Ich stehe vollkommen neben mir und denke immerzu an das Foto, das das Mädchen mir gegeben hatte. Und ich werde einfach nicht daraus schlau. Ich meine, das Foto zeigt mich, wie ich von einer Hängebrücke falle. Und zwar so tief, beim Aufkommen bin ich zweifellos tot. Unter dem Foto stehen auch Zahlen. 25.08.1985 18.55. Was das wohl zu bedeuten hat? Irgendwie erinnert es mich an Datum und Zeit. Also werde ich am Sonntag den 25.August diesen Jahres um 18.55 von einer Brücke fallen? Das hört sich doch reichlich unwahrscheinlich an. Woher will das Mädchen das eigentlich wissen? Aber … nur für den Fall … ich stehe auf und gehe zu meinem Wandkalender. Dort umkringle ich mit einem dicken, rotem Edding das abgebildete `Datum´ und schriebe mit einem dünneren Rotstift die Uhrzeit in das Kästchen und male einen süßen, kleinen Totenkopf daneben. Ich habe weiß Gott nicht vor zu sterben, wenn es das überhaupt heißen soll. Aber ich werde genauso wenig mein Leben einschränken. Ich weiß jetzt, worauf ich achten muss. Und ich werde es nicht so weit kommen lassen. Und nun möchte ich dich bitten, mich allein zu lassen, begleite mich an einem anderen Tag, heute möchte ich nichts mehr zeigen, tun oder beweisen. Vielleicht ein anderes Mal.

Oh, schön, dass du da bist! Ich habe mir schon gedacht, dass du heute wieder kommen wirst. Es ist nun zehn Tage her, dass du mich einen halben Tag lang begleitet hast und miterlebtest, wie ich in die Verlegenheit kam, ein `Todesfoto´ von einem Mädchen zu bekommen. Du warst auch dabei, als ich die These aufstellte, die Zahlen mögen Datum und Uhrzeit angeben, daher dachte ich mir schon, als ich heute Morgen aufstand und das rote Kästchen sah, dass du noch einmal vorbei kommen würdest um zu sehen, wie sich alles entwickelt hat. Lass dir so viel sagen: Mit dem Kunstprojekt bin ich nun fertig und die Sache mit dem Foto ist ziemlich in den Hintergrund getreten. Warum sollte ich auch auf eine Hängebrücke gehen? Ach, ich bin doch unfreundlich. Setz dich und frühstücke ein wenig mit mir und genieße den schönen Sonntag.

Hm, mein Dad kommt gerade herein, mit seiner üblichen Morgenlaune. Ignorier ihn einfach. „Ah! Endlich Kaffee. Guten Morgen, Familie. Für heute ist ein schöner Trip angesagt.“ Mit einem Schauer meldet sich das rot eingekreiste Kästchen wieder zurück, als er das sagt. „Oh, das ist aber schön, Schatz! Wohin soll es denn gehen?“ Ich überkreuze die Finder und flehe. Nicht an die Klippen. NichtandieKlippen. NichtandieKlippennichtandieKlippen. NICHT AN DIE KLIPPEN!!!

„An die Klippen“, verkündet mein Vater freudestrahlend und ich kippe fast vom Stuhl. Nein! Unsinn! Ich habe keine Angst! Es ist nur … das ich ein wenig beunruhigt bin. So ganz kalt lässt mich das eben doch nicht, wenn man mir sagt, dass ich heute an den Klippen von einer der Hängebrücken falle. Ich schaue flehend zu meiner Mutter und sage, dass ich mich nicht wohl fühle und dass ich nicht mitkommen möchte, aber Dad geht zwischen uns und wuschelt mir durch mein frisch gekämmtes Haar und meint, dass mir frische Luft bestimmt gut tun. „Aber Schatz, sieh doch, wie bleich sie ist. Vielleicht ist es wirklich keine gute Idee!“ Dad schaut sie kalt an und sie schreckt zurück. Eigentlich benimmt er sich nach seinem Morgenkaffe nicht mehr so. In dem Augenblick habe ich wirklich Angst. Aber ich schlucke sie hinunter, nicke und nehme mir vor, dass ich eben dafür sorgen werde, dass ich nicht hinunter falle. Ich werde mich eben genug sichern!

Im Auto aber ernüchtere ich wieder und denke an das Mädchen und das Foto zurück. Es kann doch nicht der Sinn meines Lebens sein mich von etwas derart Nichtigem und an den Haaren herbeigezogenen manipulieren und bestimmen zu lassen, oder was meinst du? Eben. Ich werde mich benehmen, wie ich mich immer benehme und daran soll niemand etwas ändern!

Wir sind nun an den Klippen angekommen. Ich schaue an dem Geländer vorsichtig nach unten. Es ist verdammt tief! Wenn ich da runterf … nein! Daran werde ich nicht denken! Dad stupst mich ein wenig an und ich schrecke zusammen. „Na? Denkst du daran, wie tief es ist und was geschehen würde, wenn du dort hinunter fallen würdest? Das hast du immer schon getan.“ Ich schaue ihn hochmütig an. „Na und? Heute nicht. Ich werde da nicht hinter fallen.“ Dann lasse ich ihn stehen und gehe zu meiner Mutter. Dann gehen wir zu viert zu dem Rand der Klippen. Von dort aus führen Hängebrücken von Klippe zu Klippe. Ich starre das Schild davor einen Moment lang an. Seit wann steht das denn da? „Na, Mäuschen? Was hast du?“, fragt mich meine Mutter von hinten und nimmt mich sanft in die Arme. „Das Schild stand doch immer schon dort. Es ist nur das erste mal, dass du alleine gehen musst.“ `Kinder bis vierzehn Jahre müssen in Begleitung erwachsener über die Brücke gehen, alle anderen Personen einzeln.´ Ich schlucke und schaue auf die Brücke, das Foto direkt vor meinem inneren Auge. Dad stupst mich wieder an und meint, ich solle mich schon trauen. So sei ich ja noch nie gewesen. Na, bisher wurde mir auch nicht der Tod so bildhaft prophezeit! Da bitte ich um Nachsicht. Aber er hat Recht. So war ich noch nie und so werde ich auch in Zukunft niemals sein. Ich hole tief Luft. Wie oft bin ich diese Hängebrücken als Kind schon entlang gehüpft. Bei dem Wieder atme ich tief durch, schließe die Augen und machte den ersten Schritt. Ich öffne meine Augen wieder. Ich falle nicht. Breit grinsend gehe ich weiter und weiter. Mit jedem Schritt werde ich sicherer. Dennoch braucht es ein paar Hängebrücken, bis ich mich wirklich traue. Und dann renne, springe und freue ich mich wie früher. Als ich breit grinsend am Ende der Brücke ankomme spüre ich den verständnislosen Blick meiner Mutter auf mir, der sagt, dass ich mich noch nie so benommen habe. Ich lache, renne an ihr vorbei und springe auf die nächste Hängebrücke. Der Tod kann mir nichts tun! Das Mädchen kann mir nichts tun! Euphorisch tänzele ich weiter, als ich meinen Dad rufen höre. Ich lehne mich lässig an das Strick-Geländer und schaue zurück. „Nazreen! Was ist denn heute nur los mit dir?!“ „Was soll sein?“, rufe ich zurück, werfe meinen Kopf in den Nacken und fange laut an zu lachen. Dann höre ich etwas knirschen und mein Lachen verstummt sofort. Unsicher lausche ich. Da! Was ist das? Ein Ruck geht durch meinen Körper, meine Eltern kreischen und wie in Zeitlupe falle ich zurück und erlebe es, wie in Trance. Was passiert da gerade? Mein Körper neigt sich immer und immer mehr, bis er schließlich parallel zu den Planken steht und sich immer und immer weiter dreht. Die Trance weicht einem Zittern und plötzlich merke ich, wie ich schreie. Ich schreie den gesamten Weg nach unten und doch bin ich es nicht, die da schreit, es ist mehr so, als würde ich daneben schweben und mir dieses merkwürdige Mädchen anschauen, das meinte, sie könnte dem Tod entgehen. Und doch … ich bin es nicht, die da schreit! Ich bin es nicht!

Als sich die Wellen über mir schließen, spüre ich nur noch einen stechenden Schmerz an meinem Hinterkopf und höre ein merkwürdiges Knacken, als würde man eine Kokosnuss knacken. Aber all das ist schon so weit weg … und dann war da nichts mehr.

11.1.08 18:16


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David Fly

In jedem Leben gibt es Wendepunkte. Ein großer, mehrere kleine. Manchmal auch mehrere große. Wie gravierend sie sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich, da jeder selbst entscheidet, wie sehr er diese Wendepunkte wahrnimmt und dominieren lässt. Und doch gibt es auch Wendepunkte, die einfach so ausschlaggebend und gravierend sind, dass man sie nicht ignorieren kann. Und manchmal folgt das eine auf das andere.

Ja, ich kenne mich gut mit Wendepunkten aus. Mein Leben war stets unstet und unvorhersehbar. Als Kind zog ich oft um, vermutlich lernte ich daher dieses Gefühl der Zugehörigkeit niemals richtig kennen, aber ich redete mir ein, dass es mir gefiel, so wie es war. Ich mochte es nicht, eingeengt zu werden, ich wollte frei sein, alles entscheiden zu können, wann immer ich es wollte. Und ich konnte es mir immer leisten. Ich bin so kompetent, dass sich die Chefs nur so um mich reißen. Ich kann mir aussuchen, wohin ich gehe, aber ich kehre niemals an einen Ort zurück. Was vorbei ist, ist vorbei.

In der Studienzeit hatte ich nun zum zweiten Mal das Studienfach gewechselt und für den zweiten Wechsle war ich in eine andere Stadt gezogen. Meine langjährige Freundin und kurzfristig Fastverlobte ließ ich ohne Reue zurück. Sie gehörte nicht mehr zu meinem neuen Lebensabschnitt. Ich hatte sie eh schon in genug Abschnitte mitgeschleppt. Meine Schwester Anne fragte mich immer, wenn ich etwas Neues anfing und etwas Altes zurückließ, wovor ich fliehen würde. Sie hatte gut reden. Sie war drei Jahre jünger als ich und hatte längst nicht so viele Wechsel miterlebt wie ich. Außerdem hatte sie die Angewohnheit die Menschen aus den alten Städten in die neuen mitzuziehen indem sie sich die Nummern und Adressen besorgte und sich regelmäßig mit ihnen verabredete. Sie war eben nicht so wie ich. Trotzdem habe ich sie sehr gern.

Ich erinnere mich noch, wie sie mich ansah, als ich wegzog um zu studieren. Sie sah mich eine Zeit vorwurfsvoll an und fragte mich dann: „Wenn du nun gehst, lässt du mich dann alleine hier und schaust niemals wieder zurück?“ „Was willst du?“, fragte ich sie. „Mitkommen?“ Sie aber schüttelte energisch den Kopf. „Ich will, dass du mich nie zurücklässt wie einen abgetragenen Pulli!“ „Wenn, dann entsorg ich die.“ „Du weißt, was ich meine!“ Das sagte sie oft. Ich überlegte einen Augenblick. „Nein“, sagte ich dann. „Das weiß ich nicht.“ Sie verdrehte die Augen und erklärte mit eiserner Bestimmtheit etwas, was ich nicht verstehen konnte: „Wenn du einen Ort verlässt, dann brichst du alle Kontakte ab. Ich möchte nicht, dass wir niemals wieder ein Wort miteinander reden, nur weil du wegziehst!“ Ich lächelte sie aufmunternd an. „Anne! Du bist meine kleine Schwester! Du warst immer schon an meiner Seite. Glaubst du wirklich, dass sich das ändert?“ „Ich fürchte es, ja!“

Sie sollte Recht behalten. Als ich mein neues Studium in Übersee begann half sie mir zwar die Wohnung einzurichten und wir hielten die erst Zeit auch regelmäßig Kontakt. Dann aber war ich mit dem Studium beschäftigt und wir telefonierten immer seltener. Und Treffen waren wegen der Entfernung noch seltener. Ich war gerade am lernen, als ich aufstand um ein altes Buch von meinem Vater zu holen um etwas nachzuschlagen. Ich schlug es auf und sah dort einen kleinen Zettel liegen. Ich nahm ihn und schaute ihn an. „David! Ruf mich mal endlich wieder an! Anne “, stand dort drauf. Ich starrte einige Sekunden fassungslos auf die Nachricht meiner Schwester. Der letzte Kontakt zwischen uns war tatsächlich gut 1½ Wochen her. Ich überlegte kurz, dann rief ich sie an und wir führten ein langes und schönes Gespräch.

Zwei Wochen später ging mein Kaffeepulver zu ende und am Grund der Metalldose lag wieder ein Zettel. Ich nahm ihn heraus und sah ihn an. „David! Ruf mich mal endlich wieder an! Anne “. Ich war nicht so überrascht wie beim ersten Zettel, aber ich wunderte mich schon, wie viele ich wohl noch finden würde. Ich rief ein weiteres Mal bei ihr an. „Hast du die zweite Nachricht wirklich erst jetzt bekommen?“, war ihre kühle Reaktion, als ich meinen Namen genannt hatte. Ich schwieg. Dann fragte ich: „Wie viele Zettel gibt es hier denn noch?“ „Lass mich überlegen. Du hast jetzt den zweiten gefunden, nicht wahr? Dann müssten es noch 58 Zettel sein. Das war vielleicht ein Kampf für all diese Zettel Verstecke zu finden!“ „Du hast sie gut versteckt“, gab ich zu. Ich hörte sie förmlich grinsen. „Du wirst sie schon noch finden, garantiert.“ Und wirklich tauchten die meisten der Zettel nach und nach bei mir auf. Aber irgendwann begann ich sie zu ignorieren und schmiss sie weg. Ich wollte mit dieser aufdringlichen Person nichts mehr zu tun haben!

Es verging einige Zeit in der ich mich einlebte und neue Kontakte knüpfte, bis ich eines Tages dachte, ich würde Anne in meiner Stadt sehen. Zumindest ein Mädchen, das ihr aus Entfernung sehr ähnlich sah. Im ersten Augenblick wollte ich sie rufen. Dann ergriff mich eine Fluchtreaktion und schließlich stellte ich fest, dass das Mädchen etwa 2½ Jahre jünger war als Anne, daher konnte sie es nicht sein und ich beschloss sie zu ignorieren. Als sie jedoch in etwa auf meiner Höhe war sagte sie meinen Namen und ich sprang vor Schreckt fast einen Meter in die Luft. Ich starrte sie an und rang nach Luft. Nein, sie war wirklich nicht meine Schwester. Aber sie kannte meinen Namen. Und konnte mir auch einen Schrecken einjagen, wie es eigentlich nur Anne konnte. „David?“, wiederholte sie. Ich atmete tief durch, dann nickte ich. Sie lächelte und reichte mir etwas. Ich schaute es kurz an - ein Foto - und dann zurück zu ihr. „Was ist das?“ „Ein Foto“ „Das sehe ich“ „Warum fragst du dann?“ „Besserwisserin!“ Es folgte ein langes Schweigen. Dann fuhr ich fort. „Also, was ist … was soll das nun?“ „Ich gebe dir ein Foto.“ „Warum?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist mein Beruf.“ „Und woher hast du das Foto?“ Sie hob ihre Kamera hoch. „Gemacht“, antwortete sie. Merkwürdiges Mädchen. „Nimmst du es nun?“ „Nein. Warum sollte ich auch?“ Sie schaute mir direkt ins Gesicht und schwieg einen Augenblick. „Weil es dir eine Hilfe sein könnte.“ „Wobei?“ „Sieh es dir einfach mal an.“ Sie hielt es mir noch nachdrücklicher hin und ich nahm es einen Augenblick lang in die Hand um es mir anzuschauen. Mein Herz rutschte mir in die Hose, als ich es sah. Es zeigte einen Mitleid erregenden Menschen auf dem ein Musikflügel zerschmettert war. Der Mensch dort war eindeutig tot. Und ich dachte im ersten Moment, dass sie ein Foto von mir gemacht hatte. „Wer ist das?“, fragte ich irritiert, aber als ich aufschaute stand sie nicht mehr vor mir. Dann hörte ich ein „Du“ von hinten. Ich schaute mich um. Das Mädchen war weitergegangen, während ich mir das Bild angeschaut hatte. Ich starrte sie fassungslos an. „Verstehst du nun, was das Foto soll? Bewahr es gut.“, sagte sie weiter. Dann drehte sie sich um und ging. Ich jedoch stand verloren da, das Foto in der Hand. Es dauerte eine Weile, bis ich mich ein wenig gefasst hatte. „Nein“, war meine Antwort, aber sie war weg und hörte mich nicht mehr.

Wieder zu Hause angekommen untersuchte ich das Foto auf alles, was ich finden konnte. Für den Laien der ich war schien es jedoch echt zu sein. Mit der Lupe ging ich über das Bild um irgendetwas zu finden. Tatsächlich fand ich ein wenig. Scheinbar war der Flügel mit einem Seil hoch gewuchtet worden, das gerissen war. Vermutlich sollte es in ein höher gelegenes Stockwerk gebracht werden. Das Haus, an dem es geschehen war, war ein Steinhaus in einem ganz hellen Grün. Ich hatte es noch nie in meinem leben gesehen, aber ich habe auch noch nie auf so was geachtet. Als nächstes erwischte ich mich dabei, wie ich nach dem Telefon griff und meine Unterlagen nach etwas durchwühlte. Anne Fly …. Anne … Anne … wo war sie nur? Wo war ihre Nummer? Ah, dort! Ich fand sie und tippte die Nummer ein. Es dauerte jedoch eine Weile, bis sie abnahm. „Anne? Hey! Schön, deine Stimme zu hören. Wie geht es dir denn so?“ Am anderen Ende der Leitung schwieg es. „Anne? Komm schon, sag was!“ eisiges Schweigen. Dann: „Mit wem spreche ich?“ Ich lachte kurz auf. Fast hätte sie mich leimen können. „Anne! Ich bin es! David! Ich möchte mich ein wenig mit dir unterhalten!“ „Ich kenne keinen David.“, kam es vom anderen Ende. Ich fühlte mich wie ins Gesicht geschlagen. Was war los? Es war doch eindeutig Annes Stimme! Es war garantiert meine Schwester am anderen Ende der Leitung. „Anne? Ich bin es doch!“ Dein großer Bruder!“, sagte ich mit zitternder Stimme. „Was ist nur los mit dir? Du wolltest doch immer, dass ich anrufe.“

„Ja“, sagte sie schließlich. „Aber nicht in Abständen von mehreren Monaten! Ich wollte regelmäßigen Kontakt mit dir.“ „Auch monatlicher abstand ist regelmäßig.“ „David! Soll ich auflegen?“ „Nein! Nein, bitte, nicht!“ Sie seufzte. „Was willst du, David?“ „Reden?“ „worüber?“ Ich schwieg. Dann fragte ich: „Wie geht es dir?“ „… nicht so gut. Ich habe zwar endlich meinen Abschluss, aber keine der Unis oder Ausbildungsplätze hat mich genommen. Ich bin grad ein wenig frustriert und sehe keine Perspektiven. Aber sonst geht es eigentlich. Außerdem ist Vater …“ „Ich wette das kann ich toppen!“ „… sag mal, willst du mich veralbern? Du hast nur angerufen, damit du wieder jemanden hast, den du übertrumpfen kannst? Wie alt bist du denn? Sieben?“ „Einundzwanzig, das solltest du doch eigentlich wissen. Aber darum geht es nicht. Ich bin neulich einem Mädchen begegnet, das mit ein Foto gegeben hat“ „Ist das alles?“ „Das Foto zeigt mich, wie ich von einem Flügel zermatscht werde.“ Schweigen. Dann: „Flügel?“ „Ja, ein Musikflügel. Kein Vogel- oder Flugzeugflügel“ „Ach …“ Anne begann sich etwas sauer anzuhören. „… und woher weißt du, dass du das bist? Ist es schon passiert?“ „Nein, aber …“ „Woher willst du das dann wissen?“ „Sie hat es mir gesagt.“ „Wer?“ „das Mädchen, von dem ich das Foto habe.“ „Und du glaubst das?“ „Ja. Nein! Ich meine … irgendwie schon.“ „was denn nun?“ „Nein, ich glaube nicht ….“ „Und warum rufst du mich dann an?“ „Weil ich nicht wusste, wen ich sonst fragen soll.“ „Und deshalb rufst du mich an? Nach acht Monaten? Du spinnst doch! Du kannst dich doch nicht einfach nur dann melden, wenn dir danach ist! Dafür bin ich nicht da, das mache ich nicht mit!“ „Bitte, Anne! Ich melde mich in Zukunft auch häufiger.“ „nein, David, das glaube ich dir schon längst nicht mehr. Das hast du schon zu oft gesagt. Und zu vielen. Du hast dich aus unserem Leben gestohlen und lässt uns nicht an deinem Teil haben.“ „Das stimmt doch gar nicht!“ „Nein? Dann sag mir doch mal, was mit Vater ist.“ „Er ist krank, nehme ich an.“ „nein. Er ist verlobt.“ „Verlobt?! Was? Seit wann? Wie dass?“ „Seit etwa vier Monaten. Sie kennen sich schon seit einer Ewigkeit, sagt er, aber das ist unwichtig. Fakt ist, dass er im nächsten Jahr an Mutters Todestag heiraten will und du wirst nicht dort sein.“ „Doch! Natürlich werde ich das!“ „Nein, David, denn ich habe sowohl deine Nummer als auch deine Adresse aus diesem has verbannt.“ „Dann gebe ich sie dir eben noch mal! Komm schon! Das kannst du doch nicht machen!“ „Was denkst du denn, was du immer machst? Du tust doch genau das! Du brichst alle Brücken hinter dir ab und willst dich beschweren, wenn die Hinterbleibenden sie nicht abgerissen lassen? Nein. Nicht mit uns.“ „Aber ich bin dein Bruder!“ „Und ich deine Schwester. Meinst du, das hätte mir irgendetwas gebracht? Nein. Nichts.“ „Aber Anne! Ich …“ „nein! Du hast dich sicher nicht verändert. Und nun sieh zu, wie du allein klar kommst!“ Damit legte sie auf und ich habe nichts mehr von ihr gehört. Ich brauchte eine Weile um mich wieder zu fassen. Als ich mich wieder beruhigt hatte, nahm ich mir fest vor, dass ich keinem Klavierflügel zu nahe kommen würde, vor allem keinem, der in der Luft hing. Seit dem sah ich immer oben an die Fassaden der Häuser an denen ich vorbei ging. Ich hielt nach dem Flügel Ausschau, der mich umbringen sollte. Doch lange zeit fand ich ihn nicht. Trotzdem ließ ich meine Aufmerksamkeit nicht kleiner werden, denn dann passiert so etwas immer. Immerzu schaute ich zu den Oberen Stockwerken der Häuser hinauf.

„Hey, sie! Passen sie auf!“ ich schreckte auf und sah mich um. Hinter mir stand ein aschblonder Polizist in uniform der irgendwie verdächtig nach Prügelknabe oder Opfer aussah. „Was ist, Chef?“, fragte ich. Er zeigte vor mir auf den Boden. Ich grinste. Wie niedlich. Ein offener Gully. Da wäre ich so oder so nicht hineingefallen. Für mich ist etwas anderes vorgesehen,. Trotzdem bedankte ich mich bei dem Polizisten der aber nur nickte und dann ging. Ich indes holte das Foto aus meiner Jackentasche heraus und kontrollierte noch mal, ob nicht doch plötzlich ein offener Gully zu sehen war. Irgendwie traute ich diesem Foto alles zu! Auch, dass es sich plötzlich änderte. Aber nein. Es war nur der zerschmetterte Flügel mit dem Kadaver darunter und dem hellgrünen Haus. Ich fröstelte. Hellgrün? Langsam sah ich zu dem Haus neben mir und spürte, wie alle Farbe aus meinem Gesicht wich. Das Haus war in einem ganz hellen Grün gestrichen. Ich schaute zögernd über mich und da sah ich ihn. Der Flügel hin über mir und drohte zu fallen. Sofort und damit im letzten Augenblick sprang ich mit der Kraft der Verzweiflung unter dem Flügel weg, stolperte und landete hart auf der Erde, während neben mir scheppernd der Flügel auf den Boden krachte. Mein Fuß stach ein wenig. Ich war wohl schlecht aufgekommen, aber als ich mir den zerschmetterten Flügel vor mir ansah, war das weiß Gott das kleinere und angenehmere Übel. Das nächste, was ich hörte war ein tiefes Hupen. Ich schaute zur Seite und das letzte was ich sah war die Kühlerfront eines LKW, der hupend und schliddernd auf mich zukam.

22.1.08 09:42





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