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Harvey Dimm

Es war schon irgendwie merkwürdig. Ich lese regelmäßig, jeden einzelnen Morgen, die Zeitung. Politisches und Lokales interessiert mich am meisten. Klatsch und Kolumnen lasse ich immer weg. Immer. Noch nie habe ich diesen Schwachsinn gelesen. Ich bin Polizist. Ich bin realistisch. Ich mag es nicht, wenn jemand wegen etwas jammernd um Hilfe fleht. Das ist Würdelos. Jeder kann seine Probleme nur selbst lösen. Das kann niemand für einen übernehmen. Das geht einfach nicht. Also warum sollte man der Öffentlichkeit davon erzählen? Ich wollte noch nie etwas davon wissen, ich habe es noch nie gelesen. Und doch war mir an diesem Tag so, als müsse ich es lesen. Ich weiß nicht, wie ich darauf kam oder warum ich es tat, aber irgendwie musste ich es lesen. Es war ein Leserbrief an eine ratgebende Kolumnistin. Der Brief war von einer Frau, die von einem Mädchen erzählte, das ihr ein Foto gegeben hatte, auf dem abgebildet war, wie sie sich röchelnd an die Brust und an den Hals fasste. Die Frau erzählte, dass sie an Asthma litt und interpretierte das Foto so, dass ihr Tod vorausgesagt wurde. Hatten die Menschen wirklich vor gar nichts mehr Respekt? Ich faltete die Zeitung zusammen. Mir war schlecht. Die Frau hatte in ihrem Brief genau beschrieben, wie dieses Mädchen mit dem Foto aussah. Ich konnte sie mir gut vorstellen und doch konnte ich nicht glauben, dass es sie geben sollte. Ein junges Mädchen, das eine Mörderin war. Und ich muss das wissen, schließlich habe ich tagtäglich mit bösen Menschen zu tun.

 

Im Laufe des Tages ging ich dann auf Streife. Allmählich beruhigte ich mich. Ich beruhige mich immer, wenn ich in meinem Bezirk auf Streife gehe. Es ist auf jeden Fall besser, als in einem stickigen Büro auf einen Job zu warten. Wenn ich aber einen Fall habe, dann hält er mich fest, bis ich ihn gelöst habe. Ich dachte wieder an den Leserbrief und schüttelte den Kopf. Das war nicht mein Fall. Mein Fall war es erst, wenn diese Frau ermordet aufgefunden worden war, so wie es das Foto beschrieb. Dann würde ich das Mädchen suchen und zur Rechenschaft ziehen. Aber nicht früher.

 

Ich wusste ja nicht, was ich da dachte! Damals versuchte ich jedenfalls meine Gedanken an diese Frau und das Mädchen abzuschütteln. Das gelang es mir. Dann aber fiel mir ein Mann auf. Er war etwa Anfang 20 und starrte beim Laufen immer in die Luft. „Hey Sie!“, rief ich. „Passen sie auf.“ Er drehte sich um. „Was ist, Chef?“, fragte er, ich zeigte von ihn auf den Boden. Dort befand sich ein offener Gully. Fast wäre er dort hineingefallen. Er nickte. „Danke, Chef.“ Wenn, dann Chief, dachte ich. Aber ich nickte bloß. Ist ja mein Job meinen Mitbürgern zu helfen. Bei dem aber …

Ich drehte mich um und wollte zurückgehen, aber plötzlich hörte ich ein merkwürdiges Krachen. Sofort drehte ich mich wieder zu dem Mann um. Das Bild, das sich mir bot war unglaublich. Der Mann, den ich gerade eben erst auf den Gully hingewiesen hatte, war fast von einem Klavier erschlagen worden. Er war ihm scheinbar im letzten Moment ausgewichen und saß nun auf der Straße. Wie ein Irrer kicherte er und rief etwas was sich im ersten Moment nicht verstand. Das nächste, was ich mitbekam, war wie der Mann von einem LKW erfasst wurde. Ich war fassungslos und mir war schlecht. Ich ging einen Schritt auf dieses blutige Etwas zu, als mir etwas vor die Füße flatterte. Ich hob es auf und merkte, wie alle Farbe aus meinem Gesicht wich. Es war ein Foto, das eindeutig den Mann von eben darstellte, wie er von genau dem LKW überfahren wurde, von dem er überfahren worden war. Wie war das möglich? Ich merkte, wie meine Gedanken wieder zu dem Leserbrief in der Zeitung wanderten. Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich schüttelte den Kopf. Das war unmöglich!

Da tippte mir jemand auf die Schulter. Ich sprang vor Schreck fast einen Meter hoch! Als ich mich umdrehte sah ich in ein junges, rundliches Gesicht, das von rotbraunen und leichtwelligen Haaren umrandet war. Als erstes jedoch hatte ich diese großen, runden und fast schon glühenden Augen bemerkt. Sie waren in einem leuchtenden Grün und hatten einige gelbe Striche. Ich weiß nicht mehr, was mir in diesem Moment alles durch den Kopf ging, aber ich weiß, dass ich kurz davor war, die Besinnung zu verlieren. In mir schrie es immer und immer wieder: Das kann nicht sein! Erst ihre Stimme brachte mich in die Wirklichkeit zurück. „Entschuldigung“, sagte sie. Mir lief wieder ein Schauer über den Rücken, doch es brachte mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Ihre Stimme war so merkwürdig. Nett, irgendwie, aber doch kühl und gleichzeitig warm, ich weiß nicht, was es war. Ihre ganze Art, alles an ihr, brauchte mich aus dem Konzept. Ich erwischte mich, wie ich wieder an den Leserbrief dachte. So hatte de Frau das Mädchen beschrieben, das ihr das Foto gegeben hatte. Konnte ich die Frau für verrückt erklären, jetzt, wo mir dieser Mann begegnet was? Ich musste sie suchen und ihr helfen! Aber was sollte ich mit diesem Mädchen hier machen? Da fiel mir auf, was ich tat. Dieses Mädchen hatte nichts weiter gemacht, als mich anzusprechen. Sie hatte vermutlich gar nichts mit diesem Fall und den Fotos zu tun! Es war nur ein Zufall, dass sie hier vorbei kam und wollte wissen, was hier geschehen war. Durch diesen verfluchten Leserbrief sah ich schon Gespenster! „Aber das Foto … kann ich es bitte haben?“ Von wegen Zufall! „Was wollen Sie denn mit dem Foto?“, fragte ich zurück. Sie lächelte. Ein kaltes Lächeln. „Es gehört nun wieder mir. Ich möchte es gerne wiederhaben.“ Ich drückte das Foto an meinen Körper. Sie durfte es nicht bekommen. „Was meinen Sie damit, dass es wieder Ihnen gehört?“ Sie verdrehte ihre Augen. „`Wenn der Vorbesitzer meine Nachricht wegschmeißt, verliert oder wegen ihres Eintretens nichts mehr damit anfangen kann, so geht sie automatisch wieder in meinen Besitz über und ich bin berechtigt es wieder an mich zu nehmen.´“ Ich schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, dieses Bild ist ein Beweismittel.“ „Beweismittel?! Wofür denn bitte?“ „Mord?“ „Mord?! Also wirklich! Das war ein Unfall!“ „Aber es gab doch bereits vorher ein Foto, das … und … also … ach, was red ich da eigentlich? Es bleibt bei mir und fertig!“ Sie starrte mich ungläubig an. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“ dann verdrehte sie die Augen. „es ist dein Ernst. Aber warum? Es geht dich doch nichts an!“ „Beweismittel!“, schoss ich zurück. Ihre Augen verengten sich zu einem dünnen Schlitz. „Soll ich jetzt mit Diebstahl kommen? Das Foto gehört mir. Das du es hast, ist Unrecht.“ „Ich bin Polizist. Ich darf das!“ Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ihr Menschen seid schon merkwürdig …“ dann zuckte sie mit den Schultern. „Was soll’s. Dann behalt es eben.“ Sie wand sich zum Gehen und winkte mir zum Abschied über ihre Schulter. „Du kannst ja nicht ewig leben.“, rief sie mir noch zu und dann ging sie. Ich erschauderte. War das eine Drohung? Oder einfach ein rechnerisch korrekter Kommentar? Schließlich war ich mit meinen 27 Jahren weit älter als sie. Es war wahrscheinlich, dass ich zuerst starb. Ich sah ihr hinterher. Ich hätte sie festnehmen können, sollen, müssen! Aber mit welcher Begründung? Ihr war juristisch nichts vorzuwerfen. Da sah ich es!

 

Sie starrte mich ungläubig an. „Wenn ich das richtig verstanden habe“, begann sie. „Sitze ich hier, weil ich über die Straße gegangen bin?“ Ich war ihr nachgelaufen und hatte sie aufs Revier mitgebracht. Nun verhörte ich sie. „Die Ampel war rot.“ „Die Straße war frei.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Gesetz ist Gesetz!“ Sie verdrehte die Augen und stand auf. „Meinetwegen. Ich werde dafür sorgen, dass die Ampel das nächste Mal auf grün steht, einverstanden?“ Das Mädchen machte sich lustig über mich. Nein, halt! Sie meinte es … ernst? Sie war schon an der Tür, als ich aufsprang und ihr hinterher schrie, dass das nicht so einfach sei. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich schaff das schon.“ „Nein, ich meine, du kannst hier nicht so einfach wieder raus spazieren. Nicht bevor du ein Strafgeld bezahlt hast.“ Mir war zum Heulen. Ich wollte, ich konnte sie nicht gehen lassen. Aber ich konnte sie nicht festhalten. Ich hatte nichts. Kein Motiv, keinen Beweis, kein Geständnis. Die Sache mit dem Bußgeld würde in wenigen Sekunden erledigt sein. Sie würde mir das Geld einfach auf den Tisch knallen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Dabei bräuchte ich nur ein wenig Zeit!

Sie aber schaute mich nur verwirrt an. „Strafgeld?“, fragte sie. „Also `Geld´ im Sinne von … kaufen?“ Ich nickte. Das war doch offensichtlich. Sie aber schüttelte den Kopf. „Ich habe kein Geld.“ Ich wurde hellhörig. Könnte dieser Strohalm tatsächlich …? Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. „Du musst die Strafe aber bezahlen. Acht Dollar.“ „Ich habe kein Geld“, wiederholte sie. „Dann musst du die Nacht in einer Zelle verbringen“ „Was?!“ „Das ist leider unumgänglich.“ Ihre Kinnlade klappte hinunter. Sie wollte etwas sagen, schaute mich einen Augenblick lang an, schloss ihren Mund dann wieder und schaute mich noch mal an. „Eine Nacht?“, fragte sie. Ich nickte. Ich war optimistisch, bis zum nächsten Morgen etwas zu finden, was ich ihr anhängen könnte. Sie schnaufte und dann nickte sie. „Meinetwegen. Eine Nacht wird gehen.“ Ich steckte meine Hand aus. „Die persönlichen Gegenstände bitte.“ Ihre Hand glitt auf ihre kleine, braune Umhängetasche. „Das war nicht angemacht!“ „Aber das ist Vorschrift. Du bekommst sie morgen früh zurück.“ Sie sah einen Augenblick lang so aus, als würde sie mich umbringen wollen, nein, nicht nur umbringen, sie wollte mich vernichten. Doch dann reichte sie mir die Tasche, ihren Fotoapparat und einen kleinen Block mit einer Schreibfeder. „Wenn meinen Sachen irgendetwas passiert, dann gnade dir Gott.“, sagte sie noch, dann lies sie sich bereitwillig in ihre Zelle bringen. Ich jedoch sah mir ihre Gegenstände an. Die Feder schrieb nicht. Der Block war mit fremden Buchstaben beschrieben, die selbst unser Spezialist nicht entziffern konnte. Der Fotoapparat funktionierte auch nicht. Dann die Tasche. Sie maß etwa 25x25 Zentimeter. Die Handtasche einer Frau sagt bekanntlich viel über sie aus. Neugierig öffnete ich sie und schüttete sie mit einem breiten Grinsen auf den Tisch. Das Grinsen fror mir auf dem Gesicht ein. Was ich sah, war schrecklicher und grausamer als alles andere, was ich bisher gesehen hatte. Tausende Fotos, Lederhäute und noch mehr Pergamentrollen, die laut unserem Spezialisten echt antik waren und teilweise aus der Anfangszeit der Pergamente stammten, breiteten sich auf dem Tisch aus. All diese Bildnisse zeigten Leute, die auf irgendwelche Arten starben. Eine Frau wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt, ein Mann mit der eisernen Jungfrau hingerichtet. Ertrinkende, Vergiftete, Überfahrende, Strangulierte, Erstochene. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

 

„Kann ich jetzt meine Sachen haben?“, fragte das Mädchen. Ich schüttelte nur den Kopf. Es war der nächste Morgen und ich hatte die ganze Nacht kein Auge zu gemacht. Sie legte den Kopf schief und sah mich mit großen Augen an. Ihre Wut vom Vortag schien vollkommen weggeblasen zu sein. „Du siehst blass aus“, sagte sie. “Geht es dir nicht gut?“ Ich überging ihre Anwandlung und winkte einem Polizisten, der hinter uns stand. Er holte die persönlichen Gegenstände es Mädchens. „Kein Ausweis“, begann ich. „Kein Bargeld. Keine Papiere.“ Sie sah mich geduldig an. „Das dauert noch, oder?“ Ich überging sie und nahm die Feder in die Hand. „Eine Feder, die nicht schreibt.“ Sie nahm mir die Feder aus der Hand und schrieb `Ich will endlich hier raus´ auf ein Papier und schon es zu mir. Dann zuckte sie mit den Schultern und legte die Feder weg. Ich starrte einen Augenblick auf das Geschriebene, auf das Mädchen, auf die Feder und wieder zurück. Verblüfft holte ich den Block hervor. „Ein Block mit einer unbekannten Schrift.“ Ich beobachtete sie, aber sie sah mich einfach weiter an. Ich seufzte. Zu dem Block wollte sie anscheinend noch nichts sagen. Als nächstes legte ich ihren Fotoapparat zwischen uns. „Ein defekter Fotoapparat.“ Sie wurde bleich. „Du … hast ihn ausprobiert?“ Ich nickte. Daraufhin riss sie meine Hände zu sich,  musterte sie von allen Seiten, lehnte sich zu mir und schaute mir genau in die Augen. Als sie damit fertig war lies sie sich auf den Stuhl zurückfallen und atmete tief durch. Dann schaute sie mich an. „Mach das nie wieder! Du hast ja keine Ahnung, was alles passieren kann.“ Ich wurde hellhörig. „Was denn?“, fragte ich. „Keine Ahnung. Du bist der erste, der meine Kamera anfasst.“ Fassungslos starrte ich sie an. Sie zuckte nur mit den Schultern und fragte, ob sie nun gehen könne. Darauf holte ich die Bilder und schüttele sie auf den Tisch. Sekundenlang schaute sie wütender als je zuvor auf das, was ich tat. Dann fasste sie sich wieder und legte einen betont gleichgültigen Blick auf. „Was ist das?“, fragte ich. „Mein Eigentum“, sagte sie mit einer unglaublich kalten Stimme. Mir lief wieder ein Schauer über den Rücken. „Was ist das?“, fragte ich noch ein Mal. „Mein Eigentum“, sagte sie. Dieses Mädchen war dickköpfig und lies sich nicht beirren. Wäre es nicht in einer Situation gewesen, die mir zu Schaden war, wäre ich fast beeindruckt gewesen. „Fragen wir anders“, sagte ich. „Warum hast du solche Fotos bei dir?“ „Weil ihre Eigentümer sie nicht mehr brauchen. `Wenn der Vorbesitzer meine Nachricht wegschmeißt, verliert oder wegen ihres Eintretens nichts mehr damit anfangen kann, …´“ „… geht sie in deinen Besitz über, ich weiß, ich weiß.“ „Warum fragst du dann, wenn du die Antwort schon kennst?“ Ich knurrte. Irgendwie musste ich wieder Herr dieser Situation werden. Nur wie? Ich seufzte und murmelte: „Welche Frage muss ich dir stellen, um die Antwort zu bekommen, die ich von dir hören will?“ „Du willst hören, dass ich eine psychopatische Mörderin bin die man für immer einbuchten oder zum Tode verurteilen muss, nicht wahr? Diese Antwort jedoch kann ich dir nicht geben. Ich tue nur meinen Job.“ „Und deshalb bist du nicht für deine Taten verantwortlich?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt. Jeder ist für seine Taten verantwortlich. Aber die Zukunft ist veränderlich.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich selbst zeige den Menschen nur, wozu es kommen kann. Der Rest liegt in ihrer eigenen Hand.“ „Das will ich doch gar nicht wissen!“, brüllte ich. „Ich will wissen, wie ich dich ins Kittchen bekomme!“ Im gleichen Moment merkte ich, was ich gesagt hatte. Es war meine Absicht, ja, aber so würde ich es niemals sagen! Was war nur los mit mir? Das Mädchen kniff die Augen zusammen. Einen Augenblick schien sie ganz weit fort. Dann nickte sie, griff in den Berg Fotos vor ihr, zog eins heraus und reichte es mir. „Immer wieder begegne ich Menschen wie dir. Ich versuch mal etwas anderes. Hier. Das wird dir helfen, mich ins Gefängnis zu bringen. Aber halten wird es mich dort nicht.“ Ich nahm das Foto und betrachtete es. Es zeigte das Mädchen vor mir, wie es über der Leiche eines Jungen stand. „Genickbruch.“, sagte sie. „Eigentlich sollte er anders sterben, aber durch einen Unfall brachte ich ihn selbst um.“ Meine Augen leuchteten. Das war es! So konnte ich sie wegsperren. Endlich!

 

Ich starrte fassungslos auf die leere Zelle. Ich war mir sicher, dass ich sie dort hineingesteckt hatte. Sie müsste noch dort sein! Die Zelle war zugeschlossen, als ich hineingekommen war. Ich sah unter die Pritsche, aus dem Fenster, sogar ins Klo! Sie war nicht da. Irgendjemand hatte geschlurt und derjenige würde dafür bezahlen! Ich wollte gerade aus der Zelle stürzen, als mein Blick auf das Kopfkissen fiel. Das Bett war unbenutzt, aber auf dem Kissen lag etwas. Als ich näher kam lief mir ein Schauer über den Rücken. Es war ein Foto. Ich nahm es und ließ es sofort wieder fallen. Das Foto war neu! Es war bei den anderen nicht dabei gewesen. Und es zeigte mich! Ich zitterte man ganzen Körper. Ich konnte es nicht genau ansehen, aber ich drehte es und sah etwas auf der Rückseite: `Ich sagte doch, dass das Foto mich zwar ins Gefängnis bringt, aber mich nicht halten kann. Dein Zug. Viel Glück. XXX´

 

Ich weiß nicht, wie lange ich in dieser Zelle verbrachte. Irgendwann tippte mir ein Kollege auf die Schulter und meinte, dass mein Partner und ich einen Fall hätten. Ich schaute ihn glasig an. Ein Fall? Aber ich hatte den Fall des Mädchens noch nicht abgeschlossen. Irgendwie raffte ich mich doch auf und ging zu Bill. Er erwartete mich bereits vor seinem Büro. „Mensch, Harvey! Wo warst du? Ich hab dich überall suchen lassen.“ Er zeigte hinter sich. „Dort drin sitzt ein Mädchen, Jill Dunken, das noch mal über den gestrigen `Mord´ ihres Freundes reden will. Also komm.“ Ich nickte und folgte ihm. Doch das ganze Gespräch lang war ich abwesend. Es interessierte mich nicht. Es war zu viel passiert, als das ich mich jetzt mit dem Kinderkram beschäftigen konnte, den das Mädchen von sich gab. „Hey, Harvey. Was meinst du? Könnte es sich bei diesem Unfall um einen Beziehungsstreit gehandelt haben?“ Ich schaute Bill glasig an. Sollte mich das in irgendeiner Art und Weise interessieren? Da ging das rastete das Mädchen aus. Sie brüllte hysterisch herum. Bill lenkte ein, dass sie selbst gesagt hätte, dass die beiden vertraut gewesen wären. Nach einem weiteren hysterischen Anfall von Seiten des Mädchens ging Bill so weit auf sie ein, dass er fragte, ob sie das Mädchen beschreiben könne. Sie nickte. "Kleiner als ich. Vielleicht 1,60, braune Haare und grüne Augen. Sie trug Jeans und ein rosabraunes Oberteil. Sie war an sich nichts Besonderes." Ich wurde hellhörig. "Wie grün waren die Augen?", fragte ich. Bill und das Mädchen schaute mich irritiert an. Nach meiner Vorstellung war das das erste, was ich gesagt hatte. Mein Partner schien ein wenig dankbar, dass ich mich endlich beteiligte, aber auch verwirrt, wie ich es tat. Aber das war unwichtig. Wichtig war nur die Antwort des Mädchens: „Sehr grün.“

 

Das restliche Gespräch mit dem Mädchen hatte ich geführt. Ich musste mir sicher sein, dass es sich um das richtige Mädchen handelte. Ich beauftragte sogar einen Phantomzeichner, um mir wirklich sicher zu sein. Anschließend war ich es: Bei dem Mädchen, das den Freund von dieser Jill umgebracht hatte, handelte es sich um das Fotomädchen. Und bei dem Mord handelte es sich um das Foto, das das Mädchen in die Zelle gebracht hatte. Die Frage war jetzt nur, wie diese Jill mir helfen konnte, das Mädchen ein für alle Mal hinter Gitter zu bekommen. Und ob das Mädchen das einfach mit sich machen ließe.

 

Bis tief in den Abend ging ich noch mal alles durch, was ich wusste. Viel war das nicht, aber ich wälzte es so oft in Gedanken herum um vielleicht doch noch etwas zu finden, dass ich schließlich erschöpft über meinen Papieren einschlief. Am nächsten Tag hatte ich zum Glück erst nachmittags Dienst. Am Morgen weckte mich das Telefon. Verschlafen ging ich dran und verstand kaum ein Wort, von dem, was mein Kollege an der anderen Seite der Leitung sagte. Erst, als der Name Jill fiel war ich hellwach. Jill war da. Sie hatte Neuigkeiten! Ich sprang auf, schnappte mir Schlüssel und Brieftasche und sprintete das Treppenhaus hinunter zum Auto. In meiner Eile würgte ich es drei Mal ab, bis es endlich startete. So schnell es ging raste ich zum Präsidium. Und es war unglaublich langsam. Jede Ampel, der ich begegnete war rot. Nach einer Ewigkeit kam ich dann endlich beim Präsidium an. Jill wartete bereits in der Vorhalle und ich griff sie mir sofort und ging mit ihr ins Verhörzimmer. Ich musste alles wissen! Sie erzählte es mir auch bereitwillig. Das Mädchen hatte ihr aufgelauert und sie bedroht. „Sie sagte, sie würden sie bereits kennen, stimmt das?“, fragte sie. Ich bestätigte das wütend. Dieses Mädchen war grausam. Ich musste ihr das Handwerk legen. Egal wie. Dafür musste ich aber zuerst Jill auf meine Seite bekommen. „Weißt du, wie viele Menschen sie schon auf dem Gewissen hat?“, fragte ich sie und sie schüttelte den Kopf. „Ich auch nicht.“, sagte ich. „Aber ich kann bereits ihre Präsenz in etwa einem halben Dutzend Fällen beweisen.“ Sie fragte nach und ich sagte, dass ich mittlerweile sieben Fälle hätte, wo ich es beigelegen könnte. Natürlich, durch die Fotos hatte ich weit mehr Tote. Die Fälle, von denen ich redete waren nur die, die in unserem Präsidium behandelt worden waren. Und natürlich der Leserbrief, der Kerl mit dem Flügel und der ermordete Junge von Jill. „Acht“, berichtigte mich Jill. Ich schüttelte den Kopf. „Oh, den Jungen von Gestern habe ich bereits mitgezählt. Und du lebst eindeutig noch.“ Sie sah mich wütend an und knirschte mit den Zähnen. Verwöhntes Gör. „Lass das lieber. Das ist nicht gut für deine Zähne.“ Dann schaute sie noch wütender. Ich hatte echt Mühe, einen Lachkrampf zu unterdrücken. Dann machte sie irgendeinen bescheuerten Laut und machte Anstalten zu gehen. Das durfte sie nicht! Ich brauchte sie um das Mädchen zu fassen! Ich hielt sie am Arm zurück. „Mensch, Mädchen, komm wieder runter! Kein Grund zu schmollen. Du bist auf mich angewiesen. Dieses Mädchen ist clever. Wenn du dich nicht unter Polizeischutz stellen lässt, dann bist du ernsthaft in Gefahr.“ Sie murmelte etwas und sagte mir dann, dass es sich eben doch nur um ein Mädchen handelte, das vermutlich schwächer als sie selbst sei. „Mit der werde ich locker fertig, wenn sie mich ertränken will.“ Ich wurde hellhörig. „Ertränken?“, fragte ich. Statt einer Antwort knallte sie mir das Foto vor die Nase. Ich schwieg. „Ich dachte du hättest es dort gelassen?“ Sie schaute wütend zur Seite. „Es lag auf meinem Kopfkissen, als ich heute Morgen aufgewacht bin.“ Hausfriedensbruch? Super. Da hatte ich ja wieder etwas, was ich ihr anhängen konnte. Ich schaute mir das Foto an. Das Mädchen würde ertrinken. Ich schüttelte den Kopf und erklärte ihr, dass sie falsch lag. „Du unterschätzt sie. Sie beherrscht perfekt das Mentale Spiel. Sie stellt sich naiv und hat es faustdick hinter den Ohren. Sie lässt es immer wie einen Unfall aussehen und ist meist nicht einmal in der Nähe. Sie unterzieht ihre Opfer eines unsagbaren Psychoterrors. Sie vollzieht das wirklich perfekt. Ich habe noch nie mitbekommen, dass sie so dumm war und selbst Hand an ihre Opfer anlegte. Bis auf den Fall mit deinem Freund natürlich.“ Jill überging das und fragte mich, auf welche Anzahl ich die Opfer des Mädchens schätzen würde. Ich dachte zurück an die vergangenen Abende. Die ganzen Fotos. Teilweise einige Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt.  Sie konnten unmöglich alle von ihr stammen. Das Mädchen fragte erneut. Ich sah sie an. Was sollt ich antworten? Ich hatte keine Ahnung. Wenn nur ein Bruchteil der Abbildungen von ihr waren … „Es müssen tausende sein.“, antwortete ich schließlich. Und dann erzählte ich ihr meinen Gedankengang. Ich erzählte ihr von der Theorie, dass dieses kranke Benehmen bestimmt schon über mehrere Generationen ging.

Bevor ich Jill wieder gehen lies, bat ich sie, mir ihr Foto da zu lassen. Außerdem musste sie mir versprechen, Stillschweigen über die Sache zu behalten. Eine Stunde später tauchte Jill wieder in meinem Büro auf. Sich starrte sie an. „Willst du hier einziehen?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Ich will, dass Sie mich beschützen. Ich habe Schwimmtraining und muss mich auf ein wichtiges Turnier vorbereiten. Ich will, dass sie verhindern, dass ich dabei drauf gehe.“ Ich starrte sie an. „Was?“ „Wir wissen doch, was geschehen wird, also können wir es verhindern.“, sagte sie überzeugt. Ich schüttelte den Kopf. „Meinst du nicht, du machst es dir ein wenig zu leicht?“ „Zu leicht? Bestimmt nicht. Aber ich habe nicht vor, mich von meinem Leben abzuhalten, nur weil mir irgendein Mädchen Fotos gibt.“ Ich wollte ihr gerade sagen, wie bescheuert sie sich benimmt und wie dumm das ist, da fiel mir auf, dass das meine Chance sein könnte. Das Mädchen wird sich nicht nehmen lassen, Jill zu ertränken. Und wenn es so weit war, würde ich sie schnappen. Koste es was es wolle. Ich schaute Jill an. Ihre blonden Haare, ihre braunen Augen hinter ihrer Brille. Ihre dürre Figur. Koste es, was es wolle!

Eine Woche lang begleitete ich dieses nervende Gör zu ihrem Schwimmtraining. Dabei hatte ich  doch Besseres zu tun, als für ein kleines, übermütiges Kind Babysitter zu spielen. Ich war immer darauf vorbereitet, dass das Mädchen mit den Fotos auftauchen würde. Doch sie kam nicht. Am Freitag dann war dieses Turnier, von dem Jill erzählt hatte. Ich kam auch. Aber natürlich nicht um sie anzufeuern als eher das Mädchen zu finden, das es auf sie angesehen hatte. Tatsächlich! Sie war dort. Als sei nichts dabei stand sie mitten unter den Zuschauern und beobachtete Jill. Dann trafen sich die Blicke der beiden Mädchen. „Hey!“, rief ich und lenkte das Fotomädchen von Jill ab. Nun sah sie mich an. Einen Augenblick nur drängte sich jemand zwischen uns und ich konnte sie nicht mehr sehen. Ich drängte mich zu der Stelle, an der sie gestanden hatte. Sie war nicht mehr dort. Dann ertönte der Startschuss. Mit einem lauten Platscher kam Jill hart auf dem Wasser auf. Ich beobachtete es grimmig. Es war nicht wichtig. Sie würde schon klar kommen. Ich musste das Mädchen finden und festnehmen. Deshalb war ich hier. Dort war sie wieder! Ich drängelte mich weiter nach unten zu ihr hin. Wie war sie so schnell nach dort unten gekommen? Sie zeigte mit ihrer Hand auf das Becken. Als ich bei ihr angekommen war, war sie erneut verschwunden. Leise fluchte ich. Dann hörte ich einen lauten Platscher. Als ich auf sah bemerkte ich, dass das Rennen vorbei war. Alle Schwimmerinnen waren draußen. Ich sagte doch, Jill würde klar kommen. Jill?! Ich musterte die Schwimmer. Jill war nicht dabei. Erst jetzt bemerkte ich, dass Jills Trainer in das Becken gesprungen war. Jill war während des Rennens ertrunken.

 

Ich brauchte lange um mich mit dem Gedanken anzufinden, dass Jill tot war. Ich war für sie verantwortlich gewesen. Und ich hatte es nicht einmal geschafft, das Mädchen mit den Fotos zu fangen. Doch auch so war ihr Tod nicht umsonst. Denn nun wusste ich über etwas unsagbar Wichtiges bescheid: Auf dem Foto befanden sich Zeitangaben, die den genauen Todeseintritt definierten. Was die andere Angabe jedoch sollte, das hatte ich noch nicht verstanden. Ich schaute mir noch mal mein Foto an. Nach dieser neuen Erkenntnis hatte ich noch etwa ein Jahr Zeit. In einem Jahr also sollte ich erschossen werden. So zeigte es das Foto.

 

Diese Zeit nutze ich, um mich mehr und mehr über dieses Mädchen zu informieren. Ich brauchte alles, was ich kriegen konnte. Doch das war nicht wenig. Immer und immer wieder begegnete ich Menschen, die Fotos bekommen hatten. Doch ich traf sie immer erst, als es bereits für sie zu spät war. Ich wollte einem Mädchen Einhalt gebieten und kam immer zu spät. Ich konnte sie einfach nicht einholen. Niemandem hatte ich das Leben gerettet. Mehr noch, unter meinen Kollegen war ich nun als ein besessener Freak bekannt. Sie nahmen die Gefahr, die von diesem Mädchen kam, nicht ernst und machten sich über mich lustig. Jedes Mal, wenn jemand von einer Leiche hörte, die ein Foto bei sich hatte, wurde ich angerufen. Teils zum Spott, teils um mir zu Helfen. Doch es half nichts. Schließlich aber, nach einem dreiviertel Jahr sah ich endlich meine Chance gekommen. Durch eine Frau, die in einem Einkaufzentrum überrannt worden war. Als mein bearbeitender Kollege in ihrer Manteltasche ein Foto fand, rief er mich sofort dazu. Ich schaute mir dieses zerknüllte Papierstück an. Mein Herz blieb beinahe stehen, als ich darauf eine Reihe von Zahlen sah. Dann entdeckte ich noch einen Schriftzug daneben. Andrew stand dort. Nur das eine Wort. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern nahm ich mein Handy und gab die ominöse Nummer ein. Es tutete. Und tutete. Dann knackte es in der Leitung und ein genervtes „Hallo?“ ertönte. Ich machte fast einen Luftsprung vor Glück. Endliche eine Spur! Doch ich lies mir nichts anmerken. „Guten Tag, der Herr. Ist ihr Name Andrew?“ „Hmhm … Andrew Johnson. Warum? Was gibt’s? Mit wem spreche ich überhaupt?“ „Hier spricht Hauptkommissar Harvey Dimm. Ich würde Sie gerne wegen der Ermittlungen des Todes von Ivy Arrow sprechen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, heute im Laufe des Tages zum Polizeipräsidium zu kommen?“ „Was genau wollen sie? Wer ist diese Ivy? Und warum ist sie tot? Was hat das mit mir zu tun?“ „Keine Sorge, Mr Johnsen, nicht wahr? Keiner macht Sie für das Ableben dieser Frau verantwortlich, es war nicht mehr als ein Unfall, und doch bräuchten wir Ihre Hilfe, um jemanden zu identifizieren.“ Ich redete noch eine Weile auf diesen Andrew ein, bis er endlich zusagte, mit mir zu sprechen. Am darauf folgenden Mittwoch tauchte er dann bei mir im Präsidium auf. Drei Tage nachdem ich ihn darum gebeten hatte. Er war mir sofort unsympathisch. Dementsprechend verlief auch das Gespräch. Er lies sich wirklich alles aus der Nase ziehen. Es stellte sich heraus, dass er Ivy Arrow nur einmal gesehen hatte, und zwar als sie das Foto bekommen hatte. Tatsächlich kannte er auch das Mädchen mit den Fotos. Ich sagte ihm sehr bald in aller Deutlichkeit, dass ich dieses Mädchen zur Rechenschaft ziehen wollte. Zugegebenermaßen wurde ich zeitweise ein wenig laut, aber das lag eher an dem Jungen, der den Ernst der Lage nicht zu begreifen schien. Im Gegenteil weigerte er sich sogar. Dann legte ich ihm vor, was ich von dem Mädchen bekommen hatte. Die Fotos und die anderen Bildnisse brachten ihn erst einmal zum Schweigen. Ich hatte gewonnen. Er gehörte mir.

Zumindest bis er mich fragte, woher ich die Fotos hatte. „Ich habe die Fotos konfisziert, bevor sie sie wieder an sich nehmen konnte.“, antwortete ich. „Diebstahl?“, fragte der Junge zurück. Ich fühlte mich wie in der Zeit zurückversetzt. Hatte sie nicht auch so etwas gesagt? `Soll ich jetzt mit Diebstahl kommen? Das Foto gehört mir. Das du es hast, ist Unrecht.´, hallte ihre Stimme in meinen Gedanken nach. Warum reagierten sie beide so? Steckten sie ... unter einer Decke? Bisher war das Mädchen nicht mehr für mich gewesen, als ein Wesen, jemand der existierte. Aber nun … fragte ich mich zum ersten Mal, wer sie war. Hatte sie Familie? Freunde? Anhänger? War der junge Mann vor mir etwa einer ihrer Anhänger? „Konfiskation!“, setzte ich noch mal bestimmt nach.

 

Da brachte der Junge einen merkwürdigen Gedanken hinein … er fragte mich, ob es auch Überlebende gäbe. Überlebende? Menschen, die dieses Mädchen nicht getötet hatte? Bestimmt nicht. Doch Andrew ließ sich nicht beirren: „Wenn ich ihnen aber einen Überlebenden liefern würde, würden sie dann glauben, dass sie nicht gefährlich ist? Ich meine, sie bringt nur die Nachricht, nicht den Tod! Sie bringt niemanden um!“ Was bezweckte dieser Junge damit? „Und wenn ich Ihnen einen Menschen liefern würde, den sie aktiv umgebracht hat, mit Zeugenaussagen einer Nichtbeteiligten, würden Sie dann mir glauben?“, fragte ich zurück. Der Junge schüttelte den Kopf. „Dafür kenne ich sie zu gut.“, sagte er.

Es stellte sich heraus, dass er ihr bereits fünf Mal begegnet war und jede einzelne Begegnung mit ihr überlebt hatte. Dann verfiel er wieder in seine naive Behauptung, dass das Mädchen niemanden töten könne. Und ich erzählte ihm von Jill Dunken und ihrem toten Freund. Beide Opfer von diesem Mädchen. Da gab sich Andrew geschlagen und verließ den Raum. Ich hielt ihn noch einmal zurück und gab ihm meine Karte. Falls er jemals einsichtig würde und mir mehr über sie erzählen wollte. Ich war mir sicher, dass diese Runde an mich ginge.

 

Doch es vergingen Tage, Wochen und Monate, ohne dass Andrew sich bei mir meldete. Als ich im Spätsommer durch den Stadtpark ging, machte ich mir noch einmal Gedanken über den Jungen. Entweder war auch er mittlerweile tot oder er hatte sich bewusst dazu entschlossen, der Gerechtigkeit im Wege zu stehen. Er hatte sich auf die Seite dieser Verbrecherin geschlagen.

Obwohl ich in Gedanken war, hörte ich hinter mir plötzlich Schritte. An sich in einem Park nichts Außergewöhnliches, aber diese Schritte hatten eine Art, die sie mich sofort bemerken ließ. Sie schienen aus dem Nichts zu kommen und die Ansätze der Schuhe hatten einen besonderen Klang. Wo hatte ich diesen Klang nur schon einmal gehört? Ich versuchte sie zu ignorieren und gleichzeitig mich daran zu erinnern, warum sie mir so bekannt vorkamen. Doch nichts von beiden gelang mir. Immer mehr nahmen diese Schritte mich ein. Sie hatten mich bald ihren Rhythmus angepasst. Sogar mein Herzschlag war mit ihnen im Gleichklang. Plötzlich waren sie weg. Einen Augenblick lang setzte mein Herz aus. Ich merkte, dass ich selbst ebenfalls stehen geblieben war. „Harvey“ Ich drehte mich langsam um. „Wenn du weiter gehst, wirst du sterben.“

 

Eine plötzliche Wut kam in mir auf. „Willst du mir etwa drohen, Fotomädchen?“, knurrte ich. „Du solltest langsam wissen, dass ich nicht drohe. Ich sag, wie es ist. Wenn du weiter gehst, wirst du einen verdächtigen Jungen sehen und ihn ansprechen. Er wird die Nerven verlieren und eine Waffe ziehen, die du, mit deiner Ausbildung, abwenden wirst. In dem Handgemenge wird sich ein Schuss lösen.“, erzählte sie. Ich unterbrach sie: „Du lügst. Laut dem Foto, das du mir gegeben hast, werde ich heute noch nicht sterben.“ Sie aber fuhr unbeirrt weiter: „Der Junge wird sterben. Seine Leute jedoch werden dich beobachtete haben und werden dir auflauern. Bin in einer Woche bist du tot. Aus Rache erschossen.“ Mein ganzer Körper zitterte. Ich wusste, dass sie ernsthaft glaubte, was sie da sagte. „Woher willst du das wissen?“ „Ich weiß es.“, sagte sie ungerührt. „Woher?!“ „Ich weiß es.“, wiederholte sie nur. Ich verlor die Kontrolle über mich und griff nach meiner Dienstwaffe. Ich richtete sie direkt auf das Mädchen. Sie jedoch blieb vollkommen ungerührt. „Warum sagst du mir das?“, brüllte ich. „Weil du mich hasst.“ „Natürlich hasse ich dich! Du bist eine Verbrecherin!“, schrie ich weiter. Sie überging das. „Ich möchte nicht, dass du mich hasst. Ich möchte, dass du mich verstehst.“ „Ich will dich nicht verstehen! Ich will nicht verstehen, warum man Verbrechen begeht!“ Ihre Augen wurden kalt. Reiner Spott sprach aus ihnen. Dann begann sie: „Nein? Und was ist mit Hins Kinner? Du wusstest, dass er unschuldig war.“ Ich wurde bleich. „Woher weißt du das?“ „Oder mit Mail Doll. Er wurde von dir bei einem Schusswechsel erschossen. Du zeigtest keine Reue und sagtest, er sei eh ein Verbrecher geworden. Er war gerade einmal zwölf Jahre alt.“ „Hör auf!“ „Michael Dimm. Ein korrupter Betrüger und Mörder. Du ließt ihn vorsätzlich entkommen.“ „Hör auf!“ „Jill Dunken. Sie hatte dich um Hilfe gebeten und du hast sie ertrinken lassen.“ „Hör endlich auf!!“ Ich schoss! Es war ihre eigene Schuld! Sie hatte mich so weit gebracht! „Ich. Erschossen, weil ich dir das eben retten wollte.“ Ihre Stimme war nach wie vor vollkommen ungerührt. Ich öffnete die Augen. Sie stand unverändert vor mir. „Wa … ich habe doch … “ sie nickte und zeigte auf ihren Bauch. „Ja, hast du. Sehr treffsicher, für einen Menschen mit geschlossenen Augen.“ Sie spottete! Ich drückte ein weiteres Mal ab. Dieses Mal zielte ich auf ihr Herz. Ich schoss und ich traf. Die Kugel jedoch schien sich einfach aufzulösen. „Du … kannst nicht sterben?“ „Ich könnte.“, antwortete sie. Ich wurde bleich. „Wer bist du?“ Sie überlegte einen Augenblick. „Andrew nennt mich `Todesbotin´. Es ist nicht mein Name, aber seit vielen Jahren wieder eine Bezeichnung für mich. Und ich denke, das ist es auch, was ich für euch bin.“ Todesbotin … Andrew? Der Andrew? „Was hast du mit Andrew zu schaffen?!“ Sie lächelte schüchtern. „Er ist so was wie ein Freund von mir, denke ich.“ Ich knurrte. Ich hatte es gewusst. Daher war er noch am Leben. Ich hob meine Waffe ein drittes Mal und zielte direkt auf ihren Kopf. „Kann man dich verletzen?“, fragte ich. Bereits das letzte Mal hatte sie mir auf eine direkte Frage eine hilfreiche Antwort gegeben. Sie nickte. „Theoretisch schon, aber sie lassen es nicht zu.“ Ich zögerte. „Sie? Wer sind sie?“ Ich machte die Waffe bereit für den Schuss. Ihre Augen flimmerten. „Bitte, Harvey, schieß nicht noch mal. Sie würden dich nicht lassen!“ Lügnerin! Ich drückte ab! Die Kugel flog. Plötzlich blieb sie mitten in der Luft stehen und fiel mit einem leisen Klirren zu Boden. Im gleichen Moment hatte ich das Gefühl, als hätte sich eine kalte, knochige Hand um meine Kehle gelegt. Mehr und mehr rang ich nach Luft. Es war, ich müsse ersticken. Ich schaute zu dem Mädchen. Sie stand nur da, Tränen in den Augen. Ich verlor den Boden unter den Füßen und begann einige Zentimeter darüber zu schweben. Ich versuchte die Hand von meinem Hals zu ziehen, doch es gelang mir nicht. Da begann ich Schemen zu sehen. Ich dachte, ich würde verrückt werden. Einer der Schemen war hinter dem Mädchen und der andere war direkt vor mir. Ich jappste. Meine Lungen brannten. Mein Kopf wollte zerplatzen. Ich … die Schemen wurden deutlicher. Ich sah nur noch den direkt vor mir. Er hielt mich mir einer gewaltigen Kraft in die Höhe und seine wütenden Augen glühten mir entgegen. Er hob mich höher. Ich spürte den Hass in ihm. Er würde mich töten. Er würde nicht eher von mir lassen, bis ich tot war. Trotzdem klammerte ich mich an das Leben. Aber wie viel nützt einem das, wenn man dem Tod persönlich gegenübersteht, der einen auf jeden Fall haben will?

22.1.09 23:28
 


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