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Joshua Morris

Seit über fünfundzwanzig Jahren fahre ich mit der Bahn zur Arbeit. Seit über fünfundzwanzig Jahren! Nie ist etwas passiert. Dann, am 25. Juli 1978 begegnete ich ihr. Ich sah sie zum ersten Mal, also, fuhr sie zum ersten Mal mit der Bahn. Hätte ich damals schon gewusst, was für Probleme sie macht, ich hätte sie aus der Bahn entfernen lassen. Aber für mich war es einfach nur irgendein unauffälliges Mädchen das durch den Gang ging und sich zwischen den Sitzen nach ihren Freunden oder ihrer Familie umschaute, irgendjemanden, mit dem sie unterwegs war, jedenfalls. Ich wand mich wieder meiner Zeitung zu, denn ich bin es gewohnt, im Zug ungestört meine Zeitung zu lesen. „Entschuldigung“ Ungestört! Ich schaute genervt hoch. Dieses Mädchen stand vor mir. „Was willst du, Mädchen? Es gibt genug andere Passagiere.“ Sie schaute sich um und nickte. „Stimmt. Vermutlich gibt es auch freundlichere.“ Diese Unverschämtheit! „Kinder wie du haben vor Leuten in meinem Alter Respekt zu haben!“ - „Kinder wie mich gibt es nicht und was das Alter angeht, so habe ich dir schon einiges voraus.“ Ich sah sie wütend an. Was erlaubte sich dieses Mädchen. „Das einzige, was du mir voraus hast, ist eine unverschämte Dreistheit!“

Sie lachte. Ich fand das überhaupt nicht komisch. Ich fand eher, dass es wieder ein Musterbeispiel war, zu was die Jugend verkommen war. Unverantwortlich so etwas groß zu ziehen. „Ich erwarte, dass du jetzt verschwindest und mich nicht weiter belästigst. Kusch!“ Dann wendete ich mich demonstrativ wieder meiner Zeitung zu. „Wie auch immer“, fuhr sie fort. „Was hieltest du davon, die Notbremse zu ziehen und allen hier das Leben zu retten? Oder eben wenigstens aussteigen und ganz egoistisch nur dir das Leben retten?“ Genervt ließ ich meine Zeitung wieder sinken. Wollte sie denn gar keine Ruhe geben? „Willst du damit irgendetwas andeuten? Willst du kleines, unbedeutendes Kind etwa mir drohen?“ Sie sah mich einen Moment lang an. „Vermutlich hast du Recht, vermutlich bin ich wirklich unbedeutend. Aber das ist mehr als du bist.“ Dieses … ich schlug wieder meine Zeitung auf und wollte ihr damit zeigen, dass sie verschwinden sollte. Es segelte ein Foto zwischen mich und die Zeitung. Dieses unverschämte Kind ging mir wirklich auf den Geist! „Warum nervst du mich? Es gibt genug andere hier im Zug!“ - „Meinst du, ich könnte mir das aussuchen? Aber hey, das ist doch egal. Du hast jetzt ja deine Information.“ Sie wies auf das Foto auf meinem Schoß. „Und was du damit anfängst, ist mir so ziemlich egal.“ Dann ging sie weiter. Ich war richtig erleichtert! Aber zu früh. Als sie ein paar Schritte gegangen war, drehte sie sich zurück zu mir und meinte herablassend: „Ach und, bevor ich es vergesse, du hast noch genau zehn Minuten Zeit. Also ab zur Notbremse oder du kannst dir gleich einen Strick knüpfen!“ Wütend wie schon seit Jahren nicht mehr ließ sie mich zurück. Als ich nicht mehr an mich halten konnte fuhr ich hoch und sah mich um. Ich wollte ihr hinterher laufen und ihr die Leviten lesen, wie es noch keiner in ihrem erbärmlichen und kurzen Leben gemacht hatte! Aber als ich sah, dass sie gerade in einer sehr heftigen Auseinandersetzung mit einem anderen Fahrgast war, war ich einen Moment lang irritiert. Ich beobachtete die beiden eine Weile. Dann ging sie weiter und der Mann schaute mich an. Einen Augenblick lang war es, als müssten wir unbedingt reden, aber das war sofort wieder vorbei und ich wand mich wieder meiner Zeitung zu.

„Ich muss mit Ihnen reden.“, sagte eine Männerstimme hinter mir. Genervt legte ich meine Zeitung wieder nieder. Es war in den fünfundzwanzig Jahren Bahnfahrt noch nie vorgekommen, dass ich derart penetrant vom Zeitungslesen abgehalten wurde. Ich schaute mich um und sah den Mann, der mit dem Mädchen gesprochen hatte. „Was wollen Sie? Machen Sie’s kurz.“ - „Das Mädchen, das gerade mit Ihnen geredet hat, es ist gefährlich.“ Ich lachte. „Nervtötend, aber nicht gefährlich.“ - „Sie sagte mir, ich würde heute sterben.“ - „Na, mein Beileid, aber das ist Ihr Problem.“ Der Mann schwieg einen Augenblick. Dann sprach er weiter. „Sie hat mir ein Foto gegeben, das ein Zugunglück zeigte.“ - „Auch Ihr Problem.“ - „Und Ihnen eins, wie sie sich aufhängen.“ Ich starrte den Mann wütend an. Warum ließen mich die ganzen Verrückten nicht in Ruhe? Er aber hielt nur ein Foto hoch, das tatsächlich mich zeigte, wie ich an einem Strick hing. „Es lag neben Ihren Sitz.“, fügte er erklärend hinzu. Ja, es war wohl von meinem Schoß gerutscht als ich mich nach dem Mädchen umgedreht hatte. „Hat sie Ihnen noch irgendetwas dazu gesagt?“, fragte er weiter. Ich sah ihn an und merkte, wie ich bleich wurde. Ich verstand ihre Andeutungen plötzlich. „Was denn nun?“, fragte der Mann. „Was hat sie ihnen gesagt?!“ - „Handbremse“, flüsterte ich. Meine Kehle war zu trocken, als dass ich hätte mehr sagen oder lauter sprechen können. Auch der Mann vor mir wurde bleich und fast gleichzeitig sprangen wir auf und schauten uns nach einer Handbremse um. Da sah ich sie! Am Ende des Ganges. Ich hechtete hin, versuchte sie noch zu erreichen, aber als ich die Wand erreichte durchzog ein heftiges Rucken meinen Körper, das mich von den Beinen riss. Ich versuchte mich wieder aufzurichten, aber ich wurde heftig zurückgestoßen. Panik! Überall um mich herum Panik. Menschen, die schrieen, bluteten und durch die Luft flogen. Ich versuchte mich festzuhalten, aber ich befand mich für den Bruchteil einer Sekunde in der freien Luft. Mit einem gewaltigen Schlag wurde ich gegen eine Handlehne geschleudert, so dass die Luft aus meinen Lungen gepresst wurde und es sich anfühlte, als würde irgendetwas in mir brechen. Ich brüllte vor Schmerz. Es tat so weh! Irgendetwas bohrte sich in meine Haut und dann wurde ich wieder durch die Luft geschleudert und kam mit dem Kopf auf. Dann war alles dunkel.

Ich wurde von meinem eigenen Keuchen geweckt. Nein, der Mann neben mir keuchte. Ich versuchte ihn anzusehen. Schemenhaft und verschwommen sah ich ihn und wünschte im gleichen Moment, ich hätte ihn nicht angeschaut. Sein rechtes Bein fehlte und aus der Wunde tropfte unaufhörlich dickflüssiges Blut, das in einem dünnen und zähfließenden Lauf immer weiter auf mich zu floss. Ich versuchte mich von diesem Blut wegzubewegen, aber die die Deckenplatte lag zu schwer auf mir. Wie gebannt schaute ich weiter den Mann an. Sein Arm war in einem unmöglichen Winkel abgeknickt und der blanke Knochen hatte sich durch das Fleisch gebohrt. Seine Kleider lagen in Fetzen und seine Haut war über und über mit mehr oder weniger schlimm blutenden Wunden übersäht. Er keuchte. Ich schaute sein Gesicht an. Er reckte das Gesicht in die Luft, den Kopf in dem Nacken gelegt und brachte erbärmliche Laute von sich. Keuchte, hustete, jappste und spuckte Blut. Dann röchelte er ein letztes Mal und das Blut spritze in alle Richtungen. Dann war er still. Eine Sekunde bewegte er sich nicht, aber dann kippte sein Kopf in meine Richtung. Leere, hohle Augen schauten mich an. Mir war schlecht. Aber irgendwie freute ich mich für den Mann, denn ein Leben mit einem so erbärmlich zugerichteten Körper ist kein Leben mehr. Da ist es auf jeden Fall besser, tot zu sein.

Ich drehte meinen Kopf um diesen Toten nicht mehr ansehen zu müssen. Dabei prüfte ich meinen eigenen Zustand. Meine Hände waren taub, aber noch eingeschränkt bewegungsfähig, wobei die Einschränkung wohl eher daran lag, dass eine bestimmt einige Kilo schwere Metallplatte auf mir lag. Diese Platte machte es mir auch schwer zu atmen, aber atmen konnte ich noch und roch bei jedem Atemzug das Blut und den Tod um mich herum. Meine Beine konnte ich nicht mehr spüren. Das liegt nur an der Platte, beruhigte ich mich. Es geht dir gut. Zumindest besser als den andren hier. Ich versuchte mich noch mal umzusehen. Überall lagen Tote. Schlaff und blutend lagen sie um Zwischengang oder auf ihren Plätzen. Von manchen waren auch nur einzelne Teile zu sehen. Es sah aus wie nach einer Schlacht. Überall war der Tod. Ich schloss meine Augen, um das nicht mehr sehen zu müssen. Es war so schrecklich. Ich konnte mich glücklich schätzen, dieses Unglück überlebt zu haben. Dann verlor ich das Bewusstsein. Das nächste, was ich mitbekam waren Schemen, die durch den Zug wanderten. Obwohl ich ein sehr realistischer Mensch bin, streifte doch die Vorstellung, das seien Geister, meinen Verstand. Doch dann erkannte ich Leute von der Feuerwehr und dem Rettungsdienst. Ab da war alles wie in einer Trance. Sie suchten nach Überlebenden, borgen Leichen und Leichenteile, dann fanden sie mich. „Oh mein Gott! Hierher! Schnell! Er lebt noch!“, daran erinnere ich mich noch. Dann versuchten sie die Platte von mir zu schieben, doch es tat so weh! Als sie hörten, wie ich unter schwersten Schmerzen stöhnte, mussten sie sich irgendetwas anderes überlegen. Doch an was erinnere ich mich nicht mehr. Als ich wieder aufwachte hatten sie mich auf eine Trage gelegt, ein Atemgerät auf mein Gesicht gedrückt und hievten mich aus dem Wagon. Ich verlor ein weiteres Mal das Bewusstsein.

„Sie werden es überleben. Sie haben nur ein paar Prellungen und Brüche, nichts lebensgefährliches. Ihre Hände werden Sie nach einiger Übung auch wieder wie zuvor benutzen können …“, sagte der Arzt zu mir. Ich wartete, dass noch etwas käme, aber es folgte nichts als eine lange Pause. Das unausgesprochene `aber´ ließ der Mann nur im Raum stehen. Bis ich es aussprach. Der Arzt seufzte und sah mich dann an. „Ihre Wirbelsäle hat zwischen dem 15. und 16. Wirbel einen schlimmen Bruch, den wir nicht korrigieren können. Das bedeutet, dass Sie Ihre Beine niemals wieder benutzen werden könne. Sie werden auf einen Rollstuhl angewiesen sein.“ Ich starrte ihn an. Ich würde behindert sein? Dann wäre ich lieber tot!

Sobald ich aus dem Krankenhaus entlassen war suchte ich alle Ärzte auf, die ich finden konnte, sogar Scharlatane und `Wunderheiler´. Ich konnte nicht glauben, dass ich nun mein gesamtes weiteres Leben im Rollstuhl verbringen sollte. Ich wollte es nicht. Doch wohin ich auch ging, es war vollkommen gleichgültig, sie sagten mir alle das Gleiche: Sie konnten mir nicht helfen. Damals erwischte ich mich das erste Mal, wie ich an das Foto denken musste, das mir das Mädchen gegeben hatte. Humbuk! Davon würde ich mich nicht beeinflussen lassen. Aber … warum eigentlich nicht? Mein Leben war keinen Pfifferling mehr wert. Was würde es also bringen, wenn ich weiterleben würde? Da könnte ich dem fremden Mädchen doch den Gefallen tun und so sterben, wie sie es wollte, oder nicht? Das Foto selbst hatte ich mir nicht genau angesehen, aber der Mann hatte doch gesagt, ich hätte mich aufgehängt, nicht wahr? Aber wie sollte das gehen? Schlingen fand man nicht mehr in jedem Landen und wie man sie machte wusste ich nicht. Aber ich konnte es ja einfach mal probieren. Irgendwo müsste ich noch eine Schnur im Haus haben.

Ich hatte tatsächlich ein Seil gefunden, das zur Schlinge taugen würde, aber als ich es zu binden versuchte, war das mehr als nur eine Katastrophe. Ich konnte meine Finger nicht richtig bewegen, geschweige denn, dass ich gewusst hätte, wie ich sie hätte bewegen müssen, damit eine Schlinge heraus käme. Wütend schmiss ich das Seil in die Ecke. Nicht einmal umbringen konnte man sich! Was für ein Leben!

Nun im Nachhinein betrachtet hätte es wohl auch viele andere Möglichkeiten für mich gegeben, diesem unwürdigem Leben ein Ende zu bereiten, aber ich war wohl zu sehr auf die Vorstellung fixiert, ich müsse mich erhängen. Jedenfalls kam mir nichts anderes in den Sinn als mich zu erhängen. Auch, wenn vieles einfacherer gewesen wäre. Aber ich hielt an mich. Wenn ich etwas will, dann ruhe ich nicht, bis ich es habe. Ich erinnerte mich daran, dass der Arzt gesagt hatte, dass meine Hände wieder wie früher wären, wen ich sie trainieren würde. Also informierte ich mich, wie ich sie trainieren müsste. Die Leute, die mich kannten sahen darin wohl eine Art glückliche Wendung und dachten, dass ich nun anfangen würde, mich mit der Situation abzufinden. Aber sie irrten sich. Ein Morris findet sich nicht mir Situationen ab, er ändert sie! Er formt sie, damit sie sich ihm anpassen.

Nach einigen Monaten hing es meinen Händen wieder so weit besser, dass ich vieles machen konnte, was ich gewohnt war. Noch nicht alles, aber doch vieles. Vor allem aber genug. Also ging ich in die Städtische Bücherei und fragte nach einem Buch über Knoten. Ich lachte innerlich, als die junge Frau mir es vollkommen unbedarft holte. Dass es so einfach werden würde, an eine Anleitung zu kommen, wie ich mir eine Schlinge knüpfen könnte, hatte ich nicht gedacht. Tatsächlich war direkt im ersten Buch, das sie mir brachte, die besagte Anleitung drin. Ich kopierte sie mir und machte mich dann wieder auf den Heimweg. Dort holte ich ein altes Seil, das dick und stabil genug war, mich zu tragen. Dann knüpfte ich als Übung mit dünneren Bändern Schlingen. Und dann war es so weit. Ich nahm mein dickes Seil, formte eine Schlaufe und eine kleinere Gegenschlaufe. Anschließend wickelte ich das Band ein paar Mal um die drei parallelen Schlaufenenden. Und fädelte das Ende dieser Schnur dann durch die Gegenschlaufe. Ich zog einmal zur Probe, ob sich die Schlaufe wirklich bewegen ließ und legte sie dann zufrieden auf meinen Schoß. Dann schaute ich mich um und mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Wo sollte ich mich denn erhängen? Ich lebte im Erdgeschoss! Nirgends waren Treppen oder Balken an denen ich mich hinunterstürzen konnte oder an denen ich die Schlinge überhaupt befestigen konnte! Davon, dass ich von der Hüfte ab gelähmt war, mal ganz abgesehen. Das war der Moment, wo ich das erste Mal überlegte, wie ich mich noch umbringen könnte und ich merkte dabei ganz deutlich, dass ich mich aber wirklich erhängen wollte. Es war mehr als nur ein Gefallen für ein fremdes Mädchen, es war mein Wille. Aber Wo? Wo? Wo? Wo?!

In der nächsten Woche versuchte ich mehrere Möglichkeiten aus. Die meisten leider sehr nutzlos. Ein paar waren auch schmerzhaft. Als ich das Seil zum Beispiel mit Hilfe einer Leiter an einer Gardinenstange festmachte, mir umlegte und dann mit der Leiter umstürzte, brach die Gardinenstange und sie und die Leiter fielen auf mich drauf. Nach dem Erlebnis hatte ich erstmal eine Weile keine große Lust mehr, zu versuchen mich zu erhängen. Aber an der Tatsache änderte es nichts. Ich würde dieses elende Leben beenden! Aber ich wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. Mit den nutzlosen Beinen auf die Leiter zu klettern war schon ein reiner Kraftakt gewesen, den ich nicht glaubte jemals wiederholen zu können. Ich fuhr mit meinem Rollstuhl durch meine Wohnung und hielt Ausschau nach etwas, woran ich mich erhängen könnte, als mein Blick auf mein Wohnzimmerfenster fiel. Unter diesem Fenster gab es einen Treppenschacht, der in den Keller führte. Ich brauchte einen Augenblick, bis ich mir selbst folgen konnte, doch dann fuhr ich zum Fenster und drückte mir die Nase platt. Ich grinste. Dieser Schacht dürfte tief genug sein. Ich schaute mich um. Das nächste Problem wäre, wie ich das Seil befestige. Ich schaute mich um. Direkt neben der Türe meines Wohnzimmers war eine Garderobe mit großen Harken. Ich holte mein Seil, band eine Schlaufe und legte diese Schlaufe um einen der Harken. Dann schloss ich notdürftig die Türe, damit ich die Garderobe nicht aus der Wand katapultierte. Dann fuhr ich meinen Rollstuhl zum Fenster über den Schacht und schaute mir das Fenster an. Ich würde dort nicht hinauf kommen, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Ich sah mich um. Direkt neben dem Fenster stand ein Stuhl. Ich fuhr zu ihm und schob ihn direkt an das Fenster. Dann machte ich es auf. Kalte Luft schoss mir entgegen. Ich legte mir meine Schlinge um den Hals und schaute mir das an, was ich mir zurecht gestellt hatte. Das Fenster war weit genug offen, dass ich mich dadurch zwängen könnte. Der Stuhl stand genau richtig, dass ich an ihm hinaufklettern könnte, die Schlinge war bestmöglich befestigt. Ich hatte eigentlich alles bedacht. Dann fuhr ich möglichst na an den Stuhl. Das würde nun ein absoluter Kraftakt werden. Ich lehnte mich nach vorne, hielt mich an dem Stuhl fest und stützte mich dann aus dem Rollstuhl, bis ich halb auf dem Stuhl saß. Dann stützte ich mich auf die Fensterbank und hievte mich hinauf. Gerade, als ich meinen Oberkörper höher bekommen hatte, verließ mich die Kraft. Ich musste noch mal tief durchatmen. Aber ich wusste, dass ich es schaffen würde. Die Alternative war einfach zu unwürdig. Mit dem Gedanken schaffte ich mich schließlich auf das Fensterbrett. Ich schaute hinunter. Ja, das würde wirklich reichen. Dann ließ ich mich fallen.

11.2.08 15:12


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Jaqueline Schütte

Hallo, mein Name ist Jacqueline Schütte und ich bin eine Halbweise. Na ja, eigentlich habe ich ein viel größeres Problem, ich bin tot, aber dazu komme ich später.

Also, als ich drei Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden und ich blieb bei meiner Mutter. Als ich vier war, starb meine Mutter bei einem Autounfall und ich kam zu meinem Vater. Als ich sechs war, heiratete mein Vater wieder und ich hatte eine Stiefmutter. Eine richtige Klischee-Stiefmutter. Und als ich sieben war, war ich tot.

Fabienne, die Frau mein Vater geheiratet hatte, war eine sehr schöne Frau. Sie hatte weiche, blonde Haare und ein zartes Gesicht. Aber ich mochte sie trotzdem nicht und ich wusste, dass auch sie mich nicht mochte. Ihre Augen sagten es mir. Sie waren immer so kühl. Und das lag nicht an ihrer blauen Farbe, sondern an der kalten Seele, die sich dahinter verbarg. Ja, ich weiß, das hört sich nicht so an, als wäre es von einer siebenjährigen geschrieben, aber, hey, ich lese viel und bin frühreif. Außerdem hatte ich wirklich genug Zeit, um mir das alles noch mal durch den Kopf gehen zu lassen. Diese Beschreibung ihrer Augen ist übrigens aus einem Lieblingsbuch von mir, ich fand, es passt.

Jedenfalls mochten wir uns nicht, meine Stiefmutter und ich. Sie wollte mich irgendwie wieder loswerden, aber mein Vater liebte mich, ich war schließlich seine kleine Tochter. Daher kam ein Internat nicht in Frage, wie schmackhaft sie es im auch machte. Er wollte mich immer in seiner Nähe haben. Das war ein Triumph für mich. Also wechselte sie die Technik. Von Heute auf morgen schien sie nett geworden zu sein und sie sprach nicht mehr über das Internat oder auch nur ähnliches. Anfangs wunderte ich mich noch sehr darüber, aber irgendwann fand ich mich damit ab, dass es ja einen derartigen Sinneswechsel geben kann und ich fing sogar an, sie beinahe nett zu finden. Ich begann, Wünsche wieder zu finden, die ich mit Mutters Tod eigentlich begraben hatte: Der Wunsch nach einer intakten Familie. Und so warf ich irgendwann alle Vorsicht über Bord. Jetzt, wo ich schon seit einer ganzen Weile tot bin, kann ich schon sagen, dass das ein ziemlicher Fehler war. Aber damals wusste ich es eben nicht besser und dieser Wunsch war einfach stärker als ich.

Und dann traf ich sie. Und ich meine wirklich treffen! Es war im Winter, etwa vier Monate, bevor ich starb. Ich spielte, wie jedes normale Kind, mit meinen Freunden und wir machten eine Schneeballschlacht. Ich warf zwar nicht gut, aber ich wurde auch nur sehr selten getroffen. Bei Bällen oder Ballähnlichen Dingen habe ich einfach keine Begabung. Sie umgehen mich meterweit und machen nie das, was ich will. Sei es bei Fußball, Volleyball, Kegeln oder sogar bei Schneeballschlachten. Es ist, es war, sehr frustrierend. Trotzdem hatte ich an diesem Tag zu meinem Pech einen Treffer: Ich warf auf Suzi und verfehlte sie, natürlich. Dafür erwischte mein Schneeball ein anderes Mädchen. Sie war viel älter als wir und hatte braune Haare. Mehr sah ich in dem Augenblick nicht von ihrem Gesicht, denn das war alles mit Schnee bedeckt. Sie machte keine Anstalten, den Schnee von ihrem Gesicht zu wischen und trotzdem begann er an ihrem Gesicht hinunter zu laufen, angefangen bei ihren Augen, die im Kontrast mit dem weißen Schnee unnatürlich grün leuchteten und auch als sie sich schließlich doch über das Gesicht wischte, schienen die Augen nichts an ihrer grüne eingebüßt zu haben.

Anfangs hatte sie mir Angst gemacht, weil sie sich nicht gerührt hatte und ich dachte, ich hatte sie mit dem Schneeball umgebracht. Dann hatte ich einen Augenblick Angst vor ihrer und dachte, sie sei wütend. Aber dann lächelte sie mich an und ich war sofort beruhigt. Dann winkte sie mich zu sich und ich ging zu ihr. Naiv, wie ich im Nachhinein sagen kann. Trotzdem ging ich zu ihr und sie hockte sich hinunter zu mir. Sie lächelte und ich lächelte zurück. Dann flüsterte sie mir etwas ins Ohr und drückte mir etwas in die Hand. Anschließend lächelte sie mich noch mal an und stand auf. "Vier Monate noch.", sagte sie und dann ging sie.

Ich blieb zurück und schaute ihr verwirrt hinterher. "Trau deinem Instinkt und vertrau ihr nicht, sie ist dir nicht wohl gesonnen", hatte sie mir gesagt. Was bedeutet wohl gesonnen? Ich schaute ihr hinterher und wurde von einem kalten Schneeball aus den Gedanken gerissen. Ich schaute mich um. Hinter mir stand Ulli und grinste mich blöde an.

Ich ging dann wieder zurück nach Hause und schaute mir das Bild an, das mir das Mädchen gegeben hatte. Ich mochte sie dann schon nicht mehr, aber jetzt habe ich auch verstanden, dass sie mich warnen wollte und nun habe ich das Gefühl, dass ich mich bei ihr entschuldigen sollte. Das Bild aber sagte mir absolut nichts. Ich verstand es nicht. Es war ein Bild von mir, wie ich im Bett lag und bleich die Augen offen hatte. Ich mochte das Bild nicht, es war mir irgendwie unheimlich und hatte etwas "Unheilvolles". Außerdem war jemand mit blonden Haaren in meinem Zimmerspiegel zu sehen. Ich entschloss mich, es meinem Vater zu zeigen.

Mein Vater war nicht da, aber Fabienne und sie fragte mich sofort, was ich da hatte. Ich sah keinen Grund, ihr das Bild nicht zu zeigen. Wer hätte auch gedacht, dass das Mädchen Fabienne meinte....

Fabienne nahm sofort das Bild an sich und gab mir eine Ohrfeige. "Man nimmt nichts von fremden Menschen an", sagte sie dazu und das Bild sah ich nicht mehr wieder. Trotzdem entschloss ich mich, meinem Vater davon zu erzählen und wartete, bis zum Abendessen, wo mein Vater wieder da war. Als ich es ihm erzählte, ließ er sein Besteck fallen und schaute von mir zu Fabienne. Kaum merklich schüttelte sie mit dem Kopf und Vater wand sich wieder dem Essen zu. Ich erzählte ihm währenddessen alles. Von der Schneeballschlacht und dem Mädchen. Und wieder von dem Foto. Ich bereute, dass ich es Fabienne gegeben hatte. Ich seufzte und wollte aufstehen, aber Fabienne meinte, ich dürfe erst aufstehen, wenn ich aufgegessen hätte. Also aß ich auf. Nach dem Essen war mir wieder schlecht, wie nach jedem Essen. Ich hatte zwar nichts mehr gegen Fabienne, aber kochen konnte sie wirklich nicht.

Bald war mir nicht mehr nur nach Fabiennes essen übel. Diese Übelkeit weitete sich auf meinen gesamten Tag aus. Ich stand auf und fühlte mich gut. Ein wenig erschöpft, aber ansonsten gut. Aber nach dem Frühstück ging es mir immer schlecht, was sich bis zum nächsten morgen auch nicht änderte. Ich wusste damals nicht, was das bedeutete, ich meine, was es wirklich bedeute. Mir war einfach nur übel und ich war ein wenig krank. Wie bei Fieber oder einer Erkältung. Mehr war es für mich damals nicht. Als Fabienne und mein Vater die ersten Krankheitsanzeichen bemerkten, steckten sie mich sofort ins Bett und ich lebte ab da wie eine Prinzessin. Vollkommen versorgt und verwöhnt, aber niemals frei. Ich war die Gefangene meines Bettes und Fabienne war meine Kerkermeisterin, denn sie war immer in meiner Nähe und versorgte mich. Sie brachte mir ihr schreckliches Essen ans Bett und hielt mich von meinem Vater fern. Doch mein zustand verbesserte sich nicht. Mein Vater hatte bis dahin gehofft, dass sich mein Zustand wieder von selbst verbessern würde, aber bald schon sah er ein, dass es nicht so war und er schleppte mich zu einem Arzt. Vater wusste, wie viel Angst ich vor Ärzten hatte, darum hatte er es so lange aufgeschoben. Doch auch der Arzt hatte keine Erklärung und gab mir eine Vitamin-Medizin, die mich stärken sollte.

 

Fabienne kam in mein Zimmer um den Teller Suppe abzuholen, den sie mir zum Mittag gebracht hatte. Vorwurfsvoll schaute sie mich an. „Du hast ja gar nicht aufgegessen, Spätzchen. Das machen doch sonst nur böse Mädchen. Bist du etwa ein böses Mädchen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das bin ich nicht. Aber ich mag nicht immer die Suppe essen. Sie schmeckt mir nicht.“ Fabienne sag verletzt aus. „Sie schmeckt dir nicht? Aber ich habe mir doch solche Mühe gegeben. Bitte, Spätzchen, iss sie doch um meinet willen.“ Ich schaute angewidert auf die Suppe. Sie schmeckte furchtbar. Bitter und beißend, wenn ich mich recht erinnere. Fabienne schaute mich erwartungsvoll an. „Komm schon, Spätzchen, tu es für mich.“ Ich mochte diese Person nicht einmal besonders. Trotzdem schaufelte ich mir nach und nach die Suppe hinein. Sie schmeckte bitter und als ich sie herunter schluckte, biss sie meinen Hals. Ich hasste es. Dann nahm Fabienne zufrieden das kleine Medizinfläschchen hervor und schüttelte ein wenig davon auf meinen Suppenlöffel, den sie mir dann vor den Mund hielt. Ich starrte die Flüssigkeit eine Weile an. Dann jedoch öffnete ich den Mund und schluckte die Medizin. Sie biss noch schlimmer als die Suppe und ich hatte das Gefühl, als zöge sie alle Feuchtigkeit aus meinem mund und meinem Hals. Ich sah Fabienne verwirt an. „Das schmeckt ja wie die Suppe! Es schmeckt beides so eklig!“ „Natürlich, Spätzchen. In beiden sind viele wichtige Vitamine. Das ist gesund. Und was gesund ist schmeckt nicht.“ Warum war mir das noch nie aufgefallen? Dieser Nachgeschmack, der sich tief in die kehle brannte und das Gefühl verursachte, sich ewig übergeben zu wollen. Irgendetwas bedeutete dieser Geschmack, aber mit meinen sieben Jahren konnte ich damals natürlich noch nicht darauf kommen, was es war und so konnte mich diese Person in völliger Seelenruhe weiter vergiften.

 

Irgendwann begann ich, die Suppe, die mir Fabienne brachte, in eine Puppenwanne unter meinem Bett zu schütten. Beinahe schalartig schien es mir wieder besser zu gehen. Das merkte auch Fabienne und fraget mich sofort, ob ich auch brav alles aufgegessen hätte. Ich nickte. Dann gab mir Fabienne wieder meine Medizin und mir ging es wieder etwas schlechter. Als ich auch am Abend nichts aß, ging es mir wieder besser, zumindest, was die Krankheit anging. Ich fühlte mich nämlich sehr schwach und hungrig. Nichts essen konnte ich also auch nicht. Also aß ich am nächsten tag das Frühstück und das Abendessen und als ich wieder etwas fitter war begann ich nur noch das Abendessen zu essen und schüttete den Rest weiterhin in meine Puppenwanne unter dem bett. So machte ich es einige Tage, doch dann war die Wanne voll und sie war zu schwer für mich, als dass ich sie hätte wegbringen können. Also suchte ich mir immer neue Gefäße in meinem Zimmer, in die ich die eklige Suppe schüttete. Es ging mit zwar nicht gut, aber auf jeden Fall besser als zuvor. Nun, zumindest bis es Fabienne mitbekam. Sie kam eines Tages in mein Zimmer und zog die Nase hoch. „Hier riecht es schlecht.“, sagte sie und ging zum Fenster um es zu öffnen. Als sie sich umdrehte sah sie flüchtig zu mir. Dann fiel ihr Blick auf die vielen Behälter unter meinem Bett und sie wurde einen Augenblick lang kreidebleich. Als ihre Augen fast glühten lächelte sie, kam zu mir ans Bett und streichelte mir leicht übers Haar. „Spätzchen. Hast du etwa die ganzen letzten Tage nichts gegessen? Dann musst du doch sehr hungrig sein. Ich mache dir gleich noch einen Teller Suppe!“ Ich schüttelte den Kopf, aber es half nichts. An dem Abend musste ich die dreifache Menge essen. Unter Fabiennes Aufsicht. Danach war mir wirklich übel. Es schmeckte scheußlich und es war viel zu viel. Ich übergab mich.

 

Ab dem Tag beließ es Fabienne nicht mehr nur dabei, dass sie mir das Essen brachte. Sie blieb auch so lange neben mir sitzen, bis ich den Teller bis auf den letzten Tropfen heruntergewürgt hatte. Von Tag zu tag ging es mir immer schlechter und auch meinen Vater sah ich eigentlich gar nicht mehr. Einmal, als er mich besuchen kam, schlief ich bereits, doch ich wachte auf und als er gerade gehen wollte, rief ich ihn und er kam zurück an mein Bett. „Papi.“, sagte ich. „Kann man denn mit offenen Augen schlafen?“ Er sah mich verwirrt an. „Nein“, antwortete er. „Also, ich kenne zumindest niemanden, der das kann.“ Ich lehnte mich tief in mein Kissen, entspannte mich und legte meine Hände auf meinen Bauch zusammen. Meine Augen starrten leer und ausdruckslos durch die Wand. Mein Vater sah mich so eine Weile liegen. Dann befahl er mir mit unterdrückter Stimme, augenblicklich damit aufzuhören. Ich schaute ihn an. „Kann man so schlafen?“, fragte ich ihn, aber er wurde nur bleich und schüttelte den Kopf. Dann sagte er nach einer Weile: „So legt man meistens Leute hin, die nicht mehr leben.“ Ich sah ihn lange an, bevor ich wieder etwas sagte. „Wenn das so ist“, sagte ich. „dann werde ich bald sterben.“

 

Als ich das gesagt hatte, wer mein Vater fast vom Stuhl gekippt. Er wollte wissen, wie ich darauf gekommen sei und ich erzählte wieder von dem Foto. Als Fabienne dann mit dem Essen kam, schickte sie ihn weg und ich fragte sie, was sie mit dem Foto gemacht hätte. „Das habe ich schon lange entsorgt.“, sagte sie. „Es hat mich gezeigt, wie ich tot war, oder?“ Fabienne zuckte mit den Schultern. „Ich sah nicht viel anders aus, als jetzt auch, oder?“ Wieder zuckte sie mit den Schultern. „Tut es weh zu sterben?“ „Iss endlich!“ „Ich mag dein Essen aber nicht. Es schmeckt nicht.“ „Ich sagte: Iss!“, fauchte sie und ich aß eingeschüchtert. Es schmeckte wieder nicht. Als sie gehen wollte, rief ich sie noch mal zurück. „Fabienne! Wie lange bin ich nun schon krank?“ „Etwa vier Monate, warum?“ Ich seufzte. „Das ist lange. Werde ich denn wieder gesund?“ Fabienne schloss mit einem Seufzer die Türe und setzte sich neben mein Bett. „Ich will dir nichts vor machen. Du bist sehr krank und eine Besserung scheint nicht in Sicht. Ich bin kein Arzt, aber ich glaube, dass du sterben wirst.“ Ich nickte. Dann würde ich also sterben.

 

Als ich das verstanden hatte, verschlechterte sich mein Zustand zusehest. Und eines Morgens lag ich regungslos und mit offenen Augen in meinem Bett. Die Hände über dem Bauch zusammengelegt.

22.2.08 18:54





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