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Martin High

Es war drei Monate her. Ich traf sie vor drei Monaten. Es war ein vollkommen normaler Tag, zumindest bis dahin. Ich ging zur Arbeit, wie gewohnt. War fast pünktlich, wie gewohnt. Und ich freute mich am meisten auf die Mittagspause, wie gewöhnlich. Mein Job war gut bezahlt. Aber Bankier war definitiv niemals mein Traumberuf gewesen. Ich wollte etwas anderes machen. Ich wusste nie genau, was, aber ich wusste, dass ich irgendwann dort hin kommen würde. Noch ein paar Jahre als Bankier und dann war ich frei! Ich hatte so viel geplant. Und dann kam sie. Ich saß hinter meinem Schalter. „Wunderschönen Guten Morgen, junge Dame.“, begrüßte ich sie lächelnd. Sie lächelte flüchtig zurück. „Ich hoffe es, Martin.“ Ich blickte einen Augenblick lang verwirrt. Dann fiel mir mein Schild ein und ich lächelte wieder. Das war das, was ich an meinem beruf am meisten hasste: Dauerlächeln. Am Abend bekam ich fast nie meine Lippen vernünftig auseinander. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Mir ist nicht mehr zu helfen.“, meinte sie. Dann sah sie mich einen Augenblick lang ausdruckslos an und fing herzhaft an zu lachen. „Entschuldigung. Irgendwie wollte ich das nur immer schon sagen!“ Ich starrte sie - lächelnd - an. War sie in ihrem Leben noch nie gefragt worden, ob man ihr helfen kann? Wo kam die denn her? Sie seufzte. „Wie auch immer.“, sagte sie. „Ich habe hier etwas für dich.“ Sie holte etwas aus ihrer Tasche. Ich schaute sie verwirrt an. „Der Schalter für Ein- oder Auszahlungen ist dort hinten, ich bin nur …“ Sie sah mich durchdringend an. „Ich habe etwas für dich. Nicht für die Bank.“, sagte sie. Dann fügte sie murmelnd noch hinzu, dass sie hier ja nicht mal ein Konto habe. Dann legte sie einen Foto oder so etwas vor mich. Ich sah sie an. „Also kein Konto?“ Sie schüttelte lächelnd den Kopf und drehte sich zum Gehen. Ich schaute ihr ein wenig nach, bevor ich das Foto annahm. Mir wich alle Farbe aus dem Gesicht. Das Mädchen schien doch freundlich, normal und gut erzogen. Warum hatte sie mir so ein Foto gegeben?! Ich starrte fassungslos darauf. Es zeigte ein Zugunglück. Und mitten drin saß ich. Und ein Teil der Decke raste auf mich zu. Ich hatte keine Chance. Überall Blut und Menschenteile. Mir war schlecht.

„Was sehen Sie sich da an? Soll ich etwa ewig warten? Wer glauben Sie, wer Sie sind?“ Ich schaute auf. Eine ältere Dame starrte hochmütig auf mich hernieder. Ich lächelte sie an. „Vergeben Sie vielmals. Was kann ich für Sie tun?“ Unauffällig ließ ich das Foto in meine Tasche gleiten und machte mich weiter an meine Arbeit.

In der Mittagspause verließ ich meinen Posten und drehte mich noch mal kurz zu meinem Platz um. Mein Blick fiel auf mein Namenschild … merkwürdig … da stand nur M. High …

 

Am Abend schlurfte ich nach Hause, schmiss meine Tasche in die Ecke und lies mich auf mein Bett fallen. Nur ein paar Minuten liegen … nur ein paar Minuten …

Ich konnte am Abend keinen klaren Gedanken fassen. Und als ich am Morgen - im Anzug - wieder aufstand, konnte ich mich an rein gar nichts erinnern. Ich stand auf, schmiss meinen Anzug in die Wäsche, duschte, zog mich an, schaufelte mir Frühstücksflocken rein und schnappte mir meine Tasche. Mit dem Bus fuhr ich die kurze Strecke bis zum Bahnhof und stieg dort in meinen Zug. Es war langsam an der Zeit, mir ein Auto anzuschaffen. Na ja, und vorher eben Führerschein machen. Leider hatte ich mit meinem Geld besseres zu tun und bisher klappte das auch recht gut mit dem Zug … hm … Zug … war da nicht noch was? Ich ließ mich schwer auf meinen Sitzplatz fallen. Ich könnte schwören, da sei was gewesen. Na ja. Erstmal die Dokumente von Gestern einsehen. Ich hatte eine halbe Stunde Zeit. Also: Sachen raus. So müde wie ich war, fielen einige der Dokumente heraus. Darunter auch ein Foto … in dem Augenblick erinnerte ich mich an alles, was gestern geschehen war. Das Mädchen … vorsichtig, als könnte es zerbrechen, nahm ich das Foto hoch. Es schien noch grausamer zu sein, als ich es in Erinnerung hatte. Aber machte es das wahr? Mir schoss ein Schauer über den Rücken. Was, wenn … ich sah mich um. Irgendein Anzeichen, dass es heute so weit war? Ich drehte das Foto um. Dann wieder normal. Da standen Zahlen. Mit viel Fantasie konnte es ein Datum sein. Mit sehr viel Fantasie. Aber was war das andere? Der Lautsprecher knarzte. „Es ist 5 Uhr und 45 Minuten. Nächste Halteselle: Cottbus Hauptbahnhof.“ Ich starrte auf das Foto. 5.30 … Uhrzeit? Konnte das eine Uhrzeit sein? Ich sah aus dem Fenster. Wir waren gerade wieder in bebautes Gebiet gekommen. Gerade waren wir noch über Heide gefahren. Das hieße … heute nicht? Aber Moment. Bleiben wir auf dem Teppich. Warum bitte gehe ich davon aus, dieses Foto könne real sein? Ich meine, das Foto ist vordatiert. Und es zeigt mich. Trotzdem. Ein Schritt nach dem anderen. Halte ich dieses Foto für echt? Nein. Halte ich es für einen Fake? … nein? Ich weiß es nicht. Es müsste doch einer sein. Was, wenn sie aus der Zukunft käme und mich waren wollen würde? Aber Zukunftsmenschen dürfen sich ja nicht einmischen. Das weiß doch jeder. Sonst würden sie die Vergangenheit verändern. Also, ihre Vergangenheit. … na ja, ich glaube, jetzt gehen meine Gedanken mit mir vollkommen durch. Also. Noch mal von Vorne: Foto echt? Nein. Glaube ich dran? Besser nicht. Warum habe ich dann Angst davor, dass es eintreffen könnte? Ich sehe, ich laufe gerade wieder in eine Sackgasse. Also, noch mal! Der Lautsprecher knarzt wieder und meine Haltestelle wird aufgerufen. Endlich wird dieser Gedankenkreis durchbrochen. Ich wollte mich niemals mit so was auseinandersetzen.

 

Und doch sah ich mich vollkommen außerstande mich an diesem Tag von diesen Gedanken zu lösen. Aber sie führten nirgends mehr hin. Immer wieder schaute ich in meinem Kalender nach. 27. Juni. Drei Monate. Ein Arbeitstag. 5 Uhr 30. In der Zeit sitze ich wirklich in dem Zug. Ist es eine zuverlässige Vorhersage? Oder kann man es ändern? Real? Fake? Ich konnte mich nicht von diesen Gedanken befreien. Und sie führten immer ins Leere. Ich konnte und wollte dem Foto nicht glauben. Aber ich konnte es auch nicht einfach ignorieren. Alle Vernunft sprach gegen das Foto. Aber es war da! Es lag vor mir. Und ich konnte nicht sagen, wie wahr es war. Es war doch theoretisch vollkommen unmöglich. Und doch war es da. Und wieder schloss sich der Kreis meiner Gedanken an wieder ein und derselben Stelle. Ich kam nicht voran.

 

Es ging so weiter, dass ich nicht mehr in der Lage war, die Kunden richtig und aufrichtig anzulächeln. Ich war nur noch da und vegetierte vor mich hin. Meine Vorgesetzte bemerkte das und schickte mich für eine Woche in den Urlaub. Und um Arzt. Es war wohl nicht zu übersehen, wie sehr ich neben der Spur war. Nach einer Woche verlängerte ich. Nach zwei Wochen kam ich zurück. Und ich fuhr immer noch mit dem Zug. Ich hatte versucht, meinen Führerschein zu machen, aber es dauerte zu lang. Und so lange ich ihn noch nicht hatte, musste ich nun einmal mit dem Zug fahren. Ich prägte mir das Datum ein: 28. Juni. Dort würde ich nicht zur Arbeit erscheinen. Egal, ob es wahr war, oder nicht. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Und so vergingen die Tage. Und die Wochen. Und die Monate. Und schließlich war ich in der entscheidenden Woche. Wie all die Zeit nach dem Treffen mit dem Mädchen war es mir unmöglich, die Zugfahrt zu genießen. Es ruckte und der Zug fuhr los. Ich saß, wie auf heißen Kohlen und ich konnte mich irgendwie nicht beruhigen. Unruhig sah ich mich im Zug um. Mein Blick flitze überall umher. Ich atmete tief durch und sagte mir, mich zu beruhigen. Es konnte nichts passieren. Ich wippte unruhig mit den Beinen. Dann musste ich fast lachen. Das Mädchen dort vorne sah fast so aus wie das Mädchen mit den Fotos. Wie lustig. Sie sprach einen Fahrgast an. Ich beobachtete die beiden. Er schien sehr genervt auf sie zu reagieren. Dann gab sie ihm etwas. Zwar nahm er es nicht an, aber sie gab es ihm zumindest. Sie ging - sichtlich verärgert - weiter. Dann drehte sie sich wieder zu dem Mann um. Daraufhin sprang er auf und rief ihr etwas sehr unhöfliches hinterher. Was sie wohl besprochen hatten? Das Mädchen ging weiter den Gang entlang. Mit jedem Schritt, den sie mir näher kam, wurde ich bleicher. Sie sah nicht aus, wie das Mädchen, sie war das Mädchen. Sie kam an mir vorbei und lächelte mich an. „Hallo Martin. Wie geht’s dir?“ Ich starrte sie an. Die konnte vielleicht Fragen stellen! „Du … bist doch … dieses Mädchen“ sie lächelte verlegen „Schuldig, ja. Ich bin das Mädchen, das neulich kein Konto eröffnen wollte.“ Ich musste unwillkürlich grinsen. „Das meinte ich eigentlich nicht.“, sagte ich. „Ich weiß“, antwortete sie. „Das Mädchen mit dem Foto.“ Sie nickte - sichtlich unglücklicher über diese Betitelung. Ich schüttelte den Kopf. „Du hast mich mit dem Foto echt durcheinander gebracht.“ Sie sah sich um. „Trotzdem bist du hier.“ Ich lachte. „Ja, klar. Aber morgen sicher nicht.“ Sie schaute mich sichtlich irritiert an. „Morgen?!“ „Ja“, antwortete ich zögerlicher. „Das Unglück passiert doch erst … morgen, oder nicht?“ Sie sah mich nun vollkommen entgeistert an. „Was bist du den für ein Bankier?!“ „H … heute?“, zitterte ich. „Natürlich heute! Frag ihn!“ Sie zeigte hinter sich. Ich folgte ihrem Fingerzeig und blickte auf den alten Mann, den sie angesprochen hatte. Er starrte zurück. Es war klar. Wir müssen definitiv reden!

 

Er aber setzte sich - sichtlich genervt - wieder zurück auf den Sitz. Ich stand auf und ging zu ihm. Das Mädchen war weg. An seinem Sitz beugte ich mich und hob das Foto auf. Es war eindeutig so ein Foto, wie ich bekommen hatte. Der Mann sollte sich aufhängen. „Ich muss mit Ihnen reden.“, begann ich. Der Mann legte - sichtlich genervt - seine Zeitung nieder und starrte mich an. „Was wollen Sie? Machen Sie’s kurz.“, raunzte er mich an. „Das Mädchen, das gerade mit Ihnen geredet hat - es ist gefährlich.“ Es stimmte so nicht ganz, aber es war alles, was mit in dem Moment einfiel. Er lachte. Ich war froh, dass er das nicht so ernst nahm. Aber was er dann sagte, ging eher so dem entgegen, was ich meinte: „Nervtötend, aber nicht gefährlich.“, sagte er. Ich biss mir auf die Zähne. „Sie sagte mir, ich würde heute sterben.“, erzählte ich. „Na, mein Beileid, aber das ist Ihr Problem.“, meinte der Mann. Ich war kurz davor, ihm eine rein zu hauen. Aber vielleicht hatte er eine Information, die ich brauchte. Eine Information, die mir fehlte. „Sie hat mir ein Foto gegeben, das ein Zugunglück zeigte.“, erzählte ich weiter - dass ich zu blöd war, mir das richtige Datum zu merkten, musste er ja nicht unbedingt wissen. Dieser Penetrante Kerl meinte wiederum, dass es mein Problem war. Ein sehr ungenießbarer Zeitgenosse. Mir platze der Kragen. Mit einer gespannten Ruhe erklärte ich ihm, dass er sich in Kürze Erhängen würde. Nun war er genau so wütend wie ich. Ich zeigte ihm triumphierend sein Foto. Dann kam ich zum zentralen Punkt: „Hat sie Ihnen noch irgendetwas dazu gesagt?“ Der Mann verdrehte die Augen. Dann schaute er mich an. Er merkte, wie erst mir die Frage war. Er wurde bleich. Ich hakte nach und er flüsterte nur dieses eine Wort: „Handbremse“

 

Wie auf ein Kommando sprangen wir beide in unterschiedliche Richtungen davon. Ich traute mich nicht einmal, auf die Uhr zu sehen. Meine Zeit lief ab. Soviel war sicher. Ich rannte. Da war sie! Die Handbremse! Ich rannte schneller. Ich griff sie und riss sie beinahe ab. Es half nichts. Die Räder blockierten nicht, es war zu spät. Es fuhr noch einen Augenblick lang weiter, dann Ruckte es so heftig, dass ich von den Beinen gezogen wurde. Hart kam ich mit meinem Kopf auf. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden und schaute herauf. Menschen schrieen, brüllten, versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Aber es gab nirgendwo einen sicheren Ort. Nicht in diesem Zug. Ich rappelte mich hoch und warf einen flüchtigen Blick auf meinen Platz. Ein Stück war aus der Decke gebrochen und war auf meinen Platz gefallen, auf  dem ich nur wenige Minuten zuvor gesessen hatte. Ich wurde bleich. Sollte das heißen, dass ich überleben würde? Es ruckte wieder und ich wurde erneut von meinen Beinen gerissen. Ich kam hart auf, aber ich grinste. Eigentlich konnte ja nichts mehr passieren, oder? Ich meine, das, was auf dem Foto abgebildet war, war nicht eingetroffen. Ich kroch ein wenig weiter. Ich wollte nicht wieder von den Beinen gerissen werden. Also robbte ich mich weiter vor. Warum? Ich weiß es nicht. Ich hätte doch auch einfach hinter den Sitzen bleiben können. Als ich aufsah, kam mir einer der Zugsitze entgegen. Ich starrte ihn an. Er traf mich hart am Kinn, mein Kopf schlug in meinen Nacken. Ein lautes Knacken folgte. Und dann nichts mehr.

22.11.08 12:02
 


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