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Alan Neff

Sie sah nicht aus, wie ein Mensch, der jemandem schaden wollte, eher wie ein kleines Kind. Ihre Augen waren weit und kugelrund und sie schien mit ihren offen durch ihr Leben zu gehen und alles damit zu sehen. Und doch schienen sie gefährlicher als jede Waffe. Trotzdem wünschte ich mir, wenigstens ein wenig davon auch zu haben. Wie sie durch die Welt ging, so offen und frei. So zu werden wünschte ich mir auch. „Sieh nur, dort!“, ihre Augen leuchteten, als sie knapp an mir vorbei schaute und begeistert wie ein Kind auf etwas hinter mir zeigte. Ich aber konnte meinen Blick nicht von ihr wenden, wie sie da vor mir stand, so zerbrechlich und zart und doch irgendwie standhaft und unzerstörbar. Ich wendete mich um und folgte ihrem Fingerzeig.

Es war in etwa Mitte Mai, es war herrlich warm und sonnig. Leider. Denn ich bin Anwalt und habe im Anzug in der Gegend herumzulaufen. Ich litt wirklich unter dieser Hitze, auch, wenn ich mich schon auf den Feierabend freute, denn da würde ich in angemessene Kleider schlüpfen und das Wetter genießen, das bis dahin aber vermutlich kälter geworden wäre.

Sie fiel mir nicht wirklich auf, ich streifte sie nicht einmal mit meinem Blick, denn ich bin es gewohnt, nach vorne zu schauen, die Augen stets auf das Ziel gerichtet. Erst, als sie mich ansprach bemerkte ich sie langsam. „Alan“, als ich ihre Stimme zum ersten Mal hörte, dachte ich irgendwie an eine Frau Ende Zwanzig. Ich dache an jemanden, der schon etwas von der Welt gesehen hatte, sich schon in ihr auskannte und auch schon etwas von dem Leid dieser Welt mitbekommen hatte. Vielleicht eine Lehrerin, eine Journalistin oder vielleicht auch eine Künstlerin. Aber als ich die jungen Frauen anschaute, um sie Besitzerin der Stimme zu finden, sah ich sie nicht. Alle liefen nur an mir vorbei. „Alan“, nun konnte ich in etwa orten, woher die Stimme kam. Ich schaute irritiert neben mich auf den Boden, wo ein junges Mädchen saß. Sie saß am Rand des Beetes und hockte über den Blumen. Als sie zu mir hinauf sah, hatte sie noch eine ihrer Hände sanft auf die Blüten gelegt. „Ja? Wie kann ich Ihnen helfen?“ Sie lächelte, als ich auf sie reagiert hatte, und ihre Hand glitt über die Blüte hinunter an den Stil der Blume. Dann brach sie sie ab.

Nun stand sie vor mir und betrachtete die Blume. „Ist sie nicht schön? Sie gehört zu den schönsten Wundern dieser Erde.“ Ich wippte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Lady“, begann ich. „Es tut mir Leid, aber ich habe dafür nun wirklich keine Zeit. Ich muss zur Arbeit und … was tun Sie da?“ Sie hatte mich angelächelt und dann die Blume an mein Jackett gesteckt. Ich wich leicht zurück. Aber sie brachte das nicht aus der Ruhe. „Wenn man keine Zeit hat, dann sollte man sich welche nehmen. Man lebt nicht ewig. Meinst du nicht, dass du an deinem Lebensende lieber glücklich wärst, als reich?“ Ich schaute sie irritiert an. „Was meinen Sie?“ „Ist das nicht offensichtlich? Betrachte die Welt, schau dich um. Es gibt so vieles Wundervolles.“ „Lady, warum …“ „Weil ich es muss. Wie du habe ich einen Beruf, Alan. Auch ich mag ihn nicht besonders, aber ich muss ihn machen.“ „Wer sagt denn, ich würde meinen Beruf nicht mö … was ist das?“ Sie hatte ihn ihre kleine Tasche gegriffen und etwas herausgeholt, was ich im ersten Moment als ein einfaches Blatt Papier interpretiert hatte. Sie schaute betrübt und nahm meine Hand. „Es macht mich immer sehr traurig, wenn ich Menschen wie dich sehe. Die Welt ist so wunderschön und ihr schert euch nicht drum. Erfolg ist euer einzig Ziel, dabei ist keines der Ziele, die man sich hier setzen kann sinnloser und unbeständiger.“ „Ah, Sie sind von einer Sek … Glaubensgemeinschaft?!“ Sie legte mir das Blatt in die Hand und schloss sie leicht. „Viel Glück.“ Dann wollte sie gehen. Ich schaute mir das Blatt kurz an, es war ein Polaroidfoto. „Lady, warten Sie.“ Sie drehte ich noch einmal um. „Ich schätze Humor, wirklich, aber dies hier ist doch ein wenig zu makaber für mich.“ „Ich schätze Humor auch, aber was ich dir gegeben habe hat mit Humor nichts zu tun. Das ist todernst.“ Ich lächelte flüchtig. Eigentlich war das lustig, aber nicht in dieser akuten Situation. „Wenn es aber wirklich ist, was Sie mir da gegeben haben, wie soll das dann gehen?“ „Ich zeige nur, was kommt. Wie, ist für euch völlig unerheblich. Nur dass.“ „Nun, ich glaube aber nicht, dass ich wie ein Schwerverbrecher auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werde. Das muss ein Irrtum sein, Lady.“ „Ist es nicht. Aber warum es geschieht, weiß ich auch nicht.“ „Nun, könnten Sie mir vielleicht Bescheid sagen, wenn sie es wissen, denn ich habe nicht vor, irgendeine Straftat zu begehen, die die Todesstrafe nach sich zöge.“ Sie zögerte kurz. Dann nickte sie. „Wenn ich etwas herausfinde, dann werde ich mich wieder melden.“ Dann drehte sie sich endgültig um und ging. Ich stand erstmal irritiert zurückgelassen, bis mich die Turmuhr aus meinen Gedanken riss. Ich kam zu spät zur Arbeit! Ich spurtete los und konnte den Schaden darauf begrenzen, eine halbe Stunde länger zu machen.

Als ich über meinen Dokumenten saß kam meine Sekretärin Isabelle hinein um mir noch mehr Papiere zu bringen. Sie lächelte kurz und ging dann zu meinem Jackett, das neben mir an einem Ständer hing. Sie nahm die Blume heraus, tat sie in eine kleine Vase und stellte diese neben mich. Ich schaute kurz auf. „Woher hast du die?“, fragte ich. „Aus deinem Jackett. Ich habe sie schon entdeckt, als du hereingekommen bist und ich dachte, sie brächte vielleicht ein wenig Wasser.“ „Nein, ich meine die Vase.“ „Ach, die habe ich aus der Küche. Ich habe mich aber schon ziemlich gewundert, dass du eine Blume im Jackett hattest.“ Ich sah sie irritiert an. „Ein Mädchen hat sie mir angesteckt.“ Isabelle lächelte und dann verließ sie mein Büro. Ich schaute ihr kurz hinterher. Dann sah ich auf die Blume. Es war eine schöne Blume. Narzisse, wenn ich mich nicht getäuscht habe. Ich nahm sie aus der Vase und roch an ihr. Sie roch wunderbar. So intensiv und erfrischend. Ich betrachtete sie einen Augenblick. Isabelle hatte sie sofort entdeckt, als ich herein gekommen war. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, was Isabelle an hatte, oder wie sie ihre Haare trug. Hatte das Mädchen vielleicht Recht? Lief ich unaufmerksam durch die Welt und vergaß alles Schöne über meinen Erfolg? Ich schloss meine Augen und atmete tief und gleichmäßig. Es roch ein wenig nach Kaffe und nach Brot. Es roch nach Staub und irgendein Parfum. Und es roch nach Narzissen. Ich öffnete die Augen wieder. Die Lamellen meines Rollos warfen ein schönes Spiel von Licht und Schatten an meine Wand. Ich stand auf und öffnete das Fenster. Warme, duftende Luft schlug mir entgegen. Ich schloss wieder die Augen und lauschte. Menschen, die sprachen, Vögel, die zwitscherten, die Turmuhr, das Rauschen der Bäume und plätscherndes Wasser. Es war so viel in dieser Luft. Ich öffnete die Augen wieder und schalt mich für diese Dummheit. In dem Alter in dem ich Bäumen und Wasser lauschte war ich schon längst nicht mehr. Es hieß für mich arbeiten und Erfolg haben. Ich fühlte mich ob dieser Erkenntnis ein wenig traurig, aber ich wusste, es war wahr. Ich war zu alt um noch zu träumen.

Ich konnte mich an dem Tag nicht richtig konzentrieren. Aber ich riss mich zusammen und ignorierte alle um mich herum. Als ich dann endlich Feierabend hatte, hatte ich mir endlich eingeredet, dass sich nichts geändert hätte. Und dann erwischte ich mich dabei, wie ich stehen blieb und in die Luft schaute. Vögel flogen dort herum. Ich schüttelte den Kopf. „Alan! Wie alt bist du denn?! Reiß dich gefälligst zusammen.“

So kämpfte ich drei ganz Wochen dagegen an, meine Gedanken abschweifen zu lassen, doch ich bemerkte immer und immer mehr. Das wirkte sich auch auf meinen Beruf aus und zwar positiver als ich bisher angenommen hatte. Ich bemerkte Signale meiner Klienten und der gegnerischen Klienten und Anwälte, die ich bisher ignoriert hatte. Als ich Isabelle fragte, ob ich mich verändert hätte, lächelte sie und nickte. „Zum Besseren, Alan, zum Besseren.“ Ich lächelte zurück und betrachte noch einmal ihr hellblaues Kostüm. Außerdem entschied ich mich, dieser Entwicklung nicht mehr im Weg stehen zu wollen. Und so wurde ich immer offener und neugieriger auf die Welt.

Es war Oktober. Es war eine schneidende Kälte und es lag auch ein wenig Schnee. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit, aber nun leider doch nicht auszuschließen. Ich hatte einen dicken und warmen Mantel an, in dessen Taschen ich meine Hände tief vergraben hatte. Ich fror so sehr, dass ich mich nicht auf die Welt um mich herum konzentrieren konnte. Daher bemerkte ich sie nicht, bis sie sich bei mir einhakte und sich ein wenig an mich schmiegte. Ich schaute an meinem Arm hinunter. Kugelrunde Augen schauten mir entgegen. „Ich glaube, ich weiß jetzt, was geschehen wird.“, sagte das Mädchen. Ich bleib stehen und ordnete einen Moment meine Gedanken. Da fiel mir das Foto wieder ein. Das Mädchen hatte ich nicht vergessen und wie sie mir die Blume angesteckt hatte, aber das Foto hatte ich verdrängt. „Sind Sie hier um mir das zu sagen?“ Sie nickte. „Ich hatte zugesagt dir Bescheid zu sagen, wenn ich mehr herausgefunden habe und hier bin ich jetzt.“ Ich zog meine Hand aus ihrem Arm und lächelte. „Es ist erstaunlich jemanden zu treffen, der in dieser Welt noch etwas auf seine Versprechen gibt.“ Ich zog meine Jacke aus und legte sie ihr um. Nun zuckte sie zurück und wollte abwehren, aber ich blieb beharrlich. „Wenn du bei diesem Wetter nur in Hemd und Jeans nach draußen gehst, dann holst du dir noch den Tod.“ Sie sah mich anklagend an. „Das ist nicht witzig.“ Ich lachte. Sie hatte es anscheinend auf das Foto, das sie mir gegeben hatte und meinen Tod bezogen. „Ich meine das ja auch ernst.“, lachte ich. „Mir wird aber gar nicht kalt.“, schmollte sie. Trotzdem lächelte sie und kuschelte sich in den Mantel hinein. Ich schaute mir das sehr zufrieden an. „Nun sag schon, was hast du herausgefunden?“ „Du wirst deine Schwester erschießen.“ „… was?“ „Du wirst deine Schwester erschießen.“, wiederholte sie. „Ja, das habe ich schon beim ersten Mal verstanden, aber warum sollte ich das tun? Ich verstehe das nicht!“ Sie zuckte mit den Schultern und schaute mich schräg an. Sie sah nicht aus, wie ein Mensch, der jemandem schaden wollte, eher wie ein kleines Kind. Ihre Augen waren weit und kugelrund und sie schien mit ihren offen durch ihr Leben zu gehen und alles damit zu sehen. Und doch schienen sie gefährlicher als jede Waffe. Trotzdem wünschte ich mir, wenigstens ein wenig davon auch zu haben. Wie sie durch die Welt ging, so offen und frei. So zu werden wünschte ich mir auch. „Sieh nur, dort!“, ihre Augen leuchteten, als sie knapp an mir vorbei schaute und begeistert wie ein Kind auf etwas hinter mir zeigte. Ich aber konnte meinen Blick nicht von ihr wenden, wie sie da vor mir stand, so zerbrechlich und zart und doch irgendwie standhaft und unzerstörbar. Ich wendete mich um und folgte ihrem Fingerzeig. „Es schneit.“, flüsterte sie. Ich lächelte. Dieses Mädchen war faszinierend. Wer freute sich so über Schnee außer kleinen Kindern? Sie zog ihre Hand zurück und machte eine Schale, in die einzelne Schneeflocken fielen. Sie betrachtete sie. Sie war so glücklich. „Wusstest du, dass kein Schneekristall jemals gleich aussieht?“, fragte sie. Ich lächelte. Dann wurde ich wieder ernst. „Warum werde ich meine Schwester erschießen?“, fragte ich erneut. Sie schaute nicht von ihren Schneeflöckchen auf. „Das weiß ich nicht. Sieh mal! Sind sie nicht schön?“ Ich streife ihre Hand kurz mit meinem Blick und wollte wieder zu meiner Frage ansetzen, als mir etwas auffiel. Ich riss ihre Hand so heftig zu mir, dass mein Mantel von ihren Schultern rutschte. Die Schneeflocken schmolzen nicht! „Was zum … ? Was bist du?“ „Warum? Weil ich Schneeflocken mag?“ „Verdammt, der Schnee schmilzt nicht! Was bist du?“ Sie sah mich an. Einen Augenblick flackerten ihre Augen, aber als sie sich wieder gefasst hatte, sagte sie etwas, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Was soll das heißen, du bist schon seit über vier Jahrtausenden tot?! Du stehst doch vor mir!“ „Alan“, begann sie. „Ich dachte, du hättest mitbekommen, dass ich nicht so bin wie ihr.“ „Aber muss denn jeder, der besonders ist gleich tot sein?! Jeder, der Dinge bemerkt ein Geist?“ Sie schaute skeptisch. „Das meine ich nicht. Alan, ich verteile Fotos auf denen zu sehen ist, wie Leute sterben. Sag mir nicht, dass hat dir nicht zu denken gegeben. Du bist doch so ein klasse Anwalt.“ Stimmt ja … das hatte ich ignoriert. Darüber wollte ich mir keine Gedanken machen! „Aber seit vier Jahrtausenden tot?! Was machst du dann noch hier?“ Sie lächelte. „Ich sagte doch, ich habe einen Beruf.“ „Die Fotos sind dein Beruf?“ Sie nickte. „Aber wie … warum … wie kommt man zu so etwas? Ich meine, wow! Ich muss mein Hirn ordnen!“ Ich atmete tief durch und versuchte wieder ein wenig Ordnung in meine Gedanken zu bekommen. „Was machst du eigentlich?!“, fragte ich dann. „Ich erzähle Leute, wie sie sterben.“ „Warum machst du das?“ „Es ist nun einmal mein Beruf.“ Erstaunlich, wie ernst sie dabei bleiben konnte. „Und wie lange machst du das nun schon?“ „Seit etwa vier Jahrtausenden.“ Ich zögerte. „Gab es Jesus wirklich?“ Sie lachte herzhaft. „Es gab schon viele Jesu auf dieser Erde.“ „Du weißt wohl auf alles eine Antwort, oder?“ „Nein.“, gab sie zurück. Ich musste grinsen. Sie war schon außergewöhnlich. Mal ganz davon abgesehen, dass sie über 4000 Jahre alt war und Menschen erzählte, wie sie sterben würden. Da war irgendwie noch mehr. Sie sah die Welt auf eine vollkommen andere Art und Weise. Sie sah sie nicht so hektisch wie wir, aber sie schien auch nicht überall den Tod zu sehen, wie es ihr Beruf verlangte. Vielleicht lag es ja gerade an ihrem Beruf, dass sie das Leben so sehen konnte. Denn Leben und Tod sind Kontraste, die man ohneeinander nicht wirklich sehen kann. Und dieser Kontrast schien in diesem Mädchen vor mir seinen Höhepunkt zu finden. In diesem einen Mädchen, das Menschen aufrüttelten wollte, das Leben zu nutzen, obwohl sie selbst bereits tot war. Ich beobachtete sie. Sie fand in allem, was sie sah etwas Schönes und ließ sich so einfach begeistern. Und doch wusste sie über die Grausamkeit dieser Welt bescheid. Vielleicht ist das so, weil sie sonst diese Jahre niemals hätte durchstehen können, dachte ich und fragte: „Kennst du denn auch die schönen Seiten dieser Welt? Die Liebe, Glück, Freude? Freundschaft?“ Sie sah mich an. Direkt durch die Augen. Ein warmes Gefühl durchstrich mich. Sie lächelte mich an. Dann schlug sie die Augen nieder. „Ein wenig.“, antwortete sie. „Hier und da finde ich Menschen, die mir wohl gesonnen sind. Das ist schon sehr viel. Dann kann ich weiter machen. Aber was ich auch immer für einen Menschen empfinde, er wird immer sterben und ich werde zurück bleiben.“ Nur wohl gesonnen, dachte ich spöttisch. Ich fühlte die Trauer in ihren Worten. Sie hatte das wohl schon zu oft gesehen. Natürlich klammerte sie ihre Freunde dann an so beständige Dinge wie Schnee, Blumen und Tiere. Ich strich ihr eine Haarsträne aus dem Gesicht. Sie weinte. Ich fühlte mich so nutzlos. Was hätte ich auch sagen können? Warum weinst du? Es wird alles wieder gut? Ich werde dich nicht verlassen? Es gab wirklich nichts, was ich hätte tun können, um sie zu trösten. Dabei wollte ich nicht, dass sie weint. Ich wischte ihr eine Träne ab. „Es tut mir Leid“, sagte ich. Sie lächelte. „Das braucht es nicht.“ Wie weich ihre Wange war. Kühl, aber doch weich. Wie wohl ihre Lippen … ? Bevor ich wusste, was ich tat hatte ich mich zu ihr hinunter gebeugt und sie sanft geküsst. Ihre Lippen schmeckten nach Erdbeeren. Sie waren so zart. Es war, als hätte die Welt eine Runde ohne uns gedreht, Alles war verschwommen und kehrte erst zurück, als unsere Lippen sich lösten. Ich lehnte meine Stirn an ihre. Unsere Nasen berührten sich. Sie lächelte, aber trotzdem rannten ihr stumme Tränen über die Wangen. Ich nahm sie in den Arm. Ich wollte für sie da sein, ich wollte sie trösten. Und so standen wir lange da und sie weinte sich aus. Sie weinte die Tränen von Jahrtausenden.

Nach dieser Nacht hatte ich sie nicht mehr wieder gesehen. Aber ich nahm mir vor, mich an ihrer Art zu Leben zu orientieren. Aber dafür musste ich erstmal dafür sorgen, dass ich lebe. Also musste ich irgendetwas unternehmen. Leider fiel mir nicht viel ein als dass ich meine Schwester anrief. Sie nahm ab. „Cira Neff. Hallo?“ „Hi du! Wie geht es dir? Ich bin’s, Alan. Gibt es irgendetwas Neues bei dir?“ Schweigen. „Jaaa …. doch, schon ein wenig was. Aber ich weiß nicht, ob ich das aussprechen kann, bevor ich es selbst verstanden habe.“ Ich überlegte, was ich darauf sagen konnte. „Sie ist nett, nicht wahr?“ Wieder schweigen. „Ich bin mir da nicht so sicher. Ich möchte darüber nicht urteilen.“ Ich grinste. „Du findest sie eher merkwürdig, wie ich dich kenne.“ Wieder Schweigen. „Alan. Bitte mach dich nicht lustig über mich. Es ist ernst. Ich verstehe das nicht.“ Dieses Mal schwieg ich. Ich wusste, dass wir vom gleichen redeten. Oder wollte ich mir nur einreden, es zu wissen? Bereits früher hatten wir die Dinge, die uns beschäftigten nicht aussprechen müssen, wir wussten es einfach. Aber dazwischen lagen so viele Jahre. „Hör mal“, fuhr ich fort. „ich muss unbedingt wissen, was auf deinem Foto abgebildet ist.“ „Foto? Wovon redest du?!“ „Ci!“, sagte ich vorwurfsvoll. Sie seufzte. „Dir ist sie also auch begegnet. Alan, ich habe Angst. Laut diesem Bild werde ich erschossen. Ich verstehe das nicht!“ Sie begann zu weinen. Ich fühlte mich hilflos. „Cira … ich …“ „Nein, Alan, spar es dir. Du hast keine Ahnung.“, brachte sie durch das Schluchzen hervor. „du weißt nicht, wie das ist, Mann und Kind zu haben und dann zu erfahren, dass du erschossen wirst. Und dann diese merkwürdigen Fragen.“ Ich wurde hellhörig und harkte nach. „Ja, Fragen.“, antwortete sie. „Und Anweisungen. Sie sagte, ich dürfe den abgebildeten Ort nicht mehr aufsuchen, aber ich weiß ja nicht einmal, was das für ein Ort ist. Sie hat gesagt, dass das auch deinen Tod bedeuten würde. Was hat sie damit gemeint?! Alan! Warum hat sie so viel über dich gefragt?“ Ich merkte, wie ich rot anlief. Was sie wohl gefragt hatte? „Denk nach!“, sagte ich. „Fällt dir irgendetwas bei dem Foto auf? Alles kann wichtig sein!“ Sie schwieg. Ich dachte, sie schaute sich das Foto noch mal an, aber es war ein betretenes Schweigen. „Ich habe es nicht mehr.“ „Was?!“ „Ich war so sauer, ich habe es in tausend kleine Stücke gerissen.“ Ich kippte fast um. Sie hatte es nicht mehr. „Cira, bitte, geh nicht mehr aus dem Haus.“ „Wie bitte?“ Etwas anders fiel mich nicht ein! Aber wenn ich sie erschießen würde, dann dürfte ich sie nicht mehr sehen und sie dürfte nicht mehr aus dem Haus gehen. „Geh nicht mehr aus dem Haus. Und vor allem bleib mir fern!“ Sie schwieg. Ich schwieg. Ich wusste, dass sie sich nicht daran halten würde. Sie ist kein Mensch, der sich zu hause einsperren lässt. „Fällt dir ein Grund ein, warum ich dich umbringen könnte?“ Ich hörte es scheppern und krachen. „DU?!“ „Cira!“ „Ausgerechnet DU?!“ „Cira! Was ist passiert?!“ Sie schwieg kurz. „Ach, nichts schlimmes, mein Stuhl ist umgekippt und ich saß noch drauf. Aber warum solltest du mich umbringen wollen?!“ „Ja“, knurrte ich. „Genau das ist die Preisfrage.“

Und eine Preisfrage, auf die wir keine Antwort fanden. Ich sagte ihr noch einmal nachdrücklich, sie dürfe den Ort auf gar keinen Fall aufsuchen. Und ich wusste genau, dass ich sie nicht aufsuchen würde, vollkommen egal, was geschehen würde. Und wenn ich meine Schwester auch niemals wieder sehen könnte, ich wollte nicht, dass unsere Fotos sich bewahrheiteten und ich hatte leider keinen Grund, an dem Mädchen zu zweifeln. Ich achtete daher auf jeden Schritt, den ich tat und auf alles, was sich in meiner Umgebung abspielte. Wer hätte denn auch ahnen können, wie es sich wirklich abspielte.

Irgendwann, es war an einem sonnigen Dezembertag, es lag Schnee, aber es war unbewölkt und warm, war es dann so weit. Ich saß mit einer warmen Tasse Kakao in meinem Sessel und las. Sie kamen vollkommen ohne Vorwarnung. Plötzlich brachen sie meine Türe auf und standen mit gezückter Waffe vor mir. „Alan Jonathan Neff. Sie sind verhaftet für den Mord an Cira Neff. Alles was sie sagen kann und wird gegen sie verwendet werden.“ Ich war vollkommen geschockt. Es war nicht nur, dass sie so plötzlich kamen oder dass ich bereits ahnte, wie es weiter gehen würde, nein, es war auch schrecklich für mich, gerade auf diese Art und Weise von dem Tod meiner Schwester zu erfahren. Ich liebte sie, sie war seit meiner Geburt an meiner Seite gewesen. Auch, wenn wir nur Halbgeschwister waren, waren wir doch enger miteinander vertraut als viele anderen Geschwister oder auch Zwillinge. Sie schoben mich in Handschellen aus der Türe. Ich sah mich um. Der Kakao war auf den Boden gefallen und sog sich nun tief in den Teppich ein. Ich hatte Angst.

Mir wurde ein Raubmord vorgeworfen. Ich sollte von einigen Tagen in Belfast eine Bank ausgeraubt haben, wobei Geiseln gemacht wurden und ich Cira erschoss, nachdem sie mich identifiziert hatte. Es war unmöglich, dass ich das war. Ich war in den letzten Wochen kaum aus meinem Haus gegangen. Das wieder herum bedeutete, dass ich keinerlei Zeugen hatte, dass ich die ganze Zeit lang dort gewesen war. Sie jedoch hatten Zeugen, die mich eindeutig als den Mann erkannten, der die Bank überfallen hatte. Zeugen, die genau gehört hatten, wie Cira meinen Namen nannte und darauf von `mir´ erschossen wurde. Und sie hatten eine Aufnahme der Überwachungskamera, auf dem ich perfekt zu sehen war. Ich verteidigte mich selbst, doch auch für mich war es offensichtlich, dass diese Beweise reichen würden, um über mein Leben zu entscheiden, denn ich war schon bei genug Fällen im Gericht gewesen um zu ahnen, wie es enden würde. Das einzige, was ich hatte, war die Gewissheit, dass ich unschuldig war. Aber in dieser Welt funktioniert das nicht so, dass die Unschuldigen belohnt werden oder ihnen nichts geschieht. Nein, es sind die Schuldigen, die mit ihren heuchlerischen Ausrufen dem Gesetz entfliehen. Aber mich würden sie nicht gegen lassen. Sie würden an mir ein Exampel statuieren.

Meine Verhandlung dauerte drei Monate. Gerade, als die Blumen durch die Erde kamen wurde ich im Gericht von meinem Stuhl aufgerufen. Sie verkündeten das Urteil. Es lautete auf Tod durch den elektrischen Stuhl. Es war keine Revision möglich. Ich wurde gleich in die Todeszelle gebracht und im Mai führten sie mich in den kleinen Raum. Er hatte eine Glaswand, damit sie sehen konnten, wie ich starb. Und einen Stuhl, durch den mehrere tausend Volt jagten, sobald der Hebel umgelegt wurde. Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen. Das Mädchen hatte Recht gehabt. Es war keines der Ziele, die es hier auf der Welt gibt, verwerflicher oder unbeständiger als das nach Erfolg. Mir rann eine Träne über die Wange. Ich hatte mich verändert. Ich war nicht mehr der Anwalt, der ich früher war, ich war nun ein Mensch. Das Mädchen hatte mich verändert, dessen war ich mir sicher. Sie schoben mich auf den Stuhl und zogen die Gurte enger. Ich hätte sie gerne noch einmal gesehen. Ich hätte sie gerne in ein normales Leben geführt. Ich hätte sie so gerne beschützt. Sie und Cira. Warum hatte ich Cira nicht beschützen können? Sie legten mir die Elektroden und an klebten mir Watte auf die Augen. Ich fühlte, wie sie sich mit meinen Tränen voll sog. Ich hörte, wie sie hinunterzählten und plötzlich ergriff mich ein euphorisches Glücksgefühl. Ich hatte an dem Leben geschnuppert, das man leben konnte. Ich hatte die Freiheit und Schönheit dieser Welt gesehen. Das können nur sehr wenige von sich behaupten. Und ich hatte etwas getan, was wohl nur wenige vor mir gewagt hatten. Ich fuhr mit meiner Zunge über meine Lippen. Sie schmeckten nach Erdbeeren.

11.6.08 21:18


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Marianne Blue

Ich ging munter durch den Park. Es war Frühling. Die Vögel sangen und die Blumen blühten. Ich war immer schon der Meinung, dass man das Leben genießen sollte, und das machte ich auch. In vollen Zügen. An einer besonders schönen Stelle setzte ich mich ins Blumenbedeckte Gras und ließ die Sonne auf mein Gesicht scheinen. Aus den Winkeln meiner fast vollends geschlossenen Augen sah ich, wie eine Person sich zu mir ins Gras setzte. Meine Genussfreude wurde von diesem unverschämten Menschen gleich ein wenig gedämpft, aber es war ein schöne Tag. Als ich diese Person asah, lächelte sie mich an. Ein warmes, liebevolles Wesen schimmerte durch dieses sanfte Lächeln hindurch. Wie eine blühende Blume an einem Taufrischen Morgen, streifte es meine Gedanken. Ich konnte einfach nicht anders, als zurückzulächeln. Wir saßen einige Augenblicke nur so da und lächelten uns an. Dann schlug das Lächeln des Mädchens in ein lebhaftes Grinsen um. „Genug miteinander bekannt gemacht“, sagte sie. Und wendete sich der Sonne zu. „Kommen wir zum Geschäftlichen.“ Ich stockte. Geschäftlich? Was war sie? Sie bemerkte meinen fragenden Gesichtsausdruck. „Glaubst du wirklich, ich laufe einfach durch den Park und falle Grundlos irgendwelchen Leuten auf die Nerven, die lieber alleine sei würden? Nein, keine Sorge. Es gibt einen Grund, warum ich hier bin … zugegebenermaßen ein Grund, der die Leute meistens wünschen lässt, ich hätte keinen.“ Sie lächelte. Es war undefinierbar. Etwas zwischen amüsiert und traurig. Ich lächelte. Ich hatte das Gefühl, ihr irgendwie gut zusprechen zu müssen. „Ich habe eine Tochter. Sie ist etwa in deinem Alter.“ Das Mädchen lachte herzlich. „Das glaube ich nicht!“ Ich lächelte verlegen. „Stimmt. Sie ist erst elf. Aber sie ist dir irgendwie ein wenig ähnlich.“ Wieder lachte sie. „Auch das glaube ich nicht so richtig.“ Dann wurde sie ernst. „Hör mal, es gibt da etwas, was ich dir geben will.“ Mit den Worten reichte sie mir ein Foto und stand auf. Ich riskierte einen Flüchtigen Blick. Aus dem flüchtigen Blick wurde nichts. Das Foto fesselte all meine Sinne und ließ mich aufspringen. „Hier geblieben, junges Fräulein!!“, rief ich. Das Mädchen schaute sich um. „Was soll das sein?“, fragte ich weiter. Sie zuckte mit den Schultern. „Ein Foto.“, antwortet sie. Doch, sie ist meiner Tochter wirklich etwas ähnlich … „Und was soll das für ein Foto sein? Warum bitte bin ich da blutüberströmt in einem Aufzug?“ Sie grinste breit. „Ihr seid Klasse! Ich finde es toll, dass ihr eigentlich immer sofort erkennt, dass die Fotos euch zeigen! Mir selbst würde das sehr schwer fallen.“ Ich überging das. „Was bedeutet dieses Foto? So was ist doch nie passiert!“ „Exakt!“ Ich schau sie eindrücklich an. „Exakt? Exakt was?“ „Exakt, es ist nicht passiert. Was ich übrigens auch nie behauptet habe.“ „Ist das eine Fotomontage?“ „Nein. Nicht in dem Sinne. Es ist durch und durch echt.“ „Und was bedeuten die Zahlen?“ „Denk nach.“ „Daten?“ „Ja.“ Ich schaute mir die Zahlen noch mal genauer an. „13.11.2025?“ Sie nickte und ich fing an zu lachen. „Netter Versuch! Wir haben erst den 8.11.“ Sie nickte. „Stimmt.“ Wir sahen uns an. Es schien, als würde sie warten, bis ich den letzten Schritt täte. Den, der zumindest die Bedeutung des Fotos erklärt. Ich schwieg und versuchte ihrem Blick stand zu halten. Was wollte ich tun? Ich kann diese abartige Vorstellung doch nicht aussprechen! Ich sollte einfach gehen und sie dumm stehen lassen. Ich drehte mich um und ging einen Schritt. Ich ging noch einen Schritt. Ich drehte mich um und warf ihr das Foto entgegen. Es traf sie an der Wange und hinterließ einen roten Streifen. „Ich habe eine Tochter, verdammt!“, brüllte ich. „Ihr Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Meinst du Gör tatsächlich, dass sie damit zurecht kommen würde, wenn mir auch etwas geschieht? Sie ist doch erst elf, Herr Gott!“ Sie schwieg. Das brachte mich noch mehr in Rage. „Verstehst du eigentlich, was es bedeutet, eine Familie zu haben? Weißt du, wie das ist, sie zu verlieren? Das ist verdammt hart! Kapierst du das nicht? Ich darf nicht sterben! Ich habe ein Kind!!!“ Sie nickte. „Dann versuch für sie zu leben.“, sagte sie, mehr nicht. Dann drehte sich um und ließ mich zurück. Ich zitterte am ganzen Körper. Meine Beine gaben nach und ich fiel weinend auf den Rasen. „Ich habe doch ein Kind.“, weinte ich. Ich weiß, es ist kein Grund, um nicht zu sterben, der Tod nimmt auch Müttern ihre Kinder und Kindern ihre Eltern. Er macht da keinen Unterschied. Aber meine kleine Keith … sie würde es nicht verkraften. Mein kleines Kind.

 

An jenem Abend kochte ich nicht selbst. Ich bestellte eine Pizza. Eine absolute Ausnahme, denn eigentlich koche ich selbst. Immer. Keith freute sich. Denn eigentlich bin ich gegen Pizzen und Fast Food. Aber gleichzeitig fragte sie mich, ob alles in Ordnung sei. Ich schenkte ihr ein gequältes Lächeln und fragte sie, wie sie darauf käme. „Nun ja, du bist eben nicht der Pizza-Typ.“, sagte sie. Ich lächelte wieder. Dieses Mal wesentlich echter. „Das stimmt“, murmelte ich. „Aber heute hatte ich wirklich keine Zeit, um zu kochen. Mir geht so viel durch den Kopf.“ „Was denn“, fragte sie und schaute mich mit offenen Augen an. Ich war tatsächlich einen Moment dazu verführt, es ihr zu erzählen. Dann schüttelte ich den Kopf. „Das ist nichts für Kinderohren.“, sagte ich entschlossen. „Außerdem musst du langsam ins Bett. Husch.“ Sie stöhnte. „Mensch Mama! Wann hörst du endlich auf, mich wie ein Kind zu behandeln?“ Ich hob eine Braue hoch. „Wenn du keins mehr bist.“ „Ach komm! Ich bin doch fast zwölf!“ „In sieben Monaten, mein Spatz.“ Wir neckten uns noch eine Weile und dann brachte ich sie ins Bett. Als sie sich an mich kuschelte wusste ich, dass sie mich brauchte. Ich konnte nicht sterben. Der Tod müsste auf mich warten. Ich würde nicht kommen. Nicht freiwillig.

 

Am nächsten Tag ging ich zu meinem Arzt. Gedankenverloren drückte ich auf den Aufzugknopf. Er leuchtete auf. Das brachte mich näher an die Wirklichkeit. Mit einem Klingen ging die Türe auf. Menschen strömten hinein und einige hinaus. Ich starrte in den Aufzug hinein. Die Türen gingen langsam wieder zu. Ein Mann hielt sie auf und schaute mich auffordernd an. „Möchten sie auch mitfahren?“, fragte er. Das brachte mich vollends zurück. Wenn ich entscheiden könnte, nicht zu sterben, indem ich alle Aufzüge meide? Dann könnte das Foto doch nicht eintreffen. Aber was, wenn ich dann anders sterbe? Nein! Das Risiko war es wert! Ich schenkte dem Mann, der die Fahrstuhltüren aufgehalten, ein Lächeln und schüttelte freundlich den Kopf. „Ich denke, ich nehme doch besser die Treppe. Das wird wohl einen besseren Eindruck auf meinen Arzt machen.“ Er lachte und ließ die Türe zufahren. Und ich nahm die Treppe.

 

In den nächsten Tagen musste ich entsetzt feststellen, wie bequem die Menschen geworden waren. Kaum ein Haus, das ich betrat war ohne einen Aufzug. Wie hätte ich da entscheiden können, welcher Aufzug mich in den Tod reißen sollte. Aber anstatt Russisches Roulette zu spielen mied ich alle diese Aufzüge, schließlich hatten alle Gebäude auch Treppen. Und dann war der dreizehnte. Ein Freitag. Als ich das auf dem Kalender sah, war mir fast zum Lachen. Mir wäre zum lachen gewesen, aber dafür war die Situation zu ernst. Am Liebsten wäre ich gleich im sicheren Haus geblieben, aber man hat ja auch Pflichte und Termine. Und ich bin ja auch nicht abergläubisch. Vor allem war ich mit einer besonderen Freundin verabredet. Ich kannte sie schon aus Kindertagen und habe mich auch bald entschlossen, sie Beruflich in Anspruch zu nehmen. Iloka hieß sie. Sie ist Ernährungsberaterin. Als ich im Gebäude ankam war ich mit den Gedanken wieder wo vollkommen anders. Ich hatte nämlich das untrügliche Gefühl, meine Schlüssel verlegt zu haben. Ich kramte in meiner Tasche herum und ging den Weg, den ich immer zu ihrem Büro gegangen war. Automatisiert streckte ich meinen Finger nach Vorne und hielt noch in der Bewegung inne. Ich schaute nach vorne. Mein Finger hing kurz vor dem Aufzugknopf in der Luft. Ich starrte ihn an. Sollte ich gerade jetzt wie der Aufzüge nehmen? Ich zog meinen Finger zurück und nahm die Treppe. Iloka begrüßte mich noch vor ihrem Büro. Sie lachte. „Schön, dass du endlich mal auf meinen Rat hörst und die Treppe nimmst.“, grinste sie. Ich schüttelte den Kopf. „Das hat nichts mit dir zu tun.“, entgegne ich trocken. Sie lächelte und wies mich in ihr Büro zu kommen. Nach unserer Sitzung redeten wir noch ein bisschen über unser Privatleben. Sie begleitete mich auf den Flur und drückte automatisiert die Aufzugstaste. Ich lachte. „Wie soll ich deine Ratschläge ernst nehmen, wenn du mich zum Gegenteil einlädst?“ Sie schaute mich irritiert an und bemerkte dann, was sie getan hatte. Sie lachte. „Ich wollte eigentlich auch mit runter kommen. Und im Aufzug quatscht es sich besser.“ Der Aufzug plingte und sie wollte hinein gehen. Ich hielt sie zurück. „Geh nicht da rein.“, sagte ich nachdrücklich. „Ich tue es auch nicht. Ich laufe wieder die Treppe.“ Ich lächelte verunglückt. „Du willst doch nicht meine guten Vorsätze zu Nichte machen, oder?“, sagte ich lachend und sie kam wieder hinaus. Ich zitterte. Der Aufzug schloss sich wieder. Ich drehte mich um und sah das Gesicht eines jungen Mädchens. Vielleicht achtzehn Jahre alt. Sie behielt mich genau im Auge. Als Iloka das bemerkt erzählt sie mir, dass das die kleine Tochter von Paul Negen ist. „Sein Büro ist einen Stock höher. Vermutlich will sie ihn besuchen.“, sagte sie. Mir wich das Blut aus dem Gesicht. Oh Gott, bitte, lass es nicht dieser Aufzug sein, dachte ich. Iloka zog mich zurück in ihr Büro. „Du siehst schlecht aus, Marianne.“, sagte sie dabei. „Komm, ich gebe dir etwas zu trinken.“ Ich ließ mich mitziehen, als wir plötzlich ein lautes Poltern hörten. Ich zitterte. Schreie, Metall, das auf Metall kratzt. Und ein lautes Krachen.

 

Als ich wieder zu mir kam war alles vorbei. Der Aufzug war abgesperrt und die Leichen wurden weggetragen. Iloka sagte nichts darüber. Aber es stand in ihrem Gesicht. Und dann bat sie mich, keinen Termin mehr bei ihr zu nehmen. Ich weiß bis heute nicht, warum. Ich habe doch verhindert, dass sie hinein geht und auch stirbt. So brach meine älteste Freundin den Kontakt zu mir ab. Und ich ließ sie einfach gewähren und wankte nach Hause. Ich brauchte einige Monate, um mich wieder richtig vom Geschehen zu erholen. Dabei konzentrierte ich mich häufig auf den Geburtstag meiner kleinen Keith, der nun bald bevor stand. Es war nur noch ein halber Monat. Die Zeit, in der man anfing, einen Kindergeburtstag zu planen. Hätte ich selbst meinen Geburtstag gefeuert hätte ich natürlich schon viel früher mit der Planung begonnen. Aber mein Geburtstag war bereits vorbei und von diesem unglücklichen Geschehnissen überschattet. Auch daher konzentrierte ich mich auf meine Tochter. Ich hatte da Unglück überlebt. Ich war hier. Ich konnte für meine Tochter sorgen. Also würde ich es auch tun. Und dann geschah das Unbeschreibliche! Das Schrecklichste, was einer Mutter passieren kann: Meine Tochter verschwand. Als sie am Abend nicht auftauchte ging ich zur Polizei, aber sie meinten, dass sie nichts machen könnten, bevor das Kind nicht 24 Stunden verschwunden wäre. „Ich versichere Ihnen, sie würde niemals wortlos verschwinden! Ihr muss irgendetwas passiert sein!“ „Madam“, erwiderte der Polizist. „Es ist immer gut möglich, dass die Kinder einfach nur ausgerissen sind oder es ein Missverständnis gewesen ist. Sie ist sicher bald wieder da. Ansonsten melden Sie sich noch mal bei uns. Aber vor Vierundzwanzig Stunden können wir, wie bereits gesagt, bedauerlicherweise nichts machen.“ „So ist sie nicht! Ihr ist sicher etwas zugestoßen! Glauben sie mir! Ich bin ihre Mutter, ich weiß das!“ Doch er glaubte mir nicht. Stattdessen sagte er, dass es eventuell irgendwelche Hinweise geben könnte, wo sie sein könnte. Vielleicht habe sie ja doch irgendwo einen Zettel hinterlassen. Aber das hätte meine Keith niemals gemacht. Sie wäre nicht einfach verschwunden ohne einen Zettel deutlich sichtbar hinzulegen. Ihr musste etwas passiert sein! Ganz sicher. Ich schlich wieder zurück nach Hause. Ich beschloss mich, zu warten und zu schauen, ob es nicht vielleicht doch einen Zettel gab. Es gab keinen. Ich zitterte am ganzen Körper. Es fing an zu regnen. Ein wahres Gewitter. Und spätestens ab da hatte ich wirklich riesige Angst um meine Tochter. Was, wenn ihr etwas passiert ist und sie nun allein und Hilflos irgendwo in diesem Gewitter liegt. Ich versuchte mich irgendwie abzulenken, aber es gelang mir nicht. Es blitzte wieder. Ich begann zu weinen. Ich hatte nicht mein Leben bewahrt, um sie zu verlieren. Ich atmete tief durch. Vielleicht war auch gar nichts passiert! Ich schaute auf die Uhr. Noch sechs Stunden.

 

Ich schaffte es diese Nacht nicht, zu schlafen. Ich hatte kein Auge zu getan. Und sobald die sechs Stunden um waren, ging ich so schnell wie möglich zum Präsidium. Die 24 Stunden waren um. Jetzt mussten sie nach meiner Tochter suchen. Nach meiner Keith! Doch dieses Mal drückten sie ihr Bedauern aus. „Diese Nacht“, meinte der Polizist. „Ist es zu heftigen Regenfällen gekommen. Die Erde ist aufgelöst und alle Spuren verwischt. Selbst, wenn wir Hunde und Hubschrauber einsetzen, würde dies die Suche sehr erschweren.“ „Erschweren?“, fragte ich. Der Polizist nickte. „Dann fangen sie gefälligst sofort an, sie zu suchen!“, brüllte ich. Ich rannte wieder nach Hause. Und auf dem Weg dort hin traf ich sie …


22.6.08 15:59





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