Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   Mein Blog
   Das Spruch-Archiv

Webnews



http://myblog.de/todesbotin

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Keith Blue

Ich strecke meine Hand nach ihr aus. „Mama?“ Sie bemerkt mich nicht. Sie sitzt nur da und weint. Ihre Tränen verwischen die Schrift in meinem Tagebuch. Normalerweise wäre ich wütend geworden, dass sie mein Tagebuch liest, aber was sollte in so einer Situation noch normal sein? So würde sie wenigstens ein wenig von dem Erfahren, was mir geschehen war. Ich hätte es ihr so gerne alles erzählt. Meine Hand greift ins Leere, greift durch Mama hindurch. Sie bemerkt nichts und blättert auf die nächste Seite. „Mama! Bitte! Wein doch nicht.“ Aber es hilft nichts. Sie kann mich nicht hören und weint einfach weiter. „Ich bin doch hier! Merkst du es nicht? Lass mich dich trösten. Mama! Mama, bitte! Sieh mich an!“ Aber sie liest weiter. Ich weiß, was sie liest. Letzten Monat ist viel passiert. Und sie hat angefangen mit dem Tag, an dem ich das Mädchen getroffen hatte. Als sie es las, fing sie schrecklich an zu weinen und brüllte, warum ich ihr nichts erzählt hätte. Sie hätte mir doch helfen können. Aber was hätte es gebracht? Es war ja nicht so, dass sie es verstanden hätte, verstanden, wie dieses Mädchen mein Leben verändert hatte. Dabei schien sie so harmlos und nett. Niemand wird es je verstehen. Außer vielleicht jemand, der sie auch kennt.

 

Ich traf sie Anfang April. Deswegen nahm ich sie auch nicht richtig ernst. Ich werde von meinen Cousin und seinen Freunden regelmäßig in den April geschickt. Es ist eine Tradition, die er sich nicht nehmen ließ. Doch in diesem Jahr passierte in den ersten Tagen nichts. Aber ich machte nicht vor, dass er es vergessen hätte. So was vergisst er nicht. Deshalb hielt ich das Mädchen für seinen verspäteten Aprilscherz. Viel anderes konnte ich auch nicht glauben. Ich meine, was würdet ihr tun, wenn ein fremdes Mädchen auf euch zu kommt und dir ein Foto gibt, das dich zeigt, wie du überfahren wirst?  Eben. Das ist nicht ernst zu nehmen. Ich nahm das Foto trotzdem und lächelte sie an. Man wollte den geliebten Cousin ja auch nicht enttäuschen. Sie schien aber zu wissen, was in meinem Kopf vorging und verdrehte die Augen. „Ich warte noch auf die Zeit, in der man es ernst nimmt, ohne mich gleich als Hexe verbrennen zu wollen.“, meinte sie und drehte sich dann um und ging. Ich betrachtete das Foto und steckte es gedankenlos in meine Tasche. Das Foto zeigte, wie ich überfahren wurde. Ich erklärte es mir durch einen Trick, durch Fotomontage, und beachtete es nicht weiter. Ein Aprilscherz eben.

 

Nach etwa einer Woche dachte ich ein wenig anders darüber. Immer öfter erwischte ich mich dabei, an das Foto zurückzudenken … keiner hatte nach dem Foto gefragt. Keiner hatte mich in den April geschickt und sich zum Foto bekannt. Ich hasse Aprilscherze, besonders, wenn ich deren Opfer bin, aber irgendwie fehlte es mir trotzdem. Je weiter der Monat verstrich desto unheimlicher wurde das Bild. Ich vertraute dies auch meinem Tagebuch an. Ich wusste auch nicht, warum nur meinem Tagebuch und nicht meiner Mutter. Eigentlich erfährt meine Mutter von solchen Dingen sehr bald, aber ich hatte wohl einfach Angst, dass sie mich für etwas verrückt halten würde, wenn ich ihr sagen würde, dass ich das Foto für echt hielt. Oder es hätte es realer gemacht. So konnte ich es noch als eine Kleinigkeit, ein Hirngespinst, abtun.

Etwa in der zweiten Woche konnte ich den Gedanken, dass Mädchen und Foto echt gewesen waren, kaum noch verdrängen. Anstatt in der Schule aufzupassen schrieb ich teilweise ganze Blätter meines Blockes mir „Ist sie echt?“ voll. Doch eine Antwort bekam ich nicht darauf. Was hätte es mir auch gebracht, wenn ich gewusst hätte, ob dieses Foto echt war? Was hätte das bewiesen? Wie hätte es mir geholfen? Ich hätte immer noch nicht gewusst, was ich davon hätte halten sollen. Es ergab einfach keinen Sinn.

 

Erst kurz danach erfuhr ich auf eine harte Art, was dieses Foto bedeutete. Oder war es Zufall? Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sicher sagen. Jedenfalls war ich in der Stadt, weil ich mir noch unbedingt eine Schullektüre holen musste. Und wenn ich schon mal dort war, wollte ich auch nach einem ganz bestimmten Oberteil schauen … ein roter Nackholder mit schwarzen Rüschen. Im Buchladen begegnete mir zufällig diese neue Klassenkameradin … Janine heißt sie, glaube ich. Sie hatte keinerlei Kontakt zu auch ur irgendjemanden in der Klasse. Als sie mich dann im Buchladen sah, kam sie auf mich zu und fragte mich, ob ich auch die Lektüre kaufen würde. Wir unterhielten uns ein wenig und sie fragte mich dann, ob ich ihr ein wenig die Stadt zeigen könnte. Zugegebenermaßen hatte ich keine große Lust dazu. Trotzdem willigte ich ein, ihr zumindest die Boutique zu zeigen, in der ich mir das Oberteil kaufen wollte. Sollte sie selbst sehen, was sie daraus machen wollte.

 

Die meiste Zeit des drei-Minuten-Weges schwiegen wir uns an. Und die Gespräche, die wie führten, waren nur sehr schleppend. Selbst Janine musste es dämmern, dass ich wohl die falsche Wahl gewesen war. Wir hatten uns einfach nichts zu sagen. Der Weg zu der Boutique führte über die Straße. Als ich beim Zebrastreifen ankam, als wir beim Zebrastreifen ankamen … ich weiß nicht, wie es passieren konnte! Ich war mir sicher, ich hätte die Straße angeschaut, oder hatte ich mich umgeschaut? Und es war leer gewesen. Also ging ich über den Zebrastreifen, doch ich kam nicht weit. Dieses Auto! Es kam einfach auf mich zu. Ich hatte es vorher einfach nicht gesehen. Ich bin auch sicher, dass es vorher nicht da gewesen war! Bis es mich fast überfuhr. Ich stand einfach da und starrte auf dieses Auto. Ich wusste, was ich hätte tun müssen, dass ich hätte ausweichen müssen, aber ich konnte mich einfach nicht bewegen! Es war, als wäre ich gelähmt. Könnte das Foto … ich kann es nicht erklären, weder mir selbst, noch irgendjemandem anderen, aber in dem Moment war ich mir sicher, dass das Foto, das mir dieses Mädchen gegeben hatte, genau diese Situation gezeigt hatte. Meinen Tod! Aber wie konnte das sein? Alles ging so zäh und langsam. Ich war wie in Trance. Ich konnte nur dastehen und warten, bis dieses Auto in mich hinein fahren würde. Ich war geliefert!

 

Hände packten mich auf meine Schultern und zogen mich so ruckartig zurück, dass ich unsanft auf dem Bürgersteig landete. Ich sah, wie das Auto an mir vorbei fuhr. Das löste meine Lähmung und sofort schoss der Schmerz durch mich. Ich sah zu Janina, die mich entsetzt anschaute. Hatte sie mich zurückgerissen? Ich schaute mich um. Sonst war niemand in der Nähe. Sie musste mich zurückgerissen haben. „Danke!“, sagte ich. Sie starrte mich nur leichenblass und verständnislos an. „Geht … es dir gut?“, fragte sie, anstatt auf mein Danke einzugehen. Ich schüttelte den Kopf und nickte gleichzeitig. „Alles tut mir weh … aber ich lebe noch.“ Unter Schmerzen stand ich auf. Es würde keine Stunde dauern, bis auf meinem Hintern ein blauer Fleck von dem Durchmesser eines Tennisballes erschien. Ich schaute über die Straße. Irgendwie hatte ich keine große Lust mehr, nach dem Oberteil zu schauen. Ich nickte Janine zu. „Ich denke, ich gehe lieber nach Hause. Ich hoffe, du bist mir nicht böse deswegen.“ Sie schüttelte den Kopf. So langsam kam ihre Gesichtsfarbe zurück.

Als ich wieder zu Hause war, suchte ich das Foto und schrieb alles in mein Tagebuch. Janine hatte mir mein Leben gerettet! Das Foto jedoch war grau. Dabei musste es genau das Foto gewesen sein. Ich hatte es mit Fotoecken in mein Tagebuch geklebt. Aber es war grau. Wie konnte das sein? Aber passte das nicht irgendwie, auf eine bizarre Art und Weise, dazu? Das Foto konnte, wie ich mir es erklärte, die Zukunft zeigen. Warum sollte es dann nicht auch einfach verschwinden können? Es ergab zwar absolut keinen Sinn, aber vielleicht war gerade das der Sinn … das man es sich nicht erklären konnte.

 

Es vergingen drei Tage. Ich hatte mein Tagebuch nicht mehr angerührt, denn die Tage gingen normal und langweilig vorüber und ich bin nicht so der Fan von „Liebes Tagebuch, heute ist nichts passiert“ und so. Also schrieb ich nichts hinein. Und das mit dem Foto hatte sich für mich erledigt. Es war ja grau und nutzlos. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es plötzlich wieder ein Bild haben könnte. Trotzdem hatte ich in meinem Kopf ein reines Chaos. Ich musste meine Gedanken ordnen. Und das gelingt mir immer am besten, wenn ich Jogge. Also machte ich mich auf den Weg. Ich nahm die Strecke durch den Wald. Eine wundervoll abgelegene Strecke. Er hatte genau die Ruhe und den Frieden, den ich brauchte, um meine Gedanken ein wenig zu ordnen. Nur selten liefen einem andere Leute über den Weg. Er war so herrlich abgelegen. Leider.

Ich joggte in der Nähe des Steinbruches, ein Tal, in das man nur schwer hinaus kommt. Aber es ist unglaublich schön. Überall die abgebrochenen Steine und die überwuchernden Pfalzen. Ein schönes Bild. Ich nahm mir vor, dieses Bild richtig zu genießen, wenn ich wieder zurück kam. Also machte ich dort eine kleine Pause, als ich wieder zurück kam und betrachtete den Steinbruch. Es gab immer so viel zu entdecken. Ich beugte mich ein wenig über den Rand. Ich dachte, ich hätte ein Kaninchen gesehen und wollte es ein wenig beobachten. Der Steinbruch war tief. Oh, es war so klar, dass es passieren würde! Der Stein gab unter mir nach und bröckelte. Ich verlor mein Gleichgewicht und taumelte einen Augenblick im Freien. Dann fiel ich und kam hart auf dem nächsten brocken auf. Ein scharfer Schmerz durchzog mein Bein. Ich fiel weiter und schlug mit meinem Kopf auf einen kleineren Felsen. Alles wurde schwarz.

 

Ich hörte ein Rauschen und öffnete die Augen. Die Baumkronen wiegten sich im Wind. Darüber der dunkle Himmel. Dunkel ... nachtschwarz. Wie lang hatte ich da gelegen? Mein Schädel brummte vor Schmerzen. Als ich versuchte, mich aufzurichten, begann sich alles zu drehen und mein Bein fühlte sich an wie Feuer. Ich schaute an mir hinab. Und was ich sah schlug mir sehr auf den Magen. Meine Hände waren noch in Ordnung. Sie hatten überall Schrammen, teilweise auch recht tiefe Fleischwunden, und sahen sehr ramponiert aus, mein rechter Daumen tat weh, vermutlich erstaucht, aber ansonsten ging es meinen Händen verhältnismäßig gut. Trotzdem wurde mir von dem Anblick schlecht! Bei meinen Beinen sah es da schon wieder anders aus. Rechts zwiebelte ein wenig, die Hose war zerrissen, und wie bei den Armen zierten mehr oder weniger tiefe Wunden das Fleisch. Mein linkes Bein jedoch war in einem Winkel abgeknickt, der eindeutig nicht normal war. Der Anblick war zu viel! Ich beugte mich zur Seite und übergab mich. Unter Schmerzen! Mein Arm knickte unter der plötzlichen Bewegung weg und ich kam hart auf dem Boden auf. Nun tat mir auch noch mein Rücken weh! Ich fing an zu weinen. Aber selbst das tat weh. Dann lag ich einfach nur eine Weile da und starrte in den sternenlosen Himmel hinauf. Ein beißender Geruch stieg mir in die Nase. Ich schaute neben mich. Na toll! Meine Kotze fing an zu stinken! Ich richtete mich wieder ein bisschen auf und schaute mich ein wenig um. Egal, wo hin, aber weg von diesem Haufen! Aber es war zu dunkel, als das ich wirklich hätte etwas erkennen können. Ich versuchte, irgendwie weiter von meiner … meinen Speiseresten wegzurobben, rückwärts. Es war unbeschreiblich schmerzhaft. Ich schrie auf vor Schmerzen! Aber ich schaffte es so weit, dass ich etwas wie Unterschlupf unter einem der Felsen finden konnte. So ziemlich rechtzeitig, den bald erschütterte ein gewaltiges Grollen den Himmel. Ich fluchte. Ein Gewitter war so ziemlich das letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte! Und doch war genau dies im Anzug. Als nächstes folgte ein Blitz. Ich erschreckte, wie nah er war! Das daraus resultierende Zucken wiederum erinnerte jeden Knochen in mir daran, dass er weh tun musste! Ich schrie auf vor Schmerz. Ich brüllte mit dem Donner um die Wette. Bis ich kleinere, kurze Schlafphasen fiel, die durch jähe Schmerzen, die auf meine unbewussten Bewegungen folgten, jäh unterbrochen wurden. Es war die schrecklichste Nacht meines Lebens!

 

Dieses Mal waren es Vögel, die mich weckten. Und Sonnenlicht. Es war so angenehm. So natürlich. Und so friedlich. Bis ich versuchte mich zu strecken! Wieder schrie ich auf und all die Erinnerungen an die vorhergegangene Nacht waren wieder da. Ich hatte Hunger! Ich hatte Durst! Ich blutete und jeder Knochen im Leib tat mir weh! Außerdem war ich teilweise richtig durchnässt, da der `Unterschlupf´ nur einen Teil von mir verdeckte. Ich nieste. Es war bei Gott der schmerzhafteste Nieser in meinem Leben! Stöhnend lehnte ich mich zurück. Und jetzt?, dachte ich. Ich schaute mich wieder um, so weit ich es von meiner kleinen Höhle aus konnte. Vielleicht einfach warten, bis jemand kam? Entweder das Beste oder das Bescheuertste, was ich machen konnte. Ich wollte nur einfach nicht entscheiden, was von beiden es war. Aber mir tat alles so weh! Allein das ich in der vorherigen Nacht ein paar Zentimeter gerobbt war, war die reinste Tortur gewesen. Das wollte ich mir nicht noch mal antun. Also entschloss ich mich, zu warten. Auszuruhen. Meine Kräfte etwas zu sammeln.

Aber sie wurden immer weniger, anstatt mehr. Je länger ich wartete, desto heftiger wurden meine Schmerzen und desto weniger Kraft hatte ich.

 

Hunger! Ich hatte solchen Hunger … und solchen Durst! Ich hatte keine Ahnung mehr, wie lange ich bereits hier saß. Die Zeit verging und ich hatte schlicht und ergreifend jegliches Zeitgefühl verloren. Ich vertiefte mich immer mehr in mein Leiden und meinen Schmerz. Es tat so weh! Es gab keinen Moment, in dem mein Bein mich nicht durch pochenden Schmerz daran erinnerte, dass ich absolut nichts tun konnte. Und dieser Durst! Meine Lippen waren so trocken. Ich hatte das Gefühl, ich würde halluzinieren. Nein! Halt! Das war keine Halluzination! Da war wirklich ein Mensch. Ich versuchte ihn zu rufen, ihm zu winken, mich irgendwie bemerkbar zu machen, aber es gelang mir nicht. Ich hatte einfach keine Kraft mehr dafür. Und doch schien er mich zu bemerken. Ich schloss für einen Augenblick die Augen und als ich sie wieder öffnete hockte er direkt vor mir. War ich eingeschlafen? Ich war so erschöpft, vielleicht war ich wirklich eingeschlafen. Ich hatte nicht mitbekommen, dass er … näher gekommen war. Ich schaute ein wenig zu ihm auf. Er lächelte aufmunternd. „Hallo, Keith.“, sagte er. Ich hatte keine Lust, mich darüber zu wundern, woher er meinen Namen kannte. Dafür war ich einfach nicht mehr stark genug. Ich betrachtete ihn. Seine schwarzbraunen Haare hingen ihm zottelig über die Stirn und seine Augen glühten mir in einem tiefen braun entgegen. Seine Kleider waren mindestens aus dem letzten Jahrtausend und irgendetwas an ihm, irgendetwas, machte ihn unbeschreiblich. Ich versuchte ihn zu fragen, wer er sei, aber meine Stimme setzte aus. Meine Kehle war zu trocken, als das ich hätte sprechen können. Er jedoch nickte, als wüsste er, was ich ihn fragen wollte. „Ich bin der Todesengel.“, sagte er. Ich schüttelte ein wenig den Kopf und drückte mich unter Schmerzen näher an die Steinwand. Es fiel mir so schwer. Es tat so weh! Ich beobachtete jede Bewegung von ihm. Er war gefährlich! Er legte seine Hand auf meinen Oberkörper. Ich versuchte sie abzuschütteln, aber ich war einfach nicht stark genug! Dann lehnte er sich über mich und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir auf und ich spürte, wie es mich langsam von meinem Körper trennte. Ich versuchte mich zu wehren. Es war zu früh! Aber ich hatte keine Kraft mehr und konnte es einfach nicht. Doch je mehr ich meinen Körper verließ, desto stärker wurde ich wieder. Die Schmerzen entfernten sich immer mehr. Und der Hunger. Und der Durst. Ich gewann immer mehr an Kraft. Und dann stand ich über meinen Körper. Tot. Ich war tot. Wütend funkelte ich diesen Todesengel an, der mir seine Hand reichte. „Ich gehe nicht mit dir mit!“, brüllte ich ihn an. „Ich bleibe hier! Ich will zu meiner Mama!!“

 

Es dauerte keinen Augenblick, nachdem ich es ausgesprochen hatte und ich stand vor meiner Mama. Tränen rannen ihr über die Wangen, wie auch mir, aber während meine Tränen sich verloren tropften ihre auf mein Tagebuch. Mein erster Impuls war, sie anzubrüllen, dass sie mein Tagebuch las, aber es war gut so. Ich hätte ihr so vieles nicht erzählt, sie sollte es erfahren, wenigstens jetzt. Trotzdem flehte ich sie an, mich anzusehen, mich zu bemerken. Ich wollte ihr sagen, wie sehr ich sie liebe! Wie sehr ich sie vermisse! Ich wollte ihr Lebewohl sagen! Mama! Mama! Leb wohl! Bitte! Sag etwas! Sieh mich an! Doch sie reagiert nicht. Ich strecke mein Hand nach ihr aus und versuche sie zu berühren. Aber es gelingt mir nicht, ich gehe einfach durch sie durch. Eine kalte Hand legt sich schwer auf meine Schulter. Erschreckt sehe ich mich um. Der Todesengel steht hinter mir und schaut mich ernst an. „Es ist an der Zeit, Keith.“ Ich schüttle meinen Kopf. Ich will nicht gehen. „Siehst du das nicht? Sie ist meine Mutter! Ich will ihr doch nur sagen, wie sehr ich sie liebe! Kannst du das gar nicht verstehen?!“ „Natürlich kann ich das verstehen, aber ich kann es nicht ändern. Du kannst nicht mit ihr reden, das geht nicht.“, antwortet er ernst. „Es ist zu spät für dich, du bist tot!“ „Ich weiß, dass ich tot bin, aber es ist meine Mutter!“, brülle ich ihn an. Tränen laufen über mein Gesicht. Er schüttelt den Kopf. „Wenn du noch länger hier bleibst, dann wirst du eine verlorene Seele. Ein Geist, verdammt für immer auf Erden zu wandeln. Willst du das?“ „Es ist MEINE MUTTER! Ich will ich doch nur Lebewohl sagen! Kannst du das denn nicht verstehen?“ Er seufzt und schaut zu Seite. Er betrachtet meine Mutter ganz genau, wie sie schluchzend da sitzt. „Meinst du, es würde ihr danach besser gehen, wenn du ich Lebewohl gesagt hast? Meinst du nicht, dass sie das noch mehr schmerzen würde?“ „Es WÜRDE ihr helfen.“, fache ich. Er schaut mich ganz genau an. „Danach kommst du mit mir?“ Ich nicke eifrig. Danach! Sofort! Aber zuerst will ich meiner Mutter sagen, wie sehr ich sie liebe! Er greift in seine Tasche und holt einen Stift heraus. Mit dem Worten „Ich hoffe, du weißt, dass ich dich auch ohne deine Einwilligung mitnehmen könnte“ reicht er ihn mir und zeigt auf mein Tagebuch. Mama hat die letzte Seite erreicht und weint bitterlich. Ihre Hand umklammert das Foto. Sie lässt es nicht los, zerdrückt es, aber schaut es nicht an. „Wo bist du?!“, schreit sie, aber ich kann ihr nicht antworten. Ich beuge mich über ihre Schulter und schreibe unter meinen letzten Tagebucheintrag ein paar Worte. „Ich liebe dich, Mama, Lebe wohl. Deine Keith“ Dann nehme ich sie in den Arm und drücke sie ganz fest. Ich habe sie so lieb! Der Todesengel reicht mir die Hand. Ich schaue ihn einen Augenblick lang an. Dann nicke ich, nehme seine Hand und verschwinde mit ihm aus der Wirklichkeit. Jetzt bin ich wirklich tot. Lebe wohl, Mama.

11.10.08 14:40


Werbung


Riana Azure

Meine Güte! Also, dieser Tag heute ist wirklich mehr als ungewöhnlich. Und das Problem ist, dass ich niemanden für Verrückt erklären kann … oder jeden, so genau weiß ich das noch nicht. Dabei fing doch heute alles so normal an! Ich stand auf, duschte kalt, frühstückte, packte meine Sachen und machte mich auf den Weg zu Cathy. Ich gehe immer morgens zu Cathy. Nun ja, zu mindest während der Schulzeit. Sie ist keine besonders enge Freundin von mir oder so etwas in der Art, aber seit ich denken kann gehen wir beide zusammen zur Schule. Sie wohnt nämlich direkt auf meinem Weg dort hin und es ist immer furchtbar langweilig, wenn man alleine gehen muss. Oft hat mich auch ihr Vater im Auto mit genommen, zum Beispiel ein Mal, als es ganz heftig gewittert hat. Das ganze Auto wurde durch einen der Donner durch gerüttelt. Aber das tut nichts zur Sache. Jedenfalls ging ich ganz normal zu Cathy. Ich dachte, sie sei noch beim Frühstück, wie meistens, wenn ich bei ihr ankomme. Dann setze ich mich immer noch ein wenig dazu und beobachte ihre Familie. Eine intakte Familie. Etwas Wundervolles. All diese Belanglosigkeiten, die sie austauschen. „Schatz, vergiss die Jacke nicht.“ „Mach in der Schule nicht wieder Dummheiten, Benni“ und all diese Sachen. Ich habe so etwas nicht. Eine intakte Familie. Ich habe keinen Vater und keinen kleinen Bruder. Ich habe auch keinen süßen, anhänglichen Hund. Ich bin nur ganz allein mit meiner Mutter und meiner kleinen Katze, die das Einzelgängerdasein sehr ernst nimmt. Für mich ist es immer, wie ein bittersüßes Theaterstück, wenn ich den Marshalls zusehe. Ich halt mich raus und lasse mir vorspielen, wie es sein müsste. Außerdem ist es auch ein Teil einer Erinnerung, warum ich immer wieder zu ihnen gehe. Denn es war mein Vater, der es vorgeschlagen hat, zu ihnen zu gehen, bevor er … na ja … jedenfalls war es heute anders. Cathy stand schon fast in der Türe, als ich ankam und zerrte mich beinahe ins Haus. Noch während ich rein kam fragte sie schon „Hast du das heute in der Zeitung gelesen?“ Ich war völlig verwirrt. Ich meine, ich lese ja noch nicht einmal regelmäßig Zeitung und was sollte das überhaupt in dieser Frühe? Warum fragte sie so was? Aber sie redete unbeirrt weiter auf mich ein. „Jugendliche bei Motorradunfall ums Leben gekommen“, wiederholte sie die Schlagzeile. Es sei wohl besonders schlimm, da auch die Tochter des städtischen Bürgermeisters betroffen war. Oder wars die des Vizebürgermeisters? Keine Ahnung.  Jedenfalls hatte ich immer noch keine Ahnung, warum sie mich damit voll quatschte. Es sei gar nicht weit von uns passiert, sagte sie. Und dann sagte sie, dass sie dort immer mit dem Fahrrad vorbei führe, auch um diese Uhrzeit. Ich schaute mich desinteressiert nach Jojo, ihrem Hund um, der sofort aus Herrgott weiß aus was für einer Ecke gerannt kam und sich von mir strechen lies. „Vermutlich wunderst du dich, woher ich das so genau weiß, oder? Wo doch keine Zeitangabe im Artikel steht, stimmts?“ Das interessierte mich so ziemlich überhaupt nicht. Ich war mit Jojo beschäftigt. Und er genoss das! „Wenn du magst, kannst du ja mit kommen, ich wollt eh gerade zum Unfallort gehen.“ Hier schaltete ich mich ein. Ich sah von Jojo hinauf auf sein Frauchen und sagte: „Cathy, meine Liebe, wir müssen eh bald los zur Schule. Und das machen wir normal zusammen. Also ist die Frage, ob ich mit komme recht überflüssig. Und davon abhalten mir alles zu erzählen, kann ich dich vermutlich eh nicht.“ Dann wendete ich mich wieder Jojo zu. Bis sie sagte: „Ich hätte auch dort sterben sollen.“

 

Dieser Satz von Cathy hing eine ganze Weile in der Luft. Die ganze Küche schien in ihrer Bewegung eingefroren zu sein. Auch ich. Ich stellte mich wieder hin und legte Cathy meine Hand auf die Schulter. „Cathrine Marshall“, begann ich mit ernstem Gesicht. „Man kann nicht wissen, wann man sterben soll, also woher willst du das sagen können? Nur, weil du zufällig um in etwa die gleiche Zeit in der Gegend hättest sein können, eventuell?“ Aber Cathy schien sich nicht beirren zu lassen. Sie wiederholte felsenfest, dass sie dort hätte sterben sollen. Und dann meinte sie mit verschwörerischer Miene, dass sie mir Genaueres erzählen würde, wenn ich mitkommen würde. Also zuckte ich mit den Schultern und wir gingen los.

 

„Es begann alles vor einigen Wochen“, begann Cathy ihre Erzählung, zog ihre Jacke über und nahm sich ihre Schulsachen. Erneut fragte ich mich, warum sie mich damit voll quatschte. Aber ungeirrt erzählte sie mir auf dem Weg, wie sie einem braunhaarigem Mädchen begegnet sei, das ihr ein Foto gegeben hatte, worauf Cathys Tod zu sehen war: Eben dieser Unfall. Und war sie da erzählte hatte weder Hand noch Fuß noch Sinn oder Verbindung. Sie redete vollkommen wirr. Sie erzählte davon, wie sie das Mädchen mit dem Fahrrad überholt hatte und sie doch plötzlich vor ihr stand. Dann wollte sie mir das Foto zeigen, das sie bekommen hatte und hielt mir aber nur ein weißes Stück Papier hin. Und obwohl sie gerade lang und breit berichtet hatte, dass dieses Mädchen der Grund dafür gewesen war, dass sie nicht zum Sport gegangen war, auf dem Weg dort hin wäre nämlich der Unfall passiert, sagte sie im nächsten Satz, dass der Grund gewesen sei, dass sie verschlafen hätte und das Mädchen hatte sie nie ernst genommen. Hrmpf! Wie soll man so jemanden ernst nehmen?! Mir jedenfalls fiel das mehr als schwer und im Grunde genommen lief ich nur neben ihr her, hörte mit einem halben Ohr zu und verdrehte meine Augen über diese Ammenmärchen. Warum überhaupt war sie sich so sicher, dass es sich um den gleichen Unfall handelte, wie sollte das gehen? Da hätte ihr das Mädchen ja ein Foto aus der Zukunft geben müssen! So etwas ist unmöglich.

 

Und dann blieb sie plötzlich stehen und starrte nur in die Gegend. Wie ich es auch versuche, ich kann einfach nicht sehen, was ihr so auffüllt, und dann flüstert sie erst etwas, so leise, dass ich es nicht verstehe, und dann brüllt sie rum. „Das ist sie!“, brüllte sie. Dann schüttelte sie mich  am Arm und wiederholte, was sie gesagt hatte. „Das ist das Märchen, von dem ich dir erzählt hatte!“ Und dann rennt sie wie eine Irre auf das Mädchen zu. Armes Ding. Und wen ich meine, darf sich jeder selbst zusammenreimen …

 

Und damit kommen wir zum Höhepunkt des heutigen Tages: Sie schaut nämlich tatsächlich in unsere Richtung, lächelt und kommt auf uns zu. Mit jedem Schritt, den sie näher kommt, überfällt mich immer mehr ein beklemmendes Gefühl. Sie lächelt Cathy an. „Schön zu sehen, dass es dir gut geht.“, sagt sie und Cathy überschwemmt sie mit Fragen. Woher hatte, woher wusste, was sollte, wer ist … was auch immer. Es ist mir auch egal. Ich kann meinen Blick einfach nicht von diesen Augen wenden. Verändern sie sich? Ich meine, bewegen sie sich? Nein, nicht so, wir normale Augen, die nach rechts oder links schauen, mehr so … in sich. Wie ein eigenes, kleines Universum, das sich in sich dreht. Die Regenbogenhäute, meine ich, sie scheinen andauernd in Bewegung zu sein. Wie …? Jetzt lächeln die Augen! Ich habe noch niemals gesehen, dass jemand mit seinen Augen lächelt! Es ist, als würden diese merkwürdigen Augen eine eigene Geschichte erzählen … nein! Nein, das habe ich mir nur eingebildet! So etwas gibt es nicht! Und doch … „So viele Fragen. Sei unbesorgt, Cathy, ich will versuchen, sie dir zu beantworten. Aber zuerst lass dich anschauen. Es freut mich, dass dir nichts geschehen ist!“ diese Stimme! Sie geht schon irgendwie durch den gesamten Körper. Sie lacht. Warum kann ich nichts anderes machen, als sie anzustarren? Ich kann ihr nicht einmal richtig zuhören! Cathy gibt ihr das Foto zurück, sie reden noch ein wenig. Dann steckt sie es in eine kleine, braune Tasche, die ihr über der Schulter hängt. Mein Blick wandert ihren Händen nach und … mein Gott! Sind das viele Fotos! Warum sind da so viele Fotos drin? Ich kann meinen Blick nicht davon wenden. Ich spüre ihren Blick auf mir und ihre Hand, eine sehr zierliche Hand, nebenbei bemerkt, jedenfalls gleitet sie wieder zurück in die Tasche und holt das Foto wieder heraus. Halt, nein, es ist ein anderes Foto, denn es ist noch etwas darauf abgebildet. Ich versuche einen Blick zu erhaschen. Dann hält sie es mir hin. Ich schau sie an, versinke fast in ihren Augen, sie hält das Foto noch ein Stückchen näher zu mir. Auffordernd, schon fast. Ich bemerke auch Cathys Blick auf mir und schaue sie an. Sie lechzt beinahe danach, das Foto zu sehen und schaut mich auffordernd an. Ich nehme es tatsächlich zögerlich an und beinahe im nächsten Moment ist das fremde Mädchen verschwunden. Einfach weg. Und ich habe nur noch dieses merkwürdige Foto. Ich schau es mir genau an … es zeigt Wasser. Viel Wasser. Warum fotografiert sie Wasser?

 

„Ich glaub, du wirst ertrinken“, raunt mir Cathy zu. Cathy spricht, Mädchen weg. So langsam komme ich in die Wirklichkeit zurück. Und ja, das war definitiv das Merkwürdigste, was mir jemals passiert ist. „Ist das alles, was man sieht? Wasser? Mehr erkennt man nicht? Das ist ja billig.“ Ich lasse das Bild fallen und verpasse ihm einen dreckigen Schuhabdruck mit meinen Stiefeln. Billig! Cathy bückt sich und schaut kurz drauf, soweit ich es mitbekomme, wagt sie es aber nicht, es zu berühren, das Foto, meine ich. Dann steht sie auf und rennt mir hinterher. Als sie mich eingeholt hat, meint sie, dass sie glaubt, mich auf dem Foto hätte erkennen können. Ich schnaufe und gehe unbeeindruckt weiter. Ich habe nichts dergleichen gesehen und selbst wenn da etwas war, ist das nur ein Grund mehr, das Foto da liegen zu lassen, wo es ist: Weit weg von mir!

 

Irgendwie kamen wir doch in die Schule und genossen die Langeweile des Schüleralltags. Ja, es ist Ironie. Jedenfalls war die Schule dann irgendwann rum und das normale Leben hatte wieder Einzug gefunden. Bis auf eine Kleinigkeit: Am nächsten Morgen tauchte ich nicht bei Cathy auf. Als sie mich in der Schule danach fragte, schwieg ich. Ebenso die darauffolgenden Tage. Ich wollte sie weder sehen noch mit ihr sprechen. Denn ich konnte sie nicht mehr für verrückt erklären und hatte Angst vor dem, was sie über Foto und Mädchen sagen würde. Ich wollte es nicht zu mir durchdringen lassen.

 

Leider änderte es nichts daran, dass es auf eine abartige Art und Weise wohl doch real war. Denn vor Ablauf des Monats bewahrheitete sich die Sache, die das Foto gezeigt hatte. Ich habe viele Freunde. Nicht auf meiner Schule, zugegeben, aber dennoch eine ganze Clique. Ich bin gerne und viel mit ihnen zusammen. So auch an dem fraglichen Tag. Wir hatten uns wie so oft in dem Stadtnahen Wald getroffen. Das war unser Treffpunkt. Unter der großen Eiche bei dem Fluss. Also waren wir auch an dem Tag dort. Und natürlich hatte ich keine Angst. Zuana, meine älteste Freundin, war da. Und Alina, Markes und Lili. Na ja, und ich natürlich. Wir saßen unter der Eiche und faulenzten.

 

„Nein, im Ernst. Du hättest Markes sehen sollen!“, erzählt Lili. „Der ist schneller gerannt als ein Gepard. Er war echt irre schnell!“ Ich schnaube durch die Nase. Ich bin die Schnellste der Clique. Alina bemerkt meine Reaktion und kichert. „Du hast ewig nicht mehr trainiert, du faule Socke!“, sagt sie und stuppst mich an. „Meinst du ernsthaft, dass du dann immer noch schneller bist als Markes?“ Ich schaue sie wütend an. „Aber hundertprozentig!“ Alle lachen. Warum bitte lachen sie? Es ist mein Ernst. Ich bin die Schnellste von uns. Und dieser Hohlkopf Markes kann mir definitiv nicht das Wasser reichen. Lili  grinst: „Beweis es.“ Ich schüttel den Kopf. Was ich weiß, muss ich nicht beweisen. Sowas von schwachsinnig. Das habe ich nicht nötig. „Ich wette, Markes ist schneller!“, schaltet sich Zuana ein. Ich strafe sie mit einem bösen Blick. „Meinst du nicht, gerade du solltest auf meiner Seite sein?“, gifte ich, aber Zuana schüttelt überzeugt den Kopf. „Eine reine Tatsache. Du hast  wirklich ewig nicht mehr trainiert und er hat längere Beine als du und er ist ein Kerl. Kerle sind leider Gottes nun einmal kräftiger.“ „Aber nicht schneller!“, keife ich. Zuana nickt. „Nicht zwingend, stimmt.“, sagt sie dann. „Aber in diesem Fall bleibe ich dabei: Ich wette, er ist schneller als du!“ Die anderen kichern. Ich glühe vor Wut. „Meinet wegen. Dann nehme ich die bescheuerte Wette eben an! Aber du weißt, dass ich nur wette, wenn ich weiß, dass ich Recht habe!“ Lili kichert: „Dann solltest du hier wirklich aussetzen! Ich habe gesehen, wie schnell er ist!“ Ich schnaufe sie an und stehe auf. Dann weise ich Markes an, es mir gleich zu tun. Er verdreht die Augen. „Ri … wirklich. Muss das jetzt sein?“ „Angst?“, knurre ich ihn an und er rappelt sich demotiviert hoch. Na, bei der Einstellung habe ich ja gleich gewonnen! … wobei natürlich vollkommen außer Frage steht, dass ich das eh tun werde! Zuana schaut zu mir hoch. „Was möchtest du tun, wenn du verloren hast? Irgendwelche Wünsche?“ „Ich werde nicht verlieren!“, antworte ich. Zuana nickt. „Is klar. Aber WENN du doch verlieren solltest …“ „Ich werde nicht verlieren!“, wiederhole ich. Zuana verdreht die Augen. „Ok, also, dann geb ich vor. Du balancierst über den Baumstamm da, den überm Wasser, bis auf das andere Ufer …“ Ich zucke mit den Schultern. Keine große Sache. Ich bin gut im Balancieren. Leider ist Zuana noch nicht fertig: „… in Unterwäsche!“ In dem Augenblick schauen wir alle sehr fassungslos auf Zuana. Aber sie hatte es eindeutig ausgesprochen. Ich sollte in Unterwäsche über einen Baumstamm balancieren! „Bist du durchgeknallt?!“, fahre ich sie an, aber sie bleibt unbeeindruckt. Ich würde ja nicht verlieren. Ich knirsche mit den Zähnen. Dann nicke ich. „Aber Du hast die gleiche Auflage! Wenn ich das Rennen gewinne und du damit die Wette verlierst, dann balancierst du. Aber so was von in Unterwäsche!“ Zuana erbleicht ein kleines bissen. Dann grinst sie, nickt und wir versiegeln die Abmachung mit Händedruck. Dann stellen Markes und ich uns zum Rennen auf. Er grinst hämisch: „Egal, was passiert, ich gewinne.“ Ich mustere ihn geringschätzig. „Dann musst du ja nur entscheiden, wen du lieber in Unterwäsche sehen möchtest: Mich oder Zuana.“ Er grinst: „Dich natürlich!“ Dann brüllt Alina auch schon das Startsignal und ich komme mir vor, wie von seinen Worten gelähmt. Dann werde ich aber sauer und gebe extra Gas. Ich hole ein, ich hole auf, ich überhole. Ich bin schneller! Über die Hälfte der Strecke sind wir schon gelaufen. Er holt wieder auf, ich mobilisiere all meine Reserven. Er überholt mich und schlägt grinsend mit Lili ab, die die Ziellinie markiert hatte. Ich hatte verloren …

 

Knurrend ziehe ich Pulli, Hose und Schuhe aus. Ihr Glück, dass ich zu meinem Wort stehe. Egal, was passiert. Zuana grinst und hält ihre Hand hin. „Shirt auch. Und Strümpfe.“ Stinksauer folge ich ihren Anweisungen. „Du brauchst bloß nicht glauben, dass du einfach so davon kommst!“, drohe ich ihr. „Und du hör gefälligst auf zu Glotzen!“, keife ich Markes an. Er lacht. „Sei keine so schlechte Verliererin. Du siehst doch gut aus.“ Ich würde ihm am liebsten eine rein schlagen. Stattdessen begebe ich mich aber als eine gute Verliererin auf den Baumstamm. Er ist dick. Zwar hier und da ein wenig moosig, aber alles in allem echt keine große Sache. Nur das mit der Unterwäsche ist eben ein klein bisschen peinlich. Ich hole tief Luft. „Als würdest du einen Bikini tragen.“, murmle ich mir zu. Na ja … ein Spitzenbikini. Verdammt!

Trotzdem steige ich auf den Baumstamm und fange an, drüber zu gehen. Er ist länger, als er aussah. Aber trotzdem echt keine Herausforderung. Ich springe auf der anderen Seite wieder ab und drehe mich um. „Zufrieden?“, brülle ich hinüber und das nächste, was ich sehe ist, wie Zuana sich meine Klamotten schnappt und laut lachend davon läuft. „Was soll das?“, brülle ich, springe wieder auf den Baumstamm und renne mit Vollgas drüber. Auch, wenn Markes mit viel Glück ein kleines Bisschen schneller ist als ich, Zuana stecke ich noch im Schlaf in die Tasche! Und doch … ich bin mir meiner Sache zu sicher und setze einen Fuß falsch auf. Ich trete voll aufs Moos. Es ist feucht und glitschig. Bevor ich noch weiß, was geschieht, rutsche ich ab und treffe hart mit den Schultern auf den Baumstamm. Das Wasserbett ist an der Stelle nicht sonderlich tief, aber unglaublich mitreißend. Ich schlage heftig mit meinem Arsch auf das Kiesbett und werde gleich mitgezogen. Ein paar Meter weiter gewinnt der Fluss gehörig an Tiefe, aber er ist immer noch fast genau so mitreißend. Ich verliere den Boden unter meinen Füßen. Ich tauche mit dem Kopf unter Wasser und versuche mich wieder rauf zu paddeln. Ich habe keine Kontrolle mehr. Wo ist oben? Wo ist unten? Ich schlucke Wasser. Irgendwie muss ich an den Rand kommen. So schnell wie möglich. Denn da hinten … Rauschen dringt an mein Ohr. Verdammt! Ich versuche mich verzweifelt an den Rand zu bringen und schlage hart auf. Sofort greife ich zu und ziehe mich wieder über Wasser. Ein Stein? Er ist in etwa der Mitte des Flusses und ragt heraus. Soll das heißen, ich bin zur falschen Seite geschwommen? Mist! Ich nutze den Moment der Erholung um mich umzuschauen. Ich sehe, wie meine Clique am Ufer versucht aufzuholen. Markes mit Abstand vorne. Eine Tatsache, über die ich jetzt wirklich froh bin. In dieser Pause bemerke ich leider auch, wie kalt das Wasser ist. Es zerrt unerbittlich an mir. Lange kann ich mich nicht mehr halten.

 

„Ri! Ri! Bist du OK?“ Mein Gott, ich würde Markes für diese Frage am liebsten lynchen! Aber ich bekomme nicht einmal eine sarkastische Antwort heraus. Ich atme tief durch. Versuche die Kälte und die Schmerzen zu vergessen. Das Gute dabei ist, dass einige der Schmerzen nach gar nicht zu mir durchdringen konnten. Immer Optimismus bewahren. „Frag nicht so blöd, hol mich lieber hier raus!!!“, brülle ich Markes entgegen. Er ist endlich auf gleicher Höhe mit mir. Er schaut sich um. Kein Seil. Und auch rein springen wäre dämlich. Ich kann mir vorstellen, wie er gerade flucht. Dann rennt er weiter Flussabwärts und steigt ins Wasser. Ich traue meinen Augen nicht! Als die Mädchen aufholen, rennen sie bis zu ihm und er erklärt ihnen mit wenigen Worten, was zu tun ist. Zwei halten ihn so fest sie können und Lili, die zierlichste und schwächste von uns, die allerdings die lauteste Stimme hat, rennt zurück und brüllt mir ein paar Anweisungen zu: „Lass los!“ „Was? Bist du bescheuert?!“, kreische ich zurück. Sie schüttelt den Kopf und brüllt weiter: „Versuch so weit an den Rand zu kommen, dass die anderen dich einfangen können. Sobald Markes dich hat, ist alles gut!“ „Und wenn er mich nicht bekommt?“, schreie ich zurück. „Er WIRD dich bekommen!“, lautet die Antwort. Klasse. Hört sich ganz nach meinem `ich WERDE gewinnen´ von vorhin an … und wir wissen ja alle, was daraus geworden ist. „Solln wir lieber jemanden holen?“, brüllt Lili weiter. Ich atme tief durch. Mit jeder Sekunde in diesem verflixten Wasser verliere ich mehr Kräfte. Jetzt losrennen und Hilfe holen, würde zu lange dauern. Keine Zeit für Zweifel. Ich stoße mich ab. Ich werde durch meinen Schwung schon ein ganzes Stück in die Nähe des Ufers getrieben, aber auch sofort wieder unter Wasser gedrückt. Panisch versuche ich aufs Ufer zuzuschwimmen. BITTE lass es nicht wieder das falsche Ufer sein! Ich tauche einen Augenblick auf, Markes kommt immer näher. Näher. Näher. Ich versuche ihn zu greifen, nichts. Meine Hand greift ins Leere. Ich werde an ihm vorbei geschwemmt. Da greift er mich. Er zieht mich näher zu sich heran und als ich mich an ihm festklammere, fasst noch mal nach. Ich schau ihn sauer an. „Zu tief, du Perversling.“ Er grinst entschuldigend und rutscht mit seiner Hand um meine Hüfte. Dann ziehen sie mich alle gemeinsam aus dem Wasser. Ich liege da, vollkommen erschöpft und kann nichts anderes als nur zu atmen. Ich zittere am ganzen Körper. Teils wegen der Situation und Teils einfach wegen der Kälte. Zuana legt meine Kleider neben mich. Dann zieht sie ihren Pullover aus. Lili und Alina ziehen ebenfalls Jacke und Pullover aus und legen sie neben Markes und mich. „Zieht euch etwas Warmes an.“, sagt Zuana. Irgendwie scheint sie recht betroffen zu sein. Langsam bekomme ich wieder Luft und stütze mich auf. In dem Moment fällt Zuana über mich her. Durch ihren Schwung werde ich wieder auf den nassen Boden gedrückt. Ich stöhne vor Schmerz. Ich war heute schon einige Male sehr hart aufgekommen. Das meldete sich jetzt. Zuana jedoch knuddelt und kuschelt mich und entschuldigt sich tausend Mal bei mir. „Das wollte ich nicht! Es tut mir so Leid!!“, heult sie. Ich tätschle ihr den Kopf. „Is doch alles gut gegangen.“, murmle ich. „Aber was alles hätte passieren können! Was wenn … was, wenn … wenn ….“ Markes legt ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. „Es ist ja nichts passiert.“ Ich lasse einen herzhaften Nieser los. „Das nennst du nichts?“, schniefe ich. Wir alle fangen an zu lachen. Wir lachen all die Anspannung weg. Endlich ist diese Situation vorbei. Es war echt haarscharf. Aber Zuana hat Recht. Was, wenn … es hätte wirklich viel passieren können. Cathys Stimmt meldet sich in meinem Kopf: „Ich glaub, du wirst ertrinken“

22.10.08 14:45





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung