Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   Mein Blog
   Das Spruch-Archiv

Webnews



http://myblog.de/todesbotin

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Melissa Turner

Das eigentliche neue Kapitel wurde - aufgrund geschichtsinterner chronologischer Prombleme - mit dem Kapitel des 22.06.08 vertauscht.

Meine lieben Hinterbliebenen,

ich weiß, mein Tod hat euch sehr getroffen, denn ich sah, wie ihr bei meiner Beerdigung Meere aus wahren Tränen weintet, aber ich möchte euch beruhigen. Es gibt keinen Grund, um mich zu trauern. Ich hatte ein schönes Leben. Ein kurzes zwar, doch sehr erfüllt. Und mein Tod, auch, wenn es euch wie ein Unfall vorgekommen mag, war meine eigene Schuld, denn ich wusste bereits zuvor, dass ich an jenem Tag auf jene Weise sterben würde. Davon möchte ich euch in diesem Brief erzählen.

 

Es begann damit, dass ich dieses Mädchen traf, Miraluna, wie ich später erfuhr. Sie schien so brav und lieb, ich hätte nie gedacht, dass sie derartige Nachrichten verbreitet, doch so war es. Ich traf sie im Park, als ich ein wenig frische Luft schnappen wollte. Alexa wird sich noch daran erinnern, denn sie sagte, dass ich an jenem Tag bleicher gewesen sei, als ich wieder gekommen war (für alle, die es nicht wissen: Alexa ist meine Mitbewohnerin und -studentin. Die mit den wahnsinnig langen Haaren.) Ich habe ihr nie erzählt, was genau geschehen ist, weil es mir zu unwirklich und unnatürlich war, aber das möchte ich nun nachholen. Das Mädchen kam mir im Park entgegen und als sie an mir vorbei ging, war irgendetwas, was mich dazu brachte, mich zu ihr umzudrehen. Sie stand schon mir zugewandt und beobachtete mich. Einige Zeit, es kam mir ewig vor, standen wir nur da und schauten uns an. Dann begann sie zu sprechen. „Melissa“, sagte sie. „Ich muss dir etwas geben.“ Ich drehte mich vollends zu ihr um und starrte sie ungläubig an. Ich hatte ihr Gesicht noch nie gesehen, das wusste ich. Dann kam sie auf mich zu und gab mir ein Foto. Erstaunt sah ich es an. Es zeigte mich, blutüberströmt in einem dunklen Keller. Als ich aufsah, um sie zu fragen, wer sie sei und was das wäre, war sie bereits verschwunden. Lange machte ich mir Gedanken über sie. Wer sie war, was sie tat, was das Foto bedeutete. Doch bis kurz vor meinem Tod blieben diese Fragen unbeantwortet. Ebenso machte ich mir lange, auf Kosten meiner Leistungen beim Studium, über das Mädchen Gedanken. Aber ich kam nicht zum Schluss und drehte mich immer nur im Kreis. Sei sie eine Außerirische, der Todesengel, jemand aus der Zukunft, eine Hexe? Was bedeuteten die Fotos, warum sagte sie es nicht einfach? Hätte ich es geglaubt, wenn sie es mir gesagt hätte? Glaubte ich ihr nach dem Foto? Das Foto. Nach einer Woche fand Jenna (Mitbewohnerin mit den kurzen Haaren) das Foto. Was sie an meiner Unterwäscheschublade wollte lassen wir mal beiseite, aber dadurch wurde sie meine Vertraute in der Sache. Sie schwor, niemandem davon zu erzählen, was wir besprachen, aber nun, Jenna, erlaube ich dir diesen Schwur zu brechen. Ich bin tot, es ist zu spät um etwas zu ändern, daher dürfen sie auch alles erfahren. Wie wir uns nächtelang darüber den Kopf zerbrochen haben, was das Foto bedeuten würde, wann es so weit wäre und wo es wäre. Ich denke, das interessiert einige, aber in diesem Brief möchte ich das nicht ausführen.

 

Etwa ein Monat war vergangen, bis ich dann starb, und das möchte ich euch gerne erklären. Es war ja recht warm und ich war wieder auf einen Spaziergang. Dieses Mal in dem Stadtnahen Wald. Dort sah ich einen kleinen Fuchs. Füchse sind in unseren Wäldern eigentlich ziemlich selten, zumal bei Tag. Und oh, Füchse sind unsagbar niedlich. Ich folgte ihm inner tiefer in den Wald, bis in die Nähe eines Flusses. Dort knarrte es unter meinen Füßen und bevor ich wusste, was geschah war ich durch eine Decke in einen Schacht oder so etwas gefallen. Eine alte Miene, nehme ich an, oder ein sehr kleines, altes Gebäude, das verschüttet war. Verschüttet, hoch und ohne einen anderen Ausgang, als durch den ich hineingefallen war. Doch um dort wieder heraus zu kommen, dafür war ich zu klein. Was mich natürlich in keinster Weise davon abhielt, es zu versuchen. Doch zuerst lag ich einige Minuten bewusstlos auf dem Boden. Ich war hart aufgeschlagen. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich verständlicher Weise Kopfschmerzen, und nach und nach bemerkte ich auch die anderen Wunden, die ich hatte. Als ich durch die decke gefallen war, hatte ich mir viele Holzsplitter zugezogen. Die größten von ihnen zog ich mir hinaus. Eine ziemliche Leistung für jemanden wie mich, der bekanntermaßen nicht einmal eine Impfung bekommen will.

 

Ich entschloss mich, die Splitter und die Schmerzen zu vergessen und zu versuchen aus der misslichen Lage heraus zu kommen. Ich schaute mich um, doch fand nichts als Geröll um mich herum, dass ich unmöglich wegschaffen konnte. So blieb der einzige Weg nach draußen der, der sich etwa vier Meter über mir befand. Vielleicht auch drei, ich bin nicht gut im Schätzen, auf jeden Fall war es für mich sehr hoch. Ich versuchte es mit strecken, springen, klettern und mit einer Konstruktion, die vielleicht an eine Leiter erinnerte. Es war nichts von Erfolg. Als ich nach oben kletterte, es war mein letzter Versuch, rutschte ich auf halben Weg ab und fiel hart auf den Boden. Erneut verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, saß jemand neben mir auf einen Stein und beobachtete mich. Habe ich mich gefreut! Aber es war nur von kurzer Dauer.

 

Ich raffte mich auf und reichte ihm fröhlich die Hand, begrüßte ihn. Er aber beobachtete mich nur und sagte kein Wort. Mir wurde ein wenig schwindelig, aber ich fing mich wieder und legte meinen Kopf schief. Er schüttelte seinen und sagte, ich solle das nicht machen. Ich überging das und sagte ihm, wie ich mich freuen würde, dass er da sei, denn so könnten wir es hier heraus schaffen. Er schüttelte erneut den Kopf. „Sicher nicht. Ich bin dir keine Hilfe. Siehst du?“ Damit schlug er mich auf die Schulter. Ich zuckte zusammen, aber der erwartete Aufprall blieb aus. Stattdessen ging seine Hand durch mich hindurch. Ein Geist, war mein verständlicher Gedanke. Ich verzog mich also in die hinterletzte Ecke der Höhle. Er schaute mich verständnislos an. „Seid ihr Menschen immer so?“ Ich legte wieder meinen Kopf schief. „Um Gottes Willen, Lass das endlich!“, schrie er. Ich zuckte zusammen und stellte meine Frage, wie lange er schon ein Geist sei, hinten an und fragte stattdessen, warum. Die Antwort überraschte mich. Er sagte mir, er sei gar kein Geist, zumindest in dem Sinne, sondern der Todesengel. Nichts, was meine Laune oder meine Angst auch nur in kleinster Weise verbesserte. Ich saß mit dem Todesengel gefangen in einer kleinen Höhle aus Erde und Holz und wartete anscheinend darauf, dass er mich mitnahm.

 

Aber diese Zeit nutze ich, da ich ja nicht entkommen konnte,  recht sinnvoll: Ich fragte ihn aus. Und das werde ich nun auch etwas genauer erzählen, damit auch ihr, meine Hinterbliebenen, dieses Wissen habt. Ich erfuhr zum Beispiel, dass er bei einem normalen Menschen unsichtbar wäre. Bei Menschen wie mir, die in Kürze sterben, war er sichtbar, aber nicht stofflich, und je näher mein Tod rückte, desto stofflicher wurde er. Sinngemäß. Wörtlich sagte er etwas wie „desto mehr gleichen sich die Zustände der Menschenseelen und meines Selbst einander an, bis wir uns auch berühren können und ich damit die Seele und den Körper trennen kann und ersteres mit mir mit führe.“ Wir schwiegen eine Weile. „Du wartest jetzt also mit mir darauf, dass ich sterbe, stimmt das so? Machst du das öfter?“ Er nickte. „Normalerweise nehmen mich die Menschen aber später wahr als du. Wärst vermutlich ein gutes Medium.“ Ich überging das. Erstmal. Nach einer Pause kam ich doch darauf zurück. „Könnte sein. Ich habe nämlich neulich einen Geist gesehen, der mir gesagt hat, dass ich sterben würde.“ Er lachte. Es war ein herzhaftes Lachen, wie es es in dieser Welt wohl kaum noch gibt. „Wie kommst du darauf, dass sie ein Geist ist? Sie ist ein Mensch. So wie du.“ Nach einer Pause fügte er noch „Na ja, zumindest so ähnlich.“ hinzu. Ich fragte ihn, ob er das Mädchen kenne und beschrieb es mit einigen Worten. Er nickte. „Natürlich kenne ich sie. Sie ist meine Schwester.“ Ich schwieg. Das Märchen war die Schwester des Todesengels. Das musste erstmal realisiert werden. „Und was ist sie, wenn sie kein Geist ist?“ „Das ist schwierig zu sagen, besonders so, dass ihr Menschen es versteht. Für mich ist sie einfach meine Miraluna.“ „Miraluna … ist das ihr Name? Ich habe so einen noch nie gehört. Und wie heißt du?“ „Ihr Name ist ja auch sehr alt. Und meiner lautet Azrael.“ „Azrael … wie der Engel.“ Er lachte wieder herzhaft. „Ich hatte meinen Namen zuerst.“, grinste er. Wir schwiegen wieder eine Weile. Dann legte ich den Kopf wieder schief und fragte, wie er zum Todesengel und seine Schwester zu … was immer sie auch war geworden wären. Er jedoch pfiff mich wieder an, meinen Kopf still zu halten. „Bei deinem Sturz vorhin hast du einen Splitter in deinen Hals bekommen.“, erklärte er. „Bei deinem zweiten Sturz hat sie dieser Splitter tiefer in deinen Hals gebohrt und jedes Mal, wenn du deinen Kopf bewegst, bewegt sich auch der Splitter und lässt Blut frei.“ Ich wurde bleich und tastete nach meinem Hals. Tatsächlich war dort ein Splitter. „Nicht rausziehen“, meinte Azrael. „Sonst verblutest du definitiv.“ Ich verkniff mir ein Nicken und wiederholte meine Frage. „Warum seid ihr beiden, was ihr seid?“ Azrael grinste. „Das ist eine lange und recht komplizierte Geschichte. Die Kurzfassung ist, dass wir rekrutiert wurden. Erst ich, dann meine Schwester.“ „Warum macht deine Schwester so was? Warum erzählt sie Menschen, wie sie sterben?“ „Das hat sie selbst gewählt.“ Irgendwie wirkte er traurig, als er davon erzählte. „Diese Gabe hatte sie schon immer. Sie war seit ihrer Geburt etwas Besonderes. Ich konnte nur nicht sterben“, fügte er mit einem Grinsen hinzu. „Miraluna jedoch konnte immer schon den Tod von anderen Menschen vorher sehen. Und sie hat es von Anfang an dazu genutzt, um andere Menschen zu warnen. Aber nie hat jemand auf sie gehört. Und als jemand auf sie hörte, wurde sie ein Wesen zwischen Leben und Tod, genau wie ich es bin.“ Er lachte verkniffen. „Ich habe nicht viel mit euch zu tun. Mir seid ihr egal. Ich hole euch nur, wenn ihr bereits gestorben seid. Sie aber wird von euch mies behandelt. So viele von euch verfluchen sie mit den letzten Atemzügen. Ich war schon so oft dabei.“ Ich wollte ihn fragen, ob sie ihm alles bedeutet. Ich legte den Kopf schief. Azrael stürzte nach Vorne und rückte meinen Kopf in die Ausgangsposition. „Lass das, sagte ich!“ Dann schauten wir uns einen Augenblick an. Seine Hände lagen kühl auf meinen Wangen. Sie hatten keinerlei körperliche Wärme. Ich konnte sie spüren! Er bemerkte es auch. Langsam lies er meinen Kopf wieder los. „Es ist zu spät, nicht wahr?“, fragte ich. Er schaute zur Seite und nickte. „Es dauert nur noch wenige Minuten, dann bist du tot.“ Ich lächelte. Irgendwie machte mir das nichts aus. Es macht mir auch jetzt nichts aus. Ich lächelte. „Dann nimm mich mit. Ich denke, ich bin bereit. Und ich werde deine Schwester sicher nicht verfluchen.“ Nun lächelte er, kam auf mich zu, legte mir seine Hand auf die Brust und küsste mich auf die Stirn. In dem Moment fühlte ich mich unsagbar frei und glücklich. Es war, als würde ich von meinem erkaltenden Körper in ein wohlig warmes und schützendes Licht gehen. Keine Sorgen, kein Kummer. Nur reine Freiheit.

 

So starb ich. Ohne Groll oder Kummer in meinem Herzen. Es war wirklich der Frieden, den man sich im Tode erhofft.

Ihr seht also, mir geht es gut. Ihr braucht nicht um mich trauern. Denn der Tod ist nichts Grausames. Nun geht zurück in euer Leben und genießt es. Aber vergesst mich nicht, das ist mein letzter Wunsch.

In Liebe,

eure Melissa Turner

11.12.08 16:33


Werbung


Kassandra Pet

Nimmst du dir vielleicht ein wenig Zeit für mich? Ich möchte dir gerne etwas erzählen. Meine Geschichte ist nicht lang. Aber sie ist voll mit Situationsironie und verpassten Chancen. Vielleicht liegt es an meinem Namen? Kassandra. Im alten Griechenland war diese meine Namensgeberin eine Unglücksbotin. Es heißt, sie sagte Überflutungen und Erdbeben voraus. Was immer Menschen dahin raffte, sie hatte davon bereits gesprochen. Nein, dieser Name bringt kein Glück. Nicht einmal der Trägerin. Niemandem.

 

Was meine Eltern sich wohl dabei gedacht hatten? Kassandra Maria Pet … eine ungeschicktere Namenskombination gibt es wohl nicht. Maria, der Name der heiligen Mutter und Kassandra als Name der frevelhaften Gottlosen. Trotzdem hoffte ich lange Zeit, dass sich die Bedeutungen und Schicksale dieser Namen vielleicht aufheben mögen, damit ich ein wenigstens einigermaßen normales Leben führen könnte … doch danach sah es nicht aus.

Immer wieder wurde ich verletzt und enttäuscht. Und selbst die schönsten Augenblicke konnte ich nicht genießen, ohne Angst vor etwas zu haben, was danach kommen würde. Zum Beispiel mein 18. Geburtstag - endlich volljährig und kurz vorm Ausziehen. Bevor ich wusste, was geschehen war, war mein Vater bei einem Autounfall gestorben. Und meine Mutter hatte ich nie kennen gelernt. Ich wurde zu einer Tante verfrachtet, die mich ziemlich deutlich spüren ließ, dass ich unerwünscht war. Ich zog aus und lies sie weit hinter mir zurück. Ich brach die Schule ab, suchte mir einen Job, dann einen Ausbildungsplatz und eine kleine Wohnung. Ich brach alle Kontakte ab und zog mich in meine Welt zurück um nicht wieder verletzt zu werden. Ich war allein. Und trotzdem hoffte ich, es irgendwie hinzubekommen.

 

Ich hatte mir früher oft überlegt, was einmal aus mir werden sollte und ich war sicher: Ich wollte unbedingt Architektur studieren! … auch, als ich hinter der Bäckereitheke stand, tat ich überzeugt, dass ich diesen Wunsch eines Tages wahr machen würde: Ich würde Architektin werden!

Doch die Jahre vergingen und ich fand den Weg nicht. Ich sollte es nicht schaffen. Und irgendwo, tief in mir, wusste ich das auch. Es war kein gutes Leben, das ich führte. Sicher nicht. Und es gab so wenig, was mir Freude machte. Und doch schien mein gesamtes Leben auf diesen einen Moment hinzuführen, wo dieser eine Mensch in die Bäckerei kam, in der ich arbeitete.

 

Als erstes fielen mir die zärtlich-scheuen blauen Augen auf, die unter den braunen Haaren hervorguckten. Es schloss sich ein Traumkörper in einer vornehmen Verpackung an. Wir verstanden uns auf Anhieb. Und doch bestellte er nichts weiter als ein mit Käse belegtes Brötchen, einen heißen Milchkaffee zum mitnehmen und fünf Quarkinis. Sonst sprach er kaum ein Wort. Trotzdem fühle ich mich von ihm angezogen und freute mich unglaublich, als er am nächsten Morgen wieder vor der Theke stand. Seit dem kam er regelmäßig und ich konnte es kaum erwarten. Und doch sprach er so wenig wie am ersten Tag. Irgendwann sogar weniger, denn ich brauchte nur wenige Tage um mir sicher zu sein, dass er immer das Gleiche bestellen würde. Und irgendwann hatte ich schon fast die Tüte gepackt, als er zur Türe hinein kam.

Aber er lud mich nie ein. Er sprach auch nicht viel mit mir, sondern bestellte einfach nur sein Essen und zog wieder ab. Ich hingegen musste immerzu an ihn denken. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm nicht so ginge wie mir. Es war dieses deutliche Gefühl, dass wir zusammen gehören. Das musste er doch auch fühlen.

 

Und doch schien er weiterhin nichts unternehmen zu wollen, um unsere geschäftliche Beziehung auf eine neue Ebene zu heben. Mir hingegen reichte es! Ich wollte das ändern! Als steckte ich ihm eines Tages heimlich einen Zettel in die Tüte. Eigentlich wollte ich ihn dem ja mitsamt den Kassenbon geben, aber als ich mir das vorgenommen hatte, meinte er anscheinend, den Bong nicht mehr zu brauchen. Also lies ich meinen kleinen Zettel einfach mit in die Tüte fallen.

 

Als er das erste Mal kam, war ich unglaublich gespannt. Doch er verlor kein Wort darüber. Er bestellte nur wie immer und bezahlte. Ich fing schon an, zu glauben, dass er den Zettel gar nicht bekommen hatte. Doch da fiel mir der Zettel auf, der zwischen dem Geld lag. Ich grinste leise in mich hinein, sortierte das Geld in die Kasse, steckte den Zettel ein und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Er lächelte, nickte, und ging. Kaum aber hatte er mir den Rücken zugedreht, riss ich den Zettel weder hervor und las ihn. Die anderen Kunden konnten warten! Ich hielt es vor Spannung nicht mehr aus! Auf dem Zettel stand: „Ich würde mich sehr freuen, mit Ihnen aus zu gehen. Ich hoffe, Donnerstag ist Ihnen recht. Ich werde ab 19 Uhr im Cafe Calladium auf Sie warten. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich Sie dort antreffen werde!“ Ich machte einen Luftsprung vor Glück und Freude. Fast einen Meter in die Luft. Egal, was an diesem Donnerstag geplant war, es wurde definitiv verschoben! Jetzt musste ich nur noch herausfinden, wo genau das Calladium lag …

 

Das Calladum war ein Cafe, eher ein Restaurant, in der vornehmsten Gegend. Ich kam mir sehr fehlplaziert vor, denn ich gehöre einfach nicht zu den Menschen, die sich in derartigen Cafes etwas leisten kann. Doch dann entdeckte ich ihn, George, und meine Angst, meine Bedenken und meine Zweifel waren wie weggeblasen. Er gehörte hier her. Und ich gehörte zu ihm.

Die Zeit mit ihm war einfach traumhaft. Wir verstanden uns tatsächlich wunderbar, sogar noch besser als zunächst erwartet. Und noch bevor der Abend um war, hatten wir uns zu einem weiteren Treffen verabredet. Dann zu einem dritten. Zu einem vierten. Es hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann waren wir fast täglich zusammen. Er brachte Licht in mein einsames Leben.

Mit ihm fühlte sich alles richtig und gut an. Und ich brauchte Abwechslung in seine Tage.

Bald wurden wir zu einem festen Paar und irgendwann zogen wir auch zusammen. Die benimmlose Weise und der erfolgreiche Unternehmer. Viele meinten, dass wir nicht zueinander passten. Ich war manchmal auch darunter. Ich hatte das Gefühl, ich würde ihn und mich blamieren und er müsse sich doch für mich schämen. Oder er könnte denken, dass ich nur wegen seinem Geld mit ihm zusammen war. Aber wann immer ich anfing, mich von ihm abzugrenzen und vor Angst fliehen wollte. Wann immer mir solche Gedanken in den Kopf schlichen, war er da. Er nahm mich in den Arm und hielt mich ganz fest. Dann wusste ich immer, dass alles richtig und gut war. Nichts konnte mich in solchen Momenten daran zweifeln lassen.

 

 

Ich genoss die Zeit mit ihm. Er bot mir eine Seite des Lebens, die ich niemals gekannt hatte. Er beschenkte mich, nahm mich mit in den Urlaub. Und schließlich kam der Tag, an dem er mir Frühstück ans Bett brachte. Das hatte er zwar schon einige Male gemacht, aber dieses Mal war es wirklich besonders. Zu unserem dritten Jahrestag, wie er sagte. Das Brötchen hatte er schon aufgesägt, Marmelade und Käse standen auch dort. Und warmer Kaffe und Butter. Ich grinste ihn an und meinte, dass er die Brötchen hoffentlich bei uns im Laden gekauft hatte. Er lachte. Dann nahm ich die obere Hälfte vom Brötchen und starrte auf einen Zettel. Ich faltete ihn auf und es fiel ein Wahnsinns Ring heraus. Auf dem Zettel aber standen nur diese vier Worte: „Willst du mich heiraten?“

 

Einen halben Monat später, begannen wir mit den Hochzeitsvorbereitungen. Und mit der Planung unseres Halbjahresurlaubes. Denn er fuhr immer zwei Mal im Jahr mit mir in den Urlaub. Diese Mal sollte es in die Alpen gehen. Ein Traum für mich. Ich ging an dem Tag ein wenig shoppen. Ich brauchte noch einen Schneeanzug, Skier, Dessous … alles, was man für einen kalten Winterurlaub mit seinem Verlobten eben braucht. Nach getaner Arbeit setzte ich mich in ein nettes, kleines Cafe und genoss einen heißen Tee. Das war der Moment, an dem ich sie traf. Sie setzte sich mit einem kleinen Gruß zu mir an den Tisch. Ich dachte, ich seh nicht recht. Aber sie quatschte mich einfach voll, schon mir einen Zettel zu und wollte wieder gehen. Als letztes sagte sie nur: „Fahr nicht in die Alpen. Denn so, wie jetzt, kommst du nicht mehr zurück.“ Ich lachte und fragte, wer sie sei und ob sie eine neumodische Kassandra sei. Daraufhin sah sie mich einen Augenblick lang irritiert an und sagte etwas, was ich wohl niemals vergessen werde.

 

Als sie weg war, wollte ich den Zettel lesen. Aber es war keine Nachricht, es war ein Bild. Es zeitige mich, umgeben von … nichts! Reinem, weißen, Nichts. Ich drehte das Bild wieder um, gezahlte und ging. Doch auch, wenn ich mit dem Bild nichts anfangen konnte, so gingen mir ihre Worte nicht aus dem Kopf … ich würde nicht so wie ich in die Alpen gegangen war zurückkommen. Was das wohl bedeuten sollte? Es war etwas Unheilvolles, Bedrohliches in ihrer Voraussage. Doch was sollte es heißen?

 

In der Nacht lag ich lange wach und als ich endlich eingeschlafen war, jagte mich ein Alptraum, bis ich schreiend hochfuhr. George schaute mich verschlafen und verständnislos an. Ich konnte nichts sagen, ihm nicht dabei helfen, zu verstehen. Ich konnte ihn nur darum bitten, nicht in die Alpen zu fahren. Ab dem Moment war George hellwach und fragte mich, warum. Ich erklärte ihm, dass etwas Schreckliches dort geschehen würde und erzählte ihm von dem Mädchen und von dem, was sie gesagt hatte. Er aber schaute nur verständnislos und legte dann seinen Arm um mich. Er küsste mich und sagte: „Das kann so vieles bedeuten, nicht nur Schlechtes!“ Bei den Worten küsste er mich meinen Körper hinab, bis er an meinem Bauch angekommen war. Dort sah er vielsagend zu mir hinauf. Allein mit diesem Blick zerstreuten sich alle Sorgen und Zweifel. Wenn dies die Verheißung war, so würde mich garantiert nichts davon abhalten können, in die Alpen zu fahren!

 

Erst am Flughafen kamen die Zweifel zurück. Und zwar mit einer gigantischen Wucht. Was, wenn diese Voraussage doch so düster war, wie ich es vermutet hatte? Was, wenn mir etwas im Urlaub zustoße? Doch als ich George fragte, nahm er mich nur in den Arm und küsste mich. Dieses Mal jedoch reichte es mir nicht. Es war sogar unangenehm. Es war, als wäre er der Überzeugung, dass sich alle meine Probleme mit einer simplen Umarmung lösen ließen! Doch das war nicht so. Ich hatte wirklich Angst! Und ich hatte das Gefühl, er würde das nicht ernst nehmen. Er lächelte auf mich hinab und versprach mir, persönlich auf mich acht zu geben. Und dann versprach er mir, dass er mich, wenn er mich aus den Augen verlöre, alle Viertelstunde anrufen würde. Schließlich habe er mir dafür ja auch das Handy geschenkt. Das beruhigte mich wieder ein wenig. Denn bisher hatte er all seine Versprechen gehalten. Also flog ich mit ihm in die Alpen.

 

Anfangs lief alles gut. Wir wichen einander nicht eine Minute von der Seite, und falls ich doch einmal eine andere Bahn nahm, als er und wir so getrennt wurden, rief er mich auf die Sekunde genau nach fünfzehn Minuten an. Ich ging ran und wir wechselten ein paar liebevolle Worte. Es schien alles gut zu sein. Und doch war es die bescheuertste Idee, die ich jemals gehabt hatte!

 

Meine Geschichte ist fast zu Ende. Denn ich befinde mich in einem Eisklopps. Ich weiß nicht einmal mehr genau, wie das gekommen ist. Ich war mir George auf der Piste. Er fuhr, ich sagte, ich traue mich die Strecke nicht. Er meinte, er würde unten bei den Lifts auf mich warten oder mich dann in einer Viertelstunde anrufen und fuhr los. Ich sah ihm nach, fuhr zu einer anderen Piste, verlor irgendwie die Kontrolle über meine Skier, fuhr durch den Wald, wobei es reines Glück war, dass ich gegen keinen der Bäume fuhr, bis ich an einen unglaublich steilen Hang kam. Egal, wie sehr ich es versuche, es gelang mir einfach nicht, stehen zu bleiben.

Dann, endlich, im Schnee des steilen Hanges, wurde ich langsamer, bis ich schließlich stehen blieb. Unter mir bröckelte etwas Schnee und machte sich auf seinen tiefen Weg nach unten. Doch durch mein gewicht bildete sich eine Kuhle im Schnee, die immer wieder nachrutschte. Und plötzlich rutschte der halbe Berg nach. Bevor ich mich versah, war ich umgeben von kaltem Schnee. Ich versuchte noch irgendwie über dem Schnee zu bleiben, doch er drückte mich gewaltsam herunter. Ich ertrank in einem weißen Meer von Nichts.

 

Nun, genau genommen, bin ich nicht ertrunken, sondern nur darin versunken. Aber das macht die Sache kein Stück besser. Ich bin nun schon eine halbe Ewigkeit hier eingeschlossen. Ich friere, als wäre ich am Nordpol. Und zwar nur im Bikini. Es ist schrecklich. Da! Mein Handy klingelt. George! Ich müsste ran gehen, ihm sagen, wo ich bin, dass er mich hier raus holen soll. Aber ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht heran gehen. Oh, Gott, bitte, lass ihn nach mir suchen! Wenn ich nicht dran gehe, muss er sich doch Sorgen um mich machen. Bitte, Gott, lass ihn nach mir suchen!

 

Zehn Minuten später klingelt mein Handy wieder. Fünf Minuten. Er ruft immer und immer wieder an. Spinnt er? Wenn ich einmal nicht drang gegangen bin, weil ich in einer Lawine stecke, werde ich das zweite Mal wohl auch nicht dran gehen. Und das dritte Mal auch nicht. Er sollte mich lieber suchen! Denn ich kann nicht ans Handy gehen. Aber wenigstens sorgt er sich wirklich um mich. Ich wäre wirklich seine Cinderella gewesen, nicht wahr? So, wie sie mich begrüßt hat, nicht wahr? „Hallo Cinderella“, hatte das fremde Mädchen doch gesagt. Ja, Cinderella. Die Weise, die ihren Prinzen findet und mit ihm für den Rest ihres Lebens glücklich ist. Ich bin plötzlich wieder zurück an jenem Tag, an dem ich ihr begegnet bin. Es ist, als würde ich uns beobachten. Ich hätte ihr zuhören sollen! Sie hat so viele Dinge gesagt, die mir hätten helfen können. „Träume sind schön, doch man darf nicht den Fehler machen, und über diese die Augen zu verschließen.“ Ich hätte auf mein Gefühl trauen sollen. „Er liebt dich und er würde dich um jeden Preis suchen. Doch er ist ein Mann! Er käme zu spät. Eine halbe Stunde zu spät!“ Ich zittere. Hat sich mein Schicksal in dem Moment entschieden, in dem ich in dieses Flugzeug stieg? Plötzlich schaut sie mich genau an. Mich, die die ich jetzt bin, die, die beobachtet, die nicht in dieser Erinnerung lebt! Wie kann das sein? Doch sie schaut mit genau in die Augen. Sie sieht mich. „Doch er hatte auch Recht. Du bist …“ Sie legt ihre Hand auf meinen Bauch. Eine andere Erinnerung blitzt kurz auf. Wie er meinen Bauch küsst und mich anblickt. Ich bin … schwanger? Dann bin ich wieder in der alten Erinnerung. Wie ich sie zurückrufe und sie frage, ob sie eine neumodische Kassandra ist. Sie schaut mich überrascht an. „Warum neumodisch? Ich bin die älteste Kassandra. Mit mir hat der Fluch dieses Namens den Anfang genommen!“

 

In dieser Erinnerung verbringe ich meine letzten Sekunden. Ich fliehe vor dem Schmerz und der Kälte, die mich in der Realität überwältigen. Ich merke nicht, wie der Schnee sich bewegt, wie Menschen sich langsam auf mich zu arbeiten. Sie arbeiten schnell. Aber nicht schnell genug. Sie werden mich nur noch tot bergen können. Denn ich gebe das Leben auf. Eine halbe Stunde zu früh! Ich gebe auf.

22.12.08 13:12





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung