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Lucy Swear

Es war ein wundervolles, romantisches Essen. Und mit Niemandem hätte ich es lieber verbringen mögen, als mit ihm. Wir waren jetzt schon zwei Jahre ein Paar. Es war unser Jubiläum und er hatte mich am Morgen überrascht. Als ich mich am morgen im Bett zu ihm umdrehte war er nicht da. Verschlafen schaute ich mich im Zimmer um und entdeckte auf dem Boden Rosenblätter. Ich lächelte, stand auf und folgte ihnen. Hier und da lagen zwischen den Blüten kleine Nachrichten, mit denen er mir einen schönen guten Morgen wünschte oder mir sagte, wie sehr er mich liebe. Ich sah mich um. Womit hatte ich das denn verdient? Ich folgte der Spur aus Blütenblättern weiter bis in die Küche, wo an unserem kleinen Tisch für das Frühstück gedeckt war. Ich lächelte, das war so süß! Am anderen ende des Tisches saß er, auf die Arme gestützt, und schaute mich mit seinen kastanienbraunen Augen an. Er lächelte, als er mich sah, aber sonst rührte er sich nicht. Ich wollte zu ihm gehen und ihm einen Kuss geben, als er auf meinen Teller verwies. Auf ihm lag ein Brief, in dem eine Einladung ins `Botticelli´ lag. Ich schnappte nach Luft. Kein Restaurant hatte so gute Kritiken wie das `Botticelli´! Ich wollte immer schon einmal dort hinein, aber das Restaurant war ebenso teuer wie exklusiv und als einfache Studentin konnte ich mir das nicht leisten. Er eigentlich auch nicht! Und doch saßen wir nun hier. Es war so wahnsinnig romantisch. An der Wand hingen Meisterwerke der Renaissance und auch die Einrichtung und der Saal waren der Renaissance nachempfunden. Das Essen war fantastisch und die Stimmung wundervoll. Und dann seine Augen, die so zart auf mir ruhten. Ich warf ihm eine Kusshand zu. „Demian, Schatz, was hast du denn? Du bist heute so still.“ Er lächelte scheu und erhob sein Glas. „Ich bin ein wenig nervös, muss ich zugeben. Denn ich möchte doch, dass der heutige Abend perfekt wird!“ Ich lachte. „Das ist er! Das ist er.“ Er setze wieder sein zärtliches und geheimnisvolles Lächeln auf. „Ich liebe dich, Lucy! Du ahnst gar nicht, wie sehr.“

 

Der Abend war wirklich perfekt, in jeder Hinsicht. Bis zu dem Moment, als wir fertig gegessen hatten. Dann stand er auf und ich dachte, er würde nur kurz aufs Klo gehen … oder mich mit der Rechnung alleine sitzen lassen, aber er kam zu mir und küsste mich auf die Stirn. Dann kniete er vor mir nieder. Ab dem Augenblick empfand ich alles wie durch eine Mauer hindurch. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich das wirklich erlebte, ich konnte mir nicht erklären, was er sagte! Wie er vor mir kniete und sagte, dass er mich über alles liebe und mich sein ganzes Leben an seiner Seite wissen wollte. Er griff in seine Tasche und holte ein Kästchen hinaus. Nein!, schoss es mir durch den Kopf. Er durfte alles machen, was er wollte, aber er durfte mir keinen Antrag machen! Er klappte das Kästchen auf und ich kippte beinahe vom Stuhl. Ein kleiner Diamantring funkelte mich an. Nein! Ich hörte schon gar nicht mehr, was er mir sagte. Eine Stimme in meinem Hinterkopf brüllte nur immer dieses eine Wort. NEIN! Ich wollte, ich konnte noch nicht heiraten! Es war zu früh! Ich war Studentin, ich war 21, ich war einfach noch nicht bereit für die Ehe! Ich konnte und durfte nicht! „Und? Was sagst du? Möchtest du meine Frau werden?“, was das nächste, was ich hörte. Tränen schossen mir in die Augen. „Warum hast du das getan?“, flüsterte ich. Er schaute mich verwirrt an. Ich sah, wie seine Augen flackerten. Er ahnte, was meine Antwort sein würde. Trotzdem blieb er standhaft. „Das habe ich dir erklärt. Lucy, ich liebe dich über alles und ich möchte dich niemals in meinem Leben missen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Bitte, Demian, Setz dich wieder hin und vergiss, dass du mich gefragt hast. Ich kann es nicht.“ „Warum nicht?“, fragte er. Ich begann zu weinen. „Ich kann es einfach nicht. Demian, bitte, ich kann es dir nicht erklären.“ Er setzte sich wieder hin. Er war sichtlich verletzt. Aber war das nicht verständlich? Dann rief er den Kellner zu uns und bat ihn, die Rechnung zu bringen. Er war durch und durch gefasst und ein echter Gentleman. Aber wer ihn kannte, wusste, wie elend ihm zu mute war. Und ich konnte es ihm nachempfinden, schließlich ging es mir auch so elend. Nachdem er die Rechnung bezahlt hatte, schwiegen wir uns noch einen Moment an. Dann stand er auf und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Ich liebe dich“, sagte er und dann ging er.

 

Einige Minuten später ging ich auch. Ich kuschelte mich in meinen Mantel, doch mein Körper zitterte trotzdem. In meinem Kopf drehten sich alle meine Gedanken. Hätte ich den Antrag annehmen sollen? Damit ich Demian nicht verletze? Aber was wäre dann aus mir geworden? Ich könnte in einer Ehe nicht glücklich werden. Ich bin kein Familenmensch. Ich hatte selbst auch nie eine richtige Familie. Ich war nicht bereit dafür, mein Leben mit jemandem zu teilen. Es hatte niemals passieren sollen! Ich wusste doch immer schon, wie mein Leben verlaufen würde! Schule, Studium und erst mit einigen Jahren Berufserfahrung eventuell eine Familie. Ich wollte nie etwas anderes! Für mich stand immer schon mein Erfolg im Vordergrund. Das mit Demian … hatte niemals passieren sollen! Das Kennen lernen, der Kuss, das Zusammenziehen, all das hatte nicht passieren sollen! Tränen liefen mir über die Wangen. Ich wusste noch nicht einmal, ob ich ihn wirklich liebte! Vielleicht brauchte ich ihn nur als Gesellschaft! Ich blieb an einem Geländer stehen und schaute auf den Fluss unter mir. Eine plötzliche Sehnsucht zog mich zu den Fluten. Ich hatte keine Selbstmordgedanken, nicht, dass ihr mich missversteht, ich wollte nur alles für einen Augenblick vergessen! Betäubt und still. Vergessen, einfach nur vergessen.

 

Das Vergessen kam. Aber auf vollkommen andere Art und Weise als ich mir jemals vorgestellt hatte. Auf eine Art, die ich selbst jetzt noch nicht begreife. Sie lehnte neben mir am Geländer und sah mit mir auf die Wellen. Ich wusste nicht, seit wann sie dort stand oder wann sich sie bemerkte, aber ich bemerkte sie. Ich musterte sie aus dem Augenwinkel. Sie hatte schulterlanges, braunes Haar und ein zierliches, hübsches Profil. Ich erzitterte. Der Wind war kalt und schnitt selbst durch meinen Mantel. Aber das Mädchen lief nur in einem Shirt herum. Sie sah mich an. Ich erschrak. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie ich mich ihr immer und immer mehr zugewandt hatte. Ich wand mich wieder ab, räusperte mich und wollte wieder gehen. „Was ist dir wichtiger? Deine Freiheit oder er?“ „Freiheit!“, antwortete ich ohne zu überlegen. Dann drehte ich mich um. Das Mädchen schaute immer noch auf den Fluss hinaus. Dann drehte sie sich zu mir und nickte. „Eine sehr klare Entscheidung, meinst du nicht?“ Ihre Stimme war weich und melodisch … erst einen Augenblick später kam ich darauf, was sie überhaupt gesagt hatte und nickte. „Vermutlich.“ Sie lächelte. „Du bist ja sehr kurz angebunden. Keine Angst, ich beiße nicht“ dann fügte sie nach einer Pause schulterzuckend hinzu: „zumindest nicht ohne Grund …“ Ich wurde blass. Wer war sie? Sie stand nun direkt vor mir und hielt mir etwas hin. Ich beachtete es nicht. Ihre Augen hielten mich gefangen. Sie hatten ein sattes, dunkles Grün und doch leuchteten sie. Wer war sie? „Weißt du …“, begann ich. „das mit uns sollte niemals passieren, das Demian und mir.“ Ihre Augenbraue zuckte ungläubig nach oben. Sie fragte sich vermutlich das gleiche, wie ich: Warum erzählte ich ihr das?! „Wir haben uns auf einer Feier kennen gelernt. Ich wollte ihn mit einer Freundin von mir verkuppeln. Mit Andrea. Sie hätten perfekt zusammen gepasst.“ Sie rührte sich nicht mehr groß. Sie unterbrach mich nicht. Sie ließ mich einfach nur reden. Ich wusste nicht, warum ich ihr das erzählte oder warum sie zuhörte. Ich wusste nicht einmal, was ich ihr eigentlich genau sagen wollte. Aber ich redete. Ich wollte ihr alles erzählen. „Andrea war auch nicht abgeneigt, aber er hatte nur Augen für mich. Ich bemerkte des zuerst nicht. Und irgendwann hat Andrea es wohl mitbekommen und ist verschwunden. Als ich dann mit Demian alleine war, begann ich auch irgendwann zu merken, dass er was von mir wollte. Ich sagte ihm, dass ich nichts mit einem Jungen anfangen wolle, weil mich das vom Lernen abhalten würde. Er nickte und wir wurden Freunde. Er unterließ seine Annährungsversuche zwar nicht, aber er verpackte sie eher in etwas Spielerisches, dass ich es nicht mehr merkte. Zumindest nicht gleich.“ Ich seufzte. „Aber so etwas bekomme ich eh nicht so schnell mit.“ Ich lehnte mich wieder an das Geländer und schaute in die Ferne. „Irgendwann schaffte er es dann. In einem schwachen Moment hielt ich nicht mehr an mich und … es war meine Schuld! Der Kuss ging von mir aus!“ Tränen liefen mir über die Augen. „Seit dieser einen, verdammten Feier! Seit diesem Abend ist er immer in meiner Nähe. Wann immer ich mich umdrehe, er ist dort. Ich brauch mich nicht einmal umdrehen, und ich weiß, dass er da ist, ich spüre seine Anwesenheit. Aber das Schlimmste ist, dass es mir so vollkommen normal vorkommt!“ Ich versteckte mein Gesicht in meinen Händen und weinte. Das Mädchen lehnte sich wieder neben mich an das Geländer und schaute in die Sterne. „Das Schöne an dem Leben ist, dass es niemals zu spät ist. Eine Entscheidung muss nicht endgültig sein.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Sie kann endgültig sein und dich auf Ewigkeiten festhalten. Aber das muss nicht sein.“ Mir schien einen Augenblick, als würde sie aus Erfahrung reden. Dann fuhr sie fort. „Mir scheint, du weißt nicht wirklich, was du willst. Ich kann dir auch nicht sagen, was du möchtest, ich will es auch nicht. Aber ich kann dir versprechen, dass alles, was passieren wird dir hilft. Du musst nur aufmerksamer werden und lernen, auf dich selbst zu hören.“ Sie sah mir direkt in die Augen … nein, nicht in, durch. Es war, als sah sie durch meine Augen hindurch in mein Innerstes. Sie musste dort alles gesehen haben. Was ich verheimlichte und niemals aussprach, was ich fühlte, was ich wollte, und was ich sagte. Dann sage sie: „Nur, weil du eine Antwort gegeben hast, bedeutet es nicht, dass du dich nicht umentscheiden darfst. Ein Leben ist voller Eindrücke die einen ändern und formen. Man weiß nie, was als nächstes kommt und was die Zukunft bringen kann.“ Sie schlug die Augen nieder und als sie mich wieder anschaute, war irgendetwas anders. Vielleicht war es, weil die Abendsonne ihre Haare fast rot färbte. Oder dass der Wind ihre Haare ergriff und ihr ins Gesicht wehte. Oder dass mir die goldenen Striche in ihren Augen auffielen. Ich weiß es nicht. Aber die Art, wie sie schaute war unbeschreiblich und unheilvoll. „Es sei denn“, sagte sie und hielt ein Stückchen Papier in die Höhe ihres Auges, so dass ich es auf jeden Fall sah. „ich zeige es dir.“

 

Ich schaute das Papier an. Es war ein Foto. Sie hielt es nur mit Zeige- und Mittelfinger. Wie in Trance steckte ich meine Hand danach aus. Dann zögerte ich. „Was ist das?“ „Eine Zukunft.“ Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich glaubte nicht an Wahrsagerei. Ich wollte es nicht wissen. Trotzdem griff ich danach und sofort ließ das Mädchen das Foto los und drehte sich zu Gehen. „Was ist das?“, fragte ich erneut. Das Mädchen drehte sich um. „Eine Zukunft.“, wiederholte das Mädchen. „Was soll das bedeuten?“ Das Mädchen nickte. „Das ist die Frage.“ „Und die Antwort?“ „Bedeutet Leben“, antwortete das Mädchen.

 

Danach habe ich das Mädchen nicht mehr wieder gesehen. Nicht die unglücklichste Fügung meines Lebens muss ich zugeben. Irgendwann kam ich dann zu Hause an. Ich hatte noch einen langen Spaziergang gemacht. Ich wollte Demian nicht begegnen. Ich hatte seinen Antrag ausgeschlagen. Ich wollte ihm nicht ins Gesicht sehen. Die Nacht sah ich ihn auch nicht mehr. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war das Bett neben mir kalt und unberührt. Ein Stich ging durch mein Herz. Dann seufzte ich und redete mir ein, dass es wohl besser so sei. Dann ging ich in die Küche um zu frühstücken. Demian saß am Tisch. Ich erschrak und blieb wie angewurzelt an der Türschwelle stehen. Als er mich bemerkte lächelte er und winkte mich zu sich. „Ich hab dir einfach auch schon Frühstück gemacht.“ Das war einfach zu viel für mich. Meine Beine knickten ein und ich brach in Tränen aus. Er kam zu mir um mich zu trösten, aber ich wehre ihn ab. „Lass das! Sei nicht so nett zu mir! Sei nicht nett zu mir!“ Er hockte sich neben mich. Berührte mich nicht, aber beobachtete mich. Er wusste, ich hätte auch nichts anderes zugelassen. Fünf Minuten saß ich da und weinte. Dann beruhigte ich mich langsam und er hielt mir ein Taschentuch hin. Meine Augen begegneten seinen Kastanienaugen und ich begann wieder zu weinen. „Sei nicht nett zu mir! Ich habe das nicht verdient!“, rief ich immer wieder. Dann lehnte ich mich erschöpft zurück und sah ihn an. Den Drang, ein weiteres Mal loszuweinen kämpfte ich nieder. „Ich will nicht, dass du nett zu mir bist. Ich habe das nicht verdient. Ich habe dich so verletzt!“, sagte ich. Er schüttelte nur den Kopf. „Wie auch immer deine Entscheidung ausgefallen ist, ich Liebe dich. Wie könnte ich dem Menschen, den ich liebe böses wollen?“ Tränen schossen mir wieder in die Augen. Das grausamste an dem, was er sagte war, dass er Recht hatte. Einen Menschen, den man liebt will man nicht verletzten. Ich kam mir so schäbig und dreckig vor. „Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, was gestern passiert ist.“, fuhr er fort. „Und ich bin zum Schluss gekommen, dass du Recht hast. Wir müssen es einfach vergessen, dass ich dich gefragt habe. Ich möchte dich nicht verlieren. So lange du bei mir bist, oder es dir nur gut geht, ist es mir egal, ob wir beide heiraten oder nicht.“ Ein erneuter Heulkrampf erfasste mich. Er strich mir sanft über die Wange. „Lass es uns vergessen, ja?“ Ich nickte. Vergessen! Einfach nur vergessen! Alles, was gestern passiert ist. Alles? „Ich habe gestern ein Mädchen getroffen, nachdem ich aus dem Restaurant kam.“, ich wusste nicht, warum, aber ich wollte es ihm erzählen. Er nickte. „Sie hat mir ein Foto gegeben. Eines, auf dem ich abgebildet werde, wie ich …“ ich stand auf und ging das Foto holen. Ich konnte es nicht aussprechen, was das Foto zeigte. Demian betrachtete das Foto ganz genau. Dann schaute er auf. „Gestern war echt nicht dein Tag, oder?“ Eine Mischung zwischen Lachen und Weinen ergriff mich. Nein. Gestern war wirklich nicht mein Tag. „Weißt du, warum er dich erstechen sollte?“, fragte Demian weiter, aber ich schüttelte den Kopf. „Ich kenne den Mann ja nicht einmal!“ Er nickte. „Kennst du die Gasse?“ Ich schüttelte wieder den Kopf. „Weißt du, wann es passieren soll?“ Noch mal schüttelte ich den Kopf. „Und was bedeuten die Ziffern?“ Ich zuckte mir den Schultern. „Ich weiß es nicht. Sie hat es nicht erklärt.“ „Hat sie irgendetwas zu dem Foto gesagt?“ Ich zögerte und ging noch mal das Gespräch durch. Dann nickte ich. „Sie sagte, dass das Foto meine Zukunft sei und dass die Antwort auf die Frage, was es bedeutet, Leben bedeutet, oder so …“ Wieder nickte er. Dann legte er das Bild zur Seite. „Ich verstehe es auch nicht“, gab er zu. „Aber ich glaube, du solltest lieber auf dich aufpassen.“

 

Es verging eine Zeit. Bald merkten Demian und ich, dass es nicht funktionieren konnte, wenn wir in einer Wohnung leben, nachdem ich eine derartige Schuld auf mich geladen hatte. Immer und immer wieder musste ich weinen, wenn ich ihn sah, und irgendwann sagte Demian, dass er das nicht aushalten würde. Er würde für eine Weile in eine andere Wohnung ziehen. Vielleicht könnten wir ja irgendwann von vorne anfangen. Zum Abschied küsste er mich noch einmal auf die Stirn und sagte: „Pass gut auf dich auf. Und vergiss nicht, ich liebe dich!“ Wie hätte ich as vergessen sollen? Alles erinnerte mich an ihn. Ich lag abends im Bett und kuschelte mich ganz fest hinein. Doch es roch nicht mehr nach ihm. Die Wärme seines Körpers war nicht mehr zu spüren. Ich hatte niemals wahrgenommen, wie er duftete, aber nun, wo er weg war, wusste ich es ganz genau. Wenn ich morgens aufstand und in die Küche ging um zu frühstücken sah ich den nackten Tisch. Verwelkte Blumen standen in seiner Mitte. Ich hatte nie bemerkt, dass er jeden morgen frische Blumen auf den Tisch gestellt hatte. Er war immer ein Frühaufsteher gewesen … ich eine Langschläferin. Wie ich ihn vermisste. Wie ich seine Aufmerksamkeiten und seine Zuwendung vermisste. Wie mir seine Nähe fehlte. Und doch kam es mir so vor, als wäre er noch in meiner Nähe. Ich seufzte. Ich traute mich nicht, ihn anzurufen, ihn zurückzuholen. Ich kannte ihn. Wenn ich das täte, dann würde er mich doch noch dazu bekommen, ihn zu heiraten. Langsam und unerbittlich würde er mich dort hin bringen. Und das wollte ich nicht. Warum hatte er mir nur den Antrag machen müssen? Warum hätte es ihn nicht genügen können, wie es gewesen war? Wir würden es niemals wieder zurückbekommen. Er hatte es kaputt gemacht.

 

Es waren einige Wochen vergangen und es war noch kälter geworden. Ich mummelte mich tief in meinen Mantel. Ich hatte mich entschlossen, nicht mehr an Demian und das, was gewesen war, zu denken. Ich würde mir nicht eingestehen, wie sehr ich ihn vermisste. Das wäre dumm. Also stürzte ich mich in mein Studium. Ich hatte heute noch ein wenig sozialen Dienst geleistet und war gerade auf dem Weg nach Hause. Meine Ohren waren kalt und mein Mantel beinahe Stocksteif vor Kälte. Ich war tief in meinen Gedanken. Ich hatte in den letzten Wochen eine schriftliche Arbeit angefangen, die ich auch bald abgeben musste, aber ich stand vor einem großen Problem. Das Problem wollte ich an diesem Tag noch lösen. Also zupflückte ich es in Gedanken und setzt es wieder anders zusammen, nur um es erneut auseinander zu nehmen. So bemerkte ich die Schritte nicht hinter mir, oder das Stechen im Mantel. Es stach ein wenig mehr. Ich langte mit meiner Hand nach hinten um mich zu kratzen. „Finger Weg!“, raunzte mir eine raue Männerstimme ins Ohr. Ich ersteinerte. Eine schwere Hand legte sich auf meine Schulter. „Da rein!“, kommandierte die Stimme. Ich schaute in die Gasse, in die ich sollte und ein Schauder lief mir über den Rücken. „Nein“, flüsterte ich. Der Mann schuppste mich in die Gasse hinein. Ich hatte sie sofort erkannt. Auch wusste ich, wen ich sehen würde, noch bevor er mich an die Wand presste und mir sein Messer an die Kehle hielt. „Ja ja, Studentinnen!“, brummte er. „Ich hatte auch einmal studiert. Aber ich bin heruntergeflogen. Ich hasse euch überkandidelte, eingebildeten Studenten.“ Er fuhr mir mit seinem Messer über den Hals. „Aber ich habe so meine Wege, damit klar zu kommen. Ich verlange auch nicht viel. Dein Geld her! Alles! Aber dalli!“ Ich zitterte. Ich hatte kein Geld bei mir! Er würde mich töten! Tränen rollten mir über die Wange. Ich wusste, er würde mich umbringen. Ich hatte es gesehen! Das Mädchen hatte es mir gezeigt. Und Demian hatte mich gewarnt … Demian! Demian!! Ich liebe dich! Vergib mir! Bitte! Ich liebe dich! Ich … „Hey! Lass sie“ „Wer bist du? Ein barmherziger Samariter? Halt dich gefälligst aus meinen Angelegenheiten, du Milchbubi.“ „Wenn du sie nicht augenblicklich in Ruhe lässt, dann …“ „Was dann? Drohst du mir? Meinst du, ich habe Angst vor dir?“ Ich wurde losgelassen und rutschte zu Boden. Ich bekam alles nur gedämpft und verschwommen mit, konnte nichts zuordnen. Durch meine Tränen sah ich, wie zwei Silhouetten kämpften. Der eine fiel zu Boden und stand nicht mehr auf. Der andere kam zu mir und küsste mich auf die Stirn. „Lucy! Was ist mit dir? Geht es dir gut? Ist dir etwas passiert? Sag was!“

 

In Gedanken betrat ich den Landen und erinnerte mich an die Nacht des Überfalles. Ich dachte, ich müsste sterben. Und in dem Moment war mir klar, dass ich nicht sterben wollte, ohne Demian zu sagen, was ich wirklich für ihn empfinde. Dann kam Demian und half mir. Er erzählte mir später, dass er versucht hatte, auf mich aufzupassen, von fern, ohne, dass ich es merkte. Er sagte, er hätte es niemals verkraftet, wenn mir etwas geschehen wäre. Als mich der Mann ausrauben wollte, war er dazwischen gegangen und hatte mir mein Leben gerettet. Was aber mit dem Räuber passiert war, hat er mir niemals gesagt. Und doch war mir an jenem kalten Nachmittag klar geworden, was ich wollte. Ich hatte verstanden, dass das Leben zu kurz war, um es nicht in vollen Zügen zu genießen. Und um es zu genießen brauchte ich Demian … und nur ihn. Das war mir nun klar. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte mich der Verkäufer. Ich schaute auf. Ein älterer Herr mit Nickelbrille. Ich lächelte. „Ich hätte gerne einen Verlobungsring.“

11.3.08 13:35


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Phillip Kasa

Ich möchte euch von einem Mädchen erzählen. Ich hielt sie eine kurze Zeit lang für einen Schutzengel, aber selbst, wenn sie ein Schutzengel ist, so ist sie für mich keiner. Ich bete aber, dass es ihr mit meiner kleinen Prinzessin besser ergehen wird als mir. Ich wollte einfach nicht auf sie hören, ich konnte es nicht.

 

Wisst ihr, ich dachte einmal, ich würde alles schaffen, was ich wollte. Ich würde alles bekommen, was ich mir wünschte. Es war eine sehr harte Lektion, die ich lernen musste und ich habe sie mit meinem Leben bezahlt. Ich würde gerne sagen, es kommt davon, dass ich mich mit der falschen Frau eingelassen habe, aber ich fürchte, dass es eigene Dummheit war. Ja, die falsche Frau. Bei mir war sie sehr ehrgeizig. Sie war groß, blond und hatte eine fantastische Figur. Ich war Student, als ich ihr das erste Mal begegnete. Mein Freund, Dave Mathews, und ich waren in dem Augenblick für sie entflammt, in dem sie den Hörsaal betrat. Und auch sie signalisierte mit einer bestimmten Art von Blick, dass sie Interesse hatte.

Für Dave und mich war von Anfang an klar, dass wir beide um sie werben würden, aber sie entscheiden lassen würden und dass unsere Freundschaft darunter nicht leiden solle, denn normalerweise zerbrechen Freundschaften, wenn eine Frau dazu kommt. Sie aber wollte alles, was sie bekommen konnte und war gewohnt, es zu bekommen. So war sie bereits damals und so blieb sie ihr ganzes Leben. Sie wollte uns beide. Und sie bekam uns beide. Das machte sie uns schon beim ersten Treffen klar. Sie saß allein an der Theke der Campusbar. Sie wusste, dass wir auch dort waren und sie beobachteten. Dave und ich sprachen uns gegenseitig Mut zu, aber fanden ihn selbst irgendwie nicht. Also himmelten wir beide sie von Fern an. es war eine sehr komplizierte Situation. Wir wussten damals nur, dass sie an einem von uns Interesse hatte, wir wussten aber nicht, wer es war. Außerdem wussten wir, dass wir beide von ihr angezogen wurden wie Motten vom Licht, aber wir wollten einander nicht verletzen. Daher traute sich keiner von uns, den ersten Schritt zu machen. Sie wartete einige Zeit darauf, dass wir einen Wink eines Flirts machen würden, aber der blieb den gesamten Abend aus. Nachdem sie etwa drei Stunden vergeblich an einem Drink genippt hatte, wurde es ihr zu dumm und sie stand auf. Ich boxte Dave in die Seite und nickte ihm zu. Das war eine Chance. Eine Chance, die ich ihm überlassen wollte. Er sah sich zu ihr um und beobachtete sie. Als sie an ihm vorbei kam, grüßte er sie. Sie blieb vor uns stehen und schaute uns an. "Jungs", sagte sie. "Ich warte nun schon die ganze Zeit darauf, dass ihr die Initiative ergreift. Jetzt bin ich müde. Bringt ihr mich wenigstens nach Hause?" Dave und ich schauten uns einen Augenblick lang an. Dann fragte ich zurück: "Egal zu wem?" Sie lehnte sich ein wenig zu mir vor und sah mir direkt in die Augen. "Egal zu wem", bestätigte sie. Wieder tauschten Dave und ich einen Blick aus, nickten und sprangen auf. Wir waren eh mit einem Auto da und wohnten in einer WG, von daher war alles andere überflüssig zu besprechen. Den Rest würden wir ausknobeln, wenn wir bei uns wären. Dave ließ sie bei sich unterhaken und geleitete sie charmant zum Auto. Als sie fragte, ob sie nicht auf mich warten sollten grinste Dave und meinte, dass ich noch etwas Zeit bräuchte. Ich hätte nämlich die Eigenschaft, immer meine Jacke zu verlegen. Er hatte Recht. Meine Jacke war nicht über meiner Stuhllehne. Ich ließ mir beim Suchen etwas Zeit, aber das war egal, ich hatte eh den einzigen Schlüssel fürs Auto.

Ich kroch also gerade auf dem Boden herum, als mir jemand meine Jacke hinhielt. Ich schaute hoch und sah ein kleines, unscheinbares Mädchen von etwa 16 Jahren. Ihre Haare waren braunrot und ihre Augen hatten einen überwältigenden Grünton. Mein erster Gedanke war, was sie auf dem Campus machte, eine Studentin war sie eindeutig nicht. Mein zweiter, was sie überhaupt um diese Zeit in einer Bar machte. Mein vierter, ob sie wohl einen Freund hatte und mein fünfter, was sie mit meiner Jacke machte! Ich starrte sie wohl eine ganze Weile vom Boden aus an. Sie aber hielt mir einfach nur geduldig und wortlos meine Jacke hin. Schließlich stand ich doch auf. Ich war gut zwei Köpfe größer als sie, sie war anscheinend in etwa um die 1,60. Ich lächelte sie an und zeigte auf die Jacke. "Das ist meine, Dankeschön. Wo war sie?", sagte ich. "Weißt du, was es mit der schwarzen Witwe auf sich hat?", fragte sie. Ich grinste. "Sehe ich aus, wie ein Biologiestudent? Ich studiere Jura." Sie wiederholte die Frage. Ich klopfte mir den Dreck von meinen Knien. "Es sind Spinnen, die ihre Männchen nach der Paarung auffressen, nicht wahr?" Sie warf mir die Jacke zu. "Denk drüber nach.", sagte sie dann ging sie an mir vorbei und drückte mir noch ein Foto auf die Brust, das ich verwirrt an mich nahm. Ich war darauf abgebildet, wie ich neben der schönen Blondine stand und an Essen starb. Als ich mich umdrehte war sie bereits im Gefühl der Bar verschwunden. Aber dafür kam Dave rein. "Hast du uns schon vergessen?", fragte er. "Mensch, Phill! Wir haben die Braut des Jahrtausends an der Angel und du lässt sie warten? Komm schon, beeil dich." Ich sah in seine Richtung. Aber irgendwie konnte ich ihn nicht scharf sehen. Er schien es zu bemerkten und schlug mir scherzend auf die Schulter. er fragte mich, ob ich einen Geist gesehen hatte. "Schlimmer", sagte ich. Dann gingen wir zum Auto.

 

Als wir zu unserer WG fuhren entschuldigte ich mich bei Hannah, so hatte sich unserer vermeintlicher Aufriss sich vorgestellt, dafür, dass ich sie hatte warten lassen, aber ich wollte Dave doch auch eine Chance geben, sie für sich zu begeistern. Sie lächelte und stricht mir über die Wange. Dann hauchte sie mir ins Ohr, dass das "wirklich total lieb" gewesen sei. Dann lehnte sie sich zu Dave und meinte, dass er diese Chance wirklich genutzt habe. Dave und ich sahen uns an. Es war erregend, wie sie uns beide behantelte. Aber ich dachte, dass in den nächsten paar Minuten wohl eine Wahl zwischen uns fallen würde. Daher war ich einerseits sauer auf das braunhaarige Mädchen, denn sie hatte meine Chancen verschlechtert und Dave Zeit gegeben, sie bei Hannah einzuschmeicheln. Auf der anderen Seite hatte das Mädchen mich ein wenig beunruhigt und ich war mir sicher: Würde Hannahs Wahl auf meinen Freund fallen, so würde ich es wirklich dabei belassen. Doch die Entscheidung kam nicht. Wir kamen an unserer WG an. Hannah schaute sie sich an und lächelte geheimnisvoll. Ich hätte gerne gewusst, was sie dachte. Sie sah uns an, und fragte mit einem betörenden Blick, ob wir vielleicht einen Wein oder einen Sekt da hätten und wir sprangen beide sofort auf und holten einen Rotwein. In der Küche hielten wir einen kleinen Kriegsrat. Die Kurzfassung ist, dass wir wieder das Versprechen, Freunde zu bleiben, egal, wie sie sich entscheidet. Und dass wir einen Augenblick mit dem Gedanken spielten, wie es wäre, wenn sie wirklich uns beide wollte. Da hörten wir ein merkwürdiges Geräusch aus unserem Schlafzimmer. Wir teilten uns ein Zimmer und hatten zwei Betten dort. Als wir dort ankamen, stellten wir fest, dass Hannah beide Betten zusammen geschoben hatte. Dave ging auf sie zu und nahm sie in den Arm. Er fuhr ihr über die Arme und meinte: "Stark". Dann lächelte er sie an. Ich fühlte mich ein wenig merkwürdig, das zu sehen und überlegte, ob es wirklich das bedeutete, was Dave und ich vermuteten. Ich reichte Hannah den Rotwein und sie nickte. Dann goss ich uns ein und sie setzte sich auf das Bett. Dave und ich setzten uns zu ihr, sie in der Mitte, und sie brachte einen Toast aus: "Auf uns."

 

Als ich am nächsten Morgen auswachte, standen die Betten immer noch nebeneinander und ich sah auf die nackten Körper der beiden. Ich streckte meine Hand aus und fuhr Hannah über den Rücken. Sie seufzte. Ich rückte näher an sie heran und strich ihr ein weiteres Mal über den Rücken. Sie schlug die Augen auf und zog mich zu sich. Dann küsste sie mich und zog mich wieder auf sich. Wie bereits in der Nacht drang ich in sie ein und wir stöhnten vor Lust. Ich küsste ihren Hals und ihre Brüste und sie brachte mich mit ihren Seufzern fast um den Verstand. Als wir den Höhepunkt hinter uns hatten, bemerkten wir Dave, der uns, lässig auf den Arm gestützt, beobachtete. Er langte hinüber und strich Hannah sanft über die Lippen. dann glitt seine Hand an ihrem Hals hinunter an ihre Brüste und wieder seufzte sie. Ich rutschte zur Seite und ließ Dave meinen Platz auf ihr einnehmen. Es war unvergleichlich.

 

Wir drei bekamen einen Eintrag, weil wir in der Vorlesung gefehlt hatten. Aber, nun, um ehrlich zu sein, sehr viel machte uns das nicht aus. Das, was wir stattdessen erlebt hatten, war um vieles berauschender, als Jura es jemals sein könnte.

 

Es verging die Zeit. Das erste Jahr hielt unsere Dreierbeziehung. Dann entschied sich Dave entschied sich, doch BWL zu studieren und ein halbes Jahr darauf schmiss Hannah das Studium ganz. Von uns dreien blieb so nur ich der Jura erhalten und machte einen beeindruckenden Abschluss. Obwohl wir nun verschiedene Wege gingen, trafen wir uns aber noch regelmäßig. Dave und ich, Hannah und ich, nur die beiden oder wir drei. Wenn wir uns zu dritt trafen, endete das meist auch wieder im Bett, aber es war sehr aufregend und ich werde mich nicht beschweren. Dann kam der Moment, als Dave meinte, er habe eine neue Freundin und wolle sie nicht betrügen. Er wollte nicht, dass das irgendwelche Auswirkungen auf unsere Freundschaften hätte. So ergriffen Hannah und ich die Möglichkeit, und machten uns als Paar öffentlich. Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte und einen festen Platz in der Arbeitswelt bei Schlatz&Zober gefunden hatte, verlobten wir uns. Als Hannah und ich im nächsten Frühling heirateten waren Dave und seine Freundin auch dabei. Er sah glücklich aus und schien sich für Hannah und mich zu freuen, also meinte, ich es sei das Richtige, was ich tat. Kurze Zeit später erwartete Hannah ein Kind von mir. Als ich sie das erste Mal in den Armen hielt, war ich mehr als glücklich. Ich dachte, mein leben sei erfüllt, wenn ich dieses kleine Wesen nur bei mir hätte. Hannah merkte das und, ohne, das ich etwas bemerkte, wurde sie immer eifersüchtiger. Leider konzentrierte ich mich immer und immer mehr auf mein kleines Kind. Dann kam die Taufe unseres kleinen Schatzes und wir nannten sie vor Gott Plum Michaela Kasa.

 

Wie in einem Märchentraum sah ich meine kleine Prinzessin aufwachsen. Sie wurde immer größer und immer schöner und sie war ein so liebes Mädchen. Sie hatte schwarzsilberne Haare und tiefblaue Augen. Sie sah so zerbrechlich aus, aber hatte eine Menge Power. Ich war so stolz auf sie und jede freie Minute nutze ich mit ihr.

Wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam, freute ich mich immer schon auf das süße Gesichtchen meiner kleinen Prinzessin. Jeden Abend saß sie auf dem Sofa im Wohnzimmer und schaute auf die Türe. Jedes Mal schaute ich nach ihr und jedes Mal streckte sie ihre Arme nach mir aus und ich nahm sie hoch und trug sie in ihr Bett. Dann las ich ihr noch etwas vor und ließ sie einschlafen.

 

Einen Abend jedoch saß sie nicht auf ihrem Platz im Wohnzimmer. Ich begann mir Sorgen zu machen und suchte das ganze Haus nach ihr ab. Ich fand sie schließlich in ihrem Zimmer, wo wie zusammengekauert in einer Ecke saß. Sie hielt sich die Ohren zu und wippte langsam hin und her. Als ich sie umarmte zuckte sie zusammen und wollte nach mir schlagen, aber als sie mich erkannte umarmte sie mich und lächelte. Ich fragte sie, was sie habe, aber sie lächelte nur weiter. "Komm, mein Schatz Ich bring dich ins Bett", sagte ich dann. Sie ließ sich von mir hoch heben und in ihr Bett tragen. Als ich die Decke um sie herum klemmte und ihr einen Gute-Nacht-Kuss gegeben hatte sah ich ihr noch mal tief in die Augen und fragte sie, ob sie wirklich nicht über das sprechen wollte, was war. "Mama ist dann böse mit mir", sagte sie. Ich war verwirrt. Dann fragte ich weiter und sie erzählte mir alles. Sie erzählte mir, dass Hannah in letzter Zeit oft mit einem Mann weg ging aber hin und wieder auch hier blieb und dann gingen sie in das Schlafzimmer und "machten Lärm", wie es Plum beschrieb. Mir wurde heiß und kalt. Sie sagte, dass sie es nicht mochte, die beiden zu hören, also versteckte sie sich immer in ihrem Zimmer und hielt sich die Ohren zu. Und dann sah sie mich an und sagte: "Mami und der Mann haben darüber geredet, dass du mit Arsen Essen gehst. Kannst du mich mal mitnehmen, bitte? Bitte, Daddy! Nimm mich mit!" Mir wurde schlecht. Auch, wenn meine kleine Prinzessin nicht wusste, was sie mir gerade gesagt hatte, bemerkte sie, dass etwas nicht mit mir stimmte. Sie fragte mich, ob etwas nicht mit mir in Ordnung wäre. Ich jedoch stürzte aus dem Zimmer und rannte in das Badezimmer, wo ich mich übergab. Als ich wieder aufsah stand Plum in der Türe und sah mich mit großen Augen an. Sie verstand nicht, was los war. Ich hockte mich hin und wies sie an, zu mir zu kommen. Sie kam und kletterte auf meinen Schoß. Dann drückte ich sie ganz fest und sagte ihr, dass ich sie unglaublich lieb hätte. Sie legte ihren kleinen, warmen Kopf an meine Brust und ihr schwarzes Haar wallte über ihr Gesicht. "Ich werde immer bei dir sein, meine kleine Prinzessin, das weißt du, nicht wahr? Ich bin immer in derer Nähe, egal was passiert. Vergiss das niemals, hörst du?." Sie nickte. Dann brauchte ich sie ins Bett.  Als ich gerade hinausgehen wollte drehte ich mich noch einmal zu ihr um. Sie schlief schon fast. "Plum, Schätzchen", begann ich. "Weißt du vielleicht, wie der Mann heißt, der Mami immer besuchen kommt?" Sie drehte sich zu mir um und blinzelte verschlafen. "er hat gesagt, ich darf ihn Onkel Dave nenne, aber ich nenne ihn trotzdem Mr Mathews." Dann konnte sie nicht weiter gegen ihre Müdigkeit ankämpfen und schlief ein. Ich war kreidebleich. Ich ging ins Badezimmer und beugte mich über das Waschbecken. Lange betrachtete ich mein Spiegelbild. Ich hatte mich verändert. Ich sah krank aus. Ich fragte mich, wie lange das Arsen wohl noch bräuchte und wie lange ich es schon unbemerkt zu mir nahm. Dann griff ich nach meiner Zahnbürste und wusch mir den schlechten Geschmack aus dem Mund. Dann ging ich zu Bett. Hannah war auch dort und als ich mich hinlegte griff sie zu mir hinüber. Ihre Hand fuhr über meinen Körper, aber dieses Mal wischte ich sie kalt zur Seite. Sie war erstaunt und fragte, was los sei. Ich meinte, ich habe einfach keine Lust. Sie fuhr noch einmal, dieses Mal sinnlicher, über meinen Körper und meinte, dass das noch kommen würde. "Ich finde einmal täglich reicht. Du solltest es nicht übertreiben.", grummelte ich. Sie ahnte sofort, worauf ich hinaus wollte, doch sie stellte sich ahnungslos. Da drehte ich mich zu ihr um und sah ihr ins Gesicht. "Ich möchte, dass du ehrlich zu mir bist, Hann. Betrügst du mich?" Sie sah mich entsetzt an und fragte, wie ich darauf käme. Ich hütete mich, Plums Namen zu erwähnen, aber sie kam doch auf sie und als ich bereute, sie ins Spiel gebracht zu haben und mir etwas überlegte, wie ich es erklären sollte um sie vor Unheil zu bewahren, nahm Hannah das Schweigen als Betätigung und lachte ein wenig. "Ich bitte dich. Ich liebe deine Tochter auch, aber sie fantasiert. Sie hat wohl nur etwas falsch verstanden. Ich würde dich doch niemals betrügen." Ich sah sie forschend an. "Nicht einmal mit Dave?" Sie nickte kurz. "Ja, Dave hatte im Bett echt was drauf. Ich meine, er war richtig feurig! Du dagegen, nun ja, du warst eher …" dann lachte sie. "Was rede ich denn da? Nein, auch nicht mit Dave, natürlich nicht. Du kannst mir glauben!" Ich konnte ihr aber nicht glauben. Aber das sagte ich ihr nicht. Ich nickte nur und legte mich schlafen.

 

Am nächsten morgen ging ich ohne ein Frühstück aus dem Haus. Ich wollte nicht wieder Arsen zu mir nehmen. Ich ging an jenem Morgen aber auch nicht zur Arbeit. Ich ging einen kleinen Waldweg entlang, der über einen Bach führte. Als ich auf der kleinen Holzbrücke Stand ließ ich meine Gedanken mit dem Strom fließen. Eine merkwürdige Frage riss mich in die Wirklichkeit zurück. "Kennst du Schneewittchen?" Ich sah mich überrascht nach dem Mädchen um, das gesprochen hatte. Ich wusste nicht, wie lange sie bereits schon neben mir gestanden hatte. Sie kam mir merkwürdig bekannt vor. "Sind wir uns schon einmal begegnet?", fragte ich. Sie aber wiederholte nur ihre Frage. Ihre Haare wurden von dem Wind in ihr Haar geweht und die Sonne zauberte einen feurigen Glanz in die Braunen Wellen. Da fiel es mir wieder ein. "Bist du nicht das Mädchen von früher? Das mit der Jacke? Und der schwarzen Witwe? Das Mädchen aus der Studentenbar, das Mädchen mit dem Foto?" Sie strich sich das Haar an der Seite zurück und sah mich an. Ihre grünen Augen leuchteten so durch dringlich und weltfremd, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich genoss ihren Blick. Da fiel mir ein, dass sie es gar nicht sein konnte. Denn das Mädchen damals war sechzehn Jahre alt und das Mädchen vor mir, egal, wie ähnlich sie ihr sah, war auch um die sechzehn Jahre alt. "Zwing mich nicht, meine Frage ein drittes mal zu wiederholen", sagte sie. Ich nickte und bejahte die Frage. Ich kannte Schneewittchen. "Als die Stiefmutter bemerkt, dass Schneewittchen schöner und begehrter wird, als sie es jemals sein könnte, was tut sie?" Ich zuckte mit den Achseln. "Sie versucht sie zu umzubringen." Das Mädchen nickte und fragte weiter: "Weißt du auch, was mich dem Vater ist?" Ich schüttelte den Kopf. "Er kommt nicht mehr vor. Vermutlich ist er tot." Wieder nickte sie und wie das Mädchen damals sagte auch sie: "Denk drüber nach." Dann wollte sie gehen. Ich griff nach ihrem Arm. "Wer bist du?! Du kannst doch nicht das Mädchen sein, das ich aus der Bar kenne! Dafür bist du zu jung! Aber warum bist du dann genau wie sie? Das ergibt keinen Sinn!" "Stimmt. Na und? Nicht alles auf dieser Welt muss Sinn ergeben." "Natürlich muss es! Die Welt ist logisch!" Sie lächelte spöttisch. "Und wenn die Welt logisch ist, warum existiert dann jemand wie ich?" "Das ist die Frage, die ich von dir beantwortet haben will." "Weißt du, warum du lebst? Was der Sinn deiner Existenz ist? Warum ausgerechnet du geschaffen wurdest?" Ich schüttelte den Kopf. Über so etwas hatte ich mir niemals Gedanken gemacht. Sie nickte. "Und warum soll ich dann wissen, warum ich lebe?" Ich grinste. Ich mochte ihre Art zu antworten. Dann sah ich sie an. "Sei ehrlich! Bist du das Mädchen damals aus der Bar?" "Ja" "Warum bist du nicht gealtert?" "Ich kann nicht altern und nicht sterben.", erwiderte sie. "Warum?" Sie sah mich einen Moment zweifelnd an. "Weil ich sonst unnütz wäre." "Wem?" "Menschen wie dir." "Menschen wie mir? Was sind Menschen wie mir." Sie schwieg. Es schien, als ginge es genau darum, das herauszufinden. Ich schloss mich ihrem schweigen an. Dann fragte ich sie, was die damals mit dem Vergleich mit der schwarzen Witwe gemeint habe. "Phillip", begann sie. "Deine Frau, die Mutter deiner Tochter, ist einer schwarzen Witwe sehr ähnlich." "Sie bringt den Mann um, nachdem sie nichts mehr mit ihm anfangen kann, nicht wahr? Und für mich ist es nun an der Zeit." Einen Augenblick blitzen ihre Augen auf, aber im selben Moment hatte sie sich wieder in der Fassung. "Wenn du das so siehst, bestimmt", antwortete sie. "Aber was wird Plum davon halten?" "Lass meine Tochter daraus!" "Phillip. Verstehst du denn nicht? Sie steckt seit ihrer Geburt mit drin." "Auch Schneewittchen konnte überleben!" "Aber sie hatte keinen Vater mehr." Ich schaute betroffen auf den Boden. "Ich kann das nicht mehr, es tut mir Leid. Ich habe nicht die Kraft, die man braucht um Schneewittchen sein zu können. Außerdem ist es für mich bereits zu spät." Sie sah mich verachtend an, aber sie sagte kein Wort. Ja verachtenswürdig war ich vermutlich auch. Ich wollte schließlich zurück in dieses Haus gehen und mich umbringen lassen. Ich konnte es selbst nicht fassen. "Tu mir aber bitte einen Gefallen", sagte ich schließlich. "Bitte kümmere dich um meine kleine Plum." Ich blieb so lange stehen und sah ihr in die Augen, bis sie endlich nickte. "Ich werde keine Entscheidung für sie treffen", sagte sie. "Aber ich verspreche dir, dass ich tun werde, was in meiner Macht steht, damit ihre Mutter ihr nichts antut." Das war alles, was ich wollte. Ich nickte, drehte mich um und ging zurück in das Haus meiner Frau, um mich töten zu lassen. Auf das mein Schneewittchen stärker sei als ich.

22.3.08 19:14





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