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Marianne Blue

Ich ging munter durch den Park. Es war Frühling. Die Vögel sangen und die Blumen blühten. Ich war immer schon der Meinung, dass man das Leben genießen sollte, und das machte ich auch. In vollen Zügen. An einer besonders schönen Stelle setzte ich mich ins Blumenbedeckte Gras und ließ die Sonne auf mein Gesicht scheinen. Aus den Winkeln meiner fast vollends geschlossenen Augen sah ich, wie eine Person sich zu mir ins Gras setzte. Meine Genussfreude wurde von diesem unverschämten Menschen gleich ein wenig gedämpft, aber es war ein schöne Tag. Als ich diese Person asah, lächelte sie mich an. Ein warmes, liebevolles Wesen schimmerte durch dieses sanfte Lächeln hindurch. Wie eine blühende Blume an einem Taufrischen Morgen, streifte es meine Gedanken. Ich konnte einfach nicht anders, als zurückzulächeln. Wir saßen einige Augenblicke nur so da und lächelten uns an. Dann schlug das Lächeln des Mädchens in ein lebhaftes Grinsen um. „Genug miteinander bekannt gemacht“, sagte sie. Und wendete sich der Sonne zu. „Kommen wir zum Geschäftlichen.“ Ich stockte. Geschäftlich? Was war sie? Sie bemerkte meinen fragenden Gesichtsausdruck. „Glaubst du wirklich, ich laufe einfach durch den Park und falle Grundlos irgendwelchen Leuten auf die Nerven, die lieber alleine sei würden? Nein, keine Sorge. Es gibt einen Grund, warum ich hier bin … zugegebenermaßen ein Grund, der die Leute meistens wünschen lässt, ich hätte keinen.“ Sie lächelte. Es war undefinierbar. Etwas zwischen amüsiert und traurig. Ich lächelte. Ich hatte das Gefühl, ihr irgendwie gut zusprechen zu müssen. „Ich habe eine Tochter. Sie ist etwa in deinem Alter.“ Das Mädchen lachte herzlich. „Das glaube ich nicht!“ Ich lächelte verlegen. „Stimmt. Sie ist erst elf. Aber sie ist dir irgendwie ein wenig ähnlich.“ Wieder lachte sie. „Auch das glaube ich nicht so richtig.“ Dann wurde sie ernst. „Hör mal, es gibt da etwas, was ich dir geben will.“ Mit den Worten reichte sie mir ein Foto und stand auf. Ich riskierte einen Flüchtigen Blick. Aus dem flüchtigen Blick wurde nichts. Das Foto fesselte all meine Sinne und ließ mich aufspringen. „Hier geblieben, junges Fräulein!!“, rief ich. Das Mädchen schaute sich um. „Was soll das sein?“, fragte ich weiter. Sie zuckte mit den Schultern. „Ein Foto.“, antwortet sie. Doch, sie ist meiner Tochter wirklich etwas ähnlich … „Und was soll das für ein Foto sein? Warum bitte bin ich da blutüberströmt in einem Aufzug?“ Sie grinste breit. „Ihr seid Klasse! Ich finde es toll, dass ihr eigentlich immer sofort erkennt, dass die Fotos euch zeigen! Mir selbst würde das sehr schwer fallen.“ Ich überging das. „Was bedeutet dieses Foto? So was ist doch nie passiert!“ „Exakt!“ Ich schau sie eindrücklich an. „Exakt? Exakt was?“ „Exakt, es ist nicht passiert. Was ich übrigens auch nie behauptet habe.“ „Ist das eine Fotomontage?“ „Nein. Nicht in dem Sinne. Es ist durch und durch echt.“ „Und was bedeuten die Zahlen?“ „Denk nach.“ „Daten?“ „Ja.“ Ich schaute mir die Zahlen noch mal genauer an. „13.11.2025?“ Sie nickte und ich fing an zu lachen. „Netter Versuch! Wir haben erst den 8.11.“ Sie nickte. „Stimmt.“ Wir sahen uns an. Es schien, als würde sie warten, bis ich den letzten Schritt täte. Den, der zumindest die Bedeutung des Fotos erklärt. Ich schwieg und versuchte ihrem Blick stand zu halten. Was wollte ich tun? Ich kann diese abartige Vorstellung doch nicht aussprechen! Ich sollte einfach gehen und sie dumm stehen lassen. Ich drehte mich um und ging einen Schritt. Ich ging noch einen Schritt. Ich drehte mich um und warf ihr das Foto entgegen. Es traf sie an der Wange und hinterließ einen roten Streifen. „Ich habe eine Tochter, verdammt!“, brüllte ich. „Ihr Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Meinst du Gör tatsächlich, dass sie damit zurecht kommen würde, wenn mir auch etwas geschieht? Sie ist doch erst elf, Herr Gott!“ Sie schwieg. Das brachte mich noch mehr in Rage. „Verstehst du eigentlich, was es bedeutet, eine Familie zu haben? Weißt du, wie das ist, sie zu verlieren? Das ist verdammt hart! Kapierst du das nicht? Ich darf nicht sterben! Ich habe ein Kind!!!“ Sie nickte. „Dann versuch für sie zu leben.“, sagte sie, mehr nicht. Dann drehte sich um und ließ mich zurück. Ich zitterte am ganzen Körper. Meine Beine gaben nach und ich fiel weinend auf den Rasen. „Ich habe doch ein Kind.“, weinte ich. Ich weiß, es ist kein Grund, um nicht zu sterben, der Tod nimmt auch Müttern ihre Kinder und Kindern ihre Eltern. Er macht da keinen Unterschied. Aber meine kleine Keith … sie würde es nicht verkraften. Mein kleines Kind.

 

An jenem Abend kochte ich nicht selbst. Ich bestellte eine Pizza. Eine absolute Ausnahme, denn eigentlich koche ich selbst. Immer. Keith freute sich. Denn eigentlich bin ich gegen Pizzen und Fast Food. Aber gleichzeitig fragte sie mich, ob alles in Ordnung sei. Ich schenkte ihr ein gequältes Lächeln und fragte sie, wie sie darauf käme. „Nun ja, du bist eben nicht der Pizza-Typ.“, sagte sie. Ich lächelte wieder. Dieses Mal wesentlich echter. „Das stimmt“, murmelte ich. „Aber heute hatte ich wirklich keine Zeit, um zu kochen. Mir geht so viel durch den Kopf.“ „Was denn“, fragte sie und schaute mich mit offenen Augen an. Ich war tatsächlich einen Moment dazu verführt, es ihr zu erzählen. Dann schüttelte ich den Kopf. „Das ist nichts für Kinderohren.“, sagte ich entschlossen. „Außerdem musst du langsam ins Bett. Husch.“ Sie stöhnte. „Mensch Mama! Wann hörst du endlich auf, mich wie ein Kind zu behandeln?“ Ich hob eine Braue hoch. „Wenn du keins mehr bist.“ „Ach komm! Ich bin doch fast zwölf!“ „In sieben Monaten, mein Spatz.“ Wir neckten uns noch eine Weile und dann brachte ich sie ins Bett. Als sie sich an mich kuschelte wusste ich, dass sie mich brauchte. Ich konnte nicht sterben. Der Tod müsste auf mich warten. Ich würde nicht kommen. Nicht freiwillig.

 

Am nächsten Tag ging ich zu meinem Arzt. Gedankenverloren drückte ich auf den Aufzugknopf. Er leuchtete auf. Das brachte mich näher an die Wirklichkeit. Mit einem Klingen ging die Türe auf. Menschen strömten hinein und einige hinaus. Ich starrte in den Aufzug hinein. Die Türen gingen langsam wieder zu. Ein Mann hielt sie auf und schaute mich auffordernd an. „Möchten sie auch mitfahren?“, fragte er. Das brachte mich vollends zurück. Wenn ich entscheiden könnte, nicht zu sterben, indem ich alle Aufzüge meide? Dann könnte das Foto doch nicht eintreffen. Aber was, wenn ich dann anders sterbe? Nein! Das Risiko war es wert! Ich schenkte dem Mann, der die Fahrstuhltüren aufgehalten, ein Lächeln und schüttelte freundlich den Kopf. „Ich denke, ich nehme doch besser die Treppe. Das wird wohl einen besseren Eindruck auf meinen Arzt machen.“ Er lachte und ließ die Türe zufahren. Und ich nahm die Treppe.

 

In den nächsten Tagen musste ich entsetzt feststellen, wie bequem die Menschen geworden waren. Kaum ein Haus, das ich betrat war ohne einen Aufzug. Wie hätte ich da entscheiden können, welcher Aufzug mich in den Tod reißen sollte. Aber anstatt Russisches Roulette zu spielen mied ich alle diese Aufzüge, schließlich hatten alle Gebäude auch Treppen. Und dann war der dreizehnte. Ein Freitag. Als ich das auf dem Kalender sah, war mir fast zum Lachen. Mir wäre zum lachen gewesen, aber dafür war die Situation zu ernst. Am Liebsten wäre ich gleich im sicheren Haus geblieben, aber man hat ja auch Pflichte und Termine. Und ich bin ja auch nicht abergläubisch. Vor allem war ich mit einer besonderen Freundin verabredet. Ich kannte sie schon aus Kindertagen und habe mich auch bald entschlossen, sie Beruflich in Anspruch zu nehmen. Iloka hieß sie. Sie ist Ernährungsberaterin. Als ich im Gebäude ankam war ich mit den Gedanken wieder wo vollkommen anders. Ich hatte nämlich das untrügliche Gefühl, meine Schlüssel verlegt zu haben. Ich kramte in meiner Tasche herum und ging den Weg, den ich immer zu ihrem Büro gegangen war. Automatisiert streckte ich meinen Finger nach Vorne und hielt noch in der Bewegung inne. Ich schaute nach vorne. Mein Finger hing kurz vor dem Aufzugknopf in der Luft. Ich starrte ihn an. Sollte ich gerade jetzt wie der Aufzüge nehmen? Ich zog meinen Finger zurück und nahm die Treppe. Iloka begrüßte mich noch vor ihrem Büro. Sie lachte. „Schön, dass du endlich mal auf meinen Rat hörst und die Treppe nimmst.“, grinste sie. Ich schüttelte den Kopf. „Das hat nichts mit dir zu tun.“, entgegne ich trocken. Sie lächelte und wies mich in ihr Büro zu kommen. Nach unserer Sitzung redeten wir noch ein bisschen über unser Privatleben. Sie begleitete mich auf den Flur und drückte automatisiert die Aufzugstaste. Ich lachte. „Wie soll ich deine Ratschläge ernst nehmen, wenn du mich zum Gegenteil einlädst?“ Sie schaute mich irritiert an und bemerkte dann, was sie getan hatte. Sie lachte. „Ich wollte eigentlich auch mit runter kommen. Und im Aufzug quatscht es sich besser.“ Der Aufzug plingte und sie wollte hinein gehen. Ich hielt sie zurück. „Geh nicht da rein.“, sagte ich nachdrücklich. „Ich tue es auch nicht. Ich laufe wieder die Treppe.“ Ich lächelte verunglückt. „Du willst doch nicht meine guten Vorsätze zu Nichte machen, oder?“, sagte ich lachend und sie kam wieder hinaus. Ich zitterte. Der Aufzug schloss sich wieder. Ich drehte mich um und sah das Gesicht eines jungen Mädchens. Vielleicht achtzehn Jahre alt. Sie behielt mich genau im Auge. Als Iloka das bemerkt erzählt sie mir, dass das die kleine Tochter von Paul Negen ist. „Sein Büro ist einen Stock höher. Vermutlich will sie ihn besuchen.“, sagte sie. Mir wich das Blut aus dem Gesicht. Oh Gott, bitte, lass es nicht dieser Aufzug sein, dachte ich. Iloka zog mich zurück in ihr Büro. „Du siehst schlecht aus, Marianne.“, sagte sie dabei. „Komm, ich gebe dir etwas zu trinken.“ Ich ließ mich mitziehen, als wir plötzlich ein lautes Poltern hörten. Ich zitterte. Schreie, Metall, das auf Metall kratzt. Und ein lautes Krachen.

 

Als ich wieder zu mir kam war alles vorbei. Der Aufzug war abgesperrt und die Leichen wurden weggetragen. Iloka sagte nichts darüber. Aber es stand in ihrem Gesicht. Und dann bat sie mich, keinen Termin mehr bei ihr zu nehmen. Ich weiß bis heute nicht, warum. Ich habe doch verhindert, dass sie hinein geht und auch stirbt. So brach meine älteste Freundin den Kontakt zu mir ab. Und ich ließ sie einfach gewähren und wankte nach Hause. Ich brauchte einige Monate, um mich wieder richtig vom Geschehen zu erholen. Dabei konzentrierte ich mich häufig auf den Geburtstag meiner kleinen Keith, der nun bald bevor stand. Es war nur noch ein halber Monat. Die Zeit, in der man anfing, einen Kindergeburtstag zu planen. Hätte ich selbst meinen Geburtstag gefeuert hätte ich natürlich schon viel früher mit der Planung begonnen. Aber mein Geburtstag war bereits vorbei und von diesem unglücklichen Geschehnissen überschattet. Auch daher konzentrierte ich mich auf meine Tochter. Ich hatte da Unglück überlebt. Ich war hier. Ich konnte für meine Tochter sorgen. Also würde ich es auch tun. Und dann geschah das Unbeschreibliche! Das Schrecklichste, was einer Mutter passieren kann: Meine Tochter verschwand. Als sie am Abend nicht auftauchte ging ich zur Polizei, aber sie meinten, dass sie nichts machen könnten, bevor das Kind nicht 24 Stunden verschwunden wäre. „Ich versichere Ihnen, sie würde niemals wortlos verschwinden! Ihr muss irgendetwas passiert sein!“ „Madam“, erwiderte der Polizist. „Es ist immer gut möglich, dass die Kinder einfach nur ausgerissen sind oder es ein Missverständnis gewesen ist. Sie ist sicher bald wieder da. Ansonsten melden Sie sich noch mal bei uns. Aber vor Vierundzwanzig Stunden können wir, wie bereits gesagt, bedauerlicherweise nichts machen.“ „So ist sie nicht! Ihr ist sicher etwas zugestoßen! Glauben sie mir! Ich bin ihre Mutter, ich weiß das!“ Doch er glaubte mir nicht. Stattdessen sagte er, dass es eventuell irgendwelche Hinweise geben könnte, wo sie sein könnte. Vielleicht habe sie ja doch irgendwo einen Zettel hinterlassen. Aber das hätte meine Keith niemals gemacht. Sie wäre nicht einfach verschwunden ohne einen Zettel deutlich sichtbar hinzulegen. Ihr musste etwas passiert sein! Ganz sicher. Ich schlich wieder zurück nach Hause. Ich beschloss mich, zu warten und zu schauen, ob es nicht vielleicht doch einen Zettel gab. Es gab keinen. Ich zitterte am ganzen Körper. Es fing an zu regnen. Ein wahres Gewitter. Und spätestens ab da hatte ich wirklich riesige Angst um meine Tochter. Was, wenn ihr etwas passiert ist und sie nun allein und Hilflos irgendwo in diesem Gewitter liegt. Ich versuchte mich irgendwie abzulenken, aber es gelang mir nicht. Es blitzte wieder. Ich begann zu weinen. Ich hatte nicht mein Leben bewahrt, um sie zu verlieren. Ich atmete tief durch. Vielleicht war auch gar nichts passiert! Ich schaute auf die Uhr. Noch sechs Stunden.

 

Ich schaffte es diese Nacht nicht, zu schlafen. Ich hatte kein Auge zu getan. Und sobald die sechs Stunden um waren, ging ich so schnell wie möglich zum Präsidium. Die 24 Stunden waren um. Jetzt mussten sie nach meiner Tochter suchen. Nach meiner Keith! Doch dieses Mal drückten sie ihr Bedauern aus. „Diese Nacht“, meinte der Polizist. „Ist es zu heftigen Regenfällen gekommen. Die Erde ist aufgelöst und alle Spuren verwischt. Selbst, wenn wir Hunde und Hubschrauber einsetzen, würde dies die Suche sehr erschweren.“ „Erschweren?“, fragte ich. Der Polizist nickte. „Dann fangen sie gefälligst sofort an, sie zu suchen!“, brüllte ich. Ich rannte wieder nach Hause. Und auf dem Weg dort hin traf ich sie …


22.6.08 15:59
 


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