Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   Mein Blog
   Das Spruch-Archiv

Webnews



http://myblog.de/todesbotin

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Désirée Freeman

Mein Name ist Désirée und ich bin zwölf Jahre alt. Meine Mutter und auch viele unserer Bekannten sagen oft, dass ich schon sehr weit für mein Alter bin und sehr reif. Laut ihnen reagiere ich häufig, wie ein Erwachsener. Ich bin mir nie wirklich sicher, ob das nun ein Kompliment ist, oder nicht. Das ist aber auch nicht weiter wichtig. Für mich geht es einfach nur darum, dass ich in eine Situation gekommen bin, bei der ich nicht weiß, wie ein Erwachsener reagieren würde. Oder wie man reagieren sollte. Zuerst aber noch ein wenig über mich. Tja, viel gibt es über mich wohl auch nicht zu sagen. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Ich lese viel und ich schreibe selbst auch viele Geschichten. Zwar wüsste ich keine, mit der ich fertig und zufrieden bin, aber das ist ebenfalls eher nebensächlich. Meine Mutter ist von Beruf her Ergopädagogin. Damit verdient sie zwar nicht besonders gut, aber es reicht um mich und meinen kleinen Bruder recht bequem leben zu lassen und meinem großen Bruder das Studium zu finanzieren. Wobei auch nicht ungesagt bei soll, dass daran mein Vater auch nicht ganz unbeteiligt ist. Obwohl meine Eltern geschieden sind und er eine neue Familie hat (darunter zwei Halbgeschwister von uns, Zwillinge), steht mein Vater doch zu seiner Verantwortung und zu seinen Kindern. Er kümmert sich liebevoll um uns und unterstützt uns, wo er nur kann. Solche Väter sind vermutlich nicht selbstverständlich, daher bin ich gleich doppelt froh, dass ich so einen habe. Dennoch schlage ich vermutlich eher nach meiner Mutter. Man könnte sagen, ich sehe meinem Vater ähnlich und bin vom Charakter her genau wie meine Mom. Durch ihren Beruf hat sie auch schon so einiges an Fachliteratur, was aber meistens zwischen Kauf und dem Lesen meiner Mutter, durch meine Hände wandert. Persönlichkeitseinteilung, Psychosomatik, Heilkunde, Körpersprache, Konfliktbewältigung und so weiter und so fort. Ich hab mich durch ihre gesamte Literatur gelesen. Kein Wunder also, dass ich so das eine oder andere mehr oder anders weiß, als andere in meinem Alter. Aber ob ich nun wirklich schon wie ein erwachsener handle? Ich weiß es nicht, das kann ich nicht richtig abschätzen. Ich meine, was hätte ein Erwachsener in meiner Situation getan? Also, es geht um Folgendes. Ich war vor etwa einem Monat einkaufen. Meine Mutter brauchte noch das eine oder andere Essbare für die nächste Zeit und ich sollte diesen kleinen Botengang erledigen. Jedenfalls hatte ich alles so weit besorgt und war gerade mir dem Fahrrad auf dem Weg zurück nach Hause. Da traf ich dieses Mädchen. Sie war genau wie ich noch keine Erwachsene, aber strahlte etwas aus, was nicht jeder Mensch hat. Eine Art … Wissen. Nicht Ein-Mal-Eins-ist-Eins- Wissen. Wirkliches Wissen. Es ist schwer zu beschreiben. Jedenfalls fiel mir dieses Mädchen gleich auf. Und zwar tat sie etwas ganz banales: Sie fütterte Enten! Es heißt ja immer, das sei Kinderkram, aber bei ihr sah es so aus, als würde selbst ein König Spaß daran haben. Etwas vollkommen Zeit- und Alterloses. Und das `Zeitlos´ kann man ruhig wörtlich nehmen. Sie war so im Augenblick, so ausgeglichen und ruhig. Es war auch dann noch beruhigend, wenn man nur zusah. Ich fuhr etwas langsamer, als ich sie entdeckt hatte. Und als ich mit ihr auf einer Höhe war, schob ich bereits mein Rad. Ich wurde immer langsamer und langsamer und irgendwann lehnte ich über meinem Lenker und beobachtete sie. Sie summte, ganz leise. Ich hatte noch nie gesehen, dass Enten sich so nah an einen Menschen getraut hätten. Aber sie fraßen ihr förmlich aus der Hand. Ich weiß nicht, wie lange ich da stand. Dann warf sie die letzten Krumen. „Meinst du nicht, die Erbsen tauen auf, wenn du so lange in der Sonne stehst?“ Als sie diese Worte sprach, war der Zauber vorbei. Aber irgendwie hatte gleichzeitig ein Neuer angefangen. Sie lächelte mich freundlich an. Ich grinste zurück. „Doch, vermutlich“, sagte ich. Etwas Besseres fiel mir beim besten Willen nicht ein. Sie lächelte ein wenig breiter. „Kann ich was für dich tun?“, fragte sie dann. Ich schüttelte heftig den Kopf. Mir wurde plötzlich klar, dass sie vermutlich wissen wollen würde, warum ich sie so angestarrt hatte. Aber darauf hatte ich einfach keine sinnvolle Antwort! Und kaum ein Mensch, den ich kenne, würde sich mit einer Antwort wie `ich war verzaubert´ oder `ich hielt es einfach für gut´ zufrieden geben. Sie ging an mir vorbei und klopfte sich die Hände an ihrer Hose ab. Dann setzte sie sich auf eine der Parkbänke. „Ich genieße solche Momente, in denen ich mich ungestört beschäftigen kann“, sagte sie und beobachtete die Enten. Hatte ich sie etwa gestört?! „Es liegt so viel Zauber in der Natur.“, fuhr sie fort. Dann klopfte sie mit ihrer Hand auf den Platz neben ihr und deutete mir, mich zu ihr zu setzten. „Leiste mir doch noch ein Wenig Gesellschaft.“, bot sie an und fügte noch mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: „Vorausgesetzt, deine Erbsen erlauben das.“ Ich setze mich zu ihr. Eine Zeit lang unterhielten wir uns. Nun, genau genommen, unterhielt ich mich mit ihr. Denn obwohl ich das Gefühl hatte, mich ihr aufzudrängen, munterte sie mich immer wieder auf, noch mehr über mich zu erzählen. Sie selbst erzählte nur ganz wenig von sich, wie mir gerade auffällt. Sie hörte nur ganz geduldig zu und warf hier und da etwas ein. Dennoch, für mich war es ein unerhofft schöner Nachmittag, bis dann mein Handy klingelte. Meine Mutter war dran und fragte mich, ob sie sich sie Sorgen machen müsste, da ich eigentlich hätte schon lange zu Hause sein sollen. Ich grinste das Mädchen breit an und entschuldigte mich. Sie lächelte nur. „Du bist wirklich ein sehr interessantes Mädchen, Désirée“. Ich lächelte geschmeichelt. Wenn sie das sagte, fand ich das schön. Ich mochte es auch, wie sie meinen Namen aussprach. Da fiel mir etwas auf. „Ich weiß ja noch gar nicht, wie du heißt!“ Sie lächelte wieder. „Stimmt.“ Ich wartete. Aber es kam nichts. „Willst du ihn mir nicht sagen?“, hakte ich nach. Sie schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Die Sache ist nämlich die: Ich kenne ihn selbst nicht mehr.“ Ich erschrak. Das hatte ich gar nicht mitbekommen. „Amnesie?“, fragte ich, aber sie schüttelte bloß den Kopf. „Einfach nur die Zeit. Mein Name ist mit den Jahren einfach unwichtig geworden, weißt du?“ Ich nickte. Ich verstand zwar kein Wort, aber ich nickte. Sie lachte. Es war ein warmes, freundliches und aufrichtiges Lachen. „Entschuldige! Ich hätte ihn dir gerne gesagt. Aber du kannst mir ja einen Namen geben. Wie möchtest du mich denn nennen?“ Ich überlegte. Dabei weiß ich selbst jetzt nicht, ob sie das ernst meinte. Trotzdem, ich dachte angestrengt nach. „Das ist schwierig! Einen Namen zu finden, der zu dir passt.“, meinte ich. Dann flog es mir zu. „Maya! Ich finde Maya schön.“ Sie lächelte wieder auf ihre eigene Art. Dann verbeugte sie sich tief. „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Maya.“ Ich grinste zufrieden. Dann wurde ich etwas traurig. „Wie ist es denn, sich nicht an seinen Namen erinnern zu können?“ Maya seufzte. „Es fehlt etwas, was einfach zu dir gehören sollte. Ein Name sagt viel aus, und erzählt seine eigene Geschichte. Wenn das nicht da ist, vermisst man schon irgendwie etwas.“ Ich nickte. „So“, fing Maya dann wieder an. „jetzt sollten wir aber wirklich wieder jeder seinem Auftrag nachgehen, was meinst du?“ Das bedeutete, ich musste nach Hause fahren. Leider war das einleuchtend. Ich hätte gerne noch viel mehr Zeit mit diesem besonderen Mädchen verbracht. Ich nickte und stieg wieder auf mein Fahrrad. „Désirée!“ Ich drehte mich noch mal um. „Du bist ein cleveres Mädchen, nicht wahr?“ Ich nickte. Sie lächelte zufrieden. „Pass auf dich auf, ja?“ Mit den Worten gab sie mir die Hand. Gleichzeitig drückte sie mir einen Zettel in die Hand. Ich sah ihn neugierig an. Ob das wohl ihre Telefonnummer war? Oder ihre Mailadresse? Ich war sehr verwundert, als ich auf ein Foto von mir schaute. Eines, auf dem ich scheinbar an einem Stift erstickte! Damit hatte ich im Leben nicht gerechnet.

 

Ich ging die Sache pragmatisch an. Zuerst übersprang ich diese Das-dürfte-es-nicht-geben- Phase. Was würde es bringen, darüber nachzudenken, ob es etwas geben dürfte oder könnte, was man bereits in den Händen hält? Was man hat, das gibt es. Die Frage ist nur, was bedeutet es? Maya hatte gesagt, ich sei ein cleveres Mädchen. Also schien sie zu glauben, ich könnte dieses Rätsel lösen. Fakt war, dass das, was auf dem Foto abgebildet war, definitiv nicht gut war. Ich sah mir das Bild ganz genau an. Da fiel mir etwas auf. Der Stift, der in meinem Rachen steckte, war einer meiner Lieblingsstifte. Mein Glücksstift, um genau zu sein. Ich war ein wenig sauer, dass ich gerade an diesem Stift ersticken sollte. Ich legte das Foto auf meinen Schreibtisch zurück und kramte in meiner Schultasche nach dem Stift. Dann nahm ich ihn und schloss ihn in meine kleine Truhe ein. Das Schlüsselchen versteckte ich unter meiner Blumenvase. So weit käme es noch, dass ich an meinem Glücksstift ersticke! Dann setze ich mich zurück an den Schreibtisch und studierte weiter das Foto. Mir vielen so einige Dinge auf. Es war in der Schule. Und an der Uhr auf dem Foto konnte man sehen, dass es etwas nach halb zehn war. Aber mit den Zahlen unter dem Foto konnte ich nur begrenzt etwas anfangen: 30.03.2009 10.38. Das stand da. Die ersten Zahlen konnte ich mir noch erklären. Angefangen mit 2009, was deckungsgleich mit dem aktuellen Jahr war. 03 bedeutet vermutlich März, was ebenfalls gerade aktuell ist. Und der 30 dürfte der folgende Tag sein. Ich schaute auf meinen Wecker. Na ja, vermutlich doch eher der laufende Tag. Ich hatte bis nach Mitternacht mit diesem Foto befasst. Ich seufzte, stand auf und machte mich Bettfertig. Ich kuschelte mich ins warme Bett und blieb genau drei Minuten liegen. Dann stand ich wieder auf, knipste mein Schreibtischlicht an und grübelte weiter über das Foto. An Schlaf war wohl doch nicht zu denken.

 

Ich irrte. Ich schief. Und zwar wie ein Baby. So lange, bis meine Mutter ins Zimmer kam und fragte, ob ich zur zweiten Stunde habe. Nein, bedauerlicherweise hatte ich nicht zur zweiten. Montage an sich sind schon immer eine Qual. Aber dann auch noch mit einer durchzechten Nacht? Natürlich kam ich zu spät zur Schule und hatte das Rätsel um die letzten Zahlen immer noch nicht gelöst. An sich wäre das ja einfach gewesen! Ich hätte es als die Uhrzeit definiert. Aber was half es? Ich vegetierte so ziemlich unansprechbar durch die ersten paar Schulstunden. Ich hätte gerne meinen Freundinnen von meiner Begegnung mit Maya erzählt und von dem Foto, aber irgendwie hatte ich dazu keine richtige Motivation. Ich wollte nur nicht einschlafen. Außerdem hatte ich das Foto in der Eile auf meinem Schreibtisch vergessen. Genau übrigens wie mein Etui, wie ich leider in der ersten Schulstunde feststellen musste. Daher musste ich von meinen Freundinnen pumpen. Ich hatte mich dann auch irgendwann informiert, welche Schulstunde um halb zehn ist. Es ist gar keine. Um 9 Uhr 38 ist noch Pause. Diese verbringe ich meistens im Klassenraum, von daher wunderte es mich nicht weiter. Jenen Tag jedoch ging ich raus auf den hof. Dort war ich fern von allen Stiften und Uhren und meinem Klassenraum. Mir konnte also nichts passieren. Daher wurde ich wohl auch immer munterer. Was vermutlich aber auch daran lag, dass ich in der vierten Stunde Religion hatte. Ein Fach, das ich sehr gerne mache. Diese Ethischen Grundsätze und Diskussionen finde ich immer total klasse. Allerdings ist unsere Klasse in der Stunde getrennt und die Hälfte wandert für den evangelischen Unterricht in einen anderen Klassenraum. Wir Katholiken bleiben und bekommen noch Zuwachs von den Katholiken der anderen geteilten Klasse. Meine Beste Freundin ist mit in dieser Klasse und setzt sich wie immer breit grinsend neben mich. „Lotti?“, grins ich sie mit einem gekünstelten Augenaufschlag an. „Hassu ’n Stift für mich?“ „Klar“, grinst sie zurück und wühlt in ihrem Etui. Sie scheint nach einem bestimmten Stift zu suchen. „Tadaaahhh!“, ruft sie und hält mir einen Stift unter die Nase. Stimmt ja. Wir hatten uns den gleichen Stift gekauft. Als Zeichen unserer Freundschaft. Gott sei dank ist der Zeitraum bereits vorbei und ich hab alles überstanden. Sonst könnte ich schon Angst bekommen! Triumphierend drehe ich mich zu der Uhr, die hinter mir an der Wand hängt. Ich werde kreidebleich. Ich halte nicht viel von Uhren und schaue nur sehr selten drauf. Was die Uhr zeigt, habe ich meist schon vergessen, wenn ich mich wieder abwende und nehme es als gegeben hin, ohne es richtig durchdringen zu lassen. Dieses Mal aber dringt es mir durch Mark und Bein. „Lotti?“, meine Stimme ist ganz trocken. „Warum genau steht diese Uhr in der vierten Schulstunde auf 9 Uhr 38?“ Chalotte, so heißt Lotti eigentlich, dreht sich gleichgültig um und schaut ebenfalls auf die Uhr. Dann zuckt sie mit den Schultern. „Hat eben keiner umgestellt.“ Ich starr sie entgeistert an. „Wie `umgestellt´?!“ „Frühling-Sommer-Zeit-Verschiebungs-Unstellung-Dingens-da … du weißt schon!“, erklärt sie. Ich merke, wie ich noch bleicher werde. Sommerzeit? Umstellung? Stunde vor? Schuluhr? Oh nein! Verdammt!!! Wie konnte ich das übersehen?! Natürlich gaben die Zahlen unten die Zeit an! Nicht die Uhr! Die Uhr auf dem Bild ging, wie die hier an der Wand hinter mir, eine Stunde nach! Wie konnte ich nur so dumm sein?! Ich glotze auf den Stift in meinen Händen. Es ist genau der Stift, der auf dem Foto abgebildet ist! Schließlich sieht er ja exakt so aus wie meiner! Als wäre er kochend heiß schmeiße ich ihn plötzlich durch das gesamte Klassenzimmer. Alle schauen mich irritiert an. Ich grinse verlegen „Spinne?“, sagte ich nur und alle drehen sich kopfschüttelnd wieder dem Unterricht zu. Ja, gut, Spinne war irgendwie nicht so die perfekte Ausrede, aber angeblich haben ja alle Mädchen Angst vor solchen Krabbelviechern und etwas Besseres ist mir wieder nicht eingefallen. Im Ernst! Hätte ich sagen sollen: Entschuldigung, aber dieser Stift wollte mich töten? Wobei … wenn ich mir das so überlege, wäre das bestimmt lustiger gekommen.

 

Ich habe Chalotte später noch von Maya erzählt. Wie bereits erwartet hat sie mir kein Wort geglaubt und schiebt es vermutlich auf einen Traum. Aber gut, mir soll es nur Recht sein. Ich meine, so lange ich weiß, dass sie kein Traum ist, ist das doch genug. Meinen Glücksstift habe ich wieder aus meiner Truhe geholt. Und ich achte auf einen guten, artgerechten und vor allem mundfernen Umgang mit ihm. Und was das Foto angeht … es ist grau. Es existiert einfach nicht mehr. Ich weiß nicht, warum, und ich finde es irgendwie schade, aber so wie ich das sehe, bedeutet das, dass die Gefahr zumindest erstmal gebannt ist. Oh, und außerdem habe ich einen kleinen Zettel neben dem Foto gefunden. Auf dem steht: „Ich wusste doch, dass du ein cleveres Mädchen bist! Ich freu mich für dich. Alles Gute weiterhin, Maya“ Über den Zettel habe ich mich wirklich sehr gefreut. Aber meine Mutter schwört, dass sie keine Ahnung hat, wie er dort hingekommen ist. So lässt sie noch so einiges offen. Denn ich bin mit eigentlich ziemlich sicher, dass ich meinen Namen nicht erwähnt habe. Oder dass ich Erbsen eingekauft hatte …

11.3.09 16:17


Werbung


Andrew Johnson

Tja, da war ich mal wieder vom Regen in die Traufe. Ich entkam zwar einem Autounfall, aber dafür sprang ich der kleinen Todesbotin direkt in die Arme. Und sie war absolut wütend. „Du nervst langsam“, fauchte sie. Ich grinste. „Tolle Begrüßung! Freust du dich gar nicht, mich zu sehen?“ Sie verdrehte die Augen und ließ mich los. Ich fiel hart auf den Boden. Noch bevor ich wieder aufstehen konnte, saß sie neben mir im Gras, seufzte und blickte in den Himmel. „Doch, irgendwie schon. Aber es ist eine merkwürdige Art von Freude.“ Ich nickte. Ich wunderte mich selbst wahrscheinlich am Meisten darüber, aber ich verstand, was sie meinte. Wir, sie und ich, hatten uns, ich weiß nicht, was es war ... vielleicht waren wir aufeinander eingespielt? Ich kann es nicht in Worte fassen. „Warum machst du das mit den Fotos?“, fragte sie plötzlich. „Warum schmeißst du sie weg?“ Ich lachte. „Immer das berufliche im Kopf, was?“ Sie nickte halb und schüttelte halb den Kopf. „Du bindest mich an diesen Ort.“, sagte sie. „Ich habe lange gebraucht, um meine Regeln zu finden. Und jetzt machst du sie mir zu Fesseln.“ Ich lächelte. „Geht das vielleicht auch eine Spur genauer?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Das führt zu weit.“ „Kurzfassung?“ Sie verdrehte die Augen. „Ich bleibe hier, bis die Fotos dich in Ruhe lassen.“ Ich schaute verwirrt. „Das war jetzt ein wenig zu kurz, glaube ich.“ „Also, warum schmeißt du sie weg?“ Ich lachte. „Interessanter Themenwechsel! Vielleicht, weil ich dich in dieser Stadt halten will?“ Sie schaute mich vorwurfsvoll an. Ich verdrehte die Augen. „Na schön! Ich überlebe, wenn ich die Fotos wegschmeiße.“ Sie lachte spöttisch, wurde aber fast im gleichen Augenblick wieder ernst. „Das ist Unsinn! Du überlebst, weil du unverschämtes Glück hast!“ „Willst du lieber, dass ich krepiere?!“ Sie schaute betreten auf den Boden. „Nein. Ganz sicher nicht. Ich weiß, ich habe das neulich gesagt, und es tut mir leid. Es war nicht so gemeint. Ich war nur genervt.“ Sie seufzte. „Ich will nicht, dass Irgendjemand stirbt. Aber darum geht es nicht.“ Sie legte sich ins Gras. „Ich will nur langsam weiter. Ich kann hier nicht ewig bleiben!“

Es folgte ein langes Schweigen. Ich hätte gerne gewusst, was durch ihren Kopf ging. „Ich nehme an, du hast wieder ein Foto für mich?“, fragte ich schließlich. Sie sah mich an und setzte sich wieder auf. Dann nickte sie und reichte es mir. „Was hast du eigentlich mit den anderen Fotos gemacht?“, fragte ich noch. Sie zuckte mit den Schultern und zeigte auf das Bild in meiner Hand. „Wie? War das etwa immer das Gleiche?!“ Sie nickte. „Wie soll das denn gehen?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist eine lange Geschichte. Ich denke, es würde zu weit in meine Welt führen. Das einzige, was du wissen musst, ist, dass es geht. Deshalb bringt es nichts, es wegzuschmeißen.“ „Aber bisher habe ich doch immer überlebt!“ „Zufall!“, bei dem Thema war sie sehr barsch. „Vater will dich haben, und er wird dich bekommen.“ Ich starrte sie an. „Vater? Meinst du … nein! Vergiss es, ich will es gar nicht wissen!“ Diese Vorstellung war einfach zu absurd. Aber andererseits … „Kannst du nicht was machen? Ich möchte nicht sterben!“ Sie lachte. „Jeder Mensch stirbt! Das ist das Kostbare am Leben. Andernfalls ist es nur ein langweiliges vor sich hin vegetieren.“ Ich nickte. Das war einleuchtend. „Aber ich will jetzt noch nicht sterben. Du kannst mir nicht erzählen, dass du in deinem ganzen Leben noch nie eingegriffen hast um ein Leben zu retten!“ Sie schwieg. Sie sah traurig aus. „Ich habe auch schon Leben beendet.“, sagte sie. „Aber auch gerettet!“, beharrte ich. Sie nickte. Dann seufzte sie. Sie zeigte auf die schnörkelige Schrift auf dem Bild. „Das gibt an, wann du stirbst.“ Ich nickte. Das wusste ich bereits. „Und das hier gibt an, bis wann du noch Zeit hast, es zu verändern. Steht diese Anzeige nicht drauf, dann kannst du es nicht ändern.“ Ich musste lachen. „Erstaunlich simpel! Warum lieferst du nicht auch die Erklärung mit? Von sich aus kommt doch kein Schwein auf die Lösung!“ Sie schüttelte den Kopf. „Darf ich eigentlich nicht. Ihr müsst selbst drauf kommen. Wenn du einen Tipp haben möchtest: Genieße jede einzelne Sekunde deines Lebens. Dann ist es vollkommen egal, wie lange es noch währt. Mach dir nicht zu viele Gedanken und genieße einfach!“ Dann stand sie auf und verabschiedete sich. Ich sprang auf. „Warte! Eins noch!“ Sie drehte sich wieder zu mir um. „Meinet wegen. Aber wirklich nur noch eins. Ich muss weiter.“ „Der Bungee … nein, Harvey! Harvey Dimm. Du hast ihm vor etwa einem Jahr ein Foto gegeben. Er will dich … ich weiß nicht, was er genau mit dir will, aber er hat sich so in etwas hineingesteigert, dass er wirklich gefährlich für dich geworden sein kann. Nimm dich vor ihm in Acht, ja?“ Sie schaute jetzt abgrundtief traurig und nickte. „Danke.“, sagte sie noch und dann ging sie endgültig und verschwand aus meinem Leben.

 

Ein Leben ohne sie. Es war im ernsten Moment so absurd. Der Mensch, der ich war, bevor sie mir das erste Foto gegeben hatte, ich kann diesen Menschen nicht mehr leiden. Sie hat mich sehr verändert. Ich hatte ihr eigentlich unter die hübsche Nase reiben wollen, dass sie mit dem Bungeejumper falsch lag. Ich wollte wissen, wer sie ist und was sie ist und wen sie mit Vater nun wirklich gemeint hatte. Aber ich habe sie nur vor etwas gewarnt, was sie vermutlich schon wusste. Als ich ihn nachsah, hatte ich irgendwie ein bisschen Angst. Ich glaubte, ich würde nun wieder der Mensch werden, der ich war, bevor sie zu mir kam. Ich schaute das Foto an. Es zeigte mich, wie ich an einem Hühnchenknochen erstickte. Ich lachte. „Also kein Hühnchen für mich.“, murmelte ich und schmiss das Foto über meine Schulter und wollte gehen. Ich war keine drei Schritte gegangen, da bleib ich stehen und drehte ich mich um. Nein. Dieses Mal würde ich das Foto nicht weg werfen. Ich hob es wieder auf. Bereits am Abend wäre ich laut dem Foto erstickt. Aber ich aß zu Hause. Milchreis mit Früchten, aber das ist eher nebensächlich. Jedenfalls war ich dieses Mal dabei. Ich sah das Foto, wie es verschwamm und sich veränderte. Zuerst nur das Bild. Es verschwamm und bildete sich vollkommen neu. Es wurde ein Bild davon, wie ich ertrank. Na ja, eigentlich bin ich ein recht guter Schwimmer, aber ich glaubte es. Dann veränderten sich die Zahlen unten. Es war unglaublich.

 

Ich ertrank nicht. Schließlich mied ich an dem Tag alles Wasser. Am Anfang war ich geradezu abhängig von diesem Bild. Wann immer ich irgendetwas machte hatte ich auf das Bild geschaut. Ich richtete mein ganzes Leben danach. Dann konnte ich das Bild einmal nicht finden. Ich flippte vollkommen aus. Ich setzte mich auf mein Bett und wollte mich den ganzen Tag nicht bewegen. Ich war ein Wrack. Ich schloss meine Augen. Ich sah sie. Eigentlich hatte die kleine Todesbotin mir das eingebrockt, dass ich nicht mehr aus meinem Zimmer gehen konnte. Aber in meiner Erinnerung riet sie mir, ich sollte mir nicht zu viele Gedanken machen und einfach leben. Ich öffnete die Augen wieder. So wie ich jetzt war, so wollte ich niemals sein. Ich wollte leben. Aber sie hatte Recht. Es kam nicht so sehr auf die Länge an, als vielmehr auf die Qualität, mit der ich lebte. Ich musste mein Leben genießen. Wenn ich mich jetzt hier einschloss und das Leben aussperrte, dann wäre es so, als wäre ich bereits tot. Ich stand auf und zog mich an. Dann verließ ich das Haus und machte einen Spaziergang. Vollkommen scheu, aber selbstständig. Ich entschied selbst, was zu gefährlich war und worauf ich gerade Lust hatte. Ich lief Schlittschuh, obwohl das Eis hätte einbrechen und ich ertrinken können. Ich aß heiße Makronen, obwohl ich an ihnen hätte ersticken können. Ich überquerte, natürlich aufmerksam, Straßen, obwohl ich hätte überfahren werden können. Ich setzte mich an einen warmen Ofen, obwohl ich hätte verbrennen können. Dann ging ich wieder zurück nach Hause. Ich kam an einer Baustelle vorbei. Ich schaute sie mir kurz an. Wenn ich über sie gehen würde, dann wäre ich schneller zu Hause. Ich machte einen Schritt auf die Baustelle zu. Dann schüttelte ich den Kopf und entschied mich dazu, den längeren Weg zu gehen. Nachdem ich ein wenig weitergegangen war, hörte ich ein lautes Krachen und sah mich um. Wenn ich mich nicht irrte, dann kam es von der Baustelle. Ich ging weiter, denn so genau wollte ich es gar nicht wissen. Als ich wieder zu Hause war, lag das Foto auf einem kleinen Tisch in der Garderobe. Ich nahm es hoch. Es zeigte mich, wie ich von einem Stahlträger einer Baustelle erschlagen wurde, kein sehr appetitlicher Anblick. Wieder wurde ich Zeuge, wie das Bild sich veränderte. Es verschwamm und wurde blind und grau. Ich wartete, aber es bildete sich kein neues Bild, sogar die Schrift verschwand. Stattdessen schien dort, wo die Abbildung hätte sein müssen, eine Art Gruß. Als würde jemand diese Worte mit Licht schreiben erschien plötzlich `Sehr gut! Vertrau auf dich und genieße dein Leben! XXX´. Ich lachte. „Hallo, kleine Todesbotin“, dachte ich. „Ich habe dich vermisst.“

An diesem Tag suchte ich mir meine Zukunft aus. Ich entschloss mich, mein Leben in den Griff zu bekommen und zu genießen. Es wurde mir dieses Mal deutlich, dass nicht das Foto, die Vorhersage oder das Glück meinen Tod verhindert hatte, sondern einzig und alleine meine Entscheidung. Ja, wenn man weiß, was passieren kann, so ist diese Entscheidung leichter zu fällen, aber man kann es auch unwissend.

 

Ich habe noch weitere achtundfünfzig Jahre mehr oder weniger friedlich gelebt. Ich habe viel Zeit damit verbracht, über sie nach zu denken, wer sie war und wie sie mich verändert hat. Das Foto, das sie mir gab, hat mir immer mal wieder angezeigt, wie ich sterben wollte und oft hat es mich wirklich davor bewahrt ins Gras zu beißen. Es zeigte mir immer an, wann ich in Lebensgefahr kommen könnte und so habe ich es immer abwenden können. Seit einem Jahr zeigt es mich nun aber, wie ich in meinem Bett liege und schlafe und irgendwie beruhigt mich das. Ich habe alles geschafft, was es zu schaffen gab und befinde mich im stolzen Alter von 83 Jahren.

Ihren Eintrag auf meiner Internetliste für `durchgeknallte Leute´ habe ich natürlich schon längst gelöscht. Hier schreibe ich nun alles auf, was ich jemals über sie erfahren habe. Obwohl es wenig ist, ist es wohl mehr, als die meisten Menschen je über sie erfahren werden. Und obwohl es so wenig ist, bin ich mir einiger Sachen ganz sicher: Sie ist ein außergewöhnlicher und ein guter Mensch. Sie ist kein Monster, wie Harvey glaubte, sondern ein wundervoller Mensch.

Sei nett zu ihr, wenn du ihr begegnen solltest. Sie hat es verdient. Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig helfen. Und nun leb wohl. Morgen um diese Zeit bin ich bereits tot.

22.3.09 18:12





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung