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Andrew Johnson

Tja, da war ich mal wieder vom Regen in die Traufe. Ich entkam zwar einem Autounfall, aber dafür sprang ich der kleinen Todesbotin direkt in die Arme. Und sie war absolut wütend. „Du nervst langsam“, fauchte sie. Ich grinste. „Tolle Begrüßung! Freust du dich gar nicht, mich zu sehen?“ Sie verdrehte die Augen und ließ mich los. Ich fiel hart auf den Boden. Noch bevor ich wieder aufstehen konnte, saß sie neben mir im Gras, seufzte und blickte in den Himmel. „Doch, irgendwie schon. Aber es ist eine merkwürdige Art von Freude.“ Ich nickte. Ich wunderte mich selbst wahrscheinlich am Meisten darüber, aber ich verstand, was sie meinte. Wir, sie und ich, hatten uns, ich weiß nicht, was es war ... vielleicht waren wir aufeinander eingespielt? Ich kann es nicht in Worte fassen. „Warum machst du das mit den Fotos?“, fragte sie plötzlich. „Warum schmeißst du sie weg?“ Ich lachte. „Immer das berufliche im Kopf, was?“ Sie nickte halb und schüttelte halb den Kopf. „Du bindest mich an diesen Ort.“, sagte sie. „Ich habe lange gebraucht, um meine Regeln zu finden. Und jetzt machst du sie mir zu Fesseln.“ Ich lächelte. „Geht das vielleicht auch eine Spur genauer?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Das führt zu weit.“ „Kurzfassung?“ Sie verdrehte die Augen. „Ich bleibe hier, bis die Fotos dich in Ruhe lassen.“ Ich schaute verwirrt. „Das war jetzt ein wenig zu kurz, glaube ich.“ „Also, warum schmeißt du sie weg?“ Ich lachte. „Interessanter Themenwechsel! Vielleicht, weil ich dich in dieser Stadt halten will?“ Sie schaute mich vorwurfsvoll an. Ich verdrehte die Augen. „Na schön! Ich überlebe, wenn ich die Fotos wegschmeiße.“ Sie lachte spöttisch, wurde aber fast im gleichen Augenblick wieder ernst. „Das ist Unsinn! Du überlebst, weil du unverschämtes Glück hast!“ „Willst du lieber, dass ich krepiere?!“ Sie schaute betreten auf den Boden. „Nein. Ganz sicher nicht. Ich weiß, ich habe das neulich gesagt, und es tut mir leid. Es war nicht so gemeint. Ich war nur genervt.“ Sie seufzte. „Ich will nicht, dass Irgendjemand stirbt. Aber darum geht es nicht.“ Sie legte sich ins Gras. „Ich will nur langsam weiter. Ich kann hier nicht ewig bleiben!“

Es folgte ein langes Schweigen. Ich hätte gerne gewusst, was durch ihren Kopf ging. „Ich nehme an, du hast wieder ein Foto für mich?“, fragte ich schließlich. Sie sah mich an und setzte sich wieder auf. Dann nickte sie und reichte es mir. „Was hast du eigentlich mit den anderen Fotos gemacht?“, fragte ich noch. Sie zuckte mit den Schultern und zeigte auf das Bild in meiner Hand. „Wie? War das etwa immer das Gleiche?!“ Sie nickte. „Wie soll das denn gehen?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist eine lange Geschichte. Ich denke, es würde zu weit in meine Welt führen. Das einzige, was du wissen musst, ist, dass es geht. Deshalb bringt es nichts, es wegzuschmeißen.“ „Aber bisher habe ich doch immer überlebt!“ „Zufall!“, bei dem Thema war sie sehr barsch. „Vater will dich haben, und er wird dich bekommen.“ Ich starrte sie an. „Vater? Meinst du … nein! Vergiss es, ich will es gar nicht wissen!“ Diese Vorstellung war einfach zu absurd. Aber andererseits … „Kannst du nicht was machen? Ich möchte nicht sterben!“ Sie lachte. „Jeder Mensch stirbt! Das ist das Kostbare am Leben. Andernfalls ist es nur ein langweiliges vor sich hin vegetieren.“ Ich nickte. Das war einleuchtend. „Aber ich will jetzt noch nicht sterben. Du kannst mir nicht erzählen, dass du in deinem ganzen Leben noch nie eingegriffen hast um ein Leben zu retten!“ Sie schwieg. Sie sah traurig aus. „Ich habe auch schon Leben beendet.“, sagte sie. „Aber auch gerettet!“, beharrte ich. Sie nickte. Dann seufzte sie. Sie zeigte auf die schnörkelige Schrift auf dem Bild. „Das gibt an, wann du stirbst.“ Ich nickte. Das wusste ich bereits. „Und das hier gibt an, bis wann du noch Zeit hast, es zu verändern. Steht diese Anzeige nicht drauf, dann kannst du es nicht ändern.“ Ich musste lachen. „Erstaunlich simpel! Warum lieferst du nicht auch die Erklärung mit? Von sich aus kommt doch kein Schwein auf die Lösung!“ Sie schüttelte den Kopf. „Darf ich eigentlich nicht. Ihr müsst selbst drauf kommen. Wenn du einen Tipp haben möchtest: Genieße jede einzelne Sekunde deines Lebens. Dann ist es vollkommen egal, wie lange es noch währt. Mach dir nicht zu viele Gedanken und genieße einfach!“ Dann stand sie auf und verabschiedete sich. Ich sprang auf. „Warte! Eins noch!“ Sie drehte sich wieder zu mir um. „Meinet wegen. Aber wirklich nur noch eins. Ich muss weiter.“ „Der Bungee … nein, Harvey! Harvey Dimm. Du hast ihm vor etwa einem Jahr ein Foto gegeben. Er will dich … ich weiß nicht, was er genau mit dir will, aber er hat sich so in etwas hineingesteigert, dass er wirklich gefährlich für dich geworden sein kann. Nimm dich vor ihm in Acht, ja?“ Sie schaute jetzt abgrundtief traurig und nickte. „Danke.“, sagte sie noch und dann ging sie endgültig und verschwand aus meinem Leben.

 

Ein Leben ohne sie. Es war im ernsten Moment so absurd. Der Mensch, der ich war, bevor sie mir das erste Foto gegeben hatte, ich kann diesen Menschen nicht mehr leiden. Sie hat mich sehr verändert. Ich hatte ihr eigentlich unter die hübsche Nase reiben wollen, dass sie mit dem Bungeejumper falsch lag. Ich wollte wissen, wer sie ist und was sie ist und wen sie mit Vater nun wirklich gemeint hatte. Aber ich habe sie nur vor etwas gewarnt, was sie vermutlich schon wusste. Als ich ihn nachsah, hatte ich irgendwie ein bisschen Angst. Ich glaubte, ich würde nun wieder der Mensch werden, der ich war, bevor sie zu mir kam. Ich schaute das Foto an. Es zeigte mich, wie ich an einem Hühnchenknochen erstickte. Ich lachte. „Also kein Hühnchen für mich.“, murmelte ich und schmiss das Foto über meine Schulter und wollte gehen. Ich war keine drei Schritte gegangen, da bleib ich stehen und drehte ich mich um. Nein. Dieses Mal würde ich das Foto nicht weg werfen. Ich hob es wieder auf. Bereits am Abend wäre ich laut dem Foto erstickt. Aber ich aß zu Hause. Milchreis mit Früchten, aber das ist eher nebensächlich. Jedenfalls war ich dieses Mal dabei. Ich sah das Foto, wie es verschwamm und sich veränderte. Zuerst nur das Bild. Es verschwamm und bildete sich vollkommen neu. Es wurde ein Bild davon, wie ich ertrank. Na ja, eigentlich bin ich ein recht guter Schwimmer, aber ich glaubte es. Dann veränderten sich die Zahlen unten. Es war unglaublich.

 

Ich ertrank nicht. Schließlich mied ich an dem Tag alles Wasser. Am Anfang war ich geradezu abhängig von diesem Bild. Wann immer ich irgendetwas machte hatte ich auf das Bild geschaut. Ich richtete mein ganzes Leben danach. Dann konnte ich das Bild einmal nicht finden. Ich flippte vollkommen aus. Ich setzte mich auf mein Bett und wollte mich den ganzen Tag nicht bewegen. Ich war ein Wrack. Ich schloss meine Augen. Ich sah sie. Eigentlich hatte die kleine Todesbotin mir das eingebrockt, dass ich nicht mehr aus meinem Zimmer gehen konnte. Aber in meiner Erinnerung riet sie mir, ich sollte mir nicht zu viele Gedanken machen und einfach leben. Ich öffnete die Augen wieder. So wie ich jetzt war, so wollte ich niemals sein. Ich wollte leben. Aber sie hatte Recht. Es kam nicht so sehr auf die Länge an, als vielmehr auf die Qualität, mit der ich lebte. Ich musste mein Leben genießen. Wenn ich mich jetzt hier einschloss und das Leben aussperrte, dann wäre es so, als wäre ich bereits tot. Ich stand auf und zog mich an. Dann verließ ich das Haus und machte einen Spaziergang. Vollkommen scheu, aber selbstständig. Ich entschied selbst, was zu gefährlich war und worauf ich gerade Lust hatte. Ich lief Schlittschuh, obwohl das Eis hätte einbrechen und ich ertrinken können. Ich aß heiße Makronen, obwohl ich an ihnen hätte ersticken können. Ich überquerte, natürlich aufmerksam, Straßen, obwohl ich hätte überfahren werden können. Ich setzte mich an einen warmen Ofen, obwohl ich hätte verbrennen können. Dann ging ich wieder zurück nach Hause. Ich kam an einer Baustelle vorbei. Ich schaute sie mir kurz an. Wenn ich über sie gehen würde, dann wäre ich schneller zu Hause. Ich machte einen Schritt auf die Baustelle zu. Dann schüttelte ich den Kopf und entschied mich dazu, den längeren Weg zu gehen. Nachdem ich ein wenig weitergegangen war, hörte ich ein lautes Krachen und sah mich um. Wenn ich mich nicht irrte, dann kam es von der Baustelle. Ich ging weiter, denn so genau wollte ich es gar nicht wissen. Als ich wieder zu Hause war, lag das Foto auf einem kleinen Tisch in der Garderobe. Ich nahm es hoch. Es zeigte mich, wie ich von einem Stahlträger einer Baustelle erschlagen wurde, kein sehr appetitlicher Anblick. Wieder wurde ich Zeuge, wie das Bild sich veränderte. Es verschwamm und wurde blind und grau. Ich wartete, aber es bildete sich kein neues Bild, sogar die Schrift verschwand. Stattdessen schien dort, wo die Abbildung hätte sein müssen, eine Art Gruß. Als würde jemand diese Worte mit Licht schreiben erschien plötzlich `Sehr gut! Vertrau auf dich und genieße dein Leben! XXX´. Ich lachte. „Hallo, kleine Todesbotin“, dachte ich. „Ich habe dich vermisst.“

An diesem Tag suchte ich mir meine Zukunft aus. Ich entschloss mich, mein Leben in den Griff zu bekommen und zu genießen. Es wurde mir dieses Mal deutlich, dass nicht das Foto, die Vorhersage oder das Glück meinen Tod verhindert hatte, sondern einzig und alleine meine Entscheidung. Ja, wenn man weiß, was passieren kann, so ist diese Entscheidung leichter zu fällen, aber man kann es auch unwissend.

 

Ich habe noch weitere achtundfünfzig Jahre mehr oder weniger friedlich gelebt. Ich habe viel Zeit damit verbracht, über sie nach zu denken, wer sie war und wie sie mich verändert hat. Das Foto, das sie mir gab, hat mir immer mal wieder angezeigt, wie ich sterben wollte und oft hat es mich wirklich davor bewahrt ins Gras zu beißen. Es zeigte mir immer an, wann ich in Lebensgefahr kommen könnte und so habe ich es immer abwenden können. Seit einem Jahr zeigt es mich nun aber, wie ich in meinem Bett liege und schlafe und irgendwie beruhigt mich das. Ich habe alles geschafft, was es zu schaffen gab und befinde mich im stolzen Alter von 83 Jahren.

Ihren Eintrag auf meiner Internetliste für `durchgeknallte Leute´ habe ich natürlich schon längst gelöscht. Hier schreibe ich nun alles auf, was ich jemals über sie erfahren habe. Obwohl es wenig ist, ist es wohl mehr, als die meisten Menschen je über sie erfahren werden. Und obwohl es so wenig ist, bin ich mir einiger Sachen ganz sicher: Sie ist ein außergewöhnlicher und ein guter Mensch. Sie ist kein Monster, wie Harvey glaubte, sondern ein wundervoller Mensch.

Sei nett zu ihr, wenn du ihr begegnen solltest. Sie hat es verdient. Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig helfen. Und nun leb wohl. Morgen um diese Zeit bin ich bereits tot.

22.3.09 18:12
 


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