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Marina Siskin

Ich kenne den Tod. Ich bin ihm schon oft begegnet. Ich weiß, es hört sich merkwürdig an, denn jeder Mensch kann nur einmal sterben, aber um den Tod zu begegnen muss man nicht unbedingt sterben. Das erste Mal, dass er in meiner Nähe war, war bereits bei meiner Geburt. Meine Mutter hat es mir erzählt. Ich bin die Älteste von drei Geschwistern und damit war ich ihr erstes Kind. Mutter sagt, sie hätte Höllenqualen ausgestanden, so nervös war sie. Und tatsächlich gab es Komplikationen. Die Nabelschnur hatte sich um meinen Hals gewickelt. Fast wäre ich damals erstickt, aber die Ärzte waren zum Glück kompetent genug, um mir das Leben zu retten.

Das ist jetzt bereits 25 Jahre her und in der Zwischenzeit beschäftigte ich mich sehr viel mit dem Tod. Und er kam mich auch immer mal wieder besuchen. Ich weiß gar nicht mehr alle Situationen, nur so eine Hand voll. Mein Kaninchen, meine Tante, mein Großvater. Das sind drei von denen, die mir einfallen. Mein Kaninchen war der erste wirkliche Todesfall, an den ich mich noch erinnere. Es hieß Hoppel, ich weiß, dieser Name ist ein wenig einfallslos, und war braun mit ein paar helleren Flecken am Kinn, hinter den Ohren, an der Pfote und am Schwanz. Die Nase und das Auge waren fast ganz weiß umrandet. So erinnere ich mich noch an meinen kleinen Hoppel. Er fraß immer so süß die Möhrenschalen, die meine Mutter ihm gab und war so kuschelig weich. Wenn ich ihn auf den Schoß nahm, dann rannte er nicht eigensinnig weg, so wie es die meisten Tiere machen, sondern blieb ganz ruig sitzen und ließ sich streicheln. Ich vermisse ihn sehr. Damals habe ich ihm immer Stunden zuschauen können und ihm alles erzählen können. Ich weiß, wenn man es im Nachhinein betrachtet, ist das kindisch und naiv und als Erwachsene weiß man, dass er nur aus Angst stillgesessen hat und mich nicht verstehen konnte, aber trotzdem beruhigt mich der Gedanke, er hätte alle meine Kindersorgen verstanden, noch heute. Es hatte damals etwas von einer heilen Welt, an die ich mich gerne zurück erinnere. Auf der anderen Seite ist da das abrupte Ende dieser Zeit gewesen, die erste Begegnung mit dem Tod, an die ich mich erinnere. Es war im März, glaube ich, und ich war so etwa sechs Jahre. Ich kam gerade aus der Schule und lief zu Hoppels Käfig. Ich nicht, ob mir da die Erinnerung einen Streich spielt, oder ob es wirklich so wahr, aber mir kam es bereits kühler vor, als ich den Raum betrat. Mutter kam kurze Zeit später rein und begrüßte mich. Sie wollte Hoppel frisches Grünzeug aus der Küche bringen und hatte noch die Schürze an. Ich nahm ihr ein bisschen Grünzeug ab und hielt es durch die oberen Gitterstäbe in Hoppels Nähe. Normalerweise fing er, sobald er Essen roch, an sich danach zu strecken und am Gitter hoch zu klettern, aber heute drehte er nur seinen Kopf und sah mich traurig an. "Mama", sagte ich. "Ich glaube, mit Hoppel stimmt etwas nicht." Meine Mutter sah sich das Kaninchen an und wollte mich raus schicken. Ich ging nicht raus, sondern griff in den Käfig um Hoppel zu streicheln. Er zuckte, wurde unruhig und rannte panisch durch den Käfig. Ich weiß noch, wie sich mein Herz zusammenkrampfte. So hatte er sich noch nie benommen. Und sein Körper kam mir auch kälter vor als sonst. Ich zog meine Hand aus dem Käfig und meine Mutter kommandierte mich noch mal raus. Ich hörte wieder nicht und starrte die ganze Zeit auf Hoppel. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich bei ihm bleiben müsste. Ich glaubte natürlich um seinetwillen, aber im Nachhinein betrachtet wusste ich, dass da etwas passierte, was ich miterleben wollte und musste. Ich sah Hoppel zu, wie er in die Schnappatmung fiel und anschließend starb. Ich stand daneben und konnte nichts tun. Dieses Gefühl der Ohnmacht ist das Schlimmste an dem Tod. Als mein Vater von der Arbeit wiederkam vergruben wir Hoppel im Garten. Ich glaube, da liegt er immer noch.

Ich wurde älter und irgendwann besuchte ich meine Tante Lucy, eine wirklich nette Frau. Ich war damals acht Jahre. Ich sollte bei ihr übernachten und mein Vater sollte mich am nächsten Mittag wieder abholen. Das Gästeschlafzimmer war im ersten Stock und ich hatte es mir gerade eingerichtet, als Tante Lucy mich zum Essen rief. Es gab ihre Spaghetti mit Fleischsoße. Niemand kann sie so kochen, wie sie es konnte. Es ist schon merkwürdig, woran man sich erinnert. Es war ein sehr schöner Abend. Wir aßen die Spaghetti und plötzlich schlug sie sich an die Stirn. Sie meinte, sie habe vergessen, das Bett zu beziehen. Wir würden das sofort nach dem Essen machen. Wieder habe ich in der Erinnerung verankert, dass es plötzlich kälter wurde. Trotzdem ging ich nach Oben und putze mir die Zähne, schaute auf die Treppe und unterhielt mich noch ein bisschen mit Tante Lucy, als sie mit dem Bettzeug die Treppe hoch kam. Tante Lucy war wirklich eine sehr nette Frau, aber ordentlich war sie weiß Gott nicht. Sie hatte das Bettzeug zusammengeknüllt im Schrank aufbewahrt und als sie es trug entknüllte es sich. Als sie gerade eine der oberen Stufen nahm, kam plötzlich eine Ecke des Bettzeuges unter ihren Fuß und als sie ein wenig an dem Bettzeug zog, zog sie sich selbst die Beine weg. Sie viel hinterrücks die Treppe hinunter. Ich erinnere mich noch, wie sie runterpurzelte und dann am Treppenansatz liegen blieb und nach Luft schnappte. Die Treppe war nicht lang, aber sie genügte. Als sie dort unten lag und jappste wedelte sie mit den Armen und deutete mir, sofort in mein Zimmer zu gehen. Ich blieb. Wieder hatte ich das Gefühl, dass ich das, was da geschah, sehen müsste. Es fesselte mich. Ich konnte gar nicht gehen. Dieses Bild, wie sie da liegt, unten am Treppenabsatz, überall um sie herum dieses Weiße Bettzeug und sie selbst in einem dunklen Shirt, sehe ich heute noch.

Mein Vater kam mich am nächsten Tag abholen, wie geplant, aber er fand seine Schwägerin unten am Treppenansatz vor, so, wie sie aufgekommen war, und mich oben an der Treppe, erschöpft an das Geländer gelehnt. Ich hatte dort die ganze Nacht gesessen und sie mir angesehen, bis ich vor Müdigkeit genau an dieser Stelle eingeschlafen war. Ich erzählte meinem Vater, soweit ich es noch wusste, was passiert war und er nickte bloß. Dann befahl er mir, meine Sachen zu holen und im Auto zu warten. Er kam einige Zeit danach und brachte mich nach Hause. Dort setzte er mich ab und fuhr mit meiner Mutter wieder weg. Ich nehme an, damit sie ihre Schwester sehen konnte. Ich war natürlich bei Tante Lucys Beerdigung. Es war die dritte oder vierte Beerdigung, auf der ich damals war und die erste, bei der ich wirklich verstand, was da passierte, denn ich hatte gesehen, dass sie tot war und verstand, dass die Leute nicht schliefen.

Die Zeit verging. Ich war elf, als mir der Tod die nächsten Male begegnete. Zwei Mal in kürzester Zeit. Das erste Mal kostete meinem Großvater, dem Vater meines Vaters, das Leben. Wir waren bei ihm und Großmutter zu Besuch. Wir saßen beim Fernsehen, die Erwachsenen schauten Nachrichten und ich saß auf dem Schoß meines Großvaters und kuschelte mich an seine Schulter. Dann wurde mir wieder kalt. Plötzlich, vollkommen ohne Vorwarnung schob er mich von seinem Schoß und versuchte aufzustehen. Er röchelte und schnappte nach Luft. Großmutter, Vater und ich schauten ihn entgeistert an. Als er dann stand, fiel er wieder hart auf den Boden. "Herzinfarkt!", brüllte meine Großmutter und Vater sprintete zum Telefon und wählte die Nummer des Krankenhauses. Oma stand auf, und hockte sich neben mich. Sie drückte mich ganz fest an sich und wollte mir den Anblick meines sterbenden Großvaters ersparen. Sie schaffte es nicht, denn meine Augen blieben auf dem Elendsbild gehaftet. Ich konnte sie einfach nicht abwenden.

Großvater starb an diesem Tag. Der Krankenwagen kam nicht mehr rechtzeitig. Damals kam mir erstmals der Gedanken, dass es vielleicht anders ausgegangen wäre, wenn ich nicht dort gewesen wäre. Zum ersten Mal fühlte ich ein tiefes Gefühl für Schuld, das mich auch in meine Träume verfolgte. In meiner Familie starben die Leute wie die Fliegen. Und ich war bereits zwei Mal dabei gewesen. Beide Male waren in meinem Traum vertreten. Ich erinnere mich noch sehr gut an ihn. Ich ging durch einen Wald und trug ein knöchellanges, weißes Kleid. Als sich der Wald ein wenig lichtete sah ich eine schöne, kleine weiße Kapelle. Ich trat ein und vor dem Altar stand ein offener Sarg. Ich ging auf ihn zu und erkannte, dass mein Großvater darin lag. Ich faltete die Hände um für ihn zu beten. Plötzlich machte er die Augen auf und sah mich direkt an. Lustigerweise war das erste, was mir auffiel nicht, dass er doch lebte, sondern dass seine Augen irgendwie anders waren. Sie waren leuchtend grün, obwohl er eigentlich blaue Augen hatte. Er starrte mich mit diesen bohrenden Augen an und sagte immer wieder "Deine Schuld, deine Schuld!" Dann begann er, aus seinem Sarg zu steigen. Ich ging rückwärts und stolperte über die Stufen vor dem Altar. Ich landete auf dem Hintern, aber stand so schnell ich konnte, wieder auf. Plötzlich war der Singsang zweistimmig und als ich auf den Sarg schaute, erkannte ich meine Tante Lucy, die ebenfalls dort hinauskletterte. Auch sie hatte diese leuchtenden Augen, war aber bereits ein wenig verwest. Die beiden kreisten mich ein und schrieen immer hysterischer, dass es meine Schuld sei. Dann wurde es kühl. Eine große, braun eingekleidete Gestalt erschien hinter dem Altar. Ihre Augen leuchteten noch heller als die meiner Verwandten und sie hielt eine riesige Sense in der rechten Hand. Ich konnte ihr Gesicht nicht erkennen, ich sah nur die Augen. Sie hob die Hand und augenblicklich verstummten Großvater und Tante Lucy und schauten fast ehrfürchtig auf diese geheimnisvolle Gestalt. Diese stand plötzlich direkt vor mir und hielt mir ihre Hand hin. Eine schöne, zierliche Hand. Gerade, als ich sie ergreifen wollte, wachte ich auf. Schweißgebadet und hektisch atmend. das Schlimmste waren aber die Augen, die noch im wachen Zustand vor mir glühten. Ich öffnete das Fenster und die frische Abendluft füllte mein Zimmer. Dann setzte ich mich auf einen Hocker, zog meine Beine zusammen und verharrte dort den Rest der Nacht. Ich wollte nicht mehr in dieses Bett zurück.

Bereits am Morgen hatte ich diesen Traum vergessen. Erst mit der Zeit kam er wieder, so dass ich ihn nun erzählen kann. Mein Vater wies mich an, meine Sachen zu packen, da meine Großmutter nicht wollte, dass ich noch lange in diesem Haus bleiben musste, in dem ich mit angesehen hatte, wie mein Großvater gestorben war. So fuhren wir bereits am Morgen nach dem Tod meines Großvaters los. Da meine Großeltern in einem Dort etwas weiter weg von meinem Zuhause wohnten, kannte sich mein Vater aber nicht so gut aus und das wurde uns zum Verhängnis. Die Straße, die Vater immer fuhr war gesperrt und die Umleitung lotste uns durch die absolute Pampa. Zu allem Überfluss fing es an diesem kalten Tag auch noch an zu regnen. So fuhren wir im Regen über dünne Waldwege, Dorfsträßchen und durch den Wald. Irgendwann seufzte mein Vater. "Ich glaube, ich habe keine Ahnung, wo wir sind, mein Spatz." Ich schaute ihn vom Beifahrersitz aus schief an. "Sind denn da keine Schilder mehr?" Er schüttelte den Kopf und meinte, er würde keine mehr sehen können. "Wenn ich meinem Gefühl trauen würde, dann wäre ich auch überzeugt davon, dass wir in genau die entgegen gesetzte Richtung fahren, in die wir wollen …" Vater räusperte sich und schaute kurz über die Schulter zurück. "Hier war ich noch nie!"

Das nächste, woran ich mich erinnere ist, wie ich aufschrie und Vater hektisch versuchte den Wagen unter Kontrolle zu bekommen. Er trampelte auf den Bremsen herum und drehte am Steuer. Nichts half. Durch die nassen Straßen hatten die Reifen nicht den Halt zur Straße und wir kamen von ihr ab. Wir schlitterten und Schleuderten, kamen von der Straße ab und das Auto überschlug sich, als es den Hügel hinunterrolle. Alles drehte sich, Oben war unten und umgekehrt. Ich hatte komplett die Orientierung verloren. Dann schlug ich hart gegen irgendetwas, ich glaube, es war das Fenster, und alles wurde schwarz und kalt.

Als ich wieder zu mir kam, war es bereits Nacht. Ich sah mich um, aber konnte kaum etwas erkennen. Mein Kopf tat mir weh. Ich zog meine Beine an und machte mich ganz klein. Dann fing ich an zu weinen. Mir trat alles so weh! Als ich fertig geweint hatte, versuchte ich, meine Orientierung wiederzugelangen. Es war also Nacht. Wie lang lagen wir dann schon hier? Was war passiert? Wer war noch alles mit hier im Auto? Das war doch ein Auto, oder? Ja, so weit wusste ich das schon. Aber mit wem war ich hier? Was war passiert? Ich versuchte klar zu denken, mich zu erinnern. Es funktionierte nicht. Ich hatte einen Blackout. Mit wem war ich hier? Wo war ich? Opa! Ja genau, mein Großvater war gestorben. Er war … ich saß auf seinem Schoß und dann war er zusammengebrochen. Großmutter hat uns nach Hause geschickt. Uns? Wer war uns? Ich und …Mutter? Vater? Ja, Vater. Dann müsste er doch eigentlich … ich streckte meine Finger nach dem Licht aus. Es war so klebrig … ich zog meine Hand wieder zurück. Dieses klebrige Zeug kannte ich doch, das hatte ich schon gefühlt … ich strich mir über die Stirn. Ja, genau, da war es auch. Was war das noch gleich? Meine Gedanken gingen so langsam … Blut! Ach ja, natürlich, Blut! Ich blutete. Aber was machte mein Blut an dem Licht? Ich steckte meine Hand wieder aus und machte das Licht an. Sinnigerweise flackerte es. Als es sich beruhigt hatte und meine Augen sich langsam an das Licht gewöhnten, sah ich auf dem Fahrersitz meinen Vater liegen. Ich glaube, in diesem Moment bin ich um Jahre gealtert. Ich kannte den Tod. Er hatte mir schon viel Wertvolles gestohlen, aber meinen Vater? Er lag da, in einer unmöglichen Körperhaltung, die Augen weit aufgerissen. Der Kopf ragte durch die zerbrochene Fensterscheibe, die sich teilweise tief in seine Haut gebohrt hatte. Er war über und über mit Blut und Glas übersäht. Ich konnte meine Augen einfach nicht von ihm lassen. Ich setzte mich so hin, dass ich ihn genau sehen konnte und zog wieder meine Beine ganz eng an meinen Körper. So saß ich dann, beobachtete ihn, ich wollte sehen, ob er atmet oder schluckt oder irgendetwas macht!

Ich rührte mich nicht von der Stelle. Ich nickte zwar ab und zu ein, aber ich saß ansonsten nur da und sah meinen toten Vater an. Es dauerte bis zum Mittag, bis sie uns endlich fanden. Es hieß, Großmutter hätte Mutter angerufen ob wir noch nicht da sein und daraufhin hätten sie eine Suchaktion gestartet, aber uns nicht gefunden. Als sie uns dann fanden war es bereits zu spät. Mein Vater war tot und ich musste in psychiatrische Behandlung gegeben werden. Das nütze aber auch nicht mehr viel. Ich glaube, meinen Knacks habe ich spätestens bei dem Tod meiner Tante bekommen. Daher war ich auch sehr unkooperativ bei den Ärzten, ich konnte mit ihnen einfach nichts anfangen.

So lebte ich einige Jahre vor mich hin. Hier und da begegnete ich noch dem Tod, aber es schien seltener zu werden. Meine verwandten starben zwar noch, aber ich war nicht mehr in der Nähe, wenn es geschah. Großmutter hatte den Trauer um den Verlust ihres Mannes und ihres Sohnes zum Beispiel nicht ertragen können und so starbt sie nur wenige Wochen nach den beiden. Aber ich war nicht dabei, als es geschah. So wuchs ich heran und beschäftigte mich nicht mehr so sehr mit dem Tod. Ich las zwar immer noch alles, was ich über ihn finden konnte, aber es schien mir doch weniger geworden zu sein.

Dann wurde ich sechzehn und machte meinen Motorrollerführerschein. Es dauerte ein knappes Jahr, da begegnete der Tod mir wieder. Als ich mit 40 km/h durch eine dreißigerzone fuhr, flog mir ein Vogel vor den Helm und fiel zu Boden. Jetzt, im Nachhinein, ist es so was von bescheuert! Ich meine, von wie vielen Vögeln hat man gehört, die einem Motorradfahrer vor den Helm flogen und daran starben? Es ist die pure Ironie. Doch damals beschäftigte mich das sehr. Ich hielt an und kehrte um, um nach den Vogel zu sehen. Er lebte noch. Er war zwar in einem Miserablen Zustand und befand sich bereits in der Schnappatmung, aber er lebte noch. Ich stellte den Motorroller am Straßenrad ab und entschied mich, bei dem Vogel zu bleiben, bis er vollkommen tot war. Ich hatte das Gefühl, ich wäre es ihm Schuldig. Außerdem hatte mich, wie all die Male zuvor, eine tiefe Faszination des Todes erfasst. Ich musste es sehen. Ich meine, es gibt kaum etwas Tieferes, Faszinierenderes und Fesselnderes als der Moment, in dem der Zyklus des Lebens durch den Tod unterbrochen wird. Kaum etwas wirft mehr fragen auf, als der Tod. Ich meine, was kommt danach? Wie ist es, zu sterben? All diese Fragen. Ich persönlich glaube an ein Leben nach dem Tod, ein wunderbares Leben nach dem Tod, und fühle mich dieser Harmonie und dieser Tiefe so unsagbar nah, wenn ich dem Tod begegne. Es fasziniert mich einfach. So war ich auch bei dem Vogel, als er starb. Schließlich war ich für seinen vorzeitigen Tod verantwortlich. Also legte ich ihn zwischen die Wurzeln eines majestätischen Baumes und blieb in seiner Nähe. Sah, wie er nach Luft rang, wie seine Zunge in seinem weit aufgerissenen Schnabel zuckte, wie seine Augen immer blasser wurden. Wie sich sein Brustkorb unter den keuchenden Atemzügen bewegte. Ich weiß, ich bi ein makaberer Unmensch, aber solche Erlebnisse sind doch einschneidend und prägen sich genau in unser Gedächtnis. Selbst nach neun Jahren erinnert man sich an jedes Detail.

Ich war vollkommen auf den Vogel fixiert. Ich bemerkte sie nicht, nicht einmal, als sie hinter mir stand und mir über die Schulter schaute. Erst, als der Vogel tot war, begann ich sie wahrzunehmen. Sie hockte mittlerweile neben mir. Zuerst nahm ich ihre Haare wahr. die ihr vors Gesicht wehten. Sie schienen aus allen Farben zu bestehen. Ein kräftiges Braun war der Grundton und darauf kämpften rote und goldene Schimmer um die Vorherrschaft. Es war faszinierend. Als nächstes bemerkte ich ihre Kleider. Sie trug braune Stiefel, die unter eine blauen Jeans verschwanden. Außerdem ein rosa Oberteil und einen braunen Überzug aus Cord. Sie hatte auch einen Fotoapparat und eine kleine, braune Tasche bei sich. Als sie mit ihren zierlichen, schlanken Fingern ihre Haare zurückstrich bemerkte ich noch ein kleines Silberkreuz, dass um ihren Hals hängte. Es war ein wunderschönes Kreuz. Silber, mit sechs roafarbenden Steinen. Dann sah sie mich an. Ihre Augen waren groß und leuchteten in einem fast unnatürlichen Grünton. Dass es überhaupt Menschen mit so reihen grünen Augen gibt. Ihre Nase hingegen war eher zierlich, und ihr Mund war ein richtiger Schmollmund. Sie hatte einen so offenen Blick, als sie dort neben mir hockte. "Was ist mit ihm passiert?", fragte sie mich und nickte in Richtung des Vogels. Ich lächelte. "Is mir vorn Motorroller geflogen" Sie nickte. Dann lächelte sie. "Mach dir keine Sorgen, der wäre eh bald gestorben. Es war nicht deine Schuld." Dann stand sie auf und ging. Sie ließ mich einfach zurück. Es war ein merkwürdiges Gefühl, das sie bei mir hinterließ. Es erinnerte mich an die Momente, in denen jemand starb. An die Kälte dieser Momente, aber dennoch war mir warm und wohl in meiner Haut. Damals wusste ich natürlich noch nicht, woran sie mich erinnerte, aber ich hatte genug Zeit, darüber nachzudenken.

In der Zeit danach kamen mir natürlich Fragen, woher sie das wusste, dass der Vogel eh gestorben wäre, oder warum sie es mir gesagt hat. Ein Gedanke, der mich oft streifte war, dass sie es wusste, weil sie selbst der Tod war. Aber dieser Gedanke kam mir immer so abwegig vor, dass ich ihn sofort aus meinem Kopf verscheuchte. Trotzdem kam er immer und immer wieder: Was wäre, wenn dieses Mädchen der Tod war?

Seit dem Tag war der Tod für mich wichtig. Seine Faszination hatte mich nun vollkommen erwischt. Ich hatte nun wirklich jeden Gedanken, den es über den Tod nur geben könnte, einmal im Kopf gehabt. Und irgendwie musste ich dieses Mädchen mit dem Tod in Verbindung bringen, es war wie ein Innerer Zwang. Sie selbst als Tod zu deklarieren war aber doch irgendwann zu abwegig. Sie war nicht der Tod, dafür war sie zu menschlich, zu nett. Sie passte nicht in das Bild vom typischen Tod. Aber war wäre, wenn sie mit dem Tod verwand wäre? Seine Braut oder seine Schwester. Vielleicht auch seine Tochter. Ich wusste nicht genau, was sie sein könnte, aber ich wusste, dass sie was mit ihm zu tun hatte. Ich wusste ja damals noch nicht, wie simpel die Lösung war: Das Mädchen war nicht mehr und nicht weniger als seine Botin.

Das Mädchen war die Botin des Todes.

Diese Lösung bot sich mir vor etwa einem Jahr dar. Da begegnete ich ihr wieder. Aber es war irgendwie ganz anders, als beim ersten Mal. Nicht, das sich ihr Aussehen verändert hätte, irritierender Weise kein bisschen. Alles schien in abartigster Weise exakt so zu sein, wie ich es von unserem ersten Treffen noch in Erinnerung hatte. Nein, es war nicht ihr Aussehen, es war vielmehr ihre Ausstrahlung. Sie schien sämtliche Menschlichkeit abgelegt zu haben und war kalt und distanziert. Sie kam in das Kaffeehaus, in dem ich arbeitete und knallte mir förmlich ein Foto vor die Nase. Dann verschwand sie wieder, ohne ein Wort zu sagen und lies mich ein weiteres Mal vollkommen verwirrt stehen, noch bevor ich überhaupt irgendetwas realisieren konnte. Unsere erste Begegnung lag nun bereits acht Jahre zurück und ich brauchte ein wenig Zeit um mich an sie zu erinnern, doch bis zum Feierabend wusste ich, wer sie war. Auch, wenn mir das da nichts mehr nutzte. Ich kam auch erst nach Feierabend dazu, mir das Foto anzusehen, das sie mir gegeben hatte. Es zeigte mich, irritierender Weise, wie ich von einem Hochhaus stürzte. Ich nahm an, dass das Geländer gebrochen war, denn es fiel mit mir in die Tiefe. Unter mir schien auch noch eine Frau zu sein. Ich brachte echt eine Stunde damit zu, mich zu fragen, ob ich sie erwischen würde und ob sie daran sterben könnte. Am Ende dieser Stunde entschloss ich mich, dass das eher nebensächlich sei und ich erstmal herausfinden sollte, wann dieses Foto gemacht wurde, denn ich kann mich an keine solche Situation erinnern. Ob sie noch in der Zukunft lag? Aber wie konnte ein Foto ein zukünftiges Ereignis zeigen?

Ich bekam keine Antwort auf diese Fragen. Wie kann es sein, dass man auf so grundlegende und wichtige Fragen keine Antworten bekommen kann? Wie kann etwas so zentrales so unklar sein? Ich glaube, es ist klar, was ich meine. Und ich glaube auch, dass jeder nachvollziehen kann, wie frustrierend das war. Aber nichts desto trotz, das Foto zeigte ein Zukünftiges Ereignis.

Es vergingen drei Tage bis ich sie wieder traf. Es war eher zufällig. Ich sah sie, wie sie gerade jemand anderem ein Foto gab. Ich beobachtete sie aus der ferne und dann folgte ich ihr noch eine Weile unbemerkt. Als ich ihr durch die halbe Innenstadt bis in den Park nachgestellt hatte blieb sie stehen. "Willst du nicht endlich raus kommen?", fragte sie. Ich duckte mich tiefer hinter die Büsche. Hatte sie mich gesehen? Nein, sicher nicht. Trotzdem drehte sie sich um und sah genau auf den Busch, hinter dem ich hockte. Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. "Marina, ich weiß, das du hier bist. Möchtest du nicht raus kommen und tun, was du eigentlich vor hattest? Ich nehme nämlich nicht an, dass du mich nur beobachten willst." Ich zuckte heftig zusammen als sie meinen Namen sagte. Woher kannte sie den überhaupt? Dann seufzte ich und krabbelte hinter dem Busch hervor. Ich war heilfroh, dass gerade keiner in der Nähe war, der mich so sehen konnte. Da stand sie vor mir. Ich lächelte ziemlich hilflos zu ihr herauf bevor ich aufstand. Die Menschen, die ich kenne hätten mir ihre Hand zur Hilfe hinuntergereicht. Ich seufzte, Sie war eben nicht so, wie die Leute, die ich kannte. "Hm, hallo", sagte ich, als ich wieder stand und mir den Dreck von den Kleidern geklopft hatte. Etwas anderes fiel mir in dem Moment irgendwie nicht ein. Sie nickte. "Hallo." Dann schwiegen wir eine Weile. Sie war es, die das Schweigen brach: "Möchtest du mir nicht langsam mal erklären, was du genau von mir wolltest?" "Hmmm" Ich scharrte im Boden herum. "Fragen stellen?" Sie lächelte. "Dann tu das" Ich schaute sie ein wenig überrascht an. "Darf ich wirklich?" "Was immer du willst, ja" Dann fügte sie mit einem verschmitzen Lächeln hinzu: "Ich muss ja nicht antworten." Ich gebe ganz offen zu, dass mich das wieder demoralisierte. Ich seufzte. Ich wusste ja noch nicht einmal, was ich sie alles fragen wollte. Ich wusste nur, dass es viel war. "Bist du der Tod?"

Ich glaube, ich habe noch niemals jemanden so herzhaft lachen hören. Als sie dann wieder ernst wurde sah sie mich prüfend an. Dann erschrak sie. "Du meintest das ernst?! Entschuldige! Das wusste ich nicht. Dieser Gedanke ist nur so abwegig. Mir war nicht klar, dass ihr wirklich … nein, nein, ich bin nicht der Tod." "Du kennst ihn aber" Da nickte sie. "Bist du mit ihm verwandt?" Sie nickte wieder, dieses Mal aber ein wenig zögerlicher. Ich strahlte. Ich wusste es! Ich hatte es gewusst. "Und, in welchem Grad? Mutter, Schwester, Cousine, Tochter, Tante, Nichte, Frau?!" Sie sagte nichts. Sie machte auch nichts. Weder schüttelte sie den Kopf noch nickte sie. Sie stand einfach nur da und sah mir genau in die Augen. Ich musste ihrem Blick ausweichen. "Weißt du nicht, wie du mit ihm verwandt bist?", hakte ich nach. Sie schüttelte den Kopf. "Natürlich weiß ich das. Aber das ist eine der Fragen, die ich nicht beantworten werde." "Hm, gut. Dann gibt es den Tod also?" Sie lächelte. "Klar, sonst würdet ihr doch ewig leben. Aber ob er wirklich personifiziert existiert, das sage ich dir nicht." Irgendwie war das für mich eine absolute Bestätigung: Es gibt den Personifizierten Tod. "Wie sieht er denn aus? Wie ist er so?" Sie schwieg wieder. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Fragen zu wechseln. "Wer bist du eigentlich?" "Das ist eine gute Frage … die Antwort habe ich leider über die Jahre vergessen." Ich starrte sie an. Sie zuckte mit den Schultern. "Das ist mein Ernst."

Ich war ein wenig verwirrt. "Gut, glaub ich dir mal … aber du weißt doch sicher noch, woher du wusstest, dass der Vogel sterben würde, oder?" Sie nickte und meinte, dass ich das aber mittlerweile auch wissen könnte. "Weil du mit dem Tod in Verbindung stehst?" Sie nickte wieder. "Warum hast dus mir überhaupt gesagt?" Sie zuckte mit den Schultern. "Und warum warst du vor drei Tagen so … anders als vor acht Jahren?" Sie lachte. "Entschuldige. Das galt nicht dir. Es war nur alles zu viel für einen Tag. Acht Fotos, drei Tote und dann noch private Probleme. Das ist sogar für mich ein wenig zu stressig." Ich war fassungslos. "Soll das heißen, du hattest schlicht und ergreifend …" "… schlechte Laune, ja, genau so war es.", beendete sie meinen Satz mit einem verlegendem. "Aber … aber du bist doch kein normaler Mensch" "mehr", fügte sie hinzu. Sie war also einmal ein Mensch gewesen, aber sah sich nicht mehr als einer. "Wie alt bist du denn?" Ich rechnete mit der Antwort, dass man Frauen das nicht fragen sollte, aber sie schwieg. Sie schien irgendwie ganz weit weg. "Keine Ahnung, ich war etwa sechzehn, als ich konsultiert wurde. Aber mein reales Alter … ich schätze, das befindet sich schon so im vierstelligen Bereich" Sie überlegte kurz. "Glaube ich." So langsam wurde mir das doch alles zu merkwürdig. "Und wo wurdest du geboren?" Sie überlegte. Sie überlegte sehr lange. "Das ist aber schon sehr lange her … T … Trypes? Ich weiß es nicht. Aber ich glaub, also, es war auf jeden Fall Griechenland, wenn ich mich recht erinnere … warum willst du das eigentlich alles wissen?" Plötzlich lachte ich. "OK, alles klar, sicher, logisch. Also, mir reicht es! Ich hab keinen Bock mehr, du bist doch total plemplem!" "Plemplem?" "Ja, plemplem! Gaga, durchgeknallt, verrückt! Ich hab genug davon. Ich meine, einen Augenblick hätte ich dir alles geglaubt, aber du bist doch zu abgedreht. Mädel, du brauchst, echt professionelle Hilfe!" Dann drehte ich mich um. Ich wollte gehen. Aber plötzlich wurde es mir kalt. Ich drehte mich wieder um. Das Mädchen sah vollkommen verloren aus, als hätte sie nur die Hälfte von dem verstanden, was ich gesagt hatte. Dann sah sie mich an. Ihre Augen schimmerten ein wenig feucht. Sie tat mir fast Leid. Trotzdem drehte ich mich um und ging. Ich ließ sie stehen.

Die dritte Begegnung mit dem Komischen Mädchen hatte meinem Interesse am Tod erstmal einen kräftigen Dämpfer verpasst. Das hielt allerdings nur etwa zwei Wochen, in denen ich das Gespräch sacken ließ. Ich war nicht fair zu ihr gewesen, das wusste ich dann. Dann überlegte ich. Es gibt also den personifizierten Tod. Das hatte sie angedeutet. Aber wie konnte man ihn treffen? Indem man stirbt, das ist klar, aber sterben wollte ich nicht. Ich sah auf das Foto, dass mir das Mädchen gegeben hatte. Was wäre, wenn ich nur fast sterben würde? Wenn er an dem Datum um die Zeit an dem Ort auf mich wartete, warum sollte ich ihn dann nicht aufsuchen können? Ich starrte noch eine Weile gebannt auf das Foto. Dann nahm ich meine Jacke, das Foto und ging aus dem Haus. In drei Stunden sollte ich von einem Hochhaus stürzen. Ich kannte das Hochhaus. Ich war recht oft dort. Trotzdem ging ich nicht sofort dort hin sondern lief zwei Stunden ziellos durch die Stadt, bevor ich mich auf den Weg zum Ort des Geschehens machte.

Ich hatte noch dreißig Minuten Zeit, als ich in den Fahrstuhl stieg und nach oben auf die Dachterrasse fuhr. Ich zitterte am ganzen Leib und meine Hände waren feucht. Aber ich gestatte mir nicht, auch nur einen Gedanken darauf zu verwenden, was ich vor hatte und was alles passieren könnte. Ich wollte nicht wissen, was geschehen würde, wenn ich mich nicht rechtzeitig offiziell fürs Leben entscheiden könnte und der Tod mich mitnähme.

Ich stand nun oben auf der Dachterrasse und schaute auf das Foto. Ich suchte nach Anhaltspunkten, wo das Geländer brechen würde. Ich fand sie und ging an dem Geländer entlang. Als ich mich über das Geländer beugte, um zu sehen, ob ich wirklich an der richtigen Stelle war, stand sie plötzlich hinter mir. "Hör auf mit dem Schwachsinn!", sagte sie. "Deine Zeit ist noch nicht gekommen." Ich sah mich um und schaute in die mittlerweile gut bekannten, grünen Augen. "Wer hat das entschieden?", fragte ich schnippisch. "Ich!", antwortete sie fest. Ich sah sie überrascht an. "Das kannst du?" Sie zuckte mit den Schultern. "Es steht mir nicht unbedingt zu, aber es ist mir auch nicht direkt verboten. Ich bin eben auch so ein Faktor wie jedes andere Wesen auf der Erde, also kann ich verändern, was vorhergesehen ist." "Aber das Foto!" "Ist flexibel. Du musst doch nicht sterben, nur, weil es auf dem Bild zu sehen ist!" "Aber warum hast du es mir dann gegeben?" Sie schwieg einen Augenblick. "Mit dem Foto vergebe ich Chancen, keine Tode. Sieh, versteh und entscheide. Es liegt ganz allein in deiner Hand." "Ich habe entschieden! Ich bin den Tod so oft begegnet, ich will ihn kennen lernen." Sie schaute ein wenig traurig. "Du triffst ihn nicht lang genug." "Aber du kennst ihn doch, oder? Wie ist er denn?" Sie schaute mich eine Weile an. "Weltfremd? Ich weiß nicht, ich habe nicht viel mit ihm zu tun." "Stell ihn mir vor!" Sie starrte mich an. "Was bist du den für eine?! Ein Fan?!" Ich grinste und nickte. "Könnte man so sagen." "Das ist doch ein Witz, oder?!" Ich schüttelte den Kopf. "Nö!" Langes Schweigen folgte. Dann drehte sie sich mit den Worten "Mach doch, was du willst!" um und wollte gehen. "Hey!!", rief ich sie zurück. "Du hast gewonnen!" Ich lehnte mich lässig ans Geländer. "Ich mach’s nicht."

Ich glaube, sie lächelte. Dann geschah alles sehr schnell. Das Geländer ächzte, quietschte und brach. Im gleichen Augenblick verlor ich den Halt und fiel zurück. Ich griff nach Vorne, wollte etwas fassen, griff etwas und hielt mich fest. Da hing ich, halb in der freien Luft, sie war mein einziger Halt. Ironischerweise lächelte sie. "Wenn du dich dagegen entschieden hast, warum machst du es dann?" Dann wurde sie ernst. "Nun entscheide dich. Leben oder Tod?" "Leben!" Sie lächelte, nickte und zog mich hoch. Sofort setze ich mich auf den sicheren Boden. Ich hätte niemals gedacht, dass ich solche Angst haben könnte! Sie stand neben mir und ich schaute sie an. "Du hättest mich nicht wirklich los gelassen, oder?" Sie seufzte und setzte sich neben mich. "Ich bin alt, weißt du? Zu alt. Ich habe schon zu viel gesehen und erlebt. Ich habe gelernt, dass jeder Mensch selbst über sein Leben entscheiden darf und muss. Eigentlich soll ich nicht eingreifen, aber manchmal tue ich es natürlich trotzdem, ich bin ja auch nur ein Mensch, irgendwie …Ja, ich hätte dich losgelassen, wenn du dich dafür entschieden hättest." Ich schwieg. Mir lief ein Schauer über den Rücken und im meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken "Und wie hättest du das erklärt?", frage ich. Sie sah mich verständnislos an. "Wem?" "Na, der Polizei zum Beispiel." "Warum hätte ich ihr was erklären sollen?" "Na, du wärest dann unmittelbar mit meinem Tod in Verbindung gebracht worden" "Tja, wahrscheinlich. Und weiter?" Ich musterte sie. Dann lachte ich. Anscheinend meinte sie das ernst! "Mädel", sagte ich, "Du wirfst echt mehr Fragen auf, als du beantwortest, weißt du das?" Sie schaute mich verwirrt an. Dann erwiderte sie mein Lächeln. Ich wurde aus ihr nicht schlau, aber ich wusste in dem Moment, dass ich sie irgendwie mochte.

Trotzdem wich ich ihrem Blick aus. "Hör mal", sagte ich schließlich. "Wegen der Sache neulich … es tut mir Leid." "Was tut dir Leid?" Ich lächelte verlegen. "Ich war dir gegenüber unfair. Ich hab überreagiert." Sie zuckte mit den Schultern. "Geht schon. Ich kenn das. Ich bin nicht sauer auf dich, oder so. Es ist oft so, dass Menschen auf mich ablehnend reagieren, aber selten, dass sie mit mir wirklich reden." Sie lächelte und stand auf. "Ich danke dir, dass du nett zu mir warst", sagte sie noch, dann wand sie sich zum Gehen. Ich rief sie zurück. "Warte! Werden wir uns wieder sehen?" Sie lächelte. "Willst du das wirklich? Du weißt doch, was ich bin." Dann zwinkerte sie mir zu und verschwand aus meinem Leben.

Ich hätte gerne noch etwas von ihr erfahren, denn sie scheint viel zu wissen. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass ich sie niemals wieder sehen würde. Ich sah hinunter. Eine Frau stand neben dem Geländer, das gebrochen und hinab gefallen war. Sie hatte es überlebt. Ich lächelte. Das Leben ist doch etwas Kostbares. Das hatte die Frau dort unten vermutlich auch gelernt. Den Tod würde ich noch früh genug treffen, personifiziert oder nicht. Aber bis dahin werde ich meine Zeit genießen. Weiß der Himmel, wie viel mir noch bleibt, nein, nicht der Himmel, eher dieses eine, ganz bestimmte Mädchen mit den gewissen grünen Augen …

11.8.08 12:30


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Andy Bennet

Ich sitze zusammengesunken in einer Zelle. Meine Augen sind leer und in meinem Kopf spiele ich immer und immer wieder die Situation durch. Ich hatte niemals hier enden wollen. Obwohl es mir viele prophezeit haben. Aber hätte ich wirklich anders handeln können? Hätte ich die Katastrophe abwenden können? Vielleicht wenn ich … nein. Das hätte nicht funktioniert. Ich seufze und sehe mich um. Wenn es irgendeine Möglichkeit gegeben hätte, Leben zu retten, ohne in einer Gummizelle zu landen … Ich wollte alles, aber ich habe nichts erreicht. Und wem verdanke ich das? Ker! Was verdanke ich ihr nun eigentlich? Ist es gut gelaufen oder schlecht? Ich verdanke ihr mein Leben. Das ist gut. Aber ich verdanke ihr ebenso, dass ich in dieser Zelle hier bin. Das ist weniger gut. Aber es hätte nicht so kommen müssen. Irgendwie hatte ich das zugegebenermaßen auch selbst zu vertreten. Ich hätte vielleicht nicht unbedingt erwähnen sollen, dass ich die Information von der Todesgöttin der alten Mythologie bekommen habe. Was schon sehr vereinfacht war. Ker ist eigentlich die Verkünderin des Todes. Aber das haben sie nicht richtig begriffen. Ich hätte vielleicht auch nicht wie ein Wahnsinniger herumbrüllen sollen, dass die Todesgöttin das Flugzeug abstürzen lassen wird … was übrigens auch sehr vereinfacht war. Ich schmunzle. Irgendwie ist das alles nicht so gelaufen wie geplant. Ich höre ein klicken und schaue auf. Der Wärter öffnet die Türe und winkt mich hinaus. „Sie können gehen.“, sagt er. Ich schaue ihn fragend an. Er schweigt. Als ich nachfrage meint er: „Das Flugzeug ist wirklich abgestürzt. Wie Sie es gesagt haben. Es ist verrückt, und unglaublich, aber Sie sind es laut der Definition des Abteilungsleiters nicht.“ „Weil ich Recht hatte? Macht nicht gerade das mich verrückt?“ Der Wärter zuckte mit den Schultern. „Meiner Meinung nach schon, aber ich habe hier nicht viel zu sagen. Außerdem wird sich die Polizei noch um sie kümmern.“ „Was Folgendes bedeutet …?“ Der Wärter lacht. „Blöde Frage. Sie haben einen Flugzeugabsturz vorausgesagt und sind angeblich nicht verrückt. Da liegt doch nahe, dass Sie damit etwas zu tun haben!“ Ich schüttle den Kopf. „Das habe ich aber nicht.“ „Das lassen Sie mal schön die Polizei entscheiden. Jedenfalls wird sie sie vermutlich bald aufsuchen. Und jetzt raus hier.“ Ich stehe auf und gehe aus dieser Zelle. Ich schaue noch Mal zurück. Es hat etwas Merkwürdiges. Ich meine, so viele waren sich sicher, dass ich hier einmal landen würde. So viele, dass ich es selbst irgendwann auch nicht mehr für unwahrscheinlich hielt. Ich seufze. „Immerhin besser als ein Sarg.“, murmle ich und versuche dann in mein Leben zurück zu kehren.

Kaum bin ich zu Hause, sehe ich die Reporter, die mein Haus umlagern. Was sie wohl wollen? Gerade, als ich überlege, ob ich mich durch den Hintereingang hineinschleichen soll entdecken sie mich und rennen auf mich zu. Ein Bild, das jedem gestandenen Mann Angst machen würde. Und mir Feigling erst Recht. Sie umringen mich. „Herr Bennet!“, brüllt mir eine Frau entgegen. „ist es wahr, dass sie der einzige Überlebende eines Flugzeugsabsturzes sind?“ Sie hält mir ihr Mikrofon unter die Nase. „Das Flugzeug ist heute um 13 Uhr 35 abgestürzt. Zu dieser Zeit war ich in einer psychiatrischen Klinik. Ich war also nicht im Flugzeug, als es verunglückte. Nun denken Sie einfach mal ganz logisch nach und geben sich die Antwort selbst.“ Ich hasse Reporter. „Was ist an den Gerüchten dran, dass sie einen Monat vor dem Start des Flugzeuges angefangen haben, zu versuchen den Flug zu verhindern?“, brüllt mir ein anderer Reporter entgegen. „Beantworten Sie mir das.“, gebe ich zurück. „Ist es nicht zu sehr wie in diesem einen Film?“ überrascht schaue ich den Reporter an, der das gefragt hat und muss kichern. Ein Grufti. Ich scheine ja eine totale Attraktion zu sein. „Von welchem Film reden Sie?“, frage ich nach. „Final Destination. Ein Jungendlicher bekommt eine Version von einem Flugzeugabsturz und wird anschließend vom Tod verfolgt.“, erklärt der Reporter. „Sehe ich aus wie ein Jugendlicher?“, ist meine Antwort. „Außerdem werde ich nicht vom Tod verfolgt, sondern von Ihnen.“ Warum können mich diese widerlichen Aasgeier nicht einfach in Frieden lassen? „Was ist nun eigentlich passiert?“ Ich schaue mich um. Mein Blick fällt auf eine sehr junge Reporterin. Sie hat langes, gelbes Haar und große, aufmerksame braune Augen. Sie scheint als einzige wirklich daran interessiert zu sein, was geschehen ist. Aber was ist überhaupt geschehen?

Ich war immer der Verrückte. Ich ging auf in der alten Mythologie. Ich war die Leseratte, der Freak. Bereits in der Schule bezeichneten mich viele als verrückt. Als abartig. Aber dafür wusste ich alles über die alten Zeiten. Es fiel mir nur so unendlich schwer, in der Gegenwart zu leben. Das hatte sich auch niemals geändert. Vielleicht würde es sich ja jetzt ändern? Aber vor einem Monat war es noch genau so, wie immer. Ich wollte mir auch einen langjährigen Traum erfüllen und endlich nach Griechenland reisen. Chios war mein Ziel. An dem Tag, an dem ich ihr begegnete saß ich in einem Cafe und hing über den Büchern, die von den Geschichten und Legenden dieser Kultur berichteten. Ich habe bereits so viele Legenden aus so vielen Kulturen verschlungen. Es übte auf mich einen Zauber aus, den ich immer nachhängen werde. Und dann war da sie. Sie tat etwas, was noch keiner zuvor getan hatte: Sie setzte sich zu mir an den Tisch. Ich bemerkte sie nicht. Erst, als der Kellner kam und sie ihn wieder Gehen hieß, fing sie langsam an, in mein Bewusstsein durchzudringen. Dann schob sie mir ein Blatt hin. Es war das erste, was ich wirklich bemerkte. Es war ein Foto. Ich betrachtete es. „Ker.“, murmelte ich. „Was?“ Ich sah das Mädchen an. Einen Augenblick lang sahen wir wohl beide sehr verwirrt und verloren aus. Sie war aufgestanden und wollte wohl gerade gehen. Irgendwas war in diesem Namen, was sie stutzig machte. „So heißt du doch, nicht wahr?“ fragte ich sie. Sie schüttelte den Kopf. „Nein … ja … irgendwie schon. Sie haben mich so genannt, vor langer Zeit. Aber es ist nicht mein Name.“ „Wie ist dann dein Name?“, fragte ich. Sie schwieg. Lange. „Das weiß ich nicht mehr so genau.“, meinte sie schließlich. Ich hielt das Foto hoch, das sie mir hin geschoben hatte. „Und was ist das hier?“ „Ein Foto“, antwortete sie wie selbstverständlich. Ich musste lächeln. „Das ist mir schon klar, aber was bedeutet es?“ Sie lächelte. „Das wirst du mir in einem Monat selbst beantworten können.“, antwortete sie. „In einem Monat? Am 25.08?“ Sie nickte. „Clever“, sagte sie. „Das steht drauf“, gab ich trocken zurück. Sie nickte. „Das hat aber nicht viel zu sagen. Die Meisten ignorieren das.“ „Aber kommen wir nun auf meine Frage zurück. Was bedeutet das Foto? Soll es heißen, dass …“ „Exakt.“, fiel sie mir ins Wort. „Du weißt doch gar nicht, was ich denke.“, gab ich ihr zu denken. Sie lachte. „Um hier nicht den richtigen Schluss zu ziehen muss man sehr verbohrt sein.“ „Du musst zugeben, der Schluss ist mehr als unwahrscheinlich!“ Sie lachte wieder. „Du redest mit der Falschen. Ich bin damit aufgewachsen. Für mich ist das natürlich.“ Ich beobachte sie ein wenig. „Dann bist du tatsächlich Ker?“ Sie überlegte. „Keine Ahnung. Ich denke schon, dass ich ein bisschen was mit ihr zu tun habe.“ Ich deutete ihr sich zu setzen. Nachdem sie ein wenig gezögert hatte setzte sie sich wirklich. „Was weißt du denn über Ker?“, fragte sie. „Was bedeutet dieser Name bei euch?“ Ich grinste verlegen. „Bei uns gar nichts mehr. Viele kennen ihn gar nicht. Aber ich befasse mich oft mit alter Mythologie. Obwohl ich es bis heute selbst auch nur für Mythologie gehalten habe. Für Märchen.“ „Selbst Märchen haben einen wahren Kern. Zumindest meistens.“, warf sie ein. Ich nickte. „Da hast du wohl Recht. Aber nun zu deiner Antwort: Ker stammt aus der alten Mythologie der antiken Griechen. Vielleicht das erste oder zweite Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Sie ist die Verkünderin des Todes. Eine Göttin des Todes.“ Sie starrte mich fassungslos an. „Sie haben aus mir eine Göttin gemacht?“ Ich betrachtete sie aufmerksam. Warum nahm ich es so hin, dass sie sich selbst als Ker darstellte? War das nicht größenwahnsinnig? Es waren doch immer nur Mythen gewesen. Ein Mensch konnte nicht so alt werden. Und Götter gab es nicht. „Dann bist du also Ker?“ „Nein!“, antwortete sie entschlossen. „Zumindest nicht diese Ker“, fügte sie etwas sanfter hinzu. „Und warum identifizierst du dich so mit ihr?“ Sie kratzte sich verlegen am Kopf. „Hmm … das ist eine lange Geschichte …“ „Ich habe Zeit“, warf ich schnell ein. Sie nickte und fragte mich dann etwas, was mich wirklich lange beschäftigte: „Stell dir vor, du lebtest in einer Welt, in der du als einziger nicht alterst. Was würdest du tun?“ „Ich würde von der Bildfläche verschwinden.“, gab ich zurück. „Und wenn du das nicht kannst?“, fragte sie weiter. Ich überlegte. Dann zuckte ich mit den Schultern. Was hatte sie gemacht? „Die ersten Jahrzehnte wollte ich mein Leben nicht aufgeben.“, begann sie zu erzählen. „Daher bin ich lange mit meinem normalen Namen herumgewandert. Aber irgendwann stellten sie Fragen und wunderten sich. Und ich musste anfangen, mein Land zu verlassen. Und irgendwann war mein Name nicht mehr angemessen für das Land, in dem ich war. So begann ich mir andere Namen zu geben.“ „Welche Namen?“, fragte ich. Doch sie schüttelte den Kopf. „Es waren zu viele. Ich kann mich nicht mehr an sie erinnern. Mittlerweile habe ich das ganz aufgegeben. Ich habe nur einen Namen, meinen Geburtsnamen.“ Ihr stiegen die Tränen in die Augen. „Und den weiß ich nicht einmal mehr.“ Ich nickte, als hätte ich verstanden, aber ich kam mir so dumm vor und so weit weg davon, es auch nur annähernd zu begreifen. „Ker war einer dieser Namen?“, fragte ich. Sie nickte. „Es ist lange her, sehr lange. Ich hätte mich nicht einmal daran erinnert, wenn du nicht gewesen wärst. Aber ja, ich habe mich einmal Ker genannt.“ „Und du hast dort gemacht, was du immer gemacht hast und wurdest zur Verkünderin des Todes, stimmt das?“ Sie nickte. „Die war ich immer schon. Aber sie behängten den Namen damit. Das wusste ich auch, aber dass sie mich zu einer Göttin gemacht haben …“ Sie lächelte. Es war etwas zwischen sauer und geschmeichelt. Aber auch ein wenig traurig. Ker … „Darf ich dich dann Ker nennen?“, fragte ich sie. „Wenn du dich nicht mehr an deinen richtigen Namen erinnerst?“ Sie nickte. „Gut, … Ker, dann sag mir doch mal, was ich hier mit machen soll.“ Ich schob ihr das Foto zu und starrte es ungläubig an. Es war verschwunden. Na ja, nicht das Foto an sich war verschwunden, sondern das Bild, das es abgebildet hatte. Ich schaute sie überrascht an. „Was ist passiert?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ „Ist das noch niemals vorher passiert?“, fragte ich. „Doch, sicher, aber nicht so schnell und meistens erst nachdem der Zeitpunkt vorüber und der Mensch noch am Leben ist.“ Sie sah mir tief in die Augen. Ein wohliges Gefühl durchfloss mich. Aber auch ein wenig Angst. „Hat sich irgendetwas verändert?“, frage sie und ich entgegnete grinsend: „Du meinst, außer, dass ich Ker kennen gelernt habe?“ Sie nickte. „Vielleicht stürzt das Flugzeug nicht mehr ab? Vielleicht wurde der Flug gekenzelt.“ Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Dann schüttelte sie den Kopf. „Das Flugzeug wird abstürzen. Es betrifft nur dich. Hast du irgendeine Entscheidung getroffen?“ „Du meinst, außer, dass ich nicht fliegen werde?“ Sie schaute mich an. „Nein, nicht außer. Genau das ist es. Du hast dich entschlossen, nicht zu fliegen, also wirst du auch nicht dabei verunglücken.“ Ich nickte. „Das ist irgendwie logisch. Dann geht das?“ Sie nickte „Natürlich. Jeder kann sich dazu entscheiden, ob er sich der gezeigten Gefahr ausliefert.“ „Dann ist das gut?“, fragte ich weiter. Nun schüttelte sie den Kopf. „Nicht zwingend. Ich denke, das wird sich später herausstellen.“ Das Götter auch immer so schrecklich in Rätseln sprechen müssen. Ich packte meine Sachen zusammen, legte Geld auf den Tisch und stand auf. „Dann werde ich jetzt mal gehen und die anderen Fluggäste warnen.“ „Hältst du das wirklich für klug?“ „Du nicht?“ „Um ehrlich zu sein, nein.“ Ich rümpfte die Nase. „Dann soll ich sie einfach sterben lassen?“ Sie schüttelte den Kopf. „So meine ich das nicht …“ „Was gibt es da zu zögern? Du hast es doch mit mir genau so gemach!“ „Nein! Ich habe dich nur informiert.“ „Das will ich doch auch. Nur informieren.“ „Andy … das ist kompliziert! Es ist nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Du kannst nicht einfach hingehen und Leben retten. Weißt du, wie viele Menschen meine Warnungen in den Wind schlagen? Außerdem sind bei solchen großen Unglücken immer Menschen dabei, die sich nicht entscheiden können. Sie müssen sterben.“ „Nicht, wenn ich es verhindern kann.“ Sie stand auf und schaute mich beschwörend an. „Lass das! Diese Einstellung bringt nichts Gutes!“ Ich lachte spöttisch. „Das kannst DU natürlich beurteilen!“ „Na hör mal! Gerade ich! Meinst du, ich hätte das über die Jahrtausende nicht auch probiert? Meinst du nicht, ich hätte es mir nicht auch angemaßt? Es liegt nicht an dir, das zu ändern. Ganz bestimmt nicht.“ „Es ist das einzig Richtige!“ „Du irrst dich! Es mag zwar ethisch richtig sein, aber so was kann nicht gut gehen! Das hat es niemals getan. Man bekommt immer eine verpasst! Es interessiert keinen, warum du es machst. Sie sehen nicht den Überbringer der Nachricht in dir, sondern den Verursacher! Wie willst du es erklären?“ Ich zögerte. Ich wusste, dass sie aus Erfahrungen sprach. So überzeugt und abgrundtief traurig kann nur jemand sprechen, der es selbst weiß. Der Gedanke machte mich etwas traurig. Aber ich konnte nicht zurück. Was auf sie zutraf musste ja noch längst nicht für mich stimmen. Also ging ich und ließ sie allein im Cafe zurück. Sie rief noch einmal meinen Namen. Und dann habe ich sie niemals wieder gesehen.

Die nächsten Wochen verbrachte ich damit, alles zu versuchen, um die Leute zu warnen, dass das Flugzeug abstürzen würde. Ich wand mich an die Angestellten, an den Chef, ich erzählte es sogar etlichen Piloten, weil ich nicht sicher wusste, welcher das Flugzeug flog. Ich redete mit den Mechanikern, dem Sicherheitsdienst. Letztere verwiesen mich gewaltsam vom Flughafen. Würde ich mich noch mal blicken lassen, würden sie mich einsperren lassen. Sie prüften mich auf Alkohol, auf Drogen, auf alles. Alles negativ. Das Problem war, dass ich nur sagen konnte, was passieren konnte, nicht, warum. Und auf die Frage, woher ich es wusste, gab es keine Antwort, die ein normaler Mensch einfach so hingenommen hätte. Das war der erste Moment, an dem ich daran zweifelte, wirklich Ker begegnet zu sein. Schließlich brachten sie mich in das Irrenhaus, in dem ich meine Zeit absaß. Es war immerhin besser als ein Gefängnis. In der Zeit kontrollierten sie das Flugzeug mehrfach um sicher zu sein, dass ich daran nichts gemacht hatte. Ich betete inständig, dass das reichen möge. Oder wenigstens, das Ker gelogen hatte und mich hereingelegt hatte. Aber irgendwie konnte ich ihre Echtheit nicht glaubhaft verleugnen.
Die Wärter kontrollierten mich um sicher zu sein, dass ich keinen Kontakt nach Außen hatte. Doch den hatte ich nicht. Obwohl ich irgendwie fest damit gerechnet hatte, dass Ker auftauchen würde, vor allem nachdem das Flugzeug schließlich doch abgestürzt war. Ich dachte, sie würde kommen und es mir unter die Nase reiben. Denn sie hatte Recht. Es wohl wirklich nicht in meiner Macht. Aber statt ihr warteten nur diese Reporter auf mich, die mich als den „Verrückten aus dem Flughafen“ beschrieben hatten. Schon seit einem Monat. Wenn sie mich ernst genommen hätten, oder wenn sie mich damals interviewt hätten, vielleicht … vielleicht wäre es dann anders gekommen?

„Und? Was ist nun geschehen?“, nimmt ein anderer Reporter die Frage auf. Ich sehe mich um. Ich bin wieder in der Gegenwart. Umringt von all diesen lästigen Schmeißfie … äh, Reportern. Ich lächle und zeige einladend auf die junge blonde Reporterin. Der einzigen, die scheinbar wirklich interessiert ist und mich nicht nur als eine Sensation sieht. „Entschuldigt, Leute, aber dieses hübsche Wesen hier bekommt den Zuschlag. Sie darf mich interviewen. Sonst niemand.“

22.8.08 17:35





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