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Sue Dioshing

Die Kirchenglocken der frisch beendeten Morgenmesse begleiten uns noch eine Weile auf dem Weg aus der Kirche. Ihr Klang ist tief und klar und erinnert an das Paradies. Vollkommenheit in jedem Ton. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Überall blüht und gedeiht es, alles ist neu und frisch. Ich sehe mich liebend um. All diese Menschen, meine Gemeindemitglieder, meine Freunde. Hat unser Gott nicht wahre Wunder daran gewirkt, diese Welt zu schaffen? Ich gehe ein paar Schritte. Und dann entdecke ich sie. Irgendetwas an ihr zieht meine Blicke wie gefesselt an. Ich betrachte sie. Sie lehnt an einem Baum und lässt sich die Sonne auf das Gesicht scheinen. Ihre Haare leuchten in einem lebendigen braun. Ich versuche unauffällig möglichst nahe an ihr vorbei zu gehen, als ich an ihrem Hals eine Kette entdecke, an der ein silbernes Kreuz hängt. Ich lächle. Kein Wunder, dass ich sie hier antreffe, sie ist ebenfalls eine Christin, wie ich. Aber warum steht sie vor der Kirche? War sie nicht in der Messe? Sie bewegt sich! Sie schlägt die Augen auf und sieht mir direkt in die Augen. Mir läuft ein merkwürdiger Schauer über den Rücken. Nicht unangenehm, aber merkwürdig. Ihre Augen schimmern noch auf die Entfernung in einem frischen Grün. Nun kommt sie auf mich zu. Ich kann nicht anders und bleibe stehen, warte, bis sie bei mir ist. Der Kirchenplatz hat sich nun weitestgehend geleert. Sie steht nun vor mir und betrachtet mit. Ich lächle sie an. „Ist es nicht ein wunderschöner Tag?“ Nun schlägt das betrachten in ein taxieren um, das mich irgendwie aufrührt. Ich setze hinter meine Worte ein noch herzlicheres Lächeln, aber sie schlägt nur die Augen nieder. „Das kommt ganz auf den Standpunkt an, denke ich.“, sagt sie schließlich. „Vom Wetter und der Schönheit des Tages aus betrachtet, durchaus, aber auch schöne Tage bringen manchmal schlimme Nachrichten mit sich.“ Ich schaue sie fragend an, als sie meine Hände nimmt und ein Stück Papier in sie schiebt. Ich schaue auf meine Hände. Es scheint ein Foto zu sein. Als das Mädchen aufstehen will, halte ich sie ganz instinktiv zurück, dann drehe ich das Foto um.

 

Ich kämpfe gegen ein Schwindelgefühl an. Wie kann es so etwas geben? Es ist, als habe sich eine große Wolke vor die Sonne geschoben. Es ist mit einem Mal so trüb und dunkel. Ich schaue das Mädchen an, die zurückschaut, als hätte sie das Normalste gemacht, was man sich vorstellen könnte. „Was ist das?“, frage ich mit trockenem Mund. „Ein Foto“, antwortet sie neunmalklug. Mir schaudert. „Wie kann ein solches Foto existieren?“, frage ich weiter, aber sie sagt darauf nur, dass das eine sehr komplizierte und lange Geschichte ist. „Wichtig ist nur“, sagt sie, „dass dieses Foto rechtmäßig existiert. Es zeigt, was wird. Du wirst sterben.“ Ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich werde sterben? Nein! Gott uns Jesus würden das niemals zulassen. Sie legt den Kopf schief und fragt: „Warum sollten sie das nicht zulassen? Können sie es verhindern?“ Da merke ich, dass ich laut gesprochen habe. „Jesus ist doch unser Heiland! Er würde niemals zulassen, dass uns etwas Böses widerfährt! Dafür ist er gestorben!“ Sie schaut mich verständnislos an. „Ein Toter soll dir das Leben retten? Wie soll er das schaffen?“ „Er ist unser Heiland!“ „Also, meiner nicht. Ich habe keinen … Heiland. Ich weiß ja nicht einmal, wer dieser Jesus ist.“ Ich werde bleich. „Aber … du trägst sein Symbol!“ Sie nestelt an ihrem Kreuzanhänger, auf den ich zeige. „Den habe ich vor Ewigkeiten von einer Freundin geschenkt bekommen. Es hat nichts mit deinem Heiland zu tun.“ „Aber … du musst doch wissen, wer Jesus ist! Unser Heiland! Gottes Sohn! Der für unsere Sünden gestorben ist!“ Sie überlegt, schüttelt dann aber den Kopf. „Der Name sagt mir nichts.“ „Er gründete vor über 2000 Jahren unsere Kirche. Weihnachten feiern wir seine Geburt und Ostern seine Auferstehung! Er ist das einzige Kind von der heiligen Jungfrau Maria und Gottes eingeborener Sohn! Ganze Welten wurden auf ihm gegründet.“ Sie überlegt eine Weile und meint dann, es würde ihr langsam bekannt vorkommen. „Ich denke, ich weiß jetzt, wovon du redest. Vermutlich meinst du den Kult um Jehoshua ben Joseph“ Sie zeigt auf die Kirche hinter mir. „aber er war kein Einzelkind und er wurde im Frühling geboren, so weit ich weiß.“ Ich starre sie an. „Jehoshua ben Joseph? Bestimmt nicht! Er heißt Jesus.“ „Ja, so wurde er oft genannt … und er ist der einzige, den ich kenne, auf den deine Beschreibung zustimmen könnte. Und zeitlich stimmt es auch so in etwa. Es ist etwa 2000 Jahre her, dass ich ihm das Pergament übergeben habe.“ Fassungslos starre ich sie an, während sie sich diesen Unsinn aus den Fingern saugt. „Er war fantastisch! Total gefasst und sachlich. Als ich ihn jedoch zwanzig Jahre später wieder traf hat er bitterlich geweint. Ich musste ihn sogar trösten, obwohl ich so was eigentlich nicht mache. Ich bin nicht gut in so was. Aber verständlich war es ja schon irgendwie. Zwar hatte er viel Zeit gehabt, aber da wurde es real.“ Sie lachte. „Aber er war ein zäher Verhandlungspartner. Az hatte mit ihm so seine liebe Mühe! Er wollte einfach nicht gehen. Wir brauchten drei Tage, bis er endlich loslassen konnte.“ „Lügnerin“, presse ich hervor. Ich kann mich kaum noch beherrschen. Meine klammen Hände zittern vor Wut. Sie sieht mich fragend an und dann kneift sie die Augen zusammen. „Ich lüge nicht. Er ist der einzige, der mir einfällt. Wenn er es nicht ist, kann ich es nicht ändern, aber ich lüge nicht. Das einzige Mal, an das ich mich erinnern kann, wo ich jemals gelogen habe, ist über 4000 Jahre her!“ Ich merke, wie ich erbleiche. Aber gleichzeitig beginne ich zu lachen. Hiermit hat sie sich selbst als Lügnerin enttarnt! Sie kann nicht so alt sein! Das geht einfach nicht! Ich mustere sie herablassend. „Ein Grünschnabel wie du hat von so was keine Ahnung!“, sage ich mit einer tiefen Sicherheit. Sie aber grinst nur. „Grünschnabel? Ich habe schon mehr Reiche stürzen sehen, als du zählen kannst. Und sei dir sicher: Dein Christentum wird ebenfalls stürzen. Wie all die anderen zuvor. Aber selbst, wenn ich mich irren sollte: Dein Herrgott wird dir nicht zur Hilfe eilen um dich zu retten. Und Jehoshua hätte, würde er noch leben, sicher auch besseres zu tun.“ Damit dreht sie sich um und lässt mich stehen. Ihre Haare schimmern in einem teuflischen rot. Das mir das nicht früher aufgefallen ist: Sie ist nicht von Gott, sie ist vom Teufel! Ich schaute in den Himmel. Die Sonne ist von Wolken verdeckt.

 

Ich betrachte noch mal das Foto, das mir die Teufelsdienerin gegeben hat. Da liege ich … vor unserem Herd. Ich bin eindeutig tot. Warum sollte ich tot sein? Darunter steht 25.04.2012 14.35 … was bedeutet alles das? Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Wie kann es sein, dass so etwas abartiges mich beunruhigt? Kann eine kleine Teufelsdienerin tatsächlich meinen Glauben an meinen Herren erschüttern? Nein, das würde ich nicht zulassen. Entschlossen zerknüllte ich das Foto und warf es in den nächsten Mülleimer. Gott würde mich nicht sterben lassen.

 

Ich bin bleich, als ich zu Hause ankomme. Wie sehr wünsche ich mir, dass Peter mich zärtlich in den Arm nimmt und es bemerkt, aber als ich nach Hause komme steht er schon in der Türe. „Hallo Schatz“, begrüßt er mich, drückt mir einen Kuss auf die Wange und stolpert schon mit einem Koffer aus der Türe. „Du bist spät heute. Ich muss auch schon weg, entschuldige, der Zug wartet nicht.“ Ich schaue nur ins Leere. Wohin will er? Ich habe nicht die Kraft, ihn zu fragen oder ihn zurück zu halten. Ich schaue in seine Tasche, aus der ein Zettel lugt. Der Briefkopf seiner Firma? Natürlich. Er muss diese Woche zu einem dreitägigen Seminar. Drei Tage. Meine Hand greift unbewusst nach seinem Ärmel. Er bleibt stehen und sah mich an. Dann nimmt er mich zärtlich in den Arm. „Fehlt dir was, Schatz?“ Ich schaue ihm tief in die Augen und er erschrickt. Sofort legt er mir eine Hand auf die Stirn, stellt seine Tasche weg und trägt mich ins Schlafzimmer. Zärtlich legt er mich in unser Bett und deckt mich zu. Dann geht er Medikamente holen. Ich sehe ihm nach. Als er wieder aus dem Badezimmer kommt balanciert er mit drei Tablettendöschen, einem feuchten Tuch und einem Fieberthermometer. Das Thermometer steckt er mir in den Mund und das Tuch legt er auf meine Stirn. Dann liest er die Aufschriften der Döschen vor und schaut, wie ich reagiere. Er hat ein Döschen gegen Kopfschmerzen mit. Eines gegen Regelbeschwerden, Schmerztabletten, Verdauungspillen und schließlich auch ein Fiebersenkendes Mittel. Ich nicke und er holt eine der Pillen heraus. Dann nimmt er das Fieberthermometer heraus und betrachtet es kopfschüttelnd. „Dass du auch immer so schnell Fieber bekommst. Ich verstehe es nicht.“ Und ich verstehe nicht, dass er immer noch nicht weiß, welche Tabletten ich dagegen brauche. Ich räuspere mich und frage dann, was aus seiner Fahrt wird, er müsse sich doch beeilen. Er schüttelt den Kopf. „Ich schau, ob ich den nächsten bekomme. Und wenn es dir dann immer noch nicht besser geht, kann ich doch nicht fahren!“ Ja, ich weiß schon, warum ich gerade diesen Mann hier geheiratet habe! Trotzdem schüttle ich den Kopf. „Du kannst nicht schon wieder zu spät kommen. Los, fahr schon. Und mach dir um mich keinen Kopf. Es ist nicht das erste Mal, das ich Fieber habe. Ich komme schon zu Recht.“ Ist es nicht das, was Gott uns predigt? Nächstenliebe und die Fähigkeit zu Verzichten? Aber warum fühle ich mich dann so schlecht und so einsam, als Peter tatsächlich aufsteht, mir einen Kuss und ein Danke auf die Stirn haucht und geht? Ich hätte gerne gehabt, dass er hier beleibt, hier, bei mir. Sich um mich kümmert und mir nah ist. Er hetzt nur noch von einem Berufstermin zum nächsten. Wir sehen uns nur noch so selten. Ich vermisse ihn so sehr. Ich merke, wie wir Tränen in die Augen steigen, aber ich schlucke sie hinunter, drehe mich auf die Seite und versuche zu schlafen. Lange Zeit gelingt es mir nicht. Doch schließlich falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

Als ich wieder aufwache habe ich einen fauligen und bitteren Geschmack im Mund. Ich hasse es, aufzuwachen! Ich schlage trotzdem die Decke zurück. Mein erster Weg führt mich ins Badezimmer, wo ich die Unordnung schlichtweg ignoriere, die mein geliebter Mann auf der Suche nach Fiebertabletten hinterlassen hat. Solche Situationen lassen mich dann doch wieder überlegen, ob ich die richtige Wahl getroffen habe. Er meint es immer so gut und ist so zärtlich und liebevoll dabei, aber er ist auch schrecklich zerstreut und chaotisch. Aber morgens, beziehungsweise nach dem Aufstehen, finde ich rein gar nichts angenehm. Ein Wunder, dass ich durch sein Chaos noch nicht gestorben bin! Bei diesem Gedanken setzt mein Herz einen Augenblick lang aus. Ich schaue mein Gesicht im Spiegel an. Ich bin bleich. Der Zahnpastaschaum läuft mir fast die Wange runter. Vor meinem inneren Auge spielt sich die Szene mit der Teufelsdienerin noch mal ab. Sie war doch eine Teufelsdienerin? Wie lange ist das jetzt her? Einen Tag? Eine Woche? Es kommt mir so ewig vor. Was es wohl zu bedeuten hatte, dass ich auf dem Bild in der Küche lag? Was meinte sie mit „Du wirst sterben“? Könnte es wirklich sein, dass sie in die Zukunft sehen kann? Nur mal ganz theoretisch. Könnte es sein, dass ein Mensch in die Zukunft sehen kann? Nicht, dass ich das glauben würde, aber … ich spucke den Schaum aus meinem Mund. Er brennt immer unerträglich, wenn er eine Weile bewegungslos im Mund bleibt. Ich schaue auf die Uhr. Unfassbar! Es ist keine drei Stunden her, dass ich das Mädchen, die Teufelsdienerin, getroffen habe. Kann das sein? Es ist alles schon wieder so verschwommen, als wäre es vor etwa einer Woche passiert. Mindestens. Ich spritze mir Wasser ins Gesicht. Ich muss aufwachen! Vielleicht war sie ja auch nur ein Traum! Kann  das sein? Dass ich all das nur geträumt habe? Die Messe, das Mädchen, das Fieber und Peters Sorge, Pflege und sein Abschied? Ich stoße mit dem Fuß gegen eine der Tablettendosen. Nein. Zumindest der Teil war Wirklichkeit. Oder es gibt eine andere Erklärung dafür. Ja, ich werde Peter fragen, sobald der wieder da ist. Aber zuerst ist er ja für drei Tage weg. Und diese drei Tage werde ich auch irgendwie vorbei bekommen. Dafür gehe ich ins Wohnzimmer und nehme mir das Telefon. Nach kurzem Überlegen gebe ich Alenas Nummer ein. Alena ist eine Bekannte von mir, ein echtes Partymäuschen. Eigentlich sind wir keine besonders engen Freundinnen, aber ich brauche jemanden, der mich von all dem ablenkt, was geschehen ist. Bevor ich die Nummer fertig wählen kann klingelt das Telefon. Als ich antworte ist Kirstin dran, meine engste Freundin, und meint, sie habe das Gefühl gehabt, mich anrufen zu müssen. Ich knirsche etwas mit den Zähnen. Ich mag sie wirklich mehr als gern, aber wenn man etwas vergessen und sich ablenken will, ist sie genau die falsche Person. Sie ist sehr direkt, konfrontierend und neigt dazu, genau ins Schwarze zu treffen. Aber eine derart abstrakte und undenkbare Situation wie die, in der ich gerade bin, könnte sie doch niemals erraten, oder? Und ich brauche Gesellschaft. Also stimme ich zu, als sie fragt, ob sie vorbei kommen soll. Eine halbe Stunde später ist sie da, mit Kakaopulver und Sahnetortenstücken. Sie bringt immer Kakao mit, wenn sie glaubt, dass es ernst werden kann oder Trost von Nöten ist. Und ihr Kakao ist fantastisch. Sie mischt da immer irgendetwas rein, was ihm einen ganz besonderen und köstlichen Geschmack gibt. Als ich ihr die Türe öffne, nimmt sie mich in den Arm und schiebt sich gleich zur Küche durch. Ich verdrehe die Augen. Sie hat ernsthaft vor, es mir aus der Nase zu ziehen, was geschehen ist! Ich hätte der Sache niemals zustimmen sollen! Ich folge ihr in die Küche und bin ein wenig erstaunt. War ich wirklich schon so häufig Trostbedürftig, dass sie sich so gut in meiner Küche auskannte? Es stehen bereits Kuchengabel, Teller mit dem Kuchen, Löffel und Becher draußen und das Wasser kocht auch schon. Sie lächelt mich flüchtig an und deutet mich zu setzen. Ich muss lächeln. Wessen Haus ist das noch gleich? Trotzdem folge ich ihr und nehme Platz und beobachte sie dabei, wie sie den Kakao zurecht macht. Sie hat eine ganz eigene Art dafür. Sie schüttet immer ein bisschen Wasser auf das Pulver und verrührt es. Dann schüttet sie das restliche Wasser hinein, füllt es mit Milch auf und gibt Sahne darüber über die sie Schokoladenpulver streut. Ein Gedicht. Heute hält sie mir sogar grinsend Marshmellows unter die Nase und versengt sie in der Schokolade. Ich grinse. „Was denkst du heute zu erfahren? Was glaubst du, dass passiert ist, dass du neben Schokolade und Sahnetorte sogar zu Marshmellwos greifst?“ Kristin hat immer eine gewisse Steigerung in ihren Trostpflastern. Sie schüttelt den Kopf. „Marshmellows sind für interessante Gespräche.“ Ich lache. „Du erwartest wieder sehr viel, kann das sein?“ Sie zuckt mit den Schultern. „Ich erwarte immer viel. Und nun hier, guten Appetit.“ Sie schiebt mir eine Tasse zu und setzt sich mir gegenüber. Sofort nimmt sie ihren ersten Schluck und leckt sich die Lippen. „Du bringst den Kakao gar nicht für deine Freunde mit, oder? Das ist reinster Eigennutz!“ Sie zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Du hast doch auch was davon, oder nicht?“ Ich nehme meinen ersten Schluck. Oh, dieser Kakao ist fantastisch. Die Wärme breitet sich sofort in meinem gesamten Körper aus und der Geschmack benebelt mich. Was tut sie da nur immer rein? „Und? Was ist passiert?“, fragt sie, während sie mich über ihren Becherrand aus beobachtet. Das bringt mich in die Wirklichkeit zurück. „Was soll passiert sein? Nichts ist passiert. Wie kommst du darauf?“ „Allein schon wegen dieser Satzfolge“, gibt sie lachend zurück. „Und weil du so bleich bist, als wärst du dem Tod persönlich begegnet.“ Ich starre sie entgeistert an. Wie kann es einen solchen Menschen geben? Sie lächelt mich schief an. „Das war nur ein Scherz.“, meint sie dann. Beruhigend, dass sie nicht immer weiß, wann sie ins Schwarze getroffen hat. Sie mustert mich über ihren Becher hin an. „Geht das?“, fragt sie schließlich. „Kann man dem Tod persönlich begegnen?“ Ich merke, wie mir kalt wird und nehme schnell einen Schluck Kakao. Aber das Resultat entfaltet sich nicht ganz. Entschlossen stellt sie ihren Becher ab. „Sue! Was ist passiert. Raus damit!“ Ich kaue auf einem Marshmellow herum. „Sue!“ Was soll ich ihr denn schon antworten? Ich will nicht darüber reden. Ich weiß nicht, was geschehen war und ich will mir keine Gedanken darüber machen! Denn sobald ich mir Gedanken darüber mache, läuft es Gefahr, real zu werden. Und das kann ich nicht zulassen. Das will ich nicht zulassen. Ich stelle meinen Becher hin. „Du musst gehen!“ Kristin schaut mich vollkommen entgeistert an. „Was?“ „Ich sagte, du musst gehen!“ „Aber … Sue!“ „Ich will nicht mit dir reden! Ich brauche deine Hilfe nicht! Gott wird mir helfen!“ „Das wird er nicht! Du weißt eben so gut wie ich, dass er niemals zu dir sprechen wird! Er schickt Mittler! Er wird dir nicht helfen!!“ „Mittler wie dich, was?“, schreie ich. „Das habe ich nicht gesagt!“, antwortet sie gefasst. „Raus!“ „Sue …“ „Ich sagte: Raus!!“ Sie atmet tief durch und sieht mich vollkommen gefasst an, steht auf und bleibt direkt vor mir stehen. „Du weißt, das jeder für sich selbst verantwortlich ist.“, sagt sie ganz leise. „Daher werde ich nun gehen. Ich will dich nicht mehr verärgern. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich dir nicht böse bin.“ Später mag ich dafür dankbar sein, dass sie mir das so gesagt hat, aber jetzt ist es mir zu viel. Dieses Mädchen ist mir jetzt lästig. Ich will, dass sie geht. Wie dankbar bin ich, als sie wirklich endlich geht. Aber als sie weg ist, überkommt mich eine unbeschreibliche Einsamkeit. Es tut mir so leid, was ich zu Kirstin gesagt habe. Warum muss sie über diesen unglaublichen Instinkt verfügen? Wie konnte sie wissen, dass ich wirklich dem Tod begegnet war? Nein! Sue! Vergiss das wieder! Streich es aus deinem Gedächtnis und lass es niemals wieder zu dir durchdringen. Vergiss es einfach. Vergiss es! Es ist nichts geschehen!

 

Wie ich die drei Tage herumbekommen habe, weiß ich gar nicht mehr so genau, aber irgendwann steht Peter wieder vor mir. Er stellt seine Tasche neben mir ab und hockt sich vor mich. Da wache ich langsam auf. „Hast du die drei Tage die ganze Zeit hier verbracht?“, fragt er lächelt. Ich schaue mich um. Ich sitze im Wohnzimmer auf meinem Sessel, umringt von Büchern. „Ich glaube schon“, murmle ich und schmecke wieder den ekligen Geschmack im Mund. Er scheint noch schlimmer zu sein als sonst. Wann habe ich mir das letzte Mal die Zähne geputzt? Peter versucht mich zu küssen, aber ich wehre ab. „Zähne. Vorher nicht.“ Er schaut mich irritiert an. „Du oder ich?“ Ich strecke den Finger in die Höhe. Wenn ich etwas noch mehr hasse, als mit diesem Geschmack aufzuwachen, ist es nach dem Aufstehen zu küssen. Ich wanke aus dem Sessel und strecke mich. Ich habe das Gefühl, jeder Knochen würde mir wehtun. Peter grinst über meine unbeholfene Art und begleitet mich ins Badezimmer. „Aus Solidarität zu meiner geliebten und total erschöpften Frau werde ich mir auch meine Zähne putzen.“, spöttelt er und setzt dann noch hinzu, dass er nicht so recht versteht, warum ich eigentlich erschöpft sei, wenn ich die vergangenen drei Tage nur gelesen und geschlafen habe. Ich verpasse ihm einen kleinen Schlag in die Seite. „Und gegessen.“, fügt er lachend hinzu. Ich versuche ihn zu kitzeln, aber er weicht geschickt aus. Dann greift er sich mein Gesicht und hält es ganz nah an seines. „Ist küssen jetzt erlaubt?“

 

Ich kuschle mich noch näher an ihn. Es war wundervoll. Es ist so herrlich, dass wir uns noch so sehr lieben können, obwohl wir schon eine Weile verheiratet sind. Vor allem, weil wir so früh geheiratet haben. Er wacht auf und streicht mir durch die Haare. Dann küsst er mir auf die Stirn. Als er die Augen wieder öffnet fällt sein Blick auf den Wecker und er steht fast senkrecht im Bett - nackt. Ich muss breit grinsen, aber dann schaue auch ich auf die Uhr. Er war gestern sehr spät wieder gekommen und wir waren zu abgelenkt um daran zu denken, den Wecker zu stellen. Er war schon wieder zu spät. „Kannst du dich nicht krank melden?“, fragte ich, aber er schüttelte den Kopf. „Sie haben mir letztens schon den Kopf gewaschen, dass ich so spät war. Ich liebe dich, aber ich möchte meinen Beruf nicht riskieren.“ Er lies sich wieder ins Bett fallen und lehnte sich über mich. „Es sei denn, du möchtest es so!“ Ich lache und scheuche ihn aus dem Bett. Dafür, dass er gefeuert wird, will ich dann doch nicht die Verantwortung übernehmen. Ich bleibe noch ein paar Minuten im Bett und sehe Peter dabei zu, wie er seine Sachen zusammen sucht. Als er weg ist treibt mich der eklige Geschmack des Aufwachens doch wieder ins Badezimmer. Während ich mein müdes und fertiges Gesicht betrachte muss ich an Kirstin denken. Ich war wirklich unfair zu ihr, letztens. Aber ich kann ihr nicht erklären, was gewesen ist. Auf der anderen Seite will ich sie aber auch nicht wegen einer solchen Kleinigkeit verlieren. Sie ist immerhin meine Freundin. Ich entschließe mich, sie anzurufen. Als ich das tue erzähle ich ihr, dass es mir leid tut, wie ich mich benommen habe und mich gerne mit ihr treffen möchte, um alles aus der Welt zu schaffen. Aber erzählen, was genau war, möchte ich ihr nicht. Das sage ich ihr auch. Sie ist verständnisvoll und meint, dass sie sich übermorgen mit mir treffen könnte, im Bistro Pieto. Es ist unser Stammlokal. Und da könnten wir über alles reden.

 

Als ich am Samstag im Pieto ankomme, sitzt Kirstin bereits an unserem Tisch und wartet auf mich. Sie studiert die Speisekarte und sieht mich erst an, als ich mich an ihren Tisch gesetzt habe. Das bedeutet, sie ist wirklich wütend. Kirstin ist einer der Menschen, die dich bereits bemerkten, wenn ich noch ein bis zwei Meter vom Treffpunkt weg bin. Ich weiß, dass sie bereits wusste, dass ich da bin, spätestens, als ich das Bistro betreten hatte. Und die Speisekarte kennt sie ohnehin schon auswendig. Sie brauchte vermutlich nur etwas, womit sie sich beschäftigen konnte. Das macht mich ein wenig traurig, aber ich denke, es ist nicht unverdient. Sie legt die Karte auf den Tisch. „Wusstest du, dass sie hier auch Muscheln servieren?“, frage sie. „Du isst nichts, was aus dem Meer kommt.“, erinnere ich ist. „Eben daher ist es für mich überraschend.“ Wir schweigen. Es ist wohl doch schwieriger, als es scheint, jemanden zu verzeihen, der einen so mies behandelt hat, wie ich es mit ihr getan habe. „Du möchtest mir also nicht sagen, was letztens mit dir los war, stimmt das so?“ „Es war nur, dass ich ein wenig einsam war, da Peter wieder einmal weg war. Darüber möchte ich wirklich nicht reden, nein. Und er ist ja auch wieder da.“, lächele ich. Sie taxiert mich. Ich erschrecke. Ich hatte niemals bemerkt, dass ihre Augen grün sind. Mir wird schlecht. „Und willst du dann vielleicht darüber reden, was der wahre Grund ist, dass du mich so angepflaumt hast?“, fragt sie. Moment … mir wird wirklich schlecht! „Sue? Stimmt was nicht? Du siehst, ehrlich gesagt echt zum Kotzen aus!“ Schlechte Wortwahl! Sehr schlechte Wortwahl!

 

Ja, das ist wahre Freundschaft. Kirstin freut sich auf ein nettes Essen und alles, was sie bekommt ist, mir beizustehen, wie ich mich in die Kloschüssel übergebe. Tapfer tätschelt sie meinen Rücken. Ich weiß, dass das eines der Dinge ist, die sie nicht ausstehen kann. Sie sagt, ihr wird dann selbst auch immer übel. Trotzdem steht sie neben mir und tröstet mich. Als ich fertig bin reicht sie mir ein Papiertuch. Wann hat sie den denn geholt? „Hast du das öfter?“, fragt sie besorgt. Ich schüttle den Kopf und spüle mir den Mund aus. Sie zaubert ein Kaugummi aus ihrer Tasche. Ich starre sie überrascht an. Sie zuckt mit den Schultern. „Ich kaue doch oft Kaugummis. Wunder dich also nicht, dass ich eins dabei habe.“ Ich nehme es also als gegeben hin und kaue mir den Geschmack weg. „Also, warum musstest du dich übergeben? Bist du krank?“, fragt sie. Ich schüttele den Kopf. „Schwanger?“, fragt sie weiter. Ich lache. Dann stocke ich und mustere sie. „Meinst du?“ Sie zuckt mit den Schultern. „Das wäre doch toll! Aber es gibt dutzende Möglichkeiten, warum du dich übergeben musst. Und ich bin keine Ärztin.“ Sie grinst breit. „Und ich meinte ja auch, dass du dem Tod persönlich begegnet bist! Von daher …“ Sie hat Recht! Das ist ein Argument. Sobald ich zu Hause bin werde ich einen Termin mit meinem Gynäkologen ausmachen.

 

Eine Woche später bin ich beim Gynäkologen. Kurze Zeit später bekomme ich das Resultat. Ich lese es und ich kann es nicht fassen. Über fünfzehn Jahre haben Peter und ich versucht, Kinder zu bekommen, aber nie hatten wir Erfolg. Wir hatten uns schon sonst was ausgemalt. Und nun plötzlich ist es so weit! Ich bin schwanger. Ich bin tatsächlich schwanger. Und vor allem bin ich überglücklich. Ich freue mich schon auf den Moment, in dem ich es Peter sage. Aber ich hasse den Gedanken, Kirstin mitteilen zu müssen. Sie wird garantiert auf die Sache mit dem Tod zurückkommen. Und sie wird es mir unter die Nase reiben, dass sie Recht hatte. Aber wie lange habe ich noch Zeit, bis sie es von selbst bemerkt? Schließlich ist sie meine engste Freundin. Ich kann sie nicht einfach aus meinem Leben fernhalten. Aber darüber werde ich mir später Gedanken machen. Nun werde ich es erstmal meinem Mann erzählen. Oh, ich bin so glücklich.

Als wir am Abend zusammen im Bett liegen, nehme ich seine Hand und führe sie auf meinen Bauch. Ich lächle ihn an. „Fühlst du das?“ Ich bin nicht dumm, ich weiß selbst, dass er nichts fühlen kann. Dafür ist es einfach noch zu früh, aber ich weiß, er wird verstehen, was ich meine. Aber er schaut mich nur verwirrt an und lässt mich seine Hand über meinen Bauch führen. „Was soll ich da fühlen? Was soll da sein?“ Ich sehe ihm tief in die Augen und so langsam geht ihm ein Licht aus. Ich sehe geradezu, wie es immer heller wird, wie er immer heller wird. Seine Augen werden immer größer und leuchtender. Er sieht so glücklich aus! Ich lächle ihn an. „Sind wir etwa … schwanger?!“, leuchtet er mich an. Ich nicke. Ich … wir sind schwanger! Wir bekommen ein Kind. Endlich. Er umarmt mich überschwänglich, küsst mich und liebkost meinen Bauch, bis es kitzelt. Wir sind so glücklich!

 

Ich habe es so lange hinausgezögert, wie ich es konnte, aber etwa einen Monat später treffe ich mich mit Kirstin im Pieto. „Ihr seid also schwanger.“, grinst sie. „Ich nehme mal an, dass das bedeutet, dass ihr beide dicker werdet?“ Ich lachte. „Nein, nur ich, zum Glück. Und ihm macht das gar nichts aus.“ „Na hör mal! So weit bist du ja noch nicht.“, gibt sie zurück. „Wie weit bist du eigentlich?“, fragt sie nach. Die Frage, die ich fürchte. „So in etwa im ersten Monat.“, antworte ich. Sie nickt. Ihr Ausdruck scheint sich ein kleines bisschen verdunkelt zu haben. „Und? Wie hast du es bemerkt? Ist dir die Regel ausgeblieben?“ Sie weiß, dass ich es bereits vor meiner Regel gewusst hatte. Sie weiß vermutlich auch, woher ich es weiß. Oder sie hat zumindest eine Vermutung. Aber sie bietet mir einen angenehmen Ausweg an. Ich fühle mich so schlecht, dass ich ihn annehme. Ich seufze. „Ja, genau.“ Sie lächelt und langt zu meinem Bauch. Sanft streichelt sie ein wenig drüber. „Dann wünsche ich euch dreien viel Glück und alles Gute. Endlich ein Kind. Ich freue mich für euch.“ Dann verabschiedet sie sich von mir. „Du bist die zweite.“, sage ich, als sie an mir vorbei geht. Sie dreht sich fragend um. „Die zweite, der ich es erzählt habe, meine ich. Direkt nach meinem Mann. Ich wollte, dass du es weißt.“ Sie lächelt, deutet eine Verbeugung an und geht. Lustlos rühre ich in meinem Tee herum. Irgendwie kommen wir in letzter Zeit nicht mehr dazu, zusammen zu Essen.

 

Nachdem sie mich im Pieto sitzen lies, hatte ich wirklich Angst, sie nicht mehr wieder zu sehen. Lange Zeit war das auch so. Nun beginnt mir ein Bauch zu wachsen, ich werde immer und immer dicker und immer und immer glücklicher. Ich bin schwanger! Als ich dann eines Abends von einem Termin bei meinen Gynäkologen wieder komme und die Türe aufschließe, sehe ich sie wieder. Breit grinsend steht sie in unserer Diele und hat über sich ein Plakat mit der Aufschrift `Herzlichen Glückwunsch´ hängen. Noch bevor ich etwas sagen kann, springen aus allen Ecken und hinter allen Sesseln Leute hervor. Freunde, Bekannte, Familie. Alle Menschen, an denen mir etwas liegt. Mir steigen die Tränen in die Augen. Nun bin ich wirklich glücklich. Als ich später einen kurzen Moment mit Kirstin allein habe, meint sie, dass sie von der Nachricht so überwältigt war, dass sie nicht wirklich reagieren konnte und eine Babyparty in die Wege geleitet hatte. „Peter war mein Komplize“, lacht sie. „Er sollte dich im Auge behalten und mir bescheid sagen, wann du so viel Bauch hast, dass die Leute uns auch glauben, dass du Schwanger bist. Und er hat mir die ganzen Nummern besorgt.“

Nach der Feier nehme ich meinen Geliebten zur Seite und küsse ihn leidenschaftlich. Er ist fantastisch.

 

Es vergeht weitere Zeit und ich nehme weiterhin an Umfang zu. Mein Bauch ist mittlerweile so dick, dass es mir manchmal schwer fällt, lange zu stehen. Ich sitze auf unserem Bett. Peter eilt auf seiner Seite hin und her und packt seine Tasche. „Musst du wirklich fahren?“, frage ich ihn. „Sue, ein Wort von dir und ich bleibe hier. Ich wäre lieber bei dir, als auf einer langweiligen Tagung.“ Ich schaue säuerlich. „Das ist kein großes Kompliment. Wenn ich besser bin, als eine langweilige Tagung, was ist dann besser als ich?“ Peter lächelt. „Alles, mein Schatz, alles!“ Ich ziehe einen Schmollmund. „Bin ich überhaupt noch schön für dich? So dick?“ „Machst du Witze? Du bist schöner als jemals zuvor! Du hast das kostbarste der Welt in dir, wie könntest du da nicht schön sein.“ Irgendwie wählt er die Worte heute nicht besonders gut. Mal sehen, was er aus einer vollen Ladung Hormonschwankungen macht. „Dann bin ich sonst nicht schön?“ So langsam dämmert es ihm, dass er etwas gar nicht so Kluges gesagt hatte. „Selbstverständlich bist du das! Aber du überraschst mich mit der Schönheit, die die Seeligkeit einer werdenden Mutter mit sich bringt. Es ist eine andere, besondere Art der Schönheit. Eine, die deine Natürliche Schönheit übertrifft, was ich niemals gedacht hätte!“ „Bin ich etwa zu schön für dich?“, necke ich ihn weiter. Er mustert mich irritiert. „Spielst du gerade mit mir?“ Ich lache und nicke. Dann küssen wir uns. „Trotzdem ist mir nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich dich hier allein lassen soll. Du bist hoch schwanger. Kommst du überhaupt alleine klar?“ Ich lächle. „Es ist erst der siebte Monat. Es noch nicht so ernst. Und bis es so weit ist, bist du ja schon längst wieder da.“ „Das will ich doch schwer hoffen!“, gibt er zurück. Dann küsst er mich und geht. Dieses Mal sind es mehrere Wochen. Ich vermisse ihn bereits jetzt.

 

Ich dachte, das Glück, das ich als werdende Mutter spüre, ist das größte Glück, das Gott gewähren kann. Aber es ist auch der schrecklichste Fluch. Ich bin nun bereits drei Wochen alleine. Peter ist auf seiner Tagung und ich vermisse ihn sehr. Aber einschlafen darf das Leben hier nicht ohne ihn. Ich werde nun erwartungsvoll alles für ihn vorbereiten. Und für unser Baby. Unsere Tochter, wie mein Gynäkologe in der letzten Sitzung feststellte. Es geht ihr gut. Sie entwickelt sich prächtig. Und ist schon fast riesig. Ich bin gerade einkaufen. Ich denke mir nichts dabei, einfach einkaufen gehen, wie immer. Aber dieses Mal war nicht wie immer. Mir geht es schon den ganzen Tag über nicht wirklich gut, aber das habe ich auf die Schwangerschaft geschoben. Hier und da wird einem da immer ein wenig schlecht. Nur ist es irgendwie keine richtige Übelkeit, eher ein andauerndes Schwindelgefühl. Mir ist schon die ganze Zeit über so, als würde ich jeden Moment zusammenklappen. Aber Ich lehne mich immer einen kurzen Moment lang an und atme tief durch und wenn es dann wieder geht mache ich weiter. Ich bin schließlich nicht die erste schwangere Frau dieser Welt. Gott hat uns Frauen so konzipiert, dass wir eine Schwangerschaft aushalten. Der Mann an der Wursttheke erkundigt sich nach meinem Befinden. Ich winke ab und bitte ihn sein Angebot zu wiederholen. Ich habe es irgendwie nicht mitbekommen. „Nun, ich kann Ihnen besonders …“ Weiter bekomme ich wieder nichts mit. Mir wird ganz schwarz vor Augen, meine Füße geben nach. Ich verliere das Gleichgewicht und kann nichts dagegen tun. Frauen schreien, Leute gaffen und ich falle. Ich falle einfach nur. Hat dieses Kaufhaus denn keinen Boden? Wann komm ich auf? Wo bin ich überhaupt? Ich … es ist alles so verschwommen. Ich … Sirenen? Lärm. Hektik. Was ist los? Wohin tragt ihr mich? Von dem Geruckel wird mit ganz schlecht. Lasst mich in Ruhe! Dieser schwarze Nebel senkt sich wieder über mich.

 

Gleißendes Weiß brennt sich in meine Augen. Ich schließe sie wieder. Da ist wieder dieser morgendliche Geschmack. Eklig. Ich möchte mich zur Seite drehen, zu Peter, aber irgendetwas hält mich zurück. Ich öffne die Augen wieder einen Spalt breit. Dann etwas mehr, als sie sich an das Licht gewöhnt haben. Das Licht alleine wäre ja nicht so schlimm, aber alles in diesem Zimmer ist weiß. Überall um mich herum sind Schläuche und Maschinen. Gefangen ist mein erster Gedanke. Dann fasse ich mich wieder. Diese Schläuche erinnern mich an etwas. Ich hebe meinen Arm ein bisschen. Der Schlauch geht in meinen Arm hinein. Am meinen Bettende steht eine Junge Frau. Sie schaut nach irgendwelchen Notizen und schüttelt den Kopf. Wer ist sie? Warum tut sie das? Ich atme tief durch um meine Gedanken wieder klar zu bekommen. Woran erinnere ich mich noch? Die Frau bemerkt, dass ich wach bin und kommt zu mir. Beruhigend legt sie mir ihre Hand auf meinen Arm. Ich versuche ihn wegzuziehen. Es gelingt mir nicht. „Keine Angst, Frau Dioshing.“, sagt sie. Ihre Stimme klingt so fremd. Hört sich Reden wirklich so an? „Sie sind hier gut aufgehoben. Der Arzt wird bald hier sein und nach Ihnen schauen, aber wie es aussieht haben sie keine bleibenden Verletzungen.“ Ich versuche sie zu fragen, was mit mir nicht stimmt, warum ich im Krankenhaus mache. Und was passiert ist. Aber aus meinem Mund kommt nur unverständliches Gemurmel heraus. Die Frau aber nickt freundlich und erzählt mir, dass ich im Kaufhaus einen Zusammenbruch hatte und ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich nicke. „Was ist mit mir?“, gelingt es mir zu fragen. Die Frau lächelt wieder schüchtern. „Das wird Ihnen der Arzt besser erklären können.“ Ich habe keine große Lust mehr, mit diesem Kind zu sprechen und schließe meine Augen. Dann warte ich eben auf den Arzt. Als ich das nächste Mal die Augen aufschlage, ist er im Zimmer. Er schaut charmant lächelnd auf mich hinunter. Er ist mir vom ersten Augenblick an unsympathisch. „Was habe ich?“, frage ich ihn und er schaut ernst. „Ich fürchte, Sie haben Diabetis. Es ist nicht weiter ernst, Sie hatten nur einen kleinen Schwächeanfall. Sie werden sich schon bald wieder erholt haben.“ „Und mein Kind?“ Schweigen erfüllt den Raum und es scheint dunkler geworden zu sein. „Es ist so, Frau Dioshing, …“, beginnt der Arzt. „Und mein Kind?“, unterbreche ich ihn. Er schweigt. „Was ist mit meinem Kind?“ „Ich fürchte, wir können nichts mehr für Ihr Kind tun.“ „Sie fürchten? Dann tun Sie gefälligst mehr!“ „Frau Dioshing …“ „Es ist mein Kind! Sie sind Arzt! Tun sie etwas!“, falle ich ihm ins Wort. „Sie missverstehen …“ „Ich missverstehe gar nichts! Sie missverstehen! Retten sie mein Kind.“ Der Arzt atmet tief durch. „Sehen Sie, Frau Dioshing, die Diabetis hat ihren Körper geschwächt und um sich selbst zu retten hat er die Versorgung des Kindes eingeschränkt, bis es unterversorgt war und leider …“ „Sprechen Sie das bloß nicht aus! Wehe Sie sprechen es aus! Das kann gar nicht sein! Dr Timber hat extra gesagt, dass es meinem Kind hervorragend geht! Er hätte es doch mitbekommen, wenn es … wenn es …“ „Das ist nicht immer der Fall, Frau Dioshing. Wie lange ist denn ihr letzter Termin her?“ Ich schweige. „So etwas kann manchmal im Laufe weniger Wochen, vielleicht sogar Tage geschehen.“, fährt er fort. „Sehen Sie, wenn Ihr Körper das Kind nicht unterversorgt hätte, dann wären Sie beide gestorben. Und so können Sie ein normales Leben weiterführen.“ „Mein Kind …“ „Ich würde vorschlagen, dass Sie Ihren Mann informieren und noch einige Tage hier bleiben, bis ihr Körper das Kind abgestoßen hat.“ Ich könnte ihn umbringen! Wie kann man so unsensibel sein?  „Helfen Sie meinem Kind“, wiederhole ich noch mal nachdrücklich. „Frau Dioshing. Ich kann Ihrem Kind nicht mehr helfen, es ist bereits tot. Und wenn es nicht bald Ihnen Körper verlässt, wird es Sie ebenfalls vergiften. Es gibt nichts mehr, was ich für Ihr Kind tun kann. Niemand kann das.“, erklärt er. „Irgendjemand wird es können. Ich will einen anderen Artz.“ „Frau Dioshing …“ „Ich will einen anderen Arzt!!!“

                                                                                                                                                   

Ich bekam einen anderen Arzt. Aber der sagt mir genau das gleiche. Mein Kind … ist tot. Meine Tochter. Meine Olivia. Tot. Ich zittere am ganzen Körper. Ich will das nicht verstehen. Irgendjemand hat meinem Mann angerufen und ihm gesagt, was passiert ist. Vielleicht war auch ich es, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls ist er sofort zu mir gekommen und hat all seine Termine und Tagungen abgesagt. Jetzt sitzt er neben mir am Bett und weicht kaum einen Moment  von meiner Seite. Und ich liege nur da und starre an die Decke. Wir reden kaum, sind nur zusammen und beten, endlich aus diesem Alptraum aufzuwachsen. Wir wollen unser Kind zurück! Dann kommen die Wehen. Sie werden künstlich eingeleitet. Es interessiert mich nicht. Ich presse einfach nur diesen toten Körper aus meinem Bauch hinaus. Das ist nicht mein Kind. Mein Kind ist noch in mir. Und es lebt noch. Diese Geburt ist nur ein grausamer Traum. Ein Albtraum, aus dem ich erwachen werde. Bald!

 

Aber ich erwache nicht. Ich laufe weiter wie in Trance durch mein Leben, als würde ich nur darauf warten, endlich aus diesem Traum aufzuwachen, aber der ist endlos. Und Gott wird sich nicht erbarmen ihn mir zu beenden. Denn Gott wird nichts tun. Gott kann nichts tun. Denn er existiert nicht. Wie kann ein Gott wie der, an dem sie alle glauben, so etwas zulassen? Dass mir mein Kind stirbt? Nein, es kann keinen Gott geben. Nicht für mich. Und es gibt auch kein Erwachen. Ich sehe in das Gesicht neben mir. Er ist alles, was mir noch geblieben ist. Mein Peter. Meine Liebe. Und der Vater meines Kindes, das niemals geboren werden wird. Tränen laufen mir aus den Augen. Das Kissen ist schon ganz nass. Ich streiche Peter die Haare aus dem Gesicht. Für ihn sollte ich es hinter mir lassen. Einfach vergessen. Vergessen, was passiert ist. All den Schmerz und das Leid hinter mir lassen und ein neues Leben anfangen. Vielleicht war dies der Weg zum Aufwachen. Einem Aufwachen, das ich mir mehr wünschte als alles andere. Und sei der Geschmack im Mund noch so eklig. Ich schlage die Decke zurück und stehe auf. Ich mache jetzt Frühstück für den Mann, den ich liebe. Wir werden noch mal vollkommen neu anfangen. Ohne Olivia, ohne Erinnerungen, ohne Schmerz. Einfach nur er und ich. Ein Kind hat es niemals gegeben.

 

„Seit wann machst du Frühstück?“, fragt Peter, der verschlafen in die Küche gewankt kommt. „Ab heute“, erwidere ich mit einem glücklichen Lächeln. „Ich möchte neu anfangen.“ Er schaut mich verwirrt an. „Sollten wir dafür nicht erstmal verarbeiten, was passiert ist?“ „Was ist denn passiert?“ „Na ja, wir haben unser Kind …“ Ich schneide ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Möchtest du Schinken zu deinen Eiern?“ „Sue …“ „Peter, ich möchte einfach nur da weiter machen, wo wir aufgehört haben. Können wir nicht einfach die Zeit zurückdrehen? Wenigstens für eine Weile? So als wäre nichts passiert? Bitte, ich kann mich jetzt nicht damit auseinandersetzen.“ Er mustert mich. „Du weißt, was du da verlangst?“ Ich nicke. „Und du willst es wirklich haben? Mit all den Konsequenzen?“ Ich nicke wieder. Er schaut mich traurig an und nimmt mich dann in die Arme. „Ich liebe dich Sue. Und ich will es probieren.“ Ich lächele ihn dankbar an. Ich schließe diese Erinnerung tief in mein Herz ein. Niemand soll jemals sehen, was sich dort drin verbirgt. Niemals.

 

Es vergeht immer mehr Zeit und sie vergeht immer schneller und schneller. Wir beginnen wieder alles zu einzupendeln, wie es war. Mit allen Vor- und Nachteilen. „Musst du wirklich schon wieder zu einer Tagung?“ „Du wolltest es so, erinnerst du dich, Schatz?“ „Das ist nicht wahr! So was würde ich niemals wollen!“ „Du wolltest die Vergangenheit mit allen Vor- und Nachteilen.“ Er liebt es, mir das unter die Nase zu reiben. „Aber das bedeutet doch nicht, dass wir nicht dran abreiten können.“ Er kommt zu mir und küsst mich auf die Stirn. „Du weißt, Sue, nur ein Wort von dir und ich komme zurück. Aber dass sie mir bisher so häufiges Fehlen haben durchgehen lassen, ist reines Glück. Das kann nicht immer so sein. Also lass uns Gott danken und einen Schritt nach dem anderen tun.“ Ich rümpfe die Nase. Wir kommen seit Monaten nicht vom Fleck. Seit zwei Monaten um genau zu sein. Und die Sache mit Gott … ich konnte nicht alles wieder zurückdrehen. Ich schaue verlegen auf den Boden. „Bitte bleib. Diesen Monat …“ Ich schlucke. Ich kann es nicht aussprechen. Ich sehe ihn an. Er schaue auffordernd zurück. „... wirst du mir besonders fehlen. Es ist die erste lange Tagung seit so langer Zeit.“, sage ich schließlich. Er küsse mich wieder. Wieder nur auf die Stirn. Wann hat er mich das letzte Mal richtig geküsst? „Du kannst mich jederzeit erreichen, mein Schatz. Aber nun muss ich wirklich los.“ Ich nicke und er geht. Ich friere. Warum kann ich den Neuanfang nicht leben? Warum gelingt es mir nicht, die Zeit zurückzudrehen und alles zu vergessen? Warum weiß ich es noch so genau? Obwohl es niemals passiert sein soll? Diesen Monat wäre Olivia geboren worden.

 

Ich fühle mich so einsam. Warum habe ich ihn nicht einfach zurückgehalten? Warum habe ich ihm nicht einfach gesagt, was los ist? Warum habe ich ihm nicht gesagt, dass ich an keinem Tag, sogar in keiner Stunde der vergangenen zwei Monate aufgehört habe, an sie zu denken und mir auszumalen, wie es wäre, wenn ich weiterhin immer dicker geworden wäre? Hätte er mich dann nicht in den Arm genommen und gesagt, dass es ihm nicht anders ergangen wäre? Hätten wir dann wieder zueinander gefunden? Oder hätte er sich betrogen gefühlt, weil ich von ihm etwas verlangt hatte, was ich niemals halten konnte. Ich fasse mir an die Brust. Mein Herz tut so weh. Es Sticht. Als würde es jeden Moment zerbrechen. Und ich mit ihm. Warum konnte ich das, was mir etwas bedeutete nicht halten? Peter, Olivia, Kirstin, Gott. Alles war mir entglitten und ich konnte es nicht halten. Wie gerne hätte ich jetzt eine von Kirstins heißen Kakaos getrunken und ihr erzählt, wie schrecklich es mir geht. Sie hätte mich verständnisvoll angesehen und mich getröstet. Aber ich kann sie nicht anrufen. Stattdessen krieche ich in mein Bett, ziehe die Decke über meinen Kopf und lieferte mich dem aus, wovor ich nun noch mehr Angst habe, als jemals zuvor: dem Aufwachen. Denn nun ist da mehr als nur ein schlechter Geschmack im Mund. Es ist der Schmerz, der mir sagt, dass ich all das nicht nur geträumt habe.

 

Die Tage vergehen, wenige nur, und es geht mir von Tag zu Tag schlechter. Je näher der Tag kommt, an dem mein kleines Kind hätte geboren werden sollen, desto mehr fällt mir auf, dass ich zu dünn bin, um ein Kind in mir zu tragen. Langsam, ganz langsam, kriecht mir in meinen Kopf, dass etwas so ist, wie es überhaupt nicht sein sollte. Ich sollte nicht allein sein. Ich sollte nicht nicht schwanger sein. Ich sollte nicht an gar nichts glauben. Und ich sollte nicht den Gasherd aufdrehen. Aber ich bin es. Und ich tue es. Ich schließe alle Fenster und Türen ab und drehte den Herd auf. Dann letzte ich mich davor und starrte hinein. Und dann wartete ich. Ich kann einfach nicht so tun, als sei nichts gewesen. Ich kann nicht meine Tochter verleugnen und ich kann nicht ohne sie weiter leben. Und ich werde nicht mehr lange atmen können. Ich merke, wie das Gas in meinen Körper fließt und mir das Atmen immer schwerer macht. Es benebelt meine Sinne und erschwert meinen Körper. Und dann sinke ich in eine gütige Ohnmacht. Als ich die Augen aufschlage sehe ich in Kirstins Augen. Der Wind weht die Gardinen vom Küchenfenster weg. Die Türe hat ein Loch. Ich versuche mich aufzusetzen, doch Kirstin drückt mit sanft auf den Boden zurück. „Du solltest noch ein wenig liegen bleiben. Ich weiß nicht, wie schwer dich das Gas geschädigt hat. Aber wenn du mich fragst, warst du vorher auch schon recht geschädigt. Warum hast du das gemacht? Ich weiß, das letzte, was du jetzt brauchst, sind Vorwürfe, aber dich umbringen ist doch keine Lösung. Außerdem hat Gott doch Probleme mit Selbstmördern.“ Ich sehe weg. „Ich glaube nicht mehr an Gott.“ Kirstin plumst neben mich auf den Boden. Es ist ein Satz, den sie niemals von mir hören wollte. „Damit zerstörst du ein Weltbild.“, meint sie benommen. Ich schau sie an. „Was machst du eigentlich hier?“, frage ich. Das Gas hat mir doch etwas zugesetzt. Es fällt mir schwer, zu atmen, geschweige denn, zu reden. Sie grinst verlegen. „Im Gegensatz zu dir hat Peter mit mir geredet. Ich wollte mich dir nicht aufdrängen, daher stand ich nicht einfach vor deiner Türe. Ich meine, ich kann mir nicht annährend vorstellen, wie das für dich sein könnte. Aber letztens meinte er, dass ich ein Auge auf dich haben soll, während er weg ist. Er sagte, euer Kind hätte im Laufe dieser Woche geboren werden sollen.“ Ich habe Tränen in den Augen. „Heute“, nicke ich. Von Fern höre ich Sirenen. Kirstin schüttelt den Kopf. „Die Notfallwagen lassen sich aber auch Zeit.“

 

Sie heben mich auf eine Bahre und wollen mich in den Krankenwagen schieben. Da sehe ich ihr Gesicht. Sie versteckt sich hinter einem Baum und beobachtet die Szene. Ich bitte die Leute, stehen zu bleiben und sehe sie an. Wie lang ist es nun her? Knapp ein Jahr? Neun Monate, vielleicht Zehn? Aber ich erkenne sie sofort. Sie lächelt. Ihre Haare wehen im Wind. Sie sieht so friedlich und zufrieden aus. Weil ich in diesem Zustand bin? Ich strecke meine Hand zu ihr aus. Sie zögert einen Moment, aber kommt dann doch langsam auf mich zu. „Zufrieden?“, frage ich sie, obwohl es mir immer noch schwer fällt, zu reden. Sie überlegt kurz und nickt dann. „Es ist gut so.“, sagt sie. „Besser als die Alternative. Und den Rest bekommst du auch hin, wenn du dich drauf einlässt.“ Ihr Optimismus tut mir gut. Er bedeutet, dass sie glaubt. Ich weiß nicht, woran sie glaubt, aber sie scheint aus ihrem Glauben Kraft zu beziehen, so wie ich einmal. Nun glaube ich an gar nichts mehr. Sie dreht sich zum gehen. Ich halte sie zurück. Ich brauche wieder etwas, woran ich glauben kann. Ihr Handgelenk ist so schmächtig, dünn und kühl. Ich sehe sie Hilfe suchend an und sie legt lächelnd ihre andere Hand tröstend auf meine. Trotz der Kühle ihrer Hand hat diese Berührung etwas Beruhigendes. Und ihr Lächeln. Ich werde niemals ihr Lächeln vergessen. Es ist mehr, als nur wohlwollend. Und ihre Augen sind mehr als nur die eines Menschen. Dies ist der Moment, in dem ich mich entschließe, ihr zu glauben und ihr zu vertrauen. Ich möchte ihren Augen vertrauen. Ich ziehe mit einer Hand einen meiner liebsten Ringe vom Finger und lege ihn in ihre Hand. Ich nehme alle Kraft zusammen. Dies ist ein wahrer Neuanfang. „Bitte, erzähl mir von Jehoshua ben Joseph. Ich verspreche, ich werde dir zuhören.“


11.11.08 14:49


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Martin High

Es war drei Monate her. Ich traf sie vor drei Monaten. Es war ein vollkommen normaler Tag, zumindest bis dahin. Ich ging zur Arbeit, wie gewohnt. War fast pünktlich, wie gewohnt. Und ich freute mich am meisten auf die Mittagspause, wie gewöhnlich. Mein Job war gut bezahlt. Aber Bankier war definitiv niemals mein Traumberuf gewesen. Ich wollte etwas anderes machen. Ich wusste nie genau, was, aber ich wusste, dass ich irgendwann dort hin kommen würde. Noch ein paar Jahre als Bankier und dann war ich frei! Ich hatte so viel geplant. Und dann kam sie. Ich saß hinter meinem Schalter. „Wunderschönen Guten Morgen, junge Dame.“, begrüßte ich sie lächelnd. Sie lächelte flüchtig zurück. „Ich hoffe es, Martin.“ Ich blickte einen Augenblick lang verwirrt. Dann fiel mir mein Schild ein und ich lächelte wieder. Das war das, was ich an meinem beruf am meisten hasste: Dauerlächeln. Am Abend bekam ich fast nie meine Lippen vernünftig auseinander. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Mir ist nicht mehr zu helfen.“, meinte sie. Dann sah sie mich einen Augenblick lang ausdruckslos an und fing herzhaft an zu lachen. „Entschuldigung. Irgendwie wollte ich das nur immer schon sagen!“ Ich starrte sie - lächelnd - an. War sie in ihrem Leben noch nie gefragt worden, ob man ihr helfen kann? Wo kam die denn her? Sie seufzte. „Wie auch immer.“, sagte sie. „Ich habe hier etwas für dich.“ Sie holte etwas aus ihrer Tasche. Ich schaute sie verwirrt an. „Der Schalter für Ein- oder Auszahlungen ist dort hinten, ich bin nur …“ Sie sah mich durchdringend an. „Ich habe etwas für dich. Nicht für die Bank.“, sagte sie. Dann fügte sie murmelnd noch hinzu, dass sie hier ja nicht mal ein Konto habe. Dann legte sie einen Foto oder so etwas vor mich. Ich sah sie an. „Also kein Konto?“ Sie schüttelte lächelnd den Kopf und drehte sich zum Gehen. Ich schaute ihr ein wenig nach, bevor ich das Foto annahm. Mir wich alle Farbe aus dem Gesicht. Das Mädchen schien doch freundlich, normal und gut erzogen. Warum hatte sie mir so ein Foto gegeben?! Ich starrte fassungslos darauf. Es zeigte ein Zugunglück. Und mitten drin saß ich. Und ein Teil der Decke raste auf mich zu. Ich hatte keine Chance. Überall Blut und Menschenteile. Mir war schlecht.

„Was sehen Sie sich da an? Soll ich etwa ewig warten? Wer glauben Sie, wer Sie sind?“ Ich schaute auf. Eine ältere Dame starrte hochmütig auf mich hernieder. Ich lächelte sie an. „Vergeben Sie vielmals. Was kann ich für Sie tun?“ Unauffällig ließ ich das Foto in meine Tasche gleiten und machte mich weiter an meine Arbeit.

In der Mittagspause verließ ich meinen Posten und drehte mich noch mal kurz zu meinem Platz um. Mein Blick fiel auf mein Namenschild … merkwürdig … da stand nur M. High …

 

Am Abend schlurfte ich nach Hause, schmiss meine Tasche in die Ecke und lies mich auf mein Bett fallen. Nur ein paar Minuten liegen … nur ein paar Minuten …

Ich konnte am Abend keinen klaren Gedanken fassen. Und als ich am Morgen - im Anzug - wieder aufstand, konnte ich mich an rein gar nichts erinnern. Ich stand auf, schmiss meinen Anzug in die Wäsche, duschte, zog mich an, schaufelte mir Frühstücksflocken rein und schnappte mir meine Tasche. Mit dem Bus fuhr ich die kurze Strecke bis zum Bahnhof und stieg dort in meinen Zug. Es war langsam an der Zeit, mir ein Auto anzuschaffen. Na ja, und vorher eben Führerschein machen. Leider hatte ich mit meinem Geld besseres zu tun und bisher klappte das auch recht gut mit dem Zug … hm … Zug … war da nicht noch was? Ich ließ mich schwer auf meinen Sitzplatz fallen. Ich könnte schwören, da sei was gewesen. Na ja. Erstmal die Dokumente von Gestern einsehen. Ich hatte eine halbe Stunde Zeit. Also: Sachen raus. So müde wie ich war, fielen einige der Dokumente heraus. Darunter auch ein Foto … in dem Augenblick erinnerte ich mich an alles, was gestern geschehen war. Das Mädchen … vorsichtig, als könnte es zerbrechen, nahm ich das Foto hoch. Es schien noch grausamer zu sein, als ich es in Erinnerung hatte. Aber machte es das wahr? Mir schoss ein Schauer über den Rücken. Was, wenn … ich sah mich um. Irgendein Anzeichen, dass es heute so weit war? Ich drehte das Foto um. Dann wieder normal. Da standen Zahlen. Mit viel Fantasie konnte es ein Datum sein. Mit sehr viel Fantasie. Aber was war das andere? Der Lautsprecher knarzte. „Es ist 5 Uhr und 45 Minuten. Nächste Halteselle: Cottbus Hauptbahnhof.“ Ich starrte auf das Foto. 5.30 … Uhrzeit? Konnte das eine Uhrzeit sein? Ich sah aus dem Fenster. Wir waren gerade wieder in bebautes Gebiet gekommen. Gerade waren wir noch über Heide gefahren. Das hieße … heute nicht? Aber Moment. Bleiben wir auf dem Teppich. Warum bitte gehe ich davon aus, dieses Foto könne real sein? Ich meine, das Foto ist vordatiert. Und es zeigt mich. Trotzdem. Ein Schritt nach dem anderen. Halte ich dieses Foto für echt? Nein. Halte ich es für einen Fake? … nein? Ich weiß es nicht. Es müsste doch einer sein. Was, wenn sie aus der Zukunft käme und mich waren wollen würde? Aber Zukunftsmenschen dürfen sich ja nicht einmischen. Das weiß doch jeder. Sonst würden sie die Vergangenheit verändern. Also, ihre Vergangenheit. … na ja, ich glaube, jetzt gehen meine Gedanken mit mir vollkommen durch. Also. Noch mal von Vorne: Foto echt? Nein. Glaube ich dran? Besser nicht. Warum habe ich dann Angst davor, dass es eintreffen könnte? Ich sehe, ich laufe gerade wieder in eine Sackgasse. Also, noch mal! Der Lautsprecher knarzt wieder und meine Haltestelle wird aufgerufen. Endlich wird dieser Gedankenkreis durchbrochen. Ich wollte mich niemals mit so was auseinandersetzen.

 

Und doch sah ich mich vollkommen außerstande mich an diesem Tag von diesen Gedanken zu lösen. Aber sie führten nirgends mehr hin. Immer wieder schaute ich in meinem Kalender nach. 27. Juni. Drei Monate. Ein Arbeitstag. 5 Uhr 30. In der Zeit sitze ich wirklich in dem Zug. Ist es eine zuverlässige Vorhersage? Oder kann man es ändern? Real? Fake? Ich konnte mich nicht von diesen Gedanken befreien. Und sie führten immer ins Leere. Ich konnte und wollte dem Foto nicht glauben. Aber ich konnte es auch nicht einfach ignorieren. Alle Vernunft sprach gegen das Foto. Aber es war da! Es lag vor mir. Und ich konnte nicht sagen, wie wahr es war. Es war doch theoretisch vollkommen unmöglich. Und doch war es da. Und wieder schloss sich der Kreis meiner Gedanken an wieder ein und derselben Stelle. Ich kam nicht voran.

 

Es ging so weiter, dass ich nicht mehr in der Lage war, die Kunden richtig und aufrichtig anzulächeln. Ich war nur noch da und vegetierte vor mich hin. Meine Vorgesetzte bemerkte das und schickte mich für eine Woche in den Urlaub. Und um Arzt. Es war wohl nicht zu übersehen, wie sehr ich neben der Spur war. Nach einer Woche verlängerte ich. Nach zwei Wochen kam ich zurück. Und ich fuhr immer noch mit dem Zug. Ich hatte versucht, meinen Führerschein zu machen, aber es dauerte zu lang. Und so lange ich ihn noch nicht hatte, musste ich nun einmal mit dem Zug fahren. Ich prägte mir das Datum ein: 28. Juni. Dort würde ich nicht zur Arbeit erscheinen. Egal, ob es wahr war, oder nicht. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Und so vergingen die Tage. Und die Wochen. Und die Monate. Und schließlich war ich in der entscheidenden Woche. Wie all die Zeit nach dem Treffen mit dem Mädchen war es mir unmöglich, die Zugfahrt zu genießen. Es ruckte und der Zug fuhr los. Ich saß, wie auf heißen Kohlen und ich konnte mich irgendwie nicht beruhigen. Unruhig sah ich mich im Zug um. Mein Blick flitze überall umher. Ich atmete tief durch und sagte mir, mich zu beruhigen. Es konnte nichts passieren. Ich wippte unruhig mit den Beinen. Dann musste ich fast lachen. Das Mädchen dort vorne sah fast so aus wie das Mädchen mit den Fotos. Wie lustig. Sie sprach einen Fahrgast an. Ich beobachtete die beiden. Er schien sehr genervt auf sie zu reagieren. Dann gab sie ihm etwas. Zwar nahm er es nicht an, aber sie gab es ihm zumindest. Sie ging - sichtlich verärgert - weiter. Dann drehte sie sich wieder zu dem Mann um. Daraufhin sprang er auf und rief ihr etwas sehr unhöfliches hinterher. Was sie wohl besprochen hatten? Das Mädchen ging weiter den Gang entlang. Mit jedem Schritt, den sie mir näher kam, wurde ich bleicher. Sie sah nicht aus, wie das Mädchen, sie war das Mädchen. Sie kam an mir vorbei und lächelte mich an. „Hallo Martin. Wie geht’s dir?“ Ich starrte sie an. Die konnte vielleicht Fragen stellen! „Du … bist doch … dieses Mädchen“ sie lächelte verlegen „Schuldig, ja. Ich bin das Mädchen, das neulich kein Konto eröffnen wollte.“ Ich musste unwillkürlich grinsen. „Das meinte ich eigentlich nicht.“, sagte ich. „Ich weiß“, antwortete sie. „Das Mädchen mit dem Foto.“ Sie nickte - sichtlich unglücklicher über diese Betitelung. Ich schüttelte den Kopf. „Du hast mich mit dem Foto echt durcheinander gebracht.“ Sie sah sich um. „Trotzdem bist du hier.“ Ich lachte. „Ja, klar. Aber morgen sicher nicht.“ Sie schaute mich sichtlich irritiert an. „Morgen?!“ „Ja“, antwortete ich zögerlicher. „Das Unglück passiert doch erst … morgen, oder nicht?“ Sie sah mich nun vollkommen entgeistert an. „Was bist du den für ein Bankier?!“ „H … heute?“, zitterte ich. „Natürlich heute! Frag ihn!“ Sie zeigte hinter sich. Ich folgte ihrem Fingerzeig und blickte auf den alten Mann, den sie angesprochen hatte. Er starrte zurück. Es war klar. Wir müssen definitiv reden!

 

Er aber setzte sich - sichtlich genervt - wieder zurück auf den Sitz. Ich stand auf und ging zu ihm. Das Mädchen war weg. An seinem Sitz beugte ich mich und hob das Foto auf. Es war eindeutig so ein Foto, wie ich bekommen hatte. Der Mann sollte sich aufhängen. „Ich muss mit Ihnen reden.“, begann ich. Der Mann legte - sichtlich genervt - seine Zeitung nieder und starrte mich an. „Was wollen Sie? Machen Sie’s kurz.“, raunzte er mich an. „Das Mädchen, das gerade mit Ihnen geredet hat - es ist gefährlich.“ Es stimmte so nicht ganz, aber es war alles, was mit in dem Moment einfiel. Er lachte. Ich war froh, dass er das nicht so ernst nahm. Aber was er dann sagte, ging eher so dem entgegen, was ich meinte: „Nervtötend, aber nicht gefährlich.“, sagte er. Ich biss mir auf die Zähne. „Sie sagte mir, ich würde heute sterben.“, erzählte ich. „Na, mein Beileid, aber das ist Ihr Problem.“, meinte der Mann. Ich war kurz davor, ihm eine rein zu hauen. Aber vielleicht hatte er eine Information, die ich brauchte. Eine Information, die mir fehlte. „Sie hat mir ein Foto gegeben, das ein Zugunglück zeigte.“, erzählte ich weiter - dass ich zu blöd war, mir das richtige Datum zu merkten, musste er ja nicht unbedingt wissen. Dieser Penetrante Kerl meinte wiederum, dass es mein Problem war. Ein sehr ungenießbarer Zeitgenosse. Mir platze der Kragen. Mit einer gespannten Ruhe erklärte ich ihm, dass er sich in Kürze Erhängen würde. Nun war er genau so wütend wie ich. Ich zeigte ihm triumphierend sein Foto. Dann kam ich zum zentralen Punkt: „Hat sie Ihnen noch irgendetwas dazu gesagt?“ Der Mann verdrehte die Augen. Dann schaute er mich an. Er merkte, wie erst mir die Frage war. Er wurde bleich. Ich hakte nach und er flüsterte nur dieses eine Wort: „Handbremse“

 

Wie auf ein Kommando sprangen wir beide in unterschiedliche Richtungen davon. Ich traute mich nicht einmal, auf die Uhr zu sehen. Meine Zeit lief ab. Soviel war sicher. Ich rannte. Da war sie! Die Handbremse! Ich rannte schneller. Ich griff sie und riss sie beinahe ab. Es half nichts. Die Räder blockierten nicht, es war zu spät. Es fuhr noch einen Augenblick lang weiter, dann Ruckte es so heftig, dass ich von den Beinen gezogen wurde. Hart kam ich mit meinem Kopf auf. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden und schaute herauf. Menschen schrieen, brüllten, versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Aber es gab nirgendwo einen sicheren Ort. Nicht in diesem Zug. Ich rappelte mich hoch und warf einen flüchtigen Blick auf meinen Platz. Ein Stück war aus der Decke gebrochen und war auf meinen Platz gefallen, auf  dem ich nur wenige Minuten zuvor gesessen hatte. Ich wurde bleich. Sollte das heißen, dass ich überleben würde? Es ruckte wieder und ich wurde erneut von meinen Beinen gerissen. Ich kam hart auf, aber ich grinste. Eigentlich konnte ja nichts mehr passieren, oder? Ich meine, das, was auf dem Foto abgebildet war, war nicht eingetroffen. Ich kroch ein wenig weiter. Ich wollte nicht wieder von den Beinen gerissen werden. Also robbte ich mich weiter vor. Warum? Ich weiß es nicht. Ich hätte doch auch einfach hinter den Sitzen bleiben können. Als ich aufsah, kam mir einer der Zugsitze entgegen. Ich starrte ihn an. Er traf mich hart am Kinn, mein Kopf schlug in meinen Nacken. Ein lautes Knacken folgte. Und dann nichts mehr.

22.11.08 12:02





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