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Jill Dunken

Es war letzten Samstag. Ich war mit einer Freundin verabredet, die mich aber aus irgendeinem Grund wieder warten ließ. Wie jedes Mal. Ich fragte mich, warum ich mich eigentlich noch mit ihr abgab. Sie war unzuverlässig, unpünktlich und manchmal richtig nervtötend. Sie war nicht einmal eine gute Freundin und mit ihr rumzuhängen machte nicht einmal richtig Spaß. Solche Freundschaften sind sehr enttäuschend. Aber so war sie ja nicht immer. Nur die letzten drei, vier Jahre unserer Freundschaft. Wieder einmal ging mit durch den Kopf, die Freundschaft zu beenden. Aber irgendwie würde ich es wieder nicht tun. Ich ließ meinen Blick über die Strandpromenade schweifen. Dort entdeckte ich Devlin. Ich kannte ihn aus ein wenig. Er wohnte in meiner Straße und ab und zu begegneten wir uns. Viel zu selten, meiner Meinung nach. Nicht, dass ich auf ihn stand, aber er war irgendwie süß. Und er war auch immer sehr nett zu mir. Ich glaube, er mag mich ein wenig. Vielleicht auch ein wenig mehr, das kann ich nicht so gut beurteilen. Aber ich hoffe schon, dass er mich mag .... leider ist er ein Weiberheld. Er schaut jeder hinterher. Tja, Männer nehmen es eben nicht so ernst mit der Treue. Nun, wo meine Augen ihn aber gefunden hatten, ließen sie ihn auch nicht mehr gehn. Ich beobachtete ihn, wie er die Promenade vorbei ging, als würde sie ihm gehören. Bei jedem anderem hätte ich es eingebildet genannt und mir wäre schlecht geworden, aber bei ihm war das etwas anderes. Er tat nicht nur so, als wäre es seine Promenade, nein, sie gehörte wirklich ihm! Er kannte jeden Winkel und alles hörte auf sein Kommando. Er strahlte eine so faszinierende Erhabenheit aus, die jeden in seiner Umgebung dazu brachte, das zu tun, was er sagte. Bei mir wirkte das natürlich nicht.

Da entdeckte ich plötzlich ein junges Mädchen, vielleicht 16 Jahre, ein graues Mäuschen. Ich weiß auch nicht, warum ich sie überhaupt entdeckt hatte. Aber das größere Problem war, dass auch Devlin sie entdeckt hatte. Sie winkte ihn zu sich. Ich rastete fast aus, als er ihrer Aufforderung folgte. Ich dachte, er wäre verrückt, auf so ein Mädchen braucht man doch nicht zugehen! Die hat doch nichts Besonderes! Jeder ist besser als DIE! Mein Herz blieb stehen, als ich sah, wie er sie küsste. Mir war schlecht und ich war kurz davor zu explodieren! Als sie endlich auseinander gingen redeten sie noch eine Weile und er nahm ihren Kopf in seine Hände. In mir brodelte es. Wie konnte er es wagen?! Plötzlich gab sie ihm etwas und wand sich zu Gehen. Er aber hielt sie zurück und sie redeten ein wenig. Ich beobachtete. Ich war sauer, dass ich die beiden nicht hören konnte, dafür war ich zu weit weg, aber zu ihnen rüber zu gehen traute ich mich nicht, denn Devlin hätte mich sicher erkannt. Also wartete ich ein wenig und beobachtete sie weiter. Ich hätte gerne gewusst, was sie besprachen. Dann sah Devlin so aus, als hätte sie ihm eine gescheuert. Wieder wollte ich einen Schritt zu ihnen gehen, aber irgendwie war ich wie festgewurzelt. Ich konnte sie nur beobachten, nicht mehr, nicht weniger.

Es war nicht lang, aber es schien eine Ewigkeit zu dauern und ironischer Weise schienen sie in diesen kurzen Minuten eine gesamte Beziehung zu durchlaufen: Zuerst trafen sie sich, dann küssten sie sich, dann stritten sie sich und schließlich wollte sie gehen, wurde aber von ihm zurückgehalten. Er schien wieder versuchen, sie zu küssen, aber sie wehrte ab. Er versuchte es wieder und sie schubste ihn. Er fiel. Ich rannte los. Rannte, rannte, aber ich erreichte ihn nicht. Es schien, als würde ich mich keinen Millimeter bewegen. Als ich ihn fast erreicht hatte, knallte er mit seinem Kopf auf die kleine Mauer, die den Strand von der Stadt trennte und lag ganz merkwürdig da. Das Mädchen hatte versucht ihm ihre Hand hinzureichen, aber er konnte sie nicht mehr nehmen. Als er nun da lag hob das Mädchen etwas auf, was neben ihm lag und fing an zu weinen. Dann setzte sie sich neben ihn, nahm seine Hand und küsste ihn auf die Stirn. Ich stand da, wenige Meter entfernt, und wagte mich nicht zu rühren. Wieder schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis das Mädchen ihre Augen wieder hob und mich ansah. Obwohl ich ganz sicher gesehen hatte, dass sie geweint hatte, waren ihre Augen nun wieder vollkommen trocken und verloren die letzten Anzeichen dafür, dass sie geweint hatte. "Was ist mit ihm?", fragte ich. Sie schlug die Augen wieder nieder. "Ich wollte das nicht!" "Was ist mit ihm?", wiederholte ich meine Frage. Meine Stimme war nun schrill geworden. Ich bin nicht dumm, ich ahnte, nein, ich wusste bereits, was mit ihm war, aber der Gedanke, dass er wirklich und wahrhaftig tot sein könnte, schnürte mir die Luft ab und hinderte mich daran, zu atmen. Er konnte nicht ... durfte nicht! Er war noch viel zu jung dafür, als dass er hätte wirklich und wahrhaftig ... tot sein können! Er, ich meine, seine Eltern, seine Familie, seine Freunde ... ich ... das geht doch nicht! Er war doch gerade noch, vor nur ein paar Minuten, noch so wie immer, lebendig, normal, wie kann ein Mensch im Bruchteil einer Sekunde sterben? Einfach so? Einfach so! Ich sah das Mädchen an. Sie hatte ihn geschupst! Sie war Schuld! Sie hat ihn umgebracht! Es ist ihre Schuld, dass er nicht mehr lebt!

Sie sah mich mittlerweile forschend an. Es schien, als würde sie jedes Wort meines Monologs mitbekommen zu haben. Dann schüttelte sie den Kopf. "Es stimmt. Ich bin Schuld. Es war ein Unfall, es war keine Absicht, aber es schmälert nicht meine Schuld. Er ist durch meine Hand gestorben." Ihre Augen waren wieder feucht. Worum weinte sie eigentlich? Dass sie ein Leben beendet hatte? Oder darum, dass er tot war? Ich sah sie vernichtend an. "Ich wollte es wirklich nicht!" Sie stand auf. Sie war kleiner als ich. Etwa einen Kopf, vielleicht auch zwei. Und das, obwohl sie ganz aufrecht stand. Irgendwie hatte sie etwas Stolzes an sich, das mich an Devlin erinnerte. Wenn auch auf eine andere Art und Weise. Eine ... aufrichtigere Art und Weise, glaube ich. Ich musterte sie. Sie war ein ganz normales Durchschnittsmädchen; braune Haare und grüne Augen. Das gab es hier doch so oft. Warum hatte er sie ansprechen müssen? Mir stiegen Tränen in die Augen. Da schlug sie wieder die Augen nieder und verbeugte sich vor mir. Ich sah sie fragen an. Was sollte DAS nun wieder? Als sie sie wieder aufrichtete entschuldigte sie sich ein weiteres Mal. Ich zitterte am ganzen Körper. Was war sie nur für ein Mensch? Sie hatte sich vor mir verbeugt, mir die höchste Demut offenbart, und trotzdem schien sie immer noch so stolz und unnahbar. Vielleicht konnte ich doch nachvollziehen, dass Devlin sie .... nein! Ich sah verachtend auf sie hinab. "Wenn es dir wirklich Leid tut, dann geh zur Polizei, damit sie dich dafür bestrafen." Sie sah mich forschend an. "Polizei? Warum denn? Die machen ihn auch nicht wieder lebendig. Er ist tot, Jill, tot. Er kommt nicht mehr wieder." Ich war geschockt. "Woher kennst du meinen Namen?" Sie überlegte kurz. Dann lächelte sie und zeigte auf meine Tasche. Tatsächlich stand da mein Name drauf. Aber sie hatte ihn doch gar nicht lesen können. Vielleicht hat sie ihn vorher gelesen? Oder Devlin hat von mir erzählt? "Wenn du nicht zur Polizei gehst, dann werde ich dort hin gehen und dich anzeigen." Sie schaute unsicher. "Was bedeutet das?" "Ich werde ihnen erzählen, dass du ihn umgebracht hast." Sie lächelte. "Das würdest du für mich machen? Ich danke dir. Ich habe nämlich leider keine Zeit dafür, zur Polizei zu gehen." Ich starrte sie ungläubig an. Hatte ich ihr nicht gerade gesagt, dass ich sie bei der Polizei als Mörderin anzeigen würde? Wie konnte sie da dann noch so ruhig bleiben, mehr noch, sich sogar bei mir dafür bedanken!
Ich verstand das Mädchen nicht. Aber als mir klar wurde, was sie gesagt hatte, war sie weg. Ich schaute eine kurze Zeit in die Richtung, in der sie wahrscheinlich gegangen war. Dann nahm ich zitternd mein Handy und wählte die Nummer der Polizei. In knappen Worten erklärte ich ihnen, dass ich an der Strandpromenade einen Mord beobachtet hatte und, als ich die Mörderin aufforderte, sich zu stellen, sie einfach weggegangen war. Ich wurde gefragt, ob ich sie identifizieren könne und ich bejahte. Dann legte ich auf und wartete auf die Polizei. Ich hockte mich neben Devlin und beobachtete ihn. Ich hatte aber Angst davor, ihn zu berühren. Ich wusste, wie warm er normalerweise war, aber ihn nun so zu berühren, wie er da lag, kalt und vollkommen ohne Leben. Ich glaube, das hätte ich nicht ausgehalten. Ich sah in sein Gesicht. Seine Augen waren wie benebelt und ganz weit fort. So ganz ... leer. Dann kam die Polizei. Ich wurde als Zeugin mit auf das Revier genommen und verhört, was ich gesehen hatte. Devlins Leichnam hingegen wurde in die Pathologie gebracht. Ich würde ihn niemals wieder sehen.

Der bearbeitende Polizist, ein Mr Knott, tat es als einen Unfall ab, obwohl ich immer und immer wieder betonte, dass sie es mit Absicht gemacht hatte. Er fragte seinen Partner, der sich mir als Mr Dimm vorgestellt hatte, ob er es für möglich halten würde, dass es hätte ein Streit unter Liebenden sein können, oder eine Rache der Exfreundin, aber da ging ich auf die Barrikaden! Ich sprang von meinem Stuhl hoch und brüllte, dass dieses Flittchen nie im Leben mit Devlin zusammen sein könnte. Er kannte sie nicht einmal! "Sie sagten doch gerade, dass sie sehr vertraut miteinander umgegangen waren." Ich nickte zähneknirschend. "Sie hat sich an ihn rangeschmissen.", sagte ich. "und er war natürlich nicht abgeneigt." Dann wurde ich gefragt, ob ich das Mädchen beschreiben könne und ich nickte. "Kleiner als ich. Vielleicht 1,60, braune Haare und grüne Augen. Sie trug Jeans und ein rosabraunes Oberteil. Sie war an sich nichts Besonderes." Als ich das sagte bemerkte ich ein merkwürdiges Flimmern in Mr Dimms Augen. Er sah mich forschend an. "Wie grün waren die Augen?", fragte er. Ich lachte. Was war das denn für eine Frage? "Sehr grün", antwortete ich. Ab dem Moment war Mr Dimm der Polizist, der mich verhörte. Er beauftragte mich, mich mit dem Phantomzeichner zusammen zu setzen und ihm das Mädchen zu beschreiben. Schaden konnte es nicht, also tat ich das. Danach wurde ich nach Hause geschickt. Sie hatten ja nun meine Aussage und sie würden auch keine andere finden, denn ich war die einzige, die mit dem Mädchen gesprochen hatte, also die einzige, die wusste, dass es kein Unfall war. Ich hatte es so dargestellt, als wäre das Mädchen eine Mörderin, das vor mir geflohen war. Und bei allem anderen war ich so ehrlich, dass mir keiner was konnte.

Als ich nach Hause ging, war ich recht zufrieden mit den Ereignissen im Präsidium. Der Rest des Tages war natürlich furchtbar. Ich meine, Devlin war tot! Das einzige Gute war, dass ich es seiner Mörderin heimzahlen konnte. Ich hörte Schritte hinter mir. Zuerst maß ich ihnen nicht viel bei, aber mit der Zeit wurden sie lästig und ich schaute durch eine Schaufensterscheibe zurück. Mein Herz blieb in diesem Moment fast stehen! Die Schritte hinter mir gehörten Devlins Mörderin! Ich drehte mich um. "Was willst du? Willst du mich jetzt auch beseitigen? Das wird nur leider zu spät sein, die Polizei weiß nun, wie du aussiehst, und wenn ich plötzlich verschwinde, wird es ihnen merkwürdig vorkommen." Sie schüttelte den Kopf. "Harvey weiß eh schon, wie ich aussehe. Ich glaube zwar nicht, dass er verstanden hat, was ich tue, aber er kennt mich. Er wird wissen, dass ich den Jungen nicht vorsätzlich getötet habe. Ich töte nicht vorsätzlich. So etwas mache ich nicht. Das verstößt gegen meine Regeln" Hatte sie mir gerade gestanden, dass sie schon Probleme mit der Polizei hat? Dann sah sie mir direkt in die Augen. Mir schauderte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jetzt nichts Gutes kommen würde. "Ich möchte, dass du verstehst, dass ich ihm nichts antun wollte. Es war wirklich ein Unfall. Ich möchte nicht töten." Dann reichte sie mir etwas. Es sah aus, wie ein kleines Bild oder so. Sie hielt es jedoch falsch herum und ich konnte nicht sehen, was es zeigte. Ich streckte meine Hände aus und berührte das Foto zaghaft mit den Fingern. "Ich möchte nur helfen."

Als sie das gesagt hatte, hatte ich mich umgedreht und war gegangen. Das Bild jedoch hatte ich dort gelassen. Noch am selben Abend fasste ich den Entschluss, noch mal bei der Polizei vorbeizugehen und es so darzustellen, als hätte mich das Mädchen bedroht. Ich überlegte kurz. Vermutlich wäre es dafür praktischer gewesen, zu wissen, was auf dem Foto zu sehen war. Aber ich hatte irgendwie ... Angst davor gehabt, es zu sehen. Dieses Mädchen machte mir schlicht und ergreifend Angst!

Aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, sollte es alles noch schlimmer werden. Ich schlug die Augen auf und neben mir auf dem Kissen lag ein Bild. Ich blinzelte. Es erinnerte mich an das Bild, das das Mädchen am Vortag mir hingehalten hatte. Mit schweren Armen tastete ich nach dem Bild und drehte es so, dass ich erkennen konnte, was darauf zu sehen war. Ich sah verschwommene Konturen und meinte doch etwas darauf zu erkennen, was mein Herz stehen ließ. Augenblicklich war ich hellwach und saß im Bett. Ich griff auf meinen Nachttisch und fühlte nach meiner Brille. Ich betete, dass ich es nur falsch gesehen hatte. Hatte ich aber nicht. Das Foto zeigte mich, wie ich ertrank. Sofort zog ich mich an, putze mir die Zähne und stürmte, ohne irgendetwas zu Essen oder jemandem bescheid zu sagen, aus dem Haus, schwang mich auf mein Fahrrad und radelte zur Polizeiwache. Dort angekommen brüllte ich, dass ich sofort die Herren Dimm und Knott sehen wollte. Mir wurde gesagt, dass sie noch keinen Dienst hätten und ich machte ihnen klar, dass ich sie sofort und augenblicklich sehen wollte, vorzugsweise Mr Dimm. Sie wiederholten nur, dass er leider gerade keinen Dienst habe und ich verlor die Fassung. Ich brüllte herum. "Verdammt! Das Mädchen hat mich gestern verfolgt! Und als ich heute Morgen aufwachte fand ich eine Morddrohung in meinem Zimmer! Das Mädchen will mich umbringen! Ich will sofort mit Mr Dimm sprechen! SOFORT!" Daraufhin setzten sie mich mit einem sanften, aber bestimmten Druck auf die Schulter auf einen Platz und sagten, sie würden ihn mal anrufen, vielleicht würde er ja Überstunden machen wollen. Einige der Polizisten lachten. Zehn Minuten später war Mr Dimm im Präsidium. Er sah aus, als hätte er vollkommen überstürzt das Haus verlassen. Nicht einmal rasiert hatte er sich. Geschweige denn, die Haare gekämmt. Der Typ sah furchtbar aus.

Sofort bestellte er mich in ein Verhörzimmer. Dort redete er mit schwerer Stimme auf mich ein, alles zu erzählen, was gesehen war. Ich erzählte auch brav und wahrheitsgemäß alles, was geschehen war. Nur die Szene, bei der sie mit mir sprach gab ich nur stark verkürzt wieder. "Sie sagte, sie würden sie bereits kennen, stimmt das?" Mr Dimms Blick verfinsterte sich und er gab einen Art Grummeln von sich. "Oh ja. Sehr gut sogar. Ich habe persönlich mit ihr zu tun. Mädchen, sie ist gemeingefährlich, das kannst du mir glauben" Ich nickte. Das konnte ich wirklich glauben. "Weißt du, wie viele Menschen sie schon auf dem Gewissen hat", fragte er und ich schüttelte den Kopf. "Ich auch nicht." Ich musste grinsen. Was für ein dämlicher Polizist! "Aber ich kann bereits ihre Präsenz in etwas über zehn Fällen beweisen!" Ich schaute ihn forschend an. Vielleicht war er ja doch nicht so dämlich? Jedenfalls wurde es jetzt interessant. "Ist das wahr?" Er nickte. "dreizehn Fälle." "Vierzehn", berichtigte ich ihn. "Oh, den Jungen von Gestern habe ich bereits mitgezählt. Und du lebst eindeutig noch." Ich knirschte mit den Zähnen und er rat mir, das nicht zu tun, das sei schlecht für meine Zähne. Ich sah ihn vernichtend an. "Weißt du eigentlich, wie albern du aussiehst, wenn du so schaust?" Ich wäre ihm beinahe an die Gurgel gesprungen. Fauchte, stand auf und wollte gehen. Er jedoch hielt mich zurück. "Mensch, Mädchen, komm wieder runter! Kein Grund zu schmollen. Du bist auf mich angewiesen. Dieses Mädchen ist clever. Wenn du dich nicht unter Polizeischutz stellen lässt, dann bist du ernsthaft in Gefahr." Ich schnaubte. "Ich glaube, in ihrer Nähe bin ich ebenso gefährdet. Und letzten Endes ist sie nur ein Mädchen. Sie ist sowohl kleiner als auch schwächer als ich, mit der werde ich locker fertig, wenn sie mich ertränken will." "Ertränken", fragte er überrascht nach und ich knallte ihm das Foto vor die Nase. Er grinste amüsiert. "Du irrst dich, Mädchen.", sagte er. "Und was noch tödlicher ist: du unterschätzt sie. Sie beherrscht perfekt das Mentale Spiel. Sie stellt sich naiv und hat es faustdick hinter den Ohren. Sie lässt es immer wie einen Unfall aussehen und ist meist nicht einmal in der Nähe. Sie unterzieht ihre Opfern eines unsagbaren Psychoterror. Sie vollzieht das so perfekt, ich habe noch nie mitbekommen, dass sie so dumm war und selbst Hand an ihre Opfer anlegte." Er sah mich kurz an. Dann sagte er entschuldigend: "Bis auf den Fall mit deinem Freund natürlich, Mädchen. Aber das war wirklich bisher die einzige Ausnahme." Ich überlegte kurz. "Was meinen Sie, wie viele Opfer sie schon hatte?" Er schwieg und ich stellte meine Frage erneut. Dann sah er mich eindrücklich an. Man sah ihm an, was er dachte: Kann ich diesem Mädchen vertrauen? Wie viel kann ich ihr sagen? Dann seufzte er. "Es müssen tausende sein!", sagte er. "Ich weiß es nicht genau, aber es scheint wohl eine Art Familientradition gesehen. Ich hatte sie mal hier und sah ihre Tasche. Dort waren unsagbar viele Fotos, Zeichnungen und Dererlei drin, das bestimmt aus Jahrtausenden stammt. Sie selbst ist vermutlich auch bereits für mindestens fünfzig Tote verantwortlich." Er seufzte wieder. "Ich muss dieses Miststück fangen!" Im gleichen Moment biss er sich auf die Lippen und sah mich schuldbewusst an. Ich schüttelte den Kopf. "Ich bin schon ganz andere Aussprüche gewöhnt!" Er schaute verständnislos. "Die Jugend von heute …" "Wird ihnen helfen, dieses Miststück zu fangen!", beendete ich seinen Satz. "aber wenn sie mich ebenso sterben lassen, wie Devlin und all die anderen, dann werde ich sie als Geist verfolgen und ihnen die Hölle heiß machen. Darauf können sie sich schon mal verlassen."

Kurze Zeit später war ich wieder zu Hause und musste meinen Eltern irgendwie Rede und Antwort stehen. Nach einem Verhör bei der Polizei wirklich das Lästigste, was einem passieren kann. Na ja, das elterliche Verhör ist bei weitem Schlimmer. Dessen könnt ihr sicher sein.

Das Foto hatte ich bei Mr Dimm gelassen. Er hatte darauf bestanden. Außerdem hatte er mich gebeten, zu niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, was meine Begegnung mit diesem Mädchen anging. Daran hielt ich mich gerne, denn jeder, dem ich erzählt hätte, dass mir ein Mädchen erzählt hatte, wie ich sterbe, hätte mich sofort in die Irrenanstalt verfrachtet. Ich überlegte einen Moment. Das wäre vermutlich nicht das Schlimmste, dachte ich mir. Schließlich wäre ich da vermutlich sicher als irgendwo anders. Ich dachte wieder an den Morgen zurück. Ich war nirgendwo sicher! Wenn dieses Mädchen schon ohne die geringsten Spuren in mein Zimmer gelangen konnte, was sollte sie dann daran hindern, in ein Irrenhaus einzubrechen? Nichts! Die Antwort war nichts!

Trotzdem, oder gerade deshalb, fiel es mir recht schwer, meinen Eltern zu verheimlichen, was alles passiert war: Dass ich gesehen hatte, wie Devlin umgebracht worden war, dass ich mit diesem Mädchen gesprochen hatte, dass sie mich verfolgt hatte und dass sie in mein Zimmer eingebrochen war. Ebenso, wie dass sie mir ein Foto dagelassen hatte, dass mich zeigte, wie ich ertrank, dass ich früh morgens bereits zur Polizei gefahren war und dass ich unter Todesängsten litt. Wem hätte ich es sagen sollen, wie hätte ich es erklären sollen? Wer hätte es verstehen sollen? Außer Mr Dimm schien mich keiner ernst zu nehmen. Wie denn auch? Außer uns beiden war ihr auch noch keiner begegnet. Nun, zumindest keiner, den ich kannte.

Das Telefon klingelte, aber ich saß einfach nur in meinem Zimmer und sah aus dem Fenster. Dann klopfte es und meine Mutter kam herein. "Jilliemaus! Was machst du denn noch hier? Dein Schwimmlehrer hat angerufen. Ich dachte, du wärst schon längst dort." "Mom, hör mal, ich habe echt keine Lust zu schwimmen." Sie schüttelte den Kopf. "Ist es wegen Devlin? Mäuschen, bitte. Du hast nichts tun können. Es war ein Unfall. Du darfst dich nicht so hängen lassen. Auch, wenn du ihn mochtest. Er hätte es sicher nicht so gewollt." Ich sah sie wütend an und sie lächelte und gab mir einen Kuss. Sie hatte keine Ahnung! Es war kein Unfall! Was wusste sie schon?! "Meinst du, er hätte gewollt, dass er tot ist?", giftete ich. Sie schaute betroffen. "Sicher nicht, aber ... " "Meinst du, er hätte gewollt, dass er so stirbt?" "Nein, aber ... " "Meinst du, er schert sich auch nur einen Furz um mich?!" "Ja, natürlich." Ich sah sie an. Ich hatte rum geschrieen, ich war hysterisch und ich war stinksauer, dass diese Frau dachte, sie wüsste, wie es in mir aussieht, oder in Devlin. "Was?" "Mäuschen, bitte. Sag nicht, du hättest es nicht gemerkt. Er hat sich sehr gemocht." "Raus" "Aber ..." Raus!" Sie nickte. "Meinet wegen. Wenn du dich in Selbstmitleid ertränken willst ..." Da war es vorbei! Ich rastete total aus und schmiss sie mit Tränen in den Augen aus dem Zimmer. Immer und immer brüllte ich "Was weißt du denn schon?! Du hast doch keine Ahnung! Du weißt gar nichts! Verschwinde! Verschwinde!!" Und sie verschwand. Ich wunderte mich einen Augenblick, denn so schnell aufzugeben sah ihr eigentlich gar nicht so ähnlich. Normalerweise war sie so ein Dickkopf wie ich einer war.

Kurze Zeit später klopfte es wieder an meiner Zimmertüre. Ich knurrte, dass sie draußen bleiben sollte, aber die Türe öffnete sich trotzdem einen Spalt weit. Mein Vater steckte die Nase herein. "Hey, Prinzesschen, gilt das auch für mich?", fragte er. Ich lächelte flüchtig und gab ihn einen Hinweis, dass er eintreten könne, ohne gleich in Lebensgefahr zu schweben. Er quittierte das mit einem Lächeln und stellte sich mitten in den Raum. "Ich will ja auch nicht lange bleiben. Es ist nur ... du warst du ruhig und ich dachte, du seihst schon längst weg, aber als du dich dann mit deiner Mutter gestritten hattest, merkte ich, dass du doch noch dar warst. Aber normalerweise bist du um diese Zeit beim Schwimmtraining." "Fällt aus." Er schüttelte den Kopf. "Das tut es nicht, und das weißt du auch." Ich nickte. "Stimmt. Na und?" "Na und? Nichts `na und´. Ich dachte nur mal, dass dir das Schwimmen wichtig wäre. Und daher habe ich dir den Privatunterricht finanziert. Weißt du eigentlich, wie teuer das ist? Ich dachte, du wärst ehrgeizig und nun lässt du dich vor einem wichtigen Wettkampf so hängen. Ich bin enttäuscht von dir." Ich zuckte zusammen. Etwas Schlimmeres hätte er nicht sagen können. "Ich hab meine Gründe!" "Und was für Gründe?", fragte er und setzte sich auf mein Bett. Ich zuckte mit den Schultern. "Geht dich nichts an." Er strafte mich mit einem Blick, der Schiffe versenken konnte. "Hör mal, Jill, ich bin dein Vater. Mich geht alles in deinem Leben etwas an!" Mir standen Tränen in den Augen. "Meinst du? Das ist jawohl vorsintflutliches Denken!" Er lächelte mich an. "Nun sag schon, was bedrückt dich? Wenn du es nicht aussprichst, dann wird es dich vergiften." Das war der Wahlspruch meiner Familie: "Wenn du es nicht aussprichst, wird es dich vergiften." Das sollte bedeuten, dass wir immer ehrlich zueinander sein können und sollen. Bisher hatte es auch immer geklappt, denn wir brachten uns Respekt und Verständnis entgegen. Ich knirschte mit den Zähnen. Ich wusste, dass mein Vater das nicht leiden konnte, aber ich machte es immer automatisch, wenn ich über etwas Schwerwiegendes nachdachte. Ich schaute ihn scheu an. "Ich habe Todesängste?" Er nickte. "Warum?" "Hm, weißt du, wie gefährlich Schwimmen ist?" Er nickte wieder. "Gerade darum war ich ja so stolz auf dich, als du es versuchen wolltest." "Können wir uns nicht darauf einigen, dass ich es mir anders überlegt habe?" Er zog mich zu sich und nahm mich in den Arm. "Jill, Liebling, sei ehrlich zu dir. Wenn du nun Angst vor dem Schwimmen hast, dann gib es zwei Möglichkeiten. Entweder du sitzt es aus und schwimmst niemals wieder, oder du versuchst es einfach und besiegst deine Ängste." Ich lächelte. "Seine Ängste besiegen hört sich toll an." "Ich weiß. Und ich weiß auch, dass du es schaffen könntest. Das Schwimmen ist dir so unsagbar wichtig, du selbst sagtest einmal, dass du ohne das Schwimmen nicht mehr leben kannst." Das hatte ich wirklich einmal gesagt. Ich sah ihn an. "Kann ich morgen damit anfangen, meine Ängste zu besiegen? Heute bin ich dazu noch nicht bereit.", fragte ich und er lächelte liebevoll. Dann sahen wir uns eine Zeit lang schweigend an. Schließlich fragte er: "Und sonst gibt es nichts, was du bereden willst?" Ich tat einen Augenblick so, als würde ich nachdenken. "Ich muss nachher noch mal zur Polizei.", sagte ich dann breit grinsend und er lächelte wie ein guter Verlierer zurück und stellte keine Fragen mehr.

Am nächsten Tag fuhr ich wieder zum Schwimmbad. Dort traf ich dann, wie es abgesprochen war, Mr Dimm. Am Abend zuvor hatte ich noch mit ihm abgesprochen, dass er mit mir zum Schwimmtraining gehen wird und mich, wenn nötig, aus dem Wasser ziehen würde. "Wir wissen doch, was geschehen wird, also können wir es verhindern!", sagte ich überzeugt. Er gab mir nicht Recht, aber ließ sich trotzdem auf das Spielchen ein, denn er schien schnell begriffen zu haben, dass man mich von etwas, wofür ich mich entschieden habe, nicht abbringen kann.

Ich war in absoluter Höchstform! Ich schwamm die Bahnen in persönlicher Höchstleistung. Und ich ertrank nicht. Nein, ganz im Gegenteil. Als ich völlig ausgelaugt aus dem Becken krabbelte fühlte ich mich wie neu geboren. Es war toll. Anstrengend, nass, gefährlich, aber unsagbar cool. Und so erfüllend. genau das war es, was ich vermisst hatte. Mr Dimm sah mich fragend an, als ich erschöpft am Beckenrand lag. "Ich hab ... Freitag einen Wettkampf. Ich will ihn gewinnen. Ich bin gut! Ich habe richtige Fortschritte gemacht und habe gute Chancen zu gewinnen. Ich gedenke nicht, dass wegen eines bescheuerten Mädchen mit einem schwachsinnigem Foto aufs Spiel zu setzen!" Er räusperte sich, half mir hoch und schob mich in die Umkleidekabine. Als ich mich umgezogen hatte fuhren wir wieder nach Hause. Das ging die nächsten Tage so. Und am Freitag hatte ich dann meinen Wettkampf. Ich war so gut vorbereitet wie noch nie zuvor. Ich war richtig gut!

Meine Mutter umarmte mich und küsste mir die Stirn. "Ich bin so stolz auf dich, mein Mäuschen!" "Das kannst du noch nicht sein. Aber wenn ich aus diesem Becken wieder heraus steige, dann kannst du wirklich stolz auf mich sein. Denn dann werde ich als Siegerin heraus steigen!" "Und du bist dir sicher, dass du nicht zu hart trainiert hast?", schaltete sich mein Dad ein. Diese Frage stellte er mir schon seit einer ganzen Weile und ich beruhigte ihn immer. Aber scheinbar schien ihm das nicht zu genügen. Ich klopfte ihm auf die Schultern. "Keine Angst! Ich habe gut vorgesorgt, mir wird nichts passieren." "Das habe ich ja auch nie behauptet, ich meinte nur, dass du dich nicht überanstrengen sollst!" Ich grinste. "Keine Sorge, ich pack das schon!" Dann ging ich zu dem Startblock. Meine Nummer war sieben. Ich grummelte ein wenig. Ich hasste die Nummer sieben. Irgendwie bedeutete sie für mich Unglück. Ich zögerte kurz, bevor ich auf den Startblock stieg. All die Zweifel, die ich in den letzten Tagen hartnäckig ignoriert hatte, kamen mit einem Mal zurück zu mir. Ich sah zu meinen Eltern. Sie lächelten mir zu und zeigten mit dem Daumen nach oben. Ich schaute zu meinem Trainer und er grinste. Ich schaute zu Mr Dimm, doch dort, wo er sein sollte, stand er nicht. Ich suchte mit meinen Augen das Publikum ab und einen Augenblick lang schien es mir, als hätte ich das Mädchen wieder gesehen. Sie stand da, mitten im Publikum, und schaute mich eindringlich an. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Ich zitterte, aber als ich wieder hinsah, war sie fort und stattdessen drängelte sich Mr Dimm an diesen Platz. Ich sah ihn an. Er sah mich an. Dann ertönte der Startschuss für das Rennen.

Überrascht riss ich meinen Blick von ihm los und sprang ins Wasser. Ich kam schlecht auf. Ich war zu überrascht gewesen. Wurde dieses Mal nicht vorgezählt? Dann versuchte ich mich wieder zu fassen und begann wie eine Wahnsinnige zu Kraulen. Die erste Bahn hing ich hoffnungslos hinterher. Meine Hand schlug an die Bande. Auf der zweiten Bahn begann ich aufzuholen, erst langsam, dann schneller und immer schneller. Meine Hand schlug an die Bande. Auf der dritten Bahn war ich ganz vorne und ich wusste, das Training hatte sich gelohnt. Meine Hand schlug an die Bande. Auf der vierten Bahn begann ich mich langsam zu fragen, ob ich nicht vielleicht hätte meine Kräfte sparen sollen. Es waren fünf Bahnen und ich hatte nicht mehr so viel Kraft. Bei meinem Training war ich darauf bedacht, möglichst schnell zu sein, nicht möglichst ausdauernd. Ich hatte immer nur drei Bahnen geschafft, danach war ich vollkommen fertig gewesen. Einige der Schwimmer überholten mich und ich begann wieder zurückzufallen. Ich entschloss mich, alle meine Kräfte zu mobilisieren. Ich holte mit der hand aus und ein Stich durchschoss meine Brust. Jede einzelne der Fasern meines Körpers schien sich zu meinem Herzen zu ziehen und es zu durchbohren. Ich musste einatmen, aber ich erwischte nur Wasser. Ich hustete, schluckte und jappste, aber war immer noch unter Wasser. Es schien mir plötzlich, als sei ich unsagbar weit von der Oberfläche entfernt, als zöge mich etwas immer und immer tiefer hinunter. Meine Augen flackerten. Ich konnte irgendwie nicht mehr richtig sehen. Da durchschoss ein zweiter Stich meine Brust und ich stieß weitere Luft aus, von der ich nicht mehr gedacht hatte, dass ich sie besitzen würde. Ich zitterte am ganzen Körper. Es schien so unendlich lang zu dauern. Ich war zu ausgelaugt, um auch nur zu versuchen an die Wasseroberfläche zu gelangen. Ich dachte an Mr Dimm. Ob er es wagen würde, mich ertrinken zu lassen? Ich hörte entfernten Jubel, war das Rennen zu Ende? Wie makaber! Meine Lungen brannten, als ein dritter Stich durch meine Brust schoss. Dieses Mal jedoch war ich nicht mehr in der Lage, zusammen zu zucken. Es fühlte mich, als würde sich meine gesamte Brust zusammenschnüren. In meiner Taucherbrille war es nun auch nass. Ich schloss die Augen. Mein Gehirn hatte zu wenig Luft, mein Körper zu wenig Luft. Ohne Hilfe käme ich nicht wieder aus diesem Dilemma heraus. Und die Hilfe kam nicht. Ich gab auf. In dem Moment, in dem ich mein Bewusstsein verlor glaube ich einen weit entfernten Platscher wahrzunehmen. Dann war ich weg.

11.5.08 18:27


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Andrew Johnson

Christin, so hieß meine Kollegin übrigens, hatte mir also mit ihrer schnellen Reaktion das Leben gerettet. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich tot. Trotzdem haben wir an diesem Abend nicht mehr miteinander geschlafen, ich war zu verwirrt. Aber das sollte noch werden. Deshalb hatten wir uns noch mal für den folgenden Samstag verabredet. Wir wollten Bungeejumpen. Frag mich nicht, wie sie darauf kam! Ich weiß nur, dass sie was meinte von wegen `Hobby´ und dass ich mich `ja scheinbar gerne irgendwo runter stürzte´. Also ging ich eben Bungeejumpen. Wir trafen uns an einen der Brunnen in der Stadt um dann gemeinsam hin zu gehen. Ich wartete schon ein bisschen. Als sie gerade angekommen war, entdeckte ich wieder einmal ein gewisses Gesicht. Sie konnte mich auch wirklich nie in Frieden lassen. Sie sah genau so aus, wie all die Male zuvor und ihre grünen Augen durchdrangen mich wieder. Natürlich kam sie auch wieder auf mich zu und natürlich hatte sie wieder ein Foto dabei. Ich grinste und sagte, als sie und Hörweite war: „Lass mich raten. Das Bild ist nicht für meine Begleiterin, oder?“ Die kleine Todesbotin sah mich wieder so süß verständnislos an. Ich glaube, das ist ihr häufigster Blick. Jedenfalls schüttelte sie ihren süßen Kopf. „Warum sollte es?“ und dann gab sie mir das Foto. Christin, also meine Kollegin, die mit dem Knackarsch und den langen blonden Haaren, die mir das Leben gerettet hat und so weiter, du weißt schon, kapierte absolut nichts. War irgendwie ganz lustig. Verständlich, aber doch lustig. Als die kleine Todesbotin dann weg war, informierte sich Christin, was da gerade passiert sei. Ich erzählte ihr die Kurzfassung: „das kleine Mädchen gerade gibt mir immer mal wieder so lustige Fotos, die meinen baldigen Tod darstellen. Ich schmeiß die Fotos immer weg und so überlebe ich dann.“ Sie hielt mich für vollkommen durchgeknallt. Dann sahen wir uns das Foto an: ich, wie beim Bungeejumping das Seil reißt. War irgendwie klar.

 

Christine jedenfalls machte einen absoluten Terz von wegen `geplant´ und dass ich ja gar nicht mitkommen wollte und das nur hätte sagen brauchen, wenn ich nicht hätte mitkommen wollen. Tja, versuch du mal einem hysterischen Girl klar zu machen, dass du mit dem Foto absolut nichts zu tun hast. Ich kam natürlich mit, aber nicht, ohne das Foto vorher wegzuschmeißen. Schließlich wollte ich ja überleben.

Irgendwann später erzählte mir Christine, dass sie sich noch mal umgesehen hätte, wie das Mädchen das Foto, leise Fluchend, wieder aufgehoben und eingesteckt hätte … weiß der Himmel, was das zu bedeuten hatte. Ich wollts nur erwähnen.

 

Jedenfalls standen wir dann auf dem Turm in der Schlange. Du glaubst ja gar nicht, wie viele Leute Bungeejumpen! Als noch etwa drei Leute vor uns standen, fing meine Kollegin aber mit folgendem Thema an: „Sag mal, du hast mit dem Foto wirklich nichts zu tun?“ „Nein“ „Aber das sieht doch so echt aus!“, sagte sie weiter. „Ja“ Sie zögerte einen kleinen Augenblick. Dann fragte sie weiter: „Und du hattest davon schon mehrere?“ „Ja“ Sie nickte und ich drehte mich wieder nach vorne. Es dauerte nicht lange, dann tippte sie mir wieder auf die Schulter. Ich drehte mich wieder um. Das Verhör ging weiter: „Du, Andrew, sind die Fotos echt?“ „Keine Ahnung“ Sie nickte wieder und ich drehte mich wieder nach vorne. Nur um mich gleich wieder zu ihr umzudrehen. Sie fing an zu nerven! „aber Andrew! Wenn das Foto echt war, dann würde das Sprungseil reißen!“ „Ich weiß“ „Und du würdest dann sterben?“ „Vermutlich“ Ich hatte keine Lust ihr das mit den Fotos genauer zu erklären. Außerdem hatte ich dafür keine Zeit. Ich war an der Reihe. Sie lehnte sich zu dem Mann, der mir das Seil anlegen wollte und fragte, ob das Seil auch wirklich nicht reißen könnte. Er beruhigte sie. Sie aber ging zu Seite und zog mich mit. Außerdem wies sie den Mann nach uns an, er dürfte vor uns springen. Da der Angestellte mich noch nicht am Seil festgeschnallt hatte, war das auch kein Problem. „Ich will nicht, dass du springst!“, flüsterte sie mir zu. „Na hör mal!“, antwortete ich. „Es war doch deine Idee! Außerdem kann mir nichts passieren. Also springe ich.“ „Nein! Nein, bitte nicht! Ich will das nicht!“ Ich verdrehte die Augen. Gerade, als ich ein Kontra starten wollte, hörten wir hinter uns einen spitzen Schrei. Wir drehten uns um und sahen eine geschockte Menge, die verzweifelt die Brücke hinunter schaute. Und einen Angestellten, der ein gerissenes Bangeejumpingseil wieder hinauf zog.

22.5.08 16:53





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