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Kassandra Pet

Nimmst du dir vielleicht ein wenig Zeit für mich? Ich möchte dir gerne etwas erzählen. Meine Geschichte ist nicht lang. Aber sie ist voll mit Situationsironie und verpassten Chancen. Vielleicht liegt es an meinem Namen? Kassandra. Im alten Griechenland war diese meine Namensgeberin eine Unglücksbotin. Es heißt, sie sagte Überflutungen und Erdbeben voraus. Was immer Menschen dahin raffte, sie hatte davon bereits gesprochen. Nein, dieser Name bringt kein Glück. Nicht einmal der Trägerin. Niemandem.

 

Was meine Eltern sich wohl dabei gedacht hatten? Kassandra Maria Pet … eine ungeschicktere Namenskombination gibt es wohl nicht. Maria, der Name der heiligen Mutter und Kassandra als Name der frevelhaften Gottlosen. Trotzdem hoffte ich lange Zeit, dass sich die Bedeutungen und Schicksale dieser Namen vielleicht aufheben mögen, damit ich ein wenigstens einigermaßen normales Leben führen könnte … doch danach sah es nicht aus.

Immer wieder wurde ich verletzt und enttäuscht. Und selbst die schönsten Augenblicke konnte ich nicht genießen, ohne Angst vor etwas zu haben, was danach kommen würde. Zum Beispiel mein 18. Geburtstag - endlich volljährig und kurz vorm Ausziehen. Bevor ich wusste, was geschehen war, war mein Vater bei einem Autounfall gestorben. Und meine Mutter hatte ich nie kennen gelernt. Ich wurde zu einer Tante verfrachtet, die mich ziemlich deutlich spüren ließ, dass ich unerwünscht war. Ich zog aus und lies sie weit hinter mir zurück. Ich brach die Schule ab, suchte mir einen Job, dann einen Ausbildungsplatz und eine kleine Wohnung. Ich brach alle Kontakte ab und zog mich in meine Welt zurück um nicht wieder verletzt zu werden. Ich war allein. Und trotzdem hoffte ich, es irgendwie hinzubekommen.

 

Ich hatte mir früher oft überlegt, was einmal aus mir werden sollte und ich war sicher: Ich wollte unbedingt Architektur studieren! … auch, als ich hinter der Bäckereitheke stand, tat ich überzeugt, dass ich diesen Wunsch eines Tages wahr machen würde: Ich würde Architektin werden!

Doch die Jahre vergingen und ich fand den Weg nicht. Ich sollte es nicht schaffen. Und irgendwo, tief in mir, wusste ich das auch. Es war kein gutes Leben, das ich führte. Sicher nicht. Und es gab so wenig, was mir Freude machte. Und doch schien mein gesamtes Leben auf diesen einen Moment hinzuführen, wo dieser eine Mensch in die Bäckerei kam, in der ich arbeitete.

 

Als erstes fielen mir die zärtlich-scheuen blauen Augen auf, die unter den braunen Haaren hervorguckten. Es schloss sich ein Traumkörper in einer vornehmen Verpackung an. Wir verstanden uns auf Anhieb. Und doch bestellte er nichts weiter als ein mit Käse belegtes Brötchen, einen heißen Milchkaffee zum mitnehmen und fünf Quarkinis. Sonst sprach er kaum ein Wort. Trotzdem fühle ich mich von ihm angezogen und freute mich unglaublich, als er am nächsten Morgen wieder vor der Theke stand. Seit dem kam er regelmäßig und ich konnte es kaum erwarten. Und doch sprach er so wenig wie am ersten Tag. Irgendwann sogar weniger, denn ich brauchte nur wenige Tage um mir sicher zu sein, dass er immer das Gleiche bestellen würde. Und irgendwann hatte ich schon fast die Tüte gepackt, als er zur Türe hinein kam.

Aber er lud mich nie ein. Er sprach auch nicht viel mit mir, sondern bestellte einfach nur sein Essen und zog wieder ab. Ich hingegen musste immerzu an ihn denken. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm nicht so ginge wie mir. Es war dieses deutliche Gefühl, dass wir zusammen gehören. Das musste er doch auch fühlen.

 

Und doch schien er weiterhin nichts unternehmen zu wollen, um unsere geschäftliche Beziehung auf eine neue Ebene zu heben. Mir hingegen reichte es! Ich wollte das ändern! Als steckte ich ihm eines Tages heimlich einen Zettel in die Tüte. Eigentlich wollte ich ihn dem ja mitsamt den Kassenbon geben, aber als ich mir das vorgenommen hatte, meinte er anscheinend, den Bong nicht mehr zu brauchen. Also lies ich meinen kleinen Zettel einfach mit in die Tüte fallen.

 

Als er das erste Mal kam, war ich unglaublich gespannt. Doch er verlor kein Wort darüber. Er bestellte nur wie immer und bezahlte. Ich fing schon an, zu glauben, dass er den Zettel gar nicht bekommen hatte. Doch da fiel mir der Zettel auf, der zwischen dem Geld lag. Ich grinste leise in mich hinein, sortierte das Geld in die Kasse, steckte den Zettel ein und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Er lächelte, nickte, und ging. Kaum aber hatte er mir den Rücken zugedreht, riss ich den Zettel weder hervor und las ihn. Die anderen Kunden konnten warten! Ich hielt es vor Spannung nicht mehr aus! Auf dem Zettel stand: „Ich würde mich sehr freuen, mit Ihnen aus zu gehen. Ich hoffe, Donnerstag ist Ihnen recht. Ich werde ab 19 Uhr im Cafe Calladium auf Sie warten. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich Sie dort antreffen werde!“ Ich machte einen Luftsprung vor Glück und Freude. Fast einen Meter in die Luft. Egal, was an diesem Donnerstag geplant war, es wurde definitiv verschoben! Jetzt musste ich nur noch herausfinden, wo genau das Calladium lag …

 

Das Calladum war ein Cafe, eher ein Restaurant, in der vornehmsten Gegend. Ich kam mir sehr fehlplaziert vor, denn ich gehöre einfach nicht zu den Menschen, die sich in derartigen Cafes etwas leisten kann. Doch dann entdeckte ich ihn, George, und meine Angst, meine Bedenken und meine Zweifel waren wie weggeblasen. Er gehörte hier her. Und ich gehörte zu ihm.

Die Zeit mit ihm war einfach traumhaft. Wir verstanden uns tatsächlich wunderbar, sogar noch besser als zunächst erwartet. Und noch bevor der Abend um war, hatten wir uns zu einem weiteren Treffen verabredet. Dann zu einem dritten. Zu einem vierten. Es hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann waren wir fast täglich zusammen. Er brachte Licht in mein einsames Leben.

Mit ihm fühlte sich alles richtig und gut an. Und ich brauchte Abwechslung in seine Tage.

Bald wurden wir zu einem festen Paar und irgendwann zogen wir auch zusammen. Die benimmlose Weise und der erfolgreiche Unternehmer. Viele meinten, dass wir nicht zueinander passten. Ich war manchmal auch darunter. Ich hatte das Gefühl, ich würde ihn und mich blamieren und er müsse sich doch für mich schämen. Oder er könnte denken, dass ich nur wegen seinem Geld mit ihm zusammen war. Aber wann immer ich anfing, mich von ihm abzugrenzen und vor Angst fliehen wollte. Wann immer mir solche Gedanken in den Kopf schlichen, war er da. Er nahm mich in den Arm und hielt mich ganz fest. Dann wusste ich immer, dass alles richtig und gut war. Nichts konnte mich in solchen Momenten daran zweifeln lassen.

 

 

Ich genoss die Zeit mit ihm. Er bot mir eine Seite des Lebens, die ich niemals gekannt hatte. Er beschenkte mich, nahm mich mit in den Urlaub. Und schließlich kam der Tag, an dem er mir Frühstück ans Bett brachte. Das hatte er zwar schon einige Male gemacht, aber dieses Mal war es wirklich besonders. Zu unserem dritten Jahrestag, wie er sagte. Das Brötchen hatte er schon aufgesägt, Marmelade und Käse standen auch dort. Und warmer Kaffe und Butter. Ich grinste ihn an und meinte, dass er die Brötchen hoffentlich bei uns im Laden gekauft hatte. Er lachte. Dann nahm ich die obere Hälfte vom Brötchen und starrte auf einen Zettel. Ich faltete ihn auf und es fiel ein Wahnsinns Ring heraus. Auf dem Zettel aber standen nur diese vier Worte: „Willst du mich heiraten?“

 

Einen halben Monat später, begannen wir mit den Hochzeitsvorbereitungen. Und mit der Planung unseres Halbjahresurlaubes. Denn er fuhr immer zwei Mal im Jahr mit mir in den Urlaub. Diese Mal sollte es in die Alpen gehen. Ein Traum für mich. Ich ging an dem Tag ein wenig shoppen. Ich brauchte noch einen Schneeanzug, Skier, Dessous … alles, was man für einen kalten Winterurlaub mit seinem Verlobten eben braucht. Nach getaner Arbeit setzte ich mich in ein nettes, kleines Cafe und genoss einen heißen Tee. Das war der Moment, an dem ich sie traf. Sie setzte sich mit einem kleinen Gruß zu mir an den Tisch. Ich dachte, ich seh nicht recht. Aber sie quatschte mich einfach voll, schon mir einen Zettel zu und wollte wieder gehen. Als letztes sagte sie nur: „Fahr nicht in die Alpen. Denn so, wie jetzt, kommst du nicht mehr zurück.“ Ich lachte und fragte, wer sie sei und ob sie eine neumodische Kassandra sei. Daraufhin sah sie mich einen Augenblick lang irritiert an und sagte etwas, was ich wohl niemals vergessen werde.

 

Als sie weg war, wollte ich den Zettel lesen. Aber es war keine Nachricht, es war ein Bild. Es zeitige mich, umgeben von … nichts! Reinem, weißen, Nichts. Ich drehte das Bild wieder um, gezahlte und ging. Doch auch, wenn ich mit dem Bild nichts anfangen konnte, so gingen mir ihre Worte nicht aus dem Kopf … ich würde nicht so wie ich in die Alpen gegangen war zurückkommen. Was das wohl bedeuten sollte? Es war etwas Unheilvolles, Bedrohliches in ihrer Voraussage. Doch was sollte es heißen?

 

In der Nacht lag ich lange wach und als ich endlich eingeschlafen war, jagte mich ein Alptraum, bis ich schreiend hochfuhr. George schaute mich verschlafen und verständnislos an. Ich konnte nichts sagen, ihm nicht dabei helfen, zu verstehen. Ich konnte ihn nur darum bitten, nicht in die Alpen zu fahren. Ab dem Moment war George hellwach und fragte mich, warum. Ich erklärte ihm, dass etwas Schreckliches dort geschehen würde und erzählte ihm von dem Mädchen und von dem, was sie gesagt hatte. Er aber schaute nur verständnislos und legte dann seinen Arm um mich. Er küsste mich und sagte: „Das kann so vieles bedeuten, nicht nur Schlechtes!“ Bei den Worten küsste er mich meinen Körper hinab, bis er an meinem Bauch angekommen war. Dort sah er vielsagend zu mir hinauf. Allein mit diesem Blick zerstreuten sich alle Sorgen und Zweifel. Wenn dies die Verheißung war, so würde mich garantiert nichts davon abhalten können, in die Alpen zu fahren!

 

Erst am Flughafen kamen die Zweifel zurück. Und zwar mit einer gigantischen Wucht. Was, wenn diese Voraussage doch so düster war, wie ich es vermutet hatte? Was, wenn mir etwas im Urlaub zustoße? Doch als ich George fragte, nahm er mich nur in den Arm und küsste mich. Dieses Mal jedoch reichte es mir nicht. Es war sogar unangenehm. Es war, als wäre er der Überzeugung, dass sich alle meine Probleme mit einer simplen Umarmung lösen ließen! Doch das war nicht so. Ich hatte wirklich Angst! Und ich hatte das Gefühl, er würde das nicht ernst nehmen. Er lächelte auf mich hinab und versprach mir, persönlich auf mich acht zu geben. Und dann versprach er mir, dass er mich, wenn er mich aus den Augen verlöre, alle Viertelstunde anrufen würde. Schließlich habe er mir dafür ja auch das Handy geschenkt. Das beruhigte mich wieder ein wenig. Denn bisher hatte er all seine Versprechen gehalten. Also flog ich mit ihm in die Alpen.

 

Anfangs lief alles gut. Wir wichen einander nicht eine Minute von der Seite, und falls ich doch einmal eine andere Bahn nahm, als er und wir so getrennt wurden, rief er mich auf die Sekunde genau nach fünfzehn Minuten an. Ich ging ran und wir wechselten ein paar liebevolle Worte. Es schien alles gut zu sein. Und doch war es die bescheuertste Idee, die ich jemals gehabt hatte!

 

Meine Geschichte ist fast zu Ende. Denn ich befinde mich in einem Eisklopps. Ich weiß nicht einmal mehr genau, wie das gekommen ist. Ich war mir George auf der Piste. Er fuhr, ich sagte, ich traue mich die Strecke nicht. Er meinte, er würde unten bei den Lifts auf mich warten oder mich dann in einer Viertelstunde anrufen und fuhr los. Ich sah ihm nach, fuhr zu einer anderen Piste, verlor irgendwie die Kontrolle über meine Skier, fuhr durch den Wald, wobei es reines Glück war, dass ich gegen keinen der Bäume fuhr, bis ich an einen unglaublich steilen Hang kam. Egal, wie sehr ich es versuche, es gelang mir einfach nicht, stehen zu bleiben.

Dann, endlich, im Schnee des steilen Hanges, wurde ich langsamer, bis ich schließlich stehen blieb. Unter mir bröckelte etwas Schnee und machte sich auf seinen tiefen Weg nach unten. Doch durch mein gewicht bildete sich eine Kuhle im Schnee, die immer wieder nachrutschte. Und plötzlich rutschte der halbe Berg nach. Bevor ich mich versah, war ich umgeben von kaltem Schnee. Ich versuchte noch irgendwie über dem Schnee zu bleiben, doch er drückte mich gewaltsam herunter. Ich ertrank in einem weißen Meer von Nichts.

 

Nun, genau genommen, bin ich nicht ertrunken, sondern nur darin versunken. Aber das macht die Sache kein Stück besser. Ich bin nun schon eine halbe Ewigkeit hier eingeschlossen. Ich friere, als wäre ich am Nordpol. Und zwar nur im Bikini. Es ist schrecklich. Da! Mein Handy klingelt. George! Ich müsste ran gehen, ihm sagen, wo ich bin, dass er mich hier raus holen soll. Aber ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht heran gehen. Oh, Gott, bitte, lass ihn nach mir suchen! Wenn ich nicht dran gehe, muss er sich doch Sorgen um mich machen. Bitte, Gott, lass ihn nach mir suchen!

 

Zehn Minuten später klingelt mein Handy wieder. Fünf Minuten. Er ruft immer und immer wieder an. Spinnt er? Wenn ich einmal nicht drang gegangen bin, weil ich in einer Lawine stecke, werde ich das zweite Mal wohl auch nicht dran gehen. Und das dritte Mal auch nicht. Er sollte mich lieber suchen! Denn ich kann nicht ans Handy gehen. Aber wenigstens sorgt er sich wirklich um mich. Ich wäre wirklich seine Cinderella gewesen, nicht wahr? So, wie sie mich begrüßt hat, nicht wahr? „Hallo Cinderella“, hatte das fremde Mädchen doch gesagt. Ja, Cinderella. Die Weise, die ihren Prinzen findet und mit ihm für den Rest ihres Lebens glücklich ist. Ich bin plötzlich wieder zurück an jenem Tag, an dem ich ihr begegnet bin. Es ist, als würde ich uns beobachten. Ich hätte ihr zuhören sollen! Sie hat so viele Dinge gesagt, die mir hätten helfen können. „Träume sind schön, doch man darf nicht den Fehler machen, und über diese die Augen zu verschließen.“ Ich hätte auf mein Gefühl trauen sollen. „Er liebt dich und er würde dich um jeden Preis suchen. Doch er ist ein Mann! Er käme zu spät. Eine halbe Stunde zu spät!“ Ich zittere. Hat sich mein Schicksal in dem Moment entschieden, in dem ich in dieses Flugzeug stieg? Plötzlich schaut sie mich genau an. Mich, die die ich jetzt bin, die, die beobachtet, die nicht in dieser Erinnerung lebt! Wie kann das sein? Doch sie schaut mit genau in die Augen. Sie sieht mich. „Doch er hatte auch Recht. Du bist …“ Sie legt ihre Hand auf meinen Bauch. Eine andere Erinnerung blitzt kurz auf. Wie er meinen Bauch küsst und mich anblickt. Ich bin … schwanger? Dann bin ich wieder in der alten Erinnerung. Wie ich sie zurückrufe und sie frage, ob sie eine neumodische Kassandra ist. Sie schaut mich überrascht an. „Warum neumodisch? Ich bin die älteste Kassandra. Mit mir hat der Fluch dieses Namens den Anfang genommen!“

 

In dieser Erinnerung verbringe ich meine letzten Sekunden. Ich fliehe vor dem Schmerz und der Kälte, die mich in der Realität überwältigen. Ich merke nicht, wie der Schnee sich bewegt, wie Menschen sich langsam auf mich zu arbeiten. Sie arbeiten schnell. Aber nicht schnell genug. Sie werden mich nur noch tot bergen können. Denn ich gebe das Leben auf. Eine halbe Stunde zu früh! Ich gebe auf.

22.12.08 13:12
 


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