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Sylvia Lenning

Ich weiß nicht, wann diese Geschichte wirklich begann. Vermutlich lange bevor ich auch nur irgendetwas davon erfuhr, aber ganz plötzlich war ich mitten drin. Mitten in einem Alptraum von Grausamkeit und Irrealität. Und Tod.

Vor einem dreiviertel Jahr  in etwa war ich bei meinem Bruder zu Besuch, nachdem ich mich wieder einmal schrecklich mit meinem Vater gestritten hatte. Es gab nichts herrlicheres, als sich nach einem erfolglosen Besuch bei den Eltern mit dem Bruder vollaufen zu lassen und über die Kinderzeit zu fluchen. Als ich wieder zu Hause ankam, hatte sich unglaublich viel verändert. Mein Freund Christopher sprach nie darüber, aber ich sah und spürte, dass irgendetwas geschehen war. Irgendetwas Schlimmes. Ich fragte seine Freunde und Kollegen, aber mir begegnete nur eisernes Schweigen. Niemand sprach über das, was in meiner Abwesenheit geschehen war. Schließlich fand ich aber doch noch heraus, dass Arec in dem Zeitraum gestorben war. Er war Auszubildender in Christophers Arbeitsbereich im Betrieb. Ein sehr netter Junge. Freundlich, weltoffen, aufgeweckt, clever und witzig. Es war wirklich tragisch, dass er tot sein sollte. Aber lange verstand ich nicht, was das mit meinem Freund zu tun haben sollte. Schließlich waren sie niemals so etwas wie Freunde gewesen.  Warum sollte der Tod von Arec ihn also so verändert haben? Ich erklärte mir das so, dass Christopher sich fälschlicher Weise die Schuld an Arecs Tod gab. Und dann sollte ich eines Tages alles erfahren. Sie war der Auslöser dafür. Ein Mädchen, von dem ich niemals gedacht hätte, dass sie echt war und nicht nur von Christopher ausgedacht …

 

Die Ausgangssituation war eigentlich sehr schön. Ich hatte Christoper endlich dazu gebracht, mal wieder an die frische Luft zu gehen und mit mir etwas zu unternehmen. Hätte ich das nur nicht getan! Aber er war so betrübt und still seit ich wieder da war und ich wollte ihm ins Leben zurück helfen. Also harkte ich mich bei ihm unter, schmiegte mich sanft an ihn und wies ihn auf all die Schönheit dieser Welt hin. Er aber war genau wie all die Zeit zuvor irgendwie abwesend. Dann sah er sie. Sofort blieb er stehen und rührte sich keinen Millimeter mehr. Ich versuchte seinem Blick zu folgen, doch ich konnte nicht erkennen, wohin er starrte. Da war so viel! Geschäfte, Tiere, Natur und viele Menschen. Woher sollte ich wissen, welchen der Menschen er anstarrte? Was sah er mit solcher Angst an?

Nach und nach löste sich eine Gestalt von dem Menschenknäuel und kam in unsere Richtung. Ein Mädchen. Nicht älter als vielleicht siebzehn Jahre. Sicher ging sie an uns vorbei, denn was sollte sie schon von uns wollen. Doch sie ging nicht an uns vorbei. Sie steuerte genau auf uns zu und lächelte. Und mein Freund starrte sie nur panisch an. Ich zupfte an seinem Ärmel, doch er reagierte nicht. Er starrte sie einfach nur an. Wie konnte dieses junge Ding einem gestandenen Mann wie Christopher solche Angst in die Augen treiben? Das konnte ich einfach nicht verstehen! Zumindest noch nicht. Das Mädchen kam immer näher. Dann blieb sie vor uns stehen und lächelte. Ein offenes und warmes Lächeln. Sie hatte mich sofort für sich eingenommen. „Guten Morgen, ihr beiden.“, sagte sie mit einer angenehmen und freundlichen Stimme, doch Christopher stolperte nur wortlos einen Schritt. Es war, als wäre ihm dieses Mädchen zu nah. Als wäre sie es, selbst, wenn sie Kilometerweit entfernt war. Ich wand mich dem Mädchen zu, erwiderte ihre Begrüßung und reichte ihr meine Hand. Immer noch in Trance sprang Christophers Arm vor mich, wie eine Barriere zwischen dem Mädchen und mir. Und er ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Was sollte das? So hatte er sich noch nie benommen! Ich verstand es einfach nicht. Das Mädchen jedoch nickte nur und legte ihre Hand an ihre Seite zurück. Sie beobachtete Christopher einen Moment lang. Dann beschloss sie sich, ihn einfach links liegen zu lassen und wand sich lächelnd an mich. „Du bist also Sylvia. Ich habe etwas für dich.“ Ich war neugierig, was das sein könnte, aber sie reichte mir nur ein Foto. Was da wohl drauf war? Als ich es annehmen wollte, schob sich Christoper noch weiter vor mich und drückte das Foto wieder zurück zum Mädchen. „Nein!“, sagte er. ER brüllte es schon fast! Was war hier los? Er war doch sonst nicht so. Sie wollte mir doch nur ein harmloses Foto geben! Warum reagierte Christopher … oh … Moment! War da nicht etwas gewesen? Konnte es das sein? Ganz langsam kreisten sich meine Gedanken umeinander. Vor über einem halben Jahr hatte er doch etwas erzählt von einem … wie nannte er es  noch gleich? Frau? Maid? Mädchen? Ja … irgendwas mir Mädchen … Fo … to … mädchen? Fotomädchen? Was hatte er erzählt? Irgendwas mit einem Chemieunfall auf einem Foto, aber der war nicht passiert … grraahhh! Ich kam nicht drauf! Ich hab es als einen Scherz abgetan, er machte oft solche Scherze. Woher hätte ich wissen sollen, dass das sein Ernst sein sollte. Aber mal im Ernst, das konnte nicht sein Ernst sein! Christopher schon mich noch ein wenig weiter hinter sich. Das brauchte mich aus den Gedanken zurück. Der Blick des Mädchens war nun umgeschlagen. „Kannst du mir mal sagen, warum du dich jetzt genau einmischst?“ „Lass sie in Ruhe! Lass mich in Ruhe! Geh weg!“ Sie zuckte mit den Schultern. „mich doch einfach tun, warum ich hier bin und schon“ sie machte mit den Fingern ihrer Hand etwas zwischen Flattern und Gleiten. „bin ich weg!“ Er lehnte sich ein wenig zu dem Mädchen herunter. „Ich weiß nur leider, was dein Auftauchen bedeutet!“ Nun streckte sich das Mädchen auf seine Augenhöhe. Nur noch Millimeter trennten sie. Ich fand, so langsam könnte mir mal jemand erklären, was hier vor sich ging. „Du hast absolut keine Ahnung, was ich bedeute!“, gab das Mädchen zurück. „Sonst würdest du mich einfach machen lassen! Und außerdem wüsstest du, dass ich bisher noch jeden Auftrag erledigt habe.“ Für einen kurzen Augenblick sah sie mich an. In dem Moment wusste ich, dass sie dafür sorgen würde, dass ich das Foto bekomme. Egal, was Christopher versuchte. Vollkommen egal. Sie schaute wieder auf Christopher: „Also lass mich durch.“ Er aber schuppste sie so heftig weg, dass ich dachte, sie würde hart fallen. Doch sie fing sich scheinbar vollkommen ohne Probleme und funkelte ihn herausfordernd an. Christopher baute sich noch größer vor ihr auf. „Deinetwegen ist Arec tot!“ Wie?! Ihretwegen?! „Wie? Meinetwegen? Sag mal, spinnst du?! Wessen Versuch war das bitte? Du wusstest doch, wie gefährlich Florsäure ist! Selbst du als erfahrender Chemiker wärst drauf gegangen … und den Versuch einen Azubi machen lassen?!“ Wie? Was? Hä? Aber ich merkte, dass das Gespräch nicht in die Richtung ging, in die Christopher es haben wollte. Das hätte ich niemals hören sollen. Trotzdem war für mich wichtiger: Woher wusste das Mädchen, dass Christopher seinerseits gestorben wäre? War das das Geheimnis hinter den Fotos?

 

Christopher hielt sie auf Abstand. „Ich hatte Pause und ich habe ihn schlecht behandelt. Das stimmt. Aber wir haben Regeln. Niemand rührt die Versuche des Kollegen ohne klare Instruktionen an! Er hätte das nicht machen dürfen!“, rechtfertigte er sich. „Aber das hat er! So viel Angst hatte er vor dir und dem Chef! Und ich sage dir noch etwas: Er hat dabei geweint.“ In Christopher knackte irgendetwas. Er zitterte. Dann straffte sich sein Körper wieder. „Du bekommst meine Freundin nicht auch noch!“ Ich verkniff mir ein Lächeln. Das war irgendwie süß! „Mann, Christopher, kapiers doch endlich! Ich will deine Freundin gar nicht! Ich will ihr nur etwas geben und dafür sorgen, dass du sie `behalten´ kannst, was du mit dieser Sichtweise allerdings selbst riskierst. Und nun lass mich durch!“ Er aber wich nicht einen Mikrometer von seinem Platz. Da seufzte das Mädchen, hob die Hand und schob ihn einfach zur Seite. Einfach so. Ohne Anstrengungen! Ein sechzehnjähriges Kind einen achtunddreißigjährigen, ausgewachsenen Mann! Ich schlug die Hände über dem Mund zusammen. Was ich sah, was ich hörte … die ganze Situation war einfach so unglaublich und irreal! Und außerdem hatte ich Angst, was nun käme. Ich hatte mich wieder an einen Großteil von dem erinnert, was Christopher mir erzählt hatte. Er hatte mir erzählt, dass er sie bereits einmal getroffen hatte und dass sie ihm ein Foto gegeben habe, das ihn zeigt, wie er bei einem Chemieversuch tödlich verletzt wird. Er hatte es mir nie gezeigt und wir haben niemals wieder darüber gesprochen. Daher hatte ich angenommen, dass er sich die Geschichte nur ausgedacht hatte, um mich am Nachfragen zu hindern. Aber so wie er auf das Mädchen reagiert hatte und in Anbetracht dessen, dass sie mir ein Foto geben wollte, konnte ich vorstellen, dass dieses Fotomädchen nun vor mir stand. Und dass er die Wahrheit gesagt hatte!

 

Sie nahm beinahe zärtlich meine Hand und sah mir tief in die Augen. Sie drehte meine Hand zu einer Schale und legte freundlich lächelnd dort das Foto herein. Dann ließ sie mich los und drehte sich zu gehen. Endlich kam Christopher zu mir zurück und schaute sich das Foto an. Mehr noch. Er nahm es mir aus der Hand und steckte es in seine Tasche. In dem Augenblick blieb das Mädchen stehen, sah sich verwundert um und kam zurück zu uns. Sie schaute Chris lange forschend an. „Es kommt darauf an, wer, nicht wahr?“, fragte sie ihn. Christopher nickte. „Würde sie es wollen?“ Nun schüttelte Christopher den Kopf. Da lächelte das Mädchen. „Ich glaube es aber erst, wenn es so weit ist.“, sagte sie. Dann nickte sie, streckte sich zu Christopher hinauf und küsste ihn auf die Wange. „Find einen Kompromiss.“ Was ging nur in diesem Mädchen vor? Warum küsste sie meinen Freund? Dieses Mal schob ich mich dazwischen. Mein Freund! Griffel weg! Und vor allem Mund weg! Das Mädchen lächelte mich wieder auf diese warme Art an, mit der sie das erste Mal gelächelt hatte. „Alles in allem hast du dir wirklich einen guten Mann ausgesucht.“, sagte sie und ich konnte nichts anderes als ganz langsam nicken. „Ich wünsch euch beiden viel Glück!“ Dann war sie fort.

 

„Willst du mir vielleicht endlich sagen, was heute Mittag los war?“, fragte ich Christopher. Er lächelte verlegen. Seit langer Zeit mal wieder. Wir waren wieder zu Hause und hatten kaum ein Wort verloren. Wir hatten anscheinend beide, jeder für sich, versucht, die Sache irgendwie zu verdauen. Und ich hatte mir vorgenommen, ihn nach einer Erklärung zu fragen. Und genau das tat ich gerade. Er seufzte resignierend. „Erinnerst du dich an seinen Besuch bei deinen Eltern? Als du wieder zurück warst war ich doch vor dem Computer und du hast mich auf dieser Internetseite erwischt. Bereits damals habe ich dir von ihr erzählt, aber ich habe dir einiges verheimlicht. Und es schloss sich auch viel an, als du bei deinem Bruder warst und nie erfahren hast …“ und dann erzählte er mir die ganze Geschichte.

 

Christopher erzählte mir erneut, wie er das Mädchen im Park traf, während er ausspannte. Sie war plötzlich dort gewesen. Er erzählte mir, wie er sie gefragt hatte, ob er sein Leben für jemand anderen geben würde. „Dein Leben oder das eines anderen? Was gibst du her?“, zitierte er sie. Dann schwieg er. „Ich habe damals `seins´ gesagt.“ Sie sei sehr verwundert wegen der Ehrlichkeit gewesen, aber sobald Christopher wieder klar denen konnte, relativierte er die ganze Geschichte wieder und sie glaubte ihm kein Wort mehr. Das sei nicht so schlimm gewesen, denn er selbst glaubte noch daran. Dann habe sie ihm das Foto zugesteckt. Ich wusste ja bereits, dass es ihn gezeigt hatte, wie er bei einer Explosion dabei ist. Er lachte. „Sie hatte mir die Frage gestellt, weil ihr `danach war´! Aber ich bin deshalb durch die Hölle gegangen!“ Auch erzählte er mir, dass er, während ich bei meinem Bruder gewesen war, beim Waschen entdeckt hatte, dass er das Foto nicht im Park verloren hatte, sondern in seiner Hosentasche. Ich konnte es mir nicht verkneifen, laut los zu lachen. „Ich nehme mal schwer an, erst nachdem du es gewaschen hattest! Na, dann wird es ja reichlich unerkennbar gewesen sein! Wie die Karten.“ Ich kicherte.  Christopher schwieg wieder. Und dann sagte er etwas, was ich nicht vergessen werde: „Genau das ist das Problem. Das hätte es sein müssen. Aber das war es nicht.“ Mir lief ein Schauer über den Rücken. Das konnte nicht sein! Mit einem verunglückten Lächeln erklärte er, dass er das Foto anschließend mit zur Arbeit genommen hatte und mit seinen Kollegen herausfinden wollte, woraus das Foto bestand. Aber soweit kam es nie. Christopher seufzte. Das sei der Moment gewesen, an dem Arec dazu kam. Er wollte meinen Freund wohl unter Druck setzen, noch einen bestimmten Versuch zu machen. Mir stockte der Atem. War es das, was das Mädchen angedeutet hatte? War es das, was Christopher so zerfraß? Er brach in Tränen aus. „Wir haben es nicht begriffen! Erst, als es zu spät war und Arec bereits tot war. Ich hätte etwas tun müssen! Nur meinetwegen ist er tot!“ Ich nahm Christopher in die Arme und ließ ihn sich ausweinen. Was hätte ich sonst tun sollen? Was hätte ich sagen können? Dass er nicht Schuld ist? Das es nicht so schlimm ist? Das wenigstens er noch lebt? Ich kam mir so nutzlos vor.

 

Wir waren in jener Nacht noch lange auf. Nachdem wir lang und breit alles besprochen hatten, was geschehen war und was er hätte tun können, besprachen wir noch das Foto, das ich bekommen hatte. Und um ehrlich zu sein konnte ich damit absolut nichts anfangen! Denn es zeigte nichts weiter, als dass ich von einem Blumentopf erschlagen wurde! Es war nichts Hilfreiches darauf zu sehen. Keine auffällige Fassade, keine Hausnummer, kein Straßenname. Nur mich, von einem blöden Blumentopf erschlagen! Wenn es danach ginge, dürfte ich niemals wieder das Haus verlassen und in die Nähe von Häuserwänden mit Fenstern und möglichen Blumentöpfen laufen. Und so sehr wollte ich mein Leben nicht aufgeben. Höchstens einschränken, aber wenn man nichts hat, wofür man lebt, dann kann man ebenso gleich tot sein. Und schließlich ist einer der Hauptgründe, warum mein Vater und ich immer aneinander geraten, dass ich ein sehr lebenslustiger und freier Mensch bin, der sich niemals einsperren lassen würde. Christopher sah das alles ein klein wenig anders. Er machte mit klar, dass ich vorsichtig sein sollte. Und er ließ mich nicht mehr aus den Augen. Und er trug immer das Foto bei sich. Mein Foto. Er machte meine Sache zu seiner. Mein Foto wurde für ihn die Wichtigste Sache auf der Welt. Als ich ihn danach fragte, sagte er, dass es seine Art von Sühne sei. Er wusste durch sein Foto, dass sie sich verändern konnten. Dass es möglich sei, das Foto zu entkräften, umzulenken. Und Gott weiß, er würde nicht noch jemanden an dieses Mädchen verlieren. Doch wenn er das sagte, wich er meinem Blick aus. Er verheimlichte mir etwas, das spürte ich. Und acht Tage später sollte ich auch herausfinden, was es war.

 

Die acht Tage vom Erhalten des Fotos und bis zu dem dort angedruckten Datum genoss ich in vollen Zügen. Wie bereits gesagt, ich bin ein sehr lebensfroher Mensch und wenn ich schon sterben müsste, dann wollte und würde ich zumindest mit einem Knall gehen! Und ob ich dann wirklich ginge, entschiede ich dann spontan. Christopher zog kräftig mit. Wir unternahmen alles Mögliche und teilten so vieles miteinander, wie in unserer gesamten Beziehung nicht. Immer waren wir auf Achse und lebten für den Augenblick. Und bald war alles unwichtig geworden. Die Sorgen, die Angst, die Warnung und das Foto selbst. Zumindest für mich. Christopher vergaß nicht eine Sekunde und blieb immer wachsam. Aber für mich war das ideal! So konnte ich machen, was ich wollte und lassen, was ich wollte, während jemand anders aufpasste und mir sagen würde, wann es so weit sei, wieder ernsthafter zu werden. Und das sagte Christopher auf eine sehr charmante Art. Er weckte mich an dem Tag, der unter dem Foto stand, mit einem üppigen Frühstück am Bett. Ich schmauste überglücklich. Aber er schwieg. „Was hast du denn?“, fragte ich. Und sein Blick erklärte mir schon alles. Dann holte er das Foto hervor. „Heute ist dieser Tag.“ Ich zuckte mit den Schultern. Ich war durch die letzte Woche so aufgedreht und high vor Lust am Leben, dass es mir nicht die geringste Angst einflösste. Er legte seelenruhig das Foto vor mich. All die Zeit hatte er es bei sich getragen. Scheinbar wollte er nicht den gleichen Fehler wie beim letzten Mal machen. Ich sah es mir lange schweigend an. Und ich erinnerte mich wieder daran, was es bedeutete. Dann nickte ich. „Und was machen wir jetzt?“ Er sah mir tief in die Augen. „Würdest du dich für heute einsperren lassen?“ Ich verzog den Mund. Ungern! Da lachte Christopher, küsste mich zärtlich und meinte, dass er sich das bereits gedacht hätte. Und dann führte er mich aus. Er meinte, er wolle noch eine weitere, traumhafte Erinnerung schaffen. Mir sollte es recht sein. Die letzte Woche hatte ich das pure Leben geschmeckt. Ich hatte nicht vor zu sterben, sicher nicht, aber ich hatte nichts zu verlieren. Ich glaubte, ich könnte mein Leben so leben, wie ich es wollte und alles riskieren und sei in der Lage, im letzten Moment dem Unglück von der Schippe zu springen. Das hatte ich bisher immer geschafft. Und selbst, wenn es mir dieses Mal nicht gelingen würde, was schadete es? Ich hatte ein wundervolles Leben und alles erreicht, was ich wollte. Wie hätte ich auch ahnen sollen, was passieren würde!

 

Also gingen Christopher und ich spazieren. Ich wusste nicht, wohin er mich entführen wollte, aber ich freute mich, mit ihm zu gehen und einen weiteren erfolgreichen Tag entgegen zu gehen. Mir war nie bewusst gewesen, wie viel er mir bedeutete. Ich sah ihn immer nur als irgendeinen Menschen, der zufällig an meiner Seite war. Auch an jenem Morgen war es nicht viel anders. Zwar freute ich mich, dass er bei mir war, aber es hätte ebenso gut jeder andere Mensch sein können. Erst jetzt weiß ich, dass doch er es sein musste. Denn wenn ich ihn nicht bei mir habe, dann fehlt mir etwas. Etwas sehr Wichtiges.

Doch ich will nicht schon alles im Vorhinein erzählen. Eins nach dem Anderen. Wir waren also unterwegs und redeten und scherzten. Nun, eigentlich eher ich, denn Christopher war irgendwie abgelenkt, aber das störe mich nicht. Meine Stimmung war klasse. Und nichts konnte dem einen Abriss tun. Und die Sache, dass an jenem Tag mein Todestag sein sollte, das hatte ich bereits wieder vergessen. Plötzlich stieß sich mir eine Hand ins Kreuz. Ich versuchte, mich an der Wand zu halten, doch es gelang mir nicht und ich schrabbte mir an der unebenen Wand den Arm auf. Verletzt und blutend stieß ich hart auf dem Boden auf. Meine Knie schmerzten. Mein Arm war blutig. Und mein Rücken tat mir ebenso weh wie mein Kopf, den ich mir scheinbar auch irgendwo angestoßen hatte. Meine gute Laune war verschwunden. Ich war stinksauer! Und ich drehte mich um, um die schuldige Person so richtig zusammen zu stauchen! Doch die schuldige Person lag bewusstlos neben mir. Es war Christopher. Blut trat aus seinem Kopf. Überall lagen Tonscherben und die Stacheln der heruntergefallenen Kaktee hatten sich tief in sein Gesicht gebohrt. Ich brauchte einen Moment, um auch nur annährend zu begreifen, was geschehen war. Um ehrlich zu sein, weiß ich es bis heute nicht genau, aber ich glaube, dass er mich beschützen wollte und mich, als der Blumentopf herunter fiel, zur Seite schubste und den Topf selbst abbekam. Und scheinbar hatte der Topf ihn sehr unglücklich getroffen, denn er war wirklich weggetreten. Wie in Trance robbte ich langsam näher zu ihm. Vorsichtig wendete ich ihn zu mir. Er war … schwer. Und irgendwie weder richtig warm noch kalt. Und er wirkte bleich auf mich. „Christopher?“, flüsterte ich mit zitternder Stimme. „Geht es dir gut? Ist dir was passiert?“ Ich weiß, wie dumm und fehl am Platz diese Fragen waren. Aber irgendwie fiel mir nichts Besseres ein. Mir fiel eigentlich gar nichts ein! Ich saß nur da, mit Christophers Kopf auf meinem Schoß, und streichelte ihn sanft über das Gesicht. Ich pflückte ihn all diese schrecklichen Stacheln aus dem Gesicht und wartete dann, bis er endlich aufwachte. Aber er blieb bewusstlos. Er reagierte nicht, er sagte nichts. Er blutete mir nur mein gutes Kleid voll. Dass ein Mensch so viel Blut verlieren konnte … Ich weiß nicht, wie lange ich da einfach nur saß. Irgendwann hatte sich eine Menschentraube um uns gebildet, aber ich bekam davon nichts mir. Langsam schlich sich bei mir der Gedanke ein, dass Christopher vielleicht … nicht bewusstlos war. Aber ich traute mich nicht, den Puls zu fühlen. Und auch niemand anderes sollte ihn anfassen! Diese Situation war so … unwirklich. So irreal, dass ich irgendwie das Gefühl hatte, das wäre nur ein Traum. Gefühle und Gedanken, wie in Watte verpackt oder hinter einer Glasscheibe. Und nicht wirklich erreichbar.

 

Ich weiß nicht, wie lange sie vor mir stand, aber irgendwann hockte sie sich mit einem leisen Seufzer vor mich hin, so dass wir auf Augenhöhe waren. Nichts hätte ich in diesem Moment weniger gebraucht oder erwartet, als dieses Mädchen. „Störe ich?“, fragte sie. Ihre grünen Augen lagen auf Christophers Gesicht. Ich schaute sie stumm an. Sie fuhr ganz zart über Christophers Gesicht und schloss seine Augen. „So etwas ist immer sehr traurig.“, sagte sie dann. Endlich fand ich meine Stimme wieder. Aber obwohl ich wütend auf sie sein wollte, um auf irgendjemanden wütend zu sein, war ich nur traurig und ganz leise. „Was ist passiert?“, fragte ich sie. Sie überlegte einen Moment lang. Dann meinte sie, dass Christopher sein Leben für mich gegeben hätte. Ich lächelte schief. „Dafür ist er nicht der Typ!“, meinte ich dann. Schließlich kenne ich ihn. Und so etwas Dummes hätte er niemals gemacht. Zumindest früher nicht … Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Ja, das hätte ich auch vermutet. Aber anscheinend lag ich damit falsch.“ „Warum?“, fragte ich. Mir waren Tränen in die Augen gestiegen, die ich zurück kämpfte. Ich wollte nicht wissen, warum sie falsch lag, sie interessierte mich nicht. Ich wollte wissen, warum er das getan hatte. Aber mehr als ein Wort bekam ich nicht heraus. Sie fuhr ihm über die Wange. „Ich bin mir nicht sicher“, sagte sie dann. „Vielleicht aus Reue? Ich glaube, Arecs Tod hat ihn verändert. Aber ich fürchte, ich war auch nicht ganz unschuldig daran. Bei unserem ersten Treffen fragte ich ihn, was er für einen anderen Menschen tun würde. Und ich sagte, das es auf die Taten ankäme, nicht auf die Worte.“ Ich schüttelte den Kopf. Die Tränen liefen mir nun über die Wange. „Warum sollte er das tun?“ Ich konnte es einfach nicht verstehen! „Weißt du, sein Leben für einen anderen Menschen zu geben, ist der größte Liebesbeweis. Es ist etwas, was man wirklich nicht für jeden machen würde. Ich finde es immer sehr schade, denn zusammen zu leben stelle ich mir um so vieles kostbarer vor, aber ich glaube, er sah darin die einzige Möglichkeit dich zu beschützen.“ „Mich beschützen? Wovor denn?“ Sie hob eine Tonscherbe hoch und lies sie wieder fallen. Sie fiel auf Christophers Arm und von dort auf den Boden zurück. „Das hättest du sein sollen!“

 

Wie kalt sie bei diesen Worten zu sein schien. Ich fing wieder an zu weinen. Warum nur war ich heute aufgestanden? Warum war ich so leichtsinnig gewesen, Christophers Leben in Gefahr zu bringen? „Wenn du dir jetzt Vorwürfe machst, wird er davon auch nicht wieder lebendig. Bedenke, Sylvia, er hat sich dafür entschieden. Ich wusste bis zum Schluss nicht, ob er es schaffen würde, dieses Vorhaben durchzuziehen, aber er hat es geschafft. Und er war es, der es gewählt hat. Nicht du.“ Ich streichelte Christopher noch mal. Die Hand des Mädchens glitt unter seine Jacke. Sie holte das Foto hervor. Es war weiß. Dann stand sie wieder auf. „So, ich habe hier nichts mehr zu tun.“, sagte sie. Dann schaute sie noch mal zu mir hinunter. „Sowohl der Tod, als auch das Leben verändert einen Menschen. Dabei handelt es sich aber nur selten um den eigenen Tod. Es bedeutet eine Chance auf einen Neuanfang.“ Dann ging sie. Ich habe sie niemals wieder gesehen. Ich weiß nicht mehr, was sie mir alles erzählt hat und warum sie das getan hat. Aber eines ist mir doch im Gedächtnis geblieben: Ich kann einen Neuanfang starten! So änderte sich an diesem 15. März 1986 mein Leben. Ich wurde wohl durch Christophers Tod reifer, auch, wenn das gemein klingt. Ich lernte, dass jeder Mensch seine eigenen Prioritäten setzen muss und dass es gut ist, jemanden zu haben, dem man sein Leben anvertrauen kann. An jenem Tag bekam der Spruch `jemandem sein Leben anvertrauen´ eine vollkommen neue Bedeutung. Und in mehr als einer Hinsicht war Christopher dieser Jemand für mich. Er war mir näher gekommen, als jemals ein anderer zuvor. Und auch, wenn es nun zu spät dafür ist, so weiß ich doch, dass ich ihn dafür geliebt habe. Dafür, dass er da war. Dafür, dass er einfach nur war. Ich weiß nun, dass es nicht hätte irgendjemand sein können. Und nun merke ich wirklich, dass mir da jemand fehlt. Ja, mein Leben ging weiter, ohne ihn. Und es hatte sich sehr verändert, vermutlich sogar sehr verbessert. Aber dennoch habe ich niemals aufgehört, an ihn zu denken. Denn auch, wenn es immer ein Klischee scheint, so weiß ich doch, dass er in meinem Herzen weiter lebte und mein Leben mit mir teilte. Und er war mir näher, als jemals zuvor.

22.2.09 12:05
 


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