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Christopher Lempke

Wart ihr schon einmal für den Tod eines Menschen verantwortlich? Ich schon. Ich habe sein Leben geben seins getauscht. Und das obwohl ich immer behauptet hatte, ich würde mein Leben einsetzen um jemanden zu retten. Egal wen, wenn ich wüsste, dass er in Gefahr wäre, würde ich ihm helfen und lieber sterben als diese Person sterben zu lassen. Und nun? Nun habe ich alle Achtung vor mir verloren. Ich hätte es verhindern können, ja, sogar müssen, aber ich saß einfach nur da und ließ es geschehen. Ich bin Schuld. Nein, sie ist schuld! Ja, genau! Sie ist schuld. Es fing bereits alles sehr merkwürdig an. Auch unsere erste Begegnung war mehr als eigenartig. Nichts ahnend saß ich, na ja, ich lag wohl eher, im Gras und döste. Ich hatte die Welt ganz vergessen. Ich hatte Wochenende, meine Freundin war ihre Eltern besuchen und die Leute ließen mich endlich einfach mal in Ruhe. Ich habe nichts gegen andere Leute, aber manchmal brauch ich einfach ein wenig Zeit für mich. Und die hatte ich in dem Moment und genoss sie in vollen Zügen. Da liegen und nichts tun. Absolut gar nichts. „Dein Leben oder das eines anderen? Was gibst du her?“ „Seins“, murmelte ich im Halbschlaf. Dennoch antwortete ich prompt und ohne zu zögern. Als ich bemerkte, dass ich diese antwort laut ausgesprochen hatte - und was ich da ausgesprochen hatte - schaute ich erschrocken auf. Vor mir war ein junges, zierliches Brünettengesicht. „Nein“, sagte ich sofort. „So meinte ich das nicht. Das wollte ich nicht sagen! Ich …“ Mit einer Handbewegung schnitt mir das Mädchen das Wort ab. Sie war an meinen kläglichen und fadenscheinigen Ausreden nicht interessiert. Irgendwie schien sie jedoch auch an der Antwort selbst keinerlei Interesse gehabt zu haben … Aber warum hatte sie mich dann gefragt? Als sie meinen vollkommen verwirrt Blick sah seufzte sie kurz auf. „So antworten die Wenigsten. Aber mach dir keinen Kopf. Die Meisten tun es. Du bist in Guter Gesellschaft.“ „Aber ich … ich würde immer versuchen anderen zu helfen, auch wenn es mein Leben kosten würde!“ Sie sah mich spöttisch - und auch ein wenig angewidert - an. „Sagen kann das jeder“, begann sie. „aber letzten Endes würden die Meisten doch ihre eigene Haut retten. So seid ihr nun einmal. Daher sollte man sich wenigstens das bisschen Würde bewahren und es gleich zugeben.“ „Du irrst dich“, protestierte ich. „so einer bin ich nicht.“ Sie sah mir mit einem unaussprechlich ernsten Blick direkt in die Augen. Ihr Gesicht war meinem so nah, dass ich ihren Atem spüren - und ihren Duft riechen - konnte. Sie roch nach einer Mischung aus Erdbeere, Vanille und einem etwas holzigem Geruch, den ich nicht kannte. Ihre Nähe war mir irgendwie unangenehm - und doch war es, als hätte ich mich mein Ganzes Leben lang nur danach gesehnt. „Nicht reden, tun.“, sagte sie. Ihre Stimme war ernst und trocken und ihre Augen waren tief in meinen versunken. Ich hingegen schaute unruhig abwechselnd auf ihre Augen und ihren Mund. Dieses Mädchen machte mich mehr als nervös. Dabei war sie nicht einmal volljährig! Sie aber sprach unbeirrt weiter: „Was auch immer du sagst ist nichtig im Vergleich zu dem, was du dann letzten Endes tust. Reden kann man viel. Auf die Taten kommt es an. Und mir ist es egal, ob du die Wahrheit sagst, oder nicht. Ich achte kaum auf Worte.“ Plötzlich zog ich panisch meine Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Das Mädchen hatte ihre Hand in meine gelegt und mir dabei ein Stück Papier zwischen die Finger geschoben. Ich sah auf das, was sich nun in meinen Händen befand: Ein Foto! Ein einfaches Foto! Nein, nicht einfach. Irgendetwas störte mich daran. Ich sah es mir genauer an. Es zeigte mich, bei der Arbeit. Aber es war kein normaler Arbeitstag, oder? Explodierte die Flüssigkeit nicht wieder? Nun, das kenne ich zwar, denn schon einige Dinge sind mir explodiert - ich bin Chemiker - aber hier war irgendetwas anders … Noch bevor ich mir richtig schlüssig werden konnte, was dieses andere war, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, wie das Mädchen aufstand und ging. Ich rief sie zurück und sie drehte sich wieder zu mir um. „Was ist das?“, fragte ich. Sie zuckte mit den Schultern. „Ein Foto.“ „Und was bedeutet es?“, fragte ich weiter, aber sie sagte nur mit ernstem - beinahe etwas hämischem - Gesicht, dass ich das selbst herausfinden müsse. Ich schaute nachdenklich auf das Foto. Dann fragte ich weiter: „Hat das mit der Frage zu tun, die du mir gestellt hast? Ich meine, ob ich mein Leben für einen anderen Menschen geben würde … was ich übrigens ganz sicher würde!“ Sie überlegte kurz. Dann schüttelte sie den Kopf. „Hm, nein. Nicht, dass ich wüsste. Zumindest nicht direkt … noch nicht.“ Ich war verwirrt. „Warum hast du mir dann die Frage gestellt?“ Sie lachte. Sie hatte trotz allem ein sehr schönes und melodisches Lachen. Dann sagte sie: „Einfach so. Mir war danach. Außerdem wollte ich deine Aufmerksamkeit. Ich mag es lieber, wenn die Person mitbekommt, was ich ihr gebe.“ Dann drehte sie sich um und ließ mich - vollkommen verwirrt - allein. „Und was gibst du ihr?“, murmelte ich in mich hinein. Ich starrte wieder auf das Bild. Nun erkannte ich, was dieses andere war. Es zeigte eindeutig mich, wie ich von einer chemischen Explosion bei einem Versuch verletzt - vielleicht sogar getötet - wurde. Mit der schönen Ruhe war es nach ihrem Auftritt eindeutig vorbei. Ich wurde unruhig und es dauerte nicht lange, bis ich mich nach Hause aufmachte. Dort angekommen schaltete ich meinen Computer an. Ein sehr neues Modell. Sehr schnell. Ich bin richtig stolz auf ihn. Trotzdem schien es mir dieses Mal ewig, bis er endlich hochgefahren war. Ich startete das Internet. So langsam! Seit wann war mein Top-Computer denn so langsam?! Endlich war es so weit und ich starrte auf den Bildschirm. Ich hatte mir noch keine Gedanken darüber gemacht, wonach ich suchen wollte! Ich hatte ja keinen Anhaltspunkt. Ich versuchte es mit dem Eintrag „Todesengel“. Nichts. Na ja, eine ganze Menge, um ehrlich zu sein, aber nichts, was auf sie zutraf. Ich überlegte weiter. „Fotos“, versuchte ich. Aber wie erwartet bekam ich nur Anzeigen wie `Günstig und gut, Fotoentwicklung bei Indos´. Ich verdrehte die Augen. Ich musste wohl genauer werden. „Fotos Tot“ Es war auch nicht viel ergiebiger. Ich überlegte. Wenn irgendjemand ihr begegnet war. WIE könnte er sie genannt haben? Wie? Was macht sie aus? Ich tippte noch mal „Foto“ ein und überlegte. Dann fügte ich „Mädchen“ hinzu. „Fotomadchen“. Das könnte es sein! Ich klickte auf Enter und hielt die Luft an. Es gab einen Eintrag. Ich klickte drauf und las. „Ein total merkwürdiges Mädchen, das mir ein Foto gegeben hat, das zeigt, wie ich einen Hammer im Kopf stecken habe. So was kann ich echt nicht gebrachen, obwohl sie ganz süß war. Is eben doch ein bisschen zu crazy die Kleine.“ Ich stutzte. Wer immer diesen Eintrag geschrieben hatte, war ein Idiot. Aber es war sie. Er war dem gleichen Mädchen begegnet, wie ich! Fotomädchen. „Was ließt du da für Stuss?“, erklang eine Stimme hinter mir. Dünne, rotblonde Haare flossen über meine Schulter. Ich schaute mich um. „Sylvia? Was machst du denn hier? Wolltest du nicht zu deinen Eltern?!“ Sie küsste mir auf die Wange. „Da war ich doch, Schatz.“, antwortete sie. Dann seufzte sie und setzte sich auf einen Stuhl in der Nähe. „Wir haben uns wieder gestritten, Dad und ich.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wir können es einfach nicht lassen.“ Dann setzte sie ihre Trauermiene auf. „Willst du mich etwa nicht bei dir haben?“, schluchzte sie theatralisch. Ich winkte sie zu mir und zog sie auf meinen Schoß. Dann küsste ich sie zärtlich auf die Wange. „Du weißt doch, ich könnte keinen Tag ohne dich sein.“ „Und du teilst alles mit mir?“, fragte sie weiter. „Und ich teile alles mit dir.“, bestätigte ich, zugegebenermaßen mit einem dummen Gefühl. War würde jetzt kommen? Sie grinste. „Gut. Dann sag mir mal, was du auf dieser Seite machst. Was ist ein Fotomädchen?“ „Ach … nur so … ich schau nur ein wenig … Neugierde.“ Sylvia schaute mich mit ihrem durchdringen Ich-glaub-dir-kein-Wort-Blick an. Ich seufzte und erzählte ihr von meiner Begegnung mit dem Fotomädchen. Allerdings ließ ich den Teil mit dem Gespräch weitestgehend aus. Natürlich wollte sie das Foto sehen und ich stellte sauer fest, dass ich es wohl im Park vergessen haben musste, als ich so schnell aufgestanden war. Damit hatte ich keinen Beweis für meine absolut unglaubwürdige Geschichte. Trotzdem kann ich nicht sicher sagen, ob Sylvia mir glaubte oder nicht. Es vergingen Tage, Wochen. Nach und nach wurde dieses Foto immer unrealistischer. Ich meine, ich konnte mich nicht mehr so genau an das Geschehene erinnern. Ich konnte mir das Foto nicht anschauen, um die Erinnerungen aufzufrischen und Sylvia hatte es niemals mehr angesprochen. Immer mehr vergas ich das Bild und was es gezeigt hatte. Irgendwann dann fuhr Sylvia zu ihrem Bruder, damit sie sich mit ihm zusammen über ihren Vater aufregen konnte. Ich fand es ganz in Ordnung, dass sie hin und wieder weg fuhr, ich genoss immer die Ruhe, die es mit sich brachte, aber das Problem dabei war, dass ich dann immer den Haushalt ganz alleine und vor allem selbst führen musste. Es ist ja nicht so, dass ich der Meinung bin, dass Frauen ins Haus gehören und den Haushalt führen müssen, ganz im Gegenteil. Es ist nur einfach so, dass ich eine faule Socke bin. Ich bin sehr untalentiert fürs Saubermachen, Bügeln, waschen und so weiter. Aber Kochen, Kochen kann ich sehr gut. Leider brachte mir das nicht ganz so viel. Ich musste auch die Wäsche machen. Netterweise hatte Sylvia, nachdem ich etwa drei Maschinen Wäsche hatte einlaufen lassen, einen Zettel an die Tür zum Waschzimmer geklebt, auf dem alles Wichtige Stand. Kochwäsche soundsoviel Grad, Bundwäsche nach Farben trennen und mit soundsoviel Grad waschen, Kochwäsche ist diesunddas. Ich hasste diesen Zettel. Aber er war sehr nützlich, wenn ich denn mal waschen musste. Und das war ja da der Fall. Also stopfte ich ein paar Hosen und Hemden in die Maschine und stellte sie so ein, wie Sylvia es aufgeschrieben hatte. Und hoffte, dass sie sich nicht geirrt hatte. Dann ging ich zurück in unser Schlafzimmer und schaute noch nach ein paar anderen Wäschestücken, wenn ich schon mal dabei war. Als die Maschine durch war holte ich natürlich meine Kleider raus und hing sie auf. Dabei fiel mir bei einer meiner Hosen etwas auf. Und hiermit kommen wir zum Punkt, warum ich mich als schlechten Hausmann oute: in einer der Taschen war ein Stückchen Papier. Ich zog es heraus und mir gefror das Blut in den Adern. Es war weniger, weil mir all die Dinge mit dem Fotomädchen plötzlich wieder einfielen, oder dass ich das Foto doch nicht vergessen sondern viel mehr die ganze Zeit bei mir getragen hatte. Es war auch nicht, weil ich mich darüber ärgerte, schon wieder nicht die Taschen kontrolliert zu haben. Es war schlicht und ergreifend die Tatsache, dass dieses Foto die Wäsche unbeschadet überstanden hatte. UNBESCHADET! Ich habe schon viel in meinen Klamotten vergessen und es erst nach der Wäsche bemerkt. Taschentücher, Geld, Fotos, Karten für Spitzenplätze bei einem Fußballspiel meiner Lieblingsmannschaft, … und immer waren die Sachen anschließend unbrauchbar, was bei den Karten besonders ärgerlich war. Aber dieses Foto, das ich eigentlich liebend gerne los geworden wäre, hatte alles unbeschadet bestanden. Damit war meine Neugierde, die uns Wissenschaftlern und Chemikern zu Eigen ist, endgültig geweckt. Ich wollte unbedingt wissen, woraus dieses Foto war. Denn normal war es auf keinen Fall. Vor allem aber wollte ich dieses Foto irgendwie los werden … auf Chemikerart. Mit diesem Vorhaben ging ich dann auch am nächsten Tag zur Arbeit. Zuerst musste ich aber mein normales Pensum erfüllen. Hier und da musste ich noch ein paar Sachen mischen, kontrollieren und so weiter und so fort. Bis zur Pause war ich so in etwa damit fertig. Da war nur noch eine Kleinigkeit, die ich noch machen musste. Ich überlegte kurz. Dann ließ ich es stehen und ging in die Pause. Der Versuch konnte warten. Diese paar Minuten. Ich wollte meinen Kollegen mein neues Projekt zeigen: Das Foto des Fotomädchens zerstören. Ich setzte mich zu ihnen und legte das Foto auf den Tisch. Alle schauten mich fragend an und warteten, dass ich etwas sagen würde. Ich grinste. „Dieses Foto habe ich vor etwa Monaten bekommen. Es hat die Wäsche überstanden. Ich will wissen, woraus es ist. Wer will mir helfen?“ Schweigen. Dann: „Chris? Du bist verrückt.“ Ich nickte. „Du hast noch nie deine eigene Wäsche gewaschen, oder Derk? So ein Foto müsste dabei zu einem Matschhaufen zerfallen.“ Derk schüttelte den Kopf. „Scheinbar nicht.“ Benny schlug sich auf meine Seite und meinte, dass es wirklich hätte so sein müssen. Theoretisch. „Eben das ist der Punkt. Es hätte …“ ich stockte und schaute mich um. Unser Azubi Arec stand hinter mir und hatte mir auf die Schulter getippt. „Der Chef sagt, der Versuch mit der Florsäure hätte vor der Pause fertig sein müssen. Hast du den schon gemacht?“ Ich verneinte und Arec meinte, dass es wichtig sei. Ich bin 38! Ich bin seit klein auf Chemiker und übe seit über zehn Jahren auch den Beruf aus. Ich würde mich von einem Azubi weder belehren noch hetzen lassen! „Ich hab Pause“, fauchte ich. „Wenn dir so viel daran liegt, diesen Versuch zu machen, dann mach ihn selbst! Aber lass mich in Ruhe!“ Damit drehte ich mich wieder zu meinen Kollegen um und widmete mich wieder dem Foto. „Also, wer hilft mir bei einer Versuchsreihe?“ Sie schüttelten die Köpfe. „War das nicht ein wenig zu hart?“ Ich zuckte mit den Schultern und meinte, dass der Frischling früh lernen müsste, wies läuft. Ich selbst war auch nicht viel besser behandelt worden. „Sag mal“, begann Benny und zeigte auf das Foto. „Was bedeutet eigentlich das?“ „Donnerstag, 28.505.1985 um 12.37 …“, ließ ich vor. „Hört sich nach einem Datum an, finde ich.“, meinte ich und Derk fügte hinzu: „Nach dem heutigen Datum.“ Alle nickten. Ich schaute auf die Uhr. 11.47. Nach der Mittagspause? Ich schaute noch mal auf das Bild und wurde Zeuge, wie die Schrift verschwamm und das Bild grau wurde. Einige von uns sprangen entsetzt auf, auch ich. Wir starrten das Foto einfach nur an. Was … was passierte? Was WAR passiert? Warum war es … wie war es?! Ich schaute meine Kollegen an. Jeder einzelne schien sich die gleichen Fragen zu stellen, aber keiner von ihnen wusste eine Antwort. Peter war es, bei dem als erster der Groschen fiel. Er sah uns geschockt an. „Arec!“, schrie er, sprang auf und rannte zum Labor. Nach und nach sprinteten wir ihm hinterher, obwohl wir keine richtige Ahnung hatten, worauf er gekommen war. Benny war der nächste, bei dem der Groschen fiel. Er erklärte es uns. Arec war mir dazwischen gekommen! Er hatte den Versuch gemacht, bei dem ich hätte verletzt – oder getötet - werden sollen! Deswegen konnte sich das Foto nicht erfüllen! Über die Logik dieser Theorie wollten wir uns erst später Gedanken machen. Denn wenn wir falsch lagen, hätten wir uns nur zum Affen gemacht. Lagen wir aber richtig, dann würde Arec sterben. Wir lagen richtig. Das Labor lag nur wenige Schritte von der Kantine entfernt und doch kam es uns vor, als würden wir nicht vorwärts kommen. Peter hatte so viel Gas gegeben, dass er fast an der Tür vorbei gelaufen wäre. Er schlitterte einige Meter weiter, drehte wieder um und streckte seine Hand nach dem Türgriff aus. Gerade, als er sie berührte, flog ihm die gesamte Türe entgegen. Er schrie auf vor Schmerz und hielt sich seine Hand. Wir anderen blieben wie angewurzelt stehen. Rauch quoll aus dem Labor. Nach und nach drängten sich alle an mir vorbei, holten Feuerlöscher und versuchten zu retten, was noch zu retten war. Ich konnte mich einfach nicht bewegen. Arec war tot. Ich wusste es, noch bevor sie ihn herausgeholt hatten: Er würde diesen Tag nicht überleben. Auch, wenn er noch lebte, als er das Labor verließ, waren seine Verletzungen doch so schlimm, dass er noch vor Ende des Tages in Schmerzen dahinraffte. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte. Und ich konnte einfach nicht begreifen, dass es meine Schuld war, dass Arec starb. Er starb an meiner Statt. Ich habe sein Leben geopfert, um selbst leben zu können. Unabsichtlich, natürlich, aber das ändert nichts an dem Ausgang. Ja, es war meine Schuld. Denn es war meine Entscheidung gewesen, ihn so ruppig meine Arbeit aufzudrücken. Es war hart gewesen und es tat mir unaussprechlich leid. Es war meine Entscheidung … nicht ihre. Sie ist nicht schuld.
11.9.08 18:31


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Cathy Marshall

Hast du das heute in der Zeitung gelesen? Ein Motorradfahrer und seine Beifahrerin sind tödlich verunglückt. Gar nicht weit von hier. Dort fahre ich immer mit dem Fahrrad entlang. Normalerweise wäre ich auch etwa um die gleiche Uhrzeit dort gewesen, wie der Unfall passiert ist. Woher ich das weiß, wo doch keine Zeitangabe in der Zeitung steht? Wenn du möchtest, kann ich es dir erzählen, aber dann musst du mich schon begleiten, ich möchte den Unfallort besuchen. Magst du mitkommen?

 

Ah, freut mich, dass du mitkommst. Moment, ich zieh mir nur eben eine Jacke über. Es ist doch recht kühl draußen. Aber das war nicht der Grund, warum ich gestern nicht dort war. Nein, der Grund findet sich vor einigen Wochen. Und dieser Grund hat braune Haare und grüne Augen. Oh, und der Grund ist weiblich. Viel mehr weiß ich über sie auch nicht. Sie war einfach plötzlich in meinem Leben und war genau so schnell wieder draußen. Ich fuhr an dem Tag auch mit dem Fahrrad und war auch in der Nähe des Unfallortes, also dort, wo wir grad hingehen. Sieh mal! Ein Eichhörnchen! Ist das nicht süß? Oh, entschuldige. Wo war ich? Ach ja. Als ich sie traf … Ich hatte meinen mp3-Player mit und hörte eigentlich kaum was. Aber ich sah sie. Ich fuhr an ihr vorbei. Einfach so, ohne sie besonders zu beachten. Aber ich weiß trotzdem, dass ich an ihr vorbei fuhr (denke ich)! Aber sie war nicht wichtig und ich hörte nicht, dass sie meinen Namen gerufen hatte. Also ignorierte ich sie. Bis sie vor mir stand und den Weg blockierte. Ja! Vor mir! Ich habe keine Ahnung, wie sie das geschafft hat. Sie hatte mich aber nicht überholt! Jedenfalls war sie plötzlich einfach da und hielt mir ihre Hand entgegen, um mich zu stoppen. Natürlich musste ich sie entweder umfahren oder vor ihr anhalten. Also hielt ich an, nahm mir die Kopfhörer aus den Ohren und starrte sie an. „Was soll das? Könntest du bitte aus dem Weg gehen? Ich muss zum Sport!“ Ich habe donnerstags immer Sport. Sie rührte sich nicht sondern schaute mich nur an. „Ich möchte dir was geben.“ „Mir? Geben? Was den? Warum?“ Zugegebenermaßen war ich neugierig und auch ein wenig geschmeichelt. Bis sie mir dann das Foto in die Hand drückte. Hier, das war das Foto, das sie mir geg … äh … Moment. Wo ist es denn? Hm … es müsste wirklich dieses hier sein, aber hier ist ja gar nichts drauf! Siehst du das? Ein blindes Foto. Aber ich hätte schwören können, dass es das ist. ….. hältst du mich jetzt für verrückt? Ja, vermutlich! Ich meine, da erzähle ich von einem Mädchen, das Fotos verteilt und von einem Unfall, der mich auch fast erwischt hätte, und der einzige Beweis, den ich habe, stellt sich als nutzlos heraus. Und das merkwürdigste hast du ja noch nicht einmal gehört! Auf diesem Foto war nämlich der Unfall abgebildet! Nicht ein Unfall, nein, wirklich DER Unfall. Ich bin mir ganz sicher. Sie hat es mir nämlich auch gesagt, na ja, eher nur angedeutet. Sie sagte - sinngemäß - ich sollte hin und wieder mal Sport schwänzen, das wäre gesünder für mich. Natürlich habe ich sie nicht ernst genommen. Dass ich nicht in den Unfall verwickelt wurde, hatte einen eher anderen Auslöser: Ich hatte sozusagen verschlafen. In der Nacht hatte ich schlecht geträumt - zugegebenermaßen von ihr. Nachmittags dann, nach der Schule, war ich total müde und wollte mich nur ein paar Minuten hinlegen und ausruhen. Ich schlief ein. Als meine Mutter mich weckte, war es bereits zu spät für Sport. Nun, ich hätte es zwar noch geschafft, aber irgendwie war mir nicht danach. Ich erzählte meiner Mutter, dass ich nicht zum Sport könnte. Irgendeine fadenscheinige Ausrede, aber ich blieb eben doch zu Hause. Und schlief einfach weiter.

 

Heute früh, beim Frühstück, las meine Mutter Zeitung und meinte, dass ich mir mal diesen einen Artikel ansehen solle. „Sieh mal, Spätzchen, die waren in etwa in deinem Alter.“ - sie waren in Etwa neun Jahre älter als ich - „Bitte, versprich mir, dass du immer gut auf dich aufpasst!“ Desinteressiert linste ich ihr über die Schulter in die Zeitung. Die Schlagzeile lautete „Jugendliche bei Motorradunfall ums Leben gekommen“.  Das Blut gefror mir in dem Augenblick. Das Foto, das die Presse vom Unfall gemacht hatte, sah dem von dem Mädchen so unbeschreiblich ähnlich! Musste es ja auch, es handelte sich schließlich um den gleichen Unfall. Da bin ich mir sicher! Was dann geschah, weißt du ja in etwa. Ich traf dich und wir beide sind nun auf dem Weg zu dem Unfallort. Dort! Wir sind fast da. Moment! Wa … siehst du das Mädchen dort? Das … das ist sie! Das ist das Mädchen, von dem ich dir erzählt habe! Das, das mit das Foto gegeben hat. Warte hier auf mich! Ich MUSS mit ihr sprechen! Ich muss sie fragen, woher sie das gewusst hat! Hey! Mädchen! Warte mal! Was machst du hier? Wer bist du? Woher wusstest du von dem Unfall?! Was ist mit dem Foto los?

 

Sieh dir an, wie sie uns anblickt! Diese leuchtenden Augen, die direkt durch uns durch zu sehen scheinen, tief in uns hinein. Und wie sie lächelt. Unbeschreiblich! „So viele Fragen. Sei unbesorgt, Cathy, ich will versuchen, sie dir zu beantworten. Aber zuerst lass dich anschauen. Es freut mich, dass dir nichts geschehen ist!“ Sie schaut an den Baum, an dem die beiden Holzkreuze der Jugendlichen stehen. „Es wäre schön gewesen, wenn ich das auch hätte von Sabine und Mathew sagen können … tragisch“ Sabine? Mathew? So hießen doch die Jugendlichen, die gestern umgekommen waren?! Was … weiß sie? Was weißt du? „Eins nach dem anderen. Fangen wir bei deiner ersten, zugegebener Maßen recht einfachen, Frage an. Warum bin ich hier? Nun, ich bin hier um Sabine und Mathew zu gedenken. Die anderen Beiden Fragen sind etwas schwieriger zu beantworten. Wer ich bin … nun, das ich sehr komplex und ich habe es in all den Jahren nicht geschafft, eine vernünftige Antwort darauf zu finden, die euch Menschen zufrieden stellen könnte. Auch woher ich von dem Unfall wusste … nun einfach ausgedrückt wäre die Antwort, dass es mein … `Beruf´ ist. Und das Foto …“ Sie streckt ihre Hand aus und nimmt das Foto. Es ist immer noch leer. „Das Foto hat seinen Dienst getan. Nun liegt es an dir. Möchtest du es behalten oder soll ich es wieder zurück zu mir nehmen?“ Ich zucke mit den Schultern. Das Foto ist blind. Es ist nutzlos. Also kann ich damit nichts mehr anfangen. Sie lächelt. Und sagt, dass das so nicht ganz stimmt. Und doch steckt sie es in ihre kleine, braune Tasche. Warum … schaut sie dich nun an?! Dieser Blick. Den kenne ich. Den hatte sie auch, als ich ihr das erste Mal begegnete. Wa … sie greift wieder in ihre Tasche und holt erneut ein Foto heraus. Was will sie … da! Sieh doch! Sie hält es dir hin! Was ist? Nimmst du es an?
22.9.08 01:10





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