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Melissa Turner

Das eigentliche neue Kapitel wurde - aufgrund geschichtsinterner chronologischer Prombleme - mit dem Kapitel des 22.06.08 vertauscht.

Meine lieben Hinterbliebenen,

ich weiß, mein Tod hat euch sehr getroffen, denn ich sah, wie ihr bei meiner Beerdigung Meere aus wahren Tränen weintet, aber ich möchte euch beruhigen. Es gibt keinen Grund, um mich zu trauern. Ich hatte ein schönes Leben. Ein kurzes zwar, doch sehr erfüllt. Und mein Tod, auch, wenn es euch wie ein Unfall vorgekommen mag, war meine eigene Schuld, denn ich wusste bereits zuvor, dass ich an jenem Tag auf jene Weise sterben würde. Davon möchte ich euch in diesem Brief erzählen.

 

Es begann damit, dass ich dieses Mädchen traf, Miraluna, wie ich später erfuhr. Sie schien so brav und lieb, ich hätte nie gedacht, dass sie derartige Nachrichten verbreitet, doch so war es. Ich traf sie im Park, als ich ein wenig frische Luft schnappen wollte. Alexa wird sich noch daran erinnern, denn sie sagte, dass ich an jenem Tag bleicher gewesen sei, als ich wieder gekommen war (für alle, die es nicht wissen: Alexa ist meine Mitbewohnerin und -studentin. Die mit den wahnsinnig langen Haaren.) Ich habe ihr nie erzählt, was genau geschehen ist, weil es mir zu unwirklich und unnatürlich war, aber das möchte ich nun nachholen. Das Mädchen kam mir im Park entgegen und als sie an mir vorbei ging, war irgendetwas, was mich dazu brachte, mich zu ihr umzudrehen. Sie stand schon mir zugewandt und beobachtete mich. Einige Zeit, es kam mir ewig vor, standen wir nur da und schauten uns an. Dann begann sie zu sprechen. „Melissa“, sagte sie. „Ich muss dir etwas geben.“ Ich drehte mich vollends zu ihr um und starrte sie ungläubig an. Ich hatte ihr Gesicht noch nie gesehen, das wusste ich. Dann kam sie auf mich zu und gab mir ein Foto. Erstaunt sah ich es an. Es zeigte mich, blutüberströmt in einem dunklen Keller. Als ich aufsah, um sie zu fragen, wer sie sei und was das wäre, war sie bereits verschwunden. Lange machte ich mir Gedanken über sie. Wer sie war, was sie tat, was das Foto bedeutete. Doch bis kurz vor meinem Tod blieben diese Fragen unbeantwortet. Ebenso machte ich mir lange, auf Kosten meiner Leistungen beim Studium, über das Mädchen Gedanken. Aber ich kam nicht zum Schluss und drehte mich immer nur im Kreis. Sei sie eine Außerirische, der Todesengel, jemand aus der Zukunft, eine Hexe? Was bedeuteten die Fotos, warum sagte sie es nicht einfach? Hätte ich es geglaubt, wenn sie es mir gesagt hätte? Glaubte ich ihr nach dem Foto? Das Foto. Nach einer Woche fand Jenna (Mitbewohnerin mit den kurzen Haaren) das Foto. Was sie an meiner Unterwäscheschublade wollte lassen wir mal beiseite, aber dadurch wurde sie meine Vertraute in der Sache. Sie schwor, niemandem davon zu erzählen, was wir besprachen, aber nun, Jenna, erlaube ich dir diesen Schwur zu brechen. Ich bin tot, es ist zu spät um etwas zu ändern, daher dürfen sie auch alles erfahren. Wie wir uns nächtelang darüber den Kopf zerbrochen haben, was das Foto bedeuten würde, wann es so weit wäre und wo es wäre. Ich denke, das interessiert einige, aber in diesem Brief möchte ich das nicht ausführen.

 

Etwa ein Monat war vergangen, bis ich dann starb, und das möchte ich euch gerne erklären. Es war ja recht warm und ich war wieder auf einen Spaziergang. Dieses Mal in dem Stadtnahen Wald. Dort sah ich einen kleinen Fuchs. Füchse sind in unseren Wäldern eigentlich ziemlich selten, zumal bei Tag. Und oh, Füchse sind unsagbar niedlich. Ich folgte ihm inner tiefer in den Wald, bis in die Nähe eines Flusses. Dort knarrte es unter meinen Füßen und bevor ich wusste, was geschah war ich durch eine Decke in einen Schacht oder so etwas gefallen. Eine alte Miene, nehme ich an, oder ein sehr kleines, altes Gebäude, das verschüttet war. Verschüttet, hoch und ohne einen anderen Ausgang, als durch den ich hineingefallen war. Doch um dort wieder heraus zu kommen, dafür war ich zu klein. Was mich natürlich in keinster Weise davon abhielt, es zu versuchen. Doch zuerst lag ich einige Minuten bewusstlos auf dem Boden. Ich war hart aufgeschlagen. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich verständlicher Weise Kopfschmerzen, und nach und nach bemerkte ich auch die anderen Wunden, die ich hatte. Als ich durch die decke gefallen war, hatte ich mir viele Holzsplitter zugezogen. Die größten von ihnen zog ich mir hinaus. Eine ziemliche Leistung für jemanden wie mich, der bekanntermaßen nicht einmal eine Impfung bekommen will.

 

Ich entschloss mich, die Splitter und die Schmerzen zu vergessen und zu versuchen aus der misslichen Lage heraus zu kommen. Ich schaute mich um, doch fand nichts als Geröll um mich herum, dass ich unmöglich wegschaffen konnte. So blieb der einzige Weg nach draußen der, der sich etwa vier Meter über mir befand. Vielleicht auch drei, ich bin nicht gut im Schätzen, auf jeden Fall war es für mich sehr hoch. Ich versuchte es mit strecken, springen, klettern und mit einer Konstruktion, die vielleicht an eine Leiter erinnerte. Es war nichts von Erfolg. Als ich nach oben kletterte, es war mein letzter Versuch, rutschte ich auf halben Weg ab und fiel hart auf den Boden. Erneut verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, saß jemand neben mir auf einen Stein und beobachtete mich. Habe ich mich gefreut! Aber es war nur von kurzer Dauer.

 

Ich raffte mich auf und reichte ihm fröhlich die Hand, begrüßte ihn. Er aber beobachtete mich nur und sagte kein Wort. Mir wurde ein wenig schwindelig, aber ich fing mich wieder und legte meinen Kopf schief. Er schüttelte seinen und sagte, ich solle das nicht machen. Ich überging das und sagte ihm, wie ich mich freuen würde, dass er da sei, denn so könnten wir es hier heraus schaffen. Er schüttelte erneut den Kopf. „Sicher nicht. Ich bin dir keine Hilfe. Siehst du?“ Damit schlug er mich auf die Schulter. Ich zuckte zusammen, aber der erwartete Aufprall blieb aus. Stattdessen ging seine Hand durch mich hindurch. Ein Geist, war mein verständlicher Gedanke. Ich verzog mich also in die hinterletzte Ecke der Höhle. Er schaute mich verständnislos an. „Seid ihr Menschen immer so?“ Ich legte wieder meinen Kopf schief. „Um Gottes Willen, Lass das endlich!“, schrie er. Ich zuckte zusammen und stellte meine Frage, wie lange er schon ein Geist sei, hinten an und fragte stattdessen, warum. Die Antwort überraschte mich. Er sagte mir, er sei gar kein Geist, zumindest in dem Sinne, sondern der Todesengel. Nichts, was meine Laune oder meine Angst auch nur in kleinster Weise verbesserte. Ich saß mit dem Todesengel gefangen in einer kleinen Höhle aus Erde und Holz und wartete anscheinend darauf, dass er mich mitnahm.

 

Aber diese Zeit nutze ich, da ich ja nicht entkommen konnte,  recht sinnvoll: Ich fragte ihn aus. Und das werde ich nun auch etwas genauer erzählen, damit auch ihr, meine Hinterbliebenen, dieses Wissen habt. Ich erfuhr zum Beispiel, dass er bei einem normalen Menschen unsichtbar wäre. Bei Menschen wie mir, die in Kürze sterben, war er sichtbar, aber nicht stofflich, und je näher mein Tod rückte, desto stofflicher wurde er. Sinngemäß. Wörtlich sagte er etwas wie „desto mehr gleichen sich die Zustände der Menschenseelen und meines Selbst einander an, bis wir uns auch berühren können und ich damit die Seele und den Körper trennen kann und ersteres mit mir mit führe.“ Wir schwiegen eine Weile. „Du wartest jetzt also mit mir darauf, dass ich sterbe, stimmt das so? Machst du das öfter?“ Er nickte. „Normalerweise nehmen mich die Menschen aber später wahr als du. Wärst vermutlich ein gutes Medium.“ Ich überging das. Erstmal. Nach einer Pause kam ich doch darauf zurück. „Könnte sein. Ich habe nämlich neulich einen Geist gesehen, der mir gesagt hat, dass ich sterben würde.“ Er lachte. Es war ein herzhaftes Lachen, wie es es in dieser Welt wohl kaum noch gibt. „Wie kommst du darauf, dass sie ein Geist ist? Sie ist ein Mensch. So wie du.“ Nach einer Pause fügte er noch „Na ja, zumindest so ähnlich.“ hinzu. Ich fragte ihn, ob er das Mädchen kenne und beschrieb es mit einigen Worten. Er nickte. „Natürlich kenne ich sie. Sie ist meine Schwester.“ Ich schwieg. Das Märchen war die Schwester des Todesengels. Das musste erstmal realisiert werden. „Und was ist sie, wenn sie kein Geist ist?“ „Das ist schwierig zu sagen, besonders so, dass ihr Menschen es versteht. Für mich ist sie einfach meine Miraluna.“ „Miraluna … ist das ihr Name? Ich habe so einen noch nie gehört. Und wie heißt du?“ „Ihr Name ist ja auch sehr alt. Und meiner lautet Azrael.“ „Azrael … wie der Engel.“ Er lachte wieder herzhaft. „Ich hatte meinen Namen zuerst.“, grinste er. Wir schwiegen wieder eine Weile. Dann legte ich den Kopf wieder schief und fragte, wie er zum Todesengel und seine Schwester zu … was immer sie auch war geworden wären. Er jedoch pfiff mich wieder an, meinen Kopf still zu halten. „Bei deinem Sturz vorhin hast du einen Splitter in deinen Hals bekommen.“, erklärte er. „Bei deinem zweiten Sturz hat sie dieser Splitter tiefer in deinen Hals gebohrt und jedes Mal, wenn du deinen Kopf bewegst, bewegt sich auch der Splitter und lässt Blut frei.“ Ich wurde bleich und tastete nach meinem Hals. Tatsächlich war dort ein Splitter. „Nicht rausziehen“, meinte Azrael. „Sonst verblutest du definitiv.“ Ich verkniff mir ein Nicken und wiederholte meine Frage. „Warum seid ihr beiden, was ihr seid?“ Azrael grinste. „Das ist eine lange und recht komplizierte Geschichte. Die Kurzfassung ist, dass wir rekrutiert wurden. Erst ich, dann meine Schwester.“ „Warum macht deine Schwester so was? Warum erzählt sie Menschen, wie sie sterben?“ „Das hat sie selbst gewählt.“ Irgendwie wirkte er traurig, als er davon erzählte. „Diese Gabe hatte sie schon immer. Sie war seit ihrer Geburt etwas Besonderes. Ich konnte nur nicht sterben“, fügte er mit einem Grinsen hinzu. „Miraluna jedoch konnte immer schon den Tod von anderen Menschen vorher sehen. Und sie hat es von Anfang an dazu genutzt, um andere Menschen zu warnen. Aber nie hat jemand auf sie gehört. Und als jemand auf sie hörte, wurde sie ein Wesen zwischen Leben und Tod, genau wie ich es bin.“ Er lachte verkniffen. „Ich habe nicht viel mit euch zu tun. Mir seid ihr egal. Ich hole euch nur, wenn ihr bereits gestorben seid. Sie aber wird von euch mies behandelt. So viele von euch verfluchen sie mit den letzten Atemzügen. Ich war schon so oft dabei.“ Ich wollte ihn fragen, ob sie ihm alles bedeutet. Ich legte den Kopf schief. Azrael stürzte nach Vorne und rückte meinen Kopf in die Ausgangsposition. „Lass das, sagte ich!“ Dann schauten wir uns einen Augenblick an. Seine Hände lagen kühl auf meinen Wangen. Sie hatten keinerlei körperliche Wärme. Ich konnte sie spüren! Er bemerkte es auch. Langsam lies er meinen Kopf wieder los. „Es ist zu spät, nicht wahr?“, fragte ich. Er schaute zur Seite und nickte. „Es dauert nur noch wenige Minuten, dann bist du tot.“ Ich lächelte. Irgendwie machte mir das nichts aus. Es macht mir auch jetzt nichts aus. Ich lächelte. „Dann nimm mich mit. Ich denke, ich bin bereit. Und ich werde deine Schwester sicher nicht verfluchen.“ Nun lächelte er, kam auf mich zu, legte mir seine Hand auf die Brust und küsste mich auf die Stirn. In dem Moment fühlte ich mich unsagbar frei und glücklich. Es war, als würde ich von meinem erkaltenden Körper in ein wohlig warmes und schützendes Licht gehen. Keine Sorgen, kein Kummer. Nur reine Freiheit.

 

So starb ich. Ohne Groll oder Kummer in meinem Herzen. Es war wirklich der Frieden, den man sich im Tode erhofft.

Ihr seht also, mir geht es gut. Ihr braucht nicht um mich trauern. Denn der Tod ist nichts Grausames. Nun geht zurück in euer Leben und genießt es. Aber vergesst mich nicht, das ist mein letzter Wunsch.

In Liebe,

eure Melissa Turner

11.12.08 16:33
 


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