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Marianne Blue

Es ist nunmehr etwa acht Monate her. Ich kann mich nicht mal mehr genau daran erinnern, was eigentlich passiert ist. Es ist irgendwie so irreal. Ich meine, der Fahrstuhl war wirklich abgestürzt. Es gab Tote. Und angeblich wäre auch ich einer davon gewesen, wenn ich nicht … mein Gott, was war da nur passiert? Ich habe doch keine Ahnung, wovon ich hierbei rede? Es ist so irreal. Allein der Tag und dessen Geschehnisse. Und von dem Mädchen will ich gar nicht mal reden. Ich möchte nicht mal mehr an sie denken! Sie war … was war sie? War sie ein Traum, war sie echt? Sie kommt mir so schrecklich unwirklich vor, aber viel zu real, um ein Traum zu sein. Was war nur passiert? Aber Gott weiß, ich habe an diesem Tag weit mehr Sorgen, als eventuelle übernatürliche Fotografinnen. Meine Tochter war seit fast drei Tagen verschwunden. Sie neigt zwar dazu, hin und wieder mal Spurlos zu verschwinden, aber ich sterbe immer fast vor Sorge und wenn sie bis Abends weg bleibt. Und normalerweise wusste ich immer, wo sie war. Aber dieses Mal hatte sie es mir nicht gesagt. Ich rief bei all ihren Freundinnen an, aber niemand wusste, wo sie stecken könnte. Also ging ich zur Polizei, aber sie meinten, dass sie nichts machen könnten, bevor das Kind nicht 24 Stunden verschwunden wäre. Ich versuchte sie zu überzeugen, aber es gelang mir nicht. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, ich zählte jede Minute bis zum Ablauf der 24 Stunden und als sie abgelaufen waren, war ich wieder bei der Polizei. Doch die sagte mir, dass das nächtliche Gewitter die Suche erschweren würde. Ich befahl ihnen, endlich anzufangen und meine Tochter zu finden. Das war nun vor etwa 20 Minuten gewesen. Nun war ich auf dem Weg nach Hause um mir alles noch Mal durch den Kopf gehen zu lassen. Alles ist nass und matschig, aber die Luft ist klar und frisch, wie es nach einem Gewitter sein muss. Aber für all das habe ich keinen Sinn. Ich will nur noch meine Tochter finden. Vor einem halben Jahr hatte ich am Rande des Todes gestanden. Eine Freundschaft hatte es mich gekostet, aber ich hatte mich dafür entschieden, für meine Tochter weiter zu leben. Und nun sollte meiner Tochter was passiert sein können? Nein, ich weigere mich, das zu glauben. Und da entdecke ich sie! Sie sitzt auf einer Bank und beobachtet die Menschen, die an ihr vorbei gehen. Als sie mich erblickt, nagelt sie ihren Blick auf mich fest, mit einer Beständigkeit, die ich bereits kenne. Ich wende meinen Schritt und gehe auf sie zu. Als sie das bemerkt, lächelt sie. Wie hatte ich dieses Lächeln jemals als warm empfinden können, als gut? Es ist grausam! Grausam und gehässig. Dieses Lächeln ist das pure Böse und ich wollte es sicher niemals wieder sehen. Sie klopft mit ihrer flachen Hand auf den freien Platz neben ihr. Ich rühre mich nicht. Sie lächelt mich wieder an. „Komm“, sagt sie. „Setz dich ein wenig zu mir. Es ist interessant, den Leben anderer Menschen zu zusehen.“ „Hast du kein eigenes?“, gebe ich zurück. Aber dennoch folge ich ihrer Einladung und setze ich mich. „Jeder hat sein eignes Leben“, beantwortet sie meine Frage. „Aber die meisten Menschen finden ihr eigenes immer furchtbar langweilig, daher lassen sie für sich leben. Sie betrachten fremde Leben oder mischen sich in sie ein.“ Biest! Sie seufzt. „Du hasst mich, nicht wahr?“ Ich starre weiter auf die Passanten. „Erklärst du mir, warum?“ Nein, ich werde es ihr nicht erklären … ich weiß es nämlich nicht sicher. Warum hasse ich sie? Ich lebe doch noch! „Weil es dich gibt“, antworte ich schließlich. Sie ist sichtlich verletzt. „Du bist doch nicht normal“, fahre ich fort. „Du widersprichst allen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt. Es dürfte dich nicht geben.“ Sie nickt und sagt, dass sie das auch häufig denkt, aber ändern könne sie es auch nicht. „Außerdem bedeutet es immer etwas Schlechtes, wenn man dir begegnet.“ Sie schüttelt überzeugt den Kopf. Dann schweigen wir uns an und ich habe Zeit, zu überlegen, was ich hier eigentlich mache. Ich hasse dieses Mädchen. Warum also sitze ich neben ihr?

 

„Wie geht es deiner Tochter?“ Als das Mädchen diese Frage stellt, bleibt die Welt für einen Augenblick stehen. Was wagt sie mich, nach ihr zu fragen? Das Mädchen aber lächelt nur verträumt. „Du hattest im übrigen Recht.“, sagt sie dann. „Sie ist wirklich ein tolles Mädchen. Ich gratuliere dir zu ihr.“ Dann lächelt sie mich an. „Am schönsten ist ihr Haar. Es ist so wundervoll glatt. Alles scheint perfekt zu liegen. Bei mir hingegen …“ Sie streicht sich durch die welligen Haare. „ist nie etwas, wo es hin soll.“ Ich bin kreidebleich geworden. Es ist mir zu wieder, sie über meine Tochter reden zu hören. Aber es bedeutet etwas noch viel Schlimmeres: „Soll das etwa heißen, du kennst sie?!“ Sie nickt. „Ein reizendes Mädchen! Wir haben uns vor einer Weile getroffen.“ Ich glaube, mein Gesicht hat keinerlei Farbe mehr. Ich kann einfach nichts mehr sagen, nicht mal mehr etwas denken. Sie aber nimmt meine Hand in ihre Hände und drückt sie. „Ich wünsche euch beiden von ganzen Herzen alles Gute.“, sagt sie und ich springe auf und renne nach Hause. Dort gehe ich in ihr Zimmer. Meine Hände zittern, als ich die Türe öffne. Ich hoffe so, dass sie auf ihrem Bett liegt und mich hinaus schickt, weil ich sie bei irgendetwas störe. Ich sehe mich ein wenig in ihrem Zimmer um. Sie liegt nicht auf ihrem Bett. Voller Angst fange ich an, mir darüber klar zu werden, was ich suche. Wo kann meine Tochter das Foto hingetan haben? Wo wird sie sterben? Mein Blick streift auch ihr Tagebuch. Aber als gute Mutter übergehe ich es natürlich. Mein Blick schweift zurück zum Tagebuch. Wenn ich Recht habe, dann hat sie das Foto sicher dort hinein getan! Vielleicht kann es mir sagen, wo sie ist? Wie es ihr geht? Wie viel Zeit sie noch hat? Mit zitternden Händen schiebe ich das Tagebuch auf. Ich weiß, dass ich gerade einen Tabubruch begehe. Einen, den sie mir lange nicht verzeihen können würde. Aber wenn es mir helfen würde, sie zu finden … ich würde es riskieren. Ich würde alles riskieren. Nur um sie zu finden.

„5. April: Ich hätte nicht mehr damit gerechnet, aber der erwartete Aprilscherz ist doch noch gekommen.“ Ich zögere. Nicht, weil ich Zweifel habe, dass ich das Falsche tue, das weiß ich längst. Es ist, dass ich letztes Jahr mit meinem Neffen geredet hatte. Ich hatte ihm verboten Keith jemals wieder Streiche zu spielen. Und er hatte es anscheinend verstanden. „Ich bin zugegebenermaßen etwas überrascht, dass Collin sich dieses Jahr so viel Mühe gegeben hat. Er hat nämlich eine ganze Fotomontage gemacht und sie mir durch ein braunhaariges Mädchen geben lassen. Aber dieses Mal ist er auch zu weit gegangen. Die Fotomontage ist echt heftig, richtig überzeugend. Und sie zeigt, wie ich überfahren werde. Es ist schon sehr unheimlich. Aber ich denke, ich brauche mir darüber keine weiteren Gedanken zu machen. Sobald ich nämlich anfange es ernst zu nehmen springt er hinter dem nächst besten Busch her und brüllt mir ein `April, April´ entgegen. Wie ich das hasse!“ Ich zittert. Ein Foto? Von einem braunhaarigen Mädchen? Ich hasse den Gedanken, der sich mir aufdringt: Ich hatte richtig gelegen! Meine Tochter war diesem Monster begegnet … Ich überfliege die nächsten Tage. Es sind nur Einträge über Jungs, die sie mochte und Schulprobleme. Danach suche ich nicht mehr. „12. April: Ich gebe es nur ungern zu, aber das Foto wird mir doch immer unheimlicher. Es ist schon eine Woche her, aber Collin hat sich immer noch nicht dazu gemeldet. Mehr noch, er war zu der Zeit bei seinen Großeltern. Kann er trotzdem hinter dem Foto stecken? Ist er überhaupt in der Lage, eine derart gute Fotomontage zu machen? Ich meine, er ist zwar ein Computercrack, aber so gut … ich bin mir nicht sicher. Mehr noch, ich bin mir sogar unsicher! Und das Schlimmste ist, dass ich mir so albern vorkomme. So naiv und dumm. Und ich habe Angst, es meiner Mutter zu erzählen. Sie würde mich für vollkommen verrückt halten. Oder, schlimmer, sie würde das Foto ernst nehmen und mir alles verbieten, was auch nur annährend mit Autos in Konflikt kommen könnte. “ Wann hatten wir angefangen, uns so sehr zu entfernen? Ich dachte immer, wir seinen die engsten Freundinnen! Seit wann irrte ich mich so sehr? „17. April: So langsam habe ich das Gefühl, wirklich durch zudrehen! Ich kann nichts anderes mehr, als an dieses Foto zu denken. Es ist schon fast zwanghaft. Ist es echt? Ist es falsch? Was passiert, wenn es echt ist? Gibt es so etwas überhaupt? Ist es möglich? Ich komme mir vor, als wäre ich verrückt. Ich denke, ich muss mir wirklich langsam Hilfe holen. Ich fürchte, ich muss es riskieren und Mama davon erzählen.“ Ich weine. Warum hat sie es nicht getan? Wer hätte sie besser verstehen können, als ich? Aber wenn es so ist … warum habe ich die Veränderungen nicht bemerkt? Bin ich eine so schlechte Mutter, dass ich von alledem einfach nichts mitbekommen habe? „18. April: Ich denke, es ist nicht mehr nötig, irgendjemanden davon zu erzählen. Ich komme mir zwar irre vor, bei dem Gedanken, aber das Foto war echt. Mehr noch: Es ist sogar eingetroffen! Jetzt ist natürlich die Frage: Wie kann ich das dann jetzt noch schrieben? Die Antwort: Es ist nicht ganz eingetroffen. Ich war in der Stadt und wollte mir ein Oberteil kaufen, auf das ich es schon lange abgesehen habe, das Mama aber zu schlampig ist. Es ist ein Traumoberteil! Als ich vorher was für die Schule holen wollte traf ich auf diese neue Klassenkammeradin von mir. Sie ist an sich ein nettes Mädchen, aber wir haben nicht viel gemein. Trotzdem hab ich sie mitgenommen und wollte ihr ein wenig die Stadt zeigen, als ich … ich weiß nicht, wie das geschehen konnte, aber plötzlich kam mir dieses Auto entgegen! Ich konnte nicht reagieren, geschweige denn, ausweichen, als meine Mitschülerin, Janine heißt sie, glaube ich, mich zurückzog und mir damit das Leben rettete. Ich kann es immer noch nicht fassen. Das lag vermutlich daran, dass sie wirklich nicht so danach aussah, als hätte sie mich zurückgezogen, aber man kann sich irren. Und ich habe es Gott sei Dank getan! Das verrückte jedoch ist, dass das Foto weg ist! Es ist grau geworden. Dabei muss es genau das Foto sein! Ist das nicht unglaublich?“ Neben diesem Eintrag liegt ein Foto. Eines, wie ich auch eines bekommen hatte. Aber es ist nicht grau. Es zeige mein kleines Mädchen, wie es zusammengesunken und schwer verletzt unter einem Felsvorsprung liegt. Durchnässt und in Blut getränkt. Ich weine. Ich weine so bitterlich. Wie konnte so etwas überhaupt möglich sein? „Keith!“, rufe ich in die Stille. „Wo bist du?!“ Wie als Antwort nehme ich aus meinen verweinten Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Auf ihrem Tagebuch erscheinen plötzlich Buchstaben. Es ist sicher ihre Schrift. Ich wische mir über die Augen. Keith? Kann das sein? „Ich liebe dich, Mama“, erscheint auf der Seite. Ich fange wieder an zu weinen. „Lebe wohl. Deine Keith“ „Keith!!!!“, brülle ich. Keine Antwort. Die Schrift antwortet nicht mehr. Ich bin vollkommen alleine im Zimmer. Nur die Schrift lässt die Ahnung zu, dass es bis eben nicht so war. Ich schaue auf das Foto. 25.04.2026 8.25 Uhr. Ich schaue auf die Uhr. 8 Uhr 30. Ich werde ganz bleich und drohe das Bewusstsein zu verlieren. Das kann nicht sein! Keith! Keith! Ich haste zum Telefon und lasse mich mit der Polizei verbinden. Warum dauert das so ewig! Keith! Ich sage ihnen, wo sie nach ihr suchen müssen. Am Steinbruch, sage ich ihnen. Dann lege ich auf und versuche ein wenig durchzuatmen. Ich schaue auf meine Hände. Meine Linke hat sich um irgendetwas gekrampft. Es ist das Foto. Ich schaue es mir noch mal an und merke, wie ich wieder fast die Besinnung verliere. Das ist nicht Keiths Foto! Es ist meins. Ich bin darauf abgebildet, wie ich von einem Menschen scheinbar zerdrückt wurde. Seit wann habe ich das? Wann hatte sie es mir gegeben? Beim Händedruck? Kann das sein? Warum habe ich davon nichts bemerkt? Ich kann nichts weiter, als nur drauf starren.

 

Zwei Stunden später bekomme ich einen Anruf von der Polizei. Sie haben sie gefunden. Sie haben meine Keith gefunden. Der Polizist duckst ein wenig herum. Dann sagt er mir, dass er mir leider mitteilen muss, dass meine Tochter … das weiß ich doch! Ich weiß es! Dieses Miststück hat es mir bereits erzählt. Ich weiß es! Eine weitere Stunde später haben sie es endlich geschafft, sie zu bergen. Ich sitze neben ihr und weine bitterlich. Ich weine um meine Tochter. Mein Kind. Und ich schwöre bei Gott, wenn dieses Mädchen mir noch ein einziges Mal unter die Augen tritt, bringe ich sie um! Und doch … meine Hand gleitet in meine Manteltasche. Ich ziehe das neue Foto heraus und betrachte es sorgfältig. 26.04.2026 … grinsend stecke ich das Foto wieder weg. Ich habe eine Verabredung mit dem Tod! Dieses Mal werde ich sie sicher einhalten!

 

Es ist merkwürdig. Ich dachte immer, Keith käme ohne mich nicht klar, schließlich war sie noch elf Jahre jung, aber anscheinend war ich ohne sie eben so aufgeschmissen. Ich wollte mein Kind zurück! Oder aber sterben. Ich hatte nichts mehr.

Es vergeht ein Tag. Ich liege bis Mittags im Bett. Ich habe einfach keinen Grund mehr, um aufzustehen. Dann klingelt mein Wecker. Ich grinse, stehe auf und mache mich fertig. Wie will ich sterben? In Rock? Kostüm? Hose? Diese Gedenken haben etwas Amüsantes. Ich ziehe mir schließlich die Kleidung an, die meiner Tochter immer am Besten gefallen hat. Mit dem Gedanken „Keith … ich komme!“ wanke ich in die Innenstadt. Ich kenne das Hochhaus auf dem Bild. Ich weiß, wo es steht. Ich komme recht schnell dort an und bleibe dann einfach nur stehen. Ich betrachte die Uhr, zähle die Sekunden. Gleich! Ich stelle mich exakt dort hin, wo das junge Ding aufkommen soll. Die Frage, ob sie mich so wirklich töten kann, stelle ich mir nicht. Ich weiß, dass es geht! Sonst wäre es nicht auf diesem verflixten Foto! Ich hasse dieses Mädchen! Was sie mir angetan hat … oh! Da ist das Kind vom Foto. Sie beugt sich über das Geländer, dreht sich wieder um und scheint sich mit jemandem zu unterhalten. Ich beobachte jede ihrer Bewegungen. Schließlich verschafft sie mir Erlösung! Da! Sie lehnt sich an, das Geländer bricht, sie verliert das Gleichgewicht! Im gleichen Moment macht mein Herz einen Aussetzer und einen Luftsprung. Wie kann man so Gegensätzliches fühlen! Aber … warum fällt sie nicht! Wird sie dort festgehalten? Kann das sein? Mein Gott, ja, irgendjemand hält sie fest! Wer wagt es, mich um meinen Tod zu betrügen? Ich strenge meine Augen an und mein Herz bleibt stehen. Sie? Nein! Wie kann das sein? Wie kann sie es wagen? Tränen schießen mir in die Augen. Bitte, Mädchen, lass sie fallen. Hast du mir nicht schon genug angetan? Warum lässt du mich nicht endlich Frieden finden? Mit lauten Scheppern kommt das Teil des Geländers neben mir auf. Es hat mir ein wenig in die Haut geschnitten. Ich glaube, ich blute. Ich starre nur weiter nach oben. Scheinbar mit absoluter Leichtigkeit wird das Kind wieder hinauf gezogen … fort von mir. Soll das bedeuten, dass ich leben muss? Lange Zeit starre ich nur fassungslos hinauf. Dann kommt das Kind wieder an den Rand und blickt nach unten. Warum hat sie das getan? Warum hat sie es nicht getan? Kann es das Mädchen gewesen sein, die das Kind wieder hinaufgezogen hat? Die Schiebetüren weichen auseinander und heraus tritt der baunhaarige Teufel. „Warum hast du das getan?“, frage ich sie. Meine Zähne sind zusammengebissen. Sie sieht mich verwirrt an. „Warum hast du meine Keith sterben lassen und mir das Leben gerettet? Warum hast du die da oben gerettet?“ „Gar nichts habe ich! Und ist es so ein Leid, zu leben?“ „Meine Tochter ist tot!“ „Du aber lebst! Ich weiß, es ist nicht alles, aber für den Anfang muss es doch reichen  können.“ „Meine Tochter ist tot!“ „Aber …“ „Meine Tochter ist tot!“, brülle ich. Nun schweigt sie und macht nichts anderes, als mich anzusehen. „Wie kann dir das egal sein?“, brülle ich sie weiter an. „Wie kannst du deshalb sterben wollen? Meinst du wirklich, dass sie das wollen könnte?“ Ich nehme sie an ihren Schultern und schüttle sie. „Was weißt du schon über sie? Was weißt du schon über sie? Sprich nicht von ihr! Du weißt nichts! Gar nichts!“ Ich fange an sie zu schlagen. Wie kann es sein, dass sie sich heraus nimmt, von meinem Kind zu sprechen? Es steht ihr nicht zu! Es steht ihr nicht zu! Es steht ihr nicht zu!! Sie lässt es beschwerdelos über sich ergehen. Ich hasse sie! Ich hasse sie so sehr!

 

„Mein Bruder hat es mir erzählt.“, sagt sie nach langem Schweigen. Ich klammere mich an ihre Kleider um den Halt nicht zu verlieren. Warum glaube ich noch, dass ihre Worte mir Linderung verschaffen könnten? „Sie wollte nicht mit ihm gehen.“, fährt sie mit sanfter Stimme fort. „Sie wollte zu dir, dir sagen, wie sehr sie dich liebt und vermisst. Sie wollte dir sagen, wie leid es ihr tut. Marianne, sie wäre für dich eine Ruhelose geworden.“ „Eine Ruhelose?“ „Sie hat dich aufrichtig und über alles geliebt.“ Ich zittere vor Schmerz, Wut und Trauer. Bevor ich weiß, was ich tue, lehne ich an ihr und weine an ihrer Schulter allen Schmerz hinaus. Sie lässt alles über sich ergehen. Sie streicht mir sanft über das Haar. Und mir fehlt einfach die Kraft, mich zu wehren. Ich weine mich aus. Bei einem Mädchen, das ich über alles hasse. Weil sie mich am Leben gelassen hat. „Du liebst sie doch auch, nicht wahr?“, fragt das Mädchen. „Willst du ihren Tod dann so wenig zählen lassen?“ Ich schaue mit Tränen in den Augen zu ihr auf. „Ich habe lernen müssen, wie wenig ein Menschenleben für die Gemeinschaft zählt. Es gibt immer nur wenige Menschen, denen ein bestimmtes Leben wirklich etwas wert ist.“ Ich zittere wieder vor Wut. Wie kann sie es wagen?! „Keiths Leben interessiert die Welt nicht. Ihr Tod interessiert sie nicht. Aber dich interessiert es. Und es liegt an dir, wie lange sie noch lebt.“ „Sie ist tot …“, presse ich hervor. Das Mädchen lächelt und beugt sich etwas zu mir. „Ich weiß, es scheint ein Klischee, aber sie ist nicht tot, so lange sich jemand an sie erinnert. Und stirbst du, wer erinnert sich dann noch an euch?“ Ich sah sie lange an. Ich lies diesen Satz tatsächlich auf mich wirken. Er drang tief in mich ein. „Meinst du, dass Keith so lange lebt, wie ich mich an sie erinnere?“ Sie nickte. „Aber … wäre sie nicht lieber bei mir?“ Sie legt mir ihre Hand auf die Schulter. „Marianne. Sie wäre für dich ewig auf der Erde geblieben. Weit länger, als du leben kannst. Für sie ist es nun nur ein Augenblick, bis du ihr folgst. Egal, wie lange du lebst. Und egal, wie sehr sie dich liebt, sie würde niemals von dir verlangen, ihr in den Tod zu folgen.“ Ich nicke. Das würde sie nie verlangen. Das hätte nichts mit Liebe zu tun. Egoismus wäre das. Und ist es nicht auch das, was mich treibt, um zu ihr zu kommen? Sie ist dort, wo sie mich nicht mehr bracht. Ich brauche sie. Ich will bei ihr sein. Ich tu es nicht für sie, sondern für mich. „Ich vermisse sie so …“, flüstere ich. Das Mädchen nickt wieder. „Das wird sich nicht ändern. Aber du kannst versuchen, dein Leben trotzdem weiterzuleben. Wenn schon nicht mit ihr, dann wenigstens für sie. Und für dich.“ Ich sehe dem Mädchen in die Augen. Ich weiß nicht, ob sie die Wahrheit sagt, oder ob sie wieder lügt, aber ich möchte ihr glauben. Ich stehe auf und schaue sie an. „Ich mag dich immer noch nicht.“, sage ich. Das Mädchen lacht. „Das brauchst du auch nicht. Wirklich nicht. Es reicht, wenn du über das nachdenkst, was ich dir gesagt habe. Und wenn du dich für das Leben entscheidest, ist das mehr, als ich mir wünschen kann.“ „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“, gestehe ich. „Magst du es versuchen?“ Ich nicke. Sie lächelt: „Das reicht vollkommen.“ Dann grinse ich. „Aber ich versuche es nur so lange, wie du aus meinem Leben verschwindest!“ Sie lacht, nickt und schüttelt meine Hand. „Kein Problem!“ Ich schaue sofort auf meine Hand. Diesmal ist kein Foto drin. Sie lacht wieder, dreht sich um und geht. Sie winkt mir noch einmal und dann verschwindet dann endgültig aus meinem Leben.

11.1.09 23:56
 


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