Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   Mein Blog
   Das Spruch-Archiv

Webnews



http://myblog.de/todesbotin

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Cira Neff

s war kurz vor meiner Mittagspause, als ich sie das erste Mal traf. Was mich eigentlich im Nachhinein nicht weiter wundert, denn mit der Mittagspause ist das so ein Phänomen: Man freut sich zwar schon auf die freie Zeit, aber irgendwie kommen kurz vorher die ganzen besonders merkwürdigen und schwierigen Kunden. Und sie war besonders merkwürdig. Ich sortierte gerade hinter der Theke wieder einige Flakons und Tübchen ein, als sie hinter mir stand und mich ansprach: „Cira Neff, nicht wahr?“ ich drehte mich irritiert zu ihr um und nickte. Sie war sehr jung, mit braunroten, schneenassen Haaren und grünen Augen. Ein zart Rosé Gloss auf ihren Lippen und ein angedeutetes Braun auf den Liedern würden bei ihr genügen. Das würde ihre Natürlichkeit unterstreichen und ihre Gesichtszüge perfektionieren. Als Duft wäre etwas Natürliches wie Vanille oder Rose nicht unpassend. All das ging mir innerhalb einer Sekunde durch den Kopf, als ich sie sah. Als Stil- und Imageberaterin im kosmetischen Bereich, die ihren Beruf wirklich liebt, rasterte mein Gehirn bereits automatisch jedes Gesicht, das mir begegnete ab und zeichnete beinahe augenblicklich das geeignete Make-up auf die Haut. „Die bin ich.“, bestätigte ich. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Sie schaute neugierig. „Neff … Kennst du Alan Neff?“ Ich sah für einen Moment vermutlich recht amüsant aus. Meine Kunden fragten mich normalerweise nach Dingen aus Kosmetik und Parfum, nicht nach privatem. Mein Privatleben war bis zum Feierabend nicht existent. Daher brauchte ich einen Augenblick, bis ich die Frage überhaupt verstanden hatte. Dann nickte ich zögerlich. „Er ist mein Bruder.“ Sie lächelte verträumt. „Er ist nett.“ Ich musterte sie. „Sie wollen keine Beratung, habe ich Recht?“ Sie nickte. „Hast du.“ Ich seufzte und winkte sie hinter mir her. „Ich habe gleich Mittagspause. Dann können wir reden.“

Sie ging neben mir her. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel, weil ich nicht sicher war, wie sie reagieren würde, wenn ich sie direkt anstarren würde. Ich fand das nicht höflich. Aber das Mädchen machte sich, so weit ich sah, nicht viel aus Höflichkeiten. Sie hatte keine Jacke an. Sie lief nur in Jeans und einem Hemd herum. Mir kam es vor, als fröre ich für sie mit. Wie konnte man im Oktober nur ohne eine Jacke herumlaufen. Ich beobachtete, wie sie ihre Finger verknotete und sie die Umgebung beobachtete. Sie schwieg. Mir wurde das Schweigen bald unangenehm. Ich bin eher ein lebhafter Mensch. Ich sage, was ich denke und kann es nicht leiden, wenn andere offensichtlich etwas zurückhalten. „Du kennst also Alan?“, brach ich die Stille. Sie nickte. „Woher denn?“, erkundigte ich mich weiter. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihn besucht und ihm gesagt, dass er in 10 Monaten sterben wird.“ Ich blieb stehen, drehte mich zu ihr und starrte sie an. „WAS?!“, platze es aus mir heraus. „Ich habe ihn besucht und ihm gesagt, dass er in 10 Monaten sterben wird.“, wiederholte sie genau so tonlos und selbstverständlich, wie sie es das erste Mal gesagt hatte. Als wäre das absolut nichts Besonderes! Mein Atem ging schneller und schneller. Ich versuchte mich zu beruhigen. Fast gelang es mir. Dann fuhr das Mädchen fort: „Und ich habe ihm versprochen, ihm bescheid zusagen, wenn ich herausgefunden habe, warum.“ Mein Atem ging noch schneller. Ich wusste, worauf das hinauslaufen würde, aber ich konnte mich nicht mehr beruhigen. „Und seit ich dein Foto kenne“ Bei den Worten zog das Mädchen ein Foto aus ihrer Tasche. „glaube ich, dass du der Grund dafür bist.“ Sie hielt mir das Foto hin, so dass ich es sehen konnte, aber ich sah es nur verschwommen. Mein Atem ging immer hektischer und kürzer. Sie aber fuhr mit einer unmenschlichen Gelassenheit fort. „Siehst du? Es scheint, als würde er dich erschießen.“ Was dieses Mädchen da mit sachlicher Kälte redete war unglaublich. Diese Ernsthaftigkeit, die sie dabei nutze unverschämt. Ich konnte meinen Atem nicht mehr kontrollieren und begann zu hyperventilieren. Mein Herz schmerzte. Meine Lungen brannten. Ich konnte nicht mehr richtig atmen! Ich beugte mich vor und verkrampfte mich. Das Foto war nun direkt vor meiner Nase. Ich sah es nur verschwommen. Schweiß lief an mir hinunter und ein Röcheln jagte das nächste. Warum rief sie nicht nach Hilfe? Wollte sie nur da stehen und mich ersticken sehen? Mit letzter Kraft griff ich nach dem Foto und zerriss es.

In dem Moment, in dem ich das Foto zerrisse, drehte sich die Hand des Mädchens so, dass ihre Handfläche direkt zu mir zeigte. Dann kam sie auf mich zu. Ich war kurz davor, wegen Sauerstoffmangel mein Bewusstsein zu verlieren und erschrak so sehr, dass ich das Gleichgewicht verlor und hart auf den kalten Boden aufschlug. Ich versuchte auf den stechenden Kiesboden von dem Mädchen wegzukommen, aber sie kam mir nach und steckte ihre Hand immer noch nach mir aus. Ich wurde immer panischer, das Hyperventilieren hatte einen Punkt erreicht, bei dem ich immer fast in Ohnmacht fiel, aber ich versuchte mit aller Kraft dagegen anzukämpfen und strampelte immer weiter weg. Da rutschte ich mit meiner Hand weg, lag und riss meine Arme schützend nach oben. Das Mädchen jedoch kam mit einer beinahe sadistischen Ruhe näher, kniete sich neben mich und legte ihre Hand auf meinen Brustkorb. Augenblicklich spürte ich eine unbeschreibliche, weiche Kälte, die beklemmend in meinen Körper eindrang. Kaum aber, dass sie sich in mir ausbreitete verlor sie alles beklemmende und wurde sanft und beruhigend. Mein Atem ging wieder gleichmäßiger und ruhiger. Dann normalisierte er sich völlig. Mein Körper verlor die hektische Hitze in einer beruhigenden Kühle. Ich sah auf. Gleichmäßig atmend. Das Mädchen lächelte zufrieden. Dann wurde sie ernst. „Alan ist also dein Bruder. Wie ist er so? War er jemals irgendwie gewalttätig?“ Ich starrte sie an. Was waren das denn für Fragen? Ich schüttelte den Kopf. Er war immer ein guter Bruder und Mensch gewesen. Sie nickte. „So hätte ich ihn auch eingeschätzt. Merkwürdig … hat er irgendwelche Probleme?“ „Nein“, antwortete ich irritiert. „Ist er ein guter Anwalt?“ Ich nickte. „Gut. Das würde ihm helfen …“ Dann sah sie mich direkt an. „Aber besser wäre es vermutlich, dass du auf dich aufpasst. Denn dein Tod wird vermutlich unweigerlich seinen Tod nach sich ziehen.“ Sie stand auf. „Bleib am Besten zu Hause. Und meide den Ort von dem Foto.“ Sie stand auf, bückte sich noch mal nach den Fetzen des Fotos und ging. Mir blieb nichts, als ihr nachzusehen. Was für ein Ort?

Wie in Trance kehrte ich in die kleine Parfümerie zurück und wartete auf den Feierabend. Dann holte ich meinen kleinen Jungen von seinem Freund ab. Er beobachtete mich vom Rücksitz aus. Er ahnte vermutlich, dass etwas passiert war. Trotz seiner zarten sieben Jahre war er sehr aufmerksam. Doch er beließ es dabei, mich zu beobachten und zu versuchen sich auszumalen, was in meinem Kopf vorging. Wir kamen an unserem Haus an. Ein schönes Haus. Geräumig, stilvoll und gemütlich. Es war licht und die Lage war herrlich ruhig. Ich schlug die Autotüre zu. Robert stand an der Türe und lächelte mir zu. Ich sah ihn an, aber es gelang mir nicht, zurück zu lächeln. Ich wich seinem blick aus. „Hey Kleiner!“, lachte er, als unser Sohn auf ihn zu gerannt kam. Er wuschelte ihm durch die blonden Haare. Dann stupste er ihn mit einem liebevollen Schubs ins Haus und sah mich an. Zärtlich nahm er mich in die Arme und küsste mich. Dann sah er mich liebevoll forschend an. „Fehlt dir was? Du wirkst so bedrückt.“ Ich wich wieder seinem Blick aus. Ich konnte nichts erzählen, bevor ich es nicht selbst verstanden hatte. Er gab mir noch einen Kuss, dann sagte er, er müsse noch weg. Ich ließ ihn gehen, machte meinem Sohn Essen und setzte ihn vor seine Hausaufgaben, die er bei seinem Freund natürlich wieder nicht gemacht hatte.

Dann klingelte das Telefon. Alan war dran und fragte, was ob es bei mir etwas Neues gäbe. Ich kenne Alan seit seiner Geburt. So etwas fragt er nur, wenn er bereits eine Ahnung hat. Er beabsichtigte etwas. Es hatte keinen Sinn, es ihm gegenüber zu leugnen. Ich sagte ihm also das Gleiche, was ich bereits Robert gesagt hatte: Ich kann nichts erzählen, was ich selbst noch nicht verstanden hatte. Ich hoffte, er würde sich damit begnügen, doch ein Teil von mir wusste, dass das nicht der Fall wäre. Vorsorglich setze ich mich an unseren Tisch. Das würde ein längeres Gespräch werden. Alan schwieg er einen Augenblick. Dann sagte er: „Sie ist nett, nicht wahr?“ Ich stutzte. Nett? Die?! Ich überlegte. Sie war mir unheimlich und machte mir Angst. Aber letzen Endes hatte sie mir irgendwie geholfen, mich wieder zu beruhigen, als ich hyperventilierte … was sie eigentlich erst verursacht hatte. „Ich bin mir da nicht so sicher.“, antwortete ich. Dann fuhr ich fort: „Ich möchte darüber nicht urteilen.“ Ich spürte, wie Alan grinste. „Du findest sie wohl eher merkwürdig, wie ich dich kenne.“, sagte er dann. Ich merkte, wie ich leicht errötete. Das ist der Nachteil, wenn du einen Menschen genau kennst: Er kennt dich eben so gut. „Alan, bitte, mach dich nicht über mich lustig! Es ist ernst. Ich verstehe das nicht!“ Da! Ich hatte es ausgesprochen! Ich hatte Angst vor dem Mädchen, weil ich es nicht begriff! Er schwieg. Dann saget er, er müsse wissen, was auf dem Foto abgebildet war. Ich war nun knall rot und leugnete es, aber er lies sich nicht beirren. Ich konnte ihm eben nichts vormachen. Ich seufzte und erzählte ihm von dem Bild. Tränen standen in meinen Augen. Als er mich trösten wollte baffte ich ihn an. „Du hast doch keine Ahnung!“, schrie ich. „Du weißt nicht, wie das ist, Mann und Kind zu haben und dann zu erfahren, dass du …“ ich musste mich kurz sammeln. Es war so abstrakt. „erschossen wirst“ fügte ich leiser hinzu. Dann fragte ich, warum das Mädchen so viele Fragen über ihn gestellt hätte, aber er wusste auch keine Antwort. Ich begann zu weinen. „Sie hat gesagt, dass mein Tod auch deinen bedeuten würde. Was hat sie damit gemeint?! Alan! Warum hat sie so viel über dich gefragt?“ Er antwortete nicht. Stattdessen fragte er, was für ein Ort auf dem Foto abgebildet war. Ich schwieg. Als ich ihm sagte, dass ich das Foto zerrissen hatte rastete er fast aus und gab mir Hausarrest. Ich lehnte mich zurück. Dachte er wirklich, dass ich mich einfach einsperren lassen würde? Von ihm? Dann fragte Alan, ob ich einen Grund wisse, warum er mich umbringen sollte. Ich kippte vom Stuhl und landete hart auf dem Boden. Der Stuhl krachte neben mich. Ich starrte das Telefon an, als erwartete ich, sein Gesicht zu sehen. „DU?!“, brüllte ich. „Ausgerechnet DU?“ „Cira! Cira! Was ist passiert?!“ Ich stellte den Stuhl auf und rieb mir den Hintern. „Ach, nichts Schlimmes. Mein Stuhl ist nur umgekippt … und ich saß noch drauf. Aber warum solltest du mich umbringen wollen?!“ Doch nicht, weil ich ein bescheuertes Foto zerrissen hatte, schoss es mir durch den Kopf. Er knurrte nur: „Ja, genau das ist die Preisfrage.“ Dann schwiegen wir wieder. Viel zu sagen hatten wir uns danach nicht mehr. Ich fühlte mich müde und ausgelaugt. Was er gesagt hatte, was das Mädchen gesagt hatte, ich verstand es nicht. Ich wollte es irgendwie auch nicht verstehen. Trotzdem wusste ich, dass ihm noch eine Sache auf der Seele lastete. Doch ich war es, die es ansprach: „Was ist sie für dich?“ Er begann zu stottern und auszuweichen, wie ein kleiner Schuljunge. Dann bat er mich, dass ich gut aufpassen sollte und das Haus nicht verlassen sollte und legte auf. Die Antwort hat er mir niemals gegeben. Aber das brauchte er auch nicht. Als seine große Schwester kenne ich diese Antwort bereits. Dieses Mädchen bedeutete ihm alles. Denn er liebt, was ihn fasziniert. Und faszinieren lässt er sich von dem, was er nicht versteht. Und sie verstand er nicht. Sie war für ihn ein wunderschönes und wunderbares Rätsel. Ich hasste sie.

Als ich aufgelegt hatte sah ich, wie mein kleiner Sohn in der Tür stand und mich scheu anschaute. Was hatte er mitbekommen? Schoss es mir durch den Kopf. Ich wollte nicht, dass er davon wusste. Robert würde ich davon erzähle, wenn es dafür an der Zeit wäre, aber unser Sohn! Er war noch viel zu jung. Er sollte nichts davon erfahren. Ich lief zu ihm und nahm ihn in den Arm. „Was gibt’s, Spätzchen?“ „Warum bist du vom Stuhl gefallen?“ Ich stutzte. Das hatte ihn also aufmerksam gemacht. Was hatte ich danach gesagt? Irgendetwas Wichtiges? Ich lächelte und stupste seine Nase an. „das war nichts Schlimmes, Spätzchen. Onkel Alan hat Mami nur einen kleinen Schreck eingejagt.“ Er legte den Kopf schief. „Weil er sich umbringen wird?“ Ich erbleichte. „Ich … nein, ich … es war nur ein Scherz. Ich ... habe etwas weggeschmissen, was er noch brauchte und er hat damit gesagt, dass er sehr sauer ist. Er würde Mami niemals wehtun. Das weißt du doch!“ Seine wachsamen Knopfaugen sahen mich an. Er wusste genau, dass ich log. Aber log ich wirklich? Alles wies darauf hin, dass Alan mich umbringen würde. Seine Fragen, die Andeutungen des Mädchens. Verdammt! Warum hatte ich nur das Foto zerrissen! Ich zwang mich zu einem Lächeln. Ich wusste einfach nicht mehr weiter, aber ich wusste, dass er mir dieses Lächeln nicht abnehmen würde. „Du musst Papa davon erzählen.“, meinte er anklagend. Ich nickte. Das würde ich.

Die Türe fiel ins Schloss und Roberts Stimme erklang im Treppenhaus, sodass ich mich erschreckte. Ich dachte nur in Filmen kommen die Leute so peinlich rechtzeitig!

Unser Kleiner riss sich von mir los und rannte freudestrahlend auf seinen Vater zu. Dieser begrüßte ihn herzlich und fragte dann nach dem Verbleib der Hausaufgaben. „Alle fertig! Und jetzt geh ich ins Bett.“, sagte der Kleine Stolz. Dann fügte er mit einem Blick auf mich hinzu: „Mama will dir noch was sagen.“ Satansbraten. Ein kleiner, geschickter Intrigant! Ganz wie sein Onkel! Die beiden waren eindeutig zu häufig beisammen. Robert kam auf mich zu und küsste mich. „Geht es um das von vorhin?“ Ich nickte bloß. „Dann sprich doch, Schatz, was ist passiert?“ Ich zog ihn ins Wohnzimmer und setzte ihn neben mich aufs Sofa. „Es wird für dich sehr verrückt klingen. Ich verstehe es ja selbst noch nicht ganz, aber es ist so passiert.“, begann ich. Dann erzählte ich ihm die ganze Geschichte von Anfang an. Wie das Mädchen zu mit in den Landen kam, wie wir redeten, wie sie mir das Foto geben wollte, von meinem Anfall, dem Anruf und dem, was mir nicht aus dem Kopf ging: Alan glaubte, er würde mich umbringen. Robert saß nur da und hörte mir zu. Manchmal fragte er nach oder nickte nur. Genau deswegen war ich mit diesem Mann zusammen! Ich liebte ihn so sehr!

„Also, wenn ich das richtig verstanden habe“, sagte er, als ich mit meinem Bericht beendet hatte. „wirst du von Alan erschossen werden, stimmt das so? Aber warum?! Ich dachte, ihr habt euch gern! Ich meine, gut, ihr seid Halbgeschwister, aber das wäre doch kein Grund.“ Ich lächelte. Er brachte die Rede so amüsant häufig auf die eigentliche Verwandtschaft zwischen Alan und mir. Ich nickte. „Das ist auch kein Grund. Das wäre auch nicht sein Grund. Ich weiß es doch auch nicht, aber so liegen die Dinge.“ Er sah mich ernst an. „Ich möchte, dass du weder das Haus verlässt noch Alan triffst, bis sich die Sache erledigt hat.“ Ich starrte ihn an. „Versteh mich nicht falsch“, fügte er hinzu. „Alan ist ein guter Freund von mir, ich schätze ihn sehr, als Mensch, Freund, Schwager und Anwalt gleichermaßen. Aber nichts desto trotz liebe ich dich mehr als alles andere, was ich kenne. Ich will nicht, dass dir etwas zustößt.“ Das passte mir gar nicht! Ich ließ mich doch nicht zu Hause einsperren! Warum wollten mich alle zu Hause einsperren?! Und jetzt sollte mir auch noch verboten werden, wen ich treffe? Niemals. Robert ahnte wohl, was in mir vorging. Er nahm mich zärtlich in den Arm. „Nur für eine Weile. Bis sich alles geklärt hat. Es wird das Beste sein. Für alle beteiligten.“ Zerknirscht nickte ich. Wenn das sein musste.

Einen Monat hielt ich tatsächlich zu Hause durch. Ich räumte das ganze Haus um und mache Grundreine. Dann begann es wirklich schwer für mich zu werden. Ich konnte mir nicht länger Urlaub nehmen, es war einsam und ich wurde fast verrückt! Am Ende des Monates flehte ich Robert förmlich auf Knien an, mich endlich aus diesen vermaledeiten vier Wänden hinaus zu lassen. Er zögerte. Dann nahm ging er zum Telefon und rief Alan an. Doch er ging nicht ran.

„Bitte, Robert! Liebling! Schatz! Sei realistisch! Alan ist tausende Kilometer entfernt. Was soll er mir auf die Entfernung schon tun? Du kannst mich nicht ewig einsperren! Bitte, es geht hier doch nur um einen Besuch beim Bäcker!! Mir wird schon nichts geschehen. Bitte, glaub mir doch!“ Wieder zögerte er. Dann nickte er zerknirscht. „Hau schon ab. Aber wenn dir was zustößt kannst du mit einem ziemlichen Ärger rechnen! Verstanden?“ Ich war ein wenig verwundert. Das war nicht so seine übliche Ausdrucksweise. Aber in dem Moment war mir nur wichtig, dass ich endlich wieder ein Stückchen Freiheit hatte. Ich ging zum Bäcker. Ich kaufe Brot und Kuchen. Und ich kam unbeschadet zurück. Ha!

Nach und nach schaffte ich es, immer mehr Freiheiten von Robert zurückzutrotzen. So verging ein Monat und wir gingen auf Weihnachten zu. Ich küsste Robert flüchtig zum Abschied. Er hielt mich fest. Er war in den letzten Wochen immer bleicher und schreckhafter geworden. Mir war niemals in den Sinn gekommen, meine Freiheit mit seiner Gesundheit zu erkaufen. Aber wenn ich eingesperrt würde, würde ich das nicht aushalten. „Wohin gehst du denn jetzt schon wieder?“ Ich lächelte. „Zur Bank. Dein Sohn will dieses Jahr leider ein sehr kostspieliges Geschenk zu Weihnachten.“ „Kann ich das nicht machen?“ Ich schüttelte energisch den Kopf. „Kann ich dich begleiten?“ Ich schüttelte erneut den Kopf. „Ich will doch auch noch ein Geschenk für dich kaufen und das sollst du nicht sehen.“ Er zögerte. Dann nickte er und küsste mich. „Pass aber auf dich auf!“

Natürlich schlug ich die Warnung in den Wind. Das mit dem Mädchen war nun zwei Monate her. Was sollte ich mich jetzt noch aufregen? Es würde nichts geschehen. Sowohl Robert als auch Alan hatten die ganze Sache zu ernst genommen. Ich kam bei der Bank an und schaute kurz durchs Fenster hinein. Die Schlangen waren wieder sehr lang. Nach kurzem Überlegen entschloss ich mich, doch zuerst das Geschenk für Robert zu kaufen. Dafür hatte ich vermutlich gerade noch genug Geld.

Durch den Schnee stapfte ich weiter in die Innenstadt in Richtung des Juweliers. Plötzlich schreckte ich auf. War das nicht … die Größe stimmte, auch die Haarfarbe kam hin … aber nein, als das Mädchen sich umdrehte bemerkte ich, dass sie vollkommen anders aussah. Das war nicht das Mädchen mit den Fotos. Ich stutze. War ich wirklich so schreckhaft? War das schon die ganze Zeit so gewesen? Wollte ich mir einfach nur nicht eingestehen, welche Angst ich selbst davor hatte, dass die Prophezeiung des Fotos eintrat? Aber … ich musste doch stark sein und diese Angst ignorieren. Die Jungs kamen mit diesem Druck nicht klar und reagierten eindeutig über. Neben mir tauchte eine weitere Brünette auf. Dort stand auch eine. Und da drüben noch eine andere. Ich fühlte mich veralbert. Seid wann gab es hier so viele Brünetten?! Das war doch die albernste Ironie, die man finden konnte. Mir war zum Heulen. All die Angst und die Besorgnis, die ich die Wochen über ignoriert hatte, schienen nun mit einem Schlag zu kommen. Was war, wenn Alan und Robert Recht hatten? Was war, wenn das Foto wirklich zeigen würde, was geschieht? Das würde bedeuten, dass ich sterbe … und nach mir Alan. Aber wenn es zeigte, was geschehen würde, könnte ich es dann ändern? Würde ich dann nicht so oder so sterben? In mir wuchs mehr und mehr der Wunsch, alles stehen und liegen zu lassen, nach Hause zu gehen und mich mit einer Wärmeflasche und einem heißen Kakao in meinem Bett zu verstecken. Aber verstecken war da auch keine Lösung. Tränen standen in meinen Augen. Ich fühlte mich so hilflos. Egal, was ich tat, es würde mir schaden. Wenn ich nun nach Hause ginge und zugäbe, dass ich auch Angst hatte, würde Robert mich bis zu meinem Lebensende nicht mehr hinaus lassen. Aber würde ich nicht gehen sondern nur das machen, was ich wollte, dann würde ich vermutlich sterben. Es sei denn, der Ort, an dem es geschah war mein zu Hause, aber das wusste ich ja nicht, ich hatte schließlich das Foto nicht richtig sehen können.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand und meinen Gedanken nach hing. Ich weiß auch nicht, was mich aus den Gedanken heraus riss. Aber irgendwann ging ich weiter. Doch ich ging nicht zum Juwelier. Ich weiß nicht, warum, aber ich steuerte wieder auf die Bank zu und stellte mich in eine ihrer Schlangen. Zäh ging es voran. Nach einer halben Stunde war ich aber schon recht weit vorne. Ich schaute auf die Uhr. So oder so wäre ich in etwa jetzt vom Juwelier wieder gekommen. Ich hoffte, dass er nicht zu hatte, bis ich hier fertig war. Es vergingen wieder einige Minuten. Dann gab es eine Unruhe am Schalter. Ich streckte mich, um sehen zu können, was es war, als ein lauter Knall mich erschreckte. Panik brach aus, Warnschüsse, langsam begriff ich … ein Überfall?! Um mich herum warfen sich alle zu Boden. Ein Überfall?! Ich war unfähig mich zu bewegen. Natürlich! Bei einem Überfall mit Geiselnahme kann man erschossen werden! Ich wurde bleich und fluchte leise. Da drehte sich einer der Räuber zu mir um. „Du! Runter auf den Boden wie die anderen! Aber flott!“ Ich kniff meine Augen zusammen. Konnte das sein? „Alan?“ Ein Knall. Im gleichen Moment bemerkte ich meinen Irrtum. Der Räuber sah ihm sehr ähnlich, aber er war es nicht. Die Menschen um mich herum begannen wie wild herum zu schreien. Ich sah mich um. Was war los? Ich verstand sie irgendwie nicht richtig. Warum schauten sie alle auf mich? Es war alles ein wenig verschwommen. Ich strich mir mit der Hand über meinen Bauch, er pochte ein wenig. Warum waren die Leute alle so unruhig? Meine Hand war plötzlich feucht. Ich sah nach unten. Ein tiefes Rot breitete sich auf meinem Mantel aus. Ich blutete? Seit wann blutete ich? Warum blutete ich? Ich sah den Räuber an, der nicht Alan war. Er zitterte am ganzen Körper. Er hatte nicht schießen wollen. Er hatte Angst. Wenn ich sterbe … wird er sterben … so ist das Gesetz … und das wusste er.

Mir fiel wieder ein, was das Mädchen gesagt hatte. Mein Tod bedeutet der meines Bruders Alan … Alan! Bitte, bitte stirb nicht! Mir wurde schwarz vor Augen. Ich spürte nicht einmal mehr, wie ich auf dem Boden aufkam. Bemerkte nicht, wie die Bankräuber unverrichteter Dinge wieder abzogen. Oder wie die Überwachungskameras alles aufgenommen hatten … Alan … es war meine Schuld! Es tut mir so leid! Hätte ich dich doch beschützen können, mein kleiner, lieber, kleiner Bruder! Verzeih mir! Egal, was die anderen sagen, ich bin Schuld. Verzeih mir!

11.4.08 08:45


Werbung


Plum Mathews

Es ist schon eine Weile her, als es passierte, aber ich erinnere mich noch sehr gut. Ich war damals achtzehn und fertig mit der Welt. Ich wollte meinem Leben ein Ende setzten, ich wollte einfach sterben. Ich hatte schon eine Menge ausprobiert, aber irgendwie war es mir nie wirklich gelungen, dann begegnete ich ihr.

Ich hatte ein weiteres Mal versucht mich umzubringen, und ich war erneut gescheitert. Das Seil, mit dem ich versucht hatte mich aufzuhängen war gerissen. Ich hatte ein paar Prellungen und Schrammen an Hintern und Armen, dort, wo ich beim Fall aufgekommen war, und leichte Druckstellen am Hals, aber ich lebte immer noch. Frustriert verließ ich das Haus. Ich schlenderte durch die Gegend und kam dann an einen See, über den eine Brücke ragte. In der Mitte der Brücke blieb ich stehen und schaute gedankenverloren ins Wasser. Eine Hand voll Schwänen planschte im Wasser und ihre Flügelschläge trugen mich durch die Zeit. Ich reiste in meiner Erinnerung dorthin zurück, wo ich in diesem Wasser fast umgekommen wäre.

Es war kurz nach dem Tod meines Vaters. Meine Mutter konnte es kaum erwarten, ihn unter die Erde zu bringen um sich ihrem neuem Typen, Dave, hinzugeben. Es dauerte nicht mehr lange bis sie geheiratet hatten und anfinden mich mit einem merkwürdigen Blick anzusehen. Meine Mutter hörte auf, sich um mich zu kümmern und Dave war alles andere als väterlich zu mir, es tut mir leid, aber genauer möchte ich das nicht beschreiben. Als ich dann acht Jahre alt war gingen wir drei spazieren und ich lehnte mich über das Geländer der Brücke um die Schwäne zu beobachten. Obwohl damals schon so viel Schlechtes passiert war, lag es mir fern, mich umzubringen, aber das änderte ich an jenem Tag. Durch einen kleinen Schubs, wie aus Versehen, fiel ich ins Wasser, mitten zwischen die Schwäne. Sie stoben auseinander und ich sank immer tiefer ins Wasser. Ein Gefühl von Frieden, wie ich es schon lange nicht mehr kannte, umhüllte mich, als ich mein Bewusstsein verlor. Es war das Schönste, was ich seit langem empfunden hatte.

Eine Passantin hatte mich aus dem Wasser gezogen und Reanimiert. Sie dachte, sie habe mir das Leben gerettet. Meine Mutter machte mir den ganzen Tag lang Vorwürfe, dass ich so unvorsichtig gewesen war und mein Stiefvater schwieg.

Es war erschreckend, wie warm und einladend mir der Tod nach dieser Erfahrung schien, wenn ich die kalte Wirklichkeit im Gegensatz sah. Seit dem floh ich mich immer wieder in diese vermeidliche Wärme der Nahtoderfahrung.

 

Ich stand bereits eine ganze Weile dort auf der Brücke und schwelgte in schmerzhaft süßen Erinnerungen, als ich verschwommen bekannte Schritte wahrnahm. Es dauerte auch nicht lange, bis ich hörte, wie sie mich rief. Ich drehte mich,  aus Erinnerungen und Träumen gerissen, um und da sah ich sie. Ihre braunen Haare bewegten sich leicht im Wind und ihre grünen Augen schienen mit den Blättern ringsherum zu verschmelzen. Sie hielt mir, noch im Gehen, ein Foto entgegen. Erst als sie mich mit diesem fast berührte, blieb sie vor mir stehen. Kurz sah sie auf meine Arme, deren Wunden ich unter einem warmen Pullover versteckt hielt und es schien mir, als wisse sie von den Narben. Auch als ihr Blick sich auf meinen Hals legte, der nur noch eine sehr schwache Rötung aufwies, schien sie zu wissen, was dort passiert war. Es war keine Minute, in der sie mich musterte und doch kam es mir wie eine Ewigkeit vor. In ihrem Blick lag eine Art von Mitleid und Sorge, die ich damals falsch interpretierte. Ich dachte ihr Blick sei geringschätzig und verächtlich. Ebenso ihr Lächeln, als sie mir das Foto gab. „Freu dich, das Foto zeigt dir, was du sehen willst. Es ist endlich so weit.“, sagte sie und hielt mir das Foto weiter hin. Ich schaute es mir an. Es zeigte mich, wie ich in unserer Badewanne saß und der Föhn mir einen tödlichen Stromschlag gab. Darunter stand ein irgendein Datum, das ich nicht interessant fand. Nur das Bild war wichtig. Tatsächlich hatte ich es auch mit dieser Methode des Todes noch gar nicht probiert. Ich schaute das Mädchen an. „Gute Idee. Ich werd’s Mal probieren.“ Sie schüttelte den Kopf. „Plum, ’Mal’ wird dir nichts bringen.“, meinte sie. Ich registrierte zwar, dass sie meinen Namen kannte, aber in anbetracht des Fotos schien mir auch das nicht wichtig. Dann zeigte sie auf das Datum. „Nur an diesem Tag bringt es etwas.“ Nun nahm ich das Foto. „Woher willst du das wissen?“ „Es ist so.“ Ich verdrehte die Augen. „Gute Begründung.“ Sie ignorierte diesen Einwand und erklärte weiter. „Natürlich kannst du es frei entscheiden und verhindern, aber solltest du es versuchen, so wird es dir gelingen.“ Ich grinste zufrieden. „Freut mich zu hören!“ „Sei dir bis dahin aber sicher, ob du es wirklich willst.“ „Ich denke nicht, dass Sie sich da einmischen müssen.“, war meine flapsige Reaktion. Dann fragte ich aber noch einmal nach. „Und das klappt echt?“ Sie nickte nur und meinte: „Meine Fotos lügen nicht.“ Meine Augenbraue zuckte nach oben. „Fotos?“

Doch darauf antwortete sie mir nicht mehr. Sie drehte sich nur um und ließ mich mit meinem Foto ganz allein zurück.

Ich betrachtete das Foto lange von allen Seiten und Prägte mir Zeit und Geschehnis gut ein. Da lag also mein Schicksal vor mir. Zufrieden ließ ich den Ort meiner Erinnerungen hinter mir zurück und ging zurück in mein Gefängnis … kurzum: ich ging nach ’Hause’. Ich klemmte mir mein Foto an meinen Kommodenspiegel, sah es mir noch mal sanft an und ging dann den Kühlschrank plündern. Nach einen recht dürftigen Mahl begab mich ins Badezimmer, wo ich Badewasser einlaufen ließ. Nein, nein, ich hatte nicht vor, mich umzubringen, ich wollte einfach nur baden.

So ließ ich mich tief ins warme Wasser sinken und genoss dies für einige Minuten. Dann fiel mein Blick auf unseren Föhn, der auf einer Ablage neben der Wanne lag …. Ich hatte es eigentlich wirklich nicht vor! Aber … meine Gedanken schweiften ab, ebenso wie mein Blick, der sich nun an meine Zehen hängte, die im Wasser planschten. Was wäre denn, wenn ich … mein Blick wanderte wieder zum Föhn. Nur so zu Sicherheit schaute ich mal auf die Steckdose. Ja, da war tatsächlich ein Stecker drin …. Schnell schickte ich meinen Blick wieder zu meinen Füßen. Kurz darauf ertappte ich mich, wie ich wieder den Föhn ansah und meinen Gedanken nachhing. Es wäre doch mal interessant … nein! Entschlossen starrte ich wieder auf meine Zehen.

So ging es nun eine Weile. Föhn, Füße, Föhn, Füße, Fööööööhn, Füße, Föhn. Und dort blieb der Blick dann wieder eine ganze Weile. Dann wanderte er ganz langsam über meine Füße hinweg an die Wand, die ich nun sehr interessiert und konzentriert beobachtete. Leichzeitig löste sich einer meiner Füße aus dem Wasser und fühlte nach dem Föhn, wobei er als allererstes so hart gegen die Ablage stieß, dass ich für einen Augenblick sowohl Atem als auch Bewegung anhielt. Dann aber fischte ich weiter, vorsichtiger diesmal. Ich grinste breit, als ich ihn hatte und dann begann ich ihn immer weiter zur Wanne zu befördern. Ein leises Lächeln lag auf meinen Lippen und dann gab ich dem Föhn den entscheidenden Schupps: Meine Augen schnellten sofort dorthin, mein Fuß wurde „unschuldig“ zurückgezogen und der Föhn fiel.

Mit einem lauten platschen durchbrach er die Wasseroberfläche und landete hart auf meinem anderem Bein. Der Schmerz des Aufpralles war das einzige, was mich durchzog, denn wie ich bald merken sollte, war es nicht der Föhn, der eingesteckt war, sondern der Rasierer von Dave. Das Kabel des Föhns war in aller Seelenruhe mit in die Wanne gesegelt.

Einige Zeit starrte ich nur mit halb offenem Mund auf dieses komische Gerät. In meinen Gedanken streckte mir das braunhaarige Mädchen die Zunge heraus und wiederholte noch mal ihre Worte: „Plum, ’Mal’ wird dir nichts bringen. Nur an diesem Tag bringt es etwas.“ „Hey!“, war meine Reaktion. „Woher kannte die meinen Namen?!“

 

Nach dieser leicht schwachsinnigen Aktion ging ich ins Bett. Bevor ich einschlief, hörte ich noch, wie sich meine Mutter bei Dave beschwerte, dass der Föhn plötzlich pitschnass sei und es gelang mir beim Besten Willen nicht, ein Grinsen zu unterdrücken.

Ich träumte in jener Nacht. Am nächsten Morgen dann hatte ich den Traum fast vergessen. Ich erinnerte mich nur noch an eine ganz kurze Szene: Mein Vater, als er mich als sechsjährige auf dem Schoß wog, mir zart durch mein Haar strich und sagte, dass, was immer auch geschehen möge, er immer ganz nah bei mir wäre. Ich hatte wohl in der Nacht geweint, denn meine Wagen waren mit nassen Striemen überzogen. Diese Situation hatte es tatsächlich gegeben, nicht lange vor seinem Tod, vielleicht ein, zwei Monate zuvor. Ich hatte lange nicht mehr von ihm geträumt, oh, wie ich ihn vermisse!

Erst an dem Tag, nach diesem Traum, wurde mir klar, was seine Worte damals hätten bedeuten können. Wäre es vielleicht möglich, dass er …. Ich warf meine Decke zurück und kramte mir irgendwelche Klamotten zureckt. Ich musste es herausfinden! Und zwar noch vor meinem eigenen, wahrscheinlich ebenso erwünschten Tod! Nur … wie? Einfach fragen? Hm, am besten nicht … aber wenn ich ….. ja! Das wäre möglich! Gefährlich zwar, aber möglich! Gerade als ich aus meinem Zimmer gehen wollte fiel mein Blick noch mal auf meinen Kommodenspiegel. Ich drehte noch mal um und betrachtete das Foto, das Datum dieses Mal, um genau zu sein. Ich schluckte. „Doch schon so bald?“ Zwei Tage hatte ich noch.

 

Die nächste Zeit verbrachte ich, mir einen Plan auszudenken, aber irgendwie kam ich niemals weiter als bis zur Grundidee. Als meine Mutter dann einen Abend wieder fort ging und ich mit Dave allein zu Hause war, schlich ich aus meinem Zimmer. Auf dem Flur jedoch hielt ich an. Ein richtiger Plan wäre eigentlich gar nicht so schlecht.

Klar, Dave betrunken machen um ihn ausfragen zu können, soweit war ich schon, aber wie, wann und vor allem: Was kommt dann? Wie auch die Male zuvor wischte ich diesen Gedanken mit dem Kommentar zur Seite, dass sich das alles noch ergeben würde, wenn es dann erstmal so weit wäre.

Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich es geschafft habe, oder, besser gesagt, das, woran ich mich noch erinnere, möchte ich hier nicht ausführen, aber ich schaffte es, ich in den Bereich des Betrunkenseins zu bringen, in dem er alles erzählte. So warf ich einfach den Namen meines Vaters ein: „Phillip!“

Ich weiß wirklich nicht, womit ich gerechnet hatte, aber damit ganz sicher nicht. Er fing lauthals an zu lachen, aber gleichzeitig weinte er wie ein Baby und schrie „Idiot!“ und „Dummkopf!“. Dann sah er mich an, direkt in die Augen, worauf er einen spitzen Schrei ausstieß und von mir zurückwich. Ich dankte Gott, dass meine Mutter nicht im Haus war und auch vorerst nicht wiederkommen würde und konzentrierte mich wieder auf Dave. „Was ist los?“, fragte ich ihn. Und er zeigte auf mich und sagte: „Phillip!“ Da dämmerte es mir, dass ich ihn vielleicht doch zu sehr abgefüllt hatte, doch er seufzte und kam wieder ein wenig zu Verstand. „U hst seene Augn! U hst seene Sele!“, nuschelte er, woraus ich das - vermeintliche - Kompliment „Du hast seine Augen! Du hast seine Seele!“ zog. „Was ist passiert?“, fragte ich und er begann zu erzählen. Ich verstand nicht alles, aber doch das Meiste.

Er erzählte mir, dass er und Phillip einmal die Besten Freunde waren, doch dann kam meine Mutter und sie verliebten sich beide in sie. Nach einer kurzen Dreiecksbeziehung hatte sie sich für meinen Vater entschieden, doch irgendwann fand sie ihn „spießig“ und vermisste ihren „feurigen Dave“. So holte sie sich Dave als ihren heimlichen Liebhaber und betrog meinen Vater; schließlich betrog er sie ja auch, indem nicht sie selbst sondern die Tochter, also ich, das Wichtigste in seinem Leben geworden war. Irgendwann wurde meine Mutter ihres Gatten überdrüssig und beschloss, ihn aus dem Weg zu räumen: Arsenvergiftung. Dave bedauerte, dass er nicht unwesentlich darin verstrickt und somit auch der Mörder seines ehemals besten Freundes gewesen war. Als mein Vater tot war heirateten meine Mutter und Dave und er hasste mich, denn ich war dem Verstorbenen so ähnlich, dass er, wie er sagte, jeden einzelnen, verdammten Tag, durch mich an ihn erinnert wurde und an das, was er ihm, mir, angetan hatte. Irgendwann erlangte dieses Gefühl für einen kurzen Augenblick überhand und er schuppste mich in den See. Er war erleichtert, als ich meine Augen wieder aufschlug und atmete und entschloss sich, mich zu ignorieren, denn er wollte mich nicht mehr ernsthaft verletzten.

Zum Schluss sagte er noch, dass das alles irgendwie nicht so lief, wie es sollte, denn nun war meine Mutter ihm Überdrüssig. Bereits seit einer Weile betrog sie auch ihn …... so wie auch an diesem Abend, und er fürchtete, dass ihm das gleiche passieren würde, wie Phillip.

Ich war wie erschlagen, als ich alles erfahren hatte und taumelte aus dem Raum, Dave war nun ein weiteres Mal sich selbst überlassen. Im Flur lehnte ich mich an die Wald und Schluchzte. Da kam sie mir entgegen.

 

„Geh gefälligst in dein Zimmer, wenn du flennen musst. Hast du das verstanden, Plum?“ Ich sah meine Mutter mit leeren Augen an, sie glotzte zurück. „Was ist?“, keifte sie. „Hast du ihn getötet?“ Sie stockte. Das hatte sie nicht von mir erwartet. Dann aber grinste sie breit und ließ ihre Maske nach all der Zeit endlich fallen. „Was dachtest du denn? Krank wurde der Kerl ja nie.“ Meine Stimme zitterte, genau wie meine Beine. „Du hättest dich trennen können! Warum hast du ihn umgebracht?“ „Er hätte dich mir weggenommen!“ Ich sah sie verständnislos an. „Das hätte dich gestört?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Es ging ums Prinzip.“, erklärte sie mit kalter Stimme. „Prinzip?“ Sie nickte. „Du hast ihn des Prinzips wegen umgebracht?!“, meine Stimme piepste. Sie kniff ihre Augen zusammen. „Du gehst mir auf die Nerven. Hör auf damit!“ „Und was wenn nicht? Bringst du mich dann auch um?“ Ihre Schmalen Lippen verzogen sich zu einem grausamen Grinsen. „Vielleicht.“ Meine Augen füllten sich mit Tränen und ich versuchte Verzweiflung und Wut niederzukämpfen als ich mit den Worten „Gib dir da bloß keine Mühe!“ den Flur runterstampfte. „Ach, hat doch dein Maul!“, schrie sie mir nach. „Du kriegst ja nicht einmal das hin! Dafür hängst du zu sehr am Leben!!“

 

Ich rauschte den Flur hinunter und schloss mich in ein Zimmer ein. Durch meinen Tränenvorhang konnte ich zuerst gar nicht so richtig sehen, welcher unserer Räume es war, aber ich ahnte es bereits. Tatsächlich: Es war das Badezimmer.

Ich ließ ein wenig Wasser einlaufen und zog mir Schuhe und Strümpfe aus. Dann steckte ich den Föhn ein und stieg in die Wanne. Als ich mich hinkniete huschte mein Blick über die Wanduhr: 0 Uhr 23. Tränen stiegen wieder in mir hinauf. Es war so weit! Ich sah mir noch mal den Föhn in meiner Hand an. Erlösung. Dafür stand er. Aber ……. NEIN! Ich konnte doch jetzt nicht einfach einen Rückzieher machen! Meine Mutter hatte Recht! Wenn ich das nicht mache, tauge ich für gar nichts! Und mein Vater? Was hielte er davon? Bald würde ich ihn ja fragen können, nicht wahr? Wäre er nicht furchtbar enttäuscht?

„Sei dir bis dahin aber sicher, ob du es wirklich willst.“, hallte es plötzlich in meinem Kopf wieder. Hatte das nicht das braunhaarige Mädchen gesagt? „Dafür hängst du zu sehr am Leben!!“, das kam von meiner Mutter. „Ich bin immer in derer Nähe, egal was passiert!“, mein Vater auch noch?! Würde es nicht auch reichen, wenn ich einfach abhauen würde? Ich müsste ja nicht gleich sterben, aber meine Mutter wäre mich trotzdem los … und ich sie!, schoss es mir durch den Kopf. Nein! Schwachsinn! Ich hatte mich doch entschieden! Warum könnt ihr mich denn nicht alle in Ruhe lassen?!

„Wem willst du was beweisen?“ Ich schaute mich zuerst verwirrt um, wem diese reale scheinende Stimme gehörte, bevor ich merkte, dass ich selbst gesprochen hatte. Ich blickte wieder auf den Föhn. Niemandem!, dachte ich. Du lügst, flüsterte es in meinem Kopf. „NEIN!“, schrie ich und schleuderte den Föhn in eine Ecke. Schwer atmend starrte ich auf meine leeren Hände und dann auf den Föhn. Tränen rollten mir über die Wangen. Meine Mutter hatte Recht! Ich wollte nicht sterben! Dafür hänge ich viel zu sehr am Leben!

Mit zitternden Knien stieg ich aus der Wanne und schaute mich um. Dann schlich ich in mein Zimmer und packte meine Sachen. Das Foto an meinem Spiegel jedoch sah ich mir nicht mehr an.

Bei Sonnenuntergang verließ ich dieses unselige Haus, aber nicht ohne Dave vorher einen Zettel durch den Türspalt geschoben zu haben, der den Kurten Rat enthielt: „Tu es mir gleich und verschwinde von hier!!“

Leise schloss ich hinter mir die Türe. Ich hatte noch keine Ahnung, wohin ich gehen sollte, aber ich war optimistisch, dass es nirgendwo schlimmer sein könne, als in diesem Haus. Dann ging ich, fest entschlossen, nicht mehr zurückzusehen.

 

„Du hast also erkannt, wie wertvoll ein Leben ist, Plum?“ Erschrocken drehte ich mich um. Das braunhaarige Mädchen stand an der Mauer unseres Hauses, von der sie sich nun abstieß um auf mich zuzukommen. Ich war völlig verdutzt, aber sie lächelte nur. „Ich bin stolz auf dich!“, sagte sie. Ich starrte sie nur an. „Was machst du hier?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nach dir sehen.“ „Warum?“ Sie lächelte verlegen. „Weil …. ich es deinem Vater versprochen habe.“ Meine Augen weiteten sich. „Du kanntest meinen Vater? Woher?“ „Plum, es ist mein Auftrag, die Menschen von ihrem baldigem Ableben zu unterrichten. Er hat auch ein Foto bekommen!“ „Er wusste es, nicht wahr?“ Sie nickte. „Er wollte, dass es dir besser ergeht. Nun, geh und mach dein Glück! Hier.“ Lächelnd reichte sie mir wieder ein Foto. Ich zögerte, bevor ich es annahm. Es war vollkommen schwarz. Irritiert sah ich sie an. „Das war dein Foto. Du hast den Tot abgewendet.“

 

Irgendwie schaffte ich es, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen und nun stehe ich hier, Fünfzehn Jahre später: Ich bin verheiratet, Mutter von Zwillingen und glücklich. Niemals wieder musste ich zurückschauen. Und, es ist mir ganz egal, wie das die anderen sehen, aber ich bin mir sicher, ich verdanke all das meinem braunhaarigen Schutzengel.

22.4.08 10:18





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung